Journal Montag, 18. November 2024 – Wieder so ein Montag und wer bin ich

Dienstag, 19. November 2024 um 6:18

Recht gute Nacht, ich konnte Angstkreisel (diese Woche enthält zwei Angst-Themen) durch inneres Wiederholen der Laufstrecke vom Samstag stoppen.

Positive Überraschung: Die Zeitung war da, sogar direkt vor der Wohnungstür (im weitesten Sinn).

Draußen nasser Boden, doch ich blieb auf dem Weg in die Arbeit trocken. Allerdings verschätzte ich mich ein weiteres Mal mit der Kreuzbarkeit der Theresienwiese: Nachdem das Oktoberfest aufgeräumt ist, die Tollwood-Zelte komplett stehen, wir außerdem bereits 18. November haben, war ich sicher gewesen, wieder Luftlinie von daheim zum Büro marschieren zu können. Doch nix: Immer noch hinderte mich ein Bauzaun daran.

Zwei Zeitungskästen an einem begrünten Platz, der eine mit dem Titel "Entdeckung in Sendling" der andere mit dem Titel "Inferno in Sendling"

Ja was jetzt.

Im Büro fing der Tag geordnet an, gewann dann aber durch die Ergebnisse eines Termins an Zugkraft. Erst spät stürzte ich hinaus auf meinen Mittagscappuccino, nach langem mal wieder von Wind durchgepustet.

Auf einem sonnenbeschienenen Fensterbrett ein Cappuccino, davor Mütze und Fingerhandschuhe

Schräg und Wintersonne, aber Sonne.

Mittagessen am Schreibtisch: Heimische Äpfel, Salat aus Ernteanteil-Kohlrabi (ich empfehle hiermit die Kombi mit Joghurt und Thymian, dass passt wunderbar) – wobei mein Bauch durchaus ein bisschen blöd schaute ob dieser Masse Rohkost. Sich aber die nächsten Stunden nicht aktiv zu protestieren traute.

Der Sonnenschein endete kurz darauf, Regen setzte ein – was ich eher hörte (Tropfen gegen Fensterscheibe) als sah, denn ich war sehr vertieft in Arbeit. Angst-Thema 1 ging in großen Schritten voran, das wird, das wird. Trotz allem Fleiß musste ich einiges auf Dienstag schieben, ich hoffe, das fliegt mir nicht um die Ohren.

Aber! Das Büro war ausreichend geheizt, ich musste zu keinem Zeitpunkt frieren.

Nach Feierabend hatte der Regen aufgehört. Ernteanteil war weggegessen (die grässlichen Schwarzwurzeln hatten wir verschenkt), ich kaufte fürs Abendessen ganz frisch ein.

Aufsicht auf eine schwarze Pfanne, darin in heller Sauce orange Kürbisstücke, Kichererbsen, Spinatblätter

Nachdem ich eine Runde Yoga-Gymnastik geturnt hatte, servierte Herr Kaltmamsell Kürbis-Kichererbsen-Spinat-Curry mit Kokosmilch. Ganz wunderbar. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen: Das aktuelle Granta 169, China ist sehr spannend, gestern las ich einen Aufsatz von Han Zhang über zeitgenössische chinesische Arbeiterliteratur – die im Gegensatz zu “boy meets girl meets tractor” (Definition einer Expertin von socialist realism) Literatur von illegalen Wanderarbeiter*innen ist:
“Picun”.

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Sternstunden des Internets: Wie ich mal nach dem Handschreiben von Ampersands fragte (ich schreibe viel bei Besprechungen mit, da brauche ich es regelmäßig) – und aus den Antworten enorm viel lernte.

Screenshot eines Tröts: "Guten Abend, ich möchte mit Ihnen über das Ampersand sprechen. 
Weder Herr Kaltmamsell noch ich haben in der Schule gelernt es zu schreiben und stellen jetzt fest, dass wir an unterschiedlichen Stellen anfangen: Er oben, ich unten. 
Ich halte seine Schreibweise für die korrekte, er zweifelt, deshalb: Wie schreiben Sie das Ampersand mit der Hand?"

Wenn Sie auch lernen möchten: Hier die Diskussion.

§

Und dann hatte ich kürzlich eine Idee, was ich eine Sprach-KI fragen könnte und erzählte die Idee Herrn Kaltmamsell. Der bei aller Überarbeitung nichts Besseres zu tun hatte, als sie umzusetzen, was natürlich deutlich aufwändiger war, als ich abgesehen hatte. Ich wollte nämlich wissen, wie eine Sprach-KI die Autorin meines Blogs beschreiben würde – in der Annahme, dass man der KI dafür einfach nur die URL des Blogs geben müsste, und dann würde sie sich an allem bedienen, was sie unter dieser URL fände. Ja, nee. Herr Kaltmamsell musste 21 Jahre Posts manuell einfüttern. Genauer (wörtlich von ihm so beschrieben):
1. WordPress-Export > XML-Datei
2. XML-Datei > ~7200 Einzeldateien im Markdown-Format, je Blogeintrag 1 Datei
3. da die LLM-Zugangssoftware (Anything LLM) mit den vielen Dateien nicht zurechtkam, doch wieder eine Gesamtdatei daraus gemacht > 24 MB Markdown-Datei
4. diese Informationen als Wissensbasis für Llama3.1 8B genutzt

Der Prompt: “Charakterisiere die Autorin des Blogs in 5 Sätzen.”

