Essen & Trinken

Journal Dienstag, 12. Mai 2015 – 12 von 12

Mittwoch, 13. Mai 2015

Gleich nach dem frühen Aufstehen auf den Balkon und die Morgenluft eines sonnigen Maientags geschnuppert, Kaninchen auf der Wiese gesehen.

Und nochmal keine Zeitung. Beim Verlassen des Hauses traf ich im Treppenhaus eine Nachbarin, die erzählte, sie habe ihr SZ-Samstagsabo deshalb gekündigt: Acht Mal sei keine Zeitung geliefert worden, selbst nach wiederholten Reklamationen auf allen Kanälen.
Habe ich das nur überlesen oder wird der Faktor Auslieferung in der Diskussion um die Zukunft der Papierzeitung vernachlässigt? Ich lese Tageszeitung immer noch am liebsten auf Papier. Mir ist klar, dass es sich um eine über Jahrzehnte eingeschliffene Kulturtechnik handelt und nichts Angeborenes, doch wenn die großen Seiten vor mir liegen, erfasse ich Themen, Überschriften, Bilder am schnellsten, springe hier in einen Vorspann, dort in einen Bildtext, setzte mich da gemütlich zurecht, um eine große Geschichte ganz zu lesen. Das vermisse ich bei allen elektronischen Formen. Aber wenn das so weitergeht, werde ich mich zum Umlernen zwingen – und es ist nicht gesetzt, dass es dann die Süddeutsche bleiben wird.

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Radeln zum Krafttraining, ich brauchte keine Jacke. Im Sportstudio war ein großer Bereich mit Folie abgesperrt: Nein, kein Streichelzoo für Diätopfer, lediglich Wasserschaden.

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Im Büropostfach fand ich die Eingangsbestätigung meiner Kündigung vom Vortag. Der Traumarbeitgeber hatte mir zwar vor Ende meiner Kündigungsfrist (sechs Wochen zum Quartalsende) noch keinen Arbeitsvertrag schicken können, da für meine Einstellung noch die Zustimmung des Betriebsrats nötig ist. Doch auf meine Bitte hatte ich eine schriftliche Bestätigung erhalten, dass man beabsichtigt, mich zum 1. Juli einzustellen. Daheim im Briefkasten fand ich diese Bestätigung nochmal im Papierform. Korkenknall und Feuerwerk gibt es erst, wenn ich den Arbeitsvertrag unterzeichnet habe, und ich versuche mich weiter zu Zweckpessimismus zu zwingen, doch eigentlich: Ich habe einen neuen Job. Und zwar nicht nur einen, mit dem ich mich arrangieren kann, den ich mir durchaus irgendwie vorstellen kann, sondern einen, den ich wirklich, wirklich will und auf den ich mich so richtig freue. Möglicherweise habe ich dann doch wieder mehr Glück, als ich verdiene.

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Die Aktion #12von12 beobachte ich seit einiger Zeit interessiert, dachte aber erst im Büro dran. Nächsten Monat beginnen die 12 dann hoffentlich nach dem Aufstehen.

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Beute des jüngsten Englandurlaubs: Hose und Schuhe.

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Das Wetter war so wunderbar, dass es des Biergartenorakels (deckt vormittags nur, wenn nachmittags Biergartenwetter) eigentlich nicht bedurfte.

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In der Mittagspause spazierte ich zum Bahnhof und aß frittiertes Fischiges. Auf dem Rückweg ins Büro Bahnaussichten.

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Ein paar schöne Dinge, mit denen sich auch ein schraddliger Büroarbeitsplatz etwas ästhetisiseren lässt.

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Kurz nach sechs an der Hackerbrücke, Feierahmd.

150512_09_Pockenimpfung

Weil grad Zeit ist: Mein Beitrag zur fast völligen Ausrottung der Pocken. Gern geschehen. Nein, wirklich! (War das schon mal in einem deutschen Krimi Indiz? “Sehen Sie diese Narben? Das Mordopfer muss vor 1976 geboren sein, als Pockenimpfung noch Pflicht war.”)

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Mir war den ganzen Tag über sehr schwummrig und schwindelig gewesen. Also ließ ich Herrn Kaltmamsell mal wieder mit der Abendbrotzubereitung allein, öffnete lediglich den Wein dazu – einen Württemberger Kerner.

