Journal Freitag/Samstag, 15./16. Mai 2015 – Bleierne Beine

Sonntag, 17. Mai 2015 um 8:29

Der Freitag war so ereignisarm, dass mir nicht mal etwas für einen Journaleintrag einfiel.

Doraden kann ich jetzt, was mich sehr freut.

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Abends sah ich mir die BBC-Verfilmung von Lisa Lynchs The C-Word im Internet an – meine Güte, es sind schon über zwei Jahre seit Lisas Tod vergangen. Ich war gerührt, trotz der starken Verkürzung (wie soll man auch ein paar Jahre Blog in 90 Minuten Film packen?). Interessant fand ich den Versuch, die menschlichen Auswirkungen des Bloggens und Twitterns nachvollziehbar zu machen – offensichtlich gerichtet an Zuschauerinnen, die keinen Bezug dazu haben.

Ich bin Lisa immer noch dankbar dafür, dass sie die Folgen ihrer Brustkrebserkrankung so nachvollziehbar und nahegehend mitgeschrieben hat. Leider hat es in meiner Umgebung seither einige Frauen erwischt, zumindest hatte ich ein wenig Ahnung, was gerade mit ihnen passiert.

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Am Samstagmorgen verabschiedete ich Herrn Kaltmamsell, der zur Firmung von Neffe 2 fuhr. Ihm macht die Wahrnehmung solcher Familienpflichten nichts aus, während ich von meinem Bruder vor zwei Jahren Dispens erhielt, nachdem ich auf der Firmfeier von Neffe 1 ein wenig zu vernehmbar darüber nachgedacht hatte, ob es neben Patrizid und Matrizid eigentlich auch Nepozid gebe, weil Neffe 2 mich bis kurz vor Explosion nervte. Seither brauche ich nicht mehr zu kommen (genauer: mein Bruder bat um meine künftige Abwesenheit, sollte ich mich nicht erwachsen benehmen können).

Gestern kaufte ich statt dessen auf dem Viktualienmarkt und in diversen Supermärkten Nahrungsmittel, drehte eine sonnige Laufrunde an der Isar (ausgesprochen beschwerlich, meine Beine waren Blei-gefüllt, zudem ging es auf den Wegen zu wie auf dem Oktoberfest), holte mir nach dem Duschen ein Fladenbrot in der Bäckerei Sultan, von dem ich ein sehr großes Stück gefüllt mit Tomatenscheiben, Basilikumblättern und Olivenöl frühstückte.

Als die Sonne es ein wenig auf den Balkon schaffte, las ich dort Zeitung – die Freitags- und Samstagsausgaben waren wie gewohnt eingetroffen.

Während ich noch den zweiten Teil des Sommerkleidungsbügelbergs abtrug, kam Herr Kaltmamsell von der Familienfeier zurück und hatte mittelbizarre Geschichten vom firmenden Bischof zu erzählen, der sich als “berühmter singender Bischof aus Indien” vorgestellt habe und mit seinen erklärten 82 Jahren am Ende die Gitarre zu einem Liedlein gezückt.

Ich wiederum bereitete abends nach einem Rezept von Brotdoc meine ersten Croissants seit Teenagerjahren zu, sah mir vor dem Formen einige Male das von Brotdoc verlinkte Video an und will jetzt möglicherweise auch so ein dünnes, langes Nudelholz.

So schob ich die Rohlinge abends in den Kühlschrank:

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Erwähnte ich, dass in den neuen Kühlschrank ganze Bleche passen?
Mehr als zweimal?

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Apropos Teig: Vor anderthalb Jahren hatte ich mich nach einer Alternative zu unserer Küchenmaschine Kenwood umgesehen, unter anderem von Ihnen interessante Hinweise bekommen. Doch kaum eine hatte halt Erfahrungen mit mehr als der eigenen Maschine. Lutz Geißler vom Plötzblog hat nun mit dem NZZ-Journalisten Joachim Schirrmacher in einem Brotbackkurs sechs gängige Maschinen im Vergleich getestet – mit sehr interessanten Ergebnissen:
“Von Klebern, Krume und Knetern – Sechs Knetmaschinen im Praxistest”.

