Sonntagslektüre

Sonntag, 16. März 2014 um 7:35

Ziatedesca hat den Franz gefragt, ob er sie adoptieren will. Warum, schreibt sie hier: ‘Ohana.

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Ann schreibt auf kleinerdrei: “Einer fehlt – Eine Geschichte über Gentrifizierung“.

Als die Geschichte auf Twitter verlinkt wurde, merkten viele an, dass sie Ähnliches erlebt haben.
Auch das Mietshaus, in dem ich wohne, ist in Bewegung. Allerdings in einer deutlich organischeren. In den 15 Jahren, die wir nun hier leben, war das Haus immer von Bildungsbürgertum bewohnt, schließlich wurde es in den 50ern für die leitenden Ärzte der umliegenden Kliniken gebaut. Von den Ärzten selbst haben wir keine mehr erlebt, lediglich ihre Witwen. Und die sterben nun nach und nach weg (oder ziehen ins Pflegeheim um).
Vor allem die alte, kleine Dame aus dem Hinterhaus vermisse ich, deren Fuchteln mit dem Stock ich mir fürs eigene Alter eingeprägt habe (man kann nämlich, habe ich an ihrem Beispiel gelernt, auch nur mit dem Knauf des Stocks fuchteln). Die ich zuletzt mehrfach im Nachthemd vor dem Haus stehend einsammeln musste.

Die Alten werden ersetzt durch junge Leute, einige davon Familien (mit zwei Nachnamen auf dem Klingelschild). Die Veränderung: Das stille Haus, in dem jedes gesellige Gelächter auf dem Balkon empörtes Räuspern von den anderen zur Folge hatte, in dem mir die Hausmeisterin selig erklärte: Ein Fest? Also hier sei es eigentlich üblich, außerhalb zu feiern – dieses Haus wird nun durch Kinderlachen/-schreien/-weinen beschallt, und gefeiert wird hörbar regelmäßig.

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Wenn Sie die Cartoons xkcd verfolgen, wird Sie das interessieren: “Tech’s Favorite Cartoonist Enters Mainstream Publishing“.

Der Cartoon am Anfang des Artikels ist in diesem Haus längst zum geflügelten Wort geworden (beim Smartphonelesen: “Ich muss an meinen Rechner. Someone is wrong on the internet.” / besorgte Frage, wenn der Partner besonders heftig auf die Tastatur hämmert: “Is someone wrong on the internet?”).

die Kaltmamsell

Viel Leben in einem Tag

Samstag, 15. März 2014 um 10:17

Es hat dann doch noch geklappt, dass ich den angepeilten Freitag freinehmen konnte (habe zwar noch Urlaubstage aufzubrauchen, Bürogeschehen lässt sich derzeit allerdings schlecht prognostizieren) – und was für einen herrlichen Frühlingstag ich da geschenkt bekam! Bei meinen nachmittäglichen Einkäufe war mir ohne Jacke nicht zu kalt.

Vormittags nutzte ich die Gelegenheit wie an jedem freien Freitag in München, meine Lieblingsstepstunde zu besuchen. In der uns mein Lieblingsvorturner vorsichtig darauf vorbereitete, dass er diese Stunde zum 1. April abgibt: Er sei ins entferntere Umland gezogen und habe festgestellt, dass es doch außerordentlich anstrengend sei, für diese Stunde reinzukommen. Wenn ich richtig gerechnet habe, besuche und schätze ich seine Stepstunden seit fünf Jahren – sie werden mir fehlen.

Gestern hatten wir sehr gemischte Truppe (in Alter und Körperformen) nochmal eine richtige Gaudi, und ich versuchte mir all die Choreographieelemente, die ich nur bei diesem Herrn antreffe und deren Bezeichnungen er ziemlich sicher selbst erfunden hat, besonders gründlich zu merken: “Einparken” und “Fußball” sind wohl eher nicht im Kanon der Stepaerobicfiguren anzutreffen.

