Archiv für Januar 2020

Journal Sonntag, 26. Januar 2020 – Schwimmrunde und Afternoon tea

Montag, 27. Januar 2020

Ich sollte wirklich, wirklich daran denken, vor dem Aufbruch zum Olympiabad auf der Website nachzusehen, ob eine Veranstaltung stattfindet.

Gestern las ich nämlich erst am Eingang, dass ab 11 Uhr die Schwimmhalle für ein Wasserballturnier gesperrt würde. Schwimmen könne man im Trainingsbecken, „(25 m)“. Großes inneres Augenrollen und Nölen, gleichzeitig Verwunderung, weil das Trainigsbecken, in dem ich während der Renovierung der Schwimmhalle Bahnen gezogen hatte, 50 Meter lang ist. Nur dass es gestern halt in der Mitte abgeteilt war (vermutlich wurde die andere Hälfte fürs Warmschwimmen der Wasserballer benötigt). Weiteres inneres Nölen (DA KRIEG ICH JA ´NEN DREHWURM!), bis das Schwimmen halt auch so derart gut tat und mir Vergnügen bereitete, dass das egal wurde. Zumal ich die innere Nölerin, die was von „hätte ich ja gleich in irgendein anderes Schwimmbad gehen können“ maulte, darauf hinweisen konnte, dass andere Schwimmbäder halt keine klar abgetrennten und markierten Schwimmbahnen haben, auf denen weder Querschwimmende noch Plauderpärchen stören.

Die 2.500 Meter (in etwa, die kurzen Bahnen machten das Zählen wirklich anstrengend) vergingen im Flug. Strom. Fluss.

Daheim packte ich nur kurz aus: Ich war mit Herrn Kaltmamsell zum Tee verabredet, wir lösten ein Geschenk zum Rosenfest ein. Im Victorian House endete um zwei gerade die letzte Frühstücksschicht, wir bekamen gleich einen Tisch (für Sonntagnachmittag hatten wir keine Möglichkeit für eine Reservierung gefunden); eine halbe Stunde später wurde es schon wieder voll. Und nun: Victorian House Champagne Tea!

Die Teewahl fiel mir leicht: Auf das Kännchen Lapsang Souchong hatte ich mich schon gefreut.

Die Sandwiches waren ganz ausgezeichnet raffiniert, die Scones (mit echter Clotted Cream) herzhaft, die Kuchen (Lavendelkuchen, Schokoladen- und Aprikosentarte) unterm Strich vielleicht etwas viel (Macarons sind ja leider an mich verschwendet – there, I said it).

Träger Daheim-Nachmittag mit Internet- und Romanlesen. Zum Abendessen machte Herr Kaltmamsell aus dem Ernteanteil-Grünkohl Chips, sonst gab es Reste.

Journal Samstag, 25. Januar 2020 – Faschingslicht

Sonntag, 26. Januar 2020

Ruhiger Samstag. Draußen herrschte ein Licht, das ich mit Fasching verbinde: Fahle und leicht gelbliche Wintersonne beschien kahle Bäume und Böden, kein Winde bewegte sich, es war kühl, aber nicht kalt, samstägliche Ruhe in den Wohnstraßen. Gleich würden ein paar Kinder ums Eck biegen, die über ihren Winteranoraks verkleidet waren, Faschingsschminke im Gesicht, und mit Spielzeugrevolvern Zündplättchenstreifen knallen lassen.

Nach unruhiger Nacht hatte ich bis fast acht Schlaf nachgeholt. Aus der am Vortag spontan gekauften Bergamotte-Zitrone kochte ich Ankes 10-Minuten-Curd, um herauszufinden, welche Geschmacksnote die Zitrone zur Bergamotte machte.

Vor dem Fenster beobachtete ich Eichhörnchen in den alten Kastanien. Eines sah ich daran Knospen abbrechen, schälen und fressen – mögen Eichhörchen Salat?

Arztanweisungsgemäß dehnte ich die Hüftmuskulatur und walkte mich mit der Faszienrolle. Meine Suche nach Anweisungen auf YouTube ergab, dass sich bei Letzterem bereits verschiedene Schulen gebildet haben, deren Regeln einander widersprechen, die alle eine Kausalkonstruktion zur Begründung vorweisen können – natürlich keine davon durch Messungen/Empirie belegt. Wie halt bei fast allen anderen Sportanweisungen auch (z.B. beim Thema Aufwärmen, Sporthäufigkeit, Nahrungsergänzungsmittel); es wird lustig rumgemeint. Ich werde ausprobieren müssen.

