Journal Samstag, 14. Oktober 2017 – Herbst in Technicolor

Sonntag, 15. Oktober 2017 um 10:48

Wohligst ausgeschlafen und zu einem Technicolor-Herbsttag aufgewacht.
Nach dem Bloggen Zwetschgenkuchen mit Nussboden gebacken, dann in kurzen Ärmeln mit der U-Bahn hinaus nach Thalkirchen für einen Isarlauf. (Sie müssen jetzt wieder mal durch ganz viele Fotos bekannter Motive durch – ich sammle hier Vorräte für düstere Wintertage.)

Der Auguststurm hat freie Sicht auf den Pullacher Standort des BND geschlagen.

Auch daheim zum Frühstück blickte ich auf Gold.

Mit dem Zwetschgenkuchen war ich sehr zufrieden. Die Haselnüsse aus Elterns Garten machten den Teig wunderbar aromatisch (ich hatte mit dem Gedanken gespielt, sie zu rösten – wie hatte es mir nur so an Vertrauen fehlen können), die Zwetschgen waren süß – wenn auch vor Alter schon recht dickschalig. Auf dem Viktualienmarkt begegne ich ja jedem Preis misstrauisch – doch nachdem ich von einigen Leuten hörte, dass sie mangels Zwetschgen dieses Jahr überhaupt keinen Datschi, Kuchen, keinen Röster und kein Mus kochen konnten, glaube ich ihm die Berechtigung. Die neue Tarte-Form hatte sich umgehend bewährt, ich kann mir vorstellen, flache Springformkuchen künftig immer darin zu backen.

Abends war ich mit Herrn Kaltmamsell zu einer Dinner Party in einen Geburtstag hinein eingeladen. Als Geschenk besorgte ich im mediterranen Laden am Ostbahnhof einen ganzen Jamón – mir war klar, dass er erst mal eine Überforderung darstellen würde, aber ich wollte einfach das Gesicht des Jubilars beim Auspacken sehen. Außerdem wusste ich ja aus eigener Erfahrung, dass ein Haushalt mit zwei Gernessern sehr wohl mit so einem Prügel fertig wird.

Zu der Party maschelte ich mich ein wenig auf (mache ich ja durchaus gern), wir nahmen eine U-Bahn nach Obersendling. Es wurde ein wunderbarer Abend mit köstlichen Speisen und Getränken (merken u.a.: schwarze Wahlnüsse in Kürbissuppe), vor allem aber mit charmanter Gesellschaft, die ich zum Teil noch nicht kannte. Zum Beispiel weiß ich jetzt ein bisschen mehr über griechische Bettzeugkultur. Wir beiden Frühschläfer waren in Wachbleib-Bestform und nahmen erst um halb zwei eine U-Bahn zurück nach Hause.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 13. Oktober 2017 – Hauszwetschgen in Gold aufgewogen

Samstag, 14. Oktober 2017 um 8:11

Nochmal ein goldener Oktobertag mit milden Temperaturen. Nach der Arbeit radelte ich zum Viktualienmarkt, dort Großeinkauf beim Herrmannsdorfer: Porterhouse Steak für 2 (ein Kilo ist doch da normal, oder?), Hohe Rippe für das hier am Sonntag.

Außerdem kaufte ich noch an einem Mittelstand am Viktualienmarkt Zwetschgen für den ersten und einzigen Zwetschgenkuchen der Saison. Der elterliche Zwetschgenbaum war ja ausgefallen, weil es im Frühling die Blüte erforen hatte. Auch am Markt bat ich um Hauszwetschgen. Sie waren laut Standlerin die letzten der Saison – und wir unterhielten uns darüber, dass natürlich der Baum meiner Eltern nicht der einzige war, dessen Ernte komplett ausfiel: Es gab sehr wenige Zwetschgen dieses Jahr. Und so zahlte ich fast zehn Euro für das Kilo. (!)

Nach fast zwei Wochen hatte ich wieder Lust auf Alkohol: Ich machte uns als Aperitif einen Negroni, zum Essen gab es ein weinig australischen Shiraz (wenig, weil er leider korkte).

