Essen & Trinken

Journal Montag, 22. September 2014 – Salaam in Lederhose

Dienstag, 23. September 2014

Morgenkaffee wieder vom Mitbewohner in der Bäckerei erjagt.

Um acht kam der Maler für den nächsten Schritt in der Küche.

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Es war ziemlich kalt geworden, ich brauchte zum Radeln in die Arbeit erstmals wieder Ledermantel.

Heftige, lange und verschiedene Arbeit.

Wie schon vergangenes Jahr hatte sich der Biergarten unterm Bürofenster in ein Mini-Oktoberfest verwandelt: Er liegt direkt an der Hackerbrücke, der S-Bahnhaltestelle, an der die meisten Besucher des Oktoberfests aussteigen. Und nun dudelt ab morgens Partymusik aus Lautsprechern (Roberto Blanco bis Herbert Grönemeyer), ab 14 Uhr immer häufiger übertönt vom Gröhlen Betrunkener.
Jedes Stückchen Grün im gesamten Häuserblock ist mit mannshohen Gittern umstellt, um die Wildpiesler wenigstens ein bisschen fernzuhalten.

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Abendessen im Sara Grill – wieder köstliche Grillspieße, exotisches Fladenbrot mit leichter Pfannkuchennote, aromatisches Sauergemüse.

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Als in meinem bodengerichteten Blickfeld ein Paar Haferlschuhe auftauchte, wurde mir klar, dass ich nicht mal hier vor Oktifest-seligen Lederhosenträgern in Tischdeckenhemden sicher war. Was ich allerdings in Ordnung fand, als der entsprechend Gekleidete den Bedienerich herzte und mit “Salaam” grüßte.

Auf dem Heimweg noch an der arabischen Bäckerei Nawa in der Landwehrstraße hängen geblieben, gefüllte Kekse gekauft (Walnuss / Datteln / Pistazien) und ein Schälchen weißes Dessert, das der Herr hinter der Theke uns als “Milchpudding” erklärte. Ich wollte dann auch noch den Originalnamen wissen: Mihallabiyya (er musste ihn zweimal sagen, bis ich mich nachsprechen traute – das erste I hört man eigentlich nicht). Er schmeckte sehr gut, deutlich nach Kardamom.
Die Kekse waren sehr gut, deutlich frischer und mürber als die, die ich vor ein paar Wochen in der Schwanthalerstraße gekauft hatte. (Im Umkreis von 200 Metern öffneten vergangenen Winter auf einen Schlag drei arabische Bäckereien.)

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Stand der Küche, nachdem der Maler die Wände schön glatt und malbar gemacht hat.

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Jo Lendle probiert als Chef des Hanser Verlags aus, was mit E-Books so geht – zum Beispiel die Veröffentlichung von einzelnen Texten, die für ein eigenes gedrucktes Buch zu kurz wären (ich denke sofort an Stephen Kings Different Seasons, dessen vier Geschichten ja nur deshalb als Buch zusammen veröffentlicht wurden, weil sie einzeln zu kurz waren): Die Hanserbox.

Ich war ja sehr gespannt gewesen, welche praktische Auswirkung seine grundsätzliche Haltung zur Zukunft des Buchs haben würde: Diese gefällt mir sehr, zumal sie wahrscheinlich auch verlagsintern gut verträglich ist, dennoch ein anderes Lesen und Lesenkaufen eröffnet. Hier die Vorschau der Hanserbox.

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Wer hätte gedacht, dass doch noch mal der Tag kommen würde, an dem ich mir ein Make-up Tutorial ansehe? Ganz!

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Das dörfliche China verschwindet. Wang Yuanling versucht dieses Verschwinden mit seinem Fotoapparat festzuhalten.
“Quiet, haunting photos of vanishing villages in China’s rural countryside”.

In his project The Degradation of Villages, Chinese photographer Wang Yuanling gives us a glimpse into a vanishing world. China’s near miraculous economic transformation has resulted in the largest internal migration in human history. As over 160 million Chinese, many of them young people, left their rural villages for the booming urban centers and the promise of a better life, the aging and the elderly were left behind in forgotten areas. Wang’s project focuses on just one of these places, a village in the Daba Mountains of remote Sichuan province.