Ausführlicher bei Joachim Schirrmacher, hier wird auch das Kneten mit einem Krups-Handrührgerät beschrieben.

Das heftige Wandern der Kenwood-Maschine scheint ein Spezialproblem des Modells zu sein, mit dem ich arbeite (Major Titanium), beim getesteten Cooking Chef wird nichts dergleichen erwähnt.

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Konstantin Klein mit einem sehr interessanten Detail zur re:publica-Location Station:
“re:publica: Unter der Hochbahn”.

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Als Hete haben Sie sich das ja schon immer gefragt: Wie, um Himmels Willen, haben Lesben Sex?!
Bitte schön: Hier in Einzelschritten mit animierten Illustrationen.
“This Is How Lesbians Have Sex”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 14. Mai 2015 – Christi Himmelfahrt

Freitag, 15. Mai 2015 um 6:31

Der Hinterhof sah durch eine große Menge Kastanienblüten aus, als sei ein Karnevalszug durchgekommen – in der Nacht hatte es gestürmt.

Vormittags lief ich unter Wolken mit ein paar Sonnenstrahlen die Isar am nördlichen Englischen Garten entlang, brachte Semmeln zum Frühstück mit.

Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf bügelte ich den Sommerkleidungsberg auf die Hälfte nieder, hörte Literaturpodcast. Freut mich, dass Leif Rands Coby County auch hier so gut gefallen hat.

Herr Kaltmamsell bereitete zum Abendessen einen Lammbraten zu – zum Glück mit Bratenthermometer, denn bis zum Ablauf der Kochbuchgarzeit wäre das Fleisch trocken gewesen. So aßen wir halt eine Stunde früher als geplant.

Im Bett The shoot horses, don’t they ausgelesen. Erhellendes Schlaglicht auf die Zeit der Depression und auf Depressionen, kann ich mir als Theaterstück gut vorstellen.

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Der bislang schönste Artikel über die re:publica:
“Ein einmaliger Ort #rp”.

Taugt vermutlich nicht, um einer Außenstehenden diese Veranstaltung oder gar das Internet zu erklären. Aber ich unterschreibe jeden Satz.

Ergänzen würde ich, dass es sich weiterhin um die am professionellsten organisierte Veranstaltung handelt, die ich je erlebt habe. Was ich darauf zurückführe, dass sie nicht in erster Linie Gewinn abwerfen muss und deshalb tatsächlich auf die Bedürfnisse der Zielgruppe eingegangen wird. Nachdem über die Jahre die Zahl der behinderten Teilnehmer und Teilnehmerinnen immer größer wurde (weil man den ersten, die noch mit einigen Schwierigkeiten kämpften, zugehört hatte), sieht man jetzt immer mehr Eltern und Kinder; ein Platz mitten im Affenfelsen wurde kleinkinderfreundlich als Spielplatz bereitgestellt. Und weil auch weiterhin zugehört wird, nehme ich an, dass es demnächst Kinderbetreuung auf der re:publica gibt.

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Stattkatze, die das Bloggen mit erfunden hat, überlegt, wo sie mit Blog und Leben steht:
“Ich will nichts verkaufen müssen. Ich verschenke schon genug.”

