Journal Mittwoch, 13. Mai 2015 – Ferienunterkünfte

Donnerstag, 14. Mai 2015 um 7:56

Keine Sportpläne, eigentlich hätte ich geradezu ausschlafen können. Doch möglicherweise brauche ich derzeit wirklich nicht mehr als sieben Stunden Schlaf; ich wachte kurz nach sechs auf, konnte also sogar noch einen Kaffee für Herrn Kaltmamsell mitkochen, der kurz vor sieben aus dem Haus musste.

Wieder keine Zeitung, dafür ein Brieflein des SZ-Leserservice im Mail-Postfach mit Entschuldigung und Bedauern:
“Selbstverständlich haben wir den zuständigen Boten bereits kontaktiert. Leider haben wir noch keine Rückmeldung erhalten.”
Hat niemand Zahlen zu Abokündigungen bei deutschen Tageszeitungen, die auf Lieferproblemen basieren?

Nach der Arbeit radelte ich nach Schwabing – das Wetter war deutlich besser als angekündigt – und ließ mir die Haare energisch kürzen.
Heimradeln über Umwege: Der direkte Weg über Leopoldstraße, Odeonsplatz, Residenz, Rathausplatz ist zu belebt, als dass zügiges Radeln möglich wäre.

§

Eine wunderschöne kleine Geschichte aus Manhattan:
“3. Mai. Meine Tochter möchte die Figur Elsa aus Frozen haben, aber dafür wird sie bezahlen müssen.”

§

Ein achtköpfiges Männerteam vom Tagesspiegel hat die Miet- und Ferienwohnungssituation in Berlin von vielen Seiten beleuchtet, Ursachen, Hintergründe:
“Häuserkampf”.

Die Zahlen dazu kannte ich schon seit einiger Zeit, hatte mich deshalb für den diesjährigen Berlinaufenthalt für ein ordentliches Ferienapartment entschieden – auch wenn die airbnb-Unterkunft vergangenes Jahre tatsächlich eine Wohnung gewesen war (zugeklebte Kleiderschränke), deren Bewohnerin meine Kreuzberg-Woche in Florenz verbrachte.

Ich nutze Airbnb schlicht als zentrale Ferienwohnungsvermittlung, denn das ursprüngliche Modell der vorübergehenden Untervermietung der eigenen Wohnung war nach meiner Beobachtung schon kurz nach der Gründung untergraben. Auch in Brighton hatte es sich bei allen Airbnb-Angeboten um kommerzielle Ferienwohnungen gehandelt.

Als Alternative sehe ich Wohnungstausch; erst kürzlich berichtete mir eine Freundin in Berlin von vielen positiven Erlebnissen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. Mai 2015 – 12 von 12

Mittwoch, 13. Mai 2015 um 7:43

Gleich nach dem frühen Aufstehen auf den Balkon und die Morgenluft eines sonnigen Maientags geschnuppert, Kaninchen auf der Wiese gesehen.

Und nochmal keine Zeitung. Beim Verlassen des Hauses traf ich im Treppenhaus eine Nachbarin, die erzählte, sie habe ihr SZ-Samstagsabo deshalb gekündigt: Acht Mal sei keine Zeitung geliefert worden, selbst nach wiederholten Reklamationen auf allen Kanälen.
Habe ich das nur überlesen oder wird der Faktor Auslieferung in der Diskussion um die Zukunft der Papierzeitung vernachlässigt? Ich lese Tageszeitung immer noch am liebsten auf Papier. Mir ist klar, dass es sich um eine über Jahrzehnte eingeschliffene Kulturtechnik handelt und nichts Angeborenes, doch wenn die großen Seiten vor mir liegen, erfasse ich Themen, Überschriften, Bilder am schnellsten, springe hier in einen Vorspann, dort in einen Bildtext, setzte mich da gemütlich zurecht, um eine große Geschichte ganz zu lesen. Das vermisse ich bei allen elektronischen Formen. Aber wenn das so weitergeht, werde ich mich zum Umlernen zwingen – und es ist nicht gesetzt, dass es dann die Süddeutsche bleiben wird.