Journal Samstag, 20. September 2014 – Hoffest im Kartoffelkombinat

Sonntag, 21. September 2014

Ungewöhnlich lang geschlafen, nach halb neun sah der Mitbewohner besorgt nach mir (Nichtaufstehen ist gerne mal ein Hinweis auf Migräne). Doch vermutlich fand mein Organismus ohne Morgentermin und ohne Aussicht auf Kaffee schlicht keinen Anlass zu endgültigem Wachwerden. Angenehmerweise ließ sich der Mitbewohner zum Holen von Togo-Kaffee in einer benachbarten Bäckerei manipulieren.

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Kurzer Einkauf in der bereits zu 95% verdirndelten Innenstadt. In der Drogerie Hela sah ich mich beim Anblick der Verkäuferinnen gezwungen, mit “Hollereidulljö” zu grüßen statt mit Grüß Gott. Um nicht zum naheliegenden Helau zu greifen.

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Auf Twitter berichtete ich, dass meine Mutter sich zum 70. Geburtstag ein Fest mit Landhauskleidung wünscht. Und klagte, dass ich nur noch knapp 3 Wochen habe, genug Liebe für eine unzynische Kleidungsidee zusammenzukratzen – schließlich ist es ihr Geburtstag, und ich möchte gerne endlich die Pubertät überwunden haben, in der ich meine Idiosynkrasien selbst bei solchen Anlässen über schlichte Freundlichkeit stelle. Und im Freundeskreis meiner Eltern (Mischung aus gebürtigen Oberbayern und Oberbayerinnen mit vielen zugezogenen aus Franken, Osnabrück, Berlin, Madrid) gilt halt als schönster Festtagsschmuck, was noch vor 30 Jahren Rindern beim Almabtrieb vorbehalten war.

In diesem Fall zeigte sich, wozu all die #609060-Fotos der vergangenen Jahre gut waren: Hilfreiche Twitterinnen empfahlen gezielt Kleidungsstücke aus dieser Bilderreihe, mit denen in Kombination mit Trachtenhalstüchern und Brezelschmuck Landhaustaugliches wird. Problem gelöst! (Ich liebe das Internet.)

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Wir vom Kartoffelkombinat feierten am Nachmittag und Abend ein Hoffest in der hauptbeliefernden Gärtnerei. Da es vormittags heftig geregnet hatte, entschied ich mich gegen Radeln ab S-Bahnhof und freute mich über den Shuttleservice, den die Organisatoren bereitstellten.

Schon am S-Bahnhof Karlsfeld erkannten wir Genossenschaftler einander an Kuchen und Schüsseln im Arm (ich in Ermangelung einer Küche leider ohne) oder Gummistiefeln an den Füßen.

Es war eine wundervolle Atmosphäre zwischen und in den Spätsommersonne-beleuchteten Gewächshäusern. Genossenschaftsgründer und Vorstandsmitglied Daniel zeigte uns die Gärtnerei, führte ins Thema Hybrid-/samenfeste Pflanzen ein, mit dem gerade experimentiert wird (und wieder lernte ich: Es ist kompliziert), erzählte vom derzeitigen Stand der Genossenschaft (500 Haushalte, gerade beginnen 40 weitere die Testphase), erläuterte anhand von Details wie Gewächshausbeheizung (nein) neueste Entwicklungen in der globalen Landwirtschaft sowie Struktur und Hintergründe des Kartoffelkombinats. Ich fühlte mich bestätigt, dass ich hier richtig bin: Schmunzelnd berichtete Daniel von den entsetzten Reaktionen befreundeter Unternehmer und Start-up-Gründer, wenn er in solchen Kreisen von der gründlichen Missachtung betriebswirtschaftlicher Glaubenssätze berichtet. Nein, es wird nicht so viel Gewinn herausgeholt wie möglich. Nein, es werden nicht so niedrige Preise und Gehälter gezahlt wie möglich. Aber auch: Nein, das hier ist keine Dienstleistung wie die Ökokiste, sondern ein Gemeinschaftsprojekt aller Mitglieder.

