Journal Montag, 11. Juli 2016 – Oktoberfestausbruch und sonstiges Vitriol

Dienstag, 12. Juli 2016 um 6:24

Ein Tag mit Vitriol im Blut. Ich grantelte und wütete innerlich von früh bis spät, das Leben und das Arbeitsleben waren eine einzige Zumutung.

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Das viermonatige Grauen namens Oktoberfest hat begonnen. Beim morgendlichen Weg in die Arbeit sah ich die ersten Zeltskelette, abends war der Durchgang bereits gesperrt – eine Woche früher als angekündigt.

Früh ins Bett, um den Tag möglichst bald zu beenden und zu vergessen.

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Sonntagabend hatte ich mich im Biergarten mit der Freundin unterhalten, welche Regeln wir in unserer Kindheit fürs abendliche Heimkommen vom Spielen draußen hatten. „Wenn’s dunkel wird“ konnte ja wohl nicht für lange Sommertage gegolten haben, wenn ich selbst in den Sommerferien nach der Tagesschau schon ins Bett musste. Wahrscheinlich rief mich meine Mutter im Sommer vom Wohnblockfenster aus zum Abendbrot herein.

Die Freundin hingegen wurde in einem 300-Einwohner-Dorf im Altmühltal groß und hatte viel spannendere Regeln: Es habe, so erzählte sie, zwei Heimkehrsignale gegeben, beide akkustisch. Das eine: „Wenn’s Sechwerg blohst“ (= Wenn das Sägewerk bläst. Lautung nur ungefähr – in diesem Teil des Altmühltals wird ein Dialekt gesprochen, der es an Verständlichkeit mit dem Walisischen aufnehmen kann) – 17 Uhr. Und dann das 18-Uhr-Läuten der Dorfkirche zur Abendandacht. Für sie habe das zweite Signal gegolten.

Jetzt will ich sie unbedingt dazu kriegen, einen Roman mit dem wundervollen Titel „Wenn’s Sechwerg blohst“ zu schreiben. Es müsste das Freibad in Kipfenberg drin vorkommen, die gefährliche Kletterei der Kinder auf den Altmühltalfelsen, das Wirtshaus ihres Onkels Hans. Aber bitte kein Lokalkrimi.

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Mein Lieblingsbild vom Münchner CSD.

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Dass ich mal echte Entspannung und echtes Vergnügen aus Berichterstattung über Stars ziehen könnte, wurde mir sicher nicht an der Wiege gesungen.
Andererseits sang mir ebenso sicher niemand an der Wiege von den Fugly-Damen.
Die unter anderem Karl Lagerfeld in den Mund legen:

Do not beat around the bush. Occupy the bush. Stand up in the middle of the bush and shout, “I WILL NOT BE GARDENED.”

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Die US-Geschichte der Bürgerrechte für Frauen – und wie Frauen in den 60ern darum kämpften, anständige Jobs zu bekommen:
„Women were included in the Civil Rights Act as a joke“.

via @ankegroener

Apropos Women with small children were not eligible for hire.: Erst kürzlich (zur Erinnerung: im Jahr 2016, 49 Jahre nach dem im Artikel beschriebenen Fall) musste sich eine Freundin in einem Bewerbungsgespräch für einen IT-Posten fragen lassen, wie sie den Job mit zwei Kindern zu schaffen gedenke – in heißen Phasen könne es ja schon mal vorkommen, dass man nicht immer pünktlich gehen könne. Sie war zu verdattert um zurückzufragen, ob man einem Vater zweier Kinder dieselbe Frage stellen würde.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 10. Juli 2016 – Hochsommer ausgeschöpft

Montag, 11. Juli 2016 um 10:12

Die Wettervorhersage hatte den einzigen Hochsommertag auf längere Sicht angekündigt, ich holte möglichst viel raus.

Morgenkaffee auf dem Balkon:

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Radeln zum Ostbahnhof für eine Turnstunde, beim Umziehen genoss ich das gleißende Licht über Münchens Dächerlandschaft.

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Daheim Frühstück mit Bagel, Curryresten, Obstjoghurt. Dabei bekam ich die Nachricht einer Freundin, ob wir uns abends im Biergarten treffen wollten. Zu Biergarten hatte ich gerade Herrn Kaltmamsell überredet, der wegen Korrekturlast nur zögerlich eingewilligt hatte. Ich gab ihm also frei und verabredete mich statt dessen mit der Freundin.