Ich hängte eine Stunde Gemeinschaftsgymnastik an und kämpfte mit einem kleinen, nur halb aufgeblasenen Ball, auf den wir uns für Übungen setzen oder knien sollten: Sind mir die wandgroßen Spiegel im Turnsaal immer schon eher unangenehm, möchte ich meine unbeholfenen Wackeleien bei diesen Übungen am allerwenigsten sehen.

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Auf der Heimfahrt holte ich mir beim Bäcker Schmidt zum eine Mohn-Challah (sie nennen sie dort Mohnzopf, aber es gibt ihn nur freitags und samstags): Ob sie den Zopf gleich in Scheiben schneiden solle, fragte die Verkäuferin. UmGodswuin! Ich erklärte ihr, dass so ein Zopf doch nicht geschnitten, sondern gerupft werde. Ihr Blick ordnete mich eindeutig als g’spinnerte Kundin ein.

Beim Bäcker Schmidt nahm ich auch eine interessant aussehende “Fastenbreze” mit: Sie sei aus leicht gesüßtem Hefeteig gemacht, erklärte mir die Verkäuferin, habe der Chef aus dem Chiemgau mitgebracht.

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Fastenbrezen kannte ich bislang nur aus der Bäckerei Knapp & Wenig, und dort handelt es sich um eine ungelaugte Breze mit Staubsalz.

Mein nächster Stopp war der Herrmannsdorferladen am Viktualienmarkt, in dem ich die freundlich-appetitliche Atmosphäre so schätze, dass es mir nie etwas ausmacht warten zu müssen.

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Daheim kräftige Brotzeit (wie KANN man eine Challah nur schneiden wollen statt die Stränge mit ihren herrlichen langen Fasern zu rupfen?), Wäschewaschen (wozu in unserer bröselnden Küche gelegentliches Entleeren der vollgelaufenen Waschmaschinenunterwanne gehört) und -aufhängen.

Zeitunglesen am sonnig-warmen Balkon – vor dem Entwintern noch ziemlich schmutzig, aber für einen Sessel ist immer Platz.

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(Foto: Mitbewohner)

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Abendverabredung im Broeding, dortselbst köstliches Essen und interessante Weine.

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Da war zum Beispiel dieses köstliche Kürbissüppchen mit Lamm (ich glaubte Kreuzkümmel und Kurkuma rauszuschmecken), während ich noch an meinem Schilcher-Rosé als Aperitiv nippte:

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Sehr gefreut hatte ich mich auf die Teigtasche mit Leber- und Blutwurst, die mit Papaya und Kräutersalat serviert wurde: Ein Knaller, denn die Papaya war nicht nur reif und aromatisch, sondern auch in etwas Minzigem mariniert und passte hervorragend zum Blutwurstgeschmack.

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Dazu gab es ein Gläschen aus der Doppel-Magnum Ebner-Ebenauer Weißer Burgunder Vom Wald inlusive der wundervollen Geschichte, wie dieses junge Winzerpaar zu dieser neuen Lage kam.

Der nächste Gang war ein herzhafter Thunfisch, an dem ich am interessantesen die Kombination von gebratenen Pilzen mit Bergamotte fand (und den ich vergessen habe zu fotografieren). Begleitet wurde er von einem Groisser Gemischten Satz aus dem Waldviertel (den mochte ich besonders gern), wieder mit ausführlicher Geschichte.

Der gebratene Radicchio hatte einen interessant kräftigen Käse (Arunda) dabei:

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Dazu mein Rotweinfavorit des Abends, Gut Oggau (Achtung: Website BRÜLLT) Atanasius 2009, ein Blaufränkisch-Zweigelt aus dem Burgenland (das Etikett, so wurde uns erklärt, gehe auf die Charakterisierung des Weins als Persönlichkeit zurück: so sähe der Wein aus, wäre er ein Mensch). Auch sonst steckt wieder eine wundervolle Geschichte von leidenschaftlichen Wein-Nerds hinter dem Wein.

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Als Fleischgang gab es Kalb mit Namen, nämlich einen Sohn der Restaurant-eigenen Kuh Dorli, über die ich mich über den Broeding-Newsletter regelmäßig informieren lasse.