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Radeln zum Krafttraining, ich brauchte keine Jacke. Im Sportstudio war ein großer Bereich mit Folie abgesperrt: Nein, kein Streichelzoo für Diätopfer, lediglich Wasserschaden.

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Im Büropostfach fand ich die Eingangsbestätigung meiner Kündigung vom Vortag. Der Traumarbeitgeber hatte mir zwar vor Ende meiner Kündigungsfrist (sechs Wochen zum Quartalsende) noch keinen Arbeitsvertrag schicken können, da für meine Einstellung noch die Zustimmung des Betriebsrats nötig ist. Doch auf meine Bitte hatte ich eine schriftliche Bestätigung erhalten, dass man beabsichtigt, mich zum 1. Juli einzustellen. Daheim im Briefkasten fand ich diese Bestätigung nochmal im Papierform. Korkenknall und Feuerwerk gibt es erst, wenn ich den Arbeitsvertrag unterzeichnet habe, und ich versuche mich weiter zu Zweckpessimismus zu zwingen, doch eigentlich: Ich habe einen neuen Job. Und zwar nicht nur einen, mit dem ich mich arrangieren kann, den ich mir durchaus irgendwie vorstellen kann, sondern einen, den ich wirklich, wirklich will und auf den ich mich so richtig freue. Möglicherweise habe ich dann doch wieder mehr Glück, als ich verdiene.

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Die Aktion #12von12 beobachte ich seit einiger Zeit interessiert, dachte aber erst im Büro dran. Nächsten Monat beginnen die 12 dann hoffentlich nach dem Aufstehen.

150512_01_Hose

Beute des jüngsten Englandurlaubs: Hose und Schuhe.

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Das Wetter war so wunderbar, dass es des Biergartenorakels (deckt vormittags nur, wenn nachmittags Biergartenwetter) eigentlich nicht bedurfte.

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In der Mittagspause spazierte ich zum Bahnhof und aß frittiertes Fischiges. Auf dem Rückweg ins Büro Bahnaussichten.

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Ein paar schöne Dinge, mit denen sich auch ein schraddliger Büroarbeitsplatz etwas ästhetisiseren lässt.

150512_07_Feierahmd

Kurz nach sechs an der Hackerbrücke, Feierahmd.

150512_09_Pockenimpfung

Weil grad Zeit ist: Mein Beitrag zur fast völligen Ausrottung der Pocken. Gern geschehen. Nein, wirklich! (War das schon mal in einem deutschen Krimi Indiz? “Sehen Sie diese Narben? Das Mordopfer muss vor 1976 geboren sein, als Pockenimpfung noch Pflicht war.”)

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Mir war den ganzen Tag über sehr schwummrig und schwindelig gewesen. Also ließ ich Herrn Kaltmamsell mal wieder mit der Abendbrotzubereitung allein, öffnete lediglich den Wein dazu – einen Württemberger Kerner.

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Erstes Nachtmahl auf dem Balkon. Ich bestimmte hiermit Salade niçoise zum traditionellen Balkoneinweihungsessen. Grüner Salat und Kartoffeln kamen aus dem Ernteanteil unseres Kartoffelkombinats.

150512_14_Erdbeerlassi

Erste Male bei der Joghurtherstellung: Er war nicht fest geworden. Schmeckte aber ok, also erfand ich zum Nachtisch Erdbeerlassi.

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So endet eigentlich jede meiner heimischen Abendmahlzeiten: Mit einer Auswahl Schokoladen.

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Als Bettlektüre ein neues Buch: Horace MacCoy, The shoot horses, don’t they?, ein Klassiker aus der Zeit der amerikanischen Depression in den 1930ern.

