Essen und trinken hielt Leib und Seele zusammen

Mittwoch, 26. August 2015 um 10:42

Dass man in einer Blase lebt, merkt man ja erst durch Kontakt mit der Welt außerhalb.
Die vergangenen Wochen kalibrierten mich zum Beispiel zum Thema Essen und seine Rolle in unserer Gesellschaft.

– Erst die Kollegin, die mir beim Zubereiten meines Mittagessens zusah (derzeit oft frisches Gemüse aus Ernteanteil mit einer ordentlichen Portion Feta, gerne auch Oliven). Und die mir erzählte, sie hätte ja so einen Eiweißdrink als Mittagessen gehabt. Ich ahnte zwar schon, wovon sie sprach, bot aber trotzdem als Erklärung hohe sportliche Belastung an. Nein, sie müsse dringend abnehmen, sagte sie, und nannte einen Hersteller aus der TV-Werbung. Leider brach ich reflexartig in Schmunzeln aus und verwies auf dem Umstand, dass die Diätindustrie der einzige Wirtschaftszweig sei, der davon lebe, dass seine Produkte nicht funktionierten. Sie war sichtlich gekränkt und ich schämte mich ein wenig. Wer fast 50 Jahre unhinterfragt mit unserem gesellschaftsüblichen Diätdiktat gelebt hat, konnte meine Reaktion nur als persönlichen Angriff empfinden.

– Dann eine weitere Kollegin, die mich beim Zubereiten eines Mittagessen sah, kurz an mir herunterschaute und kommentierte: „Na ja, Sie können sich’s leisten.“

– Die dritte Kollegin, diesmal hatte ich mir gerade zwei dicke Brote mit Avocadomatsch behäuft: „Und davon werden Sie satt?“

– Dazwischen gezählt vier weitere Kollegen und Kolleginnen, die mein Schnippeln von Gurke und Tomate oder das Zerteilen einer Melone nur mit „Ah, gesund!“ kommentierten.

– In der Cafeteria entdeckte ich neben den Schokoriegeln Tütchen „knusprige Erdbeeren“, eine Art Trockenobst. Das wollte ich probieren, ich legte zum Bezahlen das Tütchen neben meinen Cappuccino: „Das hat aber viele Kalorien!“, warnte mich der Barista beim Kassieren.

– Beim Geburtstagskuchen wurden zwar auch Konditoren- und Rezeptempfehlungen ausgetauscht, doch jede Bitte um ein Stück kommentiert mit Einschätzungen, wie viel man „darf“, dass das ja „Hüftgold“ sei, mit welchem Sport man es sich „verdient“ habe, oder „wieder reinholen“ werde etc.

Erinnert sich jemand noch an das Sprichwort „Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen“? Ich habe es schon sehr lange nicht mehr gehört. Der Gedanke, dass Nahrung überlebenswichtig ist und wohl tut, scheint mir nahezu vergessen. Statt dessen gibt es Lebensmittel (oder sowas Ähnliches), die man essen „sollte“, die „gesund“/“ungesund“ sind oder machen. Wie schrieb The Fat Nutritionist hier so treffend:

We live in a frankly eating disordered culture.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 24. August 2015 – 12. Bloggeburtstag und #BloggerFuerFluechtlinge

Dienstag, 25. August 2015 um 7:35

Ich erwähnte es bereits: Mein Körper und ich, wir haben ernste Kommunikationsprobleme. Neueste Bizarrerie: Am Samstag lief ich sehr ausführlich, stand einen Nachmittag lang schnippelnd, hob schwere Kisten – und büßte all das erwartungsgemäß mit Hüftschmerzen und sonstigen LWS-generierten Sperenzchen im rechten Bein. Am Sonntag signalisierte mir eben dieser Körper, dass ein Tag Ruhe ideal wäre. Doch ich wusste, dass der sonnige Morgen auf absehbare Zeit die letzte Chance eines Draußenschwumms sein würde, also setzte ich mich über diese Signale hinweg. Und was war das Ergebnis? Nach langem mal wieder eine völlig schmerzfreie Nacht, auch der gestrige Tag ließ keinerlei Folgen meiner wochenendlichen Sportexzesse spüren. Also WAS jetzt?

