Journal Sonntag, 18. Juni 2017 – Arbeitssonntag und Wonder Woman

Montag, 19. Juni 2017 um 6:33

Wecker gestellt, da ich einiges vorhatte.
Beim Morgenkaffee rechnete ich durch, wie viel Zeit ich in der kommenden Arbeitswoche für Nicht-Arbeitsdinge haben würde – und blies dann doch die geplante Schwimmrunde ab: Wenn ich ein paar Dinge nicht an diesem Sonntag erledigte, würde ich bis zum nächsten Wochenende nicht dazu kommen. Zumal ich nachmittags Wonder Women sehen wollte.

Also las ich bis zum Nachmittag Korrektur, unterbrochen von einmal Semmelholen für Frühstück und vom Hobeln von Krautsalat fürs Abendessen.

Wonder Woman im Cinema: Weil es sich um eine DC-Figur handelt, konnte der Fanboy an meiner Seite deutlich weniger Hintergrundinfo und Publikationsgeschichte als bei Marvel-Verfilmungen liefern. Ich mochte den eigentlich konventionell strukturierten und aufgenommenen Film: Wie einfach es ist, durch Aufheben der gewohnten Gender-Verteilung und von ein paar erwarteten Gender-Stereotypen originell zu sein. Allein schon, dass die Amazonen wie richtige Haudegen aussehen durften, mit den Falten und Versehrungen von nicht mehr jungen Frauen (Robin Wright!). Gal Gadot in der Hauptrolle war ein Glücksfall (die Stimme!), eine überraschende Freude Lucy Davis als lustiger Sidekick Sekretärin Edda. Enttäuschung allerdings, als nach dem Abspann nichts mehr kam, kein Outtake, kein Verweis auf den Fortgang der Handlung. Wie meinte der Kinobegleiter: „Damit machen sie sich keine Freunde.“

Daheim die nächste Erledigung: Eine Runde Bügeln, dabei hörte ich von BBC Radio 3 ein schon älteres Interview mit Margaret Atwood und Naomi Alderman.

Zum Abendbrot gab es Kraut- und Wurstsalat, auf Arte lief Mamma mia – immer wieder herzerfrischend.

Abends vor dem Zu-Bett-Gehen merkte ich, dass ich ein wenig beleidigt war: Ich fühlte mich um das lange Wochenende betrogen, vor allem durch die körperlichen Unpässlichkeiten.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 17. Juni 2017 – Bauchgerumpel

Sonntag, 18. Juni 2017 um 7:43

Nachts ein paar Mal von Übelkeit und schmerzhaftem Gerumpel im Bauch geweckt worden. Jetzt langt’s aber mal mit Körperlichkeiten! Das Gerumpel (ein Infekt? Überforderung durch eine sehr große Menge Salat?) vermieste mir leider diesen dritten Ferientag.

Zum Laufen radelte ich trotzdem, einfach weil Laufen meiner Seele gut tut und ich ohne sehr traurig gewesen wäre. Das Gerumpel zwang mich zu einem Zwischenstopp am Klo der Waldwirtschaft, doch Kreislauf und Muskulatur waren unbeeinträchtigt. Kurze Verzweiflung, als am Ende meines Laufs die öffentlichen Klos am U-Bahnhof Thalkirchen erklärungslos verschlossen waren. Aber all die Beckenbodengymnastik war ja dann doch zu was gut.

Es hatte schon am Vorabend aufgefrischt, das führte zu idealen Lauftemperaturen.

Konsumopfer 2: Wenn ich schon so viel Porto für die Ringelhose zahlte, hatte ich mir gleich noch ein Oberteil dazu stecken lassen.

Von der Brücke Maria Einsiedel aus sah ich unzählige Forellen in der Isar schwimmen.

Nachmittags wegen Magenknurrens (nicht zu verwechseln mit Darmgerumpel) einen Laugenzopf und Pfirsiche gegessen, mich ansonsten an Wasser gehalten. Gesund fühlte ich mich nicht, legte mich auch noch ein wenig ins Bett.

Trotzdem abends den Red and Black getrunken, den Herr Kaltmamsell auf meine Bitte zubereitet hatte: grundsätzlich gut, aber unerwartet süß – ein Verlängern mit Wasser machte es nicht besser.