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Giardino hat Pumpenhäuschen an der Regnitz besucht und fotografiert – sehr, sehr viele davon, eines bezaubernder als das nächste.

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Diesmal ist es die Zeit, die sich ausführlich mit der grotesken Diskriminierung Dicker und dem wisssenschaftlich nicht haltbaren Schlankheitswahn befasst:
“Lob der Fülle”.

Mir scheint, es gibt inzwischen keine Krankheit, von der nicht irgendjemand behauptet, sie werde durch zu viel Körperfett verursacht, außer vielleicht Ebola.

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Großartigerweise berichtet Katrin Scheib weiterhin für uns aus Moskau, diesmal:
“Das ultimative Ballett-in-Moskau-Besuchsprogramm”.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. Mai 2015 – erster Arbeitstag nach Urlaub

Dienstag, 12. Mai 2015 um 9:27

Morgens schon wieder keine Zeitung (war vergangene Woche bereits an mehreren Tagen so), ich begann mir Sorgen um den Zeitungsausträger zu machen (und reklamierte bei der SZ, die Zeitung ist so teuer, dass ich nicht gelieferte gutgeschrieben haben möchte).

Nach langer Pause wieder Crosstrainerstrampeln.

Wunderschöner Frühlingstag, ich arbeitete den ganzen Tag heftig – war schließlich erster Tag nach Urlaub -, aber bei offenem Fenster. Eine entscheidende E-Mail abgeschickt, Brief auf den Tisch des Chefs gelegt.

Abends zum Nachtisch Eisbecher bei der freundlichen Nachbarschaftseisdiele in der Landwehrstraße geholt – nicht das allerbeste Eis, einfach klassisch italienisch, aber von herzlichen und freundlichen Menschen, die das schon sehr lange machen; auch das möchten wir ja unterstützen.

Im Bett Wolfgang Herrndorfs In Plüschgewittern ausgelesen. Hm. Die Ich-Figur wird sehr erlebbar, aber ist halt ein unangenehmer Kotzbrocken. Ich bin gerne bereit, alle sprachlichen Manierismen und Meinungsarroganz des Romans diesem Charakter zuzuschreiben, zudem wird ein ganz bestimmtes Berlin lebendig – aber mit nichts davon will ich etwas zu tun haben.

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Auf der re:publica hatte ich in der TTIP-Session erzählt, wie ich während meines Volontariats beim Eichstätter Kurier in einer Drehtür Filme entwickelte. Jetzt habe ich das auch aufgeschrieben.

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Hande wird von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ihrer Weinverkostungen Vinoroma regelmäßig um Restauranttipps gebeten: Sehr gut soll es sein, nicht zu weit entfernt von der Unterkunft, und selbstverständlich touristenfrei. In Handes Antwort steckt die ganze, traurige Entwicklung der italienischen Küche:
“On being the only tourist in a restaurant in Rome”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 10. Mai 2015 – erschöpfte Geschäftigkeit

Montag, 11. Mai 2015 um 6:00

Nach doofer Nacht (nicht einschlafen können – sehr seltenes Ereignis -, aufgestanden und eine Stunde gelesen, nach nicht mal sechs Stunden Schlaf bereits bedröhnt aufgewacht) Gammeltag beschlossen. Kein Sport, keine Ausflüge, dafür ganz sicher Mittagsschlaf.

Na ja, ein paar Sachen erledigen sich dummerweise nicht von alleine. Wenn ich köstlichen Marmorkuchen essen will, muss ich einen backen. Wenn ich den Balkon endlich nutzen will, muss ich ihn endlich vom Winterdreck säubern (erst den Sims, dann den Boden mit Bürste Kachel für Kachel, abschließend nochmal mit den Bodenwischer).

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Wenn ich Sommerkleidung tragen will, muss ich sie halt aus dem Keller holen und gegen die Winterkleidung im Schrank tauschen.