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Auch TexasJim schaut auf seinen Lebenskompass:
“das werfe ich mir ja selbst vor, daß ich an allem Spaß haben kann und doch nie weiß, was mir Spaß macht”

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Es gibt jetzt auf dem deutschsprachigen Markt eine Fotozeitschrift für Frauen, Camerawoman. Ob es die braucht, ist diskutabel – aber das ist bei vielen neuen Formaten so. Doch in genau dieser Form sieht Camerawoman eher nach einem Coup des Postillon aus:
“Zeitschrift ‘Camerawoman’Fotos von Street Art und interessanten Leuten”

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. Mai 2015 – Ferienunterkünfte

Donnerstag, 14. Mai 2015 um 7:56

Keine Sportpläne, eigentlich hätte ich geradezu ausschlafen können. Doch möglicherweise brauche ich derzeit wirklich nicht mehr als sieben Stunden Schlaf; ich wachte kurz nach sechs auf, konnte also sogar noch einen Kaffee für Herrn Kaltmamsell mitkochen, der kurz vor sieben aus dem Haus musste.

Wieder keine Zeitung, dafür ein Brieflein des SZ-Leserservice im Mail-Postfach mit Entschuldigung und Bedauern:
“Selbstverständlich haben wir den zuständigen Boten bereits kontaktiert. Leider haben wir noch keine Rückmeldung erhalten.”
Hat niemand Zahlen zu Abokündigungen bei deutschen Tageszeitungen, die auf Lieferproblemen basieren?

Nach der Arbeit radelte ich nach Schwabing – das Wetter war deutlich besser als angekündigt – und ließ mir die Haare energisch kürzen.
Heimradeln über Umwege: Der direkte Weg über Leopoldstraße, Odeonsplatz, Residenz, Rathausplatz ist zu belebt, als dass zügiges Radeln möglich wäre.

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Eine wunderschöne kleine Geschichte aus Manhattan:
“3. Mai. Meine Tochter möchte die Figur Elsa aus Frozen haben, aber dafür wird sie bezahlen müssen.”

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Ein achtköpfiges Männerteam vom Tagesspiegel hat die Miet- und Ferienwohnungssituation in Berlin von vielen Seiten beleuchtet, Ursachen, Hintergründe:
“Häuserkampf”.

Die Zahlen dazu kannte ich schon seit einiger Zeit, hatte mich deshalb für den diesjährigen Berlinaufenthalt für ein ordentliches Ferienapartment entschieden – auch wenn die airbnb-Unterkunft vergangenes Jahre tatsächlich eine Wohnung gewesen war (zugeklebte Kleiderschränke), deren Bewohnerin meine Kreuzberg-Woche in Florenz verbrachte.

Ich nutze Airbnb schlicht als zentrale Ferienwohnungsvermittlung, denn das ursprüngliche Modell der vorübergehenden Untervermietung der eigenen Wohnung war nach meiner Beobachtung schon kurz nach der Gründung untergraben. Auch in Brighton hatte es sich bei allen Airbnb-Angeboten um kommerzielle Ferienwohnungen gehandelt.

Als Alternative sehe ich Wohnungstausch; erst kürzlich berichtete mir eine Freundin in Berlin von vielen positiven Erlebnissen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. Mai 2015 – 12 von 12

Mittwoch, 13. Mai 2015 um 7:43

Gleich nach dem frühen Aufstehen auf den Balkon und die Morgenluft eines sonnigen Maientags geschnuppert, Kaninchen auf der Wiese gesehen.

Und nochmal keine Zeitung. Beim Verlassen des Hauses traf ich im Treppenhaus eine Nachbarin, die erzählte, sie habe ihr SZ-Samstagsabo deshalb gekündigt: Acht Mal sei keine Zeitung geliefert worden, selbst nach wiederholten Reklamationen auf allen Kanälen.
Habe ich das nur überlesen oder wird der Faktor Auslieferung in der Diskussion um die Zukunft der Papierzeitung vernachlässigt? Ich lese Tageszeitung immer noch am liebsten auf Papier. Mir ist klar, dass es sich um eine über Jahrzehnte eingeschliffene Kulturtechnik handelt und nichts Angeborenes, doch wenn die großen Seiten vor mir liegen, erfasse ich Themen, Überschriften, Bilder am schnellsten, springe hier in einen Vorspann, dort in einen Bildtext, setzte mich da gemütlich zurecht, um eine große Geschichte ganz zu lesen. Das vermisse ich bei allen elektronischen Formen. Aber wenn das so weitergeht, werde ich mich zum Umlernen zwingen – und es ist nicht gesetzt, dass es dann die Süddeutsche bleiben wird.

