Archiv für Januar 2017

Journal Sonntag, 15. Januar 2017 – Sonntagsschnee mit Bügeln

Montag, 16. Januar 2017

Gestern war ein Bilderbuch-Schneetag: Es schneite immer wieder, der Himmel war bunt und ließ zwischen den Schneeschauern auch mal die Sonne durch. Postkartenlandschaft erzeugte er allerdings nicht, dazu war es zu windig und zu mild.

Ich ging zu Fuß zum Ostbahnhof für eine Runde Sport.

Eine halbe Stunde Krafttraining und eine Stunde Step Aerobics später spazierte ich zurück.

War mir schon bei meinem samstäglichen Isarlauf aufgefallen: Der Sturm in der Woche zuvor scheint heftiger gewesen zu sein, als mir bislang bewusst war.

Nach ausgiebigem Frühstück Wäscheversorgung: Zwei Maschinen gewaschen und getrocknet, zwei Stunden brav gebügelt, auch im Winter muss es irgendwann sein, Bett frisch überzogen. Dazu Filmmusik: Erst La La Land, dann Grand Budapest Hotel.

Herr Kaltmamsell kochte zum Nachtmahl Paneer-gefüllte Auberginenröllchen mit roten Linsen (und Senfkörnern, Curry, Spinat, gebratenen Curryblättern und Koriander) – sehr köstlich.
(Und zack! Wieder ein Wochenende unabsichtlich vegetarisch. Was halt passiert, wenn man wirklich gerne isst, praktisch alles.)

Journal Samstag, 14. Januar 2017 – Schneelauf

Sonntag, 15. Januar 2017

Zu Milchkaffee begann ich den Tag nach Ausschlafen mit ausführlichem Bloggen und Twitterlesen, als der Kaffee leergetrunken war, machte ich mir Tee.

Ich hatte mich auf einen Isarlauf gefreut, noch dazu hatte die Wettervorhersage eine Schneeapokalypse angekündigt – also das, was wir früher Schneien nannten. Vormittags schneite es tatsächlich ein wenig, doch als ich mich auf den Weg machte, hatte es bereits aufgehört. So blieb es auch bis auf ein paar Minuten am Nachtmittag.

Auch über die dünne Schneedecke war ich froh, weil sie die darunter zum Teil gefrorenen Wege griffig machte. Ich rutschte nur einmal aus und fiel auch gleich hin: Über den Weg an der Isar auf Höhe Aumeister war ein Auto gefahren, die Reifen hatten eine glatte Spur hinterlassen (alles gut, wird halt einen blauen Fleck am Knie ergeben).

Ich hatte meine Route über Hofgarten und Englischen Garten gelegt, weil ich gelesen hatte, dass der Monopteros fertigsaniert ist und wieder ganz frei liegt.

Zwei berittenen Polizistinnen begegnet, die sehr fröhlich wirkten, wir lachten einander an.

Straßenbahnfahrt vom Tivoli nach Hause, ordentlich Pokéstops geräumt.

Endlich beendete Menstruation zehn Tage böse Brustschmerzen. Gegen die Unterleibskrämpfe gleich mal Ibu eingeworfen – das praktischerweise die Folgen des Zweistundenlaufs (Achillessehnen, Hüfte) mitversorgte.
(Menopause, mach hinne!)

Amaretti gebacken (ich hatte drei Eiweiß übrig von der Crème brûlée, von der Donnerstagabend ich für gestern die halbe Menge gemacht hatte).

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell aus dem Hokaido des Ernteanteils Kürbislasagne nach Don Dahlmann zu.

Abendunterhaltung war eine hervorragende ARD-Doku über das Dark Net: Unvoreingenommen und offen, viel Hintergrund, aufwendig mit vielen Selbstversuchen und Beispielen mit Interviews vor Ort, ohne Polarisierung.

