Beifang aus dem Internet

Mittwoch, 19. März 2014 um 7:17

Übrigens finde ich die meisten dieser Artikel über Hinweise in meiner Twitter-Timeline (die wenigeren in meinem RSS-Feedreader). Doch ich lese meine Timeline meist in großen Blöcken, also den Output mehrerer Stunden am Stück, die angeklickten Links aber sehe ich erst am Ende durch – dann weiß ich schon nicht mehr, von wem der Hinweis war. Ich bitte um Entschuldigung.

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Es ist nicht einfach mit der Gleichberechtigung der Geschlechter im Haushalt:
Das Putzgen.

Ich bin gerührt über diese Geschichte. Wenn das abstrakt Politische konkret die eigene Familie wird, wachsen die Grautöne.
Obwohl (oder weil) ich aus einem Haushalt komme, in dem der Vater die mehreren Putzgene abbekommen hat (nicht die Wäschegene, das sind wohl andere).

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Warum verlinke ich meine eigentlichen und längstjährigen Bloglieblinge eigentlich so selten?
Ach, ich weiß: Weil sie meist durch die Gesamtheit ihrer Posts meine Lieblinge geworden sind. Einen Mosaikstein herauszugreifen und darauf hinzuweisen würde ja völlig verzerren, warum sie meine Lieblinge sind.

Aber diesmal traue ich mich. Wer sowieso schon weiß, dass Anke Gröner eine ausgesprochen schlaue angehende Kunst- und auch sonst Historikerin ist. Wer bereits von ihren Schreibfertigkeiten, ihrer Essmeisterschaft, ihrer Herzensgüte und ihrem Film- sowie TV-Serienwissen bestochen ist. Der und die könnten sie beim Lesen dieses Posts noch besser kennenlernen, in dem sie Kuchen bäckt: “Food for Thought”.

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Sebastian Dickhaut hat für Kabeleins in zehn Minuten Pizza gemacht. Fast ernsthaft. (Warum er mir das mit dem Tomatenreiben bisher verheimlicht hat, will ich aber doch gerne wissen.)

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Mir ist schon lange keine aktuelle Bizarrerie des Hochzeitskults begegnet (ich hielt “Hochzeitsmessen” für das bislang Krankste). Aber jetzt! Surprise Weddings.
“Why surprise weddings are the worst new trend in getting married”

Nein, ich verrate nichts, sie sollen wie ich mit immer offenerem Mund lesen.

(Es ist mir ein Bedürfnis, bei dieser Gelegenheit mal wieder darauf hinzuweisen, dass man auch ohne Hochzeit heiraten kann, das gildet trotzdem. Heutzutage braucht man dazu nicht mal mehr Trauzeuginnen.)

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Da, schaun’S mal: Das ist das Kartoffelkombinat, in dem ich seit vergangenem Jahr Genossin bin.

die Kaltmamsell

The Grand Budapest Hotel

Dienstag, 18. März 2014 um 6:22

Filmplakat

Wes Anderson und seine Filme habe ich unbegreiflicherweise erst 2012 durch Moonrise Kingdom kennengelernt. Dabei macht er eine rare Art Filme, die ich ganz besonders schätze: Nicht realistisch erzählt, menschlich tief, ganz weit weg vom intellektuellem Arty Farty, witzig, ohne sich über Menschen lustig zu machen.

Erinnert sich hier jemand an die Filme von Peter Chelsom, bevor er US-Mainstream machte? Also an Hear My Song und Funny Bones? Ich vermisse diesen Peter Chelsom sehr. Der zuletzt Sachen wie Hannah Montana drehte. Nun, irgendwie muss die Miete reinkommen – wer wüsste das besser als ich? Jedenfalls: Wes Anderson mildert diesen Schmerz.

