Brightonjournal Mittwoch, 8. April 2015 – Leichtgelaufen

Donnerstag, 9. April 2015 um 10:01

Mich für einen Morgenlauf wecken lassen, trotz gutem Nachtschlaf mit der schweren Last auf den Schultern aufgewacht, die mich schon die vergangenen Tage verdüstert.

Meiner Idee gefolgt, nicht hinaus nach Osten zum Undercliff Walk zu laufen, sondern nach Westen, Hove. Mir von diesen anderthalb Stunden die Last von den Schultern nehmen lassen.

150408_07_Lauf_Hove

150408_13_Lauf_Hove

150408_15_Lauf_Hove

150408_21_Lauf_Hove

150408_22_Lauf_Hove

150408_29_Lauf_Hove

150408_31_Lauf_Hove

150408_35_Lauf_Hove

150408_41_Lauf_Hove

Die Bänke an der Promenade sind meist gestiftet (wie auch Bänke in Parks) und Verstorbenen gewidmet. Diese hier fiel mir wegen ihres Blumenschmucks und ihrer Beschriftung auf: Sie ist einem kleinen Buben gewidmet.

150408_26_Lauf_Hove

150408_28_Lauf_Hove

§

Der Tag wurde noch wärmer; das erste ernsthafte Frühstück konnten wir draußen essen.

150408_51_Breakfast

Nachmittags nach vielen Jahren mal wieder ins Sea Life – kuriose Mischung aus wirklich interessanten Fischen (Hauptattraktion: Rochen in vielen Sorten und Größen) und viktorianischer Architektur.

§

Abends nochmal ganz fein Essen: 24 St. George. Französisch beeinflusst und köstlich, Portionen Nouvelle Cuisine, schöner Wein dazu.

150408_54_24stgeorges

Lauch-Kartoffel-Süppchen

150408_55_24stgeorges

Für mich: “Lobster, blue cheese, tarragon, lemon gel and apple”

150408_56_24stgeorges

Für den Begleiter: “Scottish scallops, pork belly, salt baked pineapple, cauliflower and soy glace”

150408_58_24stgeorges

Für mich: “Wild sea bass with chicken, dauphinoise potatoe, fricasse of mushrooms and pumpkin puree”

150408_59_24stgeorges

Für den Begleiter: “Cod with salted cod croquette, red pepper, saffron & squid risotto in squid ink sauce”

150408_64_24stgeorges

Für jeden von uns: “Locally made cheeses”

150408_57_24stgeorges

die Kaltmamsell

Brightonjournal Dienstag, 7. April 2015 – Urlaub unter Palmen

Mittwoch, 8. April 2015 um 12:32

Erst die Pflicht, dann das Vergnügen. Der Dienstagvormittag gehörte dem Einkaufen. Allerdings gönnte ich mir erst mal einen Spaßpunkt von meiner Liste: Bei Waterstones das Buch von @herdyshepherd1 geholt.

150407_01_Shepherds_Life

(Bild: Herr Kaltmamsell)

Dann eisern nach Hosen gesucht (ähnlich wie Schuhe ist hier das Risiko bei Onlinekauf zu groß, die müssen anprobiert werden). Schon aus dem dritten Laden kam ich mit vier Stück raus (ausbeuterische Billigware, leider), davon zwei reine Bürokleidung, war somit abgehakt.

