Journal Dienstag, 10. Mai 2016 – Arbeit und Internetlesen

Mittwoch, 11. Mai 2016 um 6:46

Wieder sehr viel und lange Arbeit. Gestern gehörte zu meinen Aufgaben, Termine für Vorstellungsgespräche mit Bewerbern und Bewerberinnen zu vereinbaren. Ein seltsames Gefühl, es ist gerade mal ein Jahr her, dass ich auf der anderen Seite saß.

Das schöne Wetter hielt noch ein wenig, der für abends angekündigte Regen blieb aus.

§

Abends holte ich weiter Teile der re:publica nach, die parallel zu den von mir besuchten Vorträgen stattgefunden hatten. Zum einen den Vortrag von Journelle: „Das Internet hat mich dick gemacht.“

Zum anderen las ich den Vortrag von Moritz Hoffmann und Charlotte Jahnz: „‚Meine Oma ist kein Mythos‘ – Warum die Facebook-Kommentarspalte die Geisteswissenschaften rettet“. Die beiden hatten sich angesehen, welches Geschichtsverständnis man aus Facebook-Kommentaren zu zwei besonders heiklen historischen Themen ableiten kann, zur Bombardierung Dresdens nämlich und zum Mythos Trümmerfrauen.

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Schöne Geschichte in Bild und Wort: Was ist eigentlich aus den britischen Punks der 70er geworden?
„Never mind the bus pass: punks look back at their wildest days“.

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Auf der Suche nach Laurie Pennys Gedanken zu weiblichen Robotern bin ich auf ihren Aufsatz im New Statesman gestoßen:
„Why do we give robots female names? Because we don’t want to consider their feelings“.

This makes sense when you consider that a great deal of the work that we are anticipating may one day be done by robots is currently done by women and girls, for low pay or no pay at all.

(…)

Right now, as we’re anticipating the creation of AIs to serve our intimate needs, organise our diaries and care for us, and to do it all for free and without complaint, it’s easy to see how many designers might be more comfortable with those entities having the voices and faces of women. If they were designed male, users might be tempted to treat them as equals, to acknowledge them as human in some way, perhaps even offer them an entry-level salary and a cheeky drink after work.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag/Montag, 8./9. Mai 2016 – Sommervorbereitungen

Dienstag, 10. Mai 2016 um 7:01

Sonntag war Häuslichkeit und Familie. Vormittags säuberte ich den Balkon und die Balkonmöbel vom Winterdreck, so richtig gründlich:
– steinerne Balkonbrüstung mit Bürste abschrubben, mehrfach
– Kachelblenden am Balkonboden abschrubben
– Boden mit viel Spülwasser abschrubben
– Boden dreimal mit klarem Wasser wischen
– Balkonmöbel mit Schwamm und Spülwasser reinigen

160508_01_Balkon

Ich hätte auch ein Vorher-Foto machen sollen.

Nachmittags fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell durch sonnendurchflutete Landschaft zur Schwiegerfamilie: Kaffee und Kuchen. Dazu gab es Erzählungen von deren Madeira-Urlaub.

Zurück zu Hause Bügeln mit Radiounterhaltung, ich war einer Empfehlung zum Hessischen Rundfunk gefolgt: „Stützstrümpfe für die Alte Tante – Wie kommt die SPD wieder auf die Beine?“ Sehr witzig und umfassend, leider auch ziemlich deprimierend.

Winterkleidung und -schuhe nehmen nur noch eine Umzugskiste ein, die ich abends in den Keller trug. Ich bin meinem Ziel der Kleiderreduzierung auf eine Schrankfüllung für alles wieder ein bisschen näher. Doch es wird wohl noch ein paar Jahre Neukaufverbot dauern, bis ich nicht mehr mit brutalem Quetschen schummeln muss.