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Wenn ich mich mit dem Mitbringsel aus Neukölln duschen möchte, muss ich es einschrauben.

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Dazwischen aber gemütliches Vollbad und 90 Minuten tiefer Mittagsschlaf (allerdings mit saublödem Traum von einer Affäre mit einem arroganten Schnösel in einem Hotelzimmer – ich bat eine Hotelangestellte, zukünftige Liebhaberinnen des Herrn zu warnen).

Abendessen unattraktiv aber schmackhaft: Lauch-Kohlrabi-Kartoffelgemüse aus Ernteanteil. Dabei die ersten Mauersegler des Jahres am Himmel gesehen.

Am schönen Wetter freute ich mich von innen, aber nach dem Abendessen dreht ich noch eine kleine Fußgängerzonenrunde mit Herrn Kaltmamsell.

die Kaltmamsell

Journal Freitag/Samstag, 8./9. Mai 2015 – angegrillt

Sonntag, 10. Mai 2015 um 10:33

Für Freitagmorgen hatte ich mir den Wecker gestellt, war aber trotz später Heimkehr in der Nacht zuvor deutlich vorher aufgewacht. Ich hatte nämlich mit Apple zu telefonieren, Erklärung im Techniktagebuch.

Mit Bloggen, Kofferauspacken, Wäschewaschen und Kaffeetrinken war es dann aber doch schon 11 Uhr, bis ich zum dringend benötigten Isarlauf kam: Zum einen werde ich nach einer Woche ohne Sport schon sehr wepsig, zum anderen musste ich irgendwie anfangen, all die Eindrücke und inneren Bewegungen der Berlinwoche zu verarbeiten (wegen letzterem ließ ich sogar den Fotoapparat daheim).

Es war dann auch ein wunderschöner Radweg nach und Lauf von Thalkirchen bis Pullach und zurück in Maiensonne und -wärme, zwischen blühenden Kastanien und Fliederbüschen. Auf einem liegenden Baumstamm sah ich eine ganz lange Blindschleiche beim Sonnenbaden, als ich mich zur genaueren Betrachtung vorsichtig näherte, verzog sie sich allerdings Richtung Isar.

Einkaufsrunde nach Duschen, sommerliche Temperaturen.

Die erratische Twitterbenachrichtigung bei Direct Messages hätte fast zu einem Ehekrach geführt. Herr Kaltmamsell war zu meiner Überraschung abends aushäusig verabredet, und ich hatte per Twitter-DM meine Beleidigung darob geäußert (wo ich doch von der Woche so viel zu erzählen hatte!). Dass Herr Kaltmamsell sofort umplante und mich darüber per DM informierte, signalisierte Twitter aber in keiner Form – ich hatte den Eindruck, mein Protest sei ihm egal. Und war noch beleidigter. Entsprechend trat ich ihm entgegen, als er von der Arbeit kam. Es brauchte einige Anstrengung des Herrn, mich da wieder rauszuholen.

Aber dann radelten wir auf ein kurzes Abendessen in die Eclipse Grill-Bar, erzählten einander unsere Wochen.

§

Samstag hatten meine Eltern uns zum Angrillen und Fliederriechen eingeladen. Dummerweise war das Wetter regnerisch, aber dann stand halt nur der Grill draußen unterm Vordach der Terrasse, wir aßen innen. Es gab Röstbrot, Gambas, Calamari, Tomaten, Lammsteaks, Auberginen, Schweinehals vom Grill.

Ich fragte meine Mutter nochmal nach meiner polnischen Großmutter aus, der ehemaligen Zwangsarbeiterin, erwähnte zum wiederholten Mal die Kassetten mit dem Interview von vor 20 Jahren. Da ließ sie fallen, dass sie noch nicht nachgesehen habe, ob sie sich vielleicht unter den Kassetten über der alten Stereoanlage befanden. Ich sah gleich mal selbst nach, und hatte sie nach zwei Griffen in der Hand. Während ich bei allen möglichen Kontakten aus verschiedenen früheren Berufsleben nachgefragt hatte, hatte die Aufnahme das Haus nie verlassen. Jetzt erst mal digitalisieren, dann transkribieren.