Granta 139, The best of young American novelists 3 ausgelesen: Spektakulär, welches Stil- und Themenspektrum die Geschichten umfassen, und alle ganz ausgezeichnet. Das ging von einer phantastischen Geschichte, die mit Typografie spielte, über dunkelgrauen Selbstbetrug (von einer Autorin, deren erster Roman „was called the ‚feeld-bad book of the year‘ by the Chicago Tribune˝) oder manieriertes Englisch wie aus dem 19. Jahrhundert (passte zur zentralen Hochstapler-Figur) bis zum Gedankenstrom über den Tod des Ex-Freunds, den die Erzählerin auf Myspace erfährt. Manche gefielen mir besser als andere, manche strengten mehr an als andere, doch alle waren sie sehr, sehr gut ausgedacht und geschrieben. Zumindest in der englischsprachigen Welt mache ich mir überhaupt keine Sorgen um die Zukunft der erzählenden Literatur.

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Beim Zeitunglesen auf dem Balkon wieder den Vogerln am Meisenknödel zugesehen.

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Antje Schrupp hat zehn Vorschläge, um die Streitkultur zu retten.
„Konfliktmanagement:
Nicht nach Mutti rufen“.

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Gabriel Yoran erzählt auf Twitter von einem Zahnarztbesuch in USA und überhaupt vom Gesundheitswesen dort aus seiner Sicht.

(Früher gab’s dafür Blogs. Aber interessant, dass mittlerweile jede Plattform für alles genutzt werden kann und wird – Direkte Kommunikation mit anderen, Bilder, Geschichten.)

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Und dann doch noch ein Nachruf auf Helmut Kohl – der für meine politische Bewusstwerdung und meine Erinnerungen eine überraschend kleine Rolle spielt.


die Kaltmamsell

Journal Donnerstag/Freitag, 15./16. Juni 2017 – Fronleichnam und gemischte G’schichtln

Samstag, 17. Juni 2017 um 10:47

Der Fronleichnamsdonnerstag mit Hochsommerwetter. „Und? Auf welche Prozession gehst’n?“ scherzt meine Mutter, als ich am Telefon abendliches Abholen vom Bahnhof und Übernachtung im Elternhaus verabrede.

Schwimmen gehe ich, Fronleichnamsprozessionen habe ich selbst in meiner religiösen Kindheit und Jugend nur verpflichtet als Kommionskind mitgemacht.
Das Becken des Schyrenbads ist um 11 Uhr bereits dicht beschwommen, ich mache mich bereits auf Gereiztheit und Ärger gefasst, rolle bereits Augen über meine mangelnde Gelassenheit. Doch die Schwimmerinnen und Schwimmer ziehen konfliktfrei aneinander und hintereinander vorbei, die 3.000 Meter sind ein Genuss.

Beim Aufwärmen in der Sonne esse ich saftige Pfirsiche und höre den Soundtrack zu Billy Elliot.

Abends in einer ungekühlten Regionalbahn nach Ingolstadt gefahren, bei Brüderchen in seinen Geburtstag hineingefeiert.

Gespräch unter anderem mit einer erfahrenen Grundschullehrerin, die nun in einer Brennpunktschule unterrichtet und erzählt, wie viel lieber sie sich um ein Klasse kümmere, in der nur zwei Deutsch-Mittersprachler sitzen, aber in der die Kinder auf ihre Einfälle und Projekte mit Staunen und Begeisterung reagieren, statt wie früher jeden Morgen ein Elternteil vor ihrem Klassenzimmer stehen zu haben, das ihr erklärt, wie sie ihren Unterricht, den Lehrplan und das Bildungssystem so umzukrempeln habe, dass der respektive Sprössling für einen steilen Karriereweg vorbereitet werde.

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Blütenpracht im Elterngarten. Den (überschaubaren) Alkoholgenuss der Geburtstagsfeier bezahle ich mit der mittlerweile wöchentlichen Migräne, ich komme erst um zehn aus dem Bett.