§

Richard Rauch, Katharina Seiser, Die Jahreszeiten Kochschule Winter fertiggelesen. Ich bin unsicher, an wen sich das Konzept des Buchs richtet: Einerseits an Leute, denen man in den Warenkunde-Kapiteln erklären muss, dass Pastinaken echt gut sind und welche Teile vom Rind sich zum Brühekochen eignen. Andererseits an Menschen, die mit Yuzu-Saft und Verjus hantieren, daheim Gerichte mit Schäumen servieren und denen man nicht mehr zeigen muss, wie man Fisch filetiert. Am attraktivsten fand ich die Hefeteigrezepte. An den drei Menüzusammenstellungen möchte ich den Zeitplan loben – inklusive dem Schritt “Umziehen (ab jetzt Küchenkleidung nicht mehr nötig)”. Und das Zitronen-Rahmherz hatte wirklich köstlich geschmeckt.

Als Erstes hatte ich übrigens das Grundrezept Mayonnaise nachgeblättert: Jede andere Methode als die Idiotenmethode hätte das Buch für mich unglaubwürdig gemacht.

§

Aus der Süddeutschen:
“München wird immer sicherer – und die Menschen immer ängstlicher”.

Was mich halt immer hilflos macht.

Journal Freitag, 13. Januar 2017 – Tod des britischen curry house und wie geht’s der deutschen Dönerkultur?

Samstag, 14. Januar 2017

Derzeit wieder großes Was-soll-bloß-aus-mir-werden. Und alles in mir mit Ausweichmanövern beschäftigt, um keine Konsequenzen ziehen zu müssen.

Die Tage werden spürbar länger; selbst beim gestrigen schlechten Wetter war es auf dem Heimweg um fünf noch nicht ganz dunkel. Derzeit ist Winter, wie er in unseren Breiten eigentlich normal ist – in den vergangenen Jahren aber nicht vorkam (was mir ja sehr recht war). Die großen Medien machen aus den Begleiterscheinungen eine solche Sensation, dass man nur mit Sarkasmus reagieren kann.

Zum Nachtmahl kochte ich einen Eintopf aus Ernteanteilteilen dieser Woche (Zwiebeln, Rote Bete, Kartoffeln, Lauch) plus Gemüsebrühe und Ingwer.

§

Indische Restaurants sind für mich so britisch wie das pub quiz. Da ich mein Auslandsjahr im Studium 1991/1992 in Wales und nicht in England verbrachte, lernte ich sie zwar erst später gründlich kennen, doch dass sie Teil der britischen Kultur waren, sah ich überall.
Das scheint sich zu ändern.
“Who killed the great British curry house?”

Via @konstantinleben

Dieser sehr ausführliche Artikel (aka Longread) von Bee Wilson verdeutlicht mal wieder, wie eng gesellschaftliche Entwicklung und Kulinarik verwoben sind.

Though hardly acknowledged by restaurant critics, except for mocking asides about their red flock wallpaper, curry houses were one of the great successes of the postwar restaurant industry in Britain. In her 2005 book Curry: A Biography, the historian Lizzie Collingham argued that the Sylheti curry cooks converted “unadventurous British palates” to a new flavour spectrum. Goodbye, mince and potatoes; hello, chicken bhuna. “More than any other ethnic food,” Collingham wrote, “the British have made curry their own.”

Doch die zweite und dritte Generation ist (wie meist von den eingewanderten Eltern erträumt) gesellschaftlich aufgestiegen und hat einen Berufsweg außerhalb der Gastronomie gewählt, zudem schneiden verschärfte Einwanderungsgesetze den Zufluss neuen Personals ab.

Ever since the Conservative-Liberal Coalition assumed power in 2010, with David Cameron elected on an impossible pledge to reduce net migration into Britain to the “tens of thousands”, the Bangladeshi Caterers’ Association (BCA), of which Oli Khan is senior vice-president, has warned of a curry crisis. The BCA says that if nothing is done to support the industry, as many as a third of Britain’s curry houses – around 4,000 in total – will close over the next couple of years.

(…)

For a few decades from the 1970s to the 2000s, the curry house – like its high street companion, the pub – looked like a permanent feature of British life; maybe even an emblem of Britishness itself. Yet it is now clear that our passionate relationship with these restaurants was a product of particular circumstances. For the high street curry house to flourish in its classical form, British tastes needed to stay fixed and south Asian cooks needed to be free to work here. Neither of these conditions now holds.