Gestern testete ich ein weiteres Mal die Kantine, nachdem ich von mehreren Seiten gehört hatte, die Nudelgerichte seien wirklich in Ordnung. Der Pompf auf Muschelnudelbasis sättigte und war gewürzt, verströmte aber die gewohnte Lieblosigkeit und maßte sich die Bezeichnung eines römischen Nudelklassikers an, die ich nicht einmal zu zitieren wage – aus Angst, mein Food-Karma dauerhaft zu schädigen.

Das Wetter hatte sich vormittags von wolkig zu sonnig und sehr warm entwickelt, die Abendschwüle wurde von heftigem Regen gebrochen.

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„How the fitness industry turns people off exercise“.

People don’t avoid exercise because they don’t like exercising. They avoid it because they don’t like their bodies – and they fear the way other people will judge their bodies.

And now there’s research to back this up. A survey of 1400 people conducted by Nine Rewards for Curves has found that one-in-three Australians are avoiding exercise altogether because they’re embarrassed to be seen exercising.

Ok, das ist Australien. Aber es würde mich erstaunen, wenn sich die Ergebnisse einer solchen Befragung in Deutschland signifikant davon unterschieden.

Based on the research, it would appear that the fitness industry is the worst bunch of people to promote exercise to the general population. The toxic exercise culture that it perpetuates – abusive personal trainers, intimidating gym environments, ’no pain no gain‘ attitudes, and the obsession with aesthetics – is a major reason why people don’t want to exercise.

„People need to motivate themselves from kindness rather than fear and shame,“ says psychologist Louise Adams. „The literature shows that lasting health behaviours come from self-care, from being your own best friend. That’s what is missing in the exercise industry.“

via @midoridu (Die ich letzte Woche nicht spontan endlich persönlich kennengelernt habe, weil Twitter weiterhin Direct Messages nur erratisch anzeigt – Benachrichtigungen darüber schon seit Monaten nicht mehr. Ja, ich habe meine Einstellungen gecheckt.)

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Klassischer Paartanz erfordert Rollenverteilung – aber wer sagt denn, dass diese ans biologische Geschlecht gekoppelt sein muss?

„Queerer Tango
Parodie auf Geschlechternormen“.

Wieso konnte ausgerechnet Tango ein Ort queerer Umdeutung werden? Warum interessieren sich so viele Trans*menschen, Lesben, Schwule und Queers überhaupt für einen derart heterosexuell und zweigeschlechtlich geprägten Tanz? Es stimmt, Tango ist ein Schauspiel der Heteronormativität. Mehr noch, es ist eine Komödie.

Herzzereißend-melancholische Musik mit Zwanziger-Jahre-Schellackplatten-Knistern, hingebungsvoll geschlossene Augen, leidenschaftlich ineinander verschlungene Beine, der Atem der einen am Ohr des anderen, dazu spanische Songtexte wie: „Und die Verzweiflung, als ich dich gehen sah / Gebrochen vor Emotion meine arme Stimme“ – all das ist so dramatisch, dass man fast schon wieder darüber lachen muss.

via @engl

§

Die Zeit hat eine große Geschichte aus Passau darüber, wie es ist, wenn die Geflohenen plötzlich vorm Eigenheimgarten stehen:

„WILLKOMMEN!
Im gelobten Land
Eine irakische Familie, ausgesetzt auf der Autobahn. Polizisten im ständigen Kampf gegen Schleuser. Kriegsopfer, die durch eine bayerische Idylle irren. In Passau stranden täglich Hunderte Flüchtlinge – Geschichten aus Deutschlands Lampedusa.“

Die gute Frau mit dem Vorgarten hat deutlich souveräner gehandelt als ich vergangene Woche. Schön finde ich auch, dass dieser Aspekt auftaucht, dass auch die Berichterstatter sich angesprochen fühlen:

Bevor Amir Shamo in den Bus steigt, wendet er sich direkt an uns, die Reporter der ZEIT. Manchmal ist das so, manchmal können Journalisten dem Geschehen, über das sie berichten wollen, nicht ausweichen. Wer zusieht, wird vereinnahmt. So reicht uns Amir Shamo einen Zettel, auf dem eine Handynummer steht, Vorwahl 0176. Sie wird an diesem Tag noch wichtig werden.

