Essen & Trinken

Journal Sonntag, 27. November 2016 – Erfolgreiche Gestankbekämpfung

Montag, 28. November 2016

Zum Thanksgiving-Dinner lieber mal keinen Tropfen Alkohol getrunken, nach eher kurzem Schlaf mit heller Wachheit belohnt worden.

In trübem Wetter zu einer Runde Sport zum Ostbahnhof geradelt. Und dort festgestellt: Meine Gestankbekämpfung hat gewirkt. Unangenehmer Schweißgeruch entsteht ja durch die Bakterienflora der Haut, die den Schweiß zersetzt, genauer die Fettsäuren darin. Diese Bakterienflora wird unter anderem durch Hormone beeinflusst (weswegen der Mensch erst ab der Pubertät unangenehm nach Schweiß riecht). Um den Geruch aus Kleidung zu bekommen, muss sie also gründlich desinfiziert werden.

Das kann man mit Essig machen – Großwäschereien greifen zum Beispiel zu dieser Methode, weswegen Hotelwäsche gerne mal einen Essig-Haugout hat. Den ich widerlich finde.

Das kann man mit Hitze machen, doch meine stinkenden Oberteilen sind hauptsächlich Sportkleidung aus Synthetikstoffen (Baumwolle saugt sich beim Sport bei meinen Schweißmengen zu schnell voll, tropft und klebt an mir), die würde ich durch ausreichend lange Behandlung mit kochendem Wasser ruinieren.

Das kann man mit hochprozentigem Alkohol machen – der ist mir dafür allerdings zu teuer, solange es eine günstigere Alternative gibt.

Deshalb griff ich zu dem Wäschedesinfektionsmittel, das ich seit ein paar Jahren für jede Waschmaschinenladung verwende, um dem blöden Hautpilz versicolor vorzubeugen (mit Erfolg übrigens). Diesmal tränkte ich erst die Achselbereiche der Oberteile ordentlich mit dem Mittel, ließ das in einem Eimer 30 Minuten einwirken, dann füllte ich den Eimer mit Wasser auf und ließ ihn 24 Stunden stehen (viel hilft viel, nicht wahr?). Anschließend wusch ich die Oberteile mit weiterer Schmutzwäsche in der Waschmaschine.

Zum Turnen trug ich gestern das älteste und bis dahin verstunkenste Oberteil: Keine Spur von Schweißgeruch, selbst als ich schwitzte. Allerdings Waschzusatzgeruch – die nächste Runde mache ich vielleicht mit der ungedufteten Variante.

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Mittags nahm ich einen ICE nach Bremen, dort bin ich bezahlt bis Mittwoch. Ich rollkofferte unter Sternenhimmel zwischen erfreulich vielen Pokéstops zu meiner Unterkunft, sah mich nach schnellem Auspacken nach einem Abendessen um. Es wurde ein spanisches Lokal, gut besucht. Zu meiner Freude entdeckte ich auf der Speisenkarte Albóndigas, ich bestellte die Variante mit Safransoße. Dass die sich als dicke Sahnesoße erwies, überraschte mich – bislang hatte ich Sahne für eine durch und durch unspanische Saucenzutat gehalten. Aber was weiß denn ich, Spanien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark verändert, das mag ja Auswirkungen auf die spanische Küche gehabt haben.

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Menschen in Gruppen mit ähnlichen Merkmalen einzuteilen und zu untersuchen, muss natürlich für Analysen aus Effizienzgründen sein. Wenn man sich nur oft genug auch einzelne Menschen ganz genau anschaut. Ein Nachruf im Tagesspiegel:
„Nur eine Person gegen die ‚gottverdammte Einsamkeit'“.

Sammlungen sollten Dose ein erfülltes Leben vorgaukeln. Per Kleinanzeige wünschte er sich „nur eine einzige Person, die mit mir in den Zoo geht“.

