Journal Sonntag, 3. September 2017 – Spanien 14, Madrid und die korrekte Art, Churros zu essen

Montag, 4. September 2017 um 12:53

Ausgeschlafen, ganz, ganz lang. Und für den Sonntag keine Pläne gehabt außer churros y chocolate. Für dieses Frühstück kehrten wir zum Maestro Churrero zurück, in dem wir vor zehn Jahren schon Churros und Porras gefrühstückt hatten. Nur dass aus dem Lokal mittlerweile ein Churros-Schnellrestaurant geworden ist. Auch sonst war hier jegliche Churros-Weiterentwicklung zu sehen, die mir bereits in Nizza und auf Mallorca begegnet war: Glasierte Churros, gefüllte Porras, sogar herzhafte Varianten. Das ist schon in Ordnung, so ist der Lauf der Dinge.

Wirklich echt und wie sie sich gehören, sind Churros ja ohnehin nur aus einer windschiefen Wellblechhütte, die zwischen den Wohnblöcken der Madrider Trabentenstädte steht (z. B. in Moratalaz), auf nichts als staubigem Lehmboden (wahrscheinlich noch der Aushub vom Bau der Wohnblöcke). Und zu dem man an einem heißen Sonntagvormittag als Mädchen von sieben, acht Jahren zum Churros-Holen geschickt wird, vom Vater einen Pesetenschein in der Hand und begleitet vom spanischen primo (für den solch ein unbegleiteter Einkauf deutlich ungewöhnlicher ist als für das Mädchen, wenn sie die ausführlichen Anweisungen und Ermahnungen der Tante richtig deutet). Diese korrekten Churros kommen aus dem einzigen funktionalen Inhalt der Wellblechhütte, einem riesigen Kessel voll Frittierfett, dessen Hitzen bereits beim Nähertreten spürbar ist, hinter dem ein bis zwei Menschen stehen und durch eine metallene Teigspritze Churroskringel ins Fett gleiten lassen. Die gewünschte und bezahlte Menge wird in Zeitungspapier gewickelt, und man muss sie vorsichtig greifen, um sich nicht die Kinderhände zu verbrennen – fettig werden sie ohnehin jetzt schon durchs glasig werdende Papier. Korrekt gegessen werden sie dann in der Wohnung mit heißer, süßer, dicker Schokolade, die die Yaya in der Zwischenzeit erstellt hat.
Und das kann keine Churrería der Welt bieten.

Herr Kaltmamsell zog anschließend ein wenig um die Häuser, ich ging zurück in den Ferienwohnung und bügelte von der frisch gewaschenen Kleidung die, die ich noch in Madrid gedenke zu tragen (und das weiße Hemd, in dem ich Herrn Kaltmamsell so gerne sehe). Als er wiederkam und ich fertig gebügelt hatte, lungerten wir noch ausführlich in der klimatisierten Wohnung herum, lasen, ließen den Fernseher laufen (mein Reisebegleiter interessiert sich sehr für das Fernsehprogramm in bereisten Ländern).

Ein wenig wollten wir aber doch noch raus, wir spazierten in die Jardines del buen retiro, kurz den Retiro. Dort war es sehr schön und mindestens so voll wie im Sommer bei ähnlichem Wetter im Münchner Englischen Garten (der gartenarchitektonisch genau das Gegenteil des Retiro ist). Das Wetter war sehr warm, aber zum Glück weit entfernt von der prügelnden Augusthitze, die ich vom Madrid meiner Kindheitsurlaube kenne.

Zurück spazierten wir über den Bosque del recuerdo, den ich noch nicht kannte und der 2005 zum Gedenken an die Terroropfer von Atocha erbaut wurde. Mir gefiel diese Art der Gedenkstätte. Als wir in der Dämmerung an deren höchsten Punkt standen, begann es um uns zu flattern: Fledermäuse! Wir spazierten langsam hinunter, blieben lange am Fuß des Denkmals stehen und guckten vielfältiges und zahlreiches Geflatter – ich bildete mir ein, sogar die Durchsichtigkeit der Flügel zu erkennen.