Das Ergebnis:

Die Autorin des Blogs beschreibt sich selbst als eine Journalistin, Drehbuchautorin und Nuklearphysikerin mit einer enormen Text- und Themenproduktivität. Sie erscheint als jemand, der viele verschiedene Interessen und Fähigkeiten hat und diese auch in ihrem Blog reflektiert. Ihre Art zu schreiben und zu denken ist von Freiheitsdrang und Lebenslust geprägt, was die Autor des Blogs sehr sympathisch findet. Sie reagiert selbstsicher auf Journalistenfragen, was ihre Persönlichkeit als klarsichtig und unbefangen kennzeichnet. Die Autorin hat offenbar eine Vielzahl von Themen und Erfahrungen, die sie in ihrem Blog teilt.

Das ist leider nicht blödsinnig genug, dass ich es als Profil verwenden wollte, aber schon irgendwie schön (viel cooler als Nuklearphysikerin wird es in meinen Augen nicht).

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 17. November 2024 – Familienganserl

Montag, 18. November 2024 um 6:30

Das letzte Drittel meiner Nacht war unruhig, aber ich träumte einen originellen Techniktraum (was mich sehr stolz auf das Kreativzentrum meiner Traumwerkstatt macht): Mein Arbeitsplatz zog innerhalb der Firma um in ein Großraumbüro mit Teppich und wenigen Außenfenstern, das aber nicht aus cubicles bestand, sondern aus Inseln mit mehreren Schreibtischen. Auf meinem künftigen standen zwei alte Desktop-Rechner verschiedener Generationen als Arbeitsgeräte; als ich sie anschaltete, brauchten sie schon sehr lang zum Hochfahren. Ich rief, dass diese alten Computer ja allein fürs Speichern einer aktuellen Word-Datei Minuten brauchen würden. Der Speicher allerdings war ein separates Gerät: Durch einen Deckel aus braunem, durchsichtigen Plastik sah ich zwei Reihen von je vier Audiokassetten die sich drehten; auf ihren Bändern wurden die Dateien gespeichert. Ich lachte laut auf, dass das ja wohl nicht ernst gemeint sein könne.

Über einem fast kahlen Park ein moderner Kirchturm im Nebel

Der Nebel war zurück, meh.

Aber egal, gestern waren Herr Kaltmamsell und ich bei der Familie in bei Ingolstadt zum Ganserlessen eingeladen, bei jedem Wetter.

Wir nahmen eine pünktliche Regionalbahn nach Ingolstadt, schon hinter Petershausen riss der Himmel auf, in Ingolstadt schien die Sonne. Meine Eltern nahmen uns mit zur gastgebenden Bruderfamilie. Die Schwägerin hatte eine wunderschöne Gans im Ofen.

Edler Porzellanteller, darauf ein Gänsebein, Blaukraut, Wirsinggemüse, ein aufgebrochener Knödel, Sauce, drumrum mit weißer Tischdecke festlich gedeckter Tisch

Dazu Wirsing, Blaukraut, Kartoffelknödel, besonders köstliche Sauce – ein Festmahl. Und halt liebe Familie <3 <3 <3 Schöner Sonntag.

Im letzten Tageslicht ließen Herr Kaltmamsell und ich uns zum Bahnhof fahren, im Arm eine Schüssel Schwägerinnen-Äpfel, wieder pünktlicher Zug nach München, wo uns beginnender Regen empfing. Auf dem Heimweg bestätigte sich an der Kreuzung Goethestraße-Landwehstraße eine Beobachtung vom Hinweg: Alle vier Fußgängerampeln wurden gleichzeitig grün, man konnte auch quer kreuzen. Wir entdeckten die Erklärung: Rundum grün.

Nächtliche Stadtstraße, an einem Ampfelposten hängt eine Tafel mit Erklärungen zu "Pilotprojekt 'RundumGrün'"

Herr Kaltmamsell erinnerte sich auch noch an die Umfrage, an der wir als Anwohnende zu diesem Thema teilgenommen hatten.

Zurück daheim turnte ich eine Runde Yoga-Gymnastik: Jetzt möchte ich wieder eine Weile Yoga auf verschiedenen Kanälen, gestern wurde es eine halbe Stunde Mady Morrison.

Brotzeitvorbereitung (Ernteanteil-Kohlrabi zu einem Salat mit Joghurt und Thymian), ich hatte auch genug Hunger für Abendessen: Käse, Kimchi. Nachtisch nur wenig Schokolade.

Nach Langem mal wieder Versuch, einen Tatort zu gucken, dieser Stuttgarter “Lass sie gehen” war als gut angekündigt worden – doch ich kam schon nicht übers Set Design hinweg, dass in einem Alb-Dorf ein Gasthaus mit schicken dunkelgrauen Wänden und Boutique-Hotel-Zimmern platzierte, diese dunkelgrauen Wände dann auch noch in allen Wohnungen der Handlung einsetzte (Sonderposten Wandfarbe im Bauhaus abgegriffen?). Ins Bett zum Lesen.

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Hier der ganze Thread mit Recherche-Ergebnissen.

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Die erste lange Kurzgeschichte des aktuellen Granta-Magazins mit dem Thema China, war ganz anders als das, was ich zu China und seiner Kunst im Kopf hatte – vor allem, denke ich, weil wohl auf den deutschen Literatur-Markt kommt, was ebenfalls den Erwartungen der hiesigen Leserschaft entspricht. Herausgeber Thomas Meaney erwähnt in seinem Vorwort, wie schwierig es sei, gute literarische Übersetzer*innen vom Chinesischen ins Englische zu finden, die akzeptable Lösungen für sprachliche Probleme wie die Darstellung von Zeit fänden.