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Im Glas hatte ich dazu diesen sehr schönen Blaufränkisch (nicht ein solcher Brummer wie mein Favorit vom Heinrich, dafür mit einem Hauch Pferdefurz – jaja, Hande, ich weiß, ich soll lieber “animalische Note” sagen):

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Zum Käsegang eine Überraschung (für mich zumindest): Der Heinrich hat einen orange wine gemacht. Die Bedienung machte uns auf den Duft nach Apfelmost aufmerksam, gab zu, dass das nicht gerade ein Geschmack sei, den man sich abends als “noch ein Gläschen Wein” einschenken würde, doch dass er hervorragend zum Käse und der Pomeranzenmarmelade passte. Sie hatte recht: Einfach so war der Wein eher bitter, doch mit dem Käse fing er an Walzer zu tanzen.

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Das Dessert war eine schöne Kombination von Schokolade, Karamel und Frucht, an der mich am meisten die marinierten Birnen faszinierten (Nachfrage in der Küche ergab, dass nur Wein, Zucker, Vanille dran war).

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Der Wein dazu war ein Kracher 11 Trockenbeerenauslese, zu dem uns erklärt wurde, dass er es fast nicht zum Wein geschafft hätte: So lernte ich, dass in Österreich eine Bedingung für die Bezeichnung als Wein mindestens 5 Volumenprozent Alkohol ist.

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Gelesen:

Jahrelang verhöhnten wir Politikerinnen und Politiker, weil sie keine Ahnung von Computern und Internet hatten (in meinem Fall: weil sie NOCH weniger Ahnung hatten als ich). Weil wir offensichtlich davon ausgingen, dass sie eine höhere Fachkenntnis zum Besten der Gesellschaft einsetzen würden.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass der unterstellte Scherz “Ihr werdet euch noch wünschen, wir hätten keine Ahnung vom Internet” (Quelle verschollen) ins Schwarze traf: Sobald diese Menschen kapierten, welche Chance die Ahnungslosigkeit von Durchschnittsbürgerinnen bietet (Symptom z.B. ausbleibende Empörung über NSA-Aushorchung), ließen sie sich schleunigst fit machen. Und zwar keineswegs zum Besten der Gesellschaft.

Sascha Lobo führt das am Beispiel Alexander Dobrint vor. Der forderte auf der CeBIT ein “intelligentes Netz” – was sich dummerweise nur sehr kurz gut anhört: “Wir brauchen ein superdummes Netz!”

Wer ein intelligenteres Netz fordert, fordert en passant ein besser überwachbares Internet, das schlechter geeignet ist für die technische Selbstermächtigung durch die Nutzer. Das ungefähr Letzte, woran gerade Mangel herrscht.

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Gesehen:

Entnehme einem Beitrag in quer, dass die SPD im Münchner Stadtrat Spielplätze um Mädchenspielgerät ergänzt haben will. Laut Ulrike Boesser, gleichstellungspolitische Sprecherin, müsse “mehr auf die geschlechterspezifische Raumaneignung der Kinder eingegangen werden” (watt?). In dieselbe Tröte bläst (offensichtlich allen Ernstes) Gabriele Nuß von der Gleichstellungsstelle der Stadt München und spricht von “Gender-Gerechtigkeit”. Watt?! Seit wann sind Gleichstellungsstellen dafür zuständig, bereits Kinder nach Geschlechterstereotypen zu segregieren? Seit wann sind Bolzplätze für Buben reserviert? Brauchen kleine Fußballspielerinnen rosa Tore?

