Journal Samstag, 26. November 2016 – Engelesspiel und Thanksgiving

Sonntag, 27. November 2016 um 7:50

Nachts schon wieder Migräne – was war ich froh, dass ich das Triptan nachgekauft hatte.

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Wieder meine Schwimmpläne fürs Dantebad abgeblasen, statt dessen übers Schwimmen draußen gelesen: Journelle hat das wunderbare Swimming Studies von Leanne Shapton gelesen und ist ihr nachgeschwommen: im Hampstead Heath Ladies’ Pond. Anfang November.
“Winterlicher Frauenteich”.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton.

Kleine Einkaufsrunde, vor allem Reisedinge: Ich fahre am Sonntag ein paar Tage auf Geschäftsreise.

Am späten Nachmittag setzte ich mich mit Herrn Kaltmamsell in einen Zug nach Augsburg: Wir waren bei alten Freunden von ihm zum Thanksgiving-Dinner eingeladen.

Als wir am Augsburger Rathausplatz vorbeikamen, wurde gerade auf dem Rathausbalkon das Engelesspiel aufgeführt.

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Ich musste kurz stehenbleiben und mich in Studienzeitenerinnerungen tragen lassen: Ich hatte direkt hinterm Rathaus gewohnt und die Musik des Engelesspiels bis in meine Wohnung gehört. Das ist fei schon schön.

Ein Abend mit viel gutem Essen, Gesprächen über Essen, Politik, USA, anstehende Bundestagswahlen, Gespenster in Landhäusern hinter Rom.

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“‘Manche Männer wollen einfach Urlaub vom Menschsein machen.'”

Undine de Rivière ist Prostituierte, wobei sie sich selber lieber Bizarrlady nennt. Ein Gespräch über SM-Sex mit Gummihühnern, das Klischee der Zwangsprostitution und menschliche Bedürfnisse außerhalb von schlichtem Rein und Raus.

Großartige Fragen, z.B. “Kannst du besser Sex als ich?”
Interessante Hintergründe und Zahlen zur tatsächlichen Verbreitung von Zwangsprostitution und Aussagen wie:

Die Dinge, die ich hier mache müssen nicht meine persönliche Erfüllung sein. Es reicht, wenn sie ok für mich sind.

via @kathrinpassig

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Für die Adventszeit ein kleines Kitsch-Antidot:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/X2WH8mHJnhM

(via Frank von Cléo)

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 25. November 2016 – Prä-Advent

Samstag, 26. November 2016 um 9:52

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An der Theresienwiese war’s bereits adventlich.

Nach einem crazy Arbeitstag in die Maxvorstadt gelaufen, um mein Smartphone endlich retten zu lassen. Jetzt sei es aber wirklich in Ordnung, versicherte der freundliche Schrauber und riet mir noch zur App Battery Life, um den Zustand meines Akkus im Blick zu behalten.

Daheim erst mal Wedges of Decadence gebacken für die samstägliche Thanksgiving-Einladung in Augsburg. Nach dem zweiten Schieben in den Ofen einen kräftigen Tequila Sunrise eingeschenkt, allerdings mit Mezcal, weil nur der da war, was gar nicht so gut schmeckte. Den zweiten auf Wodka-Basis, weil der wenigstens nach gar nichts schmeckt.

Her Kaltmamsell bereitete zum Nachtmahl freihändig Chinesisches, was sehr gut schmeckte (black beans!, Auberginen!, zartgemachtes Rindfleisch! Chillis!), allerdings nicht so richtig chinesisch.