Journal Freitag, 25. November 2016 – Prä-Advent

Samstag, 26. November 2016

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An der Theresienwiese war’s bereits adventlich.

Nach einem crazy Arbeitstag in die Maxvorstadt gelaufen, um mein Smartphone endlich retten zu lassen. Jetzt sei es aber wirklich in Ordnung, versicherte der freundliche Schrauber und riet mir noch zur App Battery Life, um den Zustand meines Akkus im Blick zu behalten.

Daheim erst mal Wedges of Decadence gebacken für die samstägliche Thanksgiving-Einladung in Augsburg. Nach dem zweiten Schieben in den Ofen einen kräftigen Tequila Sunrise eingeschenkt, allerdings mit Mezcal, weil nur der da war, was gar nicht so gut schmeckte. Den zweiten auf Wodka-Basis, weil der wenigstens nach gar nichts schmeckt.

Her Kaltmamsell bereitete zum Nachtmahl freihändig Chinesisches, was sehr gut schmeckte (black beans!, Auberginen!, zartgemachtes Rindfleisch! Chillis!), allerdings nicht so richtig chinesisch.

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Ben Lerners Leaving the Atocha station ausgelesen – aber bloß, weil es so dünn ist, sonst hätte ich nach spätestens 100 Seiten aufgehört. Der Ich-Erzähler interessierte mich massiv gar nicht. Dass er ein Depp sein soll, ist schnell klar, doch er ist halt eine Sorte Depp, die mich langweilt. Kindisch, narzistisch, ohne interessante Beobachtungen und Reflexionen, nicht mal den Ort Madrid genoss ich (wie kann man dem Retiro so wenig Atmosphäre abgewinnen?).
Außerdem habe ich nach July, July, The Secret History, War of the Encyclopaedists und diesem Buch erst mal für lange Zeit genug von Drogengeschichten. Sie dominieren in Leaving the Atocha station die Handlung völlig (Kauf, bei wem anders abgreifen, Konsum, Bewusstlosigkeit, Upper, Downer, Analyse der Qualität, Kotzen, Panik weil daheim vergessen, überrascht feststellen, dass es heute auch ohne geht, nächster Konsum etc. at inf.), ohne irgendetwas dazu beizutragen.
(Was übrigens ein Grund war, dass ich mich seinerzeit so freute, nicht mehr zu rauchen: Mir wurde rückblickend klar, wie stark mein Tagesablauf vom Rauchen geprägt gewesen war.)
(Allerdings bin ich jetzt endgültig an dem Punkt, meine Jugend nicht mehr für langweilig zu halten, bloß weil Drogen keine Rolle gespielt haben – ich scheine nicht wirklich etwas verpasst zu haben.)

Meine Art Drogenkonsum:

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Vielleicht probiere ich es dieses Jahr doch nochmal mit Plätzchenbacken. Auf die apokalyptische Weise von Tilman Rammstedt:
„Makronen! Meine Fresse!“

Das war kein sehr schönes Jahr. Voller Auf und Ab, nur dieses Mal halt ohne Auf. Deshalb: Backen Sie diese dringend notwendigen Adventskekse. Versuchen Sie es wenigstens.

via @Buddenbohm

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Sie erinnern sich an die Friends-Folge, in der Rachel selbst Trifle machte? Und die Seiten des Kochbuchs zusammenklebten, so dass sie zwei Rezepte vermischte und Hackfleisch einarbeitete? Die wackeren Recken von Buzzfeed haben das tatsächlich ausprobiert.
„I Tried Rachel’s Trifle From ‚Friends‘ And It Was Pretty Awful“.

via @ankegroener

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Eigentlich scheint gesetzt, dass Frauen, denen wegen Krebs die Brüste entfernt werden mussten, diese rekonstruieren lassen. Doch anscheinend machen das immer mehr nicht – was ich sehr gut nachvollziehen kann. Die New York Times berichtet (mit Fotos) darüber:
„‘Going Flat’ After Breast Cancer“.