The Grand Budapest Hotel ist eine liebevolle Farce, verortet geografisch irgendwo im näheren Osteuropa, zeitlich im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die Guten erkennt man an anständigen Manieren und Stilbewusstsein, die Bösen an schwarzer Kleidung und düsterer Miene: So gehört sich das. Wir bekommen absurde Verfolgungsjagden, eine große Liebe, Überraschung und Verrat – meist mit den Bildmitteln aus Zeiten des Stummfilms. Doch die menschliche Seite der Handlung ist durchaus neuzeitlich und fein abgestuft: Als der Concierge die Familiengeschichte seines Lobby Boy erfährt, entschuldigt er sich ehrlich beschämt für seinen vorhergehenden Ausbruch (den emotionalen, nicht den aus dem Gefängnis).

Selbst der Abspann ist schön altmodisch: Nach der Aufzählung der Hauptdarsteller (ein großer Name nach dem nächsten – Hollywoodgrößen scheinen gerne mit Herrn Anderson zu arbeiten) heißt es “Introducing: Tony Revolori as Zero”. Ralph Fiennes spielt ganz großartig des Empfangsleiter des namengebenden Hotels, er sollte mehr Komisches machen.

Die Sets formieren sich vor der Kamera immer wieder wie Gemälde oder zumindest Fotokunst: Von dem Speisesaal in sozialistischen Zeiten hätte ich sehr gerne einen Abzug. Um das Rezept für die Törtchen von Mendel’s brauche ich nicht zu bitten, das gibt es auf der Website des Films in Filmform.

Empfehlung: Sehen Sie sich im Kino den Abspann bis zu Ende an, sie werden herausfinden warum. Hat mit dem schönen Balalaika-Soundtrack zu tun.

die Kaltmamsell

Wochenende – Familienfeiern im Wandel der Zeit

Montag, 17. März 2014 um 12:42

Die Wettervorhersage bewahrheitete sich: In der Nacht zum Samstag trübte sich der Himmel ein, meinen Isarlauf trabte ich ohne Sonne in ordentlichem Wind. Dafür war der Boden so ausgetrocknet, dass mich Windböen immer wieder in Staubwolken packten. Das werden auch die paar Regentropfen am Nachmittag nicht ausgeglichen haben. (Neuigkeiten von der Gebrechensfront: In den vergangenen Wochen sind es nicht mehr die Waden, die nach 40 Minuten in Schmerzen ausbrechen und mir den Lauf vermiesen, sondern die Fußballen. Ja, ich brauche mal wieder neue Einlagen, aber das allein kann nicht die Ursache sein.)

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Bevor ich die U-Bahn zurück nach Hause nahm, besorgte ich beim Bäcker im Thalkirchner Untergrund Backwerk fürs Frühstück: “Und zwei von den Hörnderln. Sind des Croissants?” “Des san Sesam.” “Äh, aha, dann bitte zwei davon.”

Nach dem Umbau der U-Bahnhöfe Stachus, Hauptbahnhof und Marienplatz (nur der am Stachus ist wirklich abgeschlossen) wird dieses Jahr mein Heimatbahnhof Sendlinger Tor in Angriff genommen – diesmal auch offiziell, nachdem Gerüste und Teilabrisse in den vergangenen Jahren immer wieder wie der Beginn von genau so etwas gewirkt hatten. Einige Plakatwände werden wohl bereits nicht mehr vermietet, es kommt Archäologisches zutage.

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Eintrübung des Wetters hin oder her: Der massive Frühlingseinbruch der vergangenen Wochen hat dazu geführt, dass die ersten Knospen der Kastanien vor unserem Balkon bereits aufplatzen – das ist wirklich ungewöhnlich früh im Jahr.

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Am Sonntag die Schwarzwälder Kirschtorte für Vaters Geburtstag zusammengebaut, Wählen gegangen. Zum ersten Mal von Infratest um Teilnahme gebeten worden: Die Hochrechnungen enthielten MEINE Stimme!

Zum Papageburtstag in die Geburtsstadt gefahren, angenehme Stunden mit gutem Essen, Weinen, Menschen verbracht.