For a long time, the translation of Chinese literature was in the hands of a very few Anglophone translators, some of whom obscured the realities of literary reception in China more than they elucidated it. But thanks to organizations like Paper Republic, as well as extraordinary translators such as Jeremy Tiang, we were able to pursue even the faintest glimmers of promise. The difference in how time in Chinese fiction is structured – how it is less mercilessly linear, and how the past can overtake the present – is only one of the philosophical challenges with which our translators had to wrestle.

Dieser Text passt wunderbar und ist von Catatonic, die kürzlich von Berufs wegen einige Wochen in Peking verbrachte.
“I never felt so welcome in a public toilet (Beijing, September 2024)”

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 16. November 2024 – Parteimitgliedschaft und ein echter Sonnentag

Sonntag, 17. November 2024 um 8:03

Gut und lang geschlafen, zu klarem Himmel aufgestanden.

Auf einem Außensims steht eine tönerne Schale voll Wasser, das eine Eisschicht bedeckt, im Hintergrund Wiese, Bäume, ein Gebäude, das ein wenig von Morgensonne beschienen wird

Und zum ersten Frost dieses Winters.

Nach gemütlichem Bloggen setzte ich endlich ein Vorhaben um, um das ich seit Monaten herumschlich.

Screenshot mit links oben einem Sonnenblumensymbol vor grünem Hintergrund, daneben die Navigationspunkte "Wofür wir kämpfen" und "Wer wir sind", darunter die Symbole für Twitter, Facebook, Telefon, darunter "Mitgliedsantrag gespeichert"

Ich stellte einen Mitgliedsantrag bei den Grünen. Meine Gründe unter anderem:
– Verzweiflung
– Margot Friedländers “Aber man muss es doch wenigstens versuchen.”
– Wunsch nach einer nicht beschämenden Antwort auf die spätere Frage: “Und was hast DU gemacht, als der Faschismus in Deutschland immer stärker wurde?”
– Konsequenz aus meiner politischen Haltung, die sich seit Jahrzehnten parallel zur Entwicklung der Grünen formte (wobei ich nicht immer die Grünen gewählt habe)
– Katrin Habenschaden (und andere Partei-Persönlichkeiten, die ich als konstruktiv und integer erlebt habe)

Wenn ich sehe, wie Politiker*innen Machtinteressen, Populismus, ihr eigenes Fortkommen vor Sachorientierung und Lösungen für die Gesellschaft stellen, verliere ich jede Hoffnung. Die Grünen machen das in meinen Augen am allerwenigsten. Das mag durchaus einer der Gründe sein, warum man ihnen vorwirft, dass sie “die Leute nicht mitnehmen” oder gar sie bevormunden. Wie man an den jüngsten Wahlen nicht nur in Deutschland sieht, bringt Sachorientierung nicht gerade Wähler*innenstimmen (weil: Menschen) – doch damit identifiziere ich mich halt durch und durch. Außerdem will ich endlich auch schuld sein.

Draußen war es weiterhin wolkenlos sonnig, ich konnte mein Glück schier nicht fassen. Einen Isarlauf hatte ich ohnehin geplant, er sollte mich gestern unter anderem in den Hofgarten und den Englischen Garten führen. Also U-Bahn zum Odeonsplatz.

Selfie einer Person mit Sonnenbrille vor Neonleuchten und glänzenden blauen Metalltafeln

Bewundern Sie bitte das spiegelnde Blau des fast fertig renovierten U-Bahnhofs Sendlinger Tor.

Sonnenbeschienener Pavillon in französischem Park mit fast kahlen Herbstbäumen

Und schon ging’s los mit Schönheit, hier der Hofgarten.

Wiese und Bäume in Sonne, ein Bach, dahinter Parkbänke mit Menschen

Mir fiel auf, dass die Weiden, ob Trauer- oder Kopf-, den Herbst offensichtlich nicht mitgespielt hatten: Sie trugen volles Grün.

Bach in Park, Bäume im Gegenlicht, dahinter die Sonne

Erhöhter Blick auf sonnigen Park mit viel Wiese, links und rechts weiße Säulen, in der Mitte von hinten ein Mensch in schwarzer Sportkleidund

Auf dem Weg hinunter vom Monopteros kamen mir Touristen entgegen auf dem Weg nach oben – erkennbar am mundoffenen Staunen über diese Pracht. Ich beneidete sie um dieses erste Mal.

Teich mit drei Schwänen im Vordergrund, dahinter am Ufer eine Erwachsene und ein kleines Kind, dahinter eine breite Steinbank, an der drei Personen Gymnastik machen

Gymnastik im Vordergrund, Gymnastik im Hintergrund.

Bach in sonnigem Park mit kahlen Bäumen, im Vordergrund ein schmiedeeisernes Brückengitter

Gegenlich mit tief stehender Wintersonne hinter kahlen Bäumen, im Vordergrund ein asphaltierter Weg, ganz hinten glitzert ein Fluss

Angekommen an der Isar. Jetzt lief ich nach Norden.

Blick von unter einer Brücke auf breiten Fluss in der Sonne uns Bäume mit wenig Herbstlauf, rechts ein Brückenpfelier mit Street Art eines grinsenden Gesichts

Unter der Kennedybrücke.