Das mit den Schuhen wurden anstrengend. Von den drei Paaren, die ich beim Schaufensterbummeln entdeckt hatte, fragte ich bei zweien nach meiner Größe. Einer wurde mir nach längerem Warten in meiner Größe gebracht, allerdings in einer anderen Farbe. Der Vorschlag: Ich könne ihn ja in der vorrätigen Farbe probieren und bei Passen in der anderen bestellen. So machte ich es, denn er passte. Damit allerdings begann ein komplizierter Prozess. Die freundliche Verkäuferin bestellte an einem Tablet und brauchte dafür von mir praktisch alle persönlichen Daten – warum nicht, stehen eh im Internet. Als wir bei meiner Wohnadresse ankamen, scherzte ich dann doch, dass die für eine Abholung der Schuhe hier im Laden aber schwerlich relevant sein könne. Woraufhin ich erfuhr, dass ich die Schuhe gar nicht im Laden abholen konnte, sie müssten mir zugestellt werden. Nein, nach Deutschland ginge das nicht – vielleicht an meine vorübergehende Adresse in Brighton? Ich wies darauf hin, dass ich da zu Lieferzeiten gar nicht da sein würde. Ob ich sie nicht einfach in diesen Laden liefern lassen könnte? Nein, der Laden sei keine zugelassene Lieferadresse.
Ein herbeigerufener Kollege hatte die Idee, die Schuhe in den Laden nebenan liefern zu lassen. Einverstanden. Dann stellte sich heraus, dass die Bestellung mit meinen Angaben in Deutschland (Telefonnummer, Rechnungsadresse) nicht abgeschickt werden konnte. Es wurden irgendwelche englischen Daten eingegeben, Telefonnummer und E-Mail-Adresse hinterließ ich auf einem Zettel. Nun bin ich gespannt, ob und wann sich jemand meldet.

Spaß war wieder die Einkaufsrunde durch Waitrose: Süßstoff (hier gibt es Sweetex: viel konzentriertere Tablettchen, eine Packung hält bis zu zwei Jahren), Backpulver und Backnatron (hier für spottbillig und in Dosen zu bekommen statt in teuren und unpraktischen Einzelpackerln), Vanilleessenz.

Gegen den Mittagshunger Dim Sum im verlässlichen China Garden.

Neu getestet: Cheung Fun – Glibberteigrollen in Erdnuss- und Hoisinsoße, sehr gut.

150407_10_Dim_Sum

Mein Favorit: “Glutinous rice wrapped in lotus leaves (Chicken, Pork & Shrimp)”

150407_11_Dim_Sum

Ebenfalls neu: Dampfnudeln mit Puddingfüllung (“steamed cream paste buns”)

150407_12_Dim_Sum

150407_15_Dim_Sum

Ein alter Bekannter: “char siu” buns (pork)

150407_14_Dim_Sum

Letzter Einkauf waren zwei Kilo Kaffeebohnen im Red Roaster, dann hatte ich frei.

§

Wir spazierten gemütlich den sonnigen Undercliff Walk entlang, bei Flut, bis Rottingdean.

150407_19_Promenade

Must I?

DSC_3115

(Bild: Herr Kaltmamsell)

Idyll in Kipling Gardens und der Beweis: Urlaub unter Palmen (die gibt’s hier an allen Ecken, aber selten kann man sich unter eine so schön legen).

DSC_3131

(Bild: Herr Kaltmamsell)

Im White Horse mehr Cider: Der linke wurde als schwedischer Beerencider angepriesen, schmeckte eher nach aromatisiertem Limo.

150407_27_Rottingdean

Zurück in der erotischen Unterkunft fühlte ich mich dann doch ein wenig durchgefroren – aber wozu gab’s denn im Schlafzimmer die erotische Badewanne?

DSC_3154

(Bild: Herr Kaltmamsell)

Und so sah ich zum ersten Mal in der Badewanne fern. Es kam nämlich eine Folge der hochinteressanten BBC-Serie über britische Ernährungsgeschichte Back in time for dinner, gestern waren die 80er dran: Einzug der Mikrowelle in Küchen, die Erfindung abgepackter Sandwichs (trug zum Verschwinden der echten Mittagspause bei, weswegen in London viele traditionelle Innenstadt-Pubs Geschäft verloren, zu Wine Bars wurden), Nouvelle Cuisine, walisische Minenarbeiter im Streik (die mangels Geld auf Nachkriegsrezepte zurückgriffen), Siegeszug von Mc Donald’s und Burger King, die Briten entdecken Wein, Fertiggerichte für die Mikrowelle (technischer Fortschritt, der eine Kühlkette bei 1-5 Grad ermöglichte, wohl deutlich schwieriger als Gefriertransport), Anspringen der Diätmaschinerie. Zu Letzterem wurde zwar bemerkt, dass damals nur 6% der Bevölkerung als stark übergewichtig eingeordnet worden seien, heute über 25% – doch ein Bezug zwischen Diätkult und dieser Entwicklung wurde nicht hergestellt.

die Kaltmamsell

Brightonjournal Ostermontag, 6. April 2015 – Lauf und Markt

Dienstag, 7. April 2015 um 10:24

Ich hatte mir den Wecker gestellt: Laufen am Undercliff Walk, der nach meinen neuesten Informationen wieder ganz begehbar sein sollte. Und so war es auch. Außerdem schien die Sonne!