Komisch, dass sich auch in Familien Dinge ändern. Zum Beispiel kann ich wohl nicht mehr fest damit rechnen, dass mein Vater, der Elektriker, mir bei allen elektrischen Problemen bereitwillig zur Seite eilt. Über dem Hauptgericht (Roschtbief mit Pepperonata) erzählte ich meinem Bruder von meiner widerspenstigen Küche und dem Kurzschluss am Spülmaschinenstecker, der den Mitbewohner und mich seit zwei Wochen zur Handwäsche zwingt. Es müsse halt der Stecker ausgetauscht werden, damit wir die Zeit bis zur neuen Küche (nein, da ist noch nichts vorwärts gegangen) noch mit der alten Spülmaschine überbrücken könnten.
“WIE GUT”, schloss ich theatralisch, alle anderen Gespräche am Tisch übertönend, “DASS WIR EINEN ELEKTRIKER IN DER FAMILIE HABEN, DER DAS ERLEDIGEN KÖNNTE.”
Mein Vater reagierte nicht. Ich wiederholte, “DASS WIR JA ZUM GLÜCK EINEN ELEKTRIKER IN DER FAMILIE HABEN, DER DEN STECKER AN DER SPÜLMASCHINE AUSWECHSELN KÖNNTE”. Dabei winkte ich verdeutlichend meinem Vater zu.

Papa: “Geb i dir a Stecker und a paar Hülsen für die Kabel, dann kannst du selber austauschen.”
Damit hat er natürlich recht, das ist ja wirklich kein Teufelswerk. Aber das war früher nicht so.

Früher sicher so war die Schwarzwälder Kirschtorte, die sich mein Vater gewünscht hatte.

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In diesem Fall ist das genau der Haken: Ich mag sie so nicht mehr, sie ist mir zu Biskuit-lastig und trocken. Hat mir jemand einen Tipp für ein Rezept mit eher Wiener Böden und Cremefüllung?

die Kaltmamsell

Sonntagslektüre

Sonntag, 16. März 2014 um 7:35

Ziatedesca hat den Franz gefragt, ob er sie adoptieren will. Warum, schreibt sie hier: ‘Ohana.

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Ann schreibt auf kleinerdrei: “Einer fehlt – Eine Geschichte über Gentrifizierung“.

Als die Geschichte auf Twitter verlinkt wurde, merkten viele an, dass sie Ähnliches erlebt haben.
Auch das Mietshaus, in dem ich wohne, ist in Bewegung. Allerdings in einer deutlich organischeren. In den 15 Jahren, die wir nun hier leben, war das Haus immer von Bildungsbürgertum bewohnt, schließlich wurde es in den 50ern für die leitenden Ärzte der umliegenden Kliniken gebaut. Von den Ärzten selbst haben wir keine mehr erlebt, lediglich ihre Witwen. Und die sterben nun nach und nach weg (oder ziehen ins Pflegeheim um).
Vor allem die alte, kleine Dame aus dem Hinterhaus vermisse ich, deren Fuchteln mit dem Stock ich mir fürs eigene Alter eingeprägt habe (man kann nämlich, habe ich an ihrem Beispiel gelernt, auch nur mit dem Knauf des Stocks fuchteln). Die ich zuletzt mehrfach im Nachthemd vor dem Haus stehend einsammeln musste.

Die Alten werden ersetzt durch junge Leute, einige davon Familien (mit zwei Nachnamen auf dem Klingelschild). Die Veränderung: Das stille Haus, in dem jedes gesellige Gelächter auf dem Balkon empörtes Räuspern von den anderen zur Folge hatte, in dem mir die Hausmeisterin selig erklärte: Ein Fest? Also hier sei es eigentlich üblich, außerhalb zu feiern – dieses Haus wird nun durch Kinderlachen/-schreien/-weinen beschallt, und gefeiert wird hörbar regelmäßig.

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Wenn Sie die Cartoons xkcd verfolgen, wird Sie das interessieren: “Tech’s Favorite Cartoonist Enters Mainstream Publishing“.