Das war, so erfuhr ist, das erste Hoffest, das ganz von den Genossen und Genossinnen organisiert wurde – für die Gründer und Manager ein Zeichen, dass sich die Unternehmung in die richtige Richtung entwickelt, dass sich immer mehr Mitglieder aktiv beteiligen.

Es gab Tomatensorten zu probieren (meine Lieblinge waren die kleine Favorita und die gelbe Ochsenherz):

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Eine herzliche Begrüßung:

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Interessantes während der Gärtnereiführung: Das hier ist abgeerntete Minze, die sich bis zum nächsten Jahr selbst überlassen wird. Sollten die hübschen Käfer überhand nehmen, leiht sich die Gärtnerei einige Hühner vom Nachbarn aus, die dann eine Woche in diesem Gewächshaus leben und die Käfer wegfressen.

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Gewächshaus, unbeheizt (rechts wachsender Pak Choi, ganz links Tomaten in Endphase):

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Sieht belanglos aus, ist aber das angrenzende Stück Land, das wir sehr gerne pachten würden, um viel mehr im Freiland anzubauen als bisher (vor allem Lagergemüse für den Winter, also Wurzeln). Doch der Bauer, dem der Grund gehört, mag einfach nicht recht. Der verhandelnde Daniel meinte, dass er auch hier viel lerne, was in keinem Buch über Betriebswirtschaft steht.

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Wenn ich schon Gummistiefel anhatte, wollte ich sie auch ausnutzen (ich musste allerdings suchen, bis ich eine wirklich befriedigende Pfütze fand):

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Köstlichkeiten vom Buffet, der Salat frisch geerntet:

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Nicht abgebildet unter anderem:
– Kinder, die mit frisch geernteten Karotten am Grün herumliefen, immer wieder daran knabbernd.
– Ein riesiger Wasserkessel, in dem vor Ort gemachte Gnocchi gekocht wurden, serviert mit vor wenigen Wochen gemeinschaftlich eingekochtem Tomatensugo.
– Die beiden Bienenvölker, an denen eine Gruppe Genossenschaftlerinnen seit Anfang dieses Jahres das Imkern lernt, das vielleicht irgendwann in Jahren zur Versorgung der Genossenschaft mit Honig führt.

Journal Donnerstag, 18. September 2014 – Geburtstagswagyu

Freitag, 19. September 2014

Wenn ich mir eh keinen Kaffee machen konnte, konnte ich gradsogut zum Sport radeln. Also ein Stündchen an Geräten gedrückt und gehoben. War ungewohnt anstrengend, ein wenig Sorgen bereitete mir die deutliche Schwäche meines linken Arms. Dass die durch Knochensporn im Halswirbel beengten Nerven zu konstanten mittelleichten Schmerzen und regelmäßiger Taubheit in Schulter und Arm führen, darauf bin ich ja eingestellt. Doch Kraftverlust hatte der Neurochirurg als irreversibel bezeichnet.

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Wundervolles Spätstsommerwetter, durch das offene Bürofenster kam herrliche Luft herein.

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Küchenstand, nachdem der Elektriker die Leitungen nach meinen Steckdosen- und Lichtwünschen verlegt hatte.

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Die Steckdose rechts über der Spüle ließ er eigens durch Telefonanruf nochmal verifizieren. Aber ja: Wenn ich nach heißem Wasserbad die Mischung durch kaltes Wasserbad schnell abkühlen möchte, brauche ich für den Elektromixer eine Steckdose bei der Spüle, und zwar oben, weil Wasser und Strom.

Der Mitbewohner erzählte, die Arbeiten seien sehr, sehr laut gewesen. Es sei eine Nachbarin aus dem Nebenhaus vorbeigekommen und habe sich besorgt erkundigt, wie lange das noch gehen werde. Ich hatte zwar einen warnenden Zettel an den Eingang unseres Hauses gehängt, aber nicht das Nebenhaus bedacht – die geplagte Dame arbeitete in dem Büro, das direkt an die Küche grenzte. Ich erinnere mich noch zu gut und mit Schrecken an den Lärm, den vor anderthalb Jahren die Komplettrenovierung der Wohnung über uns verursacht hatte, vor allem die Mauerarbeiten.