Ich genoss meinen Lauf mit Blick auf die von der Ebbe freigelegten Steine, sah Dohlen, Möwen, mögliche Wiesenpieper. Hinter dem großen Asda-Supermarkt war ich wieder von köstlichem Gebäckgeruch umhüllt (Croissants?), gehört für mich fest zu diesem Morgenlauf. Nachdem mich auf dem Hinweg die wärmende Sonne von vorn beschienen hatte (das Stirnband hatte ich schnell weggesteckt), fühlte sich das Wetter auf dem Rückweg völlig anders an: Ein eisiger Gegenwind ließ mich schnell das Stirnband aufsetzen.

150406_04_Devonshire_Place

150406_08_Undercliff_Walk

150406_12_Undercliff_Walk

§

Dusche, Kaffee im Red Roaster.

150406_19_Red_Roaster

Spaziergang hoch zum Race Course, weil dort der Bank Holiday Market angekündigt war, der mich schon am Ostermontag 2011 sehr fasziniert hatte.

Auf dem Weg dorthin auf Höhe Queen’s Park ein merkwürdiges Bauwerk, das meine Recherche als Pepper Pot identifizierte. Sehr charmant: Kein Mensch weiß, wozu es ursprünglich erbaut wurde, nur dass das 1830 geschah.

150406_20_Pepperpot

Der Market war eine Schatzkiste. Den billigen Fleischjakob gab es wieder, ebenso Paradiese für Hochzeitsgeschenke.

150406_26_Market

Im Gegensatz zu vor fünf Jahren aber war das Speisenangebot erheblich breiter: Die Streefood-Welle ist auch hierher gespült. Neben englischem Hotdog, Burger, Chips sowie den vertrauten Thai und Indian Food gab es unter anderem: Healthy Mexican, Paella, deutsche Bratwurst (hat man hier gerade sehr, wird mit Sauerkraut und gebratenen Zwiebeln in der Semmel serviert), polnische Pierogi und Krakauer, dänische Wurst, ein Stand mit verschiedenen Sorten Mac’n Cheese. Der Begleiter wagte sich an die Spezialität Poutine am Stand “Fresh from the Alps”: Pommes mit Bratensoße, darüber gebratene Zwiebeln und Raclettkäse, frisch geschmolzen, dazu gebraten Speck und eine sehr europäische Wurst (will heißen: im Gegensatz zu britischen sausages geräuchert und ganz aus Fleisch bestehend).

150406_28_Market

Der Besteller war zufrieden, ich kostete von Wurst und Käse: durchaus schmackhaft. Was die kanadische Eigentümlichkeit Poutine mit den Alpen zu tun haben sollte, bekamen wir nicht heraus, aber was wissen wir schon vom Streetfood entlegener Bergtäler.

§

Wir gesellten uns zu den feiertäglichen Mußetuern, erst im Queen’s Park (manche der hiesigen Möven kommen mir geradezu schafsgroß vor), dann in Kemp Town (in einem Pub höchst interessante Ciders kennengelernt: einen rustikal hefigen und kohlensäurearmen und einen sehr spritzig aromatischen Aspall, den ich mir merkte – umgehend zu meinem neuen Lieblingscider geworden), schließlich auf dem Pier.

150406_46_Strandpromenade

150406_52_Pier

Gleich mal Notizen für einen späteren Techniktagebucheintrag gemacht: Computerspiele sind Teil der Amusementgeschichte geworden.

Das Rote auf Stirn und Nase, das wir anschließend im Spiegel sahen, war dann doch möglicherweise ein Sonnenbrand.