Der Cartoon am Anfang des Artikels ist in diesem Haus längst zum geflügelten Wort geworden (beim Smartphonelesen: “Ich muss an meinen Rechner. Someone is wrong on the internet.” / besorgte Frage, wenn der Partner besonders heftig auf die Tastatur hämmert: “Is someone wrong on the internet?”).

die Kaltmamsell

Viel Leben in einem Tag

Samstag, 15. März 2014 um 10:17

Es hat dann doch noch geklappt, dass ich den angepeilten Freitag freinehmen konnte (habe zwar noch Urlaubstage aufzubrauchen, Bürogeschehen lässt sich derzeit allerdings schlecht prognostizieren) – und was für einen herrlichen Frühlingstag ich da geschenkt bekam! Bei meinen nachmittäglichen Einkäufe war mir ohne Jacke nicht zu kalt.

Vormittags nutzte ich die Gelegenheit wie an jedem freien Freitag in München, meine Lieblingsstepstunde zu besuchen. In der uns mein Lieblingsvorturner vorsichtig darauf vorbereitete, dass er diese Stunde zum 1. April abgibt: Er sei ins entferntere Umland gezogen und habe festgestellt, dass es doch außerordentlich anstrengend sei, für diese Stunde reinzukommen. Wenn ich richtig gerechnet habe, besuche und schätze ich seine Stepstunden seit fünf Jahren – sie werden mir fehlen.

Gestern hatten wir sehr gemischte Truppe (in Alter und Körperformen) nochmal eine richtige Gaudi, und ich versuchte mir all die Choreographieelemente, die ich nur bei diesem Herrn antreffe und deren Bezeichnungen er ziemlich sicher selbst erfunden hat, besonders gründlich zu merken: “Einparken” und “Fußball” sind wohl eher nicht im Kanon der Stepaerobicfiguren anzutreffen.

Ich hängte eine Stunde Gemeinschaftsgymnastik an und kämpfte mit einem kleinen, nur halb aufgeblasenen Ball, auf den wir uns für Übungen setzen oder knien sollten: Sind mir die wandgroßen Spiegel im Turnsaal immer schon eher unangenehm, möchte ich meine unbeholfenen Wackeleien bei diesen Übungen am allerwenigsten sehen.

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Auf der Heimfahrt holte ich mir beim Bäcker Schmidt zum eine Mohn-Challah (sie nennen sie dort Mohnzopf, aber es gibt ihn nur freitags und samstags): Ob sie den Zopf gleich in Scheiben schneiden solle, fragte die Verkäuferin. UmGodswuin! Ich erklärte ihr, dass so ein Zopf doch nicht geschnitten, sondern gerupft werde. Ihr Blick ordnete mich eindeutig als g’spinnerte Kundin ein.

Beim Bäcker Schmidt nahm ich auch eine interessant aussehende “Fastenbreze” mit: Sie sei aus leicht gesüßtem Hefeteig gemacht, erklärte mir die Verkäuferin, habe der Chef aus dem Chiemgau mitgebracht.

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Fastenbrezen kannte ich bislang nur aus der Bäckerei Knapp & Wenig, und dort handelt es sich um eine ungelaugte Breze mit Staubsalz.

Mein nächster Stopp war der Herrmannsdorferladen am Viktualienmarkt, in dem ich die freundlich-appetitliche Atmosphäre so schätze, dass es mir nie etwas ausmacht warten zu müssen.

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Daheim kräftige Brotzeit (wie KANN man eine Challah nur schneiden wollen statt die Stränge mit ihren herrlichen langen Fasern zu rupfen?), Wäschewaschen (wozu in unserer bröselnden Küche gelegentliches Entleeren der vollgelaufenen Waschmaschinenunterwanne gehört) und -aufhängen.

Zeitunglesen am sonnig-warmen Balkon – vor dem Entwintern noch ziemlich schmutzig, aber für einen Sessel ist immer Platz.