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Mein Blog Vorspeisenplatte wurde gestern 12 Jahre alt. Und zum Geburtstag gibt’s Geschenke, oder? Dann wünscht sich mein Blog zum Geburtstag einen finanziellen Beitrag zur Aktion #BloggerFuerFluechtlinge – bitte?
(Großartige Initiative von Paul Huizing, BetterPlace.org ist eine vertrauenswürdige Plattform, die ich bereits aus beruflicher Vergangenheit kenne.)

(Andere Initiative und in UK, dennoch passend. via Sven Scholz)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 23. August 2015 – Autofahren

Montag, 24. August 2015 um 7:21

Gestern musste ich nach Ingolstadt zur Familie – diese weigert sich nämlich weiterhin, den 22. August zu ignorieren, egal wie ernsthaft ich darum bitte. Und meine Eltern haben bis heute nicht den Ansatz eines schlechten Gewissens, weil sie durch ihre damalige katholische abstinence only-Vergangenheit und der daraus resultierenden Unkenntnis von allem nur ein Jahr nach ihrer Eheschließung mit 21 und 23 Jahren das Schlamassel meiner Existenz verursachten.
(Jajaja, mein Unmut ist komplett irrational: Auch geplante Eltern nehmen in Kauf, dass das Ergebnis ihres Kinderwunsches damit nicht einverstanden ist. Man kann halt nicht vorher fragen. Und die allerallermeisten Menschen finden ja das mit dem Leben grundsätzlich wunderbar.)

Zumindest bedang ich mir aus, erst um 13 Uhr zu kommen und schaffte mir damit Zeit, morgens im Schyrenbad zu schwimmen. Es war wundervoller Sommertag, die Morgenkühle des Hinradelns machte noch einen Pulli nötig, auf dem Rückweg war es bereits warm. Und meine 3000 Meter im fast leeren Becken genoss ich sehr.

Zu allem Überfluss wurde die bereits Jahre dauernde Bastelei an der Bahnlinie Petershausen-Ingolstadt fortgesetzt, ich wäre auf den Schienenersatzverkehr angewiesen gewesen. Mal wieder vier Stunden eines Sonntags in S-Bahn, auf Bahnhöfen und in Überlandbussen zu verbringen, verweigerte ich komplett. Das widerstrebte mir so sehr, dass ich eine Autofahrt vorzog. Herr Kaltmamsell war vergangenes Jahr bei einer Aktion Mitglied des Systems Drive Now geworden; ich bat ihn, dieses zu nutzen. Obwohl Drive Now ja genau nicht für Autofahrten außerhalb Münchens gedacht ist (weil aber innerhalb Münchens ein Auto völlig überflüssig ist, hatten wir es noch nie genutzt), buchte der Herr also für 79 Euro ein Neun-Stunden-Paket, das mich zum ersten Mal seit wohl mehr als zehn Jahren per Auto nach Ingolstadt brachte.

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Das verhalf mir zu ungewohnten Perspektiven auf gewohnten Strecken

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und zu den typischen Autofahrterlebnissen, die mich die Bahn bevorzugen lassen. Von Tür zu Tür brauchten wir 1 3/4 Stunden.

Die Rückfahrt verlief flüssiger und deutlich schneller, Gewitter mit Sturzbächen an Regen ab der Münchner Stadtgrenze. Da in diesem Leihautosystem kostenpflichtige Parkplätze von der Leihgebühr abedeckt sind (für den Stadteinsatz ist das alles sehr gut durchdacht), konnten wir das Auto fast vor der Haustür abstellen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 22. August 2015 – Sugo einkochen

Sonntag, 23. August 2015 um 8:05

Der Sommer war nochmal zurückgekommen, mich zog es sehr hinaus an die Isar zu einem Lauf – recht früh, denn ich hatte ab Mittag noch etwas vor.

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Leichtfüßig war ich fast zwei Stunden unterwegs und wäre gerne weitergelaufen.