§

Auch am gestrigen Montag hielt das wunderbare Wetter, allerdings konnte ich es wegen Arbeitslast mehr als zehn Stunden nur von innen betrachten. Ich habe mir für die Woche vor dem Wandern Sportpause verordnet, vor allem will ich meine chronisch entzündeten Achillessehnen schonen. Das bedeutete unter anderem Fahrradfahren statt Marsch ins Büro.
Nachdem es am Tag vor meinem Urlaub vor zehn Tagen noch geschneit hatte, war ich am Tag nach meinem Urlaub mit Rock und nackten Beinen unterwegs.

Morgens hatte ich Pizzateig angesetzt, abends buk ich Pizza mit Champignons und Artischocken.

160509_01_Pizza

§

Vor ein paar Wochen haben Herr Kaltmamsell und ich begonnen, auch Krähen auf unserem Balkon zu füttern, mit Erdnüssen in Schale. Die Hoffnung, dass sie dann nicht regelmäßig versuchen, den Meisenknödel aus seinem Netz zu holen, hat sich dadurch nur mittel erfüllt, doch wir können sie ein wenig beobachten. Zwar wusste ich schon vorher, wie schlau Krähen sind, aber auf dem Balkon zeigt sich das an überraschenden Details. Und sei es nur, dass sie uns durch die Fenster wahrnehmen, wenn wir im Wohnzimmer sind und dann dem Balkon fern bleiben. Die anderen Vögel können nicht weiter als bis zur Balkongrenze denken: Wenn wir dort nicht sind, existieren wir für sie nicht und können sie ausgiebig vom Wohnzimmer aus beobachten.

Diese Krähe (Dohle?) scheint es sogar zu schaffen, Menschen um Wasser aus einer Wasserflasche anzubetteln: „This wild Crow was so thirsty that it got the courage to ask humans for help. It knew where the water was.“

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 28. April 2016 – Brutalstidyll im Chiemgau

Sonntag, 8. Mai 2016 um 9:59

Man soll ja auf kei-nen Fall bei längeren Wandertouren neue Kleidungsstücke tragen, also musste ich vor dem Englandurlaub die neue Wanderhose einlaufen. Die einzige Gelegenheit war gestern. In der Hoffnung, noch ein paar blühende Apfelbäume zu sehen, fuhr ich in strahlender Frühlingssonne zum Obst- und Kulturwanderweg Ratzinger Höhe (hier im Herbst, dann zur Blüte und 2015 im Sommer gegangen). Herr Kaltmamsell musste arbeiten, ich wanderte einzeln, aber sowas von nicht allein: Der Zug nach Prien am Chiemsee war brechend voll, es gab nicht mal auf dem Boden Sitzplatz. Voller kenne ich Waggons nur in der U-Bahn zur Stoßzeit, wenn die eine oder andere ausgefallen ist. Ein freundlicher Herr in Elektromobil machte erst einen Sitz frei, indem er sich für die Fahrt in sein Mobil setzte, dann das Fahrzeug so rangierte, dass zwei Klappsitze benutzbar wurden – einen davon erwischte ich.

Mit deutlicher Verspätung in Prien angekommen, musste ich mich erst mal ausschütteln und ein Klo suchen.

Aber dann wurde es sehr schön und idyllisch. Der Wanderweg selbst war fast menschenleer, ich begegnete vor allem Mountainbikern und -bikerinnen. Manche Apfelbäume blüten tatsächlich noch, die Sonne wärmte, war aber nicht heiß, zumal ein angenehmer Wind ging. Die Wanderhose machte sich sehr gut, das Swisch-Geräusch beim Gehen war nur leise und damit erträglich. Allerdings bestätigte sich daheim mein Verdacht, dass bei einem Bücken eine Naht am Po angerissen war, nämlich die äußere der Doppelnaht – und ich habe weder Zeit noch Lust, die Hose (Schöffel, 90 Euro) zurückzutragen. Also flicken und hoffen, dass ich nicht für jedes Bücken mit einer Naht zahlen muss.