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Radeln zum Krafttraining, ich brauchte keine Jacke. Im Sportstudio war ein großer Bereich mit Folie abgesperrt: Nein, kein Streichelzoo für Diätopfer, lediglich Wasserschaden.

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Im Büropostfach fand ich die Eingangsbestätigung meiner Kündigung vom Vortag. Der Traumarbeitgeber hatte mir zwar vor Ende meiner Kündigungsfrist (sechs Wochen zum Quartalsende) noch keinen Arbeitsvertrag schicken können, da für meine Einstellung noch die Zustimmung des Betriebsrats nötig ist. Doch auf meine Bitte hatte ich eine schriftliche Bestätigung erhalten, dass man beabsichtigt, mich zum 1. Juli einzustellen. Daheim im Briefkasten fand ich diese Bestätigung nochmal im Papierform. Korkenknall und Feuerwerk gibt es erst, wenn ich den Arbeitsvertrag unterzeichnet habe, und ich versuche mich weiter zu Zweckpessimismus zu zwingen, doch eigentlich: Ich habe einen neuen Job. Und zwar nicht nur einen, mit dem ich mich arrangieren kann, den ich mir durchaus irgendwie vorstellen kann, sondern einen, den ich wirklich, wirklich will und auf den ich mich so richtig freue. Möglicherweise habe ich dann doch wieder mehr Glück, als ich verdiene.

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Die Aktion #12von12 beobachte ich seit einiger Zeit interessiert, dachte aber erst im Büro dran. Nächsten Monat beginnen die 12 dann hoffentlich nach dem Aufstehen.

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Beute des jüngsten Englandurlaubs: Hose und Schuhe.

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Das Wetter war so wunderbar, dass es des Biergartenorakels (deckt vormittags nur, wenn nachmittags Biergartenwetter) eigentlich nicht bedurfte.

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In der Mittagspause spazierte ich zum Bahnhof und aß frittiertes Fischiges. Auf dem Rückweg ins Büro Bahnaussichten.

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Ein paar schöne Dinge, mit denen sich auch ein schraddliger Büroarbeitsplatz etwas ästhetisiseren lässt.

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Kurz nach sechs an der Hackerbrücke, Feierahmd.

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Weil grad Zeit ist: Mein Beitrag zur fast völligen Ausrottung der Pocken. Gern geschehen. Nein, wirklich! (War das schon mal in einem deutschen Krimi Indiz? “Sehen Sie diese Narben? Das Mordopfer muss vor 1976 geboren sein, als Pockenimpfung noch Pflicht war.”)

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Mir war den ganzen Tag über sehr schwummrig und schwindelig gewesen. Also ließ ich Herrn Kaltmamsell mal wieder mit der Abendbrotzubereitung allein, öffnete lediglich den Wein dazu – einen Württemberger Kerner.

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Erstes Nachtmahl auf dem Balkon. Ich bestimmte hiermit Salade niçoise zum traditionellen Balkoneinweihungsessen. Grüner Salat und Kartoffeln kamen aus dem Ernteanteil unseres Kartoffelkombinats.

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Erste Male bei der Joghurtherstellung: Er war nicht fest geworden. Schmeckte aber ok, also erfand ich zum Nachtisch Erdbeerlassi.

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So endet eigentlich jede meiner heimischen Abendmahlzeiten: Mit einer Auswahl Schokoladen.

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Als Bettlektüre ein neues Buch: Horace MacCoy, The shoot horses, don’t they?, ein Klassiker aus der Zeit der amerikanischen Depression in den 1930ern.