§

Statt dessen duschte ich schnell und zog mich an: Es ging mit S-Bahn und Fahrrad hinaus nach Schönbrunn zum Kartoffelkombinat.

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Gestern (und am Freitag davor) wurde in drei Schichten Sugo eingekocht, aus der Tomatenflut unserer Gärtnerei in Schönbrunn. Nächstes Wochenende wird nochmal eingekocht. Ich freute mich sehr, dass ich endlich Zeit zum Mithelfen hatte: Vergangenes Jahr stand nur an Wochentagen eine Küche fürs Einkochen zur Verfügung, und wochentags musste ich arbeiten.

Die Küche war eine des Franziskuswerks, mit viel Platz, professionellen Spülmaschinen, großen Arbeitsflächen und Spülbecken. Wir waren in unserer Schicht etwa 18 Helferinnen und Helfer, dazu Vorstand Daniel an der Spüle, dirigiert von einem echten, gelernten Chefkoch und seinem Adlatus an den Töpfen. Schürzen, Messer, Schneidebretter hatten jeder und jede selbst mitgebracht.

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Wir zerteilten die direkt davor geernteten (gewaschenen und geputzten) Tomaten und entfernten die Strünke. Zudem hackten wir viele, viele Zwiebeln und Auberginen. Die Schicht davor hatte bereits Karotten und Sellerie gewürfelt (die Wanne damit stand neben mir, ihr Duft bescherte mir die Erkenntnis, dass Knollensellerie eine intensive Zimtnote hat – vielleicht sollte ich ihn mal in einem arabischen Gericht verwenden), außerdem eine Wanne Tomaten gehäutet und filetiert. Im Nebenraum wurde außerdem Knoblauch geschält und gescheibelt.

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Aus den Tomaten köchelte in einem Großküchenkessel der Basissugo, mit Zucker, Salz und Pfeffer gewürzt.

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Auf seinem Profiküchenherd verarbeitete der Koch diesen Basissugo mit dem gedünsteten sonstigen Gemüse zu Sugo-Variationen, die direkt dahinter ganz heiß in frisch gespülte Gläser gefüllt wurden. Sugo spuckt ja gerne aus seinen Töpfen, der freundliche Koch mit einem unendlichen Fundus an Geschichten aus seinem Kochleben warnte die nebenstehenden Abfüllerinnen regelmäßig, wenn ein Topf in die Spuckphase kam.

Der Nachmittag war ein großer Spaß, natürlich wurde viel über Kochen und Speisen gesprochen. Wenn ich mich durch die Küche bewegte, schnupperte ich von einer Duftinsel zur nächsten.

Herr Kaltmamsell allerdings zog das große Los: Er durfte KOCHEN! (Genauer: den Großkessel für den Basissugo bedienen, dabei Zucker, Salz, Pfeffer abwiegen und einrühren, sogar mit dem Baustellenzauberstab pürieren!)

Zurückgeradelt in goldenem Abendlicht, Nachtmahl im Schnitzelgarten mit etwas zu viel Weißwein und einem Kellner, der mich angemessen mit „Milady“ ansprach.

(Und ich bin gerührt, wie viele liebe Menschen inzwischen respektieren, dass ich das gestrige Datum ignoriert haben möchte.)

§

Wir wissen ja hoffentlich: Immer schön vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen. Zum Beispiel über Modebloggerinnen:
„Die Macht einer Modebloggerin im Flüchtlingsdrama“.

Die Österreicherin Madeleine Alizadeh schreibt über Mode und Kosmetik. Doch seit ein paar Wochen ist alles anders. Ihr neuer Alltag: Sich für Geflüchtete einsetzen – bis an die Grenzen ihrer Kräfte.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 21. August 2015 – neue Aerobicschuhe

Samstag, 22. August 2015 um 7:55

Früh Feierabend gemacht, ist dort freitags üblich. Und ich wollte Aerobicschuhe kaufen: Nach acht Jahren Gebrauch sollten meine alten besser mal ersetzt werden. Ich radelte bei Sonne und Jackentemperaturen zur Fußgängerzone.