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Ben Lerners Leaving the Atocha station ausgelesen – aber bloß, weil es so dünn ist, sonst hätte ich nach spätestens 100 Seiten aufgehört. Der Ich-Erzähler interessierte mich massiv gar nicht. Dass er ein Depp sein soll, ist schnell klar, doch er ist halt eine Sorte Depp, die mich langweilt. Kindisch, narzistisch, ohne interessante Beobachtungen und Reflexionen, nicht mal den Ort Madrid genoss ich (wie kann man dem Retiro so wenig Atmosphäre abgewinnen?).
Außerdem habe ich nach July, July, The Secret History, War of the Encyclopaedists und diesem Buch erst mal für lange Zeit genug von Drogengeschichten. Sie dominieren in Leaving the Atocha station die Handlung völlig (Kauf, bei wem anders abgreifen, Konsum, Bewusstlosigkeit, Upper, Downer, Analyse der Qualität, Kotzen, Panik weil daheim vergessen, überrascht feststellen, dass es heute auch ohne geht, nächster Konsum etc. at inf.), ohne irgendetwas dazu beizutragen.
(Was übrigens ein Grund war, dass ich mich seinerzeit so freute, nicht mehr zu rauchen: Mir wurde rückblickend klar, wie stark mein Tagesablauf vom Rauchen geprägt gewesen war.)
(Allerdings bin ich jetzt endgültig an dem Punkt, meine Jugend nicht mehr für langweilig zu halten, bloß weil Drogen keine Rolle gespielt haben – ich scheine nicht wirklich etwas verpasst zu haben.)

Meine Art Drogenkonsum:

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Vielleicht probiere ich es dieses Jahr doch nochmal mit Plätzchenbacken. Auf die apokalyptische Weise von Tilman Rammstedt:
“Makronen! Meine Fresse!”

Das war kein sehr schönes Jahr. Voller Auf und Ab, nur dieses Mal halt ohne Auf. Deshalb: Backen Sie diese dringend notwendigen Adventskekse. Versuchen Sie es wenigstens.

via @Buddenbohm

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Sie erinnern sich an die Friends-Folge, in der Rachel selbst Trifle machte? Und die Seiten des Kochbuchs zusammenklebten, so dass sie zwei Rezepte vermischte und Hackfleisch einarbeitete? Die wackeren Recken von Buzzfeed haben das tatsächlich ausprobiert.
“I Tried Rachel’s Trifle From ‘Friends’ And It Was Pretty Awful”.

via @ankegroener

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Eigentlich scheint gesetzt, dass Frauen, denen wegen Krebs die Brüste entfernt werden mussten, diese rekonstruieren lassen. Doch anscheinend machen das immer mehr nicht – was ich sehr gut nachvollziehen kann. Die New York Times berichtet (mit Fotos) darüber:
“‘Going Flat’ After Breast Cancer”.

“Having something foreign in my body after a cancer diagnosis is the last thing I wanted,” said Ms. Bowers, 45, of Bethlehem, Pa. “I just wanted to heal.”

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 24. November 2016 – Nebel

Freitag, 25. November 2016 um 6:42

Ein Nebeltag – im November völlig in Ordnung. Auch wenn so konsequenter Nebel von früh bis spät schon betrübend ist.

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Göttin im Nebel.

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Auf der Theresienwiese fing ich aber auch dieses extra Pokémon, das es anlässlich Thanksgiving gab: Es sieht vor dem Fangen wie ein anderes Pokémon aus (dieses war ein Taubsi) und verwandelt sich erst danach. Träte ich in Arenen an, übernähme es die Kampfeigenschaften des Gegners.

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Sie dachten, es gebe nur vier Reiter der Apokalypse? Ich zählte gestern Nachmittag den etwa sechsten.

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Abends zum Haareschneiden. Diesmal hatte ich den Termin früh genug angesetzt, dass er noch nicht verzweifelt dringend war. Jetzt laufe ich wieder militärisch kurz geschnitten herum.

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Bloomberg schreibt über eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und des Sozio-oekonomische Panels (SOEP) am DIW Berlin.

“For Refugees, No German Doesn’t Mean No Chance
A new survey finds patchy educational attainment but a basic identification with German values”

A complicating factor for many, according to the report, is that trade skills were often learned on-the-job rather than with formal qualifications. That leaves them locked out of German trades where formal certificates are often still a must.