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Erstes Nachtmahl auf dem Balkon. Ich bestimmte hiermit Salade niçoise zum traditionellen Balkoneinweihungsessen. Grüner Salat und Kartoffeln kamen aus dem Ernteanteil unseres Kartoffelkombinats.

150512_14_Erdbeerlassi

Erste Male bei der Joghurtherstellung: Er war nicht fest geworden. Schmeckte aber ok, also erfand ich zum Nachtisch Erdbeerlassi.

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So endet eigentlich jede meiner heimischen Abendmahlzeiten: Mit einer Auswahl Schokoladen.

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Als Bettlektüre ein neues Buch: Horace MacCoy, The shoot horses, don’t they?, ein Klassiker aus der Zeit der amerikanischen Depression in den 1930ern.

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Giardino hat Pumpenhäuschen an der Regnitz besucht und fotografiert – sehr, sehr viele davon, eines bezaubernder als das nächste.

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Diesmal ist es die Zeit, die sich ausführlich mit der grotesken Diskriminierung Dicker und dem wisssenschaftlich nicht haltbaren Schlankheitswahn befasst:
“Lob der Fülle”.

Mir scheint, es gibt inzwischen keine Krankheit, von der nicht irgendjemand behauptet, sie werde durch zu viel Körperfett verursacht, außer vielleicht Ebola.

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Großartigerweise berichtet Katrin Scheib weiterhin für uns aus Moskau, diesmal:
“Das ultimative Ballett-in-Moskau-Besuchsprogramm”.

Berlinjournal Sonntag, 3. Mai 2015 – Aufgenommene Fäden

Montag, 4. Mai 2015

Frühstücksverabredung im Mauerpark – in einem wunderschönen Haus, mit dem allein ich mich schon hätte stundenlang beschäftigen können.

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Viele Jahre habe ich den Kontakt mit Vertrauten meiner Studienjahre von mir geschoben – ich war sicher gewesen, dass sie (und ich) ganz andere Menschen geworden sind und dass ich die Vorläuferversion ihrer selbst zu sehr vermissen würde. Ich hatte die Liebe nicht eingerechnet, die sich in Freundschaften wenig um Veränderungen kümmert. Und die gerade mit der Zeit und mit großem Abstand problemlos Wichtiges von Unwichtigem unterscheidet. Jetzt habe ich im April in London eine große Liebe meines Lebens wiedergefunden, gestern in Berlin. (Meine Güte: Diese Frau hat mir Welten an Musik, Kultur und zwischenmenschlichem Umgang eröffnet, ich habe schon auf der Beerdigung ihrer “kleinen Mutti” Kaffee gekocht – wie konnte ich nur zweifeln?)

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Ich spazierte im Sonnenschein zur Museumsinsel. Beim Planen der Berlinreise hatte ich mir vage das Neue Museum vorgenommen – und wenn ich schon mal hier war… Meine Einschätzung, ich könnte nach den Eindrücken der Wiederbegegnung vom Vormittag noch aufnahmefähig zu sein, stellte sich als Irrtum heraus: Das war ich definitiv nicht. Dieses Museum mit seinem Ritt durch mehrere Jahrtausende und Kulturen machte mich ratlos: Was will es mir eigentlich erzählen? Laut Website:

Das Museum vereint räumlich und inhaltlich aufeinander bezogene Exponate aus drei Sammlungen: dem Ägyptischen Museum und Papyrussammlung, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte und der Antikensammlung. Diese übergreifende Präsentation ermöglicht es den Besuchern, die Entwicklung der vor- und frühzeitlichen Kulturen vom Vorderen Orient bis zum Atlantik, von Nordafrika bis Skandinavien in einer noch nie da gewesenen Breite und Fülle nachzuvollziehen.

In einer aufnahmefähigen Stimmung hätte ich mir einen Audioguide geliehen und mich über Einzelstücke informiert, weil sie halt da sind, so aber erschien mir das Nebeneinander von Berliner Archäologie, römischer Antike und Ägyptischem quer durch die Dynastien zusammenhanglos, den “räumlichen und inhaltlichen Bezug aufeinander” sah ich nicht.