Seit zwei Wochen essen wir nun in Spanien, und das wenige Gemüse, das wir in Restaurants bekommen, beschränkt sich auf Beilagensalat, Kartoffeln und gebratene Paprika; die Speisekarten bieten praktisch keine Gemüsegerichte (gestern sah ich zum ersten Mal madrilenisches Pisto auf einer Karte). Wir fühlten uns gründlich untergemüsiert. (Wodurch mir klar wird, dass wir uns daheim wirklich überwiegend von Gemüse ernähren.) Zum Glück gibt es in Madrid zahlreiche vegetarische Restaurants, in einem davon aßen wir gut zu Abend.

Kale-Salat (in dem sich allerdings nur wenige Schnippsel rohen Grünkohls befanden, dafür köstlicher eingelegter Rettich), Kebab aus Jackfruit für Herrn Kaltmamsell, gebackene Aubergine für mich. Zum Nachtisch Ananas-Crumble für meinen Begleiter, Bananen-Panna cotta für mich, ebenfalls sehr gut.

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Christian Stöcker erläutert, in welchen Maße Autos schuld sind an der Überflutung Houstons, und zwar nicht durch ihr Fahren, sondern durch ihr Herumstehen. (Was ich gut nachvollziehen kann: In den Jahren, in denen ich ein Auto hatte, empfand ich das Fahren gar nicht mal als so belastend, sondern die Suche nach Abstellmöglichkeiten.)
„Im Überfluss“.

Wir sollten uns die Welt von den Autos zurückholen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 2. September 2017 – Spanienurlaub 13, Madrid im Bürgerkrieg 1936-1939

Sonntag, 3. September 2017 um 12:36

Es fällt mir schwer das zuzugeben: Es geht mir weiterhin nicht gut. Das fällt schwer, denn jetzt müsste es doch endlich und unbedingt, schließlich bin ich seit zwei Wochen im Urlaub, dem selbst ausgesuchten. Also Erholung! Entspannung! Glückseligkeit!

Gestern wollte ich nach dem Bloggen Frühstückskaffee, mein cleverer Plan war, das mit dem Besuch des nächstgelegenen der Mercados zu verbinden, die ich recherchiert hatte (ich liebe die spanischen Mercados – wahrscheinlich wieder verwurzelt in einem völlig überholten Bild aus meiner Kindheit, als das die Haupteinkaufsquelle für Lebensmittel war, also vor dem Siegeszug der Hipercors an den Stadträndern, und als ich Yaya oder Tía dorthin begleitete). Doch dann stand ich im Mercado Anton Martín und war völlig überfordert vom Angebot und der Verpflichtung, damit irgendwas zu tun. Zu viele Eindrücke, zu viele Möglichkeiten, zu viele Reize, zu viele Pflichten – ich verkrampfte. Herr Kaltmamsell sprach mich darauf an, und ich bat ihn spontan, das Kommando zu übernehmen. Ob ich vielleicht in den nächsten Stunden einfach keinerlei Entscheidungen treffen dürfe und ihm lediglich hinterher trotten? Durfte ich. So kam ich in zu den Buchhändlern am Retiro (in den Bäumen laute, grüne Papageien), bekam granizado de horchata, spazierte durch den Jardín botánico und kriegte Mittagessen.

Dieses Lokal Erre y Emme sah beim Vorbeigehen einladend aus und stellte sich als empfehlenswertes Lokal heraus. Zwar gibt es in Madrid inzwischen einige Feinkostläden, die auch Bewirtung anbieten, doch dieses Konzept scheint mir besonders gelungen; zum Beispiel kann man die zum Kauf angebotenen Weine und Schaumweine alle gegen eine Servicegebühr von 4 Euro auch gleich trinken. Im Glas hatten wir einen interessanten Rioja Izadi Crianza.

Für den späteren Nachmittag hatte ich mich bereits für eine Veranstaltung angemeldet, die ich noch in München gefunden hatte: Tour de la Guerra Civil Española. Der gestrige Samstag war der einzige Termin in unserer Madridwoche, also ging ich auch hin.