Sonnenbeschienenes Wehr-Gebäude, das sich im Fluss spiegelt, fotografiert durch die Zweige eines kahlen Baums

Föhringer Wehr.

Sonnenbeschienener Bach in kahlem Laubwald

Oberstjägermeisterbach (der heißt wirklich so, ich bin immer noch nicht darüber hinweg) (wo ich herkomme, heißen Bäche “Auerbach” und Baggerseen “Baggersee”).

Blick durch eine Betonunterführung auf den Eingang eines Biergartens, durch die Unterführung fährt ein Radler

Aumeister.

Sonniger Weg neben Fluss, gesäumt von großen, kahlen Bäumen

Mein Körper verhielt sich überraschen kooperativ und muckte an keiner Stelle – na ja, am Ende Ermüdungserscheinungen an den Sitzbeinhöckern. Laufzeit waren gemessene eindreiviertel Stunden, gestern allerdings nicht besonders aussagekräftig, weil ich rund 5.000 Mal zum Fotografieren stehenblieb. (Bitte laufen/spazieren/radeln Sie mir beim Fotografieren jederzeit ins Bild! Meine dilettantischen Motive bekommen dadurch Leben, und, wie ich auf Mallorca einem sich deshalb entschuldigenden Herrn erklärte: “It anchors the pictures in time.”)

Rückweg vom Tivoli in der Tram; ich stieg schon an der Müllerstraße aus, um im Glockenbachviertel Semmeln zu kaufen.

Frühstück um zwei: Apfel, zwei große Körndlsemmeln mit Butter und Marmelade.

Auf einem Fensterbrett eine schmale Porzellanvase in dunkelrot und Gold, durchs Fenster sieht man kahlen Park, im Fenster spiegelt sich die Einrichung eines Schlafzimmers

Das herrliche Wetter verschönerte auch die Wohnung.

Kein Zeitunglesen, weil die Wochenend-Süddeutsche überhaupt nicht gekommen war, auch nicht später. Für die fast 1.000 Euro im Jahr, die mich das Papier-Abo kostet, wird mir das langsam doch zu doof. Ein Wechsel zum Online-Abo (die umfassendste Variante kostet 540 Euro im Jahr) und Wochentagslektüre der Papier-Ausgabe, die ich in der Arbeit mitnutzen könnte, erscheint immer attraktiver.

Statt dessen las ich Internet im sonnendurchfluteten Wohnzimmer, bis es fast dunkel war.

Stadt-Silhouette vor Abendhimmel, einige kahle Bäume

Der winterliche Sonnenuntergang ist immer schön, doch der Drecksnebel hat ihn dieses Jahr zur kostbaren Rarität gemacht. Ich guckte auf dem Balkon, es roch frostig. Erst dann ging ich in die Küche und kochte wie geplant Meyer Lemon Curd (Rezept diesmal hinterlegt).

Aperitif: White Lady mit Saft einer Meyer-Zitrone, es war noch ein Eiweiß da. Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl den Ernteanteil-Lauch in einer katalanischen Sauce mit Bohnen:

Eine Pfanne voll Lauchgemüse in hellroter Sauce, darin ein hölzerner Kochlöffel

Ganz wunderbar, dazu der Rest Grauburgunder vom Vorabend. Nachtisch Süßigkeiten.

§

Luisa Neubauer sprach auf dem Parteitag der Grünen darüber, wie die Politik und die Öffentlichkeit mit jungen Frauen umgehen.

§

Im Oktober wurden in Großbritannien 22 Tonnen handwerklich gefertigter Käse ergaunert. So amüsant das auf den ersten Blick ist: Dan Saladino hat für die BBC über die gewinnbringende Schmuggelbranche recherchiert, die dahinter steht.
“Why luxury cheese is being targeted by black market criminals”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 15. November 2024 – Wochenendstart, kleine Kartoffeln, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 16. November 2024 um 8:45

Etwas unruhige Nacht, aber mit Freude aufs Wochenende aufgestanden.

Arbeitsweg unter geschlossenem Bleigrau. (Für die Akten: Auch diesmal null Beschwerden nach der Grippe-Impfung, die über leicht schmerzenden Oberarm hinaus gingen. Erwähnenswert, weil ich einige “diesmal hat’s voll reingehauen” über den diesjährigen Impfstoff gehört habe. Ich bin halt ein Klotz.)

Mittelemsiger Bürovormittag, die Jobs kamen in dem Tempo rein, in dem ich sie abarbeiten konnte.

Mittagscappuccino bei Nachbars mit anschließenden beruflichen Einkäufen für einen Termin nächste Woche.

Mittagessen Äpfel (einer vom Markt, einer aus Ernteanteil), Brot vom Vortag. Dazu Zeitungslektüre einer geliehenen Süddeutschen: Zum dritten Mal in Folge war die Zeitung beim Verlassen den Hauses nicht im Briefkasten gesteckt; mal sehen, ob sie auch diesmal erst beim Heimkommen drin sein würde (ja).

Gestern keine Sonne, aber immerhin ein paar Stunden, in denen ich das Bürolicht ausschalten konnte.

Nach fast pünktlichem Feierabend über Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner nach Hause. Erstmal noch kein Wochenende, weil Blumengießen, Blumenstrauß entsorgen, Fingernägelschneiden (übrigens benötige ich jetzt schon seit zwei Monaten keinen Nagelhärter, die Nägel splittern trotzdem nicht, führe ich ebenfalls auf die Hormonersatztherapie zurück), Wäsche aufhängen, Pilates.