“Having something foreign in my body after a cancer diagnosis is the last thing I wanted,” said Ms. Bowers, 45, of Bethlehem, Pa. “I just wanted to heal.”

Journal Freitag, 18. November 2016 – Upper Eat Side wiederbesucht

Samstag, 19. November 2016

Sonniger Weg in die Arbeit.

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Die Morgensonne tauchte die Gipfel des Tollwood-Gebirges in Licht.

Ich stinke seit einigen Wochen wieder zum Gottserbarmen. Auch noch so brutale Deos sind machtlos (Gestank und Achselausschlag sind eine besonders unangenehme Kombination). Aus einigen Oberteilen bekomme ich den Odeur schon gar nicht mehr rausgewaschen. Letzte Maßnahme, um drohendes Wegwerfen zu vermeiden, wird sein: 24-Stunden-Bad in Wäschedesinfektion. Könnte das mit den Wechseljahren bitte ein wenig Tempo zulegen?

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Für den Abend hatte ich nach einigen vergeblichen Versuchen einen Tisch im geschätzten Upper Eat Side reserviert – vor sechs Wochen für gestern. Dabei freut mich wirklich sehr, dass das Restaurant so gut ankommt.

Auch gestern war alles wieder wundervollst.

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Der Rosé-Schaumwein zum Einstieg, ein Ferrari aus dem Trento, schön hefig, brotig und trocken.

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Als Gruß aus der Küche in einer Espressotasse ein Cappuccino mit Meerrettichschaum, Gurkenrelish drunter – köstlich (der Schnittlauch war auf einem Löffelchen serviert worden).

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Aus dem Vorspeisenangebot auf der Tafel hatten wir uns entschieden für (von rechts im Uhrzeigersinn): Isartaler Bouillabaisse mit Rouille aus süßem Senf, Rinderfilettatar und Himbeersenf mit selbst gebackenem Laugenstangerl, Renkenmatjes-Sashimi und Apfelingwer.

Als Hauptspeise gibt es weiterhin ein Stück für zwei vom Grill (darunter auch Saibling). Wir entschieden uns für das Mangalitza-Schwein (mit Kartoffeln und Grünkohl aus der Pfanne sowie Pflücksalaten). Dazu empfahl uns Wirt Jochen einen wirklich schönen Weißburgunder aus Baden, von Bernhard Huber – der am Anfang sogar etwas Animalisches hatte und sich von da ab interessant entwickelte; zur Schweinekruste bekam er sogar Waldmeisternoten.

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Davor gab es ein Kresse-Sorbet mit Federweißem und Sauerrahm – schmeckte weit aufregender, als es klingt.

Nachtisch wollten wir auch. Er kam in zwei Gängen.

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Tonkabohnenschaum auf Aprikose („Fruchtweißbier“), dann Himbeersorbet und Crème brûlée mit Shortbread.

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Weil ich mich so darüber gefreut habe, das hier getwittert.

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Hier können Sie sich das kleine Filmchen ansehen.

Dann aber doch nochmal gründlicher nachgedacht, warum ich glaube, dass das ein guter Dicken-Witz ist. Ich hatte Antje Schrupps Kriteriun für gute Witze über Frauen angewendet: Wenn sie auch in einer Welt ohne Geschlechterstereotypen witzig wären. Für den oben gilt: Wäre auch witzig in einer Welt, in der Dicke nicht stereotypisiert und diskriminiert würden. (Lasse mich aber gerne von Betroffenen korrigieren.)
Und dann sah ich mir das Filmchen noch ein paar Mal an.

Journal Sonntag, 13. November 2016 – Wir kaufen wirklich eine Gärtnerei

Montag, 14. November 2016

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Wir, das Kartoffelkombinat, kaufen also tatsächlich eine Baumschule in Spielberg und machen daraus unsere Gärtnerei. Das beschlossen wir gestern in einer außerordentlichen Generalversammlung. Hurra!