§

Fürs Nachtmahl ums Eck zum Inder. Auf dem Weg zurück in die Unterkunft strich ich bereits meine nächstmorgentlichen Laufpläne: Muskeln und Knochen meiner Beine und Füße fühlten sich an wie nach einer fünfstündigen Wanderung.

die Kaltmamsell

Brightonjournal Ostersonntag, 5. April 2015 – Brighton Beer

Montag, 6. April 2015 um 19:48

Lang geschlafen. Sehr lang geschlafen. Der Alkohol des Vorabends saß mir doch noch im Gehirn, zumindest verschonte er mich mit Migräne. Aber den geplanten Lauf den Undercliff Walk entlang strich ich.

150405_01_Devonshire_Place

Kaffee im Red Roaster und ein Spaziergang nach Hove taten gut, ich bekam Hunger. Wir kehrten ein ins Brighton Beer Dispensary. Als ich mir das Angebot an Fassbier ansah, bekam die Barmaid schnell heraus, dass ich aus Deutschland kam – und wechselte in perfektes Deutsch. Ich bat um Beratung zu lokalem Bier und entschied mich für ein Pint des als besonders hopfig bitter beschriebenen Brighton Thirty Three sowie ein Pint Brighton No Name Stout. Beide schmeckten gut, das helle Bier aber besonders aromatisch, mit ganz leichten Aprikosen- und Hollerblütenanklängen.

Dazu gab es anständigen Sunday Roast (ebenso wie das Bier an der Theke geordert und bezahlt), für mich Schweinebauch, für meinen Begleiter Rinderbraten.

150405_07_Beer_Dispensary

§

Die Geschäfte hatten fast alle geschlossen, dennoch waren viele Menschen unterwegs. Wir schlossen uns dem allgemeinen Schaufensterbummel an, ich merkte mir in einem Geschäft schon mal drei paar Schuhe vor.

Spätnachmittags ins Kino: Cinderella. Nett, aber etwas mehr neue Ideen hatte ich mir schon erhofft; da war Drei Nüsse für Aschenbrödel bereits weiter.
Dass Kenneth Branagh und Patrick Doyle mal bei so einem Film landen würden, hätten wir vor 25 Jahren sicher nicht gedacht.

Heimweg mit viel West-Pier-Gucken.

150405_13_West_Pier

150405_16_West_Pier

die Kaltmamsell

Brightonjournal Freitag/ Samstag, 3./4. April 2015 – Frühlingsmenü

Sonntag, 5. April 2015 um 23:02

Anreise am Freitag problemlos, wenn auch lang.

150403_01_Flughafen

(Bild schief, weil das Flugzeug ja beim Starten schräg liegt.)
Es gibt zwar inzwischen auch wieder Direktflüge München-Gatwick (von dort ist man in einer Stunde per direkter Bahnverbindung in Brighton), aber nur um nicht urlaubskompatible Zeiten. Also wieder die gut zweistündige Ochsentour mit dem National Express von Heathrow, auf der alle Terminals von Heathrow und Gatwick abgeklappert werden. Außerdem kam der Busfahrer 15 Minuten zu spät.

In Brighton empfing uns Regen. Nach Wiedergewinnen der Fassung über unsere Unterkunft und erstem Einrichten: Richtiges Ankommen im nächstgelegenen Pub.

150403_06_Pints

§

Unruhiger Schlaf, früh wach geworden – die Matratze dieses riesigen Erotikbetts ist eigenartig versinkig, daran muss ich mich erst mal gewöhnen.

Kaffee im ersehnten Red Roasters, wo sich so früh Hundebesitzer und -besitzerinnen nach dem Gassigehen trafen. Also nicht nur köstlicher Cappuccino, sondern auch noch schöne Wauzis.

150404_04_Red_Roaster

Wir hatten es nie geschafft, einen Samstag in Brighton zu verbringen, deshalb auch nie den samstäglichen Farmers Market mitbekommen – das sollte dieses Mal anders werden. Wir spazierten ein halbes Stündchen hinauf zur im Internet angegebenen Adresse.
Da war aber nix. Gar nix.