Im Treppenhaus der Eltern hängt unter anderem das Hochzeitsfoto meiner spanischen Großeltern, aufgenommen in Madrid Anfang der 1940er. Soweit ich weiß, war der Blumenstrauß ein Dekogegenstand des Fotografen und nur geliehen.
Überm Morgenkaffee erzählt meine Mutter neueste Familiengeschichten aus Spanien, eher unangenehm. Heute halte ich für das bezeichendste Merkmal dieser spanischen Familienseite, dass keine Geschichten erzählt wurden: Diese Sippe hat kein Gedächtnis, webt einander nicht in einen gemeinsamen Mythos, es herrschen Abgrenzung, Missgunst, Bitterniss und Neid. Ich bin froh, dass ich über Herrn Kaltmamsell und Freundeskreis auch schöne, turbulente, lustige erweiterte Familiendynamik erleben darf. (Und habe Angst, dass meine nagende innere Missgunst mich zum typischen Mitglied meiner Familie macht.)

Heimfahrt im ausgebuchten Regionalexpress von Nürnberg: Ein benachbarter Vierersitz wird von einer Bilderbuchfamilie (Vater, Mutter, zwei Kinder) besessen, wie sie sich die Bahnwerbung hätte ausdenken können. Sie unterhält sich in muttersprachlich klingendem Englisch, darin deutsche Einsprengsel, die besonders deutlich ausgesprochen werden. Die beiden Kinder sind ganz klein, die Eltern beschäftigen sich mit ihnen ausschließlich, aber lässig und freundlich. Das etwas ältere kleine Kind ist sehr fröhlich und lebendig, dabei durchaus laut. Auch das sehr kleine Kind, das wohl gerade mal laufen kann, ist sehr agil; ich beobachte aus dem Augenwinkel den Vater, der ihm gegenüber sitzt und ständig in Bewegung ist, um das Kleine vor Verletzungen zu schützen, ohne es in seinen Aktionen einzuschränken: Sich über den Tisch beugt und mit seinen Händen die Kanten abdeckt, damit das Kleine sich nicht stößt, gelassen zur Seite greift, um einen Sturz zu verhindern. Und dann beginnt die Mutter leise zu singen, tonsicher und melodisch, der Vater stimmt leise passagenweise ein, sie bringen den Kindern ein Lied bei. Beim Aussteigen am Münchner Hauptbahnhof lächeln alle vier; ich bin nicht die einzige Passagierin, die mitlächelt.

Wir gehen direkt zum Mittagessen zu Marietta. Mein Schwertfisch auf Couscous ist sensationell saftig.

Zuhause Häuslichkeiten. Ich nehme Abschied von den Pfingsrosensträußen, verräume getrocknete Wäsche und die Freibadausstattung vom Vortag, räume den Geschirrspüler aus, hole und verräume den Ernteanteil.

Aus Letzterem (Salat, junge Zucchini, junger Knoblauch) wird das Abendessen, dazu brät Herr Kaltmamsell Halloumi nach einem Rezept von Delia Smith.

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Goncourt walks down memory lane, lässt ein eigenes Leben hinter sich, aber auch das seiner Eltern und weiterer Vorfahren.
„16 Tons“.

[Das für mich selbst dann doch überraschend stärkere Hängenbleiben an Memorabilia, das ich jetzt nicht überwinde: Könnte man die Armbanduhr nicht reparieren? Das Miniaturengedöns und das gläserne Schachspiel, das sie mir geschenkt hat, das mir nie wirklich gefallen hat, kann ich nicht wegwerfen. Sein Mantel, über den ich mich kurz vor seinem Tod noch mit ihm unterhalten habe. Dinge als Staffellauf: In einem fortlaufenden Text zieht ein Wort von einem Absatz in den nächsten, als zum Passieren übergebene Münze, um so wenigstens in der Bewegungsform zum Curriculum zu werden.]

Gastarbeitergeschichte. Helmut Kohl, gestern verstorben, kommt auch drin vor.

Ich fürchte mich sehr vor dem Moment, wenn auch ich Leben wegräumen muss.

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Smilla Dankert macht Bekanntschaften auf ihrer Reise durch Istanbul.
„50 ccm, 3l Vernel-Tank“.

Zuerst sehe ich das Moped; es steht an der Küstenpromenade in Arnavutköy und sieht aus wie ein umgebautes Bonanza-Fahrrad. Chopper-Lenker, Doppelspiegel, Fransen-Pompons, chices blaues Täschchen, aus dem irgendein Werkzeug hervorguckt.