Andererseits: Mit Ferrero und seiner segregierten Kinderüberraschung sollte schnell ein Sponsor gefunden sein.

die Kaltmamsell

Pomade

Mittwoch, 12. März 2014 um 8:07

“Geht mit meinen Haaren ein 20er Bubikopf?” fragte ich gestern Abend meinen Friseur (stylist to the nerds) zurück auf seine übliche Frage: “Und? Was machen wir?” Vor meinem inneren Auge hatte ich die edlen Jünglinge, die ich im Publikum des King’s-Singers-Konzerts gesehen hatte. Also googleten wir beide auf unseren Smartphones nach Fotos davon, um sicherzugehen, dass wir dasselbe meinten. Bei mir erschienen eher Pagenköpfe, Herr Friseur suchte klugerweise nach Herrenbildern und wurde fündig. Er wuschelte durch den Haarberg auf meinem Kopf und schätzte ein: “Ja, geht. Aber wir werden ordentlich Pomade brauchen, damit das Deckhaar anliegt.” Mein Haar wächst so schnell und reichlich, dass ich mir Abenteuer leisten kann: Wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, ist bald genug Material für eine Alternative da.

Pomade, so erklärte Herr Friseur, als er abschließend in den Tiegel griff, habe Vor- und Nachteile. Der Nachteil: Es sei halt Fett und funktioniere bei meinem Bubikopf nur, wenn das Haar richtig durchgefettet sei. Der Vorteil: Sie überstehe auch Haarwäsche. Selbst nach einem Bad im Meer müsste die Frisur nach schlichtem Kämmen wieder sitzen.

Er gab mir den Pomadentopf mit dem Rest mit heim, damit ich testen kann, ob ich überhaupt den Nerv zu regelmäßiger Frisurerstellung, aka Styling habe. (Zu Beginn unserer Zusammenarbeit gab es ja den denkwürdigen Abschiedsdialog: “Und wenn du das mal stylen …” “Wenn ich was?” “Wenn du das mal stylen …” “Wenn ich was?!” “Ah, ok.”)

Danger and excitement, Kaltmamsell way.

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die Kaltmamsell

Beifang aus dem Internet

Dienstag, 11. März 2014 um 6:11

Es gibt ja selten Gelegenheit, einer Regierungspartei am eigenen Leib vorzuführen, wo die Gesetzeslage im Argen liegt. Wie wunderbar, dass Sebastian Heiser der SPD eine Lektion in Urheberrecht erteilen konnte: “Liebe Raubkopierer bei der SPD,”.

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Erstaunlicherweise sind Menschen dann besonders ehrlich, wenn sie sich in der vermeintlichen Anonymität des Internets bewegen. Soziale Schranken der öffentlichen Meinungsäußerung werden überwunden – endlich kann gesagt werden, was man sich sonst nicht zu sagen traut.
Dieser Film behandelt das Phänomen exemplarisch am Beispiel von Online-Kommentaren zum Thema Down-Syndrom und wirft dabei einen Blick auf die Realität hinter den Kommentaren.

Da sind wir wieder bei “ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt”. Ja, darf man. Aber muss darauf gefasst sein, sich dadurch zu entlarven.

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Der Kampf einer Posaunistin bei den Münchner Philharmoniker, oder: Wie mein Bild von Celibidache zerstört wurde: “Abbie Conant: Behind the Screen“. (Text von 2010, aber er jetzt als Hinweis in meiner Twitter-Timeline aufgetaucht.)

In 1980, Abbie Conant auditioned for the Munich Philharmonic behind a screen. The orchestra voted for her appointment to the principal solo position, though the conductor, Celibidache, was opposed. Celibidache ordered that she play a “probationary year”, in which any complaints to her playing could be recorded. No complaints were recorded, but he did not award her any solos.

In 1982, Abbie was demoted to second trombone, which required a greater work load for less pay. Celibidache provided no written criticism but simply stated, “You know the problem: we need a man for solo trombone.”

Von da an ging’s erst richtig bergab.

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Ich muss mich immer wieder dazu disziplinieren, besonders bescheuerte homophobe Argumente nicht einfach dezent zu ignorieren (es fühlt sich für mich immer ein bisschen unhöflich an, Menschen durch Gegenargumente zu unterstellen, dass sie diesen Blödsinn jetzt wirklich ernst gemeint haben – völlig fehlgeleitetes Fremdschämen). Sondern mit Argumenten und Fakten gegenzuhalten.