Sehr viele aufmerksame und schöne Eindrücke vom Neuen Museum finden Sie ab hier bei Gaga Nielsen. Wenn Sie vielleicht für eine tatsächliche Würdigung von Gebäude und Exponaten rüberklicken wollen?

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Zurück in Schöneberg begenete ich auf dem Weg in meine Unterkunft einer türkischen Hochzeit: Zu Musik (Schalmeien, Trommeln) wurde gerade eine Braut aus dem Haus geführt und in das Hochzeitsauto gesetzt.

Nachmittag mit Zeitung- und Internetlesen, Filmchengucken. Abendessen im Papaya am Winterfeldtplatz, das mir der Vermieter empfohlen hatte (gut!).

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Kann es sein, dass ich schon seit Tagen nichts mehr über unseren Lieblingsschäfer @herdyshepherd geschrieben habe? Verzeichung. (Den lass’ ich so.) Hier ein Interview im Guardian:
“Shepherd James Rebanks: ‘My ambition is to be a really good nobody’”.

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Nur falls Sie gestern im verlinkten Interview mit Robert McLiam Willson nicht dem Link zu seinem Artikel im New Statesman gefolgt sind, meine Empfehlung: Tun Sie es.
“If you don’t speak French, how can you judge if Charlie Hebdo is racist?”

Charlie is often vulgar, puerile and slightly nauseating. But everyone endures the brunt of this approach: right, left and in-between. They are not always funny (they are French, after all). But sometimes, that is because they are doing 4-page spreads on the reality of Roma camps in France or doggedly chronicling the gross extremes of France’s lurch to the right.

They have a weekly space for animal rights stories, for Chrissakes!!! Run by a woman who calls herself Luce Lapin. With the best will in the world, even if Lucy Rabbit wanted to be a racist or a fascist, how good at it would she be with a name like that? What would all the other racists and fascists think? The truth about the Charlie people is that they’re …well…just a little bit geeky.

Berlinjournal Samstag, 2. Mai 2015 – Kreuzberger Frischluft

Sonntag, 3. Mai 2015

Ziemlich ausgeschlafen, Kaffee getrunken (ich gehöre mittlerweile zu den lächerlichen Gestalten, die mit Cafetera und eigenem, daheim gemahlenem Espressopulver reisen), auf dem Markt am Winterfeldtplatz eingekauft.

Teile der Einkäufe gefrühstückt: Steinofenbrötchen und Rosinenbrötchen von Lindner (ersteres ein wenig gestrig, zweiteres mir zu süß, außerdem überraschenderweise aus Backpulverteig), ein Pfund Erdbeeren. Dazu Délice und Frischkäse.
Telefonisch die Nachmittagsverabredung präzisiert.

Details des Nachmittagsprogramms mit Kaffee und Kuchen finden Sie bei einer der drei Beteiligten, Frau Indica.

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Wiener Straße

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An der Spree. Die Kastanien und der Flieder blühten, mir wurde die samstägliche Tanzgelegenheit (“Schützenfestschieber”) Zenner gezeigt.

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Als ich spät abends heimkam, hatte ich riesigen Hunger und kochte mir ein warmes Essen. Dafür war viel Überlegung und Planung nötig gewesen, denn die Ferienapartmentküche stellte neben Kaffeepulver und Tee lediglich bereit:
Salz
Würfelzucker
Süßstoff (2 Packungen)
Brathähnchengewürz
Zimt
Ich hatte vormittags keine Lust, Öl zu kaufen, von dem ich nur ein paar Esslöffel brauchen würde, auch sonst wollte ich alle Einkäufe bei Auszug am Montag aufgebraucht haben. Das Nachtmahl wurde:

Spirellinudelnudeln, die ich kochte und abgoss (ein wenig Nudelwasser aufhob)
Datteltomaten in Stücken in den Nudeltopf, mit
Frischkäse und Nudelwasser zu Sößchen aufgekocht. Nudeln untergerührt, mit
frischem Schnittlauch vermischt, mit Salz abgeschmeckt. Mehr als passabel.
Und ich schaffte es, bereits deutlich vor Leeren der Schüssel aufzuhören, nämlich bereits am Punkt großer Sattheit.

Schon wieder sehe ich ein Kochbuchthema: Gerichte für Küchen ohne Vorräte (Salz hätte ich gekauft).