Triggerwarnung: TÜV-Angestellte sollten sich die Bilder nur in einer geschützten Umgebung ansehen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 14. Juni 2017 – Es sommert

Donnerstag, 15. Juni 2017 um 8:10

Ein sehr sommerlicher Tag, das Schwitzen am Arbeitsplatz vermittelte mir, wie heiß es dort bei richtiger und tagelanger Außenhitze wird – dort kann ich ja nicht nachts durch offene Fenster runterkühlen.

Heimweg mit großer Freude über die bevorstehenden vier freien Tage. Ich spazierte erst mal ins Stadtzentrum, um nach einem Geburtstagsgeschenk für meinen Bruder zu sehen. Überall Menschen mit sommerlich sehr wenig Kleidung und Schuhwerk (interessant, wie wenig Befestigung am Fuß Sandalen benötigen).

Zum Abendbrot hatte Herr Kaltmamsell den sterbenden Basilikumbusch (in dem Moment, indem ich nach ihm greife, beginnt jeder Basilikum zu sterben) zu Pesto verarbeitet und servierte ihn mit Spaghetti. Ich wiederum steuerte Erdbeeren mit Sahne als Nachtisch bei. Wegen kompletter Kopfschmerzfreiheit traute ich mich sogar ein Glas Rum Punch.

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Eine sehr schöne Geschichte auf Twitter – wenn sie erfunden ist, ist sie gut erfunden.

via @anneschuessler

§

In der Süddeutschen denkt Julian Dürr nach über
„Der Mann in der Krise“.

Der Mann, so lassen sich diese Zahlen lesen, ist in der Krise. Und er verträgt diese Krise gar nicht gut. Sie macht ihn zum Extremisten, zum Fanatiker, Gewalttäter, vielleicht sogar zum Terroristen, mindestens aber zum Trump-Wähler. Der Mann ist ein gesellschaftlicher Problemfall. Und wie so oft, wenn es Probleme gibt, muss jemand schuld sein. Im Idealfall nicht man selbst. Deshalb ist die Interpretation dieser Zahlen – das, was der Problemfall selbst aus ihnen herausliest – so interessant. Etwas verkürzt lautet die Interpretation: Der Mann ist jetzt Opfer. Von Globalisierung, Feminismus und der bösen neuen Welt.

Es geht um toxische Männlichkeit, Remaskulinisierung und warum Gender-Stereotypen den Weg in die Zukunft versperren.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 13. Juni 2017 – Sommersportstudio

Mittwoch, 14. Juni 2017 um 6:51

Lange Schlafunterbrechung in der Nacht – nicht wirklich unangenehm, nur dass mir halt bewusst war, dass ich nicht schlafe. Und mein Gehirn die Gelegenheit nutzte, lustig Sorgen hervorzuholen und Ideen auszuwerfen (von der Preisklasse, dass ich doch bei diesem warmen Wetter morgens gleich in Turnkleidung zum Sport gehen könnte – die Weltformel bleibt weiter unaufgestellt).

Endlich mal wieder Langhanteltraining, noch dazu in der schönsten Turnhose der Welt. Na gut, zumindest des Turnsaals (die ich Konsumopfer unbedingt haben musste, noch dazu für teuer Geld direkt aus USA, als hätte ich nicht bereits vier Gymnastikhosen (aber doch alle schwarz!)).

Körperpflege geht nach einer Turnstunde im Sommer sehr schnell: Die Haare trocknen von selbst, Eincremen wäre nutzlos, weil umgehend vom Nachschwitzen fortgespült.

Am Untergeschoß-Eingang zur U5 am Hauptbahnhof ein Dutzend Polizisten in Grün und Blau, die Fahrgäste scannten: Ich las später bei Twitter, dass es morgens am Bahnhof Unterföhring eine Schießerei gegeben hatte.

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Auf dem Heimweg im Elektronikkaufhaus eine Schutzhülle fürs neue Telefon gekauft, Armhalterung fürs Musikhören auf dem Crosstrainer fand ich nicht (und hatte keine Zeit, Personal zum Fragen zu jagen), werde ich wohl im Internet kaufen.

Die Linden blühen. Vergangenen Freitag hatte ich zum ersten Mal eine in der Nase, gestern waberte mir der herrliche Duft an vielen Ecken entgegen.