Als da wäre der Vorwurf, Homosexualität sei unnatürlich. Wie bei allen Argumenten mit Natur würde ich am liebsten einen Schritt zurück gehen und fragen, was eigentlich “Natur” ist und “natürlich”, denn das ist ein hochinteressantes und schrecklich unordentliches Gebiet, aber die Frage wäre – so sozial kompetent bin ich dann doch – in diesen Situationen unangebracht. Also verweise ich darauf, dass es zahllose Arten gibt, die gleichgeschlechtliche Paarungen kennen. Neuestens kann ich konkret und im Detail Flamingos anführen: “Schwule Flamingos. So lebt es sich nach der Natur“.

(Wehe, Sie sagen jetzt: “Jaaaa, Flamiiiiingos! Die sehen ja schon so aus!”)

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Die Deutschen sind sich zu großer Mehrheit einig, dass ihre Bahn Mist ist. Egal, was die Deutsche Bahn anstellt, irgendwas daran wird schon scheiße sein, also wird geschimpft. Das ist in vielerlei Hinsicht fatal: Nicht nur brächte eine sachlichere Perspektive zutage, dass die Deutsche Bahn vor allem im internationalen Vergleich ziemlich gut funktioniert und komfortabel ist. Eine sachlichere Perspektive ermöglichte auch konstruktivere strukturelle Kritik.

Hier zum Beispiel reifliche Überlegungen und Analysen, warum Hochgeschwindigkeitszüge die Feinde einer Bahnzukunft sind: “Hochgeschwindigkeitszüge zerstören das europäische Bahnnetz”.

Das ist ein ernstes Problem: Ich bin überzeugt, dass motorisierter Individualverkehr nicht die Mobilität der Zukunft ist. Machen wir uns gerade die Alternative kaputt?

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Ansonsten: Frühling vorm Büro.

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die Kaltmamsell

Wochenend und Sonnenschein

Montag, 10. März 2014 um 6:37

Nachdem er vergangenes Wochenende seine neuen Wanderschuhe getestet hatte (wir waren zwischen Schöngeising und Fürstenfeldbruck unterwegs), fragte der Mitbewohner umgehend: “Und wann gehen wir das nächste Mal Wandern?” Diesen überraschenden Wanderenthusiasmus will ich auf keinen Fall bremsen, also fuhren wir am sonnigen Samstag per S-Bahn nach Starnberg: Der Mitbewohner hatte im Büchlein Wandern mit dem MVV eine kleine Tour durch die Maisinger Schlucht herausgesucht. Und wieder war es eine ganz hervorragende Wahl.

Durch das schöne Starnberg

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den Maisinger Bach entlang

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zum Maisinger See.

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Von dort aus spazierten wir nach Pöcking und weiter nach Possenhofen und erreichten nach insgesamt gut zweieinhalb Stunden den dortigen S-Bahnhof. Von dem nur gerade überhaupt nichts fuhr, weil zwischen Starnberg und Possenhofen “Personen auf dem Gleis” den Verkehr behinderten (möglicherweise wieder Teenies im Wettkampf um den Darwin Award). Nun, wir tranken in der reich geschmückten kleinen Bahnhofswirtschaft ein Radler, bis ich durchs Fenster sah, dass die S-Bahnen wieder fuhren.

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Die Überschrift, meine Herrschaften, ist keineswegs aus der Floskelkiste der Lokalredakteurin gekramt: Am Sonntag war ich nach einem weiteren Sonnentag, diesmal mit einer Freundin verbracht, im Konzert der King’s Singers.

Sie müssen wissen, dass dieses Ensemble in meiner aktiven Chorzeit und innerhalb meines engen Horizonts als Inbegriff der A-capella-Gesangskunst galt. Doch in Echt gehört hatte ich die Herren noch nie. Auch wenn von den Sängern der Besetzung von 1982 bis 1986 kaum noch jemand dabei ist, freute ich mich sehr, dass ich die Gelegenheit endlich wahrgenommen habe. Liedauswahl, Arrangements und Vortrag waren ein Genuss.