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(Foto: Mitbewohner)

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Abendverabredung im Broeding, dortselbst köstliches Essen und interessante Weine.

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Da war zum Beispiel dieses köstliche Kürbissüppchen mit Lamm (ich glaubte Kreuzkümmel und Kurkuma rauszuschmecken), während ich noch an meinem Schilcher-Rosé als Aperitiv nippte:

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Sehr gefreut hatte ich mich auf die Teigtasche mit Leber- und Blutwurst, die mit Papaya und Kräutersalat serviert wurde: Ein Knaller, denn die Papaya war nicht nur reif und aromatisch, sondern auch in etwas Minzigem mariniert und passte hervorragend zum Blutwurstgeschmack.

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Dazu gab es ein Gläschen aus der Doppel-Magnum Ebner-Ebenauer Weißer Burgunder Vom Wald inlusive der wundervollen Geschichte, wie dieses junge Winzerpaar zu dieser neuen Lage kam.

Der nächste Gang war ein herzhafter Thunfisch, an dem ich am interessantesen die Kombination von gebratenen Pilzen mit Bergamotte fand (und den ich vergessen habe zu fotografieren). Begleitet wurde er von einem Groisser Gemischten Satz aus dem Waldviertel (den mochte ich besonders gern), wieder mit ausführlicher Geschichte.

Der gebratene Radicchio hatte einen interessant kräftigen Käse (Arunda) dabei:

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Dazu mein Rotweinfavorit des Abends, Gut Oggau (Achtung: Website BRÜLLT) Atanasius 2009, ein Blaufränkisch-Zweigelt aus dem Burgenland (das Etikett, so wurde uns erklärt, gehe auf die Charakterisierung des Weins als Persönlichkeit zurück: so sähe der Wein aus, wäre er ein Mensch). Auch sonst steckt wieder eine wundervolle Geschichte von leidenschaftlichen Wein-Nerds hinter dem Wein.

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Als Fleischgang gab es Kalb mit Namen, nämlich einen Sohn der Restaurant-eigenen Kuh Dorli, über die ich mich über den Broeding-Newsletter regelmäßig informieren lasse.

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Im Glas hatte ich dazu diesen sehr schönen Blaufränkisch (nicht ein solcher Brummer wie mein Favorit vom Heinrich, dafür mit einem Hauch Pferdefurz – jaja, Hande, ich weiß, ich soll lieber “animalische Note” sagen):

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Zum Käsegang eine Überraschung (für mich zumindest): Der Heinrich hat einen orange wine gemacht. Die Bedienung machte uns auf den Duft nach Apfelmost aufmerksam, gab zu, dass das nicht gerade ein Geschmack sei, den man sich abends als “noch ein Gläschen Wein” einschenken würde, doch dass er hervorragend zum Käse und der Pomeranzenmarmelade passte. Sie hatte recht: Einfach so war der Wein eher bitter, doch mit dem Käse fing er an Walzer zu tanzen.

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Das Dessert war eine schöne Kombination von Schokolade, Karamel und Frucht, an der mich am meisten die marinierten Birnen faszinierten (Nachfrage in der Küche ergab, dass nur Wein, Zucker, Vanille dran war).

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Der Wein dazu war ein Kracher 11 Trockenbeerenauslese, zu dem uns erklärt wurde, dass er es fast nicht zum Wein geschafft hätte: So lernte ich, dass in Österreich eine Bedingung für die Bezeichnung als Wein mindestens 5 Volumenprozent Alkohol ist.

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Gelesen:

Jahrelang verhöhnten wir Politikerinnen und Politiker, weil sie keine Ahnung von Computern und Internet hatten (in meinem Fall: weil sie NOCH weniger Ahnung hatten als ich). Weil wir offensichtlich davon ausgingen, dass sie eine höhere Fachkenntnis zum Besten der Gesellschaft einsetzen würden.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass der unterstellte Scherz “Ihr werdet euch noch wünschen, wir hätten keine Ahnung vom Internet” (Quelle verschollen) ins Schwarze traf: Sobald diese Menschen kapierten, welche Chance die Ahnungslosigkeit von Durchschnittsbürgerinnen bietet (Symptom z.B. ausbleibende Empörung über NSA-Aushorchung), ließen sie sich schleunigst fit machen. Und zwar keineswegs zum Besten der Gesellschaft.

