Journal Mittwoch, 12. August 2015 – 12 von 12

Donnerstag, 13. August 2015 um 7:45

Hier sind wieder die Blogposts gesammelt, die den 12. des Monats mit 12 Fotos dokumentiert haben.

150812_01_Balkon

Es war das Foto, das Frau… äh Mutti aka DilemmaDeLuxe aka frau_frauchen auf instagram veröffentlicht hatte, das mich an #12von12 erinnerte, nicht allzu lang nach dem Aufstehen, nämlich beim Morgenkaffee auf dem Balkon.

150812_02_nuf_Buch

Ich öffente die Post, die am Vortag angekommen war: Das Buch von dasnuf mit Illustrationen von Beetlebum ist da!

150812_03_Baustelle

Von der geplanten Erweiterung der Medizinische Klinik und Poliklinik IV in der Ziemssenstraße, also in Sichtweite meines Balkons, hatte ich Anfang vergangenen Jahres in der Zeitung gelesen. Doch erst im März dieses Jahres hatten Bauarbeiten begonnen – die jetzt energischer werden. Auf dem Weg in die Arbeit per Rad dokumentierte ich sie.

150812_05_Bueroarbeiten

Den halben Arbeitstag verbrachte ich in einem Praktikantenbüro: In meinem, das ich mit einer Kollegin teile, wurden die ca. 40 Zentimeter tiefen Fensterbretter aus Holz erneuert.

150812_07_Mittagessen

Dort aß ich auch mein Mittagessen: Ich hatte eine Avocado mit selbst gemachtem Joghurt zermatscht und auf zwei Scheiben selbst gebackenem Roggenbrot verteilt, danach gab’s eine Kiwi. (Über die Kommentare von Kolleginnen zu meinen Mahlzeiten und was sie über unsere Essenskultur aussagen, wird noch gesondert zu schreiben sein.)

Gestern war der „Gesundheitstag“ der Organisation, mit Sportangeboten (Karate, Pilates), Blutdruckmessen, Vorträgen über „gesunde“ Ernährung (die laut Ankündigung allerdings lediglich die Diktate „Abnehmen ist immer gut“, „nur dünn ist gesund“ sowie „je niedrigerer Kaloriengehalt, desto gesünder“ wiederholten). Ich sah mich ein wenig um und stellte mich dem Kollegen zur Verfügung, der für die internen Medien fotografierte: Die AOK hatte ein Standfahrrad aufgestellt, dessen Bewegung an eine Getreidequetsche gekoppelt war und eine Hand voll Hafer bearbeitete – der Nachher-Zustand der Körner unterschied sich nicht wesentlich vom Vorher. Aber mein lachsfarbenes Sommerkleid hob sich sicher wunderbar vom grünen Hintergrund des AOK-Stands ab.

150812_08_Kolleginnengeburtstag

Eine Kollegin hatte Geburtstag und lud in den Multifunktionsraum (so wird er wirklich gennannt) zu Torten und Obst ein. Heiteres Geplauder und Geplänkel, das ist wirklich eine höchst angenehme Truppe.

150812_11_Wasser

Leitungswasser trinke ich gerne und viel, meist sogar etwas temperiert. Nur im höchsten Höchstsommer ist mir nach sehr kaltem und leicht aufgesprudeltem Wasser – da trifft sich, dass in der der Teeküche ein Leitungswasseraufsprudler steht.

150812_12_Isarstrand

Nach der Arbeit machte ich mich auf den Weg zum Sport. Auf der Wittelsbacherbrücke hielt ich an, um das Gewimmel am Isarstrand festzuhalten. Es war heiß.

150812_13_Stepstunde

Im Sportstudio stellte ich fest, dass ich diesmal tatsächlich meine Socken vergessen hatte. Statt zu fragen, ob es welche vor Ort zu kaufen gibt, beschloss ich, es ohne zu versuchen, nach acht Jahren mit diesen brauche ich eh neue Turnschuhe. War vor allem wegen der Einlagen eine rutschige Angelegenheit, Spaß hatte ich trotzdem (wir waren zu viert).

150812_15_Untergiesing

Vor dem Antreten des Heimwegs.