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Zur Feier des Mitbewohnergeburtstags gab’s Fleisch in einem darauf konzentrierten Lokal, dem Goldenen Kalb. Wir hatten ein T-Bone vom Wagyu, aus dem Reifeschrank ausgesucht, das ausgezeichnet schmeckte. Auch die Artischocke, die ich als Vorspeise aß, war sehr gut (mit Korianderkörndln zwischen den Blättern gekocht, gute Idee). Doch es ist schon arg laut im Lokal, auch dunkel (deshalb keine Bilder), eher was für größere Gruppen.

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Nicht frisch, aber gerade erst entdeckt:
“What do you get when you take a former Australian prime minister’s epic ‘Misogyny Speech’ and set it to music? This.”

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Schlimm, wenn jemand einen schlimmen Tag hat, an dem praktisch alles daneben geht. Seit es Blogs gibt, können sich zumindest andere daran ergötzen.
“Blogging November – 1051″.

Als ich die Brille wieder aufsetzte, sah die Küche aus, als habe jemand aus der Achterbahn gekotzt. 30 qm Fußboden, Tisch, 4 Stühle, 2 Arbeitsplatten, 2 Kaffemaschinen, Kühlschrank, Schränke. Alles voll. Mit Stücken.

Meine erster Reflex war, wegzugehen und so zu tun, als wäre nichts gewesen. Leider steht mir diese Option im Büro nicht zu Verfügung, da ich dort eine Person spiele, die alles total im Griff hat.

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Wir hier auf der unglaublich weltgewandten und mondänen Vorspeisenplatte wissen natürlich, dass in USA immer noch per Scheck gezahlt wird, inklusive Miete und Einkommen. Dank dem Techniktagebuch-Korrespondenten André Spiegel wissen wir jetzt aber auch, dass es in den USA banktechnisch vorwärts geht. Wenn man unter “vorwärts” wie André Spiegel “Postkutsche mit Tastatur” versteht:
“1776ff.”

Journal Mittwoch, 17. September 2014 – Schnitzelgartennachschlag

Donnerstag, 18. September 2014

Der letzte selbst gemachte Morgenkaffee bis auf Weiteres, denn um acht kamen die Handwerker: Zwei Herren, die die vorhandene Küche beseitigen sollten, ebenso die Wandfliesen. Das übernahm nämlich in unserem Fall interessanterweise gleich die Firma der Installateurin. Diese kam dazwischen vorbei und sah sich die bereits freigelegten Wasseranschlüsse an, testete zudem, wie gut die Kacheln von der Wand zu entfernen sind. Sie war zuversichtlich, meinte aber, dass voraussichtlich auch am Samstag gearbeitet werden müsste – je nachdem, wie heftig der Elektriker am Donnerstag die Wände rannähme.

(Jetzt muss ich einen Absatz lang von der umwerfenden sommersprossigen Niedlichkeit dieser urbayerischen Installateurin schwärmen, auf die Gefahr hin, das könnte wirken, als nähme ich sie nicht ernst. Dabei nahm ich sie echt ehrlich ungeheuer ernst, wie sie da in Hosenanzug und Ballerinas unter die Spüle kroch, um kurz mal nach dem Leck zu sehen, von dem ihr Mitarbeiter gesprochen hatte, und wie lediglich hin und wieder ihr hochgewurschtelter Blondschopf hervorlugte. Ein bestimmter Typus Frau mit Werkzeug macht mich überfallartig verliebt.)

10.15 Uhr kam der Mitbewohner aus der Schule (hatte nur die ersten beiden Stunden zu unterrichten) und ich radelte ins Büro.

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Hochkonzentrierte Arbeit, während unten im Biergarten echter Altweibersommer ausbrach.

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Erste Mahlzeit ohne Küche war dann auch ein wunderbarst überraschender Nachschlag im bereits verabschiedetem Schnitzelgarten.

