Journal Sonntag, 1. Februar 2026 – Sigrid Nunez, For Rouenna, Sonntagsessen mit allen vier Eltern

Montag, 2. Februar 2026 um 6:26

(Schlimmes Titelbild, glauben Sie ihm nicht.)

Ich weiß nicht, ob ich derzeit besonders empfänglich für solche Geschichten bin oder Nunez in For Rouenna tatsächlich meisterlich das Thema Erinnern und was Erlebnisse mit uns machen kombiniert mit dem Thema Erzählen von Erinnerungen sowie einem Blick auf ein bestimmtes Milieu in einer bestimmten Zeit: So oder so ging mir dieser Roman nahe und beschäftigte mich sehr.1

Zunächst fiel mir an diesem 2001 veröffentlichten Roman die eigentümliche Struktur auf: Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin auf dem Weg ins mittlere Alter, berichtet im ersten von drei Teilen recht trocken, dass sie nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans von zahlreichen Menschen aus ihrer Vergangenheit kontaktiert worden sei. Dazu gehörte auch die titelgebende Rouenna: Sie hatten zur gleichen Zeit als Kinder in einem Wohnblock gewohnt (die englische Bezeichnung project transportiert automatisch niedrigen sozialen Stand und gesellschaftliche Ausgrenzung). Die Erzählerin lässt sich auf ein Treffen ein und nimmt eine Einladung zum Sonntagsbraten bei Rouenna an. Daraus werden in den folgenden Monaten regelmäßige Begegnungen – bis zu Rouennas Tod, der bereits in einem Detailreichtum beschrieben wird, der deutlich weg vom Bericht und ins Romanhafte führt: Diese Details kann die Erzählerin nicht wissen, weil sie nicht dabei war, sie muss sie sich ausgemalt haben.

Erst jetzt unternimmt die Erzählerin etwas, das sie eigentlich zusammen mit Rouenna machen wollte: Eine Fahrt auf der Staten Island Ferry, die sie als Kind und junge Frau regelmäßig nahm. (Dass ich dabei durchgegehen die Film-Bilder von Working Girl vor Augen hatte und Carly Simon in meinem Kopf sang, ist natürlich ausgesprochen persönlich – belegt aber einmal mehr, dass die Leserin den Inhalt schafft.) Daraus wird eine besonders ausführliche und poetische Passage.

Im zweiten Teil nimmt die Erzählerin ihre Gespräche mit Rouenna zum Anlass, deren Leben zu erzählen, vor allem ihr Jahr als Krankenschwester im Vietnamkrieg. Das wird wieder so lebendig und detailliert geschildert, als wäre die Erzählerin dabei gewesen. Vereinzelte wörtliche Zitate/Kommentare Rouennas erhalten den Eindruck der Authentizität. Dafür hat die Erzählerin vorgesorgt: Sie berichtet von einem Gespräch mit Rouenna, in dem sie sich übers Erinnern an Vietnam unterhalten, über PTBS, über Therapiegespräche. Rouenna meint, mit dem großen zeitlichen Abstand würde sie sich immer selbst misstrauen, ob ihre Erinnerungen die wirklichen Geschehnisse wiedergeben.

Genau diesen Roman schreibt die Erzählerin jetzt also – und erzeugt dadurch ein Vexierbild2 der Erzählhaltung: Wer erzählt hier eigentlich? Wessen Geschichte lese ich gerade?

In einem Teil 3 sind wir wieder in der Erzählgegenwart, die Erzählerin schreibt ihre Erinnerungen an Rouenna auf, eigene Recherchen, doch auch den Uni-Schreibkurs, den sie gibt, und wie sich die dort gelehrten Techniken geraden in diesem Roman spiegeln.

Ich mochte den Roman, weil ich selten eine solche Nähe zur Handlung und seinen Personen empfand. Aber es fällt mir schwer, die Gründe dafür im Text zu finden.