150812_16_Kopytka

Und auch gestern wurde ich abends bekocht. Zur Vorspeise gab es Pimientos de Padron aus der Pfanne, dann die restlichen Kopytka vom Vortag mit Tomatensoße, dazu Gurkensalat (ich genieße es ungemein, zu liebevoll und frisch gekochtem Essen nach Hause zu kommen).

150812_17_Duolingo

Abendvergnügen bei laufendem Fernseher: Duolingospielen in Spanisch und Italienisch, Schokoerdnüsse.

§

Tagebuchbloggen ist toll:
Hier beschreibt modeste, warum der Weg zur Kita fünf Minuten dauert, der Weg von der Kita aber fünf Stunden.

§

Versuchen wir es nochmal mit Aufklärung:
„Handys sind für Flüchtlinge kein Luxus“.

§

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 11. August 2015 – Sind denn nicht alle im Urlaub?

Mittwoch, 12. August 2015 um 7:19

Nach unruhiger Nacht (der Neumond wahrscheinlich) (SPASS!) zum Langhanteltraining geradelt, geschwitzt wie ein munteres Brünnlein. Auf dem Weg dorthin und danach in die Arbeit überraschte mich der sehr starke Berufsverkehr: Sind denn nicht alle im Urlaub? Wer sind denn das für Menschen, die die Kreuzungen verstopfen? Auch das Sportstudio war überraschend bevölkert, doch das führte ich darauf zurück, dass nur die frühen Morgenstunden Sport bei angenehmen Temperaturen ermöglichen.

In der Arbeit war ich auf einen Kaffee mit einem Blogleser und Kollegen verabredet: Eine sehr schöne Begegnung, und über meinen Arbeitgeber habe ich auch gleich noch etwas gelernt.

Ein weiterer Hochsommertag, doch die Hitze war mit gut 30 Grad nicht allzu schlimm.

Daheim empfing mich Herr Kaltmamsell mit einem weiteren köstlichen Abendessen: Er hatte aus Ernteanteil-Kartoffeln Kopitka gemacht, die ich mit Butter und Käse aß.

Abschluss des Abends über Radler im nächstgelegenen Biergarten mit einem Freund, den ich dann doch immer nur einmal im Jahr treffe und einfach nicht kapiere, warum das nicht öfter klappt (wir wohnen 300 Meter Luftlinie voneinander entfernt).

§

Ich schreibe nichts über mein Grauen angesichts hasserfüllter und vorurteilsbeladener Ablehnung von Flüchtlingen nach Deutschland, weil ich ohnehin zu den Bekehrten sprechen würde. Außerdem bin ich in einem Maß fassungslos, dass ich keine rechten Worte finde.

Wen die furchtbaren Erlebnisse der zeitgenössischen Flüchtlinge nicht anrühren, der sollte es vielleicht mal mit den Details aus deutscher Vergangenheit versuchen.
„Eine wahre Geschichte von Krieg, Flucht, dem Leben danach und was das mit dem Heute zu tun hat“.

Ersetze Kälte und Schnee durch Wüste und Boote übers Mittelmeer.
Wie kann man annehmen, dass diese Menschen das aus Abenteuerlust auf sich nehmen oder um die Europäer abzuzocken?
Wir stecken durch diese unfreiwillige Migration am Anfang einer massiven gesellschaftlichen Veränderung, die Frage des Ob hat sich längst erledigt, es geht nur noch ums Wie. Es liegt an uns, ob die Zukunft unserer (zu diesem „wir“ lesen Sie bitte hier bei Novemberregen weiter) Gesellschaft die Neuankömmlinge umarmt und einschließt, oder ob sie einen großen Graben aufmacht.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 10. August 2015 – Hochsommer mit Blaubeeren

Dienstag, 11. August 2015 um 6:23

Der Tag begann mit einem Kaffee auf dem Balkon bei bedecktem Himmel und geradezu Kühle, war dann aber schon zu Mittag wieder bei Hitze und Sonne angelangt.

Emsiges Arbeiten, zu Mittag wieder mit den Kolleginnen in der Kantine (ich hatte ein Glas Blaubeeren mit Joghurt dabei und ein Butterbrot aus selbst gebackenem Roggenbrot).

Heimgeradelt über den Edeka Theresienhöhe, weil ich darin Bier der Crew Republic entdeckt hatte. Zum Nachtmahl Tomaten mit Mozzarella und Basilikum sowie den Rest Zwetschgenkuchen.