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Alle paar Jahre frage ich mich, was eigentlich aus Robert McLiam Wilson geworden ist. Der Nordire hatte 1996 einen Bestsellerroman veröffentlicht, Eureka Street, und war damals auf Einladung des British Council ein paar Tage an der Augsburger Uni zu Gast. Als Hiwi am Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft kümmerte ich mich ein bisschen um ihn, organisierte, begleitete ihn zu Terminen (und kann mich seither rühmen, dass mein Gang von ihm mit “like a police woman in a drug squad” bezeichnet wurde – ich fürchte, er konnte das beurteilen). Seit Eureka Street hat er kein Buch mehr veröffentlicht.
Seit gestern weiß ich, was er jetzt macht: Er arbeitet jetzt für Charlie Hebdo und wurde dafür interviewt.

(Zudem ein höchst interessanter Beitrag zur derzeitigen PEN-Debatte um Freiheit der Meinungsäußerung.)

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Entertainment zum Sonntagmorgen:

Wie die Buchstaben in Seaside Rock kommen, also die Zuckerstangen, die traditionell in englischen Seebädern verkauft werden:

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Gestern starb die russische Tänzerin Maya Plisetskaya. Hier ihre atemberaubende Version des sterbenden Schwans (habe mir gestern Nacht auf YouTube mal Interpretationen anderer berühmter Tänzerinnen angeguckt – da wird schnell klar, warum die von Plisetskaya legendär ist).

via @kscheib

Journal Montag, Dienstag, 26./27. April 2015 – T-Shirt im Einsatz

Mittwoch, 29. April 2015

Warmer Montag, morgens Crosstrainer, stramm gearbeitet, nachmittags bei offenem Fenster.

Dass es am Dienstag ordentlich regnete, passte mir überhaupt nicht in die Planung. Ich fuhr trotzdem mit dem Rad in die Turnstunde vor der Arbeit, nass wurde ich allerdings erst auf den paar Minuten vom Hüpfstudio ins Büro. Die Temperaturen sanken über den Tag immer weiter. Vor dem Vorstellungsgespräch (ich wusste, dass ich mit drei Frauen sprechen würde, hatte ich beim T-Shirt-Plan einkalkuliert) hatte ich höllisch Lampenfieber, sah interessiert dabei zu, wie mein Hirn ohne echten Grund in Panik erstarrte. Die Unterhaltung war dann eine fröhliche Runde, das T-Shirt (an diesem Punkt öffnete ich die zugeknöpfte Kurzjacke und legte sie ab) erzielte das erhoffte Gelächter. Ich erzählte viel von diesem Blog – falls eine der drei Damen jetzt hier mitliest: Herzlich willkommen!

Nachmittags Unannehmlichkeiten in der Arbeit, doch der Tag wurde gerettet von zwei zugesagten Verabredungen in Berlin: einer Frühstücksverabredung mit einer Freundin aus Studienzeiten (ca. 15 Jahre nicht mehr gesehen) und Nachtmahlverabredung mit Blogfreundin. UND vom gestrigen Spargelessen zu Abend, komplett und inklusive Hollandaise bereitet von Herrn Kaltmamsell (schönen Gruß von ihm: Hollandaise nach diesem Rezept, die letzten drei Zeilen). Das war einen 2011er Mannwerk Riesling Alte Reben von Marquee wert – ganz ausgezeichnet! Der Riesling ist alt genug für eine leichte Petrolnote, sonst Vanille, Apfel, etwas Restsüße, im Mittelteil Säure, insgesamt schön rund.

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Dann @SalmanRushdie mal wieder bei einer Runde Zurückschimpfen gelesen. Auf seine schlechte Seite will man wirklich nicht kommen. (Anlass der Beschimpfungen und des Zurückschimpfens war Lesetipp unten.)

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Vielen Dank, liebe Audikäufer und -käuferinnen, dass Sie die Herstellung dieser Gemme finanziert haben: Die Stan Lee Cameo School.

Nachtrag: via Mail von Herrn Kaltmamsell

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Oh, ich bin ein boshafter Mensch. Hakan Tanriverdi hat für die SZ herausgebracht, wie US-amerikanische Nachrichten-Comedians all die TV-Clips mit Politikerblödsinn finden. Lösung: Mit der Software namens Snapstream.
“Warum die ‘Heute Show’ neidisch nach Amerika blickt”.