Bei dieser Gelegenheit sah ich endlich mal das opulente Prinzregententheater von innen, lernte, dass manche Menschen auch mal 10 Minuten zu spät in ein Konzert kommen und kein Problem damit haben, zehn andere Zuschauer aufstehen zu lassen, um an ihre Plätze zu gelangen (der junge Mann, der gleich 20 Minuten zu spät kam, blieb aber am Rand stehen).

Vor dem Konzert begegnete ich einem inzwischen pensionierten Uni-Kollegen aus meiner Augsburger Zeit, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, in der Pause einem Studienfreund, mit dem ich seinerzeit viel gefeiert, Filme gesehen und im Unichor gesungen hatte, den ich aber seit fast 20 Jahren aus den Augen verloren hatte (er steht nicht im Internet). Es ist möglicherweise eine ganz eigene Sorte Menschen, die ein Konzert der King’s Singers besucht – und die irgendwas mit mir verbindet.

Auffallend fand ich unter dem ansonsten erwartbaren älteren Bildungsbürgerpublikum den hohen Anteil schöner, edler Jünglinge im Zuschauerraum – mag man die King’s Singers in bestimmten Kreisen?

Die Zugabe aus dem Werk der Commedian Harmonists war dann allerdings ein abenteuerlich arrangierter “Kleiner grüner Kaktus” und nicht “Wochenend und Sonnenschein“.

die Kaltmamsell

Samstagslektüre

Samstag, 8. März 2014 um 8:55

Kathrin Passig schreibt im ohnehin wunderbaren Techniktagebuch (“Ja, jetzt ist das langweilig. Aber in zwanzig Jahren!”) welcher Kampf mit Kollaborationstools hinter der Arbeit an ihrem Buch bei O’Reilly mit dem Esel drauf steckte: “2008 bis 2013″.

Wenn auch in Extremform zeigt die Geschichte, woraus das Arbeiten mit Computern heutzutage besteht: Work-arounds. Und dem ständigen Abwägen, ob man nicht gerade mehr Energie auf das Finden von Lösungen für Prozessprobleme verwendet als auf die eigentlich Aufgabe, ob es sich lohnt, strukturierte Grundlagenlösungen zu entwickeln (weil man sie öfter brauchen wird), ob strukturierte Lösungen überhaupt jemals möglich sind.

Für Angestelltenmäuse wie mich kommt dazu, dass die technischen Werkzeuge fast immer indiskutabel vorgegeben sind. Zum Beispiel schlage ich mich seit Monaten mit einem antiken CMS für das Veröffentlichen von Pressemitteilungen auf einer Kunden-Website herum (für das ich bereits einen Work-around über mein privates WordPress entwickelt habe). Aktuell stellte sich heraus, dass es nicht mal das Veröffentlichen terminieren kann und am morgigen Sonntag ein Mensch auf den “Publish”-Knopf wird drücken müssen.

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“I Went to the Oscars and Nobody Cared” – auf Myspace (!) schreibt Laura Simpson, wie sich die Oscarverleihung für eine Zivilistin anfühlt.

How did I get invited to the 86th Academy Awards, you ask? Well, my best friend took me as her date. I met her seven years ago at an event where we both didn’t know a single person. We hit it off over a mutual respect for Chandler Bing, and we’ve been eating pizza together ever since.

(Die Freundin? Jennifer Lawrence.)

Sehr viele interessante Details, einige davon unerwartet.

(Dass Lupita Nyong’o auf Instagram ist, passt gut hierher.)

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Immer noch erschüttert über die Gemeinheiten der Romanautorin Sibylle Lewitscharoff gegen Kindzeugung auf anderem Weg als vaginalem, heterosexuellem Geschlechtsverkehr (ich hatte sofort die dystopische Zeugungsszene in Atwoods The Handmaid’s Tale vor Augen). Unter all den klugen Repliken mochte ich am liebsten diese beiden:

Jo Lendles Brief auf Zeit Online: “Ich ertrage es nicht”.