§

Die USA haben immer noch ein Problem mit Sexualunterricht. Zum Glück wurde daraus zumindest eine hinreißende John Oliver-Show.
„John Oliver, Laverne Cox Take On Idiotic Abstinence-Only Sex Ed“.

§

Der Effekt eines Grünhkohl-Smoothies auf den menschlichen Organismus:
„What happens in the hour after you drink Kale Juice“.

via @missesdelicious

§

Eine Restautantkritikerin des Guardian hat die Kantinen eines öffentlichen Krankenhauses, eines Jugendgefängnisses und einer Schule getestet – wo jeweils neue Wege gegangen wurden.
„Doing porridge: prison, school and hospital meals put to the test“.

via @Izyy

die Kaltmamsell

Journal Wochenende, 8./9. August 2015 – Gluthitze

Montag, 10. August 2015 um 7:23

Auch am Samstag gab’s den Morgenkaffee auf dem Balkon, doch eigentlich war es dort schon um 9 Uhr zu warm.

Herrn Kaltmamsell mit vorgehaltener Waffe gezwungen, einen Urlaub für sich zu buchen. Schon in den knapp fünf Wochen Sommerferien 2014 (Lehrer mit Nebenämtern arbeiten durchaus in der ersten und der letzten Ferienwoche, und dazwischen) war er nur daheim gewesen, dabei hätte ich zum einen die Wohnung durchaus auch gerne mal für mich, zum anderen wünsche ich mir, dass er hinausgeht, Abenteuer erlebt und mir dann davon erzählt. Er hatte für diese Sommerferien eine Reise angekündigt, doch bislang war sie nicht konkret geworden. Also drohte ich, dass ich bis Sonntagabend so lange quengeln würde, bis er etwas gebucht hatte – und warf ihm ein paar Tipps hin, was ihm gefallen könnte.

Ich radelte zum Schwimmen zum Schyrenbad, stellte dort fest, dass statt der sonst zwei nur eine Schwimmbahn abgeteilt war. In dieser wuselte es entsprechend vor Schwimmern und Schwimmerinnen, was viel Abstimmung beim Bahnenziehen erforderte. Doch schon nach meinen ersten tausend Metern waren wir nur noch zu fünft – diese professionellen Schwimmbadler wissen halt doch, was sie tun. Guter Schwumm, keinerlei Krampf in Sichtweite, gleich mal 200 Meter mehr geschwommen. (Selbstverständlich nicht am Ende, sondern dazwischen, also zweimal die Runde 17, weil’s mir da gerade einfiel, dass ich einfach ein bisschen mehr schwimmen könnte, und zweimal die Runde 28. Oh ja, das ist was ganz was Anderes, als zum Schluss zwei Runden anzuhängen.)

In der Sonne getrocknet und Musik gehört. Reste vom Abendessen gefrühstückt, dazu ein Dutzend Aprikosen, obwohl sie sich als mehlig herausstellten. In Gluthitze heimgeradelt, unterwegs noch im Supermarkt eingekehrt, Obst und Getränke gekauft. (Und Erdnuss-M&Ms, auf die ich am Vorabend so große Lust gehabt hatte.)

Zwetschgenkuchen mit Nussteig gebacken.

150808_Zwetschgenkuchen

Gazpacho zubereitet und kaltgestellt, den gab es zum Nachtmahl.

150808_Gazpacho_1

Zu Beginn der Nacht regnete es und kühlte wunderbar ab, ich schlief bei offenen Fenstern ein.

§

Beim sonntäglichen Morgenkaffee auf dem Balkon genoss ich die letzten Spuren der Regenkühle. Eigentlich war Wandern mit Herrn Kaltmamsell geplant gewesen, selbst als noch für Sonntag Regen angekündigt war – aber die jetzt voraussichtlichen 34 Grad hielten uns dann doch ab. Die richtige Entscheidung: Selbst meinen Isarlauf hätte ich lieber früh morgens angetreten. Aber ich wollte halt endlich den Text zu Auerhaus fertigschreiben.

Nach einer Woche steht fest: Die Mauersegler haben sich pünktlich zum 1. August verabschiedet. Am Samstag vor einer Woche hatte ich sie morgens noch schrill pfeifen gehört, seither weder gehört noch gesehen (anders als die Schwalben, die sind noch da).

