Poetry Spam auf der re:publica 2012

Donnerstag, 3. Mai 2012 um 8:41

Stelle fest, dass eigene Aktivität auf der re:publica ein ziemliches Stück von der Zeit fürs Zuhören bei anderen abbeißt. Denn nach dem Spaß mit den Foodbloggern werde ich heute Abend mit vier superlativen weiblichen Internetpeoples (laut gestrigem Vortrag von Sascha Lobo, sicher bald nachzuholen auf Spiegel online oder der ZDF-Videothek oder auf der re:publica-Site, laut Sascha Lobo also ist “Internetpeople” der Begriff, von dem “wir” – Lobo bot uns gestern das “uns” an – nicht sofort flamend wegrennen; im Gegensatz zur Bezeichung “Netzgemeinde”) weiteren Spaß haben:

POETRY SPAM

Zwischenstand: Überforderung wegen Großartigkeit. Ich bin seit gestern, 9.30 Uhr in einem konstanten Zustand des KRAHAISCH! und habe ordentlich Kopfweh davon (vielleicht auch von Hitze und Schwüle, über Nacht hat es hoffentlich hilfreich abgekühlt). Der neue Veranstaltungsort ist sehr gut geeignet für genau diese Veranstaltung, das Quartett um Johnny Häusler und deren Team haben Unglaubliches geleistet. Kai Biermann von Zeit online trifft es mit seiner Beschreibung sehr gut. Und für Sie sicher nützlicher als das Knäuel an glitzernden Fragmenten, das ich Ihnen im Moment liefern könnte.

Sofortiger Nachtrag: Anke Gröner, mit der ich eigentlich verabredet war, habe ich gestern Abend um einen rain check gebeten, weil mir der Kopf schmerzhaft zu platzen drohte (und der heutige Abend noch ein bisschen Vorbereitung brauchte). Sie profitieren jetzt davon und können Ihre Zusammenfassung des ersten Konferenztages lesen.

Sie lasen: Das erste Posting, das von vorne bis hinten orginal aus einem Berliner Café gebloggt wurde.

die Kaltmamsell

Foodblogs auf der re:publica 2012

Montag, 30. April 2012 um 14:44

Meine Panik flüstert mir zwar seit Tagen hoffnungsvoll zu, dass ja vielleicht niemand kommt – aber das wäre tatsächlich schade, wo doch vier so spannende Menschen zugesagt haben.

Wir sind also am Donnerstag dran, um 15 Uhr auf Stage 3, mit Foodblogs – Verfall oder Rettung der Esskultur.
(Wobei mir einfällt: Wenn ich schon mit diesem platt provokanten Titel locke, sollte ich mir schleunigst Fragen auch zu diesem Aspekt des Themas ausdenken.)

die Kaltmamsell

Hochsommer im April

Samstag, 28. April 2012 um 19:27

Das ist dann doch ein wenig gruslig: Heute, 28. April, hatte es in München spürbar über 30 Grad und sah es nachmittags so an der Isar aus.

Vormittags war ich zum Laufen an den Friedensengel geradelt, hatte in Erwartung höhrerer Temperaturen Wasser bei mir. Ich hatte allerdings nicht einkalkuliert, dass ich praktisch durchgehend in praller Sonne laufen würde, da die Bäume zum Schattenspenden noch nicht belaubt genug sind. Nach einer Stunde Trab im Schneckentempo gab ich erschöpft auf und ging nur noch. Selbst beim gemächlichen Heimradeln schlug mir das Herz an Ampeln bis in die Kehle, und daheim zeigte mir der Blick in den Spiegel ein rotes Gesicht mit weißen Lippen: klassische Zeichen für Überanstrengung. Ich erschrak und ließ mich den Rest des Tages fahren (Tram zu Auer Dult), bewegte mich auch sonst möglichst wenig.

Berlin kündigt für meinen morgigen Anreisetag auch schon 28 Grad an. Dann werde ich wohl mal die Sommerkleidung einpacken.

die Kaltmamsell

Sommerferien im April

Samstag, 28. April 2012 um 8:46

Urlaub hin oder her (zwei Wochen ab gestern): Freie Freitage sind immer ein besonderes Bonbon. Und dann war ja noch am Donnerstag der Sommer ausgebrochen (wenn ich in meinem Blog zurückblättere, scheint das zur Regel zu werden, dieser Sommer im April – bislang leider jedesmal auf Kosten eines programmgemäßen Sommers von Juni bis August). Schon als ich Donnerstagabend heim radelte, verstaute ich Strickjacke und Trenchcoat im Fahrradkorb, und ich begegnete jungen Mädchen in Träger-Shirts und Sandalen, die keineswegs zu frieren schienen.