Wir waren eine kleine Gruppe, von der jungen Historikerin María lernte ich natürlich eine Menge über Madrid im Bürgerkrieg 1936 bis 1939 (den grundlegenden Hintergrund hatte ich noch aus meinem Studium). María hatte ein Tablet dabei, auf dem sie uns historische Fotos der Orte zeigte, an denen wir standen, zeigte die geografischen Verbindungen auf und erzählte die Bedeutung der jeweiligen Orte. Unter anderem war mir nicht klar gewesen, wie hoch das Blutvergießen innerhalb des von Nationalisten belagerten Madrid war: Heckenschützen der Republikaner und der Nationalisten schossen von den Häusern aus auf Passanten, die aussahen, als gehörten sie dem feindlichen Lager an, und dann gab es selbst ernannte Starfverfolgungstruppen der Republikaner, die in Foltereinrichtungen, den checas, ebenfalls zu Feinden ernannte mordeten. An der berüchtigten checa de fomento gingen wir vorbei. Die Historkerin bestätigte meinen Eindruck, dass Faktenwissen um den Bürgerkrieg in Spanien nicht weit verbreitet ist: Gedenktafeln oder Ähnliches gebe es Madrid kaum – jeder Versuch werde sofort als Parteilichkeit bekämpft. Und in den schulischen Lehrplänen tauche das Thema erst in der obersten Klassen auf – man sei der Ansicht, erst 16-jährigen könne man das zumuten.

Herr Kaltmamsell war während dessen Strawanzen in der Madrider Altstadt, er bestimmte das Abendessen. Zunächst führte er mich zu einer Pintxos-Bar. Ich weiß jetzt, wie spanischer Sidra schmeckt: Freundinnen hessischen Apfelweins wären begeistert. Anschließend kehrten wir im legendären Viva Madrid ein, das zu so früher Stunde (ca. 23 Uhr) noch nahezu leer war.

Abends war ich dann deutlich entspannter als am Morgen; vielleicht kriege ich doch noch die Kurve in diesem Urlaub.

Habe bereits ein englischsprachiges Buch1 ins Buchregal des Apartments geschmuggelt.

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Ich schmeiß mich selbstverständlich am meisten vor Lachen weg, wenn ich mich dabei auch noch gebildet fühlen darf. Deshalb war der Twitter-Thread, der auf diesen Tweet folgte, für mich hochwertigstes Gelächter:

Das führte zu diesen Antworten.

  1. Oliver Sacks On the move: Gefiel mir gut, werde ich aber nicht nochmal lesen. []
die Kaltmamsell

Journal Freitag, 1. September 2017 – Spanienurlaub 12, Reise nach Madrid

Samstag, 2. September 2017 um 10:46

Um die abschließende Urlaubswoche in Madrid zu verbringen, mussten wir irgendwie von unserem Nest an der galicischen Westküste dorthin kommen. Option Auto: Selbst ohne unsere Aversion gegen das Autofahren hätten wir erst mal in besagtem Nest an ein Mietauto kommen müssen – ich fand nicht raus, wie. Also Bus und Bahn. Es war klar, dass wir den ganzen Tag unterwegs verbringen würden (zwischen dem nächstgelegenen Bahnhof in Santiago de Compostela und Madrid liegen 600 Kilometer), was mit all den enthaltenen Unwägbarkeiten (u.a. wartete ja der Ferienwohnungsvermieter in Madrid auf uns) leider ein Stresstag war.

Für unseren Direktzug am frühen Nachmittag (die Tickets hatte ich) hatte ich uns lieber einen Bus früher nach Santiago herausgesucht: Fahrscheine gab’s nur beim Busfahrer, und was, wenn der Bus schon voll wäre und er uns nicht mitnähme. Dafür nahm ich in Kauf, dass dieser Bus fast zwei Stunden für die übersichtliche Strecke nach Santiago brauchte.

Es fühlte sich nach echtem Abschied an: Ein letztes Mal Seeluft und Meeresrauschen, eine letzte Fahrt durch das satte galicische Grün.