(…)

The survey found that not only do most new arrivals say they believe that government should be democratic, they also support gender equality and largely reject the role of religious leaders in setting society’s rules.

According to the study, this suggests that there was a “strong selection’’ at the start of the migration process. In other words: it was mostly those who already felt an affinity toward European norms who decided to embark on the costly, perilous journey to Europe in the first place.

In der Studie selbst tauchen außerdem so interessante Aspekte wie Kosten für die Flucht und Diskriminierungserfahrungen auf.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 23. November 2016 – Was ist Leistung?

Donnerstag, 24. November 2016 um 6:59

Ein weiterer warmer Tag. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, um nach der Arbeit mein malades Smartphone nochmal zum Schrauber zu bringen. Dieser fand tatsächlich einen Fehler außer dem Akku (Ladesensor), das Ersatzteil bekommt er aber erst Donnerstag. Ich werde also am Freitag nochmal zu ihm müssen.

§

Der Freitag schreibt über die Folgen für die Gesellschaft, wenn der Glauben vorherrscht, dass man mit Leistung zum Erfolg kommt:
“So ein Dusel”.

via @bebal

Er dreht sich genau um die Frage, an der ich seit Jahrzehnten knabbere: Welcher Erfolg ist mein eigener Verdienst? Was basiert auf Angeborenem? Was auf Zufall? (Dass Erfolg selbst schon Definitionssache ist, lassen wir mal beiseite.) Ich bin mit Hirn, Interesse und Energie auf die Welt gekommen, wurde von klein auf gefördert und angetrieben, hatte nie den Eindruck, große Hindernisse überwinden zu müssen. Viel weist darauf hin, dass ich bei allem, was äußerlich nach Erfolg aussieht, einfach Glück hatte.

Was ist eigentlich Leistung? Eine Leistung, auf die man stolz sein kann?
Ich tendiere dazu, nur als meine eigene Leistung zu empfinden, wenn es Mühe ohne Spaß gekostet hat. Aber weil ich dann im Nachhinein vor allem Leid damit assoziiere, freue ich mich über das Ergebnis nicht – und bin nicht stolz darauf.
Beispiele:
Mein Einser-Magister? Hat Spaß gemacht, war also keine Leistung. Klar gab es Phasen, die mich sehr viel Mühe und Anstrengung kosteten, doch sie erfüllten mich nicht mit Wut und Zorn.
Hirn und Energie wurden mir angeboren, auch der Spaß, etwas damit zu machen. Dazu hatte ich Eltern, für die Bildung einen hohen Stellenwert hatte. Fühlt sich nicht wie Leistung an.
Berufliche Leistungen? Da gibt es einiges, was objektiv als Erfolg gezählt wird, aber nur durch so viel Selbstüberwindung möglich war, von glühendem Hass begleitet, dass ich mich nur sehr ungern daran erinnere. Will ich nicht als Leistung zählen, war eine sehr verdrehte Art von Pflichterfüllung.

Komischerweise empfinde ich das Gefühl von Stolz am ehesten auf Freundinnen, Freunde, Angehörige, die großartig sind und Großartiges tun und erreichen. Wofür ich nun wirklich am allerwenigsten kann. Ich empfinde Stolz darauf, dass ein so wundervoller Mensch sich mir freundschaftlich zuwendet.

Aber zurück zum oben verlinkten Artikel:

Ein genauer Blick auf die Utopie einer reinen Leistungsgesellschaft lohnt, weil diese Argumentation unsere Gesellschaft prägt: Nicht die Einkommensunterschiede an sich seien das Problem, heißt es gern. Entscheidend sei allein, dass jeder eine faire Gelegenheit bekomme, sich eine privilegierte Position zu erarbeiten. Aber dieser Gegensatz führt in die Irre, weil Chancen und Ergebnisse nicht so einfach zu entfädeln sind: Wann ist Reichtum verdient, wann unfairer Wettbewerbsvorteil? Wo fängt Leistung an, wo hören Chancen auf? Und welche Zufälligkeiten müssen beseitigt sein, damit man wirklich überall von gerechten Startbedingungen sprechen kann? Der Beruf der Eltern ist vielleicht ein Zufall, der auf die Laufbahn eines Kindes keinen Einfluss haben sollte. Aber was ist mit angeborener Begabung, einer robusten Persönlichkeit, einem Geburtsdatum im Januar? Zufällig ist es genau so.