Also zurück zum ständigen Open Market, wo schöne 30er-Musik erklang – weil, wie wir feststellten, eine kostenlose Tanzstunde dazu stattfand.

150404_12_Open_Market

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, doch es blieb grau und kühl.

§

Für den Abend hatte ich noch von München aus im Restaurant Graze in Hove reserviert, das war uns von früheren Besuchen in guter Erinnerung, auch die Weine dort.

Wir spazierten im letzten Abendrot an der Uferpromenade dorthin und ließen uns das achtgängige Frühlingsmenü servieren, inklusive Weinen. Es schmeckte alles sehr gut, doch mein Lieblingsgang war die Taubenbrust mit Kaffee-Gänseleber. Die Weine waren ganz hervorragend dazu ausgesucht, zum Beispiel kam anders als auf der Karte angekündigt zur Taubenbrust ein andalusischer 20 Degrees, Tierra Hermosa ins Glas, der sofort auf meine Nachkaufliste kam.

Bei Einschenken meinte der Herr Bedienerich es immer besonders gut mit uns; die letzten vier Gläser trank ich lieber nur halb, mein Begleiter übernahm den Rest. Zum Ausgleich unterstützte ich ihm auf dem Heimweg durch beherztes Lenken.

die Kaltmamsell

Brighton 2015 – Erotisches Wohnen

Samstag, 4. April 2015 um 21:01

In diesem Brightonurlaub lerne ich viel über Erotik. Als wir uns für die Airbnb-Unterkunft entschieden, taten wir das wegen der Lage, auch wegen der Dachterrasse, und die Räume sahen ganz behaglich aus. Dass sie als “sexy little house” bezeichnet wurde, “for a few nights of sexy, decadent pleasure”, nahm ich nicht so ganz ernst – was Vermieterinnen halt so schreiben.1 Hätte ich aber besser, denn diese Unterkunft scheint tatsächlich nicht für ganz normales Bewohnen ausgelegt; unter anderem hat sie weder Kleiderschrank noch Esstisch oder auch nur einen Beistelltisch fürs Sofa. Zu der hochtechnischen und eleganten Küchenzeile gehört lediglich ein Stehtischchen mit zwei Barhockern. Der Fernseher steht nicht gegenüber dem Sofa im Obergeschoß, sondern hängt an einer Schlafzimmerwand. Selbst die Kochbücher in der Küche heißen Food for Love oder Kinky Cupcakes (im Unterschrank gleich neben den Spielen Sex!, Intimate und Dirty Minds).

Hier ist ausschließlich erotisches Wohnen vorgesehen, und das ist für mich ein recht unbekanntes Gebiet. Für Sex interessiere ich mich nicht sehr – na gut, vielleicht ein bisschen mehr als für Musik. Am ehesten bekomme ich etwas über das Thema mit, wenn Bloggerinnen, die ich gerne lese, darüber schreiben oder vortragen. Es ist für zwar mich selbstverständlich, dass Menschen sexuell tun dürfen sollen, wozu alle Beteiligten von Herzen zustimmen. Auch dass es sich um ein Interessengebiet handelt, mit dem man sich leidenschaftlich und detailliert beschäftigt, kann ich verstehen. Doch es ist zum Glück einfach, sich nicht eingehend damit zu beschäftigen (anders als bei Fußballbegeisterung zum Beispiel).

Jetzt sitze ausgerechnet ich bis über beide Ohren in Erotik. Und entwickle eine gewisse Neugier für reverse engineering: Wie funktioniert dieses Erotikdings anscheinend?

Da die Vermieter das ganze als generell “sexy, decadent pleasure” verkaufen, adressieren sie offensichtlich nicht eine bestimmte sexuelle Vorliebe, sondern die Schnittmenge der in unserer (westlichen?) Kultur verbreitetsten Vorlieben. Ich lerne also:

1. Es muss dunkel sein, so dunkel wie möglich: Die Wände aller Räume sind schwarz, im Schlafzimmer sind alle Möbel schwarz, die Bettwäsche ist schwarz, die Fenster sind mit schwarzen Jalousien verdunkelt.