Zum Frühstück holte ich Semmeln, aß sie mit Frischkäse und Bergamotte Curd – schmeckte nur leicht anders als das von schlichten Zitronen (ich muss mal zum Vergleich eines aus Amalfi-Zitronen machen, die sehr charakteristisch riechen). Nachtmittags buk ich aus einem übrigen Apfel und Blätterteig aus der Gefriere Apfeltaschen.

Internet- und Zeitunglesen. Abens kochte Herr Kaltmamsell Rindsrouladen, ich steuerte das Kartoffelpü bei.

Die Rouladen waren wunderbar zart geworden und schmeckten sehr gut, der Kartoffelbrei eher bröcklig, weil die Kartoffeln speckig gewesen waren.

Im Fernsehen ließen wir dazu Vier Hochzeiten und ein Todesfall laufen – meine Güte, waren da alle noch jung! Ist ja auch schon 26 Jahre her, dass der Film in die Kinos kam – /o\.

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Eine Liebeserklärung an Irland in einem Twitter-Faden.

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Vergangene Woche viel durch mein Internet gereicht: Ein Interview mit der Holocaust-Überlebenden Regina Steinitz.
„Jüdin Regina Steinitz: ‚Mein Liebling, auch du hättest dein Maul gehalten'“.

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Gute Besprechung von Bov Bjergs Serpentinen im Tagesspiegel:
„Neues vom ‚Auerhaus‘-Autor
Bov Bjergs Roman ‚Serpentinen'“.

Auch auf SWR2 wird der Roman eingehend besprochen, von Carsten Otte als „Buch der Woche“. (Im eingebundenen Facebook-Video wird der Buchtitel immer „Seapmtihn“ ausgesprochen – ich kann mir vorstellen, dass das Bov gefällt.)

Journal Freitag, 24. Januar 2020 – Amselimmobilienkrise und Beifang aus dem Internetz

Samstag, 25. Januar 2020

Wie schon in der Nacht zuvor richtig gut geschlafen. Da ist SO SCHÖN.

Gangbild deutlich verbessert, Schmerzen deutlich geringer – schon verfiel ich beim Gehen gedankenlos in mein gesundes Tempo. Sofortiger Hüftprotest bremste mich dann.

Geradezu fröhlich Dinge abgearbeitet, derzeit liegt mir nichts quer im Magen.
Mittags zwei Brezen, ein Stückchen Käse, eine besonders gute Orange.

Mit der U-Bahn eine Station gefahren, im Vollcorner eingekauft und Leergut weggebracht. Sehr langsam heimspaziert. Nächste Woche nehme ich statt öffentlicher Verkehrsmitteln lieber das Rad, damit vermeide ich deutlich mehr schmerzhaftes Gehen – gestern war ich schon wieder bei weit über 10.000 Tagesschritten.

Vor unserem Haus wieder mehrstimmiges Amslerichgebrüll: Ich nehme an, dass sich die Wohnungsnot in der Münchner Innenstadt auch auf die Vogelwelt auswirkt und man sich in Amselkreisen besser mal rechtzeitig das Revier freiflötet.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell verabredet. Als Aperitiv servierte ich uns Oliven, eingelegten Ziegenkäse und Moscow Mules, Herr Kaltmamsell bereitete Miesmuscheln in Sahnesoße zu, mit Lauch, Karotten, Speck, dazu gab es einen galicischen Marisa blanco. Alles ganz ausgezeichnet, zum Nachtisch Schokolade. Früh ins Bett.

Über „Be the best version of yourself“ nachgedacht. (Anlass war der Anblick einer Frau auf der Straße, zu der die innere Mama-Off-Stimme meiner Kindheit zischte: „Wenn die bloß ein paar Kilo abnähme, wäre sie eine Model-Schönheit.“) Was ja gern als Gegenbewegung zur Selbstoptimierung verkauft wird. Erstens: Wer legt fest, was „best“ ist? Zweitens: Bei der entsprechenden Veranlagung sieht man immer eine Steigerungsmöglichkeit – und kann sich mit diesem Leitsatz immer ungenügend fühlen. Ergo: Ein weiterer Garant für Unglücklichsein.
Ja älter ich werde, desto mehr kann ich Durchwurschteln feiern: „Be the version of yourself you get along with most easily.“
Nicht als Patentrezept! Kein Patentrezept berücksichtigt, wie verschieden Menschen sind.