Ein spontaner lieber Abendbrotgast, Herr Kaltmamsell hatte gekocht: Splattered Egg Curry. Ich hätte sehr gerne einen Schluck Wein dazu getrunken, wollte aber keine Migräne riskieren (beim letzten Einkauf hatte ich die Apothekerin nach dem Preis für das Migräne-Medikament gefragt: Huiuiui!).

Vorm Schlafengehen weiteres Gefrickel am neuen Handy, ein paar Inhalte fehlen mir immer noch.

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Vielschichtige Momentaufnahme von Croco:
„Ein Bauer geht“.

§

Zwei Geschichten aus dem Techniktagebuch, die ich besonders gern gelesen habe:

Geschichten aus der Sternwarte finde ich immer superspannend, je mehr Details, desto besser. In dieser geht es im menschliche Biologie und ihren Umgang mit der Dunkelheit:
„Der Rotlicht-Hack“.

Auch über Eltern, die keine Angst vor Kind und Technik haben, lese ich interessiert. Hier begleitet ein Vater sein Kind in ein Computerspiel:
„Mein Kind klettert in den Fernseher“.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 12. Juni 2017 – Bacherlwarmer Morgen

Dienstag, 13. Juni 2017 um 6:19

Beim Morgenkaffee war es auf dem Balkon draußen wärmer als drinnen im Wohnzimmer – kurz nach sechs.

Das fühlte sich auch beim Gang über die Theresienwiese schräg an.

Den Tag über bewölkte es sich zwar, es gab auch vereinzelte Regengüsse, doch es blieb schwül warm. Als ich nach Feierabend im T-Punkt in der Sendlinger Straße stand, tropfte mir der Schweiß aus den Haaren auf die Schultern. Das hinderte mich nicht am Erhalt eines neuen Smartphones zur Vertragsverlängerung.

Der Abend war entsprechend mit dem Umzug aufs neue Telefon gefüllt (Abgleich über itunes auf meinem Rechner – ich verweigere weiterhin irrationalerweise die icloud), deutlich weniger reibungslos als beim letzten Mal vor dreieinhalb Jahren: Ich musste erst mal das Betriebssystem aktualisieren, einige Apps von Hand wieder installieren und einige anderen Apps nahmen ihre bisherigen Daten nicht mit.

§

Mittag las ich im Lokalen der Süddeutschen über die Pläne eines Informationszentrums für Friedhofs- und Bestattungskultur am Alten Südfriedhof:
„Angst vor dem Gräber-Tourismus“.

Darin hieß es:

In der Bürgerversammlung in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt im November gab es niemanden, der die Ausbaupläne befürwortete.

Gab es wohl, nämlich mindestens mich. Ich stimmte gegen den Antrag, kein solches Besucherzentrum einzurichten. (Ins Protokoll aufgenommen wurde, soweit ich das verstanden habe, lediglich, dass der Antrag mit Mehrheit angenommen wurde.) Zwar hatte ich auf der Versammlung zum ersten Mal überhaupt von den Plänen gehört, verstand aber den Protest nicht, der davon ausging, eine solche Informationsstelle würde die Ruhe des Friedhofs stören, zu Partystimmung und Menschenmassen führen. Ich kann mir viele schöne Formen der Information vorstellen: Audio-Guides (am besten von Florian Scheungraber und anderen Expertinnen und Experten des Alten Südfriedhofs besprochen), QR-Codes für Info aufs Smartphone (Kunstgeschichtliches, Typografie – Sie erinnern sich, dass ich von Themenführungen träumte). Besucherinnen und Besucher, die sich interessiert mit den Bestatteten und den Grabmälern befassen, sind mir persönlich lieber als durchbrausende Radlerinnen und Radler oder Mode-Fotoshootings, denen ich dort bereits begegnet bin, und die den Friedhof lediglich als Hintergrund brauchen. Ich als Anwohnerin teile den Zauber des Alten Südfriedhofs gerne mit anderen, die ihn zu würdigen wissen.

Zudem weiß ich, wie wenig Geld für die Erhaltung der Grabdenkmäler zur Verfügung steht: Von einem Besucherzentrum erhoffe ich mir zusätzliche finanzielle Mittel und Personal zur Erhaltung. (Mag ja sein, dass ich mal wieder zu naiv bin.)

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 11. Juni 2017 – Freibad und Balkon, Elektronikgefummel

Montag, 12. Juni 2017 um 6:59

Den gestrigen Sonntag empfand ich als wirklich frei. Als hätte ich sonst jeden Tag fremdbestimmtes Programm, was nun wirklich überhaupt nicht so ist.