Nette Begebenheit unterwegs: Vor Ulperting sah ich an einem riesigen Wegkreuz einen kleinen alten Herrn in Arbeitslatzhose, der gerade das Dach erneuerte. Ich grüßte hinauf, er grüßte herab und fragte: „Meng’S a oan?“1 Erst dann sah ich, dass er eine Schnupftabakdose in der Hand hielt. Aber ja, freilich! Ich kletterte ein paar Sprossen seiner Leiter hoch, ließ mir die blaue Dose gebe, streute mir ein wenig Tabak auf den Handrücken, schnaufte ihn links und rechts hoch – wie ich es halt seit Kindertagen beobachtet hatte. Wischte ein wenig an meiner Nase herum, reichte die Dose zurück: „Vageit’s Gott!“2. Der Herr wies mich auf einen Tabakrest im Gesicht hin, den ich auch noch beseitigte. Dann stiefelte ich mit leichtem Tabakgeruch in der Nase weiter, den ich in der nächsten Stunde immer wieder wahrnahm. Musste ich als fast 50 werden bis zu meinem ersten Mal Schnupftabak.

160507_02_Prien

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Hinter Pinswang sah ich einer Landwirtin ein wenig beim Heumachen zu.

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Die lange steile Straße zwischen Gattern oben und Stauden unten nutzten nicht nur Radler und Radlerinnen zum Training, sondern auch zwei Kinder, die sich sitzend auf Skateboards hinunter stürzten – sah nach einer Menge Spaß aus.

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Die Rückfahrt war nur wenig weniger überfüllt, zumindest aber gab es zur 20-minütigen Verspätung Bodensitzplätze. Und drei Kinder im mittleren Schulalter, die auf dem Boden mit italienischen Kommentaren Karten spielten – das Blatt sah ähnlich wie spanische Karten aus.

§

Die New York Times hat gerade eine Serie über Gewicht und Diäten, die mit einer Bombe begann:
1. „After ‘The Biggest Loser,’ Their Bodies Fought to Regain Weight“.

Forscher und Forscherinnen haben eine Fernseh-Abnehm-Show dazu genutzt, die Langzeitfolgen von Diäten zu untersuchen. Ein Ergebnis (wobei eine Untersuchungsgruppe von acht Menschen sehr wahrscheinlich nicht repräsentativ sein kann): Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten auch Jahre nach ihrem drastischen Gewichtsverlust einen erheblich verlangsamten Stoffwechsel, der täglich zwischen 200 und 800 Kalorien weniger verbrannte als durchschnittlich in diesem Alter und bei dieser Körpergröße. Vieles weist darauf hin, dass ihr Organismus alles darein setzte, das Ausgangsgewicht wiederzuerlangen.

2. „Short Answers to Hard Questions About Weight Loss“.

Studienergebnisse weisen darauf hin, dass weder Kalorienreduktion noch Meiden eines bestimmten Nahrungsmittels oder sportliche Betätigung langfristigen Gewichtsverlust garantieren. (Im Artikel aber auch die irritierende Argumentation eine Arzts: Es gibt keine Diät die funktioniert, probieren Sie einfach alle durch. – ?!?)

Anecdotal reports by people who have succeeded in keeping weight off tend to have a common theme: constant vigilance, keeping close track of weight, controlling what food is eaten and how much (often by weighing and measuring food), exercising often, putting up with hunger and resisting cravings to the best of their ability.

Anders formuliert: Halten eines Gewichts unter dem organischen set point funktioniert nur, wenn sich das gesamte Leben darum dreht.

3. „Why You Can’t Lose Weight on a Diet“

The root of the problem is not willpower but neuroscience. Metabolic suppression is one of several powerful tools that the brain uses to keep the body within a certain weight range, called the set point. The range, which varies from person to person, is determined by genes and life experience. When dieters’ weight drops below it, they not only burn fewer calories but also produce more hunger-inducing hormones and find eating more rewarding.