Der Bahnhof in Santiago war überraschend klein, hatte gerade mal fünf Bahnsteige, aber ein anständiges Café, in dem wir die Stunden bis Zugfahrt verbringen konnten (wir entdeckten Tinto de verano in Dosen im Kühlregal, auch alkoholfrei). Auf der Zugfahrt veränderte sich die Landschaft langsam von grünen Bergen zu gleichförmig grünen Hügeln bis zu ausgedörrten kastilischen Ebenen. Ich las Per Petterson, Ina Kronenberger (Übers.), Nicht mit mir bis Ende (gut geschrieben, gut gemacht, aber wieder ein nicht gerade stimmungsaufhellender Stoff).

Der Zug hatte in Madrid Verspätung, ich musste unserem Vermieter (ab 21 Uhr Late-Check-in-Aufschlag!) Bescheid geben. Vom Bahnhof Chamartín mit der U-Bahn nach Sol mit unseren Koffern, durch die abendlichen Menschenmengen um Sol zur Altstadtadresse.

Das Apartment ist angenehm quirky, doch am meisten hatte ich mich auf die Waschmaschine gefreut: Wir hatten beide fast keine saubere Kleidung mehr. Beim Suchen nach dem Wäscheständer lernte ich die Wohnung gründlich kennen.

Das Abendessen bestand aus Resten aus dem Rucksack (Brot, Tomaten, am Vorabend hatten wir uns den nicht bewältigbaren Teil der Fleischberge einpacken lassen) – hier wollte niemand nochmal aus dem Haus.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 31. August 2017 – Spanienurlaub 11, Laufstrecken aus aller Welt

Freitag, 1. September 2017 um 9:38

Aha! Das war also der sonnige Strandtag, der schon am Mittwoch hätte eintreten sollen. Ich setzte also den Vortagesplan um, beginnend mit Weckerwecken und Laufrunde. In Muros hatte ich schon am Vortag ein paar Jugendstilfasaden entdeckt, jetzt konnte ich sie bei gutem Licht fotografieren.

Die erste war ich offensichtlich nicht auf der Piste.

Muros.


Diese verglasten Balkone habe ich sehr viel an der galicischen Küste gesehen.

Dieses flache Gebäude am Meer war mir aufgefallen. Ich lief hin um seine Funktion herauszubekommen.

Von der anderen Seite.

Doch erst daheim ergab eine Recherche, dass es sich um eine Gezeiten-Mühle aus dem 19. Jahrhundert handelt, die Molino del Pozo del Cachón.

Zurück in San Francisco ging ich wohl vorbereitet ins Wasser: Ich trug einen Badeanzug, meine Sandalen, Handtuch und Schuhe legte ich auf einem Felsen bei einem weithin sichtbaren Eishäuschen in der Nähe von Duschen ab.

Weil, auf die Gefahr hin, dass Sie mich dann ultimativ für einen Hirschen halten, mir nicht mehr einfallen will, worin das Vergnügen an Strandurlaub bestanden hat. Es gibt genügend Fotobeweise dafür, dass ich es über Jahrzehnte erstrebte und genoss, Urlaub am Strand und im Meerwasser zu verbringen. Heute kann ich das nicht mehr. Die Gründe:
1. der Sand
2. das Meer

ad 1. Im Gegensatz zu einer Liegewiese am See oder im Freibad besteht der handelsübliche Strand aus Sand, viel, viel Sand. Und der klebt an mir und setzt sich fest, vor allem nach einem Badegang. Das stört sehr beim Anziehen von Kleidung und Schuhen. Sand dringt auch in alle mitgeführten Dinge wie Handtücher, was ich als sehr unangenehm empfinde.

ad 2. Meerwasser ist salzig. Es gehört zum Anekdotenschatz der Kaltmamsells, dass ich bei meiner ersten Begegnung mit dem Meer im Alter von drei Jahren (in Galicien übrigens) sofort ins Wasser lief (Wasser!), um ebenso sofort umzukehren und zu verkünden: „Baggersee schmeckt mir besser.“ Das hat sich nicht geändert. Solange ich nur ein wenig darin herumplantsche, macht mir das Salzige am Meerwasser nicht besonders viel aus. Doch das Schwimmen verleidet es mir. Außerdem versalzt es die Haut, man möchte es so bald wie möglich mit Süßwasser abwaschen.