Vor der Meritokratie, schreibt Young1, stellte man sich die sozialen Klassen heterogen vor. Es war selbstverständlich, dass es Kluge und Tüchtige in den unteren Schichten gab, genauso wie Dumme und Faule in den oberen. In gewisser Weise wirkte das wie ein Kitt: Niemand konnte mit Inbrunst behaupten, er habe sich seinen Posten als großer Boss verdient – weil man es schlicht nicht mit Sicherheit wissen konnte. Die Gesellschaft wirkte zwar unfair, willkürlich und ineffizient, aber solange es kein klares Selektionskriterium gab, konnte man sich immerhin der Illusion hingeben, im Grunde seien die Menschen doch alle gleich.

Funktioniert die Bestenauswahl erst einmal, braucht sich die Elite dagegen nicht mehr mit Selbstzweifeln zu plagen. In der Meritokratie muss sich niemand rechtfertigen für seinen Reichtum. Aber die untere Schicht verliert ihre Selbstachtung. Im meritokratischen Denken sei sie nun nicht mehr aus Zufall oder Diskriminierung benachteiligt, heißt es bei Young, sondern weil sie nachweislich minderwertig sei. Wo der Erfolg allein auf Leistung beruhen soll, ist jeder Misserfolg ein persönliches Versagen. Die Meritokratie ist erbarmungslos.

§

Eine praktische Anleitung:
“Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen über postfaktische Kommunikation gelernt habe”.

Hier meine Zusammenfassung; sollte durch die Verkürzung etwas in Schieflage geraten sein, liegt die Schuld bei mir und nicht bei der Autorin.

Für das Zurückholen dieser Menschen in ein rationaleres Jetzt dürfte für viele AfD-Wähler_innen das gelten, was auch für Impfverweigerer gilt: Es ist aufwendig und lang.

(…)

Man muss die Risiken eines bestimmten Verhaltens möglichst plastisch erfahrbar oder kommunizierbar machen.

(…)

Auch von wissenschaftlicher Seite wird postuliert, dass bei festgefügten Verschwörungstheorien das Ersetzen einer Verschwörungstheorie durch eine andere sinnvoller ist als der Versuch, faktenbasiert vom Gegenteil zu überzeugen.

(…)

Ich habe nur dann eine Chance durchzudringen, wenn ich es schaffe, dass das Gegenüber in mir selbst keinen Wutausbruch auslösen kann.

(…)

Es ist wichtig, das Verfestigen von irrationalen Gedankengebäuden zu verhindern, bevor sie zu festgefügt sind um noch zur einzelnen Person vorzudringen.

(…)

In emotional aufgeladenen Situationen müssen wir Menschen besonders gut vor dem Zugriff kontrafaktischer Argumente schützen.

(…)

Das reine Widerlegen von Un-Fakten hilft überhaupt nicht.

(…)

Wir müssen Suchmaschinen wie google stärker in die Pflicht nehmen, wir müssen aber auch rationale Informationen besser und verständlicher und breiter verfügbar machen.

(…)

Diskutiere nicht mit Opas (und Omas).

(…)

Kompromisslos unbestechlich, rigoros Skandale in unseren Reihen aufklären, sehr hohe Transparenz gewährleisten.