§

Nicht ganz so lang durchgeschlafen wie ideal, aber erfrischt aufgestanden. Beim Fensterschließen bemerkte ich im Lichtstrahl der Straßenlampen kleine Schneeflocken – also eine weitere Runde Winter. Wenigstens war es in der Innenstadt mild genug, dass nur die Grünflächen eine neue Schicht Weiß bekamen. Es wurde ein grauer, hochnebliger Tag.

Am späten Vormittag Aufbruch zum Zug nach Augsburg, eng und durchdacht bepackt mit den Bestandteilen des Sonntagsmahls bei Schwiegers.

Das war dann sehr schön mit allen Elternteilen, ich vergaß völlig das Fotografieren. Nach Aperitif (Aperol Spritz mit alkoholfreiem Sekt ist eine großartige, leichte Alternative zum Original) gab es Makrelen-Paté auf Chicoreeblättern, dann Bœuf bourguignon mit Spätzle (auf allgemeinen Wunsch geschabt, nicht gehobelt), Rosenkohl und grünen Bohnen, abschließend Orangencreme (trotz etwas Abkühlenlassen hatte sich Gelatine zum Teil unten abgesetzt, zefix, schmeckte dennoch). Ein Weilchen später Kaffee und Tee mit den Strauben, die meine Mutter selbstgebacken mitgebracht hatte.

Mit Naturalien bepackt fuhren wir noch bei Tageslicht zurück.

Ich hatte sogar noch Abendessenhunger, es gab restliche Fischpaté sowie Blaukraut mit Linsen vom Vorabend, restliche Orangencreme.

§

Wenn Sie neugierig sind, wie sich ein Teil der legendären Wiener Ballsaison von innen anfühlt? Katatonik schreibt über
“Ballaballa, die zweite”.

  1. Was ich übrigens schon vor langer Zeit als eine Bremse meiner Lese-Schlagzahl erkannt habe: Wenn eine Lektüre mich beschäftigt und in mir arbeitet, kann ich nicht gleich die nächste anpacken. Paralleles Lesen mehrer Romane war mir schon immer ein Rätsel. []
  2. Offiziell Linienrasterbild. []
die Kaltmamsell

Journal Samstag, 31. Januar 2026 – Wie Joggen echt keinen Spaß macht

Sonntag, 1. Februar 2026 um 8:01

Nur wenig unruhig geschlafen (der Alkohol), durch rechtzeitiges Herablassen des Rollladens gegen Morgenhelle aber ausreichend lang.

Ich hielt mich ein bisschen ran mit Bloggen und Kaffee-/Wasser-/Teetrinken, sandelte nicht zu sehr: Draußen schien die Sonne, ich wollte nicht zu spät zu meinem Isarlauf loskommen. Was ich dann ab Haustür tat.

Eines der prominentesten Gräber auf dem Alten Südfriedhof, in 1A Lage am Mittelgang: Das der Familie Pschorr. Als Brauereien die Macht in der Stadt waren.

Scheiß Winter: Die ersten 20 Minuten hatte ich wenig Probleme mit eisigen Stellen, die Innenstadtwege waren völlig frei. Doch dann kam ich an unasphaltierte Wege und musste genau hinschauen, um nicht von Eisglätte überrascht zu werden. Echter Horror begann hier hinterm Tierpark:

Geforener Matsch. Ich rutschte bei fast jedem Abdrücken ein Stück nach hinten, verlegte mich auf mehr Hüpfen als Joggen, glitschte und balancierte (es fühlte sich an wie Gymnastikübungen auf der Halbkugel bei der Physio – WEHE das war nicht zumindest gesund!). Das war ein 20-minütiger, sehr anstrengender Horror, den ich ganz sicher nicht nochmal zurück laufen wollte. Ich plante also um und wechselte über die Großhesseloher Brücke auf die andere Isarseite.

Um auf die Brücke zu gelangen, zog ich mich am Geländer hoch: Die Stufen waren lückenlos scheiße rutschig.