Ich lernte aus dem Artikel den Begriff widower curry (eine Abkürzung der aufwändigen Rezepte für den Fall, dass die geübte Köchin nicht da ist) und dass man aus dem Namen des indischen Restaurants schließen kann, in welcher Zeit es eröffnet wurde. Außerdem wirft er die Frage auf, was eigentlich “authentische” Küche ist:

Does a cuisine belong to the people who eat it or the ones who cook it?

Die Briten interessierten sich erst Ende der 70er für die regionalen Unterschiede indischer Küche und verlangten nun, dass ihre Vorstellung davon in den indischen Restaurants umgesetzt würde – egal, welche Absichten Wirte, Köchinnen und Köche des Lokals eigentlich hatten.

Mir fällt bei curry house immer Rowan Atkison ein – dessen klassische Nummer unten ein Beleg für die Verwurzelung in der britischen Kultur ist:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/x4LHLM4WIw0

(“Deceptively flat” ist schon lang Teil unseres Ehejargons.)

Interssanterweise zitiert der Artikel oben aber eine andere Nummer von Rowan Atkinson:

an old bit from the early 80s comedy sketch show Not the Nine O’Clock News, in which Rowan Atkinson plays a Tory politician speaking at his party conference: “I like curry, I do [pause]. But now that we’ve got the recipe, is there really any need for them to stay?”

Ich wünsche mir einen ähnlichen Artikel über die Rolle und Entwicklung der Dönerbuden in der deutschen Gesellschaft. Sie waren möglicherweise das erste Take-away-Essen, das sich in Deutschland wirklich durchsetzte. (In England entstand die Take-away-Kultur im frühen 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung: Massenzuzug in die Städte, Unterkünfte ohne Küchen, die gesamte Familie schuftete in den Fabriken, Mahlzeiten mussten nach Feierabend auf dem Heimweg gekauft werden.)

Ich ahne Verbindungen zur deutschen Wiedervereinigung: Vorher waren sowohl Döner als auch das Ausgehen spät nachts mit Döner auf dem Heimweg typisch für Berlin; die Wiedervereinigung mit ihrer Reiseerleichterung nach Berlin verbreitete diese Kultur auch im Rest der westlichen Republik.

Gleichzeitig gab es in Westdeutschland türkische Schnellrestaurants (Münchner Landwehrstraße), die schnelle türkische Hausmannskost mit Hinsetzen anboten, Zielgruppe Einwanderer. Seit einigen Jahren erlebe ich in München, wie immer mehr anspruchsvolle Dönerläden mit Hinsetzen eröffnen, die neben Döner auch das eine oder andere frische Tagesgericht mit türkischen Wurzeln anbieten.
Hier sehe ich eine Parallele zum Burger: Auch der war in den 80ern eines der ersten Schnell- oder Mitnehmessen in Deutschland; seit etwa zehn Jahren nun gibt es dafür immer mehr Lokale mit Anspruch, deren Burger dezidiert nicht zum Mitnehmen gedacht sind.

Mich würde interessieren, wie es um die deutsche Dönerkultur steht (dass sie deutsch ist, ist nicht-deutschem Besuch schon lange klar – in Kairo macht demnächst ein “Best German Döner Kebap”-Laden auf): Gibt es Nachwuchs? Sind das neue Einwanderer oder zweite/dritte Generation? Soweit ich sehen kann, steckt ein ganzer Industriezweig dahinter, der Ausstattung, Brot, Dönertier liefert: Wie groß ist er und wie strukturiert? Sind die Dönerdrehmaschinen aus deutscher Fabrikation?
(Darf man als Abonnentin Artikel bei der Süddeutschen bestellen?)
Nachtrag: Auf Twitter wies mich @ellebil auf ein geschichtswissenschaftliches Werk von 2012 hin: Maren Möhring, Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland.

Journal Mittwoch/Donnerstag, 11./12. Januar 2017 – Erinnerung an mein schönstes Kinoerlebnis

Freitag, 13. Januar 2017

Mittwoch Schneeregenniesel auf dem Weg in die Arbeit.
Regen auf dem Heimweg.

§

Donnerstag Matsch auf dem Hinweg.
Regen auf dem Rückweg.

§

Mein schönstes Kinoerlebnis. Dieses Foto erinnerte mich daran.