Aufsichtsrat und Vorstand präsentierten den Antrag in Einzelschritten (Immobilienkauf – Finanzierung des Kaufs – Konzept des Betriebs – Finanzierung des Betriebs). Nach jedem Schritt bat der Aufsichtsratvorsitzende um ein Stimmungsbild, mit den Farbkarten grün (dafür), weiß (na ja), rot (dagegen). So zeichnete sich auch Schritt für Schritt ab, dass der Gesamtantrag, der aus all den Schitten bestand, angenommen werden würde.

Tatsächlich hatten mich die politischen Ergebnisse der vergangenen Monate verunsichert. Als es hieß, dass sich unerwartet viele Menschen zur Generalversammlung angemeldet hätten (es waren 250, ein Viertel aller Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler), reagierte ich nicht sofort mit Freude – ich fürchtete, dass sich jetzt, kurz vor knapp, die Gegner und Gegnerinnen zeigen würden (und nicht schon auf den 20 Infoveranstaltungen und Besichtigungen der Baumschule in den vergangenen Monaten). Zumal nicht mal die Hälfte der Mitglieder weitere Genossenschaftsanteile (à 150 Euro) für eben diesen Kauf gezeichnet hatten – und das, wo doch die eigene Gärtnerei das erklärte Ziel des Kartoffelkombinats war und ist.

Doch dann stimmten 100 Prozent dem Kauf zu, alle. (Hier ein paar Fotos von der Generalversammlung.)

Was mir aber beim Blick auf unsere Genossenschaft mal wieder auffiel: Das ist schon eine sehr akademisch geprägte und homogene Gruppe. Gehöre ich damit schon wieder zu Ausgrenzerinnen und Elite und erzeuge Wut? Kann man sauer werden, wenn Leute wie ich auf die Folgen des Kaufs von Supermarktgemüse hinweisen? „Jetzt soll ich mir wegen politischer Korrektheit darüber AUCH noch Gedanken machen?!“ Wenn Leute wie ich sich für Alternativen engagieren? „Die hält sich wohl für besonders gescheit?! Wahrscheinlich sogar für etwas Besseres!“

Und schließlich: Sind vielleicht genau diese Sorgen von uns Liberalen am End‘ herablassend und arrogant?

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Nachmittags erste Weihnachtsstollen gebacken, die Charge zur Versendung an die italienische Verwandtschaft.

Journal Samstag, 12. November 2016 – #12von12

Sonntag, 13. November 2016

Das Fotoprojekt #12von12: Am 12. eines Monats über den Tag Fotos machen, mit 12 davon im Blog den Tag dokumentieren. Hier werden die Teilnahmen gesammelt.

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Ausgeschlafen. Da ich in der Nacht zuvor lediglich den Tisch abgedeckt und in Standardform gebracht hatte (von oval zu rund) sowie die Geschirrspülmaschine befüllt und angeschaltet, sah die Küche noch sehr nach Gästen aus. Mit diesem Rest befasste sich Herr Kaltmamsell (u.a. sind die Goldrandteller nicht Spülmaschinen-tauglich).

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Mein Frühstückskaffee. (Herr Kaltmamsell nimmt seinen an seinem Schreibtisch.)

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Wir hatten den Verdacht, dass die für die Amseln am Balkon ausgelegten Rosinen in den vergangenen Tagen in Krähenmägen verschwunden waren. Den beiden, die auf den Kastanien vorm Balkon saßen, legte ich Erdnüsse aus. Die ersten schnappten sie sich erst, wenn ich nicht mehr im Wohnzimmer war (im Gegensatz zu den anderen Vögeln begreifen die Krähen nämlich das Konzept Fenster und glauben mich nicht verschwunden, wenn ich die Balkontür schließe). Doch schon bei der dritten Runde Erdnüsse auf Balkonsims fürchtete sich zumindest eine der beiden nicht mehr vor mir.