Allerdings bin ich sicher, dass ich mich an beides bei längerem Aufenthalt gewöhnen würde. Da Wetter und Aufenthaltsdauer diesmal aber nur einen einzigen Badetag ergaben, war keine Zeit zu Gewöhnung.

Sonnebaden, Bloggen und Lesen auf der Dachterasse, abends ein Spaziergang nach Muros, dort in heftigem Wind Aperitiv, wieder in San Francisco Fleischberge im Grillrestaurant.

die Kaltmamsell

Twitterlieblinge August 2017

Donnerstag, 31. August 2017 um 22:48

Weitere Lieblingstweets im August hat wieder Anne Schüssler gesammelt.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 30. August 2017 – Spanienurlaub 10, Morgenlauf und Thomas Lehr 42

Donnerstag, 31. August 2017 um 12:40

Dieser zweite Regentag kam unvorhergesehen. Angekündigt war Sonne, also sah mein Tagesplan vor: Weckerwecken, Laufrunde mit anschließendem Meerschwumm, Duschen, Morgenkaffee, Lesen in der Sonne auf der Dachterasse – dann je nach dem.

Doch der Morgen war von dichten Wolken verhangen, die mir jede Lust auf Meerschwumm nach Lauf nahmen und dann auch noch ausdauernd regneten. Aber den Morgenlauf genoss ich.

Rush Hour in der Bucht von Muros.

Mit Strand war also nichts, wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen und Schreiben. Als es am späten Nachmittag trocken wurde und sogar aufklarte, spazierten wir den Kreuzweg vom ehemaligen Franziskanerkloster aus, den man weithin sieht.

Abendessen in einer Bar (Salat, Sardinien, Pimientos de padrón, Croquetas de pescado, dazu Gin Tonic), als Dessert den absoluten Modenachtisch: Flan de queso.

Er war uns gleich im ersten Restaurant angeboten worden, seither habe ich ihn noch einige Male bestellt, wenn er hausgemacht war. Basis ist klassischer Flan, nur dass ein Frischkäse nach Wahl untergemischt wird; mal schmeckte der Flan eher nach Ricotta, mal nach Philadelphiakäse. Werde ich definitiv daheim ausprobieren.

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Der Regen verschaffte viel Zeit zum Lesen, also Thomas Lehrs 42 ausgelesen. Alle 368 klein bedruckten, fast absatz- und dialoglosen Seiten. Das Set-up: Als eine Besuchergruppe des Kernforschungszentrums CERN an einem Hochsommertag aus der unterirdischen Anlage an die Oberfläche zurückkehrt, ist alles außer ihnen stehen geblieben – die Zeit, der Rauch, die Wellen, die Sonne, die Menschen; es bewegt sich nichts mehr. Das wäre als Bühne für eine Geschichte spannend, doch die folgende Menge an Handlung reicht gerade mal für eine Star Trek-Episode. Statt dessen erzählt Lehr jede Konsequenz dieses Vorfalls, jede. Und noch eine. Bis ins Detail des Details. Als Handlung hat sich er Roman am ehesten die Suche nach der physikalischen Ursache des Stillstands vorgenommen, und auch hier wird jeder Erklärungsansatz detailreich durchgespielt. Mir war schon klar, dass fast alle Romanschreibenden sich Skizzen ihrer erfundenen Welten machen, sich viele Details vorstellen, Räume, Seitenzweige und Nebenfiguren ausschmücken. Aber das muss man doch nicht alles auch hinschreiben!