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Giardino hat Pumpenhäuschen an der Regnitz besucht und fotografiert – sehr, sehr viele davon, eines bezaubernder als das nächste.

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Diesmal ist es die Zeit, die sich ausführlich mit der grotesken Diskriminierung Dicker und dem wisssenschaftlich nicht haltbaren Schlankheitswahn befasst:
“Lob der Fülle”.

Mir scheint, es gibt inzwischen keine Krankheit, von der nicht irgendjemand behauptet, sie werde durch zu viel Körperfett verursacht, außer vielleicht Ebola.

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Großartigerweise berichtet Katrin Scheib weiterhin für uns aus Moskau, diesmal:
“Das ultimative Ballett-in-Moskau-Besuchsprogramm”.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. Mai 2015 – erster Arbeitstag nach Urlaub

Dienstag, 12. Mai 2015 um 9:27

Morgens schon wieder keine Zeitung (war vergangene Woche bereits an mehreren Tagen so), ich begann mir Sorgen um den Zeitungsausträger zu machen (und reklamierte bei der SZ, die Zeitung ist so teuer, dass ich nicht gelieferte gutgeschrieben haben möchte).

Nach langer Pause wieder Crosstrainerstrampeln.

Wunderschöner Frühlingstag, ich arbeitete den ganzen Tag heftig – war schließlich erster Tag nach Urlaub -, aber bei offenem Fenster. Eine entscheidende E-Mail abgeschickt, Brief auf den Tisch des Chefs gelegt.

Abends zum Nachtisch Eisbecher bei der freundlichen Nachbarschaftseisdiele in der Landwehrstraße geholt – nicht das allerbeste Eis, einfach klassisch italienisch, aber von herzlichen und freundlichen Menschen, die das schon sehr lange machen; auch das möchten wir ja unterstützen.

Im Bett Wolfgang Herrndorfs In Plüschgewittern ausgelesen. Hm. Die Ich-Figur wird sehr erlebbar, aber ist halt ein unangenehmer Kotzbrocken. Ich bin gerne bereit, alle sprachlichen Manierismen und Meinungsarroganz des Romans diesem Charakter zuzuschreiben, zudem wird ein ganz bestimmtes Berlin lebendig – aber mit nichts davon will ich etwas zu tun haben.

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Auf der re:publica hatte ich in der TTIP-Session erzählt, wie ich während meines Volontariats beim Eichstätter Kurier in einer Drehtür Filme entwickelte. Jetzt habe ich das auch aufgeschrieben.

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Hande wird von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ihrer Weinverkostungen Vinoroma regelmäßig um Restauranttipps gebeten: Sehr gut soll es sein, nicht zu weit entfernt von der Unterkunft, und selbstverständlich touristenfrei. In Handes Antwort steckt die ganze, traurige Entwicklung der italienischen Küche:
“On being the only tourist in a restaurant in Rome”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 10. Mai 2015 – erschöpfte Geschäftigkeit

Montag, 11. Mai 2015 um 6:00

Nach doofer Nacht (nicht einschlafen können – sehr seltenes Ereignis -, aufgestanden und eine Stunde gelesen, nach nicht mal sechs Stunden Schlaf bereits bedröhnt aufgewacht) Gammeltag beschlossen. Kein Sport, keine Ausflüge, dafür ganz sicher Mittagsschlaf.

Na ja, ein paar Sachen erledigen sich dummerweise nicht von alleine. Wenn ich köstlichen Marmorkuchen essen will, muss ich einen backen. Wenn ich den Balkon endlich nutzen will, muss ich ihn endlich vom Winterdreck säubern (erst den Sims, dann den Boden mit Bürste Kachel für Kachel, abschließend nochmal mit den Bodenwischer).

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Wenn ich Sommerkleidung tragen will, muss ich sie halt aus dem Keller holen und gegen die Winterkleidung im Schrank tauschen.

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Wenn ich mich mit dem Mitbringsel aus Neukölln duschen möchte, muss ich es einschrauben.