In Deutschland ist diese Software allerdings nutzlos. Denn, und jetzt beginne ich boshaft zu kichern: Snapstream greift auf die Untertitel der Sendungen zu, die in USA im Sinne der Barrierefreiheit vorgeschrieben sind. Und wo gibt es sie kaum, auch wenn Aktivistinnen sie seit vielen Jahren u.a. mit Verweis auf Grundrechte einfordern? In Deutschland. Blöd, ne.

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PEN American Center wird seinen jährlichen Freedom of Expression Courage award an das französische Satiremagazin Charlie Hebdo verleihen. Sechs Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben daraufhin ihre Gastgeberschaft auf der Gala am 5. Mai zurückgezogen und damit die Debatte über Meinungsfreiheit neu entfacht.
“Six PEN Members Decline Gala After Award for Charlie Hebdo”.

via @SalmanRushdie

Journal Sonntag, 26. April 2015 – Auer Dult

Montag, 27. April 2015

Großen, herzlichen Dank für all Ihre Antworten auf meine Frage, wie Sie mich so finden – ich bin platt. Und es rührt mich, dass Leserinnen eigens dafür erstmals kommentiert haben, dass sich alle diese Mühe gemacht haben.

Gestern Morgen erstellte ich das Ergebnis als Tag Cloud:

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Die fünf häufigsten Nennungen waren:
klug
kritisch
analytisch
interessiert
humorvoll

Dank an stattkatze: Die Idee mit dem T-Shirt habe ich umgesetzt. Da die Zeit für eine Bestellung bei den üblichen Online-Shops zu kurz war, erkundigte ich mich bei gut erreichbaren Textildruckereien in München – und erfuhr, dass ich auch hier mit drei bis fünf Arbeitstagen Bearbeitungszeit rechnen muss, Abholen am selben Tag ist auch mit Ankündigung nicht drin. Ein Vorteil gegenüber den Online-Druckereien erschließt sich mir nicht. Also griff ich auf das Angebot von Herrn Kaltmamsell zurück, der selbst bedruckbare Aufbügelfolie besitzt. Am Samstag kaufte ich mir eigens ein anständiges T-Shirt dafür, gestern druckte und bügelte ich mit einer Proberunde auf einem alten T-Shirt. Sieht gut aus. Selbstverständlich informiere ich Sie alle, wie das im Gespräch angekommen ist.

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Meine Eltern hatten sich angekündigt, weil meine Mutter auf der Auer Dult nach einem bestimmten Korbteil suchen wollte. Da das Wetter warm und sonnig war, ging ich vormittags mit ihnen zu Fuß das halbe Stündchen hinüber in die Au. In der Sonne brauchte man keine Jacke, sobald sie hinter Wolken verschwand, sehr wohl. Meine Mutter wurde an beiden Korbständen fündig, meine Vater äußerte den Plan, er könnte doch alle angebotenen Weißwurstschüsseln zerschmeißen und damit die Welt verbessern (so sehr dieser Spanier die deutsche Küche schätzt, Weißwürste verabscheut er; mein Vater behauptet, er bekomme Kopfweh schon vom Geruch), ich blieb an den beiden großen Ständen mit Töpferware hängen.

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Da ich eh schon beim T-Shirt-Bügeln war, bügelte ich auch den Rest weg (es wird wärmer, das merke ich allein schon am erhöhten Bügelaufkommen), las dann energisch in Brighton Rock, das ich bis zum nächsten Treffen meiner Leserunde durchbekommen möchte. Es ist zwar mein zweiter Durchgang, doch ich erinnere mich an erstaunlich wenig. Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell Schweinsbraten (Schulter) nach einem englischen Rezept mit Kartoffelscheiben im Braten und Yorkshire Pudding auf Apfelstücken. Schmeckte hervorragend, der Yorkshire Pudding ist mir allerdings schlicht am liebsten. Nachtrag (das hier hat ja für mich auch Merkzettelfunktion): Wir tranken dazu einen Bio-Retsina Tsantali, der sich bestens mit dem Schweinefett und vor allem dem Rosmarin verstand.