Ich werde wohl 13 oder 14 gewesen sein. Es war Hochsommer, das Schuljahr fast zu Ende. Kurz vor den Sommerferien gab es den SMV-Tag, das Reuchlin-Gymnasium wurde für Vergnügen genutzt: In einem Klassenzimmer las eine Schülerin in einem reich geschmückten Zelt aus der Hand, in den Musikräumen wurden Volkstänze getanzt, Physiklehrer hatten lustige Experimente aufgebaut, wahrscheinlich stand irgendwo ein Kuchenverkauf. Zu den Angeboten gehörte auch ein Film, den der junge Kunstlehrer Rother* nachmittags im Zeichensaal unterm Dach des alten Schulgebäudes zeigte. Der Raum war schlecht isoliert, an die Fenster unter der Dachschräge prallte die Sonne – die Hitze stand, die abdunkelnden Jalousien konnten das nicht verhindern. Ich bin mir sicher, dass Herr Rother als Leinwand ein Leintuch aufgehängt hatte, nicht sicher bin ich, dass der Film von einem rasselnden Projektor ausgestrahlt wurde – doch woher hätte er 1981/1982 sonst kommen sollen? Der Titel des Films sagte mir nichts, es waren auch nur wenige Schülerinnen und Schüler den handgeschriebenen Plakaten ins oberste Stockwerk gefolgt. Der Film war alt und schwarz-weiß – und er verschluckte mich vom ersten Moment an: La Strada. Eine perfektere Umgebung und einen perfekteren Moment hätte es für genau diesen Film gar nicht geben können. (Das wurde mir natürlich erst viele Jahre später klar.)

Ich hatte sowas noch nie gesehen (mag damit zu tun gehabt haben, dass ich fast nicht fernsehen durfte), und ich glaube, dass ich viel weinte. Sicherer erinnere ich mich daran, dass mir die Handlung das Herz brach, dass ich die Musik bis heute im Kopf habe – und dass ich recht genau wusste, dass meine Mutter mich den Film nicht hätte ansehen lassen. Details der Handlung weiß ich nicht mehr, doch jedesmal, wenn ich danach ein Foto von Giulietta Masina sah, dachte ich “Gelsomina!” und mein Herz tat weh.

*In dessen Stunden wir beim Malen nicht still sein mussten, sondern der uns nach Belieben ratschen ließ, wenn wir halt nur dabei malten. Und dann einmal recht überraschend hinter mir stand, die strafend erhobene Augenbraue durch Feixen konterkariert: “Du könntest wenigstens zur Tarnung den Pinsel in die Hand nehmen.” Auch damals war beiden Seiten klar, dass Malen und Zeichnen sehr nicht zu meinen Begabungen zählte, doch er zollte mir immer für meine Ideen Anerkennung (die dann oft andere umsetzten, was ich völlig in Ordnung fand). Der Rennradler war und morgens vom weit entlegenen Hauptbahnhof kommend mit elegantem Schwung in den Schulhof einbog. Der Italien liebte (ich weiß nicht, ob die Toscana damals schon erfunden war), von Urlauben mit seinen beiden Kindern dort erzählte – dem ich folglich mal von einem eigenen Familienurlaub bei der italienischen Tante eine Flasche der von Tante eingekochten Passata di pomodoro mitbrachte und der sich darüber, glaube ich, sehr freute. Wo Herr Rother wohl heute steckt? Ich hatte wirklich eine Menge bemerkenswerte Lehrer, die mich auf die verschiedenste Art und Weise weiterbrachten.

(Ich meine, dass man Kinder ein wenig überfordern darf. Zu meinen beeindruckendsten Literaturerlebnissen gehörte ja auch, wie Deutschlehrer Willi Plankl uns 6.-Klässlerinnen und -Klässlern Kafkas Die Verwandlung vorlas, stückchenweise am Ende der Stunden.)