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Dazwischen aber gemütliches Vollbad und 90 Minuten tiefer Mittagsschlaf (allerdings mit saublödem Traum von einer Affäre mit einem arroganten Schnösel in einem Hotelzimmer – ich bat eine Hotelangestellte, zukünftige Liebhaberinnen des Herrn zu warnen).

Abendessen unattraktiv aber schmackhaft: Lauch-Kohlrabi-Kartoffelgemüse aus Ernteanteil. Dabei die ersten Mauersegler des Jahres am Himmel gesehen.

Am schönen Wetter freute ich mich von innen, aber nach dem Abendessen dreht ich noch eine kleine Fußgängerzonenrunde mit Herrn Kaltmamsell.

die Kaltmamsell

Journal Freitag/Samstag, 8./9. Mai 2015 – angegrillt

Sonntag, 10. Mai 2015 um 10:33

Für Freitagmorgen hatte ich mir den Wecker gestellt, war aber trotz später Heimkehr in der Nacht zuvor deutlich vorher aufgewacht. Ich hatte nämlich mit Apple zu telefonieren, Erklärung im Techniktagebuch.

Mit Bloggen, Kofferauspacken, Wäschewaschen und Kaffeetrinken war es dann aber doch schon 11 Uhr, bis ich zum dringend benötigten Isarlauf kam: Zum einen werde ich nach einer Woche ohne Sport schon sehr wepsig, zum anderen musste ich irgendwie anfangen, all die Eindrücke und inneren Bewegungen der Berlinwoche zu verarbeiten (wegen letzterem ließ ich sogar den Fotoapparat daheim).

Es war dann auch ein wunderschöner Rundweg nach und Lauf von Thalkirchen bis Pullach und zurück in Maiensonne und -wärme, zwischen blühenden Kastanien und Fliederbüschen. Auf einem liegenden Baumstamm sah ich eine ganz lange Blindschleiche beim Sonnenbaden, als ich mich zur genaueren Betrachtung vorsichtig näherte, verzog sie sich allerdings Richtung Isar.

Einkaufsrunde nach Duschen, sommerliche Temperaturen.

Die erratische Twitterbenachrichtigung bei Direct Messages hätte fast zu einem Ehekrach geführt. Herr Kaltmamsell war zu meiner Überraschung abends aushäusig verabredet, und ich hatte per Twitter-DM meine Beleidigung darob geäußert (wo ich doch von der Woche so viel zu erzählen hatte!). Dass Herr Kaltmamsell sofort umplante und mich darüber per DM informierte, signalisierte Twitter aber in keiner Form – ich hatte den Eindruck, mein Protest sei ihm egal. Und war noch beleidigter. Entsprechend trat ich ihm entgegen, als er von der Arbeit kam. Es brauchte einige Anstrengung des Herrn, mich da wieder rauszuholen.

Aber dann radelten wir auf ein kurzes Abendessen in die Eclipse Grill-Bar, erzählten einander unsere Wochen.

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Samstag hatten meine Eltern uns zum Angrillen und Fliederriechen eingeladen. Dummerweise war das Wetter regnerisch, aber dann stand halt nur der Grill draußen unterm Vordach der Terrasse, wir aßen innen. Es gab Röstbrot, Gambas, Calamari, Tomaten, Lammsteaks, Auberginen, Schweinehals vom Grill.

Ich fragte meine Mutter nochmal nach meiner polnischen Großmutter aus, der ehemaligen Zwangsarbeiterin, erwähnte zum wiederholten Mal die Kassetten mit dem Interview von vor 20 Jahren. Da ließ sie fallen, dass sie noch nicht nachgesehen habe, ob sie sich vielleicht unter den Kassetten über der alten Stereoanlage befanden. Ich sah gleich mal selbst nach, und hatte sie nach zwei Griffen in der Hand. Während ich bei allen möglichen Kontakten aus verschiedenen früheren Berufsleben nachgefragt hatte, hatte die Aufnahme das Haus nie verlassen. Jetzt erst mal digitalisieren, dann transkribieren.