(…)

Wir müssen denen, die mit dem Kontrafaktischen ihr Geld verdienen, diesen Geldhahn so gut wie möglich zudrehen.

via @wortschnittchen

  1. Der britische Soziologe Michael Young prägte in den 1950ern den Begriff “Meritokratie”. []
die Kaltmamsell

Journal Montag/Dienstag, 21./22. November 2016 – Novemberwärme

Mittwoch, 23. November 2016 um 6:44

Oh doch, ich bin des Journalbloggens oft müde.
Doch dann freue ich mich wieder, dass ich bei mir selbst nachschlagen kann, welches Buch ich wann gelesen habe, wann ich diese Wanderung schon mal gemacht habe und wie weit der Frühling damals war, welches Rezept ich beim jüngsten Gulasch verwendet habe, wie das Wetter 2013 in München im Dezember war – und reiße mich wieder zusammen, um meinem späteren Ich diesen Gefallen zu tun.
Und wenn ich’s eh aufschreibe, kann ich’s ja auch gleich bloggen.

Montag war es schon morgens warm und wurde im Lauf des Tages immer wärmer. Als ich früh Feierabend machte, liefen einige Leute draußen ohne Jacke herum.
Ich nahm die U-Bahn in die Maxvorstadt, um dem Smartphoneschrauber das unveränderte Akkuproblem vorzulegen. Er diagnostizierte kaputten Neu-Akku (anscheinend ist der Ausschuss bei den Lieferungen ausgesprochen groß), Mittwoch hat er Zeit für einen weiteren Tausch.

In balsamartiger Abendluft spazierte ich nach Hause. Zum Abendbrot ging ich mit Herrn Kaltmamsell Burgeressen. Hamburger sind mir weiterhin eher egal, doch in der Kette Hans im Glück hatte ich letzthin Süßkartoffel-Pommes entdeckt und war ihnen umgehend verfallen. Zudem hatte das Fleischpflanzerl energisch nach Rind geschmeckt, das gefiel mir. Und dann liegt die nächste solche Burgerei so nah an unserem Zuhause, dass wir schon zur Tagesschau wieder zurück waren.

§

Leider wache ich dieser Tage fast immer tief betrübt auf. Zum Glück legt sich das in den ersten wachen Stunden.

Dienstagmorgen radelte ich in anhaltender Wärme zum Langhanteltraining, das ich genoss.
Mittags radelte ich zu meiner Hausärztin, um ein Rezept für mein Migränemittel zu holen: Die letzte Dosis hatte ich in der Nacht zum Samstag aufgebraucht, und ohne einen Vorrat werde ich schnell unruhig. In der Apotheke, in die ich das Rezept gleich trug, bekam ich das Medikament ohne Bestellen – das bin ich nicht gewohnt. Als ich das der Apothekerin sagte, erklärte sie mir: “Oh, wir haben einige Kunden, die das brauchen.” Merke ich mir, ist von der Arbeit aus gut zu erreichen.

Stimmungsaufheller derzeit: Niedliche Tiere auf Twitter (kann es eh nie genug geben), schöne Menschen in interessanter Kleidung auf Go Fug Yourself. Wobei mir letzteres durch das neue Design der Website ein wenig vermiest wird – ich möchte beim Lesen der Text bitte das ganze Foto sehen, auch in den Slide Shows, nicht das Foto durch Text verdeckt haben. Nebenwirkung: Ich fürchte mich vor all den scheußlichen durchsichtigen Abendkleidern, die uns in der kommenden award season bevorstehen.

§

Autoren und Autorinnen müssen ihre Werke nicht erklären können, genauso wenig wie bildende Künstlerinnen oder Musiker. Aber es macht mir schon Spaß, wenn jemand so gut weiß, was er tut, dass seine Erklärung eine weitere Lesedimension eröffnet. Wie zum Beispiel Wolf Haas beim Schreiben seines Brenner:
“‘Bücher mit Witz sind mir einfach lieber als andere'”.