Vorher schob ich noch Freibad ein – auch wenn mir bewusst war, dass ich halb München dort treffen würde. Ich radelte hinaus nach Thalkirchen ins Naturbad Maria Einsiedel. Wie gewohnt schlenderte ich an den Kassenschlangen vorbei zum Eingang für Bäderkartenbesitzerinnen – um dort festzustellen, dass ich kein Guthaben mehr auf meiner Karte habe (ich sehe auf der kleinteiligen Anzeige beim Reingehen nie, wie hoch mein Guthaben noch ist). Also stellte ich mich an.

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Das Bad war tatsächlich sensationell voll, doch ich kam zu meinem Schwumm einmal den eisigen Kanal runter.

Zurück daheim duschte ich und packte die Badetasche aus, dann radelte ich weiter zum Aumeister – recht weit weg für mich, aber für die Freundin mit zwei Kindern am besten zu erreichen. Außerdem lockte mich die Fahrt einmal längs durch den Englischen Garten, zumeist entlang der Isar.

Es war ein wunderbarer Biergartenabend. Zuvor war ich erst einmal im Aumeister gewesen, und das bei Kälte, gestern saßen wir gemütlich im Schatten der Bäume, völlig unbeengt. Ich ließ mir sagen, dass dieser Biergarten eigentlich nie ganz voll sei. Zwei Radlermaßn, eine Schweinshaxn mit Krautsalat – es ging mir rundum gut.

Highlight des Hochsommertags aber war die Heimfahrt. Ich radelte nach neun quer durch den Englischen Garten zurück, orientierte mich nur ungefähr an der Richtung. Im goldenen Abendlicht fuhr ich zwischen Blumenwiesen und Baumsilhouetten, vorbei an glucksenden Bächlein, begegnete der Schafherde, die gerade im Englischen Garten grast (ich roch sie, bevor ich sie sah), sah die Lichter eines weiteren Biergartens zwischen den Bäumen, hörte einen Entenstreit – bevor ich an den Chinesischen Turm gelangte und wieder genauer wusste, wo ich war.

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Bitter, aber nötig:
„I racist“.

What follows is the text of a “sermon” that I gave as a “congregational reflection” to an all White audience at the Bethel Congregational United Church of Christ on Sunday, June 28th.

Black people think in terms of we because we live in a society where the social and political structures interact with us as Black people.

Mein Rassismus, wenn ich ehrlich bin: Wenn ich hier jemandem mit dunkler Hautfarbe oder sonstigen nicht-mehrheitlichen Herkunftsmerkmalen begegne, ist mir das sofort bewusst – so sehr, dass ich bei Grillhähnchen-gebräunten Menschen auf einer kleinen Ebene überlege, ob sie vielleicht doch so geboren wurden. Vor allem aber: Wenn ich einer Weißen begegne, ist mir das nicht bewusst – sie hat gar kein Merkmal, sie ist einfach da, norm-al. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das instinktive Registrieren der Abweichung auf mein Verhalten auswirkt, ist groß. Und das ist halt bereits Rassismus. Im besten Fall reflektiere ich es (und bin auch noch stolz darauf), aber es ist da.

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Dazu passt hervorragend dieses ausführliche Interview mit der immer wieder bestürzend klaren Denkerin Carolin Ehmke. Es dreht sich um Intimität und Politik:
„’Einfach nur privatistisch Intimitäten ausplaudern, kann nicht zielführend sein.’“

Zum Artikel über Rasssismus oben passt:

Ich wehre mich gegen die machtvolle Konstruktion von Kollektiven, von Zuschreibungen kollektiver Identität, gegen die Negation von Individualität, weil ich darin den Ursprung von Ausgrenzung oder Gewalt antizipiere. Mit dem Unsichtbarmachen von Individualität und Vielfalt, mit der Repression von Differenzen, mit dem Erfinden von Normen und Codes, die manche ein- und andere ausschließen, beginnen jene Mechanismen von Exklusion, die aus manchen Menschen weniger wertvolle, weniger schutzwürdige Menschen machen.

Woran ich dabei allerdings herumkaue: Denken in Mustern, Stereotypen, Gruppen ist grundmenschlich, so funktioniert das menschliche Lernen. Ist die Technik der Deduktion nicht im Grunde Stereotypisierung? Kommt die Wahrnehmungsforschung nicht immer wieder auf die Gestalttheorie zurück? Aber was bedeutet das für unser Zusammenleben in einer Gesellschaft?

Je älter ich werde, je mehr ich lerne, nachdenke, umso weniger komme ich zu Ergebnissen. Soll ich es mir einfach gemütlich in der Aporia einrichten?