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Auf dem Heimweg mit der Bahn 45 Minuten Verzögerung, für die die streikende GDL überhaupt nichts konnte: “Personen im Gleisbereich”.

Die Nachrichten von der Berufsfront werden immer erfreulicher (Details, wenn alles 100-prozentig ist).

§

Hintergrund eines der berühmtesten Filmchens der Musikgeschichte:
“Exactly 50 years ago Bob Dylan was stood in a London alleyway”.

§

Traci Mann, eine Psychologiedozentin an der University of Minnesota, erforscht seit 20 Jahren Ernährungsgewohnheiten, Selbstbeherrschung und Diäten. Roberto A. Ferdman hat sie für die Washington Post interviewt.

“Why diets don’t actually work, according to a researcher who has studied them for decades”.

It all starts with something that suddenly struck me a while back, and that’s that nobody has willpower. Everyone is blaming dieters for regaining weight they lose, and that’s just wrong – it’s not their fault they regain weight, and it’s not about willpower, or any lack thereof.

(…)

What people tend to think is that if only Joe had self-control then he could succeed on his diet forever. And that’s not accurate, as it turns out. That’s not true.

After you diet, so many biological changes happen in your body that it becomes practically impossible to keep weight off. It’s not about someone’s self-control or strength of will.

(…)

But there’s an entire industry that profits from convincing people that just the opposite is true. How do you reconcile that?

Well, the first thing is that you can’t believe anything that they say. And that’s by definition, because their job isn’t to tell you the truth – it’s to make money. And they’re allowed to lie.

These companies make money off failure, not success. They need you to fail, so you’ll pay them again. One-time customers are not the sort of thing that keep these diet companies in business.

(…)

An idea that I want to float, if I might, is that willpower is actually a very different thing when you talk about eating. Willpower can be extremely useful in certain parts of people’s lives. But when it comes to eating, it’s just not the problem. It’s not the fix.

(…)

Let’s say you’re in a meeting, and someone brings in a box of doughnuts. If your’re dieting, now you need to resist a doughnut. That is going to take many, many acts of self-control. You don’t just resist it when it comes into the room – you resist it when you look up and notice it, and that might happen 19 times, or 90 times. But if you eat it on the 20th time, it doesn’t matter how good your willpower was. If you end up eating it, you don’t get credit for having resisted it all those times. In virtually any other arena, that would be an A+, but in eating that’s an F.

Der letzte Punkt ist eine sehr nützliche Beobachtung, ich übersetze ihn mal:

Wenn es um Essen geht, ist Willenskraft etwas ganz anderes. Ein starker Wille kann in bestimmten Lebensbereichen ausgesprochen nützlich sein. Aber beim Essen ist er nicht das Problem, auch nicht die Lösung.

(…)

Nehmen wir an, Sie sind in einer Besprechung und jemand bringt Doughnuts mit. Wenn Sie gerade eine Diät machen, müssen Sie jetzt dem Doughnut widerstehen. Dazu sind viele, viele Momente der Selbstbeherrschung nötig. Sie müssen nicht nur widerstehen, wenn die Doughnuts auf den Tisch gestellt werden – Sie müssen sich jedesmal beherrschen, wenn Sie den Teller sehen und den Doughnut bemerken; das mögen 19 Mal sein oder 90. Doch wenn Sie ihn beim 20. Mal essen, zählt all ihre vorherige Beherrschung nichts mehr. Wenn Sie ihn dann doch essen, lobt sie niemand dafür, wie stark ihr Wille vorher gewesen ist. In jedem anderen Bereich hätten Sie Bestnoten für Ihre Willenskraft bekommen, doch beim Essen sind Sie damit durchgefallen.