Beim Laufen hatte ich zum Glück Wasser dabei. Zwar ging eine angenehme Brise, doch es war dann doch überraschend heiß. Allerdings kämpfte ich mit dem Gürtel und seinen vier Wasserfläschchen: Der Gummi ist völlig ausgeleiert, so dass ich nicht nur die Klettverschlüsse schon lang nicht mehr verwenden kann und statt dessen brutal knote. Doch auch die einzelnen Flaschenhalterungen aus Gummiband sind ausgeleiert, eine der vier kleinen Fläschchen fiel immer wieder heraus. Haben Sie gute Erfahrungen mit einem Trinkgürtelsystem gemacht, das Sie empfehlen können? In der Hand möchte ich nichts tragen, da ist schon der Fotoapparat.

Der Lauf selbst ging gut, immer wieder wunderbare Sommerlandschaftsanblicke.

150809_15_Isarlauf

Nach Duschen und kurzem Frühstück zum Kino geradelt (unter anderem weil mir eingefallen war, dass das Münchner Cinema mit seiner Klimaanlage mich schon vor mancher sommerlichen Gluthitze gerettet hat): Minions.
Nett, ich habe mich gut amüsiert. Allerdings wirkte der Film, als wäre das Drehbuch unterwegs dreimal umgeschrieben worden. Charaktereigenschaften tauchten überraschend auf, der Film wird immer wieder ein ganz anderer. Aber für alle Makel wurde ich gleich am Anfang entschädigt.

Zurück zuhause kochte ich spanischen Milchreis; kann man bei der Hitze gut als Snack herumstehen haben.

Mit Duolingo weiter Italienisch gelernt. Langsam beginnt sich der Wunsch nach einem Sprachurlaub in Italien zu formen, vielleicht sogar gleich nach meiner Probezeit im Januar. Haben Sie Tipps für organisierte Sprachreisen Italien? Oder eine Empfehlung für einen Sprachenschule/Sprachkurse vor Ort?

Zum eigentlichen Nachtmahl ging ich mit Herrn Kaltmamsell in den Schnitzelgarten (weil ja eigentlich eine Wanderung mit Einkehren geplant gewesen war, hatten wir nichts Substanzielles im Haus).

150809_24_Schnitzelgarten

§

Sehr gut beobachtet und ein interessanter Aspekt von Geschlechterstereotypen:
„Breathless: Why Can’t Straight Men Talk About Sex?“

Admittedly, I often find myself believing the double standard: Female sexuality is complicated, whereas men are Neanderthals who could have sex with a hole in the ground. But then you come across a sensitive guy, with complex desires, and you remember that navigating the labyrinth of sexuality is a hellish nightmare—for women and men both. Solidarity! For instance, last summer I was seeing this really sweet 24-year-old guy, and the first few times we got into bed he had trouble getting hard. It was sort of awkward because I could tell there was something he wanted from me that he couldn’t bring himself to articulate. It took multiple dates and extensive interrogation on my part for him to finally say that he wanted to be tied up and hit repeatedly in the face. I was like, “Dude, it would be my pleasure! I wish you’d felt comfortable enough to tell me earlier!”

When I talked to Hartley about this, she told me, “The other side of slut-shaming is man-shaming. We think, ‘Men only want one thing, they’ll fuck anything.’ Women think all we have to do is show up and he’ll get hard, so when he can’t, we say ‘What’s wrong with you?!’ rather than saying, ‘Hey sweetie, are you uncomfortable? Is it too hot? Are you worried about the test tomorrow?’ In reality, many men prefer or require intimate connection with their partner. We forget that the penis is a very reliable emotional barometer.”

(…)

Part of our cultural baggage is that women are supposed to be innocent while men are supposed to know everything about sex, but where are they supposed to get this knowledge from if no one’s talking about it openly? We have to stop gendering the emotional experience and start teaching boys that “real men” talk about their feelings too.

die Kaltmamsell

Bov Bjerg, Auerhaus

Sonntag, 9. August 2015 um 8:51

150520_Bov_Buch_2

Den Namen Bov Bjerg hielt ich ja jahrelang für ein Pseudonym. Zum einen hatte ich sein Blog und dann den Herrn selbst zu einer Zeit kennengelernt, als bürgerliche Namen im selbst geschriebenen Web eine rare Ausnahme waren, zum anderen ging ich ohne zu überlegen davon aus, dass niemand so in Echt heißen kann. Selbst dass er diesen Namen auch für seine kabarettistischen Auftritte verwendete, störte diese Annahme nicht. Ehrlich gestanden: Erst als er mir seinen aktuellen Roman Auerhaus als Leseexemplar zuschicken ließ (vielen Dank!), erwog ich die Möglichkeit, dass der Name Bov Bjerg auch in seinem Personalausweis steht und recherchierte. Aber das macht natürlich keinen Unterschied.