Der Kauf von Turnschuhen ist eine komplexe Sache, ich wollte mich gründlich beraten lassen (auch wenn ich schon ein wenig selbst recherchiert hatte), also ging ich ins größte Sportkaufhaus am Ort, zum Sport Scheck im riesigen neuen Bau in der Kaufingerstraße.
Dort gab es eine eigene große Abteilung „Fitness“. Dass mein Aerobic- und Stepaerobicgehopse genauso darunter gezählt werden wie Krafttraining an Maschinen und mein Langhanteltraining in Gruppe, weiß ich ja – die Kategorie bezieht sich eher auf eine Modestilrichtung als auf sportliche Inhalte.

Ich fand eine große Wand mit Fitnessschuhen für Männer; dort sah ich mich zunächst um, in der Hoffnung auf passende Schuhe für meine großen, breiten Füße und auf weniger Augenlicht-gefährdende Farben. Ich nahm Schuhe in die Hand, besah Stabilität, Sohlenprofil, wahrscheinliche Dämpfung (tatsächlich würde ich sie natürlich erst durch Ausprobieren herausfinden). Dann ging ich zur großen Wand mit Fitnessschuhen allerlei Hersteller für Frauen, sah mich auch dort gründlich um.

Die Auswahl war riesig, auch Kundschaft gab es reichlich. Was es nicht gab, war Personal. Nicht bei den Damen, nicht bei den Herren, nicht bei den Schuhen, nicht bei den vielen Reihen mit Bekleidung. Einige Schuhe hätte ich gerne in meiner Größe anprobiert, bei dieser Gelegenheit auch Fragen zu Details gestellt (zum Beispiel: Warum gibt es praktisch keine halbhohen Aerobicschuhe mehr? Soll die Sohle eher rutschig sein für Tanzbewegungen oder griffig für Ausfallschritte?). Doch so weit ich auch schaute: Da war niemand. Sie werden jetzt vielleicht anmerken, dass ich die fünf interessanten Einzelschuhe ja hätte mitnehmen können und auf anderen Stockwerken nach Personal suchen. Ich hingegen entschied mich dafür zu gehen.
Laut Medienberichten soll Sport Scheck ja das Online-Geschäft forcieren; wahrscheinlich ist der Neubau in der Kaufingerstraße also lediglich für Ausstellungsräume gedacht.

Das zweite Sportkaufhaus im Zentrum von München ist Sport Schuster vorn am Marienplatz: Die Abteilung heißt dort „Fitness Damen“ und ist erheblich kleiner, dafür mit Personal ausgestattet. Eine der Verkäuferinnen, sie war etwa in meinem Alter, stellte viele Fragen, ließ mich eine Reihe von Schuhen probieren und testen, war nur ein bisschen beleidigt, als ich seufzte: „Warum müssen die denn alle so hässlich sein?“ Ich fand eine sauteure Augenbeleidigung, die sich am Fuß, beim Herumhüpfen, Drehen und Ausgrätschen richtig, richtig gut anfühlte. Nach getroffener Entscheidung verwickelte mich die Verkäuferin noch in ein Gespräch über Bewegungsbedürfnisse und Laufmöglichkeiten in München (sie war erst vor Kurzem hierher gezogen), sie stellte sich überraschenderweise als seelenverwandte Genusssportlerin heraus – sonst werden mir in Sportläden höchstens Gespräche über organisierte Massenläufe angeboten.

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Die nächsten acht Jahre werde ich also in dieser Scheußlichkeit herumhopsen. Vermutlich mussten Einhörner dafür sterben.

Weiterer Plan für den Abend war Pizzaessen gewesen. Und das tat ich auch mit Genuss (Herr Kaltmamsell war verabredet).

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 20. August 2015 – Tomatenfischaggression

Freitag, 21. August 2015 um 7:15

Wieder ein grauer Tag, hin und wieder Sonne, doch zu Feierabend regnete es dann richtig und ausdauernd.

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Aufzugausblicke.