(…)

In private, even the diet industry agrees that weight loss is rarely sustained. A report for members of the industry stated: “In 2002, 231 million Europeans attempted some form of diet. Of these only 1 percent will achieve permanent weight loss.”

(…)

In addition, the evidence that dieting improves people’s health is surprisingly poor. Part of the problem is that no one knows how to get more than a small fraction of people to sustain weight loss for years. The few studies that overcame that hurdle are not encouraging.

  1. Mögen Sie auch einen? []
  2. Vergelt’s Gott. []
die Kaltmamsell

Journal Freitag, 6. Mai 2016 – Berlin-München

Samstag, 7. Mai 2016 um 9:00

Durch die Migränenachwirkungen war ich den ganzen Tag über völlig durch den Wind.

Ich kam ins Grübeln, was nun eher meine Persönlichkeit ausmacht, was man eher in Betracht ziehen würde, wollte man beurteilen, ob ich intelligent bin: Die Superwachheit während der re:publica, als ich für alle Informationen und für jeden Menschen Aufmerksamkeit hatte, Input aufsog und verarbeitete, in mein vorhandenes Wissen einwob, neues Wissen daraus formte? Oder die aktuelle Fahrigkeit, die umrisshafte Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten überblendete und vermischte, mich einfachste Dinge vergessen ließ, die ich eben erst erfahren hatte, mich verkrampfte, weil sie mich befürchten ließ, ich könnte Dummheiten anstellen? Und selbst wenn eben beides zu meiner Persönlichkeit gehört: Wie kann ich abschätzen, mit welcher Seite in welchem Maß wann zu rechnen ist? Gar nicht zu sprechen vom beruflichen Einsatz: Wie gehe ich damit um, dass ich mich beim Übernehmen einer Aufgabe nicht darauf verlassen kann, dass mir bei der Durchführung die notwendige geistige Kraft zur Verfügung stehen wird? Wie kann ich überhaupt zuverlässig sein?

Gestern war ich mit dem Verarbeiten von Wahrnehmung überfordert. Sonnenschein, Wärme, Koffer, niemanden umrennen, Smartphone, Riemen der Tasche um meine Schulter, Mantel über Tasche, über die Sonnenallee ohne Ampel, niemanden Umrennen, komplizierter Zugang zum U-Bahnhof Rathaus Neukölln, Zeitplan bis zum Abflug – nachdem ich mit der U-Bahn losfuhr, fiel mir ein, dass ich meine Fahrkarte nicht abgestempelt hatte. Raus am Hermannplatz, niemanden umrennen, stempeln, mit er nächsten U-Bahn weiter. Ich musste mich bewusst anstrengen, die relevanten Informationen aus Wahrnehmungen zu filtern, konnte ja kaum meinen Blick fokussieren.

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Ich schaffte es natürlich ohne Dummheiten nach München, dafür haben die Nervenbahnen genug Informationen gespeichert. Erst daheim hatte ich genug Appetit, um ein wenig zu essen. Koffer ausgeräumt, dann legte ich mich ins Bett. Doch auch als ich danach Herrn Kaltmamsell zum Lebensmitteleinkaufen begleitete, stolperte ich vor allem tranig herum, konnte kaum geradeaus laufen.

Auf den Abend mit Herrn Kaltmamsell hatte ich mich sehr gefreut (dass es sich um unseren 20. Hochzeitstag handelte, hätte allerdings keiner von uns beiden ohne Anruf und Gratulation von Frau Schwieger gewusst), genoss sein Chicken tikka masala und die Unterhaltung allerdings weiterhin nur durch Nebel.

Am Himmel die ersten Mauersegler des Jahres.

§

Dasnuf formuliert auch meine Haltung, warum SEO in Blogs überflüssig sein sollte:
„SEO für BlogerInnen“.