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Buch zwei der Wochenend-SZ. Ich habe den Eindruck, dass die Medien sich in den vergangenen Monaten hauptsächlich mit denen befasst haben, die sie als „vergessen“, „ausgegrenzt“, „abgehängt“ bezeichnen – mit bösen weißen Männern. Die faktisch diskriminierten Bevölkerungsgruppen am Rand der Gesellschaft (in USA z.B. schwarze alleinerziehende Mütter, illegal Eingewanderte aus Mexiko) schienen nicht so berichtenswert. Da dies aber ein unbelegter, persönlicher Eindruck ist, misstraue ich ihm (Entscheidungen auf der Basis von Resentiments und Gefühlen sind eben genau keine gute Idee). Kennt irgendjemand Zahlen zur Berichterstattung in den deutschen Medien? Wie oft in welcher Kaufmedienart über welche US-Bevölkerungsgruppe berichtet wurde? Sie würden mich sehr interessieren.

Denn: Mussten diese weißen Männer wirklich Angst haben? Die FAZ beobachtet:
„Die Angst vor der weißen Wut“.

Auch als Präsident Obama gewählt wurde, hatten seine Gegner keine Angst. Ärger, Verachtung und eine Riesenwut, das ja. Aber niemand musste realistischerweise fürchten, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Niemand musste fürchten, seine Art zu leben hätte in den Vereinigten Staaten keinen Platz mehr und dürfte mit keinem Schutz mehr rechnen. Kein mühsam erkämpftes, inzwischen verbürgtes Recht war in Gefahr, wieder entzogen zu werden. Niemand brauchte Angst davor zu haben, wegen seiner Rasse, seiner Herkunft, seiner Religionszugehörigkeit, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung respektlos behandelt, ausgegrenzt, bedroht zu werden.

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Raus an die Isar zum Laufen. Das Wetter war kalt und düster, doch fürs Gemüt brauchte ich dringend mal wieder entspanntes Traben in schöner Umgebung. Das immer noch leuchtende Restlaub hielt gut gegen den düsteren Himmel an. Leider habe ich davon nur ein Foto, denn mein 100% geladenes Smartphone ging bereits nach 20 Minuten, in denen ich es lediglich zweimal zum Fotografieren aktiviert hatte, wegen Akku leer aus. Ich habe ein Problem.

Auf dem Heimweg lief ich gleich mal beim Apple-Schrauber ums Eck vorbei – und stellte fest, dass er mittlerweile durch einen Friseur ersetzt wurde. Kann ich also erst nächste Woche anpacken.

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Ich hatte Lust auf ein seltenes Vollbad. Bitte beachten Sie: Es handelt sich lediglich um eine perspektivische Täuschung, die das Buch mit Schaum bedroht.

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Auch Frühstück hatte ich mir auf dem Heimweg geholt. Mit der knusprigen Kruste der Ciabatta-Semmel riss ich mir gehörig den Gaumen auf.

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Die Bügelwäsche der vergangenen drei Wochen abgearbeitet (seine Hemden bringt Herr Kaltmamsell in die Reinigung – vier Hemden für acht Euro, selbst käme ich damit nicht mal auf Mindestlohn).

Ich hörte dabei das WDR-Radiofeature
„Spaniens geraubte Kinder“.

Dass im Spanien der Francozeit Regimegegnerinnen systematisch die Kinder weggenommen wurden, meist direkt nach der Geburt, ist ja eh ein immer noch unaufgearbeiteter Skandal. Doch dieses lukrative Geschäft wurde auch nach Ende der Diktatur weitergeführt, die katholische Kirche sorgte dafür. Man schätzt, dass insgesamt 300.000 Kinder betroffen sind. Margot Litten hat recherchiert, warum das bis heute keine rechtlichen Konsequenzen hatte, sprach mit Müttern auf der Suche nach ihren Kindern, mit Kindern, die ihre biologischen Eltern nicht kennen, mit Juristen, die vergeblich versucht haben, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Und wir sprechen hier von einem EU-Staat im 21. Jahrhundert. Als erzählt wurde, wie eine 99-jährige und eine 100-jährige baten, dass ihre DNA archiviert werde, für den Abgleich mit künftigen Funden in Massengräbern, und wie sie abgewiesen wurden, fing ich fast zu weinen an. (Unter anderem weil ich buchstäblich keine Ahnung habe, wie viele Leichen meine eigene spanische Familie im Keller hat. Ich weiß ja nicht mal, auf welcher Seite welche Angehörige meiner Großelterngeneration im Bürgerkrieg gekämpft haben.)