die Kaltmamsell

Berlinjournal Donnerstag, 7. Mai 2015 –
re:publica 3

Freitag, 8. Mai 2015 um 17:29

Da ich am selben Abend abreiste, musste ich meinen Koffer mit zur re:publica nehmen und konnte nicht radeln. Ich schaffte es dennoch pünktlich zur Techniktagebuch-Session: “Techniktagebuch in Person (TTIP) – mit Aufzeichnungsservice”. Wir wollten damit Menschen mit Technikgeschichten anlocken, die auf “Aufschreiben!”-Aufforderungen nicht reagieren, und ihre Erzählungen fürs Techniktagebuch aufzeichnen – hier übrigens der Zugang für Gastbeiträge.

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Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass um diese frühe Stunde und zu dieser versteckten Stage J allenfalls ein paar Versprengte und Irrläuferinnen kommen würden, doch es wurde ein munteres Erzählen unter anderem über verflossene Rundfunktechnik, Autotricks, Onlinebanking, Plattenspieler namens Schlafzimmer, Ladegeräte.

Dazwischen bekam ich einen Anruf vom Traumarbeitgeber, der nicht nur ein Kerzchen ans Ende des Tunnels stellte, sondern das Schild “Ausgang”. Näheres erzähle ich Ihnen, wenn die noch zu überwindenden Komplikationen ausgeräumt sind. Aber schon mal vorsichtiges Yay!

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Ich sah mir noch Journelle an mit “Fremd gehen immer nur die anderen – Liebe und Beziehung in Zeiten der Digitalität”, eine launige Freude.

150507_10_Juedische_Blogs

Über “Der Rabbi und die koscheren Gummibärchen – Die deutsch-jüdische Blogosphäre” erzählte Juna Grossman – na, viele gibt es da ja wirklich nicht.

150507_14_Nein_Quarterly

Der Vortrag von @NeinQuarterly hieß “Losing hope. Finding Europe. – Utopian Negation Reconsidered” und war ein bisschen kompliziert. Aber es tauchten einige seiner witzigsten Tweets auf sowie Variationen seines Adorno-Logos.

Auf Frau Frohmanns Vortrag “Die neue Grand Tour. Kavalier_innen_reise im Netz.” war ich sehr gespannt gewesen. Die Grundidee halte ich auch weiterhin für bedenkenswert, doch es wäre nützlich, sich auf eine Epoche und Reisegruppe zu konzentrieren und sie mit einer Gruppe Netzreisender zu vergleichen. Bei 150 Jahren sehr unterschiedlicher historischer Vorgänge und der inzwischen unüberblickbaren Heterogenität der Webnutzung verliert sich sonst die Vergleichbarkeit.

Eigentlich hatte ich mir als Schlusspunkt des letzten Konferenztages Felix’ Session “Kognitive Dissonanz” gesetzt. Doch ich hätte ohnehin meinen Koffer bereits mitnehmen und noch vor Ende der Stunde verschwinden müssen, außerdem war ich von den vielen Eindrücken der Woche bis ins Mark erschöpft. Ich hielt es für vernünftig, statt dessen etwas früher zum Flughafen zu fahren.

War es sicher auch, doch dortselbst erwartete mich bei der Gepäckabgabe die Information, dass der Flug mit einer Verspätung von mindestens 45 Minuten abfliegen würde. Zu meiner Erschöpfung gesellte sich so große Wut, dass ich mich nicht einmal auf mein Buch konzentrieren konnte. Die Aussicht auf eine Heimkehr nach Mitternacht – und das, wo ich extra nicht in Felix’ Vortrag gewesen war – brachte mich zu herzhaftem Fluchen. Da konnte Tegel einen noch so lieblichen Sonnenuntergang hinters Rollfeld legen. Ich klammerte mich an eine Karte, die mir Zeichner Claus Ast vom Skizzenblog geschenkt hatte.