Für Google zu optimieren heisst dann irgendwie für eine Maschine zu optimieren, die versucht Menschen (oder besser ihr Suchverhalten) nachzuahmen. Da kann man sich als Mensch doch gleich versuchen in die Menschen reinzudenken, oder?

Selbst die Replik der SEO-Befürworterin, „SEO lohnt sich doch“, sagt nichts anderes: Ihre Tipps sind ja Tipps für gutes Schreiben, für interessante Inhalte und leserinnenorientierte Redaktion.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 5. Mai 2016 – WMDEDGT in Berlin

Freitag, 6. Mai 2016 um 9:44

(Was die Abkürzung im Titel bedeutet.)

Aufs Ausschlafen gefreut, aber schon vor sechs aufgewacht. Um halb sieben gab ich die Hoffnung auf, wieder einschlafen zu können.

Ich bin ja immer noch in Berlin zu Gast, also ist selbst der Start in den Tag ein anderer als daheim. Nämlich trank ich erst mal einen halben Liter Wasser, dann ging ich ins Bad zur Morgentoilette: Zähne bürsteln und seideln, Duschen mit Haarewaschen (braucht’s bei der derzeitigen Länge nur jeden zweiten Tag, wenn ich keinen Sport treibe, weil sich die Haare beim Schlafen kaum verlegen), eincremen, Haare föhnen, Augen schminken. Ich zog mich an, setzte Espresso auf, traute mich, den vollelektrifizierten Nespresso-MilchschäumerundHeizer der Gastgeberin auszuprobieren: Macht sehr, sehr viel Schaum, bis die Milch auch heiß ist.

Mit Milchkaffee und einem weiteren Glas Wasser setzte ich mich an mein Laptop, winselte Herrn Kaltmamsell per E-Mail mit einem kleinen Heimwehanfall an, bloggte gründlich, sah mir Meggie Smith bei Graham Norton an.

Gegen zehn Uhr tauchte meine Gastgeberin auf. Da mir sehr kalt war (ich saß im Mantel und mit zwei Paar Socken am Schreibtisch – ich werde doch nicht krank werden?), draußen aber die Sonne schien, verabschiedete ich mich bald zu einem Spaziergang in den Park. Ich marschierte zum Treptower Park, holte mir dort an der S-Bahn eine Käsesemmel und ein Streuselteil, setzte mich damit zum Frühstück in die Sonne am Sowjetischen Ehrenmal.

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Als Niederlassung zum Lesen wollte ich lieber in den Halbschatten. Ich fand eine perfekte Bank mit Rückenlehne am Karpfenteich – Bänke stehen in diesem Park erstaunlich wenige, man sitzt eher auf Beton oder auf Wiese.

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Ein paar Stunden las ich zu Discostampfbeschallung von irgendwo im Park Granta 135, hätte das auch gerne noch weiter getan, doch dann setzte sich eine alte Dame zu mir, die sich unterhalten wollte. Davor hatten sich hin und wieder schon auch Menschen auf die Bank gesetzt, doch mich angemessen ignoriert. Diese Dame lies nicht locker, immer wieder neue Fragen zu stellen, auch wenn ich mit Finger auf der Lesestelle aufblickte und nach freundlicher, knapper Antwort weiterlas. Da ich nicht unfreundlich werden wollte, mich diese konkrete Dame aber nicht genug für eine Unterhaltung interessierte (ich hatte gerade eine besonders reizvolle Geschichte angefangen), packte ich mein Zeug und brach auf („Ich wollte Sie jetzt aber nicht hier vertreiben!“).

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Das Wetter war weiterhin sensationell, die Sonne beschien die um die Wette blühenden Bäume, gleichzeitig ging ein angenehmer Wind. Ich meanderte mit weiten Umwegen zu meiner Unterkunft.