Auf dem Isarhochufer und um den Hinterbrühler See hatte ich mit einer Mischung aus Eis und Matschdreck zu tun, die nicht ganz so anstrengend war, aber auch keinen echten Spaß machte. Ich lief ein paar Umwege und stückelte, um insgesamt auf meine gewünschte Lauflänge von 1 Stunde 45 Minuten zu kommen.

Nach Eis kommt Matsch.

Außen und innen.

Bevor ich eine U-Bahn nach Hause nahm, holte ich noch Frühstückssemmeln.

Die gab’s nach einem Apfel um zwei mit Frischkäse und Bergamotte Lemon Curd.

Gebühr für ein weiteres Jahr Münchner Stadtbibliothek gezahlt: 20 Euro. (Tiefe Dankbarkeit, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die das ermöglicht.)

Gemütliches Zeitunglesen, das Wohnzimmer wurde dabei gestern endlich warm genug, dass ein dicker Pulli und zwei Paar Socken gegen Frieren reichten.

Bei (deutlich nach hinten geschobenem) Einbruch der Dunkelheit kochte ich das Dessert fürs Sonntagessen mit allen Eltern: Englische Orangencreme. Herr Kaltmamsell hatte bereits den Großteil des Nachmittags in der Küche verbrachte, um das Bœuf bourguignon und die Spätzle für Sonntag zuzubereiten. Die schlichte Vorspeise kam wieder von mir: Makrelen-Peté nach Delia Smith (wenn ich am Sonntag an ein Foto denke, stelle ich das Rezept in meine Rezepte-Ecke).

Dann war Zeit für einen Aperitif: Den letzten Saft der direktimportierten Bergamotte verschüttelte ich zu einem Whiskey Sour. So ein Naturalientausch erzeugt eine ganz eigene Art von Nähe und wärmt mir ja immer besonders das Herz, auch unter Kolleginnen in der Arbeit, dort z.B. Quitten gegen Ajvar gegen Orangenmarmelade gegen Honig gegen Rakija gegen Zwetschgen etc. Vielleicht weil bei den Beteiligten die landwirtschaftlichen Wurzeln durchschlagen, die wir auf lange Sicht zurück ja dann doch fast alle haben?

Als Nachtmahl verwertete Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Blaukrauts und servierte es mit Linsen (und ein paar missratenen Spätzle), darüber geröstete gehackte Mandeln – sehr gut. Dazu ein Glas Burgunder, der vom Kochen übrig war. Nachtisch Schokolade.

Im Fernsehen ließen wir Tropic Thunder von 2008 laufen – eine Vietnamkriegverfilmung-Actionkomödie mit sensationeller Starbesetzung (die die Filmhandlung spiegelt), von der ich noch nie gehört hatte: Komplett wahnsinnig mit immer noch einer Metaebene.

Früh ins Bett zum Lesen einer ganz anderen Darstellung von Erlebnissen im Vietnamkrieg, nämlich der von Sigrid Nunez.

die Kaltmamsell

Lieblings-Breviloquia* vom Januar 2026

Samstag, 31. Januar 2026 um 17:35

Lieblinge auf Mastodon:

Bisschen Bluesky:

Und diesmal sogar was von Threads:

*siehe

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 30. Januar 2026 – Chaostag, aber köstlicher Abschluss im Broeding

Samstag, 31. Januar 2026 um 9:41

RICHTIG gut geschlafen, erstes Aufwachen für Klogang erst eine Stunde vor Weckerklingeln, und diese letzte Stunde schlief ich nochmal tief.

Es tagte zu Sonnenschein, auf meinem Marsch in die Arbeit glänzte der geschmolzene Schnee vom Vortag als Eisflächen, der Boden glitzerte frostig.

Am Schreibtisch brachte mich bereits der erste Blick ins Postfach zwei Stunden lang ins Wirbeln: Pläne hatten sich geändert, ich musste die Konsequenzen passend machen.

Und als ich dann von endlich eine Kanne Tee Aufbrühen an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte, brachte ein Anruf komplettes Chaos zum Ausbruch, alle Änderungen nochmal ändern, Änderungsbitten zurückholen, Auswirkungen auf unzählige Details, *Augenzucken*. Ich hasste das Leben und die Welt inbrünstig und hatte davon Gänsehaut am Kopf.