Journal Montag/Dienstag, 9./10. Januar 2017 – Tante Migräne und J.L. Carr, A Month in the Country

Mittwoch, 11. Januar 2017

Montagmorgen klappte endlich der Download des Soundtracks von La La Land (ich hole mir nur drei bis vier Mal pro Jahr Musik und stelle mich dabei jedes Mal an, als säße ich zum ersten Mal am Internet): Die Musik ist wirklich, wirklich schön. Das hier habe ich seither als Ohrwurm:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/cZAw8qxn0ZE

Etwas verdutzt war ich ja schon über die sieben Golden Globes für den Film, ich muss eine Menge übersehen haben. Und dann nannte die geschätzte Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen ihn auch noch ein “Wunder”. Vielleicht nochmal gucken?

Angesetzt hatte ich sie schon am klirrend kalten Samstag: Eine Eislaterne für den Balkon. Am Montagabend durfte sie dann auch leuchten.

§

Wenn mein Bett morgens so aussieht, habe ich sicher nicht gut geschlafen.

Ich war am gestrigen Dienstag einerseits froh, als der Wecker die unruhige Nacht beendete, andererseits fühlte ich mich so elend, dass ich nicht zu dem Sport gehen wollte, wegen dem er so früh geklingelt hatte. Einiges an diesem Elend legte zudem den Verdacht nahe, dass mal wieder Tante Migräne zu Besuch war. Also meldete ich mich in der Arbeit krank, regelte das eine und andere von daheim aus, ging zurück ins Bett.

Mittags war ich fit genug fürs Aufstehen, kochte mir Porridge zum Frühstück. Draußen leuchteten Schnee und Sonne um die Wette, ein kleiner Spaziergang dortselbst tat mir erfahrungsgemäß an Migränetagen gut.

Nur dass ich diesmal vergeblich auf Erleichterung und Entspannung wartete, mein Körper signalisierte lediglich, dass Spazierengehen für ihn verdammt anstrengend war.
Daheim schlief ich nochmal eine Runde, dann fühlte ich mich halbwegs zurück auf normal Null. Zur abendlichen Leserunde fuhr ich lieber mit der Straßenbahn.

Wir unterhielten uns über J.L. Carr, A month in the country. Der dünne Roman von 1980 erzählt mit der Stimme der Hauptfigur Tom Birkin von einem Restaurator, der kurz nach dem 1. Weltkrieg in der Kirche des englischen Dorfs Oxgodby ein Jahrhunderte altes Wandgemälde freilegen soll. Tom ist von schrecklichen Kriegserlebnissen traumatisiert, außerdem hat ihn gerade (mal wieder) seine Frau sitzen gelassen. Vor der Kirche sucht ein Archäologe für die selbe Auftraggeberin nach einem Grab, auch er ist frisch aus dem Militärdienst entlassen. Mit wenigen Informationen eröffnet Carr immer wieder Welten, einen Sommer lang lernen wir die Leute im Dorf kennen, die Landschaft, die Kirchengemeinde und sehr indirekt auch den Hintergrund der Protagonisten. Den Spannungsbogen der Geschichte spannt die Freilegung des Wandgemäldes: Die Erzählerstimme lässt uns teilhaben an Toms Analysen von Farben und Werkstoffen und an den Schlüssen, die er anhand der Ergebnisse über die Entstehung des Gemäldes zieht. Uns allen gefiel der Roman sehr gut – und ich war erstaunt, wie viel in gerade mal 130 Seiten passt.

Jetzt erst stelle ich fest, dass das Buch 1987 als Verfilmung rauskam – mit einem vor lauter Jugend schier nicht erkennbaren Colin Firth und mit Kenneth Branagh in den Hauptrollen.

Journal Sonntag, 8. Januar 2017 – Schneetag mit La La Land

Montag, 9. Januar 2017

Über Nacht hatte es geschneit, den ganzen Tag über tat es das auch immer wieder. Gleichzeitig waren die Temperaturen auf eine gemütliche Höhe um den Gefrierpunkt gestiegen.

Ich stapfte quer durch die halbe Stadt zur Turnstunde.

Nach ausgiebigem Heben und Hüpfen stapfte ich zurück.

Da ich zur eigentlichen Abendessenkochzeit im Kino sitzen würde, kochte ich die Fabada fürs Abendessen schon mal vor – Eintopf schmeckt aufgewärmt eh am besten. Währenddessen bastelte ich mit zwei Mitsprecherinnen an der Einreichung eines Talks für die nächste re:publica.