Meine Mittagsverabredung zerschlug sich überraschend. Zum Glück hatte ich noch Dosenfisch in der Schublade: Hering in Tomatensoße. Wir alle wissen, wie zahlreich die Tücken beim Öffnen dieser Dosen sind, so stattete ich mich mit vielen Servietten aus, die ich beim Öffnen rund um die Dose legte. Gerade als ich sicher war, den Öffnungsvorgang abgeschlossen zu haben, attackierte sie mich doch noch.

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Woche der merkwürdigen Anrufe. Einige hatten überhaupt nichts mit meinem Arbeitgeber zu tun, aber wenn es mich nicht mal eine Minute Internetrecherche kostet, versuche ich natürlich trotzdem eine Antwort zu finden.
Dass die abwegigsten Anliegen gern in besonders anmaßendem Tonfall formuliert werden, versteht sich von selbst?

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Abends Leserunde bei uns. Herr Kaltmamsell hatte den Tag in der Küche verbracht und tischte auf: Bodenlose Zucchinitarte, selbst gebackenes türkisches Fladenbrot, Caprese, Kochkäs, zum Nachtisch Angel Cake mit Erdnussguss.

Wir sprachen über E.L. Doctorow, The Book of Daniel. Da ich erst Sonntagabend gemerkt hatte, dass die Leserunde schon für diese Woche angesetzt war, musste ich mich mit dem Lesen sputen: Ich verbrachte die Abende mit zügigem Lesen der 450 Seiten, fühlte mich an Unizeiten erinnern, in denen ich das regelmäßig für Seminare tat. (Von binge reading kann man aber vermutlich trotzdem nicht sprechen, oder?)

Der Roman von 1971 ist exzellent, darin waren wir uns einig. Hintergrund ist die Verurteilung und Hinrichtung des Ehepaars Rosenberg im USA der 1950er, sie heißen im Buch Lewin. Doch die Geschichte ist technisch kunstfertig aus der Sicht des Sohnes erzählt, in zwei Zeitebenen: Gegenwart der End-60er und Rückblick auf die Kindheit. Und in zwei Erzählebenen, denn diese Daniel-Stimme wechselt zwischen Ich und Er, manchmal sogar im selben Satz. Es wird viel Stimmung und Information aus den 50ern transportiert, und das Rechtssystem der USA kommt ausgesprochen schlecht weg, daneben die menschlichen Folgen der damaligen Kommunistenhatz. Einzige Kritik, die in unserer Leserunde laut wurde: Das Buch sei manipulativ geschrieben, bestätige viele gängige europäische Vorurteile gegenüber den USA. Von mir auf jeden Fall Lektüreempfehlung.

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Als Autolose (wahrscheinlich aus ähnlich wenig vernünftigen Gründen wie andere kein Smartphone brauchen) interessieren mich Autogeschichten selten. Doch wenn Frau Brüller mit Totenkopfradiergummis und Bleistiftspitzern darlegt, wie ein optimaler Einparkvorgang zu bewerkstelligen wäre, bin auch ich begeistert.
„Raus-Rein“.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 19. August 2015 – Gerippte

Donnerstag, 20. August 2015 um 7:10

Seit Sonntag hat das Wetter wirklich umgeschlagen, nach 34 Grad am Mittwoch vor einer Woche kam die Luft unter grauer Wolkendecke gestern nicht mal auf 20 Grad.

Nach der Arbeit wieder nach Untergiesing zu einer Hüpfstunde geradelt.
Ein technisches Detail der vergangenen Woche habe ich im Techniktagebuch beschrieben – allerdings will mir die Redaktion nicht glauben, dass man a) Musikkassettenmusik ohne Veränderung der Tonhöhe schneller und langsamer drehen konnte, b) dass das „pitchen“ heißt, weil doch Pitch gerade die Tonhöhe sei. Gibt es Hüpferinnen/Hüpfer, die dazu etwas sagen können?

Eine sehr freundliche Leserin hat mir zu Ebbelwoigläsern verholfen – sehen sie nur, wie wunderschön sich das Licht im Gerippe bricht.

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Weiter mit Flüchtlingsgeschichten: Das SZ-magazin sammelt Erlebnisse und Begegnungen.
„‚Die Vorurteile gehen über Bord‘.“

die Kaltmamsell