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Das darf NIE normal werden und nur ein Schulterzucken auslösen: Der Journalist Hasnain Kazim schildert, wie es ist, auf Todeslisten zu stehen und täglich Morddrohungen zu bekommen.
„Hass gegen Journalisten:
‚Und morgen bist du tot!'“

Ich lese auf Twitter und Facebook Sprüche von Betroffenen wie „Morddrohungen sind für mich ein Ansporn, weiterzumachen!“, „Jetzt erst recht!“ oder „Ich bleibe stark!“ Das ist gut, aber es ändert nichts an dem strukturellen Problem, nämlich dass wir eine Menge Leute in unserer Gesellschaft haben, die Morddrohungen für eine legitime Meinungsäußerung halten.

Vorher hatte Nicole Diekmann im Branchenblatt journalist auf der Basis ihrer vielen Jahre Online-Erfahrung einen Essay geschrieben, in dem sie mit der Blasiertheit der traditionellen Medienwelt gegenüber Social Media abrechnet:
„Wir dürfen Twitter und Facebook nicht dem Mob überlassen!“

Aber ich habe auch eine Überzeugung, und deshalb gehe ich weiter in die Fußgängerzone, um mal im Bild zu bleiben. Zwar mache ich da einen Bogen um Pöbler – wenn mich einer von denen belästigt, dann allerdings reagiere ich. Und sei es nur mit dem höflichen Hinweis, dass diese Art der Kommunikation weder meine ist noch die aller anderen Leute in der Fußgängerzone.

Denn wenn ich nicht mehr hingehe und andere sich ebenfalls zurückziehen, dann passiert das, was Kriminologen „Broken Windows Theory“ nennen. Die besagt, dass ein Stadtviertel schneller von Kriminellen heimgesucht wird, wenn es verwahrlost. Ein zerbrochenes und nicht ersetztes Fenster in einem Haus hier, nicht weggeräumter Müll auf der Straße da – das Signal ist: Hier kümmert sich niemand um Recht und Ordnung. Diejenigen, die an einem Leben in Ruhe und Frieden interessiert sind, ziehen weg. Das Stadtviertel geht vor die Hunde.

Exakt das ist mit Social Media passiert.

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Smilla ist wieder da! Sie ist mit ihrem einstigen Blog Anders anziehen umgezogen und schreibt jetzt als Smillas Blog über Menschen und Orte.

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Lydia gibt einen weiteren Einblick in ihren Alltag als Blinde und erklärt:
„Der Blindenstock in der Praxis“.
(Blogs sind toll.)

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Hazel Brugger über Geschwisterliebe (und auf Schwyzerdeutsch – ich habe nur 10% nicht verstanden).

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https://youtu.be/jMzl0HGRMkE

Geschwister sind sowas wie Übungsmenschen für echte Menschen!

(Es gibt Untertitel hinter dem Zahrad.)

via @DieJuramama

Journal Donnerstag, 23. Januar 2020 – Kampf dem Hüftschmerz!

Freitag, 24. Januar 2020

Früher Wecker, damit ich früh in die Arbeit kam, um vor dem Orthopädentermin noch Dinge wegschaffen zu können.

An der Anmeldung der Artpraxis wurde mir angeboten, die übermittelte MRT-Diagnose für meine eigenen Unterlagen auszudrucken (gute Idee!). Jetzt weiß ich also, dass das MRT auch eine Zyste im Gelenk sichtbar gemacht hat.

Dr. Orth 2 rekapitulierte gründlich alles bisher Erhobene und nahm die MRT-Diagnose dazu. Erst mal galt es demnach, die Entzündung zu bekämpfen: Spritze vor Ort, dann ein paar Tage Ibu-Geballere. Wenn das nicht hilft, wird in vier Wochen zu Spritze unter Durchleuchtung mit Kontrastmittel im OCM eskaliert. Meine Sorge, ich könnte mir das alles durch Fehlverhalten selbst eingebrockt haben, nahm er mir, als ich jammerte, dass eine künstliche Hüfte doch was für alte Menschen sei: Ach, es gebe schon 20-jährige, die eine neue brauchten.