Nebenher ließen wir einen seltsamen Leipzig-Tatort laufen, in dem nicht mal die Radiomeldungen realistisch waren (“Leider gibt es immer noch keine Spur…” beginnt nicht mal im hinterletzten Lokalradio eine Nachricht).

Journal Freitag/Samstag, 24./25. April 2015 – Avengers 2 und erste Wanderung

Sonntag, 26. April 2015

Am Freitag nach der Arbeit schnell heimgeradelt, von Herrn Kaltmamsell bereitetes Abendbrot gegessen (Tortellini in Brodo und Asiasalate aus Ernteanteil), mit ihm ins Kino geradelt: Avengers 2: Age of Ultron.

Der Film gefiel mir sehr gut (im Rahmen des Genres): Er schaffte es, die große Zahl von Protagonisten in einer dichten Handlung beisammen zu halten (Drehbuch, Schnitt), jeder und jede bekam durch Details eine schöne back story, die Charaktere rundeten sich trotz des genre-typischen regelmäßigen Krawumm mit Materialschlacht, Thor bekam sogar ein wenig Humor auf den Leib geschrieben (halleluja), die Interaktion der Figuren machte sie zum glaubwürdigen Team. Vorbildlich auch die Erzählökonomie, die mit kurzen Informationen per Bild oder Text weitreichenden Hintergrund erklärte (einmal sehen wir kurz, wie Hawkeye in sein Pfeilspitzenarsenal greift – und schon ist klar, warum das Ziel seiner Pfeile manchmal explodiert, manchmal nach hinten fliegt etc.). Der Film schaffte es auch, gleichzeitig ganz klar im Genre Superheldenfilm zu bleiben und doch überraschend links und rechts aus dem Erwartbaren auszuscheren. Viele bezaubernde Kleinigkeiten am Rand: Wie Agent Hill nach dem Party-Krawumm im Hintergrund mit den anderen zusammensitzt und sich einen Splitter aus der Fußsohle prokelt, wie die Nexus-Angestellten heimlich schnell ein Selfie mit Tony Stark schießen, Bügelbrett und Bügeleisen bei Hawkeye daheim im Schlafzimmer – und natürlich Stan Lee als großmäuliger Veteran auf der Avengersparty.
Fall Sie nicht grundsätzlich ein Problem mit Superheldenfilmen haben: Empfehlung.

Danach Heimradeln in milder Nacht – ich bin SO froh, dass der Winter vorbei ist.

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Samstagvormittag in fast sommerlicher Wärme Einkäufe getätigt, mittags eine S-Bahn nach Kirchseeon genommen, um diese Wanderung zu wandern. Die Sohlen blieben dran (sind ja fast neu), doch ich hatte mich schon daheim gewundert, dass die Wanderschuhe über Winter ziemlich klein geworden waren: Ich war doch früher nie mit der großen Zehe vorne angestoßen! Nach zwei Stunden bat ich um Unterbrechung, damit ich die Schuhe neu schnüren konnte; inzwischen rieben nämlich weitere Zehen unangenehm an der Innenseite. Das Neuschnüren half nicht. Da hatte ich plötzlich einen Verdacht und stieg nochmal aus den Stiefeln: Richtig, ich hatte zwei Paar Einlagen eingesteckt. Ich hatte vergessen, dass ich vor dem Einwintern die Stiefel mit Einlagen ausgestattet hatte und vorm Loswandern meine üblichen Einlagen hineingesteckt. Nachdem ich ein Paar entfernt hatte, waren die Wanderschuhe schlagartig bequem wie bisher.

Auch hier wie schon in den Isarauen: Erschreckend große Sturmschäden im Baumbestand, auch hier waren die Wanderwege aber bereits freigeräumt.

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Für die erste Wanderung der Saison hatten wir uns mit 24 Kilometern möglicherweise ein wenig übernommen, das Waldstück am Ende wollte gar nicht mehr aufhören. Wenn die Maßgabe dieselbe wie beim Bergsteigen ist, nämlich dass man am Ende noch genug Energie für locker eine weitere Stunde Wandern haben sollte, dann war’s zu viel. Aber! Ich habe meine ersten Schwalben der Saison gesehen, nämlich in Lindach.