Das Rind, von Herrn Kaltmamsell gebraten und serviert, war ausgesprochen köstlich, dazu hatte er Röstblumenkohl (Ernteanteil) aus dem Ofen gemacht, ebenfalls sehr schmackhaft.

§

Laurie Penny schreibt ausführlich auf, was eine culture of consent ist, vor allem in der Sexualität.
„The Horizon of Desire“.

Unter anderem erklärt Penny nochmal rape culture (was ja gerne – absichtlich? – falsch verstanden wird):

“Rape culture” does not imply a society in which rape is routine, although it remains unconscionably common. Rape culture describes the process whereby rape and sexual assault are normalized and excused, the process whereby women’s sexual agency is continuously denied and women and girls are expected to be afraid of rape and to guard against it, the process whereby men are assumed to have the erotic self-control of a gibbon with a sweetie jar of Viagra, creatures who ought to be applauded for not flinging turds everywhere rather than encouraged to apply critical thinking.

(…)

You do not have to be a victim of rape to be affected by rape culture. You do not have to be a convicted rapist to perpetuate rape culture. You don’t have to be an active, committed misogynist to benefit from rape culture. I sincerely believe that a staggering proportion of straight and bisexual men are working with some ingrained assumptions about sex and sexuality that they have not fully analyzed. Assumptions about the way women are, what they do, and what they have the capacity to want. Assumptions like: men want sex, and women are sex. Men take, and women need to be persuaded to give. Men fuck women; women allow themselves to be fucked. Women are responsible for drawing up those boundaries, and if men overstep them, that’s not their fault: boys will be boys.

Und wenn man das hinterfragt?

The thing is, if you accept the idea a woman has the absolute right to sexual choice, you must also wrestle with the prospect that she might not make the choice you want. If she’s really free to say no, even if she’s said yes before, even if she’s naked in your bed, even if you’ve been married for twenty years, well then — you might not get to fuck her.

(…)

Today’s sexual freedom is rather like today’s market freedom, in that what it practically entails is freedom for people with power to dictate terms and freedom for everyone else to shut up and smile. We have come to accept, as in so many areas of life, a vision of freedom whereby the illusion of choice is a modesty slip for unspeakable everyday violence.

Penny beschreibt Strukturen, die nicht jede individuelle Erfahrung abdecken. Deshalb auch hier Vorsicht, wenn es Ihr persönlicher Alltag anders ist: Das bedeutet nicht, dass nicht unglaublich viele Menschen unter den beschriebenen Mechanismen leiden. Es geht vielleicht einfach nicht um Sie.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 12. Oktober 2017 – Ausflug in den Inner-Münchner Norden

Freitag, 13. Oktober 2017 um 6:45

Ich rotze immer noch eitrig, inklusive Kopfschmerzen – jetzt ist aber mal gut, finde ich. Außerdem ist mein Taschentuchverbrauch so hoch, dass er voraussichtlich einen eigenen Ausschlag im jährlichen Zellstoffverbrauch Deutschlands abzeichnet.

Mild, sonnig, mit bunt bewolktem Himmel – in diesem Wetter machte ich früh Feierabend, weil ich im prächtigsten Schwabing verabredet war. Nach einem Gespräch über alte und neue Berufszeiten spazierte ich im Abendrot nach Hause.

Donnerstag, also gab es zum Abendbrot Salat aus Ernteanteil.

§

Anke Gröner hatte ihre betagten Eltern zu Besuch und schreibt über
„Beobachtungen zum Altwerden und der Großstadt“.

Merke ja schon ich, dass ich deutlich langsamer in der Informationsverarbeitung geworden bin. Meine Erklärung ist allerdings nicht, dass mein Hirn halt lahm geworden ist, sondern dass es mit wachsender Lebenszeit zu viel Daten abgespeichert hat, die bremsen: Neue Signale und Wahrnehmungen werden ja immer in bereits gelernte Systeme eingeordnet, und die sind mittlerweile durch alles Erlebte und gelernte sehr dicht und komplex geworden – heißen aber im konkreten Zusammenhang etwas Neues, Anderes.