Die Einstichstelle für die Spritze markierte Dr. Orth 2 nach Ultraschall und Knochentasten auf meiner Haut mit dem Kuli aus seiner Hemdtasche – wie man das halt beim Handwerken an der Wand macht, kenne ich. Dass man die Schreibtauglichkeit des Kulis erst mal ausprobiert, kenne ich auch – aber dass Herr Doktor das auf meinem Oberschenkel tat, irritierte mich.

Ich fragte den Arzt (samstägliche Anweisung von Herrn Kaltmamsell) auch zu genaueren Modalitäten empfohlener/erlaubter Bewegung: Möglichst wenig, was Schmerzen bereitet, zur Kräftigung lieber Halteübungen, und wenn Schwimmen geht Schwimmen. Na, geht doch.

Die Teilnahme an einer vormittäglichen Besprechung, bei der ich stehen musste und merkte, dass das nach der Spritze gar nicht gut tat, brach ich also kurzerhand ab – die Infos bekomme ich schon noch.

Mittagessen: Quark mit Orange und einer Hand voll Nüssen.

Und dann hatte ich gleich noch ein Orthopädiegespräch: Abschlussuntersuchung der Nach-Reha! Und als läse das Reha-Zentrum hier mit, saß mir eine ÄrztIN gegenüber. Die musste halt die Checkliste der Rentenversicherung abarbeiten und nahm meine Antworten „Deutlich schlechter, weil die Prämisse der ganzen Maßnahme falsch war“, „Ja, arbeitsfähig“ recht ungerührt auf. Ich zwang ihr ein paar Detailinformationen auf, inklusive der über die morgentliche Spritze, woraufhin sie mit Blick auf die anstehende Gymnastik- und Geräterunde doch nachdachte: Diese solle ich dann aber bitte nur sehr vorsichtig absolvieren, kein Risiko eingehen. Und mich überhaupt jetzt nach der Spritze ein paar Tage sehr schonen. (Die war doch von Herrn Kaltmamsell gezahlt!) Aber bitte: Ich ließ die beiden Geräte aus, die die Hüftmuskulatur beanspruchen.
Diese Frau Dr. Orth wies mich zudem eindringlich an, künftig die Hüftmuskulatur zu dehnen und Faszien zu lockern: Bei einem irgendwann anstehenden Ersatz des Gelenks wäre es sehr abträglich, wenn dann die Muskeln verkürzt seien.

Daheim hatte Herr Kaltmamsell schon fast fertig gekocht, ich musste nur noch die Einbrenn für das Karotten-Kartoffel-Kohlrabi-Gemüse machen und das Dressing für den Feldsalat (alles aus eben geholtem Ernteanteil). Nachtisch war Vanilleeis mit geschenktem selbst gemachten Eierlikör.

Im Bett Ali Smith, Autumn, angefangen, dass nächste Leserundenbuch.

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Vanessa Giese weilt nun schon die dritte Woche auf Erholungsurlaub auf La Gomera und bloggt davon, unter anderem mit wundervollen Fotos. Gestern erzählte sie:
„Tag 19 auf La Gomera: Flow“.

Gebe ich mich kreativer Arbeit hin, braucht es einen langsam Start, ein Eingrooven. Die gute Phase kommt ohnehin erst am Abend. Hektik hilft hier nicht.

Nun gehöre ich ja zu den Lerchen und bin am kreativsten sowie produktivsten früh morgens (don’t @ me, man sucht sich’s nicht aus). Was zur Folge hat, dass es während der Morgentoilette gern mal hektisch wird, weil ich zum eben niedergeschriebenen Blogpost weitere ungemein wichtige und supertolle Gedanken habe, die ich dringend noch einfügen will, bevor jemand kommentiert (meine ungeschriebene und nicht wirklich logische Regel: So lange niemand kommentiert hat, darf ich unmarkiert ändern). Also saß ich schon halbabgetrocknet und mit nassen Haaren auf meinem Bett und tippte ganz schnell, was mir gerade noch eingefallen war.

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Vergangene Woche in der Süddeutschen gelesen: Interview mit dem Mitarbeiter der Ausländerbehörde, über den Saša Stanišić in Herkunft ausführlich schreibt:
„Der Mann, der Saša Stanišić vor der Abschiebung bewahrte“.

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Nach 50 Jahren wurde Charles Dickens‘ David Copperfield neu verfilmt, die Besprechung in der Irish Times verspricht Großes:
„The Personal History of David Copperfield: Armando Iannucci delivers a minor miracle“.