Weil ich dazwischen eh auf ein paar Rückmeldungen warten musste, ging ich raus ins Westend auf einen Mittagscappuccino, konnte sogar ein wenig den Sonnenschein genießen und die schmelzenden Temperaturen.

Den vorläufigen Planungsendstand, auf dessen Basis ich das Orga-Tetris vervollständigen konnte, bekam ich in meiner Mittagspause. (Wussten Sie, dass ich Ausknobel- und Reinfutzelspiele zuletzt im Schulalter reizvoll fand? Mit einer kleinen und bemerkenswerten Renaissance in den 1990ern, als ich ein paar Wochen lang wie hypnotisiert das Computerspiel Lemmings spielte?) Mittagspause also verschoben.

Bei allem Respekt für Ihre LLM-Nutzung beim Texten: Ich bezweifle, dass der Algorithmus so viele verschiedene und passgenau individuelle Entschuldigungen bei den Terminverschiebungsbetroffenen erzeugt hätte (ohne dass das Prompting dafür dreimal so lang wie mein Texten gedauert hätte). ICH bin ein Large Language Model. (Das fast in Tränen der Dankbarkeit ausbricht, wenn selbst hochnotpeinliche Verschiebungn binnen Minuten angenommen werden.)

Insgesamt war ich gründlich fertig mit den Nerven, hatte aber noch einige Stunden Arbeit vor mir. Und konnte mich vor lauter Fertigkeit nicht mal auf den Abend freuen: Schon Anfang Januar hatte ich in einem meiner Lieblingslokale Broeding reserviert, Herr Kaltmamsell kündigte an mich einzuladen – um etwas zu haben, auf das ich mich freuen konnte.

Direkt nach pünktlichem Feierabend hatte ich geplant, in der Innenstadt fürs Kochen am Wochenende einzukaufen, doch beim Blick auf die gemeinsame Einkaufsliste sah ich, dass Herr Kaltmamsell bereits alles abgeräumt hatte. Also ging ich direkt nach Hause – und nutzte die Zeit für die Verarbeitung der zweiten geschenkten Bergamotte zu Lemon Curd.

Feinmachen fürs Ausgehen, dann nahmen wir eine U-Bahn zum Rot-Kreuz-Platz – und verbrachten einen wunderschönen Abend im Broeding mit liebevollem Essen, interessanten Weinen und Austausch, was gerade so passiert in unserem Leben.

Wir stießen aufs Wochenende an mit einem Sekt vom Weingut Loimer, die Küche grüßte mit einem Schälchen Kichererbsen und Waller-Würfeln. (Bitte beachten Sie die Tischdecke: Mittlerweile eine Rarität in Restaurants.)

Saibling, Staudensellerie (der grüne Spiegel), Petersilienwurzel, ein wenig Schwarzkohl, dazu im Glas ein Riesling Alte Reben 2022 von Ebner-Ebenauer aus dem Weinviertel, vielfältig und voll.

Gebratener Radicchio trevisano begleitete einen so großen und so reichlich mit Frischkäse gefüllten Raviolo, dass ich ihn eher Maultasche genannt hätte, dazu Belper Knolle – sehr gut. Und wir machten Bekanntschaft mit dem Welschriesling Franz Lackner, der hervorragend passte.

Der nächste Wein kam aus der Steiermark, ein Grauburgunder Neumeister Ried Saziani 2020, als untypischer Grauburgunder angekündigt (als Lob gemeint), der das wirklich war. Es gab ihn zu auf der Haut gebratenem Saibling mit Spinat, Ratatouille, Fenchel (zu dem ganz hervorragend Thymian passt, wer hätte es gedacht?).