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(Falls Sie es nicht erkennen: Das ist ein grimmiger Nacktmull, der eine Hasenohrenmütze trägt. Ich habe selten etwas Lustigeres gesehen.)
(Gibt’s hier zu kaufen.)

Tatsächlich kam ich kurz vor Mitternacht heim. Meine Wut war bis dahin verraucht, mein Buch ausgelesen, mein Vorsatz, NIE! WIEDER! ZU REISEN! als albern erkannt.

die Kaltmamsell

Berlinjournal Mittwoch, 6. Mai 2015 – re:publica 2

Donnerstag, 7. Mai 2015 um 8:08

Nach einer wundervollen Radelfahrt in Frühlingsluft begann mein Konferenztag mit Krieg:

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“The IS in us – was wir durch terroristische Kommunikationsstrategien über uns selbst erfahren” von den beiden Militärexperten Sascha Stoltenow und Thomas Wiegold. Harter Tobak auf nüchternen Magen, und das, obwohl die beiden ausdrücklich keine Gewaltdarstellungen wiedergaben. Doch das Nebeneinanderstellen von westlicher Werbung, ob Trailer der TV-Serie Emergency Room oder Employer-Branding-Kampagne eines Automobilherstellers, mit Selbstdarstellung und Employer Branding von ISIS (kleine Einführung in den Stand und Hintergrund derzeitiger Abkürzungen von Thomas) belegte den Titel des Vortrags: Es werden dieselben, erprobten Mittel verwendet. Besonders erschreckend fand ich die Ausführungen über die Corporate Publishing-Landschaft von Islamischer Staat: Erwachsen und professionell wie von anderen professionellen Organisationen, einschließlich Artikeln über Verbraucherschutz in der Mitarbeiterzeitung und Geschäftsbericht mit schicken Grafiken. Oben auf dem Foto sieht man zum Beispiel die Visualisierung des Waffengebrauchs im zurückliegenden GeschäftsKriegsjahr nach Waffenarten und Effizienz. Bei mir als Deutscher rief diese Überschneidung von bürokratischer Professionalität und tödlicher Menschenverachtung recht konkrete Assoziationen mit der eigenen Geschichte hervor.

150506_06_Spiegel

Gegen meine Bestürzung half ein behördenmäßig frühes Mittagessen (MAHLZEIT!), zu dem ich mich wie am Vortag mit Andrea Diener zusammenschloss – erfreulicherweise hat sie genauso wenig ein Problem damit, noch vor zwölf Lasagne zu essen, wie ich, um diese Zeit einen großen Teller Gulaschsuppe zu verzehren. (Andrea Dieners Zusammenfassung des gestrigen re:publica-Tages finden Sie hier.)

150506_07_Foodblogs

Auf die Foodblogger-Veranstaltung hatte ich mich gefreut, doch der Saal war bereits 10 Minuten vor Beginn so voll, dass keine Stühle mehr frei waren. Das allein hätte mich nicht gehindert, doch es handelte sich um einen der Säle, die mit Kopfhörersystem bespielt wurden: Da er vom Nebensaal durch keine Mauer getrennt war, bekamen Akteure und Zuhörerinnen Kopfhörer, über die der Input der Mikrophone zu hören war; es gab keine Lautsprecher. Und ich erwischte keinen Kopfhörer mehr. Meine Idee, direkt vor der Bühne könnte ich den O-Ton unverstärkt verstehen, erwies sich als Illusion.

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Spontan ging ich statt dessen in den Vortrag “The art of trolling”. Doch der erwies sich als Scherz: Die beiden hatten sich im Lexikon die Definition von trolling herausgesucht, die sich aufs Angeln bezog, und referierten darüber. Als Happening eine hervorragende Demonstration von Trollverhalten, aber halt ebenso wenig informativ.