Lektüre-erschwerend kommt ein sprachliches Faible für Adjektive und Vergleiche hinzu; keines der unzähligen Details entkommt Lehrs Belebung durch Metaphorik. Hin und wieder habe ich von Lektoren und Verlegerinnen gehört, sie bräuchten nur einen Absatz eines Manuskripts zu lesen um zu wissen, ob es zu gebrauchen sei oder nicht. Oder nur einen Satz:

Elektronen wurden durch Erhitzung aus Metalldrähten gemolken, auf der Hundert-Meter-Kurzstrecke linear angepeitscht, in den ersten Ringbeschleuniger mit 600 Meter Umfang geschossen, bei 3,5-Giga-Elektronenvolt rasend entlassen, jedoch nur, um auf dem 7-Kilometer-Kreis des SPS noch mehr an Besinnung zu verlieren, damit sie mit gesträubtem Haar, zusammengepressten Augenlidern und flatternden Backen bei 21 GeV im 26-Kilometer-Ring des großen LEP zur finalen Unfallgeschwindigkeit kurz unterhalb von Zeh (c) getrieben wurden, gebündelt in praktischen 250-Billionen-Stück-Packungen und vier Strahlen, die sich an acht Punkten kreuzten und zwar 45 000-mal pro Sekunde, so abgefeimt und listig aber doch, dass es fast alle schafften, im letzten Moment den Billionen Geisterfahrern aus der Gegenrichtung innerhalb der engen Tunnelröhre auszuweichen, abgesehen von dem einen angetrunkenen oder juvenilen Trottel alle zwei Sekunden, den es dann in den monströsen Prüfmanschetten von OPAL, ALEPH, L 3 oder DELPHI in die aberwitzigsten Stücke riss, die Kerne der Kerne der Kerne, auf die man es abgesehen hatte, denen die Feldkräfte der erdgrößten Magneten auflauerten, um sie auf ihren lichtschnellen Fluchten aus der Fassung zu bringen, in den Zwiebelschichten der Spurengeräte ihre ein ehrlichen Prallbahnen zu schmerzlichen und mathematisch heimtückischen Schleifen, Parabeln Zykloiden, Kardioiden, Spiralen zu zwingen, so kunstvoll gewunden wie Frauenhaar auf einem Dürer-Stich.

Die gemolkenen Elektronen werden mich noch bis in den Schlaf verfolgen.

So geht es noch mal und von Neuem immer wieder, wenn Ausschnitte des physikalisch-wissenschaftlichen Hintergrunds des CERN erzählt werden. Die de facto keine Rolle spielen. Irgendwann begann ich, Herrn Kaltmamsell solche Passagen im Tonfall von Hitlerreden vorzulesen, das passte am besten zu ihrer Komik.

Eingewoben dann Anläufe von Nachdenken über Zeit an sich, diese jeweils so banal, dass ich sie nach dem ersten Durchgang übersprungen habe.

Und dann all der Sex. Eine Folge der Lage ist im Roman, dass die Chronologiker ihre sexuellen Fantasien umsetzen – umständehalber halt ohne Einverständnis des stillgestandenen Gegenübers. Auch hier bekommen wir nicht nur das eine oder andere Beispiel, um die Tatsache an sich zu erzählen – das würde für eine Lord of the Flies-Anspielung einer menschlichen/gesellschaftlichen Entwicklung unter besonderen Bedingungen reichen. Doch nein, wir lesen Dutzende Beispiele und noch eines, alle Seite um Seite, Schamhaar- um Vulvafaltendetail auserzählt. Inklusive japanischer Fachterminologie. Das ist sehr ermüdend.

Aber die Star Trek-Folge basierend auf dem Roman sähe ich gern.

§

„Rebecca Solnit: if I were a man“.

Rebecca Solnit ist die Frau, die als erste ein bestimmtes Mann-Frau-Phänomen mit mansplaining beschrieb. Hier denkt sie über die vielen tausend Freiheiten nach, die ihr das Mannsein bereiten würde – ohne das Gefängnis zu vergessen, das Männlichkeitszwang errichtet.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 29. August 2017 – Spanienurlaub 9, Muros im Regen

Mittwoch, 30. August 2017 um 12:26

Ein Regentag – wie angekündigt. Als Pensionszimmerbewohner in einem Badeort mussten wir uns etwas einfallen lassen, denn zumindest für die Zimmerräumzeit ab 12 Uhr mussten wir unser Zimmer verlassen. Zum Glück war es mit etwa 20 Grad nicht kalt – ich habe nämlich nur Sandalen dabei, die einzigen geschlossenen Schuhe sind meine Wanderstiefel.