Jetzt aber: Wochenende! Zum Anstoßen mixte ich uns Meyer-Lemon Whiskey Sour, wir tranken ihn, während Herr Kaltmamsell das Nachtmahl kochte: Räucherfisch-Spaghetti (ich würde es niemals wagen, das Gericht “Carbonara” zu nennen) – beim Vollcorner hatte ich dafür wunderbare geräucherte Lachsforelle bekommen.

Gedeckter Tisch, im Vordergrund ein weißer Pastateller mit Spaghetti, Stückchen Räucherforelle und grob gemahlenem schwarzen Pfeffer, dahinter ein Topf und eine Glasschale Ruccola-Salat, rechts ein Glas Weißwein, gegenüber eine Person in weißem Pulli

Dazu Ruccola mit Kirschbalsamico-Walnussöl-Dressing, im Glas ein Grauburgunder von Ziereisen. Die Pasta schmeckte sehr gut, nach überraschend mehr als der Summe ihrer Zutaten.

Abendunterhaltung: Die jüngste Folge Die Anstalt, “Freunde des Patriarchats”. Für mich alles nichts Neues, aber gut gemacht.

Bislang enthielt unsere Kartoffelkombinat-Ernteanteil immer noch keine eigenen Kartoffeln; ich hatte mich bereits gewundert und Komplikationen befürchtet. Über instagram bekam ich mit (seit einiger Zeit nutzt das Kartoffelkombinat verstärkt Social-Media-Kanäle), dass die Ernte erst vergangene Woche begonnen hatte, die aktuelle Ausgabe des Newsletters Kartoffeldruck informierte mich jetzt über den Hintergrund:

Normalerweise hätten wir schon wesentlich früher mit der Ernte begonnen, aber ohne eigenen Kartoffelroder sind wir wieder auf die Hilfe von anderen Betrieben angewiesen. Dieses Jahr waren jedoch alle Kartoffelbauer*innen in der Region spät dran, weil der September viel zu nass war. Dadurch hatten auch unsere potenziellen Partner*innen keine Kapazitäten frei, um uns zu unterstützen. Zum Glück konnten wir letzte Woche über unsere Freunde, die Pfänders, jemanden finden, der kurzfristig eingesprungen ist und uns bei der Ernte hilft: den Biolandhof Wessinger aus Bobingen.

Das Jahr war generell schwierig für Kartoffeln: Die anhaltend feuchte Witterung hat alle Sorten früh mit Krautfäule befallen. Wir rechnen daher leider mit einem unterdurchschnittlichen Ertrag, weil das frühe Absterben des Kartoffellaubes die Photosynthese gestoppt und damit das Knollenwachstum begrenzt hat.

Ein Filmchen auf instagram gibt es auch dazu – auch professionelle Kartoffelernte ist durchaus arbeitsintensiv.

Ich bin lang genug Genossenschaftlerin, dass ich mich an einen vorherigen Fall von früh eingestelltem Kartoffelwachstum erinnere, damals allerdings wegen eines schrecklich trockenen Sommers. Bei aller Aussicht auf wenige und nur kleine Kartoffeln dieses Jahr finde ich weiterhin spannend, all solche Details mitzuerleben und zu lernen (und besser zu verstehen, warum in der Landwirtschaft immer gejammert wird).

§

Erkannt: Ganz am Anfang war das Internet NUR “social”. Doch dann.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/r44Ach4mXE4?si=mPSDsCbVIE5CoJ9X

(Wie entzückend ist denn bitte diese Version mit Miley Cyrus?)

§

Verheerend derzeit in Spanien:
“Falschmeldungen zur Flutkatastrophe überfluten Medien”.

Die meisten Fakes – oder Bulos, wie es auf Spanisch heißt – verbreiten keine gefälschten guten Nachrichten, sondern versuchen die Lage noch schwärzer zu malen, als sie ist.

(…)

Es wurde vor verseuchtem Trinkwasser gewarnt, die Lebensmittel, die verteilt würden, seien von schlechter Qualität, und die Hilfsorganisationen würden in die eigene Tasche wirtschaften und selbst gespendete Kleidung auf den Müll werfen. Die Bilder von verschlammten Kleiderbergen sind echt, doch es handelte sich um nicht mehr zu rettendes Eigentum der Flutopfer, nicht um Spenden.

§

Dass Gewerbegebiete greislich sind, nehmen wir hin wie ein Naturgesetz. Architektur-Journalist Maik Novotny schaut sich in standard.at an, wieso es eigentlich Gewerbegebiete gibt und welche bessere Zukunft sie haben könnten (nicht nur in Österreich):
“Gewerbegebiete sind der ‘Mistkübel der Nation'”.

§

Während mich die deutsche Fernseh-Show “Let’s dance” langweilt (es wird für meinen Geschmack viel zu wenig getanzt, und sie sieht zu 90 Prozent gescripted aus), mag ich die britische Version “Strictly come dancing” sehr gern: Weil sie viel weniger gescripted aussieht und immer wieder Knaller hat wie die gehörlose Teilnehmerin Rose Ayling-Ellis – und jetzt den blinden Comedian Chris McCausland. Michael Hogan schwärmt im Guardian darüber:
“‘Absolutely spectacular’: why Chris McCausland will win Strictly – and save the show”.

Ich empfehle die eingebettetem YouTube-Clips: Die Choreografie ist großartig.