Das Feature weist auch darauf hin, dass die Rolle der katholischen Kirche im spanischen Faschismus bis heute nicht aufgearbeitet ist (war eines meiner Magister-Prüfungsthemen, in den 21 Jahren seither scheint nichts vorangegangen zu sein). Fast nichts ist in Spanien aufgearbeitet: Das Amnestiegesetz, das seinerzeit eine ungehinderte transición in die Demokratie ermöglichen sollte, verhindert das bis heute.

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Wir läuteten den Abend mit Manhattans ein.

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Zum Nachtmahl gab es die Cocido-Reste vom Vorabend.

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Und die Nachtisch-Reste.

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Es gibt Schlafwandler. Und es gibt Zahnputzwandler.

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„Trump confirms that he just googled Obamacare“.

“I Googled it, and, I must say, I was surprised,” he said. “There was a lot in it that really made sense, to be honest.”

Wann tritt er sein Amt an? 20. Januar? Dann hat er noch gut zwei Monate, sich in die Themen einzulesen, die er für seinen Wahlkampf zerfetzt hat. Prima.

Journal Freitag, 4. November 2016 – Vergiftetes Balzverhalten

Samstag, 5. November 2016

Da ich nach der Arbeit noch ein paar Besorgungen vorhatte, nahm ich das Rad. In der Abenddämmerung nach einem wundervoll sonnigen Tag eine Stunde in Neuhausen und Schwabing unterwegs gewesen – wunderbare Gerüche, großartiges Licht.

Auf der Suche nach einer bestimmten Spirituose suchte ich einen Weinladen auf, den ich bis dahin nur vom Vorbeifahren kannte – vielleicht gab es da ja auch interessante Schwerpunkte an Wein. Die Spirituose bekam ich, doch in einer Weinhandlung, die durchdringend nach Zigarettenrauch riecht, will ich mich sicher nicht weiter umsehen.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell Entenbrust zu, mit Blaukraut und Äpfeln aus Ernteanteil. Zum Nachtisch gab es einen Pastinaken-Buttermilch-Pie, mit dem er noch mehr Ernteanteil aufgebraucht hatte.

§

„7 Reasons So Many Guys Don’t Understand Sexual Consent“.

Eine sehr wichtige Beobachtung und das Pragmatischste, was ich bislang zum Thema gelesen habe. Das immer noch gängige Narrativ der Filme und Geschichten unserer Kultur lautet nämlich: Ein echter Mann zwingt Frauen seinen Willen auf, woraufhin sie sich in ihn verliebt / Frauen müssen abweisend und unnahbar spielen, um begehrenswert zu sein. Das gehört für mich definitorisch zu dem, was ich unter rape culture verstehe.

Long before I was old enough to date or even had female friends, it was made more than clear: In any relationship, men are the predators, women are the prey. Their expressions of fear and rejection — including defensive physical attacks — are a coy game to be overcome, like a tricky clasp on a bra.

(…)

Women gain power through rejecting men, and those rejections have nothing to do with how they truly feel.

(…)

If someone had come in and told teenage me that „groping“ a woman or forcing kisses was a form of sexual assault, I’d have been very, very confused. You just called most of the action heroes of my childhood serial rapists! „And what if it makes her fall in love with him?“

(…)

The alternative is to recognize that ridding guys of toxic attitudes toward women is a monumental task. I’ve spent two solid decades trying to deprogram myself, to get on board with something that, in retrospect, should be patently obvious to any decent person. Changing actions is the easy part; changing urges takes years and years.