Ich mochte auch sehr, was er über das Genre Krimi sagt:

Ich fürchte mich eher vor der literarischen Adelung des Krimis. Ich schätze nämlich die Freiheit des wenig Geachteten. Man kann sich mehr erlauben in den unliterarischen Bereichen. Man ist nicht von vornherein dem Kontrollsystem unterworfen. Wobei: Wenns gut wird, ists auch in Ordnung.

via Buddenbohm&Söhne

§

Ein schönes Portrait einer transgender Offizierin bei den britischen Streitkräften:
“Hannah Winterbourne, Britain’s highest ranking transgender soldier”.

via @kscheib

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 20. November 2016 – Vielfalt in Redaktionen

Montag, 21. November 2016 um 6:41

Munter aufgewacht, beim Bloggen den langsam aufziehenden Muskelkater vom ungewohnten Trainingsprogramm gespürt. Dass diese konkreten walk down push-ups Folgen haben würden, hatte ich schon während der Übung geahnt, und siehe da: Muskelkater in den Achseln!

Das Wetter hatte umgeschlagen und war sonnig mit wenigen Wolken, ich spazierte zum Sportstudio am Ostbahnhof für eine Runde Crosstrainer-Strampeln und Stepaerobics (die neue Vorturnerin folgt den Studiovorgaben genau und macht nach 40 Minuten Hüpfen 20 Minuten Gymnastik). Zurückspaziergang in milder Sonne, unterwegs besorgte ich Semmeln zum Frühstück.

Nachmittags Zeitunglesen, frische und alte, laut aufgelacht beim Bericht eines Vaters, der mit seinem Zwölfjährigen Computerspiele spielt:
“Wir zwei gegen den Rest der Welt”.

Eine der Hauptaufgaben von Eltern mit Kindern ab dem Grundschulalter ist heute, diese Kinder auf dem Weg in die digitale Welt zu begleiten, also: ihnen auf diesem Weg so gut es geht hinterherzuhecheln. Diese Aufgabe fällt in meiner Familie mir zu, weshalb ich mir von der achtjährigen Tochter oft »Do it your- self Inspiration«-Videos auf Youtube zeigen lasse, so oft, dass ich mitunter meine eigenen Alltagshandlungen innerlich mit Sätzen untermale wie: »Ich zeige euch heute mal, wie man ein müdes Mittvierziger-Gesicht rasiert, das ist supereinfach.«

Ein wenig zu Musik gebügelt. Während ich anschließend Internet las, ließ ich die Musik weiterlaufen und stellte wieder einmal fest, dass ich sie beim Lesen nicht höre. Ein Grund, warum bei mir so selten Musik läuft.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Sauerkraut mit Geselchtem und Kartoffelbrei, genau das Richtige für den früh dunklen Abend.

§

Nicht zum ersten Mal, hier aus den USA: Warum die traditionellen Medien von gemischteren Redaktionen profitieren würden.
“Let the Interlopers In”.

Als ich 1986 mein Volontariat in einer Provinzzeitung antrat, hatte geschätzt die Mehrheit der Redakteurinnen und Redakteure keinen Hochschulabschluss. Das Zeitungsvolontariat wurde als Ausbildung angesehen, als Lehrberuf alternativ zum Studium. Einige Kolleginnen und Kollegen hatten auch kein Abitur – und von denen lernte ich durchaus am meisten (winkt Richtung Anne und Herrn Schmideder). Bis heute bin ich überzeugt, dass viel am Journalismus pures Handwerk ist, das man lernen kann.

Diese Journalistinnen und Journalisten ohne Hochschulabschluss brachten mir durchaus auch bei, an die Leserinnen und Leser zu denken, vor allem im Lokalen (Nähe, Bezug zur Lebenswirklichkeit etc.). Aber sie waren in Auswahl und Tiefe der Themen in erster Linie davon geleitet, was die Leute unbedingt wissen sollten, was in die Öffentlichkeit gehörte: “Des is doch a Sauerei, des muaß ma doch schreibm!” Doch sie waren nicht hauptsächlich davon geleitet, was die Leute am liebsten lesen würden. War das schon die Arroganz der Gatekeeper, die die jetzigen Zustände (einerseits sinkendes Vertrauen in die offiziellen Medien, andererseits rücksichtslose Effekthascherei vieler Medien) erst ermöglichte?