Gestern Morgen dann nahm ich meinen Morgenkaffee bei offener Balkontür (auf dem Balkon selbst war es mir doch noch zu kühl) und radelte mit offener Jacke zu meiner Lieblingsstunde Stepaerobics nach Haidhausen.


(Jetzt ärgere ich mich, dass ich gestern zu bequem war, zusätzlich zum Telefon auch meinen Fotoapparat einzustecken: Dieses Motiv hätte ich selbst mit meiner Ritschratsch besser eingefangen als mit der Handykamera.)

Nach meinem anschließenden Arzttermin wusste ich gleich gar nicht wohin mit dem sensationellen Wetter: Biergarten? Café? Spazieren? Balkon? Da ich noch nichts gegessen hatte und sehr hungrig war, holte ich mir in der Münchner Türkei an der Goethestraße eine Schale italienischer Erdbeeren (noch bekam ich nur die harte, aber einigermaßen aromatische Sorte) und nach langem mal wieder ein Urfa Pide (viel dünner als das normale Pide, mit Löchern drin und besonderes elastisch). Damit setzte ich mich auf den Balkon und sah den Kastanienblüten beim Aufgehen zu.

Abends spazierte ich mit dem Mitbewohner zum Nachtmahl zu Walter & Benjamin – ich hatte Lust auf Weinentdeckungen (dort gibt es immer eine große Zahl Weine glasweise, schön ausgestellt mit umfangreichen Informationen). Die Entdeckung des gestrigen Abends: Vinha Pan von Luis Pato aus Portugal, der anders war als alles, was ich derzeit daheim habe – dunkle Rose, Duft nach frischem Selbstdreh-Tabak, Beeren. Beim Spazieren entlang den Weinregalen (gibt es ein önologisches Pendant zu to stand ahenny?) entdeckte ich dann einen Weißwein, den mir vor Jahren eine gewisse inspirierende Sommelier aus Italien mitgebracht hatte, den ich sehr gemocht hatte – ohne Hoffnung, ihn in München zu bekommen: Trebbiano Spoletino Antonelli. Von beiden nahm ich gleich mal ein paar Flaschen heim.
An der Kasse wies uns der freundlich Herr Weinverkäufer darauf hin, dass Luis Pato gerade zur heutigen Weinmesse zu Gast sei und deutete auf einen grauhaarigen Herrn am langen Tisch beim Fenster.

die Kaltmamsell

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege

Freitag, 27. April 2012 um 8:18

Dieser Ziegel wohnte schon lange unter den ungelesenen Büchern des Mitbewohners: Ich hatte ihm das Stück Torberg-Zeit 1996 geschenkt – ein seltener Fall, dass ich ein Buch verschenkte, das ich selbst nicht gelesen hatte. Nun habe doch ich es noch vor ihm gelesen. Und empfehle es nicht nur ihm.

Über 900 Seiten lang lebte ich im Wien von 1911 und von 1925. Es gibt zwar kurze Griffe zurück in weitere Vergangenheit und nach vorne in jüngere Zeiten, doch nur in Nebensätzen und um Hintergründe zu klären. Wir begleiten mehrere Familien, vor allem die Generation, die im 1911er-Teil um die 20 ist, entsprechend älter im längeren Teil, der im August und September 1925 spielt. Es wird viel Tee und Mokka getrunken, in Cafés gesessen (in denen man noch den Kellner um den Zugfahrplan bitten kann), ausgegangen, spaziert, geredet und beraten. Alle Figuren sind dabei, ihren Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden.

Der Erzähler bleibt immer sehr nah an seinen Figuren, ist gleichzeitig immer deutlich präsent. An einigen Stellen macht er sich auch explizit bemerkbar und kommentiert das Geschehen, dankt in der einzigen Fußnote Anton Kuh für eine passende Formulierung, die er übernommen hat, gesteht am Ende, dass nicht mal er selbst den Vornamen seiner Hauptfigur kennt. Dieser picareske Tonfall schlägt ohnehin immer wieder durch.