Die Aufzählung erinnert mich daran, wie ich sowas schon als Teenager „Spielchen“ nannte und wie ich es schon damals verachtete: Ich muss irgendwas vorgeben? Warum nochmal? Und dass ein Mann meine expliziten Wünsche missachtet, soll ihn attraktiv machen? Kapiere ich nicht. Genauso wenig glaubte ich jemals den Mythos „Männer wollen nur das Eine“. (Oder ist es am End‘ mein Fehler, dass ich nicht hinter jedem offensichtlichen Verhalten eine hidden agenda vermute?)

Die armen Hetero-Burschen. Ich erinnere mich an den an sich sympathischen Studenten, der während meines Studienjahrs in Wales auf einer Tanzfläche ernsthaft zu mir sagte: „You need somebody to take care of you.“ Sonst begegnete ich eigentlich auch der bescheuertsten chat up line zumindest höflich (weil ich ja wusste, wie viel Unsicherheit und Mut meist dahinter steckten), aber in diesem Fall brach ich in haltloses Lachen aus: „Do I really look like I can’t take care of myself?“ Es tut mir bis heute leid – ich hoffe, ich hatte genug deutschen Akzent, dass der Herr das unter „German lack of humour“ verbuchen konnte.

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Soso, der nächste klinische Versuch mit hormoneller Empfängnisverhütung bei Männern wurde abgebrochen, wegen zu vieler Nebenwirkungen (z.B. Akne, Stimmungsschwankungen). Das las sich für mich wie eine absolut erwartbare Nicht-Nachricht. Doch anscheinend stecken recht interessante Details dahinter, wie Laurie Penny berichtet:
„Are you man enough for birth control?“

Es waren nämlich nicht die Testpersonen, die den Versuch abbrachen, sondern die Forscherinnen und Forscher.

It seems to have been determined that these side effects are too arduous to make the product commercially viable. We can only speculate as to why this conclusion was arrived at. The bottom line is the assumption that men should never have to put up with even a fraction of the unpleasantness that so many women go through on a monthly basis in the name of preventing pregnancy — even if they’re willing to do so.

Which, it seems, many of them are. Speaking about this with friends and on social media, I was stunned by the number of men who said they’d be prepared to try out hormonal contraception — for all sorts of reasons. Some of them had partners who were unable to take the pill. Others simply wanted better protection from unwanted pregnancy. More than a few, seeing how their wives and partners suffered with hormonal birth control, said they’d be happy to take on that burden instead. Suspicious as I am of the “gentlemanly” agenda, that impulse strikes me as genuinely chivalrous in the most modern of ways.

Journal Donnerstag, 3. November 2016 – Bewegung messen

Freitag, 4. November 2016

Weihnachtswinterflucht ist gesichert: Eine knappe Woche in Palma de Mallorca soll mir die düsterste Zeit des Jahres verkürzen. Märkte, Restaurants, Ausflüge, vielleicht sogar eine kleine Wanderung.
Und ich habe für die kommenden Arbeitswochen etwas, wovon ich runterzählen kann.
Gestern bekam ich aber auch in München Sonne, wenn auch mit frischen Temperaturen.