§

Tipps zum Aufklappen von Notenständern.

(Ich freue mich darüber auch deshalb, weil da jemand Social Media kapiert hat: Das ist vor allem lustig, weil von BR Klassik gepostet.)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 14. November 2024 – SONNE! und Ian McEwan, Nutshell

Freitag, 15. November 2024 um 6:17

Die Sensation des Tages: Sonne! Stundenlang!

Gut geschlafen, zu nassem und kaltem Nebel aufgestanden.

Im Büro zackiges Arbeiten an meinem Bauchdrück-Projekt, das sich allerdings so geordnet entwickelt, dass ich sogar nachts ohne Angstkreisel daran denken kann.

Am Vormittag erst Ahnung von Blau hinter den Wolken, dann echter Sonnenschein.

Modernes Bürogebäude in strahlendem Sonnenschein vor wolkenlosem, knallblauem Himmel

Zu meinem Mittagscappuccino bei Nachbars und zu Einkäufen am Markt (Äpfel, Käse) spazierte ich in Sonnenschein, legte gleichmal einen Umweg ein, um mehr vom Licht zu haben.

Späteres Mittagessen: Nüsse, Apfel, Sahnequark.

Ab zwei zog der Himmel langsam wieder zu, aber die Stunden mit Sonne waren SO schön.

Nach genügend Emsigkeit Feierabend. Ich marschierte in schöner Luft zu Erledigungen: Brot fürs Abendessen, Bargeld bei der Bank, Tee-Nachschub im Bremer Teekontor unterm Stachus.

Zu Hause eine ausführliche Runde Pilates, anstrengend.

Zum Nachtmahl gab es: Confiertes Gänsebein (Herr Kaltmamsell hatte damit das reichliche Gänsefett des jüngsten Bratens verwendet – schmeckte sehr gut und ganz anders als Gänsebraten), gemischter Schnittsalat aus Ernteanteil, frisches Brot, Käse vom Markt. Und ein Apfel aus Ernteanteil, der eine faule Stelle hatte und weg musste – und sich als ganz besonders köstlich erwies. Nachtisch Süßigkeiten.

Im Bett neue Lektüre: Wenige Tage zuvor war das aktuelle Granta 169, China eingetroffen.

§

Empfehlung für Ian McEwan, Nutshell!

Dem Roman von 2016 ist ein Hamlet-Zitat vorangestellt:

O God, I could be bounded in a nut shell and count myself a king of infinite space – were it not that I have bad dreams.

Zudem heißen die Hauptfiguren Trudy und Claude – McEwan macht von Anfang an klar, dass der Roman irgendeine Version von Shakespeares Hamlet ist. Erzählt wird auch aus der Perspektive von Hamlet – nur halt dem ungeborenen im Bauch seiner Mutter (der eben nicht mehr Platz hat als ein Nusskern in seiner Schale, und dort doch ein ganzes Leben lebt, einen ganzen Roman lang), das ist der dreiste Perspektivenwechsel. Dreist und fast schon arrogant, denn aus den Fingern aller anderer Autor*innen, die ich kenne, wäre das fürchterlich schief gegangen und hätte in Peinlichkeit geendet. Meister Ian McEwan aber kann.1

Der im Buch namenlose Fötus erzählt aus der Ich-Perspektive und in unserer Gegenwart, wie seine Mutter im ehemals gemeinsamen Londoner Ehehaus mit dem Bruder ihres Ehemanns (Vater des Babys) zusammenlebt und wie sie mit diesem Schwager den Gattenmord plant. Als Sinneswahrnehmungen dient alles, was man auch im Körper einer anderen mitbekommt, unter anderem:
– Es ist ein heißer Sommer.
– Infos bekommt Baby durch die Dialoge, die es hört, durch die Hörbücher und Podcasts, zu denen es Mama notfalls durch aufweckende Tritte in der Nacht bringt.
– Trudy säuft ziemlich viel, Baby erlebt also durchaus den einen oder anderen Rausch.
– Trudy und Claude haben immer wieder Sex, Baby schildert diesen aus seiner Perspektive und ist sehr dagegen.

Das allein schon ist interessant genug fürs Weiterlesen, dazu kommt die spannende äußere Handlung inklusive psychologischem Realismus (das kann McEwan ja besonders gut, bis zum Extremfall des schmerzhaften On Chesil Beach): So, kann ich mir vorstellen, planen und begehen Leute einen Mord und glauben, dass sie damit durchkommen. Der Erzähler versucht durchaus das wenige in seiner Macht stehende, seinen Vater zu retten.

Der Tonfall ist trocken humorvoll (erster Satz des Romans: “So here I am, upside down in a woman” – starker Anwärter auf bester Romananfang), manchmal auch melancholisch. Baby träumt auch, malt sich sich sein Leben nach der Geburt aus, fühlt die Liebe zu seiner Mutter, assoziiert indirekt die halbe Weltliteratur, liebt Lyrik, hat formulierungsstarke Meinungen zu Personen und gesellschaftlichen Umständen. Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk auf nicht mal 200 Seiten, wie es, ich erwähnte es bereits, nur Ian McEwan zuzutrauen ist.

Schöne Besprechung in der New York Times von Michiko Kakutani:
“Review: ‘Nutshell,’ a Tale Told by a Baby-to-Be (or Not-to-Be)”.

It’s preposterous, of course, that a fetus should be thinking such earthshaking thoughts, but Mr. McEwan writes here with such assurance and élan that the reader never for a moment questions his sleight of hand.