Doch ich erlebte auch das Ende dieser Ära. Schon während meiner Urlaubsvertretungen, mit denen ich bis 1995 mein Studium finanzierte, gab es mit wenigen Ausnahmen (Beziehungen halt) nur noch Hochschulabsolventinnen und -absolventen im Volontariat. Hier, vor allem aber im erstarkenden Privatradio und -fernsehen hörte ich von der Akademia in den Redaktionen immer häufiger das Kriterium “Das verkauft sich besser” für Themenauswahl und -tiefe. Insgesamt stieg der durchschnittliche Bildungshintergrund in den Redaktionen im selben Maß, wie das Niveau in der dortigen Berichterstattung sank. Kann es sein, dass die Vielfalt in den Redaktionen deutschsprachiger Medien in den vergangenen Jahrzehnten sogar eher gesunken ist?

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 19. November 2016 – Fernsehüberraschung

Sonntag, 20. November 2016 um 8:27

In der Nacht hatte mich die Migräne geholt, niedergerungen von einer Dosis Triptan. Nach dem Ausschlafen saßen ihre Nachwehen im Hirn und zermatschten es.

Meine Schwimmpläne für den Samstag hatte ich bereits am Freitag begraben, als fast eine Woche zu früh die Regelblutung einsetzte. Schon meine Mutter musste an den ersten Menstruationstagen beim winterlichen Familienschwimmen am Sonntagvormittag passen, nostalgisiere ich das also zum Familienerbe. (Ich schreibe diese Frauendinge übrigens nicht aus übergroßem Mitteilungsbedürfnis auf, sondern um ein wenig transparent zu machen, welche Einschränkungen die Menstruation so mit sich bringen kann. Von wegen: “Aber dafür müssen Männer sich rasieren.”)

Gleichzeitig war das Wetter so ausnehmend greislich (dunkel, windig, durchgehender Regen), dass ich das Haus nicht zum Laufen verlassen wollte. Ich machte also den ganzen Tag keinen einzigen Schritt vor die Tür – für mich eine ausgesprochen seltene Ausnahme. Meinen Bewegungsdrang lebte ich auf dem Crosstrainer und mit einem halben Stündchen Krafttraining vor dem Fernseher aus. Machte beides Spaß.

Nach dem späten Frühstück legte ich mich zur Siesta wieder hin und schlief fast zwei Stunden tief.

Perfect malt loaf gebacken, der laut Rezept erst mal drei Tage durchziehen soll. Beim Backen daran gedacht, wie ich während meines Auslandsjahrs in Wales meine englischen Freundinnen beim Kuchenbacken gefragt hatte, wie denn “Teig” auf Englisch heiße. Und erst nach langem Hin und her lernte: Kommt drauf an. Hefeteig ist dough, sonstiger Knetteig pastry, Rührteig cake mixture (süß) oder batter (kann süß und salzig sein). Allerdings gelten nur pastry und batter auch nach dem Backen noch. Hihi.

Zum Abendessen bereitete ich Scheiterhaufen aus Ernteanteiläpfeln und servierte mit Vanillesoße. War gut, aber das Apfelaroma ließ mich bei jedem Bissen apple crumble erwarten – den ich dann doch lieber mag.

Nach der Tagesschau stieß ich im Fernsehen auf 3sat auf einen aktuellen österreichischen Fernsehfilm und blieb hängen:
Wenn Du wüsstest, wie schön es hier ist.