§

Am späten Nachmittag sah ich eine special preview von La La Land, auf den ich mich seit Kenntnis gefreut hatte. Ein schöner Film um eine Nachwuchsschauspielerin und einen Jazz-Pianisten in Los Angeles mit schöner Musik – aber mir wurde nicht klar, wieso er als “Musical” verkauft wird. Die Tanzszenen waren wenige und ganz offensichtlich nicht die Priorität der Macher, da habe ich in den vergangenen Jahren deutlich bessere gesehen. Beispiele für Filmmusicals, die wirklich welche waren: The Producers, Mamma Mia.

Doch mir gefielen das immer wieder nicht-realistische Erzählen, die gleichzeitig realistische Charakterzeichnung und -darstellung. Emma Stone spielt ganz wunderbar (sie war mir in Birdman aufgefallen), handwerklich beeindruckend in den Casting-Szenen, Ryan Gosling macht seine Sache sehr gut. Doch die Tanzszenen sind lediglich ein liebevoller hat tip in Richtung ruhmreicher Vergangenheit (in der Szene vor Sonnenuntergang sind sogar Kameraführung und Schnitt imitiert), rufen aber gerade deshalb in Erinnerung, was ihnen fehlt. Es ging wohl nicht darum, Tanzszenen zu zeigen, sondern auf frühere zu vereisen. Dafür kommt die Geschichte gut zum Tragen. Die auf jeden Fall sehenswert ist.

Journal Samstag, 7. Januar 2017 – Traditionsgasthäuser

Sonntag, 8. Januar 2017

Lange, unruhige Nacht mit vielen lebhaften Träumen.
Das Draußen war noch ein paar Grad kälter geworden. Vor einer Mittagesseneinladung in Augsburg huschte ich Einkaufen: Ich brauchte niedliche Öhrchen zum Aufsetzen (Zweck noch geheim).

Mit dem Zug nach Augsburg, die Schwiegereltern hatten ins Haunstetter Traditionsgasthaus Settele eingeladen. Wie in vielen städtischen Vororten / Eingemeindungen sind inzwischen Lokale mit heimischer Küche nur noch schwer zu finden; für die alten Gasthäuser ließen sich spätesten ab den 90ern meist nur weit zugewanderte Wirtsleute finden. Der Settele (laut Schwiegereltern Teil einer in Haunstetten und in verschiedenen Berufsgruppen verzweigten Familie) hat nicht nur durchgehalten, sondern vergangenes Jahr nach gründlicher Modernisierung mit alter Tradition der schwäbisch-bayerischen Küche neu gestartet. Wir saßen sehr angenehm und aßen ausgezeichnet: Auf den Tisch kamen rosa gebratene Kalbsleber mit Kartoffelbrei (signature dish des Hauses), Fleischküchle (bayr.-schwäb. für Fleischpflanzerl) und Kässpätzle, letztere so fluffig, dass sogar ich Kässpatzenverächterin (Magenbeton!) sie mochte.

Kaffeeundkuchen gab es noch bei Schwiegers daheim – mit Backwerk aus der Haunstetter Konditorei Spring mit ähnlich langer Geschichte, allerdings nicht mehr in Händen der namensgebenden Familie, mit dessen einem Spross Herr Kaltmamsell die Grundschule besucht hatte. Zurück in München widmete ich mich Häuslichkeiten wie Wäschewaschen und -aufhängen, Wasserfilteraustausch, Blumengießen, Twitterlesen.

Zum Nachtmahl (Reste) gab es die zwei noch ungesehenen Folgen Tatortreiniger “Özgür” (Sandra Hüller!) und “Schluss mit lustig” – beide nicht die besten aus der Serie.

§

Readonmydear nutzt ihre Arabischkenntnisse unter anderem dazu, Arabischsprechern Aufklärungsunterricht zu erteilen. Zweckorientiert, unbeirrbar und ohne rot zu werden. Denn, wie sie ihre Großmutter zitiert: „Man muss tun, was getan werden muss“.
“Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede”.

Sie macht das übrigens seit zehn Jahren, nicht nur in Deutschland und nicht nur auf Arabisch, alle Achtung:

Ich weiß nicht in vielen Sprachen ich Penis und Vagina sagen kann, aber es sind sehr viele.