Gerade für mich als hoch-assoziativ denkender Mensch wird die Wahrscheinlichkeit immer geringer, dass meine blitzschnellen Assoziation nützen. Wahrscheinlicher führen sie immer öfter in Richtungen, die in diesem konkreten Moment irrelevant sind.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 11. Oktober 2017 – Heimweg im Abendgold

Donnerstag, 12. Oktober 2017 um 6:28

Ein sonniger Tag, ich brauchte meinen Schirm nicht. Auf meinem Heimweg zu Fuß machte ich für Besorgungen Umwege, so spazierte ich ganz im Abendgold, in der letzten Dämmerung war ich zu Hause.

Den Abend einzeln verbracht, da Herr Kaltmamsell aushäusig war, It gelesen.

§

Wo der Lokaljournalismus verschwindet, berichtet Jan Grossarth über:
„Der letzte Reporter“.

Hier in München zumindest hat die Süddeutsche ja vor einigen Jahren den Lokalteil sogar deutlich ausgebaut – meiner Meinung nach die richtige Maßnahme.

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Die schwedische königliche Familie hat ein privates Wartezimmer am Stockholmer Bahnhof:
„Royal Waiting Hall“.

Sofort flammt mein Traum vom privaten Salonwagen wieder auf. Ich weiß, er ist völlig unrealistisch – aber ich habe immer noch einen Inter City vor Augen, an dem für mich sowas angehängt wird und gemütlich nach Hamburg fährt.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 10. Oktober 2017 – Pokémon-Aufrüstung

Mittwoch, 11. Oktober 2017 um 6:28

Ich fühlte mich gesund genug für Kraftsport und spazierte vor der Arbeit zum Langhanteltraining. Das neue Quartal bringt Einsteigerübungen, Hot Iron I. Also leichtere Übungen mit mehr Wiederholungen. Machte Spaß. Wegen der anstehenden Schließung des Sportstudios war Hauptthema aller Gespräche: „Und wo gehst du hin?“ Ich habe da schon eine Idee, doch vor allem sorge ich mich natürlich um die Angestellten.

Nach dem Arbeitstag nahm ich für den Heimweg ein neues Spielzeug in Betrieb:

Mein Bruder hatte mir zum Geburtstag das PokémonGo Plus geschenkt. Das verband ich mit der App auf meinem Smartphone, danach leuchtete und brummte es, wenn ein Pokémon erreichbar war: Nach Knopfdruck versuchte es, das Vieh zu fangen und zeigte an, ob es Erfolg hatte. Auch Pokéstops brachten es zum Leuchten und Brummen, Knopfdruck erntete. Allerdings bekam ich so ja nicht mit, was ich da gefangen hatte und schaute zunächst ständig auf dem Smartphone nach. Auch beim Passieren von Arenen (ich gehe den Weg ja schon lange und weiß, wo sie sind) guckte ich nach: Vielleicht konnte ich ja ein Pokémon reinsetzen.

Herr Kaltmamsell hatte Abendessen gekocht: Linsen mit Spätzle. Aber nicht mit Spätzle, sondern mit Böhmischen Knödeln – darauf hatte er mehr Lust.

§

Wir Feministinnen sind ja wirklich immer und gerne bereit zu helfen:
„The Rock Test: A Hack for Men Who Don’t Want To Be Accused of Sexual Harassment“.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 9. Oktober 2017 – Regenmontag mit Pizzaabend

Dienstag, 10. Oktober 2017 um 5:47

Fußweg in die Arbeit unterm Regenschirm, es blieb den ganzen Tag düster und regnerisch.

Emsiger Bürotag; ich fühlte mich gelassen, da sich ein wenig Belastendes gelöst hatte. Die Erkältung verschwindet weiter.

Heimweg mit dem Fahrrad – es stand ja noch von Freitag da. Zum Glück ohne Regen.

Zum frühen Nachtmahl ging ich auf eine Pizza mit Herrn Kaltmamsell ums Eck. Früh ins Bett, um noch lange lesen zu können.