Sehr gefreut habe ich mich über Ehmkes Vergleich von Religiosität mit Liebe: Damit erkläre ich mir das nämlich auch. So wenig, wie man jemanden über Argumente dazu bringen kann, einen Menschen zu lieben (oder zu begehren, würde Ehmke ergänzen), kann kam jemandem religiösen Glauben ein- oder ausreden; er ist da oder eben nicht.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 9. Juli 2016 – Kochen, Backen, Essen

Sonntag, 10. Juli 2016 um 8:14

Ich wachte wacklig auf – wie schon ein paar Mal vergangene Woche war mir schwindlig, ich fühlte mich schwach, wurde manchmal von Übelkeitswellen erfasst. In der Arbeit bedeutet das Zusammennehmen und Anstrengung, am ersten ganz freien Wochenende seit Langem konnte ich mich gehen lassen. Also blies ich meine Schwimmpläne ab.

In aller Gemütlichkeit mahlte ich die am Vorabend geschälten Mandeln und buk neben Frühstückskaffee und Internetlesen eine Aprikosentarte.

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(Ungefiltert: Die Früchte waren wirklich so knallfarben.)
Bis ich sie aus dem Ofen holte, war ich gereinigt und angezogen.

Einkaufsrunde mit Herrn Kaltmamsell. Wir spazierten zum Eataly. Da ich den Laden noch nie so leer gesehen hatte (gegen 12 Uhr nur ein paar versprengte Touristen), sah ich mich diesmal wirklich gründlich um. Im Einkaufskorb landeten allerdings wieder Guanciale, Schinkenabschnitte, Käse – die Speisen fürs Wochenende waren bereits geplant. Auf dem Rückweg Besorgungen im Biosuper- und im Drogeriemarkt.

Da der jüngste Ernteanteil eine junge gelbe und eine junge grüne Zucchini enthalten hatte, probierte ich zum Mittagessen den erst jüngst auf Twitter gelobten Zucchinisalat von 2010 aus, hier Ankes Rezept. Schmeckte wirklich sehr gut.

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Auf Twitter enspann sich eine Diskussion über das Hobeln der Zucchini: In meinem Fall hatte Herr Kaltmamsell das mit einem Gurkenhobel übernommen – ich hatte mir beim letzten Mal ordentlich in einen Nagel gesäbelt. Mein Kartoffelschälmesser ist nämlich von diesem Typus (Prägung aus dem Elternhaus, anders kann ich’s nicht) und nicht von diesem – damit geht kein Dünnhobeln.

Als zweiten Gang gab’s gerade abgekühlte Aprikosentarte.

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Ja, mit frisch selbst geschälten und gemahlenen Mandeln schmeckt sie besser.

Nach ausführlicher Siesta (das sonnige Wetter draußen rief Erinnerungen an Spanienurlaube meiner Kindheit hervor und die damaligen Siestas) kochte und buk ich die Bagels, die ich am Vorabend angesetzt und geformt hatte. Ich hatte mich ein wenig gesorgt, weil sie kaum aufgegangen waren, doch das Ergebnis war tatsächlich perfekt: kleinporige, aromatische und gummige Bagels.

Zeitunglesen auf dem Balkon, dann ging ich bei schmissiger Musik den Bügelberg an: Ich hatte morgens gewaschen, einige schwierig zu glättende Leinenstücke hatten genau den idealen Trockengrad.

Abendessen bereitete Herr Kaltmamsell zu: Er verarbeitete Blumenkohl aus Ernteanteil und Kartoffeln zu einem elaborierten Curry, Aloo Gobi.

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Dieser Aromenreichtum war der perfekte Weg, mir Blumenkohl unterzujubeln. Wobei ich gar kein so großes Problem mit zubereitetem Blumenkohl auf dem Teller habe wie mit der Zubereitungsphase, genauer: mit dem Geruch von kochendem Blumenkohl. Doch selbst dieser wird bei Aloo Gobi vom Duft der Gewürze überdeckt. Dazu tranken wir Gin&Tonic.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 8. Juli 2016 – Rosé am Balkon

Samstag, 9. Juli 2016 um 9:57

Noch ein Sommertag, ich meckere ja schon gar nicht mehr. Zumal er wieder nur schön warm, aber nicht heiß war.

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Nochmal Theresienwiese, wie sie ihrem Namen gerecht wird.

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Früher so:
BOAH! ICH HAB EINE IDEE! UND JETZT BEGEISTERE ICH SO LANGE RUM, BIS ICH SIE UMSETZEN DARF!

Heute so:
Hoppla. Mir ist gerade eingefallen, wie man das lösen könnte. Oh je, und das würde auch gleich noch ein paar andere Probleme mit lösen. Aber was das wieder für Kämpfe werden. Und so viel Arbeit!