Die Paare, die sich heute für künstliche Befruchtung entscheiden, klonen keine Nobelpreisträger, sie bekommen ein Kind. Das geschieht in der Tat ohne Geschlechtsverkehr. Na und? Waren wir nicht alle der Meinung, dass Sex überschätzt wird? Sex ist erfreulich, Fortpflanzung auch. Beides voneinander zu trennen, ist eine relativ alte Idee (auch wenn das höchstens die Hälfte der aktuellen Päpste zur Kenntnis nimmt).

Und Angela Leinens Blogpost “Es wird jetzt ein bisschen persönlich und ein bisschen allgemein. Und ein bisschen pathetisch“.

Es ist ein Unterschied, ob man diesen Eltern und Kindern ins Gesicht spuckt oder ob man berechtigte Fragen zu den Grenzen des Machbaren stellt. Wer in der Lage ist, über das Allgemeine zu reden und dem Besonderen mit Respekt zu begegnen, mit dem kann man diese Fragen diskutieren. Ich will nicht, dass Kinder nach Maß enstehen. Ich will auch nicht, dass nur die Klugen und Guten Kinder haben dürfen. Jeder zeugungsfähige Depp soll aus Versehen Kinder kriegen dürfen, das gehört dazu. Dann sollen aber auch ein paar Leute, die dafür Opfer bringen, ihre Wunschkinder auf anderem Weg bekommen können.

die Kaltmamsell

Beifang aus dem Internet

Freitag, 7. März 2014 um 6:27

Fasten ist ja sowas wie sich 10 Minuten lang mit eimem Hammer auf den Daumen zu hauen um danach zu genießen, wie der Schmerz nachlässt. Oder sowas Ähnliches wie Kinderkriegen (“aber wenn’s dich einmal anlächelt!”). Enno schlägt vor: “Fasten 2.0 – sechs zeitgemäße und innovative Strategien der Selbstkasteiung“.

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Modeschauen können anscheinend auch eine echte Gaudi sein. Herr Lagerfeld hat letzthin einen ganzen Supermarkt erschaffen, um Models mit seiner Kleidung vor Publikum durchlaufen zu lassen. Barbara Markert war für Modepilot dort und hat ganz viel fotografiert und gefilmt – während der Modenschau, aber auch danach, als die Besucherinnen entdeckten, dass wirklich jedes einzelne Produkt im Supermarkt ausgedacht war.

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Maschinchen machen Kunst – für sowas habe ich ein großes Herz, wie ja auch überhaupt für scheinbar nutzlose Maschinchen (hier habe ich mal das Mahlzeit-Maschinchen beschrieben).

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Und um endgültig von dem Fastendings wegzukommen (Nein, jetzt mal im Ernst, es ist etwas sehr Persönliches, Subjektives, ob man in einer Anstrengung Vergnügen und Erfüllung findet, und ich will niemandem ihre und seine absprechen – ob es sich nun um Hungern handelt oder um Kinderkriegen. In meinem Fall ist sportliche Bewegung die Anstrengung, deren Vergnügen nur wenige nachvollziehen können.) – herzerfrischende Lektüre eines Posts in einem Foodblog. Am Ende kommt zwar ein Rezept als Entschuldigung für den Text, aber eigentlich ist es einfach nur eine Geschichte aus der Küche David Lebovitz’: Gastrique. Davids Geschichten lese ich so gerne, dass ich manchmal bedaure, wie oft er postet: So schaffe ich nämlich nicht, alle Einträge zu lesen.

Wissen’S, was mir da einfällt: Sollte ich wirklich mal das Messer auf der Brust fühlen, dass ich ein paar Wochen auf etwas verzichten soll, wäre der vorhin erwähnte Sport naheliegend. Die Bewegung steigert meine Lebensqualität so sehr, dass der Verzicht wirklich schmerzlich wäre. Sieben Wochen ohne Sport – Sie würden mir nicht begegnen wollen. Was haben wir alle ein Glück, dass ich das nicht muss.

die Kaltmamsell