The film begins in a theatre with the adult David (Dev Patel) reading the completed novel – or do we mean autobiography? – to a keen audience. That conceit allows the script to self-consciously correct itself as it misremembers and edits its own source material.

(…)

The most striking innovation is the diverse casting. It’s important to clarify what’s going on here. Cinematic depictions of 19th century London have traditionally underestimated the city’s racial variety, but the filmmakers are doing something more than merely reflecting contemporaneous demographics. Patel’s David is apparently the only person of South Asian descent in his immediate family. Steerforth (Aneurin Barnard) is white. His mother (Nikki Amuka-Bird) is black. The film profits from the sort of “racially blind” casting – and it does profit – that has long been commonplace in theatre. No term better sums up the Dickensian aesthetic than “generosity” and the busy clatter of cultures yells that word throughout.

Und der Trailer sieht gut aus!

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/oHG7FnBDY0Q

via @hughlaurie

Journal Mittwoch, 22. Januar 2020 – Freier Tag durchgetaktet, ärztliche Bestürzung

Donnerstag, 23. Januar 2020

Urlaubstag, den ich genommen hatte, um alle Vorhaben unterzubringen.

Nach guter Nacht war der erste Termin ein MRT meiner schmerzensreichen Hüfte. Dieses Radiologiezentrum besuchte ich in den vergangenen vier Jahren zum mindestens vierten Mal – ich war versucht, mich nach Streifenkarten zu erkundigen. Für meine Hüfte war es allerdings eine Premiere – die, so erwies sich, um einiges früher hätte stattfinden müssen: Der alte Radiologe machte ein so bestürztes Gesicht, als er mir die deutliche Arthrose des Gelenkkopfs und die resultierende deutliche Entzündung des Gelenks zeigte, und ich dauerte ihn offensichtlich so sehr, dass ich fast in Tränen ausgebrochen wäre. Was nun zu tun sei, meinte er, müsse aber der Orthopäde sagen.

Im Bus zurück nach Hause verspürte ich Erleichterung: Tatsächlich hatte ich befürchtet, wieder hilflos ohne greifbare Diagnose dazustehen.

Nächster Programmpunkt: Vorbereitung des Mitbringessens für eine abendliche Geburtstagseinladung, nämlich Buschbohnen und Mangetouts mit Haselnüssen und Orange. Die Schüssel, in der ich den Salat mitbrachte, sollte gleich das Geburtstagsgeschenk sein.

Zum mittäglichen Frühstück gab es eine große Portion Porridge mit Joghurt und Quitten in Sirup.

Den Nachmittag verbrachte ich in Hadern bei der Wahlhilfeschulung. Diesmal ging es um die Modalitäten der Kommunahlwahl am 15. März mit Stimmauszählung auch am 16. März (wofür der Arbeitgeber freistellen muss; ich habe mir lieber einen Tag Urlaub genommen, das geht meinen Arbeitgeber nichts an) und der sehr wahrscheinlichen OB-Stichwahl am 29. März. In München sind das drei Wahlen: Oberbürgermeister oder -bürgermeisterin, Stadtrat (80 Sitze = 80 Stimmen), Bezirksausschuss. Das ist nicht nur fürs Wahlvolk recht komplex (kein Wunder, dass die Stadt eine Teilnahme an dieser Schulung für Wahlhelfende zur Pflicht macht, wir müssen ja Auskunft geben können), sondern wird auch richtig viel Arbeit. Ich bin auch diesmal wieder Schriftführerin und habe zusätzlich den Wahlkoffer mit Laptop zur Übertragung der Ergebnisse zu bedienen, fühle mich jetzt aber gewappnet. Die anderen neun Wahlhelfenden im Raum waren alle aufmerksam und schnell von Begriff, alle Zwischenfragen halfen dem Verständnis.

Die Schulung selbst und die Unterlagen waren noch besser strukturiert als die letzten Male, das Wahlamt München macht hier einen wirklich guten Job. Für den Termin war ich weit, weit gefahren: Er fand im Nebenzimmer einer Wirtschaft statt, für mich Innenstadtpflanze fühlte sich die Gegend um den U-Bahn-Halt Haderner Stern schon gar nicht mehr nach München an.

Nicht immer nur die hübschen U-Bahnhöfe fotografieren.