Wenn das vielleicht bloß das Klimakterium ist, darf ich auf eine Rückkehr des Früher hoffen? Irgendwann?

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Ich hatte wieder fünf Tage auf Alkohol verzichtet, um mir zu beweisen, dass ich kein Alkoholproblem habe. Gestern Abend gab es als Aperitiv erst mal Gin&Tonic – OH GOTT, WAR DER GUT! Nein, ich meine keineswegs nur den Geschmack, ich meine durchaus die Instantbeschwipsung nach dem ersten Schluck. Darf ich einfach Alkoholikerin sein, ohne ein Alkoholproblem zu haben? Ginge das?

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Erst war’s das Wetter, dann waren’s die Termine – gestern gab es mit großer Verzögerung endlich Salade niçoise auf dem Balkon. Mit Rosé (Erdbeer, Vanille).

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Die nächste britische Regierung wird von einer Frau geleitet werden.
Aber, wie Laurie Penny schmerzlich genau kommentiert:

This is the feminist revolution in the same way that the Charge of the Light Brigade was a military triumph.

(Gnihihi.)

„A Tory leadership race between two women is not a feminist revolution“.

The truth is that women are not, in fact, magic. Women are, in fact, people, and people who happen to be female are no less complicated and unpredictable than those who happen to be male. Women have just as much capacity to be venal, petty and egomaniacal as men do, although they are less likely to be indulged in such behaviour. Women have just as much potential for crashing incompetence as men, although female mediocrity is far less frequently rewarded with jobs in government.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 7. Juli 2016 – Lesenreden mit Sommerfarben

Freitag, 8. Juli 2016 um 9:18

Ein astreiner Sommertag, und dabei nicht mal heiß.

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Ausblick aus dem Arbeitsfahrstuhl. Auf der Baustelle stand mal der TÜV.

Abends treffen mit Lesegruppe. Ich hatte What Maisie knew in jeder freien Minute noch bis zur Hälfte gelesen, doch es war nur eine Mitleserin, die es ganz gelesen hatte, ein paar sogar überhaupt nicht. Vielleicht sind wir ja gar keine Leserunde. Bis zur Hälfte hatte mir der Roman sehr gut gefallen, ich freue mich schon auf die zweite Hälfte (und schreibe dann mehr).

Heimweg durch die Dämmerung vorbei an Gemeinschaftsfernsehinseln – gestern war wieder Fußball.

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Wegen Fußballs wieder mit Ohrstöpseln ins Bett.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 6. Juli 2016 – Isarlauf im Abendlicht

Donnerstag, 7. Juli 2016 um 6:48

Wenn die Tage schon so lang sind, und wenn schon für gestern eher kühle Temperaturen angekündigt waren, legte ich einen abendlichen Isarlauf ein.

Die gewohnte Strecke vom Friedensengel zum Föhringer Ring und zurück sah in der schrägen Abendsonne ganz anders aus.

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§

Wir sind alle unvernünftige Volltrottel.
„Why you can’t trust yourself“.

Acht Gründe, warum man Selbsteinschätzung und eigene Urteile immer wieder reflektieren sollte, zum Beispiel:

If you’re like most people, then you tend to make terrible decisions based on your emotions.

Oder:

Your memory sucks

As humans, we need an identity, a sense of ‘who’ we are, in order to navigate complex social situations and, really, just to get shit done most of the time. Our memories help us create our identities by giving us a story of our past.

In this way, it doesn’t really matter how accurate our memories are. All that matters is that we have a story of our past in our heads that creates that part of the sense of who we are, our sense of self.

Und da soll ich mir was auch immer zutrauen? Wenn ich mich so wenig auf mein zukünftiges Ich verlassen kann?
Es ist eine erheblich vernünftigere Idee, einen wohlgesonnenen Menschen um Entscheidungshilfe zu bitten, der einem schon lange zusieht und aus Beobachtungen logische Schlüsse folgern kann.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 5. Juli 2016 – WMDEDGT

Mittwoch, 6. Juli 2016 um 7:03

Gesundheitswarnung: Es handelt sich möglicherweise um den langweiligsten 5. der Bloggosphäre, Lesen birgt das Risiko von Gehirn- bis Atemlähmung. WMDEDGT ist die Antwort auf Frau Brüllens Frage: „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

Ich hatte mir den Wecker auf 5:40 Uhr gestellt, denn ich wollte nach Monaten mal wieder vor der Arbeit zum Langhanteltraining ins Sportstudio – um den Preis, dass ich dann erst kurz nach 9 Uhr im Büro sein würde (erwartet werde ich kurz nach 8). Diesen Dienstag hatte ich mir dafür ausgesucht, weil er der erste im Quartal war: Neues Quartal heißt neues Programm heißt es wird alles erklärt und eher langsam gemacht.