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Ach: Es gibt sowas wie forensische Architektur. Maik Novotny hat einen solchen forensischen Architekten interviewt, Eyal Weizman:
„‚Wir arbeiten im Namen der Opfer‘.“

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Für die Süddeutsche macht sich Gustav Seibt Gedanken über die Separatismusbestrebungen im Europa der vergangenen Systeme. Und warnt:

„Selbstbestimmung lädt zur Diktatur ein“

… das sind die europäischen Nationalstaaten: heterogen, innerlich voller Verschiedenheiten, historische Regionen, unterschiedliche Konfessionen und Dialekte überwölbend, mit Mehr- und Minderheiten.

Den homogenen Nationalstaat, das Phantasma vieler Nationalisten, kann es nur auf kleinstem Raum geben, wo das Volk als Großfamilie, als Clan-Verband, eben als „Stamm“ begriffen wird, nicht als historisch gewachsene Rechtsgemeinschaft von Bürgern, die sich als Gleiche anerkennen. Alle Versuche, in großen Nationen Homogenität, Einförmigkeit von Volk oder Kultur herzustellen, endeten in brutaler Unterdrückung, oft mit ethnischen Säuberungen, gar Massenmorden.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 8. Oktober 2017 – Lesesonntag

Montag, 9. Oktober 2017 um 6:46

Die Erkältung wollte sich einfach nicht in die sonstigen Termine einfügen: Gestern hätte ich also endlich Zeit für einen Tag im Bett gehabt (Herr Kaltmamsell stand bereit für Rundumversorgung und hatte bereits das Glöckchen poliert, das er mir ans Bett stellen wollte, damit ich ihn jederzeit herbeiklingeln kann) – doch jetzt ging es mir schon wieder zu gut dafür; Sehnsucht nach Bett habe ich tagsüber nur in der schlimmsten Krankheitsphase, das wäre Freitag/Samstag gewesen. Aber ich ließ es brav ganz ruhig angehen: Bloggen, lesen, kein Sport, duschen, Haselnüsse aus Elterns Garten knacken, zum Frühstück Toast und Obst mit Joghurt.

Am Nachmittag machte ich unter düsterem Himmel einen Spaziergang zum Kuchenholen, ich startete über den Alten Südfriedhof.

Entdeckung diesmal: Ein Grabstein mit einem Auszug aus dem Friedhofsbuch, „Namen der Begrabenen“. Weitere Entdeckung unter den zahlreichen Spazierenden: Eine Frau, die Eichkätzchen mit Erdnüssen anlockte – und die nahmen sie ihr aus der Hand! Sie erzählte mir, dass die Eichkätzchen die recht schnell verputzen müssen, sonst jagen die Krähen sie ihnen ab. Daheim nicht nur Kuchen gegessen, sondern auch Erdnüsse auf die Einkaufsliste gesetzt: EICHKÄTZCHEN, DIE AUS DER HAND FRESSEN!

Stephen Kings It weitergelesen. Die deutsche Übersetzung hatte ich etwa im Sommer 1989 gelesen und mich nie zuvor oder danach je beim Lesen derart gefürchtet. Ich erinnere mich, dass ich noch lange danach keinen Abfluss in einem Spül- oder Waschbecken mehr unschuldig ansehen konnte und dass ich den Roman für meisterlich hielt. Ich wollte das Buch schon seit Langem wiederlesen, spätestens seit Stephen Kings Autobiografie/Poetik On Writing; die Neuverfilmung gab jetzt den letzten Anstoß. Auch wenn ich wohl kaum die 1116 Seiten schaffen werde, bevor der Film aus den Kinos verschwunden ist.
Gleich der erste Satz ist großartig:

The terror, which would not end for another twenty-eight years – if it ever did end – began, so far as I know or can tell, with a boat made from a sheet of newspaper floating down a gutter swollen with rain.

Wir haben gleich mal einen starken allwissenden Erzähler, der andeutet, er könnte Teil der Handlung sein. Wir werden auf Schreckliches eingestimmt, darauf, dass es lange andauert und vielleicht nicht mal eine Auflösung hat. Das bedrohliche Abflusssystem, das mir als Motiv viel länger im Gedächtnis blieb als der vielzitierte Clown, ist ebenfalls Teil gleich des ersten Satzes.