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Wir hatten enormes Glück, noch eine Tischdecke zu erwischen, die nicht bereits zu Hemden für Oktifestverkleidung verarbeitet war.

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Stand der Küche:

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Journal Freitag, 12. September 2014 – italienische Entdeckung

Samstag, 13. September 2014

Nachts eine Weile halbwach gelegen, weil mein Hirn statt zu schlafen Küchenausbau und -umräumen planen wollte.

Morgens vom Wecker aus Tiefschlaf gerissen worden.

Crosstrainerstrampeln zu immer stärkerem Regenrauschen.

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Die Unternehmensstruktur in manchen besonders durchoptimierten Großunternehmen lässt mich an das spanische Hofzeremoniell denken: Immer weitere Abteilungen für Change Management, Prozessoptimierung, Qualitätssicherung – das hat schon was von einem System, das zum einen dazu gedacht war, möglichst vielen Menschen eine Aufgabe zu geben, mit der sie sich ausreichend anerkannt und wichtig fühlen und die sie nährt, zum anderen der Selbstbestätigung der Insitution diente.

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Dies hier wurde mir auf Twitter nahegebracht durch den Titel:
“Kunst lieben leicht gemacht.”
“We go to the gallery!”

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Abends ging ich mit dem Mitbewohner aus: Italienisch essen, und zwar in das Lokal, über dem ich arbeite. Aus dem Fenster hatte ich viele Monate den Betrieb im Biergarten gesehen und gehört, mit seinen italienischen Kellnern – keiner davon jung, alle mit weißem Hemd und Krawatte – und seiner emsigen Professionalität.
Ob der Wirt vormittags eindecken ließ oder nicht, verriet mir die Wetteraussichten für den Nachmittag besser als jede Wetterfroschleiter.
Auch hatte ich dort bereits Kleinigkeiten gegessen, deren Qualität ahnen ließ, dass die Küche mehr konnte als die meist bestellten Pizzen. Auf anständige italienische Hausmannskost wies auch die Tageskarte hin, die ich mir hin und wieder ansah: immer saisonal ausgerichtet und mit großer Bandbreite. Nicht zuletzt machte auch das Hintergrundpersonal, dem ich hin und wieder im Müllkeller begegnete, einen freundlichen und gepflegten Eindruck.

Wir bestellten beide das fünfgängige “Überraschungsmenü” und aßen wirklich gut. Ich hatte vorsichtig gefragt, ob denn auch Kalabresisches im Menü sein würde (auf seiner Speisekarte an der Straße gibt das Lokal diesen Schwerpunkt an), und der weißhaarige Kellner sicherte uns das zu. Er bat uns, zwischen Fisch und Fleisch zu wählen, wir entschieden uns für Fisch.
(Ich bitte um Verzeihung für die Bildqualität: Wir saßen sehr schön und kuschlig an der Fensterfront, aber dadurch auch weit weg von Beleuchtung.)

Als Start gebratene Steinpilze auf Salat: Wunderbar saftige und aromatische Pilze, schön bittere Salatstreifen.

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Roher Thunfisch mit Meeresfrüchtesalat – frisch und rund mit fruchtigem Olivenöl.

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Hausgemachte Ravioli mit Steinpilzfüllung, einer klaren Tomatensoße und Thymian – schöne Kombination von Wald und säuerlich. Das Mozzarellabröckerl hätte es nicht mal gebraucht, doch es lehrte mich, dass die hier verwendete Mozzarella von hoher Qualität ist.

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Und dann der Knaller: Die kalabresische Fischsuppe – riesige Stücke saftiger Fisch, darauf ein Garnelenschwanz, in angenehm scharfer Brühe.

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Nachtisch gab’s auch noch: Ein Orangen-Tiramisu, wunderbar fruchtig, mit ein wenig Obstsalat.