In fast blogartigem Detailreichtum leben wir die Tage mit den Protagonisten (vor allem mit einem Major Melzer), sei es in Wiener Stadtwohnungen und Cafés, sei es in der ländlichen Umgebung der Sommerfrische, mit Tennisspiel, „Garden-party“ und morgendlichen Bergwanderungen.
Umgebungen, Menschen und Ereignisse sind sehr genau beschrieben, allerdings nicht platt berichtend: Vor allem die Menschen werden durch ihre Außenwirkung charakterisiert, selbst wenn mal das eine oder andere nach oben geschwungene Näschen, ein schräg gestelltes Auge, und immer wieder das besondere Faszinosum roten Haars auftauchen. Doch es sind eher Betrachtungen denn Beschreibungen – auch diese immer wieder mit Schabernack und ein wenig Bosheit: „die Frau in einem roten Sommerkleid, die Haare gelb wie ein Trompetenstoß“.

Von den so betrachteten Personen erfahren wir viel Innensicht und Reflexion, meist aus personaler Perspektive, hin und wieder schaltet sich aber auch der oben beschriebene Erzähler ein. Er stellt sicher, dass wir die Welt des Romans in ihrer ganzen Besonderheit kennenlernen:

Denn (…) abgesehen von diesem leidigen Phänomen, war ihm etwas zugestoßen, was einem in Wien unter gar keinen wie immer gearteten Umständen passieren darf, wegen der unübersehbaren und unabsehbaren damit verknüpften Folgen, etwas, das ganz bedingungslos vermieden werden muß, und worüber der Rittmeister als ein Fremder, welcher er im Grunde doch geblieben war, sich offenbar nicht in genügender Klarheit befunden hatte, welche allerdings eine ganz außerordentliche hätte sein müssen, um die fehlenden eingewurzelten Instinkte zu ersetzen: denn allein diese bremsen gebieterisch und sozusagen um jeden Preis vor bestimmten Gefahrenzonen. Auch um den Preis des Rechthabens oder Rechtbehaltens.
Eulenfeld hatte sich mit der Hausmeisterin zerstritten.

Alle Schreibungen sic! Leider enthält meine Ausgabe keine Anmerkung zum Text; Doderers Interpunktion und Orthografie weichen oft von den heute gebräuchlichen ab (auch von denen vor den diversen Rechtschreibreformen der vergangenen 15 Jahre). Es ist durchaus möglich, dass er ganz eigenen Regeln folgte, zumal er im Lauf des Romans viele ungebräuchliche, wenn nicht sogar selbst erfundene Wörter verwendet. So macht man „Carrière“, ein immer weider auftauchender Menschentypus ist der „troglodytische“, ein Amtsrat Zihal steht Pate für einen nach des Erzählers Meinung damals in Österreich dominierden „zihalistischen“ Typus – auch die Sprache entstammt einer Welt von gestern, obwohl der Roman erst 1951 erschien. Gerade durch ihr Abweichen von Konventionen wirkt sie sehr präzise.

Fast durchgehend ist Sommer im Roman: Die Menschen in Wien schützen sich vor der Augusthitze durch Verschattung der Wohnungen, eine Jause an der Donau kommt vor, man genießt warme Nächte, in der Sommerfrische blüht es, Berwanderungen müssen wegen der drohenden Hitze früh begonnen werden, die Kleidung ist leicht, Jacken oder Mäntel tauchen gar nicht auf.
Die letzten 40 Seiten konnte ich gestern auf dem Balkon mit Blick auf sonnenbeschienen sich entfaltende Kastanienblätter lesen – das war besonders schön. Auch wenn gerade im letzten Teil des Buches auch mal ein bisschen Herbst ist.

Das Buch ist dick, die Dichte und Üppigkeit der Sprache und das Fehlen von Spannungsbögen führen zu gemächlichem Lesen – so konnte ich über zwei Wochen in der Welt der Strudelhofstiege wohnen. Aus der ich ungern wieder auftauchte.