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Auf dem Heimweg mit der Bahn 45 Minuten Verzögerung, für die die streikende GDL überhaupt nichts konnte: “Personen im Gleisbereich”.

Die Nachrichten von der Berufsfront werden immer erfreulicher (Details, wenn alles 100-prozentig ist).

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Hintergrund eines der berühmtesten Filmchens der Musikgeschichte:
“Exactly 50 years ago Bob Dylan was stood in a London alleyway”.

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Traci Mann, eine Psychologiedozentin an der University of Minnesota, erforscht seit 20 Jahren Ernährungsgewohnheiten, Selbstbeherrschung und Diäten. Roberto A. Ferdman hat sie für die Washington Post interviewt.

“Why diets don’t actually work, according to a researcher who has studied them for decades”.

It all starts with something that suddenly struck me a while back, and that’s that nobody has willpower. Everyone is blaming dieters for regaining weight they lose, and that’s just wrong – it’s not their fault they regain weight, and it’s not about willpower, or any lack thereof.

(…)

What people tend to think is that if only Joe had self-control then he could succeed on his diet forever. And that’s not accurate, as it turns out. That’s not true.

After you diet, so many biological changes happen in your body that it becomes practically impossible to keep weight off. It’s not about someone’s self-control or strength of will.

(…)

But there’s an entire industry that profits from convincing people that just the opposite is true. How do you reconcile that?

Well, the first thing is that you can’t believe anything that they say. And that’s by definition, because their job isn’t to tell you the truth – it’s to make money. And they’re allowed to lie.

These companies make money off failure, not success. They need you to fail, so you’ll pay them again. One-time customers are not the sort of thing that keep these diet companies in business.

(…)

An idea that I want to float, if I might, is that willpower is actually a very different thing when you talk about eating. Willpower can be extremely useful in certain parts of people’s lives. But when it comes to eating, it’s just not the problem. It’s not the fix.

(…)

Let’s say you’re in a meeting, and someone brings in a box of doughnuts. If your’re dieting, now you need to resist a doughnut. That is going to take many, many acts of self-control. You don’t just resist it when it comes into the room – you resist it when you look up and notice it, and that might happen 19 times, or 90 times. But if you eat it on the 20th time, it doesn’t matter how good your willpower was. If you end up eating it, you don’t get credit for having resisted it all those times. In virtually any other arena, that would be an A+, but in eating that’s an F.

Der letzte Punkt ist eine sehr nützliche Beobachtung, ich übersetze ihn mal:

Wenn es um Essen geht, ist Willenskraft etwas ganz anderes. Ein starker Wille kann in bestimmten Lebensbereichen ausgesprochen nützlich sein. Aber beim Essen ist er nicht das Problem, auch nicht die Lösung.

(…)

Nehmen wir an, Sie sind in einer Besprechung und jemand bringt Doughnuts mit. Wenn Sie gerade eine Diät machen, müssen Sie jetzt dem Doughnut widerstehen. Dazu sind viele, viele Momente der Selbstbeherrschung nötig. Sie müssen nicht nur widerstehen, wenn die Doughnuts auf den Tisch gestellt werden – Sie müssen sich jedesmal beherrschen, wenn Sie den Teller sehen und den Doughnut bemerken; das mögen 19 Mal sein oder 90. Doch wenn Sie ihn beim 20. Mal essen, zählt all ihre vorherige Beherrschung nichts mehr. Wenn Sie ihn dann doch essen, lobt sie niemand dafür, wie stark ihr Wille vorher gewesen ist. In jedem anderen Bereich hätten Sie Bestnoten für Ihre Willenskraft bekommen, doch beim Essen sind Sie damit durchgefallen.

die Kaltmamsell