  1. Wobei er nicht nur Großartiges geschrieben hat: Ich rate ab von Amsterdam und Solar. []
die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. November 2024 – Erster Schnee

Donnerstag, 14. November 2024 um 6:21

Nach zu wenig (Konzertbesuch am Vorabend mit anschließender U-Bahn-Verzögerung), aber gutem Schlaf vom Wecker wachgerissen worden – aber einmal alle heiligen Zeiten geht eine kürzere Nacht schon.

Meine Erkältung verlief weiter mit nur wenigen Symptomen, auf dem Weg in die Arbeit (nasskalt, neblig) litt ich lediglich unter brüllenden Nebenhöhlen. Dagegen warf ich im Büro gleich mal eine Ibu ein, sie wirkte.

Vormittag mit Assistenz-Wirbeln, dazwischem mein Grippe-Impftermin (ich hatte sogar an meinen Impfpass gedacht, ein weiteres Wapperl). Ein besonders dunkeldüsterer Tag, Kunstlicht war von morgens bis abends nötig. Dennoch raus auf einen Mittagscappuccino ins Westend, für Bewegung war es mir nicht zu kalt.

Spätes Mittagessen, weil links und rechts dies und das reingeschossen kam: Apfel, Rest Roggenvollkornbrot, Hüttenkäse.

Ab halb drei wurde es dann noch dunkler – eine Stunde später langsam Nacht.

Nach Feierabend hatte ich einen Termin zum Beine-Enthaaren. Schon auf dem Weg dorthin bekam ich ein wenig Nässe ins Gesicht – und danach war’s eindeutig: Die ersten Schneeflocken dieses Winters, klein und nass, auf manchen Autoscheiben blieben sie sogar liegen.

Kurze Lebensmitteleinkäufe, daheim eine Runde Häuslichkeiten – auf Gymnastik hatte ich keine Lust.

Tiefer Glasteller auf hellem Platzset, darin klare Brühe mit Fleischstücken und Fadennudeln

Herr Kaltmamsell hatte aus einem echten Suppenhuhn Hühnereintopf mit Suppennudeln gekocht: Damit soll der Erkältung die Stirn geboten werden – Sie glauben vielleicht an Zink oder Vitamin C, ich glaube an Hienebriehe. Nachtisch Süßigkeiten, der leichte Schneefall war schon wieder vorbei.

Früh ins Bett zum Lesen, Ian McEwan, Nutshell, ich war bis zum Schluss amüsiert und angeregt durch dieses Kabinettstückchen.

§

Der Ursprung unserer heutigen Vorstellung von Küche ist dominiert von einer klar benennbaren Erfindung: Der “Frankfurter Küche” von Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Im Guardian ein Artikel zum Hintergrund anlässlich der kürzlich abgeschlossenen Restaurierung von Schütte-Lihotzkys eigener Wohnung in Wien:
“‘That damned kitchen!’ How the inventor of the fitted kitchen came to see it as a curse”.

Mir gefällt besonders, dass Schütte-Lihotzky vor Entwicklung der Frankfurter Küche selbst nie kochte oder einen Haushalt führte: Sie verließ sich nicht auf ihre eigenen Gewohnheiten, sondern befragte und beobachtete Menschen, die das taten – eine erheblich nützlichere Methode.

Instead she interviewed housewives, conducted time-motion studies and drew inspiration from kitchen galleys on trains. The result was a narrow space where a woman could turn from sink to stove without taking a step, and every utensil and ingredient had a designated space.

Hier gibt’s mehr Fotos.

Für mich am attraktivsten: Die Müll-Luke seitlich in der Arbeitsfläche, durch die man Reste in eine rausziehbare Lade schieben kann.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. November 2024 – Abenteuer Heizungshandwerk / Jüdisches Neujahrskonzert

Mittwoch, 13. November 2024 um 6:34

Eine gute Nacht, der Wecker holte mich aus tiefem Schlaf. Und in mittlere Verrotztheit, die Erkältung ging ihren Lauf.

Vorbereitung fürs Arbeiten daheim: Thermo-Rolli, Norwegerpulli, dicke Wollsocken in Woll-Puschen, heißer Tee. Nein, am Wochenende beim stundenlangen Internetlesen benötige ich diese Ausstattung nicht, weiß der Henker. Kurz nach halb acht Rechner hochgefahren, losgearbeitet.

Gegen neun war es im Wohnzimmer (dessen zwei Seiten praktisch nur aus Fenstern bestehen) hell genug fürs Ausschalten der Lampen. Ich rüstete meine Kleidung mit einem zweiten Paar dicker Wollsocken und einer Strickjacke weiter auf, um die Füße warm zu bekommen. Und liebäugelte beim Klogang mit diesem Ort als Heim-Büro, weil wirklich klein und dadurch vielleicht tatsächlich warm zu bekommen? Ein Sessel könnte gradmal reinpassen und die Tür noch schließbar lassen.

Kurz nach zehn hörte ich, dass der Heizungshandwerker im Haus war: Es klonkte deutlich aus einer anderen Wohnung. Eine Viertelstunde später klingelte der freundliche Herr bei uns (ich begrüßte ihn mit dramatischem Bibbern, das ich nicht mal sehr spielen musste) und besah die beiden benachbarten Heizkörper, von denen nur die ersten wenigen Rippen warm wurden. “Kann eigentlich nicht sein” hören wir nicht gern von Handwerker*innen und Ärzt*innen (neben “habe ich ja noch nie gesehen”). Er kündigte weitere Bestandsaufnahme im Haus an sowie Rückkehr.