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Seit ich vor vielen Jahren davon las, blieb mir dieses Detail am tiefsten aus Herrn Doderers Vita hängen: Sein Vorname ist ein verballhorntes Jaime – die Mutter fand auf einer Spanienreise den Diminutiv Jaimito so schön, dass sie ihn für ihren Sohn als Heimito eindeutschte. Kindesmisshandlung per Namensgebung ist also keineswegs ein nur gegenwärtiger Tatbestand.

die Kaltmamsell

Arbeitsaufteilung und Mütter

Mittwoch, 25. April 2012 um 9:20

Das beschäftigt mich jetzt doch. Frau croco schreibt über ihre Mutter, die zwar selbst sehr gerne die häuslichen Tätigkeiten in der Ehegemeinschaft verrichtete, ihre Töchter aber zu einem ganz anderen Leben animierte:

Höre nie auf zu arbeiten, sagte sie. Verdiene immer so viel, dass du nie nach Geld fragen musst. Und so viel, dass du alle Arbeiten, die du nicht magst, von anderen ausführen lassen kannst.

Croco fasst das sehr berührend zusammen:

Mütter sind manchmal wie ein Strassenschild, auf dem Paris steht. Noch soundso viele Kilometer bis zur großen Stadt. Sie waren selbst nie dort, aber sie weisen den Weg dahin.

Sie verlinkt den Text von Joelynne, die das ähnlich erlebt hat:

My mother, in fact, often resented being what she felt was the last housewife in an age where women should be more liberated. She urged me to put down the pot and make enough money to hire a cook. And a housekeeper. And a nanny for the child me and my female partner would adopt because God forbid I marry a man because it’s the equivalent of being bought into slavery.

Drittens erinnere ich mich an eine Freundin, die mir erzählte, wie ihre Mutter ihr sogar explizit verboten habe, Kochen und Hausarbeit zu lernen, sie sei für höhere Dinge bestimmt.

Für mich ist das sehr exotisch. Denn nein, selbst kenne ich das gar nicht. Zwar war meine Mutter ebenfalls die klassische Hausfrau, solange ich daheim wohnte. Und sie fand das gerecht, schließlich arbeitete mein Vater extrem viel mit fast zwei Jobs und kam für den Lebensunterhalt der ganzen Familie auf.
Ihr Feminismus aber bestand darin, dass sie meinen Bruder und mich gleich intensiv zum Helfen heranzog (meinen Bruder etwas weniger, weil der sechs Jahre jünger ist): Hausarbeit war keineswegs automatisch Frauensache. So lernten wir beide (Kochen nicht, dazu war sie zu ungeduldig) Bügeln, Kloputzen, Staubwischen, Staubsaugen, Abspülen, Edelstahlwienern, Knopfannähen – beide widerspenstig und knurrend, denn weder meinem Bruder noch mir bereitete das Vergnügen.
Auf die Idee, wir könnten für diese Arbeiten später jemand anderen bezahlen, kam sie nie: Mit Selbermachen konnte man doch Geld sparen. (Folgerung: Geld und Besitz sind wichtiger als Bequemlichkeit?)

Das Ergebnis: Der Mitbewohner und ich lassen putzen, doch ich bügle selbst, beim Kochen und Abspülen gibt es einen deutlichen Mitbewohnerüberhang, und beide kümmern wir uns um die restlichen Haushaltsdinge. (Wobei der Mitbewohner aus einer Familie kommt, in der Mutter in Vollzeit für den gesamten Haushalt zuständig war und ihren Söhnen nichts davon beibrachte.)
Bei meinem Bruder (Hauptverdiener, Partnerin in Teilzeit) weiß ich das nicht ganz genau, aber ich sehe ihn sehr selbstverständlich Häusliches in seiner fünfköpfigen Familie übernehmen.

Meiner Meinung nach gehören Basisfertigkeiten im Haushalt zur Grundausstattung jedes Menschen, und ich sehe bei den Eltern die Aufgabe, sie ihren Kindern beizubringen wie etwa Tischmanieren. Dann wiederum bekomme ich mit, dass Eltern ihren Kindern heutzutage sogar Tischmanieren oder Schwimmen in eigenem Unterricht von Fachleuten vermitteln lassen. Sind vielleicht längst Abspülen und Staubsaugen Teil des Grundschulunterrichts?

die Kaltmamsell

Frische Twitterliebe

Dienstag, 24. April 2012 um 11:06

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die Kaltmamsell