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Als Wein empfahl uns der Kellner einen schlichten Trebbiano d’Abruzzo, der die Tagesemfehlung und gut war. Auf ausführlichere Diskussionen darüber war er offensichtlich nicht eingestellt. Doch da das Lokal in erster Linie pizzahungrige Laufkundschaft bedient, nehme ich an, dass wir uns dort erst ein wenig bekannt machen müssen um herauszufinden, ob der Wirt vielleicht doch einen interessanten Weinkeller hat. (Über den Aperitiv, der als Prosecco mit Maracuja, Ingwer und Minze angekündigt war, dann aber wie ein schichtes Prosecco-Maracuja-Schorle daher kam, sagen wir jetzt mal einfach nichts. Außer, dass ich es hiermit doch getan habe.)
Gutes kann ich auch über den abschließenden Espresso sagen, ein aromatischer Fingerhut voll. Und dann bekamen wir auch noch einen Limoncello und ein Gläschen Grappa ausgegeben.

Ich möchte doch SO gerne auch mal selbst einen Restaurantgeheimtipp entdecken. Nach nur einem Besuch lässt sich das natürlich nicht beurteilen, aber hier könnte ich einem auf der Spur sein.

Journal Dienstag, 9. September 2014 – Clowns zur Bahn

Mittwoch, 10. September 2014

Zerschossener Schlaf mit frühem Ende bei Gewitter und Regen.

Kein Sport.

Statt dessen eine hinreißende Entdeckung: Die Deutsche Bahn räumt auch Menschen mit ausgefallenen Ausbildungen eine Chance ein.

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Nachtrag: Wie Sie vielleicht am Scrollbalken erkennen, endet die Liste möglicher Ausbildungsberufe für die Bahn mit dem Buchstaben D. Irgendwas ist ja immer.

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Wegen Urlaubs einer Kollegin in immer düsterere Tiefen der Stundenabrechnung und Rechnungsstellung geschickt worden. Wenn das so weitergeht, brauche ich wirklich eine Excelschulung.

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Zum Nachtmahl versuchte sich der Mitbewohner ein weiteres Mal an Spaghetti Carbonara – er träumt von den gelb-cremigen, die wir in Rom bekamen. Doch trotz Guanciale, viel Parmesan und (selbstverständlich!) keiner Sahne war das Ergebnis recht weit entfernt von unseren Erinnerungen.

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Metaglosse auf Bahnglossen:
“Wenn die S-Bahn mal wieder im Tunnel hält”.
Aber genau das macht ja einen Reiz des Bahnfahrens aus: Man erlebt was. Autofahrten geben nur einen Bruchteil der Geschichten her.

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Die FAZ hat einen Troll besucht und ihn portraitiert:
“Hass im Netz. Ich bin der Troll”.

Als ich die Geschichte am Montag las, fand ich sie nicht so richtig interessant: Sie rennt offene Türen ein, denn genau so haben wir uns die geifernden Hater in den Kommentaren von Zeitungen online immer vorgestellt. Also ein bisschen Hund beißt Mann.
Doch gestern bekam dieser Troll eine ungefilterte Möglichkeit, die Geschichte über sich zu kommentieren. Und wie bei Sexismus und bei Gerhard Polts Fast wia im richtigen Leben gibt es nichts Entlarvenderes als das Zitat, gesamt und im Kontext:
“Man hat es mir gegeben”.

Heutzutage ist es auf Grund der im Grundgesetz verankerten freien Meinungsäusserung schwierig, mit justiziablen Mitteln Freidenker einzuschüchtern, deshalb auch die Medienwillkürliche Zensur, um das politisch inkorrekte zu unterdrücken, denn die meisten Medien zeigen immer mehr Staatsdevotismus, vor allem bei brisanten Themen, und wenn diese auch noch populistisch sind, dann um so mehr.

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Ebenfalls in der FAZ: Der NSU-Abschlussbericht als Literatur gelesen. Ein nachvollziehbares Mittel, des Entsetzens Herr zu werden.
“Wie kaputt ein Teil dieses Landes sein muss”.