Das Wetter hielt bis auf die letzte Stunde, als es ein wenig tröpfelte. Doch brotzeiten konnten wir im Bräustüberl der Brauerei Aying bereits wieder draußen.

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Habe übrigens noch am Osterwochenende wieder mit dem Nagelhautfieseln angefangen. Muss ich mir halt für Anlässe, an denen das Resultat unangenehm auffallen könnte, edle Handschuhe angewöhnen.

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“The wonderful, terrible Gone With The WindRevisiting the complicated legacy of the Civil War’s most famous story”

Gone With The Wind, Margaret Mitchell’s sweeping tale of the South between the antebellum and Reconstruction eras, is a work divided against itself. Its treatment of race is nauseating, a dismaying reminder of how recently blacks could be presented as inferior with essentially no controversy. At the same time, in Scarlett O’Hara’s vicious maturation from pre-war naivety to a ruthless titan of industry, it features the strongest and most complex woman in American entertainment, along with a view of gender politics without many equals today.

via @DonnerBella

Journal Mittwoch, 22. April 2015 – Beruhigungsmittel am Frühlingshimmel

Donnerstag, 23. April 2015

Dritter Morgen, an dem ich mich von einer Schlaf-App wecken ließ (irgendwann schreibe ich im Techniktagebuch darüber): Ich hatte am Vorabend das Smartphone neben mein Kopfkissen gelegt, die späteste Weckzeit eingestellt (5:50 Uhr), und die App sollte anhand meines Schlafablaufs berechnen, wann in den 30 Minuten davor der ideale Weckzeitpunkt war. Die App entschied sich für 5:20 Uhr und riss mich aus tiefen Träumen. Am Morgen davor war ich einige Zeit vor der frühesten Weckzeit wach gewesen, doch die App hatte beschlossen, dass ich noch weiterzuschlafen hatte. Mal sehen, wie lange ich dieses Spiel aus reiner Neugier mitspiele.

Na, wenn ich schon wach war, konnte ich ja Kaffeetrinken UND eine Runde an der Isar laufen vor der Arbeit. Der Morgenlauf dauerte dann etwas länger als geplant, weil er an diesem strahlenden Frühlingsmorgen so wundervoll war und es so viel zu fotografieren gab.

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Dass ich danach mit einem ziemlich dämlich entspannten Lächeln heim kam, lag aber sicher hieran:

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Mittwoch ist unser Ernteanteiltag des Kartoffelkombinats, es waren diverse Salate angekündigt. Nachmittags erinnerte ich mich, dass mir eine Kommilitonin vor 20 Jahren erzählt hatte, bei ihnen in Norddeutschland fülle man Pfannkuchen gerne mit süß angemachtem Kopfsalat. Ich probierte eine Abwandlung: Den Salat aus dem Ernteanteil (kein Kopfsalat) machte ich mit Dosenmilchdressing (wegen Norddeutschland) und Schnittlauch an, füllte frische Pfannkuchen damit. Es stellte sich heraus: Eine großartige Sache, und deutlich sättigender, als ich gedacht hätte.

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Kluges von Antje Schrupp zum Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung:
“Verantwortlichkeiten”.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

(…)

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle [tragen] aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine andere Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

(…)

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

§

Für die Sprachnerds unter der geschätzten Leserschaft: Katrin Scheib über die armenische Schrift (sie war gerade eine Zeit lang in Armenien).
“Ceci n’est pas un U”.

Im Gegensatz zum Georgischen, das aussieht wie eine ausgeschüttete Tüte Erdnussflips, besteht das Armenische in großen Teilen aus Us, Us mit kleinen Schwänzchen und U-Bögen, die jemand gekippt, gedreht oder vervielfacht hat. Was kein U ist, erinnert gerne mal an lateinische Schrift oder auch ans Kyrillische, aber das heißt nichts.

§

Wie geht’s eigentlich einer Dicken, nachdem sie dünn geworden ist?
Traurig und ein wenig gruslig: Dünnsein macht nicht glücklich.
“The ‘After’ Myth”.

Truthfully, I have no idea who I am without “needs to lose weight” being one of the primary parts of my identity.
(…)
Losing weight does not mean you no longer struggle with your weight; I wish I had truly understood that. I still struggle with food. I still struggle with me.

via @midoridu