Morgenkaffee auf dem Balkon (wenn auch mit Socken an den Füßen, so warm war’s dann doch nicht), Bettwäsche gewaschen, zu Fuß in den Hochsommertag und zum Schwimmen ins Schyrenbad.

Das Becken war schon vormittags gut besucht, doch die meisten Schwimmerinnen und Schwimmer machten nur ein paar Bahnen.

Umgezogen und gut sonnengemilcht wärmte ich mich in der Sonne mit Musik auf den Ohren auf, Blick auf den unbelebten Teil der Liegewiese. Das sonstige Schyrenbad war knackenvoll, als ich am frühen Nachmittag nach Hause aufbrach.

Ungefähr hier hielt sich der Rest Münchens auf.

Auf dem Heimweg kämpfte ich mit dem Wackelkontakt meiner iPhone-Knöpfe, der über die vergangenen Wochen immer schlimmer geworden war und jetzt ständig Apps schloss – unterwegs zum Beispiel PokénomGo.

Zu Hause bereitete ich das Abendessen vor: Zitronen-Thymian-Huhn. Inzwischen habe ich es so oft gemacht, dass ich nicht mehr von der Anweisung überrascht werde, es zum Marinieren ein paar Stunden in den Kühlschrank zu stellen.

Unser Wäschetrockner scheint sich nach nicht mal 25 Jahren Nutzung zu verabschieden. Was die Bettwäschelogistik komplizierte.

Auf dem Balkon Internet und Wochenend-SZ gelesen, den Vögeln am Meisenknödel zugesehen. Die Buntspechte vertreibe ich inzwischen: Zum einen zerhacken sie innerhalb weniger Stunden den ganzen Knödel und lassen den anderen Vögeln nichts, zum anderen sollen sie gefälligst Schädlinge aus Baumborken popeln. Die Meisenkinder (Kohl- und Blau-) haben inzwischen gelernt, selbst vom Knödel zu fressen, fiepen dabei aber weiterhin ihr durchdringendes FÜTTERE MICH!

Hühnchen in den Ofen geschoben, Fotos und Text für ein Interview fertig gebastelt, um das ich gebeten worden bin.

Beim Einstecken des iPhones zum Laden entdeckte ich, dass auch das Ladekabel einen Wackler hat, es bricht Steckdosen-seitig. Mit viel Gefummel brachte ich es noch einmal zum Vollladen, die Fotos musste ich mir allerdings auf den Rechner schicken, statt sie runterzuladen.

Zum Abendbrot gab es den wunderbaren Film Spy auf Deutsch und mit Werbeunterbrechung. Die Synchronübersetzungsmannschaft hatte offensichtlich Spaß – aber die Stimme von Miranda Hart als Nancy hätte besser eine Komikerin übernommen, im Original stiehlt sie in fast jeder Szene die Schau, übersetzt geht sie unter. Ich blieb extra bis zum Schluss des Films auf, weil ich die überraschende allerletzte Szene nochmal sehen wollte. Nur um daran erinnert zu werden, dass die in den Abspann eingebaut ist – und im Fernsehen wird schon seit vielen Jahren der Abspann weggelassen.

§

Manche Aspekte der Elternschaft finde sogar ich interessant. Zum Beispiel, was Menschen ihren Kindern aktiv beibringen wollen (und was offensichtlich nicht, oder nicht können, aber das ist ein ganz anderes Kapitel). So ist Herr Buddenbohm entschlossen, seinen Kindern Einkaufen beizubringen. Das liest sich sehr vernünftig, aber unerwartet anstrengend.1
„Der Mensch braucht achtzehn Sorten Milch“.

§

Die Zeit erkennt:
„Wir sind Konsumnation“.