Mit ein paar Minuten Verspätung kam ich direkt von dort zu meinem Friseurtermin. Diesmal hatte ich mir als Wunsch ausgedacht, das Ganze gröber durchzufransen, dafür nicht ganz so kurz, aber wieder Fülle weg. Genau das bekam ich, inklusive Hinweis, dass es für die Sichtbarkeit der Fransen Stylingprodukt braucht.

Von dort aus wieder direkt zur Geburtstagsfeier, die in derselben Gegend der Stadt stattfand. Das Gemüse hatte Herr Kaltmamsell von daheim mitgenommen, er war ebenfalls Gast. Dann doch sehr erledigt nicht lange geblieben.

Journal Dienstag, 21. Januar 2020 – Bov Bjerg, Serpentinen

Mittwoch, 22. Januar 2020

Im Bett Serpentinen von Bov Bjerg ausgelesen, das mir der Claassen-Verlag als Leseexemplar geschenkt hatte. Erst mal geschluckt.

Serpentinen ist ein Männerbuch, erzählt Männerdinge – von Vätern und Söhnen, von Freunden und Brüder -, von einem Mann erzählt. Ein Männlichkeitsroman? Auf jeden Fall ein bitterer, schmerzlicher. Keine Spur ist geblieben vom ausgelassenen Lachen in Auerhaus, vom komischen Blick in Die Modernisierung meiner Mutter: Geschichten. (Auch wenn eine Kaltmamsell drin vorkommt, also eine echte bei einer Feier.)

In Serpentinen fährt ein Erzähler mit seinem Sohn in Grundschulalter in der Schwäbischen Alb herum, aus der er stammt. Schon im ersten Kapitel wird klar, dass er nicht gefunden werden will, dass er auf den Spuren seiner Kindheit unterwegs ist, dass er einen Weg aus dem Teufelkreis sucht, der seinen Vater, Großvater, Urgroßvater in den Suizid gesogen hat. Auch dass er Alkoholiker ist wie sein Vater.

Man könnte Serpentinen als Fortsetzung von Auerhaus lesen: Der Ich-Erzähler trägt sich im Hotel als Höppner ein, ein Frieder taucht auf. Der Ich ist weggegangen nach Berlin, ist aus seinem Herkunftsmilieu ausgebrochen, Professor für Soziologie geworden (ausgerechnet – und ja: Eine ausführliche Anspielung auf Didier Eribons Rückkehr nach Reims legt noch eins drauf, dann ist das Leben halt rekursiv). Die vielfältigen Fremdheiten, die dieser Ausbruch nach sich zieht, prägen sein Leben in Berlin.

Das im Jetzt Erlebte steht auf derselben Erzählebene wie Vorgestelltes und Erinnertes – immer wieder tauchen die Fossilien in der und aus der Schwäbischen Alb auf, die schon die Jury des Bachmannpreises als Allegorie auf des Erzählers Suche nach seiner Vergangenheit las. Vor allem aber sind sie ebenso interpretationsbedürftig und unzuverlässig wie Erinnerungen, wie Vorstellungen. Die Bewegung der Serpentinen findet ihre Fortsetzung im wiederkehrenden Bild von Fließendem, von Wassern und Rinnsalen, die sich vereinen und auf das eine große Wasser zufließen.

Parallele zwischen Form und Inhalt: Die titelgebenden Serpentinen spiegeln sich in der Erzählstruktur. Bestimmte Elemente und Passagen tauchen immer wieder auf, „Um was geht es“, die Vorstellung von den Rinnsalen, der um den Tisch laufende Vater, „ersoffen, erschossen, erhängt“, die Braut und zukünftige Witwe. Als Leserin kommt man immer wieder daran vorbei wie auf Serpentinen an der immer gleichen Aussicht aufs Tal – die sich durch die leicht wechselnde Höhe dann doch immer wieder ein wenig unterscheidet.

Der Erzähler erinnert sich an Brutalität und Willkür, mit denen er aufgewachsen ist – und muss sich dann doch zusehen, wie er immer wieder selbst empathielos auf seinen Sohn losgeht. Wie „der Junge“ das alles wahrnimmt, bleibt schemenhaft, ebensowenig greifbar wie alle anderen Figuren der Handlung. Sehr konkret ist der Umgang von Vater und Sohn miteinander: Anders als in der Literatur gewohnt ist er handfest mit Erinnerungen an Babywickeln, auf dem Arm Halten, Krankenpflege, dieser väterliche Blick enhält auch Sorge um kalte Füße.