§

Ich las das Buch sehr gerne. Mir gefiel die vordergründige Leichtigkeit der Sprache, ich wollte mehr über die Personen wissen, die mir die Geschichte sehr nahe brachte: In den Achtzigerjahren ziehen auf einem schwäbischen Dorf ein paar junge Leute im (damaligen) Abituralter in ein leer stehendes Haus zusammen. Einer von ihnen, Frieder, hat versucht, sich das Leben zu nehmen, seine Ärzte und Therapeuten empfehlen, dass er nicht zurück zu seinen Eltern zieht. Und so wohnen sie da zusammen, der frisch aus der Psychiatrie entlassene mit drei Klassenkameraden und -kameradinnen, später laufen ihnen zwei weitere junge Leute zu. Erzählt wird das von Höppner, dem besten Freund von Frieder, der als Mitbewohner auf ihn aufpassen soll.

Ich assoziierte bald Wolfgang Herrndorfs Bilder einer großen Liebe, auf das mit „Ich bin verrückt, aber nicht blöd!“ explizit referenziert wird (der Herrndorf-Roman beginnt „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“). Vor allem aber warf mich der Roman in Erinnerungen an meine eigenen Achtziger (die Rezensionen, die ich bislang über Auerhaus gelesen habe, weisen darauf hin, dass das vielen Lesern und Leserinnen so ging). Zwar ist mir ein damaliges schwäbisches Dorf fast so fremd wie ein finnisches, doch auch in der oberbayerischen Provinzstadt meiner Achtziger wohnten Freunde ein bisschen so. Statt Auerhaus1 hieß es „as Häusl“ („Haisl“ gesprochen), in dem „da Woidla“ mit seiner Freundin wohnte, die auch meine Freundin war. Das Haus stand in einem Vorort von Ingolstadt, war ein typischer Aussiedlerbau aus der Nachkriegszeit, gehörte dem Vater einer Schulkameradin und hatte schon eine Weile leer gestanden. Wir trafen uns darin hin und wieder vor dem abendlichen Ausgehen, verbrachten Sonntage darin. Auch wenn die Bewohner ein paar Jahre älter als die des Auerhauses waren, habe ich die Atmosphäre und die Rolle des Hauses im Freundeskreis ähnlich in Erinnerung.

Ich selbst war ganz auf der Seite der Spießer, ich brauchte nicht mal den im Roman angeführten Kokon dafür. Aber ich bilde mir ein, dass ich sehr neugierig auf die Alternativen der anderen war: Ich besuchte sie, ließ mir erzählen. Das fand ich alles höchst interessant, es war halt einfach nichts für mich. Ich fürchte, darin habe ich mich bis heute nicht verändert: Ich möchte bitte gerne in meinem Fortress of Spießigkeit leben und freue mich ungeheuer, dass mutigere und weniger konventionelle Leute mir von ihrem Leben erzählen, mich per Blog daran teilhaben lassen, mich einladen, mich sogar besuchen. Manchmal setze ich mich sogar aktiv dafür ein, dass sie ihr Nicht-Mainstream-Leben so leben dürfen/können.

Womit ich allerdings von Kindesbeinen an ein Problem hatte: Klauen und Dealen, johlend anderer Leut‘ Sachen zerstören. Das fühlte sich für mich ungerecht an.