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Seit knapp zwei Monaten messe ich meine körperliche Bewegung mit dem Xiaomi Mi Band 2. Das funktioniert so mittel: Auch dieser Tracker ist wie die meisten auf Schritte ausgerichtet und zählt weder Schwimmen noch Krafttraining. Letzteres stelle ich mir ohnehin technisch schwierig vor, deshalb wundert mich, dass das Mi keine manuelle Eingabe ermöglicht. Das mit dem Schwimmen ist besonders seltsam, da sich die kleine Kapsel sogar als wasserfest erwiesen hat. Userberichte und Produkttests waren sich zur Wasserfestigkeit nicht einig, doch ich probierte sie einfach aus: Wenn ich den Tracker nicht fürs Schwimmen nutzen konnte, war er ohnehin für mich wertlos. Und dann stellte er sich zwar als wasserfest heraus – zählt aber Schwimmen gar nicht als Aktivität. Fahrradfahren schon, seltsam.
Außerdem hat die Smartphone-App Schluckauf, zählt einen Tag doppelt, hängt dadurch einen Tag hinterher (auch nach Versionsupdate).
Was überraschenderweise gar kein Problem ist: Das Tragen am Körper. Ein Armband macht mich schnell wahnsinnig, doch zum Glück ist die entfernbare Kapsel klein. Ich verstaue sie einfach im BH. (Hosentasche ginge auch.)

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An Demokratie kann man schon mal verzweifeln. Bis vor kurzem war ich eher auf einen Lacher aus, wenn ich nach Lästereien über haarsträubende Dummheiten von Mitbürgern und Mitbürgerinnen darauf hinwies: „Und die dürfen alle wählen!“ Seit ein paar Jahren und der immer stärkeren Abwendung von faktenbasierten Einschätzungen scheint das aber ein echtes Problem zu werden.

Umso interessierter las ich den Artikel im New Yorker:
„The Case Against Democracy“.

Einerseits:

… democracy does have a fairly good track record. The economist and philosopher Amartya Sen has made the case that democracies never have famines, and other scholars believe that they almost never go to war with one another, rarely murder their own populations, nearly always have peaceful transitions of government, and respect human rights more consistently than other regimes do.

Dann wägt der Aufsatz verschiedene alternative Modelle gegeneinander ab: Regierung durch nachweisbar Geschulte, Wahlrecht abhängig von einer Art Staatsbürgerprüfung etc.
Es scheint darauf hinauszulaufen, welchen Wert eine Gesellschaft priorisiert: messbares gesellschaftliches Wohlergehen oder Gerechtigkeitsgefühl gegenüber der Staatsform. Letzteres scheint mir für Frieden und Stabilität entscheidend.

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Lustige Geschichte:
„Wir haben Billigwein mit einem Sommelier getestet“.

Auch wenn die Redaktion sich anschließend trotzdem mit der restlichen Billiplörre zuballert: Sie scheint ein bisschen gelernt zu haben.

§

Schaun’s: Man kann also doch über einen Onlinetrend schreiben, ohne daraus den Untergang der Zivilisation zu folgern oder alternativ einen kurz bevorstehenden Weltfrieden. Sondern ihn halt ausgewogen beschreiben.
„Click plate: how Instagram is changing the way we eat“.

Increasingly, we are being influenced not just in the types of food that we eat, but how we cook and eat that food. The Waitrose report also states that almost half of us take more care over a dish if we think a photo might be taken of it, and nearly 40% claim to worry more about presentation than they did five years ago. We might include a garnish of picked thyme leaves to bring a pop of colour to a lemon drizzle cake, even if that thyme doesn’t really stand strong against the punch of the citrus.

(…)

Posting food on social media can reframe the ways that we interact with food on a fundamental level. When we document the food we eat, taking time to relish, share and even be proud of it, we also destigmatise it. Although #cleaneating, weight loss and #cleanse food photographs on Instagram have created a shaming, toxic subculture of foodphobia and guilt, there is a still greater faction of foodie social media that rallies against that nastiness.

(…)

If you want to post your meal online, post away. Upload a picture of that sausage and mash. Don’t worry that the light is dim, that the gravy sloshes in a swampy pool across your plate. Sharing is a generous act, but perfectionism smothers that goodness. Upload the unfiltered, ugly pictures of your failed birthday cake, or your fish and chips in grease-soaked paper. Or, if you want to fuss over the exact positioning of four blueberries on top of a smoothie bowl for an hour before you tuck in, do that – but don’t forget to enjoy your food. Eat what, and how, you want.