Im Erzählfluss immer wieder kleine Strudel um kryptische Einwürfe, manchmal verliert sich der Erzähler ganz in seinen inneren Schrecken, die Tragödie scheint unausweichlich. Mir hat die Lektüre weh getan.

§

Ja mei, Ibu hilft halt nicht immer, in diesem Fall auch nicht das vorhergehende Entspannungsbad: Lange schmerzbedingte Schlafpause in der Nacht.

Diesmal früh genug von daheim losgekommen, dass die U-Bahn noch einen Sitzplatz für mich hatte, die ersten Seiten Zeitung gelesen.

Viel gearbeitet, vor allem aber: Einen Augenblick lang vergessen, innerlich vor dem Angstprojekt davonzulaufen und – ZACK! – weiß ich, wie’s gehen kann und bin so große Schritte weiter, dass es kein Angstprojekt mehr ist. Auch sonst beim Machen und Organisieren auf keine Hindernisse gestoßen, mit schwierigen Dingen nicht allein fertigwerden gemusst.

Nach der Arbeit nur ein kurzer Abstecher zur Apotheke. Nachtmahl war ein Kichererbsen-Süßkartoffel-Curry aus der Hand des Herrn Kaltmamsell.

Journal Montag, 20. Januar 2020 – Den Muskeln beim Atrophieren zusehen

Dienstag, 21. Januar 2020

Sehr gut geschlafen (diesmal wieder mit Ibu), nur zu wenig – acht Stunden reichen derzeit wohl nicht.

In der Nacht war ein wenig Schnee gefallen, der sogar auf Bäumen und Hausdächern liegen blieb. Deshalb und wegen des Projekts MWB Möglichst Wenig Bewegung (OH MEIN GOTT DABEI HABE ICH DOCH IN DER REHA GELERNT DASS SCHON NACH WENIGEN TAGEN DIE UNGENUTZTEN MUSKELN ATROPHIEREN !!!EINSELF!!) beschloss ich vom Rad auf ÖPNV zu wechseln und kaufte gleich eine Wochenkarte.

Ich lernte umgehend die Auswirkung einer 15 Minuten späteren Fahrt als sonst: Sehr, sehr volle U-Bahn.

Besprechungszimmeraussicht (Musik dazu).

Den Bürotag über merkte ich, wie tief in mir sitzt, mich möglichst viel zu bewegen, also Treppen bis zum 4. Stock immer zu Fuß, lieber einen Umweg nehmen, jede Gelegenheit nutzen aufzustehen und zum Kollegen / zur Kollegin / zum Drucker zu gehen, lieber zum weiter entfernten Klo. Und dann wurden meine guten Vorsätze gleich mal durch Aufzugprobleme durchkreuzt: Die Geduld, mehrer Minuten auf den einen funktionierenden von drei Aufzügen zu warten, brachte ich einfach nicht auf und nahm doch wieder mehrmals die Treppe.

Nach der Arbeit fuhr ich für Besorgungen mit der U-Bahn zum Odeonsplatz, ging besorgend von dort nach Hause – und ZACK war ich schon wieder bei über 10.000 Tagesschritten. Die letzten paar Hundert davon erstaunlich schmerzhaft.

Herr Kaltmamsell servierte ein Glas Schaumwein und dann einen Schwarzkohleintopf vor allem aus Ernteanteil.

Seine gestrige Gesundheitsanweisung: ein Entspannungsbad nehmen. Ich folgte wieder und genoss das Bad.

§

Ein aufschlussreiches, weil differenziertes Interview mit einem jungen Berliner Jugendrichter:
„Sex, Dönerraub und Autorennen
Richter Sebastian Abel über die Dramen der Berliner Jugend“.

via @miriam_vollmer

Müssen Sie im Gericht Probleme ausbaden, die die Gesellschaft verursacht hat?
Vorm Jugendgericht werden wir Zeugen individueller Dramen. Nicht jeder Fall, den wir hier haben, ist ein Spiegel gesellschaftlicher Probleme. Als Jugendrichter entscheide ich nicht über Fehlentwicklungen in der Gesellschaft, sondern über einen konkreten Fall. Das ist schon schwierig genug. Selbst wenn es gelingen würde, an jeder Stelle gesellschaftspolitisch gegenzusteuern: Jugendkriminalität wird es immer geben.

§

Modeste erzählt von einer Begegnung:
„Kleines Mädchen“.


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