2. Die Menschen mögen sich ansehen: Die Dusche ist nicht nur sehr geräumig, also sehr wahrscheinlich ein möglicher Sexschauplatz. Sie ist auch rundum verspiegelt. Jetzt endlich kommt mir zugute, dass ich viele Jahre Übung darin habe, auch in noch so verspiegelten Umgebungen an mir vorbei zu schauen – nämlich durch Aerobic und Gymnastik in Fitnessstudios. Ich sehe – wie die meisten dort – beim Rumhopsen so bescheuert aus, dass ein zu häufiger Blick demotivierend wirkte.

3. Als erotisierend werden Frauenbilder eingeordnet: Hier hängen nur unzüchtige Bilder von Frauen, mit einer einzigen Ausnahme. (Meine anfängliche Theorie, dass diese Wohnung nur auf Menschen ausgerichtet ist, die Frauen sexuell attraktiv finden, verwarf ich beim Durchdenken aller erotisch geltender Bilder, die mir einfielen.) Ist die Folgerung zulässig, dass die erotisierende Ikonographie der westlichen Hemisphähre zu 95% Frauen darstellt?

4. Erotik hat viel mit Büchern zu tun: Hier stehen ganze Regalmeter Bildbände und Literatur mit “love”, “nude” oder “sex” oder “girls” im Titel. (Daneben aber auch Dylan Thomas’ Under milkwood.)
Hier kommen die Wohnung und ich uns – wenig überraschend – am nächsten. Die Überschneidung zu meiner Bibliothek:
D.H. Lawrence, Lady Chatterley’s Lover
Anaïs Nin, Delta of Venus
Belle de Jour, The Intimate Adventures of a London Call Girl (hier steht auch der zweite Band, aber ich fand schon den ersten nicht so toll)
John Fowles, The French Lieutenant’s Woman
Alan Hollinghurst, The Line of Beauty
Dylan Thomas, Under milkwood

5. Erotik findet im Bett statt (das ist hier riesig), in der Badewanne oder in der Dusche. Nicht aber mit Tisch oder beim Essen am Tisch.

6. Erotik hat etwas mit Schlafmasken zu tun. Zumindest liegen neben dem Riesenbett vier Stück auf einer eigenen Konsole.

Ich sehe das Projekt natürlich als noch nicht abgeschlossen an. Mal sehen, was ich in der kommenden Woche noch so über Erotik herausfinde.

  1. Schließlich versuche ich mir seit Jahren abzugewöhnen, Verkaufssprech wörtlich zu nehmen. []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 2. April 2015 – Schtonk revisited

Freitag, 3. April 2015 um 8:29

Der Schnee ist in Regen übergegangen, der Wind lässt langsam nach, die Tage werden länger – vermutlich, denn abends ist es so wolkendüster, dass sich das schlecht endgültig beurteilen lässt.

Anstrengender Arbeitstag, an dessen Ende echte Euphorie bei Aussicht auf die lange Urlaubswoche.

§

Abends zeigte das Bayerische Fernsehen anlässlich Helmut Dietls Tod Schtonk. Mir fielen sofort drei Zitate ein, die längst Teil meines Alltagswortschatzes geworden sind, auch wenn ich denn Film nur einmal gesehen habe, nämlich 1992 im Kino: “Er brennt nicht.” “Bittere! Orangen! Marmelade!” und “Die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Zeit…” Letzteres gerne von Herrn Kaltmamsell gestöhnt, wenn’s ihm nicht so gut geht.

Der Film hat sich ausgezeichnet gehalten. Damals konnte man noch Teilnehmer am Arbeitsleben auftreten lassen, die in der Hitlerjugend Fraktur und Sütterlin gelernt hatten (auch wenn selbst Dietl sie “Altdeutsche Schrift” nannte). Götz George war möglicherweise nie besser – es gehört menschliche Größe dazu, sich als Schauspieler derart in eine wirklich unsympathische, leicht eklige Figur fallen zu lassen.

§

Tilman Rammstedt verschafft uns einen endgültigen Überblick über mögliche Varianten menschlichen Liebeslebens:
“Beziehungsstatus? Es ist kompliziert”.

die Kaltmamsell