Ja, dieser Bericht ist ein großer Roman, weil man hier viel mehr über die deutschen Lügen und Leidenschaften erfährt als in den Büchern von Martin Walser oder Uwe Tellkamp; weil sich die menschliche Natur durch diese vielen Widersprüche und Lügen so schonungslos und unmittelbar offenbart wie in den Werken von Tolstoi. Und diejenigen, die sich hier immer wieder so erhellend widersprechen und lügen, unterscheiden sich nur in einem von den Helden der echten Romane: Sie können sich selten erinnern.

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Es gibt für alles ein tumblr, zum Glück. Zum Beispiel für einen ganz bestimmten schrägen Blick: Side eyes.

Journal Sonntag, 7. September 2014 – Abschiede (Sekretär und Freibadsaison)

Montag, 8. September 2014

Sehr früh aufgewacht, schnell festgestellt, dass mit Weiterschlafen nichts ist. Also Brotbacken vorgezogen.

In den Gärphasen des Teigs den Sekretär ausgeräumt und gereinigt. Er enthielt deutlich weniger Inhalt als geschätzt – das Ding nahm wirklich einfach nur Raum weg. (Und womit fülle ich jetzt die übrigen vier der sechs bereits bestellten Deko-Boxen?)

Mach’s gut Sekretär. Ich war in der Kollegstufe sehr stolz darauf, dich statt eines normalen Schreibtischs zu haben und schätzte die Diskretion des Rollladens. Die Jahre allein im Haus meiner Eltern hattest du es vermutlich besser als in denen, nachdem ich dich nach München holte (weil der Mensch doch einen Schreibtisch braucht). Ich hätte gerne etwas Wichtiges auf Dir geschrieben in den vergangenen Jahren, aber es hat nicht sollen sein. Zudem warst du einfach nicht für bequemes Laptopschreiben gemacht.

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Großer Eichhörnchenspaß am sonnigen Spätsommervormittag: Bis zu fünf Stück jagten einander vor unserem Balkon, hüpften auf den Ästen und der Wiese herum. Anziehungspunkt: Ein kleiner, unscheinbarer Walnussbaum.

Auch die Krähen interessierten sich für diesen Baum, eine Krähe sah ich gar kopfüber darin hängen. Das führte zu kleineren Rivalitäten: Mal hüpfte eine Krähe drohend Richtung Eichhörnchen, mal stob ein Eichhörnchen Richtung Krähe – so richtig aggressiv wurde aber keine Seite.

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Meine Eltern brachten Zwetschgen und Weinbergpfirsiche (nein, die sind nicht flach). Und sie nahmen den Sekretär mit (passt in einen Golf, sieh an).

Endlich konnte ich aufbrechen zum Schwimmen, nämlich zum Abschiedsschwimmen im Schyrenbad. Auf den Brustschwimmbahnen war mir ein bissl schwindelig, was daran gelegen haben könnte, das ich immer noch nichts gegessen hatte in den sechs Stunden seit Aufstehen (weil mir das beim Sport hochgekommen wäre).

Ich begann in strahlender Sonne, doch auf den letzten 1000 Metern zog der Himmel schnell zu. Während ich mich in der Umkleide trocknete und cremte, wurde es im Dusch- und Umkleidebau immer lauter: Offensichtlich kamen immer mehr Menschen herein. Als ich zum Föhnen ging, sah ich den Grund: Sie stellten sich vor einem Platzregen unter.

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Anderthalb Kilometer weiter, bei mir daheim, war alles trocken.

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Auf dem Balkon gesessen!

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Aber nicht wirklich lang: Während ich den Würmern genug Zwetschgen für Latwerge abrang, lärmten Regen und Hagel, dazwischen herzhafter Donner.

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Zum Nachtmahl Zitronen-Thymian-Huhn (immer noch mein Lieblingshuhn) und Tatort (weil aus der Schweiz wieder seltsam nachsynchronisiert).
Dazu einen spanischen Weißwein probiert: Einen im Holz ausgebauten Muga Rioja. Schmeckte mir zunächst recht gut (exotische Früchte und reichlich Säure), bald dominierten im Glas aber Vanille und Holz, die mich sehr an Chardonnay erinnerten. Der mir in dieser typischen Form seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr schmeckt.

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Sommerbettdecke gegen Federbett getauscht.