Nach dem Aufstehen sofort Milchkaffee gekocht: Herr Kaltmamsell musste schon vor halb sieben aus dem Haus und hatte sich eigentlich für den Morgenkaffee abgemeldet, das hätte mich geschmerzt.

Meinen Milchkaffee getrunken, Katzenwäsche, angezogen, durch Sommermorgen ins Sportstudio geradelt, dort großes Hallo bei den lange nicht gesehenen Mitturnerinnen und Angestellten. Ich zog mich um, baute Step, Langhantel, Gewichtscheiben, Gymnastikmatte im Turnraum auf, setzte mich dann noch für 20 Minuten ans Rudergerät. Turnstunde: Ich hatte schon wieder vergessen, wie ermüdend lange bei Hot Iron die Umbaupausen zwischen den Übungen sind; nach den flotten Übungsabfolgen bei Fitnessblender hatte ich das Gefühl, ein Halbstundenprogramm auf 60 Minuten auszubreiten.

Der Vorturner überzog, weil er fünf Minuten zu spät angefangen hatte, dadurch pressierte es mir noch mehr: Nach dem Duschen desodorierte ich mich lediglich und zog mich sofort an, radelte ungeschminkt, ungecremt und mit nassen Haaren in die Arbeit.

Das Schminken holte ich im Büro nach, während mein Teewasser heiß wurde: Gestern machte ich mir nur eine große Tasse Schwarztee statt der gewohnten Kanne Grüntee oder Verbene.

Kurze Morgenrunde, dann organisierte ich im Auftrag, bereitete den Aussand der Mitarbeiterzeitschrift vor, beantwortete Presseanfragen aus dem Postfach und am Telefon (ich habe derzeit den entsprechenden Dienst, der im Presseteam zweiwöchentlich wechselt). Für meine Konzeptidee recherchierte ich im Haus – und sah mehr als je den Bedarf nach meinem Konzept. Darüber telefonierte ich zudem mit einem Experten, den mir meine kleinen Internetfreunde vermittelt hatten: Da meine Idee meine zugewiesenen Kompetenzen komplett übersteigt, kann ich in dieser Phase nach draußen keine offiziellen Wege gehen.

Den ganzen Tag über allein im Zweierbüro: Die Bürogenossin hatte einen freien Tag, die Auszubildende, die ich betreue, war krank.

Mittags Gurke aus Ernteanteil, Brot und spanischen Käse zur Lektüre der Süddeutschen Zeitung – Sorge über das weitere Abrutschen des Vereinigten Königreichs ins Chaos.

Nachmittags bastelte ich an der Präsentation meiner Konteptidee, noch fehlt mir ein zündender Einstieg, der die Umsetzung der Idee fürs entscheidende Publikum von Anfang an ersehnenswert macht. Soll ich einfach mit ein paar Folien voller Bilder von niedlichen Tieren einsteigen? Von Quokkas vielleicht?

Daneben ambulante Bitten erfüllt. Mich zum wiederholten Mal gefragt, ob mittlerweile wirklich nur noch die erste Zeile von E-Mails gelesen wird.
(Ich bitte um Verteileraktualisierung:
„Herr Dingens hat die Organisation verlassen.
Bitte schicken Sie Ihre Post künftig an Frau Dingensa“.
Antwort:
„Hat Herr Dingens denn einen Nachfolger, den wir in unseren Verteiler aufnehmen können?“)

Um 18 Uhr das Büro verlassen, durch Sommerabend heimgeradelt. Herr Kaltmamsell war beruflich unterwegs, also kochte das Abendessen ich: Krautsuppe aus Österreich vegetarisch mit Spitzkraut aus Ernteanteil. Während des Essens (Nachtisch: Schokoladeneis aus dem Gefrierschrank) ließ ich mir von der Geschäftsreise erzählen, las ein wenig Internet, guckte Tagesschau. Dann setzte ich mich auf den Balkon und las Henry James‘ What Maisie knew – bis zum Treffen meiner Leserunde will ich zumindest genug darüber wissen, dass ich die Unterhaltung der anderen mitdenken kann.

Nicht weit nach zehn ins Bett und weitergelesen, zum Schlafen die Ohren mit Ohropax verschlossen, weil die Nachbarn über uns Balkongäste hatten.

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die Kaltmamsell