Die Stunden bis zur Abendverabredung verbrachte ich mit Internetlesen und -gucken, unter anderem holte ich den viel empfohlenen und wirklich empfehlenswerten re:publica-Vortrag von Kübra Gümüşay nach, „Organisierte Liebe“.

Zum Nachtmahl war ich im May am Ufer verabredet. Ich hatte einen höchst anregenden Abend mit herzlichem Service, wunderbarem Essen (Maischolle!) und köstlichen Getränken (der Galgantlikör und der Hollunderlikör der Preußischen Spirituosenmanufaktur kommen sowas von auf meine Wunschliste!).

Dummerweise stellte sich auf dem Heimweg heraus, dass das, was ich am frühen Abend für Brummschädel durch zu viel Sonne gehalten hatte, dann doch eine Migräne im Anflug gewesen war. Die sich jetzt mit Kraft auf mich stürzte. Mit einer Dosis Triptan in die Nase ging ich schnell ins Bett und wartete darauf, dass das Medikament endlich wirken möge.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 4. Mai 2016 – Tag 3 re:publica

Donnerstag, 5. Mai 2016 um 9:42

Ich wachte zu Regenprasseln auf und befürchtete eine unangenehme Radfahrt zum Gleisdreieck. Doch der Regen hörte bald auf, über den Tag blieb es lediglich kühl mit gemischtem Himmel.

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Großartiger Start in den Konferenztag: Laurie Penny mit „Change the story, change the world“ über Fan Fiction und ihre gesellschaftlichen Implikationen. All die menschlichen Aspekte, die in Mainstream-Fiktion unsichtbar seien (Abweichungen von Norm in race, Sexualität oder gender), hole Fan Ficition nach.
Sehr schön auch Lauries Antwort auf die Publikumsfrage, was sie von all den weiblichen Robotern halte, die in den letzten Jahren in Hollywoodfilmen auftauchen. Stark verkürzt: Fortsetzung des Problems, das DIE MÄNNER damit haben, Frauen als Menschen zu sehen. Sie verwies auf das Lob, das wohl die meisten Frauen und Mädchen schon von Jungs und Männern nach einem längeren Gespräch bekommen haben: Wie großartig und ganz anders als andere Mädchen/Frauen sie seien! Mit ihnen können man ja richtig reden! (= Who would have thought that you ARE human after all!)

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Den Inhalt von Hossein Derakhshans „The post-web internet: Is this (the future of) television?“ ahnte ich: Seine These, dass das Internet früher besser war, weil nicht in der Hand von Unternehmen, die keine Hyperlinks zulassen, war in den letzten Monaten praktisch überall nachzulesen. Der Zusammenfassung von und Kritik an dieser These von Marcus Hammerschmitt stimme ich zu.

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Anregende Gespräche über Linseneintopf, inklusive Film- und YouTube-Tipps, bevor ich in die nächste Session ging.

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Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, hatte schon am Vortag über „Strafrecht, Wahrheit und Kommunikation“ referieren sollen, war aber durch Reiseunbillen davon abgehalten worden. Auf die Hälfte gekürzt bekamen wir den Vortrag jetzt. Wie auch seine Artikel für die Zeit gab das Referat präzisen und erhellenden Einblick in die Mechanismen der Strafrechtssprechung. Vorhersehbar wurde Fischer aus dem Publikum auf seine Haltung zur Reform des Sexualstrafrechts angesprochen. Er verwies (leider gestört von Zwischenrufen) auf einen ausführlichen Artikel nächste Woche, bezeichnete die derzeitige Diskussion um diese Reform als „Hysterie“ und ordnete die Forderung unter all die vielen Forderungen nach Schließung angeblicher Lücken im Strafrecht ein. Strafrecht können nicht jeden Lebensbereich regulieren.
Meiner Meinung nach geht diese Argumentation an der Basis der Kritik vorbei: Fischer ordnet sie den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht zu und übersieht, dass die Kritik an diesen Paragraphen viel, viel älter und grundlegender ist.