Frühstückskaffee wieder ums Eck, ungewöhnlicherweise hatte ich Appetit, und zwar auf ein süßes Teil. Ich fragte die Kellnerin also, welche bollos es gebe und unterbrach ihre Aufzählung sofort bei „… palmera“: Bitte genau das – ich mag diese Riesen-Schweinsohren aus Blätterteig besonders gern. Ich blieb mit Herrn Kaltmamsell länger als sonst sitzen und las Internet, es galt ja Zeit tot zu schlagen.

Wir beschlossen einen weiteren Fußmarsch in den Nachbarort Muros, diesmal aber entlang der Küstenstraße. In Muros planten wir Café-Hopping, ich kaufte mir dafür gleich mal eine Zeitung, diesmal das Regionalblatt La Voz de Galicia. Die Küstenstraße entpuppte sich als schöne Überraschung, da sie fast durchgehend von einem Fußweg gesäumt ist. Will heißen: Laufstrecke gefunden!

Mittlerweile regnete es stärker, wir suchten in Muros sofort Zuflucht in einem Café – in dem wir vom fröhlichen Kellner mit „princesa y príncipe“ angeredet wurden.

Später spazierten wir im Regen durch Muros mit seinen malerischen Winkeln und Ecken.

Wir stießen auf das alte und unerwartet große Waschhaus von Muros. Es sah aus, als sei es erst vor wenigen Jahrzehnten noch modernisiert worden.

Auch auf dem Rückweg durch den Wald entdeckte ich im Dorf Campo de Cortes das alte Waschhaus:

Auch an diesem Ort war klar, dass er noch vor wenigen Jahrzehnten genutzt worden war – wie auch die zahlreichen Waschhäuschen, die wir auf unserer Wanderung gesehen hatten. Ich erinnere mich noch aus meinen Kindheitsurlauben in Nordkastilien, dass die Bäuerinnen im Heimatdorf meiner Yaya mit der Wäsche an den río gingen, die Weißwäsche einseiften und auf Steinen mit Stöcken sauber schlugen, sie mit dem Wasser des Bachs klar spülten und auf den Stoppeln der abgeernteten Weizenfelder zum Trocknen auslegten.

Schlichtes Abendessen im Campingplatz-Café ums Eck.

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Zum 50. Geburtstag hatte ich mir ja Menopause gewünscht, und eine selige Woche lang sah es aus, als hätte das geklappt. Bis sich am Zyklustag 46 dann doch die Gebärmutter meldete, aber holla. Nun, wenigstens nicht auf der Wanderung, meine immer superstarke Blutung hätte mich in ernste logistische Schwierigkeiten gebracht. (Wie viel Energie ich seit 37 Jahren an diese Logistik verschwende! Ich hab’s so satt!)

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Ergebnis meiner Zeitungslektüren: Das beherrschende innenpolitische Thema (neben dem Terroranschlag in Barcelona) ist die anstehende nochmalige und verfassungswidrige Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens. Kommentatoren sowohl im El País als auch in La Voz de Galicia nehmen die Demo zum Gedenken an die Terroropfer am Samstag in Barcelona auf: Dort waren wohl katalanische Nationalisten als Gegendemonstranten aufgetreten – und hatten laut La Voz de Galicia das wahre Gesicht der Unabhängigkeitsbewegung gezeigt: Hass.
„El terror desnuda al independentismo“.

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In Deutschland tauchen Wahlplakate mit Symbolen auf, die eine lange antisemitische Tradition haben. Marina Weisband erläutert, wie irrelevant es ist, ob sie genau so gemeint sind:
„Über strukturellen Antiseminitismus“.

Bilder sind eben nicht unschuldig.

die Kaltmamsell