
Dieser Ziegel wohnte schon lange unter den ungelesenen Büchern des Mitbewohners: Ich hatte ihm das Stück Torberg-Zeit 1996 geschenkt – ein seltener Fall, dass ich ein Buch verschenkte, das ich selbst nicht gelesen hatte. Nun habe doch ich es noch vor ihm gelesen. Und empfehle es nicht nur ihm.
Über 900 Seiten lang lebte ich im Wien von 1911 und von 1925. Es gibt zwar kurze Griffe zurück in weitere Vergangenheit und nach vorne in jüngere Zeiten, doch nur in Nebensätzen und um Hintergründe zu klären. Wir begleiten mehrere Familien, vor allem die Generation, die im 1911er-Teil um die 20 ist, entsprechend älter im längeren Teil, der im August und September 1925 spielt. Es wird viel Tee und Mokka getrunken, in Cafés gesessen (in denen man noch den Kellner um den Zugfahrplan bitten kann), ausgegangen, spaziert, geredet und beraten. Alle Figuren sind dabei, ihren Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden.
Der Erzähler bleibt immer sehr nah an seinen Figuren, ist gleichzeitig immer deutlich präsent. An einigen Stellen macht er sich auch explizit bemerkbar und kommentiert das Geschehen, dankt in der einzigen Fußnote Anton Kuh für eine passende Formulierung, die er übernommen hat, gesteht am Ende, dass nicht mal er selbst den Vornamen seiner Hauptfigur kennt. Dieser picareske Tonfall schlägt ohnehin immer wieder durch.
In fast blogartigem Detailreichtum leben wir die Tage mit den Protagonisten (vor allem mit einem Major Melzer), sei es in Wiener Stadtwohnungen und Cafés, sei es in der ländlichen Umgebung der Sommerfrische, mit Tennisspiel, „Garden-party“ und morgendlichen Bergwanderungen.
Umgebungen, Menschen und Ereignisse sind sehr genau beschrieben, allerdings nicht platt berichtend: Vor allem die Menschen werden durch ihre Außenwirkung charakterisiert, selbst wenn mal das eine oder andere nach oben geschwungene Näschen, ein schräg gestelltes Auge, und immer wieder das besondere Faszinosum roten Haars auftauchen. Doch es sind eher Betrachtungen denn Beschreibungen – auch diese immer wieder mit Schabernack und ein wenig Bosheit: „die Frau in einem roten Sommerkleid, die Haare gelb wie ein Trompetenstoß“.
Von den so betrachteten Personen erfahren wir viel Innensicht und Reflexion, meist aus personaler Perspektive, hin und wieder schaltet sich aber auch der oben beschriebene Erzähler ein. Er stellt sicher, dass wir die Welt des Romans in ihrer ganzen Besonderheit kennenlernen:
Denn (…) abgesehen von diesem leidigen Phänomen, war ihm etwas zugestoßen, was einem in Wien unter gar keinen wie immer gearteten Umständen passieren darf, wegen der unübersehbaren und unabsehbaren damit verknüpften Folgen, etwas, das ganz bedingungslos vermieden werden muß, und worüber der Rittmeister als ein Fremder, welcher er im Grunde doch geblieben war, sich offenbar nicht in genügender Klarheit befunden hatte, welche allerdings eine ganz außerordentliche hätte sein müssen, um die fehlenden eingewurzelten Instinkte zu ersetzen: denn allein diese bremsen gebieterisch und sozusagen um jeden Preis vor bestimmten Gefahrenzonen. Auch um den Preis des Rechthabens oder Rechtbehaltens.
Eulenfeld hatte sich mit der Hausmeisterin zerstritten.
Alle Schreibungen sic! Leider enthält meine Ausgabe keine Anmerkung zum Text; Doderers Interpunktion und Orthografie weichen oft von den heute gebräuchlichen ab (auch von denen vor den diversen Rechtschreibreformen der vergangenen 15 Jahre). Es ist durchaus möglich, dass er ganz eigenen Regeln folgte, zumal er im Lauf des Romans viele ungebräuchliche, wenn nicht sogar selbst erfundene Wörter verwendet. So macht man „Carrière“, ein immer weider auftauchender Menschentypus ist der „troglodytische“, ein Amtsrat Zihal steht Pate für einen nach des Erzählers Meinung damals in Österreich dominierden „zihalistischen“ Typus – auch die Sprache entstammt einer Welt von gestern, obwohl der Roman erst 1951 erschien. Gerade durch ihr Abweichen von Konventionen wirkt sie sehr präzise.
Fast durchgehend ist Sommer im Roman: Die Menschen in Wien schützen sich vor der Augusthitze durch Verschattung der Wohnungen, eine Jause an der Donau kommt vor, man genießt warme Nächte, in der Sommerfrische blüht es, Berwanderungen müssen wegen der drohenden Hitze früh begonnen werden, die Kleidung ist leicht, Jacken oder Mäntel tauchen gar nicht auf.
Die letzten 40 Seiten konnte ich gestern auf dem Balkon mit Blick auf sonnenbeschienen sich entfaltende Kastanienblätter lesen – das war besonders schön. Auch wenn gerade im letzten Teil des Buches auch mal ein bisschen Herbst ist.
Das Buch ist dick, die Dichte und Üppigkeit der Sprache und das Fehlen von Spannungsbögen führen zu gemächlichem Lesen – so konnte ich über zwei Wochen in der Welt der Strudelhofstiege wohnen. Aus der ich ungern wieder auftauchte.
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Seit ich vor vielen Jahren davon las, blieb mir dieses Detail am tiefsten aus Herrn Doderers Vita hängen: Sein Vorname ist ein verballhorntes Jaime – die Mutter fand auf einer Spanienreise den Diminutiv Jaimito so schön, dass sie ihn für ihren Sohn als Heimito eindeutschte. Kindesmisshandlung per Namensgebung ist also keineswegs ein nur gegenwärtiger Tatbestand.
die Kaltmamsell