Da schau her, ein Fernsehfilm, der mir das Vertrauen in deutschsprachige Fernsehfilme zurückgibt. Das Drehbuch von Stefan Hafner und Thomas Weingartner ist großartig, Gerhard Liebmann in der Hauptrolle herzerreißend gut. Er spielt den Polizisten und Postenkommandanten Hannes Muck im österreichischen Hüttenberg: “Leichen kennt er bisher nur aus dem Fernsehen und seiner Zeit als junger Verkehrspolizist” heißt es in der offiziellen Inhaltsangabe, und genau deshalb wollte ich den Film sehen. Das klang nämlich schon mal ganz anders als die herkömmlichen Krimibeschreibungen, die im deutschsprachigen Fernsehen immer auf Serien angelegt scheinen. In diesem Hüttenberg wird ein junges Mädchen aus der Gemeinde tot aufgefunden, und Muck ist völlig erschüttert und überfordert. Zunächst versucht er die Ermittlungen seinem Bild der Heimatgemeinde anzupassen, doch bald hindert ihn ein externer Chefinspektor daran.

Herr Kaltmamsell war sehr an Twin Peaks erinnert (habe ich bis heute nicht gesehen, fiel in meine Fernseher-lose Zeit), und das Drehbuch schafft es selbst vor diesem seltsamen Bergarbeiter-, Wald- und Heimathintergrund Klamauk zu vermeiden – obwohl rücksichtslos und realistisch Dialekt gesprochen wird, selbst für mich Süddeutsche bis knapp an die Unverständlichkeit. Die Handlung bleibt fast durchgehend bei Muck, und wir sehen dabei zu, wie sein Bild der Dorfgemeinschaft, das ihm Halt gegeben hat, Stück für Stück bröckelt. Dabei ist diese Handlung nicht mal originell, sondern enthält oft verwendete Versatzstücke: Dorfpolizist wird vom Kollegen aus der Stadt herumgescheucht, Dorfgemeinschaft mauert, unerwartete Liebesaffären, Polizist wird vom Dienst suspendiert und ermittelt auf eigene Faust weiter. Doch es kommt halt immer darauf an, wie sie erzählt werden. Selbst Details, die ich zunächst ein wenig angestrengt fand (Vater des Polizisten ist Kampfbuddhist, Polizist hört im Auto immer Heimatchormusik), stellen sich als funktional heraus.

§

“Harte Arbeit, wenig Geld
‘Meine Mitarbeiter, meine Vollidioten'”

Murat Can ist der Boss von achtzig Sicherheitsleuten und Türstehern. Früher war er selbst einer. Heute verleiht er die Männer. Die Kunst aber ist, sie zum Arbeiten zu bringen – irgendwie. Ein Tag im tiefsten Niedriglohnsektor.

§

“George Takei: They interned my family. Don’t let them do it to Muslims”.

There is dangerous talk these days by those who have the ear of some at the highest levels of government. Earlier this week, Carl Higbie, an outspoken Trump surrogate and co-chair of Great America PAC, gave an interview with Megyn Kelly of Fox News. They were discussing the notion of a national Muslim registry, a controversial part of the Trump administration’s national security plans, when Higbie dropped a bombshell: “We did it during World War II with Japanese, which, you know, call it what you will,” he said. Was he really citing the Japanese American internment, Kelly wanted to know, as grounds for treating Muslims the same way today? Higbie responded that he wasn’t saying we should return to putting people in camps. But then he added, “There is precedent for it.”

§

“Anglo-German relations are defined by mutual incomprehension”.

The German establishment simply does not understand Britain’s island mentality, and the complex, post-imperial blend of arrogance and insecurity that defines its stance towards the outside world (which I discuss in my latest column, on the transatlantic relationship). Britons, meanwhile, struggle with Germany’s equally distinctive sense of belonging and duty as the linchpin of the European order. The gap is even borne out in the architectures of the two polities. Westminster is a festival of Victoriana, a neo-Gothic reminder of Britain’s past hegemony and Blitz-era defiance. Berlin’s government quarter around the Reichstag has mostly risen in the past twenty years; all buildings rebuilt from, or built on, the ruins of extremism. Its very streets are studded with Stolpersteine, or brass cobblestones marking the victims of Nazism at the addresses where they once lived.

die Kaltmamsell