Doch das, was in Auerhaus als Horrorwelt des Wiederholens von Erwachsenenmustern beschrieben wird, war für mich in diesem Alter aufregend und anders. Ich kam aus einer Arbeiterumgebung, ein Wiederholen von Mustern wäre in meinem Fall ein Job in der Fabrik gewesen. Wäre ich nicht in der Produktion gelandet, sondern im Büro, hätte man das schon als „es geschafft haben“ angesehen. Die Welt, in die ich über den Besuch eines humanistischen Gymnasiums kam – damals in der Provinz gleichbedeutend mit Eliteschule -, war für mich spannend, inspirierend und erstrebenswert. Die meisten meiner Mitschülerinnen wohnten in Eigenheimen – das war in meinen Kinder- und Jugendlichenaugen keineswegs spießig, sondern bedeutete unter anderem:
– Beim Gehen gedankenlos laut sein zu dürfen, weil es keine Leute in der Wohnung darunter gab, die bei allem, was sie als Lärm definierten, sofort protestierten.
– Laut Musik hören, weil es keine Leute in der Wohnung darunter… siehe oben.
– Auch zur Mittagszeit Querflöte üben zu können, weil es keine… siehe oben.
– Zwei Klos, also morgens nie Gerangel.
– Eine Geschirrspülmaschine, der ultimative Luxus.
– Ein eigener Garten zum Spielen und Herumsitzen.
Heute empfände ich ein Eigenheimleben als Gefängnis (ich! andere anders!), damals erschien es mir als Paradies.

Für mich stand fest, dass ich im Leben etwas reißen würde – müßig zu überlegen, ob ich selbst darauf gekommen war oder mir das von klein auf die Umgebung suggerierte. Was genau oder auch nur ungefähr, wusste ich nicht. Denn eigentlich hatte ich keine eigenen Ideen. Kein Wunder, dass ich als konstante Enttäuschung für mich selbst endete.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft.

§

Es freut mich sehr, wie viel Anklang Auerhaus findet, es wird in allen wichtigen Medien besprochen, durchwegs positiv.

Mehr über das Buch erfährt man zum Beispiel in Peter Praschls Besprechung für die Welt:
„Zeig mir die Achtzigerjahre in zärtlich“.

Es gibt sogar eine Neueinspielung des namengebenden Lieds:
„Our House (The Auerhaus Version) performed by Andreas Spechtl & Robert Stadlober“.

§

Mein Frieder hieß Britta.

  1. Der Sprachwissenschaftler an meiner Seite meckert allerdings, es sei unwahrscheinlich, dass der Bauer die Band Madness beim Singen des Lieds so verstand: Die Briten hätten schließlich „Ah-haus“ gesungen, nicht „Auer-„. []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag/Freitag, 6./7. August 2015 – Blödmotorik

Samstag, 8. August 2015 um 8:36

Ja, ich könnte versuchen netter zu mir zu sein und mich nicht mehrmals am Tag „TRAMPEL“ schimpfen. Doch der riesige dunkelblaue Fleck auf meinem linken Handrücken (beim ganz normalen Gehen durch eine offene Tür an der Türklinke hängen geblieben) ist auch nach zwei Wochen noch nicht ganz verschwunden, da bleibe ich mit der rechten Hand an der Klinke einer Bürotür hängen – auch diesmal bei völlig normaler Fortbewegung. Und zwar derart mit Schmackes, dass mir kurz die Luft wegbleibt und die Finger auch nach einer Stunde noch kribbeln. WIE KANN EIN MENSCH SO BLÖDMOTORISCH SEIN?!

§

Zwei sehr heiße Tage. Der gestrige Freitag so heiß, dass ich beim Verlassen des angenehm temperierten Bürohauses (Kühldecken, geschlossene Fenster) nicht nur in einen heißen Föhn lief, sondern mein Körper auch sofort Alarm schlug mit Schwindel und massiv gedrosselter Geschwindigkeit. Ich spazierte sehr gemächlich heim, immer auf der Suche nach Schatten. Den Abend verbrachte ich mit Herrn Kaltmamsell in der angenehm temperierten Wohnung, mit großen Mengen Tinto de verano (doppelt so viel Limo wie Rotwein, viele Eiswürfel, Aprikosenschnipsel, Zitronen- und Orangenscheiben), Tintenfisch und Zucchinicurry. Beim Zu-Bett-Gehen war es draußen immer noch wärmer als drinnen, ich ließ die Fenster zu.

Zunächst war ich überrascht, dass in einer Fernsehsendung der diesjährige Sommer mit dem Brutalsommer 2003 verglichen wurde: Den hatte ich erheblich schlimmer in Erinnerung. Doch dann fiel mir ein, dass ich 2003 in einem unkühlbaren Büro gearbeitet hatte und in einer Wohnung mit Südfenstern gewohnt. Zudem bin ich sicher, dass Abkühlphasen wie die in der Vorwoche gefehlt hatten.