Hauptgang war Hirschkalb als Ragout (schön herzhaft) und Filet (sensationell zart – und überraschend mit einem Hauch Lavendel gewürzt), dazu Selleriepüree, ein wenig Preiselbeeren und eine frittierte Scheibe Kräutersaibling. Eingeschenkt wurde ein Blaufränkisch aus dem Burgenland vom Weingut Sommer – ich mag einfach die schlanken, eleganten Rotweine aus Österreich (derzeit) lieber als die Wuchtbrummen aus Sonnenländern.

Wir schwächelten bereits, hatten ja beide harte Wochen hinter uns – und entschieden uns gegen den optionalen Käsegang.

Als Pre-Dessert gab es ein Löffelchen mit Marshmellow und Brownie.

Und als Dessert Nougatmousse, Haselnussbiskuit, Portweinbirne – köstlich. Der Süßwein dazu war rot und italienisch: ein schöner Valpolicella.

Schon sehr müde ließen wir uns von der U-Bahn heimfahren, kamen aber noch vor Mitternacht ins Bett.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 29. Januar 2026 – Erneuter Winterausbruch, keine Schwimmrunde

Freitag, 30. Januar 2026 um 6:12

Eine Stunde vor Weckerklingeln aufgeweckt worden durch Schneeräumfahrzeuglärm – der einfach nicht aufhören wollte: Wie lang kann es dauern, das Stück Straße und Gehweg vor unserm Haus zu räumen?!

Aufgestanden zu diesem Anblick. Dieser Winter wird NIE enden.

Für den Arbeitsweg in die Schneeschuhe geschlüpft, Kapuze der dicken Winterjacke hochgeklappt, in leichtem, nassen Schneefall (den meine Wetter-App “Dunst” nannte – ?) losgestapft.

Frostig war es aber nicht. Ich kam in meiner dicken Jacke ins Schwitzen, brauchte aber die Kapuze gegen den anhaltenden Schneefall. Und ich freue mich sehr auf eine Zukunft, in der die kleinen Rad- und Gehwegräumfahrzeuge (in der Münchner Innenstadt gründlich im Einsatz, bravo!) nicht mehr von Verbrennungsmotoren angetrieben werden und uns Fußgängerinnen nicht mehr in Abgaswolken hüllen.

Als ich Lust auf meinen Mittagscappuccino bekam, suppte, matschte und schneeregnete es draußen gerade, mir verging jede Lust auf frische Luft und Bewegung. Also Abstecher in die eigene Cafeteria.

Später gab es zu Mittag eine Orange (von der ich lernte, dass ich immer noch sauer-empfindlich bin), außerdem eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Während der Online-Infoveranstaltung ab zwei begann ich Krampf-präventive Dehnung und Mobilisierung von Beinen und Hüfte für mein Feierabend-Vorhaben: Ich wollte ins Dantebad zum Schwimmen.

Doch auch diese Woche wurde nichts damit, diesmal aber, weil ich nicht aus der Arbeit wegkam, sondern mich ein akutes Termin-Tetris am Schreibtisch festhielt: Es dauerte lange, bis ich alle dafür notwendigen Menschen erreichte. Diesmal ärgerte ich mich sehr über den verpassten Sport.

Zumindest hatte ich Gelegenheit, auf dem Heimweg (der Schnee war fast verschwunden) schon mal erste Lebensmittel fürs Wochenende einzukaufen: Am Sonntag treffen wir uns mit meinen Eltern bei den lieben Schwiegers, kochen dürfen Herr Kaltmamsell und ich.

Zuhause knurrte ich kurz Herrn Kaltmamsell an (ich hatte ihm angekündigt, dass ich wegen ausgefallenem Schwimmen zur üblichen Zeit heimkommen würde, wegen des Ausfalls noch schlechter gelaunt als üblich – um ihm die Chance zu geben, sich in seinem Zimmer zu verschanzen), packte meine ungenutzten Schwimmsachen aus, turne eine Folge Yoga – in meiner Gereiztheit fiel mir besonders auf, wie oft Adriene in diesem 30-Tage-Programm (“True”) Einatmen ansagt, aber dann kein Ausatmen, statt dessen nach drei weiteren Bewegungen nochmal Einatmen.