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Sehr informativ wieder war Gabriella Coleman: “How anonymous (narrowly) evaded the cyberterrorism rhetorical machine.”

Ich hatte Coleman auf meiner ersten re:publica gehört, als sie ihre anthropologische Forschung dieses Gebildes dargelegt hatte, und profitiere bis heute von ihren damaligen Ausführungen. Mittlerweile hat sie darüber ein Buch veröffentlicht, gestern erzählte sie ein Kapitel, das es nicht ins Buch geschafft hat. Eigentlich, so legte sie dar, ist es nämlich höchst erstaunlich, dass Anonymous nicht im frame Terrorismus gelandet ist, in den die US-Offiziellen seit Jahren immer mehr Organisationen stopfen, bis hin zu Tierschützern. Sie zählte eine Reihe von Ereignissen, Zufällen, Faktoren und Zusammenhängen der vergangenen Jahre auf, die das bewirkt hatten. Schade, dass sie so gehetzt sprach – möglicherweise hatte sie eine falsche Information über die Redezeit bekommen.

Denn anschließend war diese Bühne eine halbe Stunde leer, bevor der Knaller des Tages passierte.

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ICH HABE EINEN ECHTEN ASTRONAUTEN GESEHEN! AUS 5 METERN ABSTAND! UND ER WAR UMWERFEND! (Den Rest müssen Sie sich weiter in Großbuchstaben vorstellen, ich verzichte nur zugunsten der Lesefreundlichkeit darauf.) Alexander Gerst, oder unter uns Internet Peoples @Astro_Alex, erzählte von seiner Mission auf der ISS (Beschluss: werde künftig nicht mehr von Projekten sprechen, sondern von Missionen. Missionsleiterin, Missionsplan etc.), detailliert, lustig, geradezu britisch bescheiden.

Happyschnitzel_Astroalex

Man möchte meinen, dass nun jeder Nachfolgevortrag auf der selben Bühne nur abrauchen kann. Doch Cory Doctorow hielt mein Interesse leicht: “The NSA are not the Stasi: Godwin for mass surveillance”.

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Doctorow spannte den Bogen vom Umstand, dass wir in praktisch jeder Lebenssituation in Kontakt mit Computern sind, über die Computerhaftigkeit des Computers (Turing complete Rechner können jeden Befehl ausführen, den jeder andere Computer ausführen kann), wodurch jede Beschränkung ihrer Funktionen durch Regulierung ihnen ihr Computerwesen nähme, bis hin zum Umstand, dass dies in jeder, absolut jeder Verwendung eines Computers eine Überwachungsmöglichkeit einschließt. Bei ihm klang das wesentlich schlüssiger als in meiner Zusammenfassung, bitte um Vergebung.

Abends war ich zumindest ein bisschen selbst auf der Bühnenseite: Ein Teil des Techniktagebuch-Autorenkollektivs zeigte Sachen. “Wir hatten ja nix – und das haben wir mitgebracht.” Alte Leute zeigten alte Technik von Poken über Bleistiftspitzer bis Furby und alles mögliche dazwischen. Ein Heidenspaß wurde gehabt, anschließend stellten wir noch einige Mitbringsel aus (u.a. des Schwiegervaters Betamax-Kassette).

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Spiegel online gefiel unsere Idee so sehr, dass sie das Spiel in ihrer Redaktion spielten: “Alte Gadgets: Was früher cool war”.

Danach nur noch kurzes, erschöpftes Herumstehen im Hof. Ich hatte riesigen Hunger, holte mir unterwegs noch Zeugs an einer Tankstelle und radelte zurück nach Neukölln.

(Viele der Vorträge sind bei YouTube nachzugucken, die Links reiche ich nach. Bis dahin mögen Sie vielleicht selbst suchen?)

Nachtrag: Hier einige Vorträge zum Hinterhergucken.

die Kaltmamsell