§

Wie ich mal dachte, ich könnte Herrn Kaltmamsell etwas Neues über Tolkien erzählen und ihm diesen Link schickte:
„Tolkien Reads from The Hobbit in Rare Archival Audio from His First Encounter with a Tape Recorder“.

Woraufhin er mir erzählte, wie er sich die Schallplatte (aka LP aka Vinyl) der Aufnahme während seines Studiums in der Unibibliothek ausgeliehen hatte, sie auf Kassette überspielt und immer wieder angehört. Und wie er dann vor wenigen Jahren doch noch eine CD davon gekauft hatte.
Hmpf.

§

Irgendwelche Chornerds hier? Erblassen Sie vor Neid – jetzt.
„Der Chorworkshop mit Voces8 in acht Highlights“.

§

Eine Schwäche für Hessen und Hessisch habe ich seit meinem liebsten Studienfreund von dort und mit dem. Und das obwohl ich Heinz-Schenk-Shows als Kind noch live im Fernsehen erlebte und überhaupt nicht verstand. Zum Beispiel warum dort immer, immer Anneliese Rothenberger zwitscherte.
Für Frankfurt bin ich also theoretisch durchaus offen, auch wenn mich bislang fast nur Geschäftsreisen dorthin geführt haben und in die eher gesichtslosen Ecken. Die Frankfurterin Andrea Diener hat ein besonders stereotypes Feature Frankfurts mal richtig erklärt:
„Ebbelwoi in Frankfurt: Gibt es ein schöneres Wort als Schobbedeggelsche?

Am deutlichsten überzeugt hat mich: „Ambiente machen wir uns selbst.“

Irgendwann haben Sie sich an alles gewöhnt. Das grelle Licht, der Handkäs, die harte Bank. Die Bedienung ist ein warmes, freundliches Engelswesen, denn sie bringt güldenes Getränk. Das Gebabbel, das von den anderen Tischen hinüberdringt, ist die schönste Sprache der Welt. Sie oszilliert zwischen hemmungsloser Verniedlichung und gnadenloser Direktheit, zwischen dem Aufbau sahnig-filigraner Babbelgebäude und der Dekonstruktion von absolut allem, was ist. Sie ist die Sprache Goethes. Wunderschön. Genauso wie alle anderen Sprachen, die zu Ihnen herüberdringen, alle wunderwunderschön.

Der Haken: Ebbelwoi finde ich schlimm. Ich mag englischen Cider, auch den ganz rassen, ich mag französischen Cidre. Und ich habe das mit dem Ebbelwoi immer wieder versucht, echt ehrlich, vor allem wenn mir eine Ebbelwoiliebhaberin oder ein hessischer Freund erklärte, ich hätte halt nur noch nicht den richtigen bekommen und mir diesen richtigen dann zum Beweis einschenkte. Allerhöchstens mit zwei Drittel Wasser aufgefüllt geht’s. Aber die Gläser liebe ich, die hätte ich gerne daheim. Und die Speisen, die Andrea in dem Artikel beschreibt, lesen sich ausgesprochen attraktiv. Vielleicht können die ja den Ebbelwoigeschmack überdecken?

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 5. August 2015 – WMDEDGT

Donnerstag, 6. August 2015 um 7:39

Hintergrund: Einmal im Monat möchte Frau Brüllen wissen, was wir eigentlich den ganzen Tag machen.

Ich wachte eine halbe Stunde vor dem Weckerklingeln (6:15 Uhr) auf und ging aufs Klo. Hätte eigentlich gleich aufbleiben können, hatte aber Lust auf ein Nickerchen.

Meine Eisentabletten genommen, die Herdplatte mit der Cafetera angeschaltet – ich fülle sie fast immer schon am Vorabend, weil ich mich morgens trotz ausreichend Zeit freue, wenn ich nur einen Knopf drücken muss. Milchkaffee bereitet, mich damit und mit Laptop auf den Balkon gesetzt. Der Dienstag war so ereignisarm gewesen, dass mir nichts fürs Journalbloggen einfiel, ich las statt dessen die nächtliche Twittertimeline nach, darin verlinkte Artikel, und ich spielte ein wenig Duolingo spanisch und italienisch. Der Italienischkurs geht mir fast zu schnell, ich habe das Bedürfnis, neue Kapitel nach Abschluss einige Male durchzuüben, damit ich die neuen Wörter und Formen überhaupt lerne. Gegen sieben tauchte Herr Kaltmamsell aus seinem Schlafzimmer auf, auch ihm bereitete ich Milchkaffee.