Nachtmahl war zusammengestückelt: Feldsalat aus Ernteanteil, Guacamole aus den nächsten nachgereiften Crowdfarming-Avocados, die aktuell letzten Kartoffeln aus Ernteanteil als patatas bravas, ein Stück Taleggio. Nachtisch Schokolade.

Sehr früh ins Bett zum Lesen: Ich wollte zurück in Sigrid Nunez’ For Rouenna nach Staten Island und in den Vietnamkrieg.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 48. Januar 2026* – Vorläufiger Abschluss untenrum

Donnerstag, 29. Januar 2026 um 6:21

Endlich mal wieder richtig guter Nachtschlaf. Ich wachte fünf Minuten vor Weckerklingeln auf – von geträumtem Weckerklingeln, lustig.

Meine 90 Minuten zwischen Weckerklingeln und Aufbruch enthalten: Klogang und Schlumpfklamotten anziehen, gegebenenfalls einen Handgriff Häuslichkeit wie Wäscheaufhängen oder Geschirrspülerausräumen, Zubereitung Milchkaffee, parallel Brotzeiteinpacken, Servieren von Milchkaffee an zwei Tische, Gegenlesen und Fertigstellen Blogpost (dabei oft noch Ergänzungen und Recherche, Gefahr des Festlesens), ein wenig Internetlesen (Blogs, Newsletter), Bettmachen, Kleidungrauslegen, Kücheräumen (Kaffeezubereitungs- und -trinkgeschirr), Zeitungholen, Plank-Gymnastik, Morgentoilette (mal mit Haareföhnen, mal ohne), Anziehen, Fertigschminken, Fertiganziehen. Der Teil mit Milchkaffee am Laptop ist mir wichtig: Ich möchte auch ein Leben vor der Arbeit haben.

Der bedeckte Himmel war beim Marsch ins Büro gerade nicht mehr stockdunkel, ich konnte ihn als bedeckt erkennen.

Am Schreibtisch startete ich mit für gestern Morgen Terminiertem, spannende Arbeit.

Als ich zu meinem Mittagscappuccino spazierte, erwischte ich sogar ein wenig Sonne.

Ein Addams-Familienmitglied beim winterlichen Sonnenbad.

Zu Mittag gab es einen Apfel, außerdem Quark mit Joghurt.

Am frühen Nachmittag stempelte ich aus: Arztermin beim Gyn für Zweitmeinung, was mit meiner vollvermyomisierten Gebärmutter passieren kann und soll. Erst als ich den Weg nach Neuhausen recherchierte, merkte ich, dass ich mit Abstand am schnellsten per Radl hingekommen wäre: Die Öffis machten einen enormen Umweg und brauchten doppelt so lang. Egal, jetzt war’s zu spät.

Ergebnis der nochmaligen Untersuchung: Ja, minimalinvasive OP ginge schon, aber es gibt weiterhin keine medizinische Notwendigkeit, zumal die Myome in den vergangenen Jahren nicht größer geworden sind. Wenn ich keine Hormonersatztherapie mehr brauche (dieser Gyn riet, nach ein paar Jahren ein Absetzen zu versuchen), schrumpfen sie höchstwahrscheinlich eh, und meine ohenhin nur vermuteten Beeinträchtigungen könnten zurückgehen. Sollte ich aber den Eindruck haben, dass die Beschwerden zunehmen, könne ich jederzeit für eine OP kommen.

Ich dankte für die zusätzliche Perspektive – und das war ehrlich: In den vorhergehenden Tagen hatte ich erfahren, mit welchen schlimmen Beschwerden, Beeinträchtigungen, Diagnosen sich andere Frauen zu einer Hysterektomie entscheiden; mir war bereits peinlich geworden, überhaupt solch eine Welle zu machen. Nach diesem Gespräch hatte ich das Gefühl, dass sich diese Welle doch für einen vorläufigen Abschluss gelohnt hatte.

Jetzt haben erstmal genug Leute vaginal in mich reingeschaut.