Heute, 45 Jahre nachdem der Club of Rome seine wegweisende Studie Die Grenzen des Wachstums veröffentlichte, sind die sozialen und ökologischen Folgeschäden des Massenkonsums selbst von Verfechtern des deregulierten Marktes nicht mehr zu leugnen. Angesichts von Klimawandel, Naturzerstörung oder den Arbeitsbedingungen in pakistanischen Sweatshops und chinesischen Fabriken ist im öffentlichen Bewusstsein mittlerweile verankert, dass der in Konsumgesellschaften produzierte Wohlstand nur durch die Zerstörung seiner eigenen Grundlagen, allen voran der Natur, zu haben ist. Wird heute deshalb von Konsumgesellschaft gesprochen, so meist in gesellschaftskritischen Kontexten. Dann, wenn nachhaltiger Verbrauch oder gar Post-Wachstum, also eine Art wirtschaftliches „Gesundschrumpfen“, gefordert wird.

An dieser Stelle wird es kompliziert. Denn so unzweifelhaft die Erkenntnis ist, dass die Konsumsteigerung zu irreversiblen Folgeschäden führt, und so klar die Einsicht, dass insbesondere westliche Gesellschaften ihr Verbrauchsniveau signifikant senken müssten – die Konsumkritik umfasst in der Praxis dennoch eine Reihe fundamentaler Widersprüche, von denen viele sich kaum auflösen lassen.

(…)

Das erste Problem einer wirksamen Konsumkritik liegt nicht darin, dass sie es mit mangelndem Bewusstsein zu tun hätte. Falls doch, dann bräuchte es „nur“ Aufklärung. Das Problem ist eher, dass Hochkonsumkulturen auf einer Art kollektiven Akt der Verdrängung beruhen, auf der schlichten Tatsache, dass das Lustprinzip in der Regel das Realitätsprinzip aussticht.

(…)

Gleichwohl wird Konsumkritik auch heute oft als moralistischer Diskurs der Besserverdienenden empfunden, als Nachhaltigkeitsmantra jenes ökologisch sensibilisierten Bürgertums, das sich punktuellen Verzicht eben nicht nur leisten kann, sondern diesen dann auch noch zum Mittel sozialer Distinktion macht: Der Aldi-Wurst mampfende Billigurlauber wird dann nicht nur mehr als ästhetische, sondern auch als ökologische Zumutung empfunden.

(…)

Bedürfnisse sind an einem bestimmen Punkt befriedigt. Begehrnisse sind letztlich unstillbar, da es sich bei ihnen um Mittel handelt, das eigene Leben auszustaffieren und zu inszenieren. Die Möglichkeiten dafür ragen ins Unendliche. Ein Deutscher besitzt heute im Durchschnitt rund 10.000 Dinge.

(…)

[Zum Beispiel dass] der alles beherrschende Leistungsgedanke nun in die Freizeit verlängert wird, also auch die ästhetische Ausstattung des Lebens einem Zwang des „immer mehr“ gehorcht. Körperliche Schönheit oder die Pflege einer Erlebniskultur, sei es als Fußballfan oder Operngänger, offenbaren sich eben zunehmend als biografische Projekte, an denen man „arbeiten“ muss.

(Mir fällt sofort die immer heißere Ausstattungsschlacht des so ziemlich Ausstattungs-ärmsten Sports überhaupt ein: des Schwimmens.)

§

Spannender Forschungbericht der Max-Planck-Gesellschaft:
„Aug in Aug mit dem Neandertaler
Wissenschaftler rekonstruieren das Verhältnis zwischen modernem Menschen und Neandertaler“.

Proteine überdauern in uraltem Knochenmaterial zehnmal länger als DNA. Die Untersuchung des Erbguts galt bisher als Königsweg, um einen Knochen einem bestimmten Lebewesen zuzuordnen. Die Paläoproteomik könnte der DNA-Analyse diesen Ruf streitig machen.

  1. Nur als Fußnote: Selbst wurde ich schon vor der Schulzeit Einkaufen geschickt, zum Beispiel Samstagmorgen zum Bäcker zum Semmelnholen oder zur Metzgertheke im benachbarten Supermarkt des Wohnblockviertels, in dem wir wohnten – eine Metzgerei lag zu weit weg. Die Semmelbestellung konnte ich auswendig, die zu erledigenden Metzgereieinkäufe schrieb meine Mutter auf einen Zettel, den ich über die Theke reichte. Umstehende Einkäuferinnen passten ein bisschen auf, dass mir keine schlechte Ware angedreht wurde, das Geld hatte meine Mutter mir ungefähr abgezählt mitgegeben. Ganz wichtig war: IMMER den Kassenzettel mitbringen, denn meine Mutter führte Haushaltsbuch. []
die Kaltmamsell