Sascha Lobo führt das am Beispiel Alexander Dobrint vor. Der forderte auf der CeBIT ein “intelligentes Netz” – was sich dummerweise nur sehr kurz gut anhört: “Wir brauchen ein superdummes Netz!”

Wer ein intelligenteres Netz fordert, fordert en passant ein besser überwachbares Internet, das schlechter geeignet ist für die technische Selbstermächtigung durch die Nutzer. Das ungefähr Letzte, woran gerade Mangel herrscht.

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Gesehen:

Entnehme einem Beitrag in quer, dass die SPD im Münchner Stadtrat Spielplätze um Mädchenspielgerät ergänzt haben will. Laut Ulrike Boesser, gleichstellungspolitische Sprecherin, müsse “mehr auf die geschlechterspezifische Raumaneignung der Kinder eingegangen werden” (watt?). In dieselbe Tröte bläst (offensichtlich allen Ernstes) Gabriele Nuß von der Gleichstellungsstelle der Stadt München und spricht von “Gender-Gerechtigkeit”. Watt?! Seit wann sind Gleichstellungsstellen dafür zuständig, bereits Kinder nach Geschlechterstereotypen zu segregieren? Seit wann sind Bolzplätze für Buben reserviert? Brauchen kleine Fußballspielerinnen rosa Tore?

Andererseits: Mit Ferrero und seiner segregierten Kinderüberraschung sollte schnell ein Sponsor gefunden sein.

die Kaltmamsell

Pomade

Mittwoch, 12. März 2014 um 8:07

“Geht mit meinen Haaren ein 20er Bubikopf?” fragte ich gestern Abend meinen Friseur (stylist to the nerds) zurück auf seine übliche Frage: “Und? Was machen wir?” Vor meinem inneren Auge hatte ich die edlen Jünglinge, die ich im Publikum des King’s-Singers-Konzerts gesehen hatte. Also googleten wir beide auf unseren Smartphones nach Fotos davon, um sicherzugehen, dass wir dasselbe meinten. Bei mir erschienen eher Pagenköpfe, Herr Friseur suchte klugerweise nach Herrenbildern und wurde fündig. Er wuschelte durch den Haarberg auf meinem Kopf und schätzte ein: “Ja, geht. Aber wir werden ordentlich Pomade brauchen, damit das Deckhaar anliegt.” Mein Haar wächst so schnell und reichlich, dass ich mir Abenteuer leisten kann: Wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, ist bald genug Material für eine Alternative da.

Pomade, so erklärte Herr Friseur, als er abschließend in den Tiegel griff, habe Vor- und Nachteile. Der Nachteil: Es sei halt Fett und funktioniere bei meinem Bubikopf nur, wenn das Haar richtig durchgefettet sei. Der Vorteil: Sie überstehe auch Haarwäsche. Selbst nach einem Bad im Meer müsste die Frisur nach schlichtem Kämmen wieder sitzen.

Er gab mir den Pomadentopf mit dem Rest mit heim, damit ich testen kann, ob ich überhaupt den Nerv zu regelmäßiger Frisurerstellung, aka Styling habe. (Zu Beginn unserer Zusammenarbeit gab es ja den denkwürdigen Abschiedsdialog: “Und wenn du das mal stylen …” “Wenn ich was?” “Wenn du das mal stylen …” “Wenn ich was?!” “Ah, ok.”)

Danger and excitement, Kaltmamsell way.

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die Kaltmamsell

Beifang aus dem Internet

Dienstag, 11. März 2014 um 6:11

Es gibt ja selten Gelegenheit, einer Regierungspartei am eigenen Leib vorzuführen, wo die Gesetzeslage im Argen liegt. Wie wunderbar, dass Sebastian Heiser der SPD eine Lektion in Urheberrecht erteilen konnte: “Liebe Raubkopierer bei der SPD,”.