Zurück am Schreibtisch war noch einiges wegzuarbeiten – und nachzuholen: Es hatte nichts genützt, dass ich meine Abwesenheit sorgfältig angekündigt hatte.

Entsprechend später Feierabend, ich marschierte direkt nach Hause. Dort Erledigungen, aber ich fand Zeit für meine Yoga-Einheit.

Die Bergamotte-Schenker hatten auch ein Rezept zur Verwendung mitgeschickt, Herr Kaltmamsell setzte es fürs Nachtmahl um: Linguine mit Bergamotte (Abwandlung Thymian statt Zitronenthymian, etwas Currypulver statt dem noch nie gehörten Currysalz, Mafaldine statt Linguine).

Schon die Düfte beim Kochen waren sehr besonders gewesen, das Ergebnis schmeckte auch besonders und gut. Nachtisch Früchtebrot und Schokolade.

§

Für die Chronik: Auf Mastodon habe ich in den vergangenen Wochen vermehrt mit Erklärbär-Männern zu tun, die mir von mir verlinkte Artikel darlegen oder warum ein Scherz von mir in Wirklichkeit auf mangelndem Verständnis beruht. Immer noch viel besser als Attacken und Hass auf anderen Microblogging-Plattformen, zudem mit einem Klick stummgeschaltet (Blocken fände ich überdimensioniert, sollen sie ruhig vor sich hin erklärbärn, ich will es ja nur nicht wissen). Noch bin ich in erster Linie amüsiert über die Bestätigung des Stereotyps.

§

Die Studie “Energy demand and decarbonization in 2025 and beyond” ergab gute und schlechte Nachrichten. Eine meiner Ansicht nach zentrale greift Klimareporter heraus:
“KI saugt die Energiewende auf”.

“KI erfordert enorme Mengen an Energie, und das ist äußerst besorgniserregend”, sagte Studienautorin Diana Ürge-Vorsatz, Physikerin und stellvertretende Vorsitzende des Weltklimarates IPCC. Die Welt und besonders Europa habe sich in den vergangenen Jahrzehnten in eine vielversprechende Richtung bewegt.

In einigen Industrienationen habe sich der Trend einer sinkenden Stromnachfrage in den letzten beiden Jahren aber wieder umgekehrt, so die ungarische Klimaforscherin.

Der Rekordausbau der Erneuerbaren wird laut Studie zu einem großen Teil vom rasch wachsenden Energiebedarf der Rechenzentren für künstliche Intelligenz aufgesogen. “Die Erstellung eines nur einminütigen Online-Videos – und das dreimalige Ausprobieren – kann so viel Energie erfordern wie eine Autofahrt über 100 Kilometer”, erklärte Ürge-Vorsatz in einem Interview mit dem Fernsehsender RTL.

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Schönes Bild eines alten Warteraums der Londoner U-Bahn und seine Geschichte – ein Loblied auf die kleinen Leute in Architektur- und Designbüros, die den Alltagskram entwerfen und umsetzen, deren Namen in keinen Geschichtsbüchern erwähnt werden.

* gefühltes Datum siehe @sinnundverstand

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 27. Januar 2026 – Sonne, Arbeit, ziviler Widerstand

Mittwoch, 28. Januar 2026 um 6:26

Unwillig vom Wecker geweckt worden: Ich träumte gerade etwas eher Irrelevantes, aber es spielte in mediterraner Stadtumgebung mit Sonne, Sommerkleidung und grüner Vegetation – dort war ich viel lieber als im anbrechenden Münchner Januar-Morgen. Nachts hatte ich wieder einen Stoß Nasenspray in ein Nasenloch benötigt, die Nase hatte komplett zugezogen.
(Weil Frau Brüllen am Montag en passant erwähnte, wie lang sie an einem Arbeitstag zwischen Weckerklingeln und Aufbruch in die Arbeit einplant, nämlich 45 Minuten: Bei mir sind es ca. 90 Minuten.)