Duschen und anziehen (weiße Hose, schwarzes weites Hemd), Check des am Vorabend gepackten Sportrucksacks – zum Glück, sonst hätte ich nämlich die Socken vergessen und mich abends im Sportstudio fürchterlich geärgert. Fürs Mittagessen Dosenfisch (Hering in Tomatensoße) und zwei aufgetaute, selbst gebackene Bagels eingesteckt. In die Arbeit geradelt.

Ich hatte einen emsigen Vormittag, dabei auch ein Treffen mit den Azubi-Betreuenden: Ich soll die Ansprechpartnerin der Abteilung für die Azubis werden, die hier Station machen.

Mittags schloss ich mich dann doch den Kolleginnen an, die in die Kantine gingen: Sie fragten, ob ich mitwolle, und der Speiseplan hatte einen „großen Salatteller mit Falaffel“ angekündigt – da müsste man ja nicht viel verkehrt machen können. Wieder hatte mich mein mangelndes Vorstellungsvermögen getrogen: Man kann nämlich eine Hand voll Eissalatschnippsel, drei Radl Gurke und ein paar versprengte Karottenspäne auf einen Teller streuen, darauf ein halbes Dutzend harte Fertigkichererbsenmehlbällchen platzieren und das zu einem Gericht erklären. Um wenigstens satt zu werden, aß ich am Schreibtisch noch ein Becherchen Quark aus meinem Kühlschrankvorrat. Bei der nächsten Mittagsrunde mit Kolleginnen in der Kantine nehme ich einfach meine eigene Brotzeit mit.

Ein fast wolkenloser, heißer Sommertag. Nachdem am Vortag die automatischen Jalousien ein lustiges Ballett aufgeführt hatten und in einer Stunde bis zu fünf Mal auf und ab gefahren waren, senkten sie sich gestern, als nachmittags die Sonne ums Eck kam – und blieben dann unten. Großartig!

Nach Feierabend radelte ich nach Untergiesing für eine Stunde Stepaerobic, diesmal gegen die Hitze mit zwei Trinkflaschen ausgerüstet. Beim Radeln über die Wittelsbacherbrücke bot die Isar einen Wimmelbildanblick vor lauter sonnenden und badenden Menschen.

Als ich zum Turnsaal ging, kam mir eine Turnerin entgegen, die sorgenvoll fragte, ob ich gerade zur Stepstunde ginge – es stellte sich heraus, dass wir mit mir zu dritt waren, so konnte die Stunde tatsächlich stattfinden. Es kamen dann aber noch zwei weitere Hopserinnen. Die Stunde war ein großer Spaß, auch wenn ich vor lauter Schwitzen mit dem Trinken schier nicht hinterherkam. Wenigstens hatte ich an ein Stirntuch gedacht, das ein zu gefährliches Vertropfen meines Turnplatzes verhinderte. Doch ich merkte mal wieder: Der Anblick eines Haufens glücklich sportverschwitzter Frauen verschiedener Formate mit verschieden tief rot gehopsten Gesichtern ist schon schön. Nach der anschließenden Dusche nur desodoriert und gekämmt, jede weitere Körperpflege wäre in unter einer Minute weggeschwitzt gewesen. Beim Heimradeln gegen die abendlich tief stehende Sonne wimmelte die Isar immer noch.

Abendbrot musste ich mir ausnahmsweise selbst zubereiten, Herr Kaltmamsell war aushäusig verabredet. Ich kochte mir ein paar Nudeln, briet mir dazu die Agretti aus dem Ernteanteil mit Knoblauch in Olivenöl, vermischte das Ganze. Während der Kochphasen Sportrucksack ausgeräumt. Zum Nachtisch noch Schokolade und BaNuSchoKo-Granola.

Süddeutsche des Tages aufgelesen, dazu eine alte Wochenendausgabe, Internet gelesen. Im Bett eine Geschichte aus dem aktuellen Granta über einen Inkubus.

die Kaltmamsell