Abends genoss ich es im Sessel zu lesen, während draußen Regen plätscherte und aus der Küche die Ankündigung guten Abendessens klapperte und duftete (es gab Ratatouille und Kartoffelgratin).

§

Der niederländische Autor Joris Luyendijk hat sechs Jahre mit seiner Familie in London gelebt und zieht jetzt bei seiner Abreise Bilanz:
„How I learnt to loathe England“.

Eine interessant andere Perspektive:

I am terribly sorry for my pro-EU middle-class friends in England, and even more sorry for the poor who had no idea that by supporting Brexit they were voting to become poorer. But this is England’s problem, not the EU’s: the nation urgently needs some time alone to sort itself out.

(…)

Ever since the referendum, friends from across the world have been enquiring whether it is true that the British have gone mad. Without those six years in London, I would have unhesitatingly said “yes.” “A temporary bout of insanity” still seems the preferred explanation in much of Europe and among many British Remainers. But years of immersion in English culture and society have convinced me that actually, the Brexit vote should instead be seen as the logical and overdue outcome of a set of English pathologies.

Which brings me to my real anxiety. It is extremely difficult to see a scenario in which this whole Brexit saga could end well.

The Tories are seared by Europe, as they have been for a generation, only now with more intensity; Labour looks incapable of overcoming its own divisions on the question. Neither party dares to speak the truth to millions of people who have voted for a “have your cake and eat it” option that was never on the menu. How to carry out the will of the majority when the majority voted for something that does not exist?

§

2016 veröffentlichte Elisabeth Michelbach einen Aufsatz: »›Dem Leben wie einem Roman zu Leibe rücken‹. Wolfgang Herrndorfs Blog und Buch Arbeit und Struktur zwischen digitalem Gebrauchstext und literarischem Werk«. In: Innokentij Kreknin u. Chantal Marquardt (Hg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe #1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016), S. 107—129.

Er ist die literarische Behandlung von Herrndorfs Blog und untersucht, wie sich die Leseweise verändert, wenn derselbe Inhalt in Buchform rezipiert wird. Ich habe den Aufsatz sehr interessiert gelesen, da ich schon lange davon phasziniert bin, wie die Darreichungsform das Lesen beeinflusst – wie zum Beispiel das Wissen um die Länge des verbleibenden Texts die Erwartung des Lesenden an den Fortlauf der Handlung lenkt (in einer linear erzählten Handlung noch zwei Drittel Buch übrig? Heldin wird die gefährliche Szene sehr wahrscheinlich überleben).

Unter anderem beschreibt Michelbach das Blog-Layout und den Aufbau des Blogs, die Hinweise auf die Wandlung von etwas Flexiblem, Unvollständigen zu einem erstarrten, festen Text nach Herrndorfs Tod. (Allerdings spricht sie von der „für Blogs konstitutive Möglichkeit, in Kommentaren auf einzelne Posts Bezug zu nehmen“ – ich widerspreche.)

Es wird auch festgehalten, wie Herrndorfs Texte im Web vernetzt sind. Kann es sein, dass durch ihn erstmals ein Leben im Internet Teil der Literaturwelt wurde? Nicht auf einer analytischen Metaebene, dass darüber geschrieben und reflektiert wurde (Internet – Fluch oder Segen), sondern weil Internet-Gemeinschaften konstituierender Teil eines Literatenlebens waren. Was nicht mal erwähnt wird: Herrndorf gehörte zu den Höflichen Paparazzi, die für mich nach allen Schilderungen die Fortsetzung des von Friedrich Torberg beschriebenen Kaffeehauslebens sind/waren. Und ich weiß aus zwei Quellen, dass das Forum auf seine Bitte wiederauflebte, dass die Pappen, wie sie sich nennen, ihn bei Recherchen für seine Romane unterstützten. Die Rolle des Paparazzi-Forums für Herrndorfs Werk sollte literaturwissenschaftlich untersucht werden.

die Kaltmamsell