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Erstaunlicherweise sind Menschen dann besonders ehrlich, wenn sie sich in der vermeintlichen Anonymität des Internets bewegen. Soziale Schranken der öffentlichen Meinungsäußerung werden überwunden – endlich kann gesagt werden, was man sich sonst nicht zu sagen traut.
Dieser Film behandelt das Phänomen exemplarisch am Beispiel von Online-Kommentaren zum Thema Down-Syndrom und wirft dabei einen Blick auf die Realität hinter den Kommentaren.

Da sind wir wieder bei “ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt”. Ja, darf man. Aber muss darauf gefasst sein, sich dadurch zu entlarven.

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Der Kampf einer Posaunistin bei den Münchner Philharmoniker, oder: Wie mein Bild von Celibidache zerstört wurde: “Abbie Conant: Behind the Screen“. (Text von 2010, aber er jetzt als Hinweis in meiner Twitter-Timeline aufgetaucht.)

In 1980, Abbie Conant auditioned for the Munich Philharmonic behind a screen. The orchestra voted for her appointment to the principal solo position, though the conductor, Celibidache, was opposed. Celibidache ordered that she play a “probationary year”, in which any complaints to her playing could be recorded. No complaints were recorded, but he did not award her any solos.

In 1982, Abbie was demoted to second trombone, which required a greater work load for less pay. Celibidache provided no written criticism but simply stated, “You know the problem: we need a man for solo trombone.”

Von da an ging’s erst richtig bergab.

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Ich muss mich immer wieder dazu disziplinieren, besonders bescheuerte homophobe Argumente nicht einfach dezent zu ignorieren (es fühlt sich für mich immer ein bisschen unhöflich an, Menschen durch Gegenargumente zu unterstellen, dass sie diesen Blödsinn jetzt wirklich ernst gemeint haben – völlig fehlgeleitetes Fremdschämen). Sondern mit Argumenten und Fakten gegenzuhalten.

Als da wäre der Vorwurf, Homosexualität sei unnatürlich. Wie bei allen Argumenten mit Natur würde ich am liebsten einen Schritt zurück gehen und fragen, was eigentlich “Natur” ist und “natürlich”, denn das ist ein hochinteressantes und schrecklich unordentliches Gebiet, aber die Frage wäre – so sozial kompetent bin ich dann doch – in diesen Situationen unangebracht. Also verweise ich darauf, dass es zahllose Arten gibt, die gleichgeschlechtliche Paarungen kennen. Neuestens kann ich konkret und im Detail Flamingos anführen: “Schwule Flamingos. So lebt es sich nach der Natur“.

(Wehe, Sie sagen jetzt: “Jaaaa, Flamiiiiingos! Die sehen ja schon so aus!”)

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Die Deutschen sind sich zu großer Mehrheit einig, dass ihre Bahn Mist ist. Egal, was die Deutsche Bahn anstellt, irgendwas daran wird schon scheiße sein, also wird geschimpft. Das ist in vielerlei Hinsicht fatal: Nicht nur brächte eine sachlichere Perspektive zutage, dass die Deutsche Bahn vor allem im internationalen Vergleich ziemlich gut funktioniert und komfortabel ist. Eine sachlichere Perspektive ermöglichte auch konstruktivere strukturelle Kritik.

Hier zum Beispiel reifliche Überlegungen und Analysen, warum Hochgeschwindigkeitszüge die Feinde einer Bahnzukunft sind: “Hochgeschwindigkeitszüge zerstören das europäische Bahnnetz”.

Das ist ein ernstes Problem: Ich bin überzeugt, dass motorisierter Individualverkehr nicht die Mobilität der Zukunft ist. Machen wir uns gerade die Alternative kaputt?

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Ansonsten: Frühling vorm Büro.

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die Kaltmamsell