Eine Stunde später war er wieder da, und ich fand heraus, wie Entlüften eines Rippenheizkörpers ohne Entlüftungsventil geht: Rohrzange an die Mutter neben dem Thermostat, Plastikwanderl drunter, vooorsichtig Mutter aufdrehen, pfffft. Und schon wurden beide muckende Heizkörper bis zur letzten Rippe warm. Währenddessen fragte ich den Herrn ein bisschen aus, wie die Fernwärme vom Rohr unter der Straße eigentlich in meine Heizung kommt (Wärmetauscher, Pumpe). Schon eine Stunde später legte ich die Strickjacke ab, also die dritte Wärmeschicht, yay!

Esstisch in Wohnzimmer mit vier Stühlen vor großem Fenster mit Bick auf kahle Bäume, auf dem Tisch ein aufgeklappter Laptop, Kopfhörer, Papier, Stifte, Notizbuch, große Teetasse, Cappuccino

Mittagscappuccino am Arbeitsplatz. Später gab es zum Mittagessen Mango mit Sojajoghurt, und zum Wärmen kochte ich mir Porridge. Die Erkältung hielt sich in milden Grenzen, ein wenig Rumrotzen und Nebenhöhlendruck, doch ich brauchte nicht mal Nasenspray.

Nachmittags unter anderem Besprechung, drumrum reichlich Arbeit, die auf der Laptoptastatur umständlich und auf dem kleinen Bildschirm unbequem war. Mit Anstrengung den angstrebten Feierabend um fünf eingehalten, dann ging ich raus (Frischluft!) und etwas entfernter auf Lebensmitteleinkäufe (Bewegung!).

Frühes Abendessen (ein Restl Gulasch vom Sonntag und noch reichlich Böhmischer Knödel, außerdem Ofenpastinaken aus Ernteanteil), denn für den Abend hatten Herr Kaltmamsell und ich Konzertkarten: Jüdisches Neujahrskonzert im Prinzegententheater. Ich hatte beim Joggen ein Plakat gesehen, fand das angenehm abgefahren Münchnerisch. Außerdem hatten Herr Kaltmamsell und ich das Gefühl eines echten Bezugs zu dieser Musik, wir hatten schließlich The Jazz Singer gesehen: Während viele wissen, dass das der erste Ton-Spielfilm war, wissen deutlich weniger, dass sich die Handlung um den Sohn eines Synagogen-Kantors dreht, gespielt von Al Jolson, der lieber Jazz singt als die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Am Ende des Films aber wird alles gut, als die Hauptfigur dann doch auch in der Synagoge Kol Nidre singt.

Prächtig verzierter Eingang zu einem Konzertsaal, aus dem Foyer mit klassizistischer Malerei in Blau- und Grautönen durch einen Rundbogen fotografiert

Und siehe da: Das Programmheft für den Abend war mit einem Filmfoto aus dieser Schlussszene von The Jazz Singer betitelt, und das Programm begann mit dem Kol Nidrei (so geschrieben). Das Prinzregententheater war voller festlich gekleideter Konzertbesucher – konzerttypisch eher unsere Altersklasse aufwärts (darunter namhafte Ehrengäste, die besonders begrüßt wurden). Daniel Grossmann, Dirigent und Gründer des Jewish Chamber Orchestra Munich, führte durch den Abend, erklärte Hintergründe und Details der Musik und des jüdischen Neujahrs – unter anderem, warum das Konzert immer so lange nach Rosh Hashanah (dieses Jahr am 2. Oktober) stattfindet: Rosh Hashanah ist im Gegensatz zu Silvester ein religiöses Fest, gefolgt von den wichtigsen jüdischen Feier- und Gedenktagen – danach sind die Kantoren, die ja die jüdischen Gottesdienste leiten, ziemlich durch und brauchen erst ein wenig Erholung. Wie die beiden Sänger des Abends, Netanel Olivitsky aus Montreal und Chaim Stern, Hauptsänger der Großen Synagoge in München.

Wir bekamen ein Konzert mit wunderbarer Musik, interessanten Sängern und Stücken, in der Pause wurden Rosh Hashanah-typisch Apfelspalten gereicht, die man in Honig stippen konnte. Schmissige Musik, immer wieder forderte Sänger Chaim Stern zum Mitklatschen auf – und ich fand besonders interessant, wie gut beschäftigt der Percussionist des Kammerorchesters war, Moritz Knapp. Das war eine wirklich gute Idee gewesen.

Die Rückfahrt mit der U-Bahn zog sich überraschenderweise auf fast eine Stunde: Umstände wegen Bauarbeiten, wir strandeten eine längere Weile unterm Max-Weber-Platz. Hatten dadurch aber Gelegenheit zu längerem Austausch mit Bekannten, die wir vor dem Konzert im Foyer getroffen hatten und die mit uns gestrandet waren.

§

Bei der nächsten Bundestagswahl (gestern Einigung auf den 23. Februar 2025) könnte ich mit Wahlhilfe-Einsatz erstmals beim Briefwahlauszählen mein Wahlhilfe-Stempelkärtchen voll machen.
Für München übrigens: Hier kann man sich als Wahlhelfer*in anmelden (braucht allerdings erstmal eine Bayern-ID).

die Kaltmamsell