Der klare Himmel verhübschte die Theresienwiese.

Am Schreibtisch geordnetes Losarbeiten, bis sich ein als gelöst abgespeichertes Problem als gar nicht gelöst und noch viel komplizierter erwies. Alle Kontaktkarten gezogen, doch das half nur bedingt, schon um halb elf Stress-Kopfweh.1

Nach einer kleinen Geselligkeit ging ich hinaus in die Sonne auf einen Mittagscappuccino im Westend. Mir saß ein Termin im Nacken, deshalb konnte ich die Wege nicht genießen wie auch schon mal.

Zu Mittag gab es Apfel sowie eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Kleinteilig anstrengender Arbeitsnachmittag, aber abgeschlossen mit einer Lösung des Vormittagsproblems, HURRA!

Auf dem Heimweg ein wenig Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner. Zu Hause Yoga von der sportlicheren Sorte – meine schief miteinander verwachsenen Lendenwirbel nahmen mir übel, dass ich sie am Montagabend in kontra-anatomische Haltungen gezwungen hatten, der gesamte Hüftgürtel war noch steifer als eh schon.

Fürs Nachtmahl hatte ich vor der Arbeit bereits Pizzateig angesetzt und zum kalten Gehen in den Kühlschrank gestellt, Herr Kaltmamsell übernahm die Fertigstellung.

Auf die Idee hatten mich die Gläser eingemachter Artischocken gebracht, die ich vor Monaten bei La Vialla gekauft hatte und die ich mir gut auf Pizza vorstellen konnte – die sich allerdings als unangenehm sauer erwiesen. Doch insgesamt eine gute Pizza.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Wie der zivile Widerstand in Minneapolis sich organisiert und trainiert – eine erhellende und gleichzeitig gruslige Reportage von Robert F. Worth (der sich mehrfach auf den arabischen Frühling bezieht) im Atlantic:
“Welcome to the American Winter”.

You do not have to get tear-gassed to observe all of this self-organization; it is visible to anyone walking through Minneapolis. One bitterly cold morning, I approached a man standing across the street from an elementary school, a blue whistle around his neck. He told me his name was Daniel (he asked not to be identified further, because his wife is an immigrant) and that he stood watch every morning for an hour to make sure the kids got into school safely. Other local volunteers come by regularly to bring him coffee and baked goods, or to exchange news. These community watches take place outside schools throughout the Twin Cities, outside restaurants and day-care centers, outside any place where there are immigrants or people who might be mistaken for them.

(…)

Inside the schools, many administrators have been making their own preparations over the past year. Amanda Bauer, a teacher at a Minneapolis elementary school that has a large portion of immigrant students, told me that administrators informed parents last fall about their emergency plans for ICE raids by phone or in person, because they were already concerned about leaving email chains that could be mined by a hostile government.

§

Apropos. Hier die Ratgeber-Kolumne von Sigal Samuel im US-amerikanischen Online-Magazin Vox: Eine Leserzuschrift thematisiert, dass viele Menschen in den USA unpolitisch bleiben und so tun, als wäre alles normal – aber was könne man tun in dem Bewusstsein, dass die Entwicklungen Grund zu Besorgnis geben?
“Your friends are still acting like everything is normal in America. What do you do?”

Stichwort “the grandkid test”.

Tell them that one day their grandkids may ask them what they did in the wake of Minnesota, or under this administration more broadly. Will they be able to answer in a way that makes that young, upturned face beam?

§

Dafür braucht es dringend aufmunternde Gegenmittel. Einfach entzückend: Dean Martin und Caterina Valente – One Note Samba von 1966.

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https://youtu.be/AuEv942wOZs?si=Dic6_JceOApnEQ1g

  1. Nur zur Sicherheit: “Problem” im Sinne von völlige Lappalie in größerem Zusammenhang. Weder hängt ein Menschenleben davon ab, noch ist es naturgesetzlich unlösbar (was ich auch schon hatte), aber ich konnte es nicht bis Haken-dran wegbekommen. []
die Kaltmamsell