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Spannend fand ich die Runde „Clash of Cultures – Bewegungen und ihre Organisationen“. Kathrin Passig hatte sich Expertinnen verschiedener Organisationsformen internet-bezogener Aktivitäten geholt (Freifunk, Wikipedia, öffentlich-rechtlicher Rundfunk) und ließ sie erzählen, wie sich welcher Grad der Strukturiertheit auswirkt. Da ich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem mit der Metaebene von Strukturen in Unternehmen zu tun hatte, fand ich diesen grundlegenden Denkansatz sehr erhellend. (Hier ein Bild des Kathrin-Passig-Fanclubs in der ersten Reihe des Publikums.)

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Spannend, aber ganz anders spannend die halbe Stunde zu „Landwirtschaft 4.0“: Ich bekam genau den Einblick in die Nutzung von Automatisierung und Internet in der Landwirtschaft, den ich mir erhofft hatte.

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Anders als erwartet, aber enttäuschend war hingegen die Session „Terror ernst nehmen, Terroristen auslachen“: Ich hatte mir Information erhofft, doch die gab es nur im kurzen Anfangsteil (satirischer Umgang mit ISIS in arabischen Ländern und im Nahen Osten). Die anschließende fish bowl-Diskussionsrunde tauschte nur Oberflächliches aus.

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Abschluss des Konferenztags: Mitglieder der Techniktagebuchredaktion präsentierten „Die mühsamsten Logins, die umständlichsten Benutzeroberflächen, die dysfunktionalsten Free-WiFi-Vorschaltseiten, die kompliziertesten Newsletter-Abmeldungen“. Wegen technischer Probleme herrlichst durcheinander.

Mittlerweile hatte ich zu meiner Verblüffung erfahren, dass der heutige Donnerstag auch im gottlosen Berlin Feiertag ist – ich war davon ausgegangen, dass die feiertäglichen Donnerstage in Frühjahr und Sommer eine bayrische Sache sind. Der Plan für heute, gemütlich und umfassend einzukaufen und meine Gastgeberin zu bekochen, war also nicht anständig umzusetzen. Einige Dinge brauchte ich aber unabhängig davon, ich verließ die Konferenz noch während des großen Abschieds (zur Party hatte ich eh nicht bleiben wollen), um es vor acht in einen Supermarkt zu schaffen.

Zusammenfassung: Ich hatte eine großartige Konferenz und bin voll auf meine Kosten gekommen. Bis zum Abend von Tag 3 war ich aufnahmefähig und alert – in einem Maß, das mich befürchten lässt, dass ich dafür werde zahlen müssen (z.B. indem meine geistige Kapazitäten im Rest des Bürojahres nur noch fürs Bleistiftspitzen reichen).
Die Organisation wieder exzellent (ich freute mich, dass ich das diesmal Johnny Häusler auch persönlich sagen konnte), wieder war Kritik vor Vorjahr als Möglichkeit zu Verbesserungen genommen worden (unter anderem gab es deutlich mehr Fress- und Kaffeestände). Das gesamte Personal zeichnete sich durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aus, meine Lieblinge darunter auch in diesem Jahr die entzückenden Klofrauen: Wer sich mit Ihnen unterhielt, bekam nicht nur Berliner Zungenschlag geboten, sondern auch umwerfende Herzlichkeit.

Ich kenne keine vergleichbare Veranstaltung mit dieser menschlichen und thematischen Vielfalt, dieser Mischung aus Lässigkeit und Professionalität. DANKE!

die Kaltmamsell

Twitterlieblinge April 2016

Mittwoch, 4. Mai 2016 um 22:29

Wir bitten die reisebedingte Verzögerung zu entschuldigen.

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Anne Schüßler hat trotz Reisetätigkeit wieder anderer Leut‘ Lieblingstweets gesammelt.

die Kaltmamsell