Archive for 2025

Journal Montag, 6. Oktober 2025 – Beginn einer neuen Wanderschuh-Ära

Dienstag, 7. Oktober 2025

Vor Wecker aufgewacht, Wecker trotz Urlaub, weil ich Herrn Kaltmamsell vor der Arbeit Milchkaffee servieren wollte.

Das Wetter war wie angekündigt weiterhin greislich. Also hatte ich für diesen Urlaubstag Schwimmen geplant, Basisziel war nämlich wegen Putzmann-Einsatz Abwesenheit aus der Wohnung. Von England aus hatte ich noch auf einen Wandertag gehofft (jetzt wo ich so schön drin bin), doch die Wettervorhersage machte das schon seit einer Weile sehr unwahrscheinlich. Diese dritte Urlaubswoche ist ohnehin angenehm unverplant: außer irgendwann Wandern, irgendwann Joggen, Brotbacken, Museumsbesuch (offen sind unter anderem Ägyptisches Museum, Pinakothek der Moderne, Sudetendeutsches Museum), Trifle-Machen hat das Planungszentrum meines Hirns nichts produziert.

Früher als an einem freien Tag ideal machte ich mich aufbruchfertig: Herr Kaltmamsell hatte von der Möglichkeit gesprochen, dass der vertraute Herr Putz früher als sonst auftauchen könnte. Den Aufbruch selbst zögerte ich dann raus mit Räumen (u.a. Sauerteig-Auffrischen für potenzielles Brotbacken), bis sicher war, dass er doch nicht früher kam. Außerden nutzte ich die Zeit für nicht-private, nicht-berufliche Korrespondenz (u.a. Umsetzung des Kammerspiel-Abos auf digital – ein verheerender Prozess, Lehrbuchbeispiel für So Nicht).

Ende des Draußenschwimmens, ich nahm eine U-Bahn ins Olympiabad.

Angenehmes Zurückkommen, gutes Schwimmen, ich genoss auf meinen 3.000 Metern das warme Wasser ganz besonders (fand es sogar ein Grädlein zu warm?).

Zum späten Frühstück wollte ich ein Café ausprobieren, das seit Jahren auf meiner Liste steht: das Café Rosi an der Ludwigsbrücke. Ich ließ mich von Tram und S-Bahn in die Nähe fahren und spazierte unterm Regenschirm hin. Es stellte sich als rustikaler heraus, als ich erwartet hatte, aber durchaus einladend:

Ich bestellte das Rührei-Crossaint, das nicht nur mit Rührei gefüllt war, sondern auch mit Käse überbacken: Gut und angenehm sättigend. Dazu las ich die Süddeutsche des Tages.

Nächster Programmpunkt: Neue Wanderschuhe, nach der Beerdigung meiner 30 Jahre alten in England ein sensibles und emotionales Projekt. Doch ich wurde aufs Schönste aufgefangen.

Dass der Globetrotter-Laden am Isartor im Untergeschoss eine riesige Auswahl an Wanderschuhen anbietet, wusste ich bereits; ich hoffte, dass ich dort auch das aktuelle Nachfolgemodell (Trekker LL) der verendeten von Lowa anprobieren können würde. Es war wenig los, doch weil hier wirklich eingehend beraten wurde, wartete ich – entspannt und gerne, weil ich ebenso eingehende Beratung erwartete. Die bekam ich dann auch: Herr Wanderschuh hörte sich meine Wünsche und meinen Abschiedsschmerz an und bat mich dann kurz zu warten, er schaue mal, was er da habe (die Vorgabe Leder kommentierte er ausführlich: ja, viel haltbarer, braucht aber Pflege, und die Leute wollen einfach lieber Goretex).

Er verschwand einige Minuten im Lager: Stellte sich heraus, dass all die Wände mit Dutzenden Metern Regalen voller Schuhe keineswegs das gesamte Angebot zeigen. Und so probierte ich nacheinander drei Paar, die er mir brachte und die verschiedene Aspekte meiner Wünsche abdeckten, lief mit ihnen ausführlich herum (während Herr Wanderschuh weitersuchte oder einen anderen Kunden beriet), unter anderem auf dem nachgebauten Wander- und Bergoberflächen-Parcour im weitläufigen Kellergeschoß (des Hauses, in dem einst Rieger-Pelze angesiedelt war, deren Radiowerbung ich bis heute im Ohr habe).

Bis ich sicher war: Das sind sie, in denen kann ich mich daheim fühlen. Das war ein sehr, sehr schönes Offline-Einkaufserlebnis.

Ich darf die Stiefel sogar zwei Wochen testtragen (nur drinnen natürlich), und sollte sich dann doch ergeben, dass sie irgendwo drücken, darf ich sie zurückbringen. Am Abend lief ich damit in der Wohnung herum, alles tutti. Am ersten Arbeitstag nächste Woche werde ich sie noch im Büro tragen, und Herumlaufen ist ja Teil meines Jobs – aber es würde mich sehr wundern, wenn ich dabei Druckstellen entdeckte.

Vom Hersteller Hanwag hatte ich noch nie gehört – vielleicht ein gutes Zeichen, dass sie ihr Geld in die Produkte statt ins Marketing stecken? Er bietet auch Neubesohlung an, das war mir wichtig. (Nachdem ich von dieser zwölfmaligen las, fühlte ich mich sofort wie eine Verschwenderin, weil meine alten mir nicht mal eine zweite wert waren.)
Leder-Wanderschuhe sind fast ein Familienmitglied, und ich setze darauf, dass das die letzten meines Lebens sind.

Nach dieser Aufregung (beim Zahlen konnte ich schier nicht den Anweisungen der Angestellten folgen) ging ich im leichten Regen heim, zog aber nach Abladen und Ausräumen nochmal los im wechselnd leichten Regen auf Lebensmittelkäufe.

Kurze Yoga-Einheit für Rumpf-Kraft, dann unterstützte ich Herrn Kaltmamsell bei der Nachtmahlzubereitung: Er hatte am Vortag Rinderbrühe gekocht, zu denen machte ich Griesnockerl – die wir beide lieben, für die es allerdings nie eine Gelegenheit gibt, und wenn, vergessen wir sie. Nicht gestern!

Wenn ich sie häufiger machte, bekäme ich wahrscheinlich irgendwann auch das Formen hin. Schmeckten aber hervorragend. Außerdem gab es das feine Rindfleisch mit Meerrettichsauce und (Ernteanteil-)Kartoffeln. Nachtisch Schokolade.

Journal Sonntag, 5. Oktober 2025 – Zurück im münchner Daheim

Montag, 6. Oktober 2025

Gut drei Stunden Schlaf bekam ich hin nach dem Heimkommen um sieben. Danach war ich für den Rest des Tages etwas benommen und schlecht konzentriert, litt aber nicht.

Das Wetter war kalt und greislich – gut für uns Oktoberfestopfer (letzter Tag). Doch auch ich habe mittlerweile ein Oktoberfestritual: Ich holte im U-Bahnhof Sendlinger Tor beim Rischart Riesenbreze zum Frühstück (die ist eigentlich Biergartenbesuchen vorbehalten). Eine halbe, weil mit Herrn Kaltmamsell geteilt, schmeckte nach Apfel und Körnersemmel besonders gut mit der salzigen englischen Butter, deren Rest ich mitgebracht hatte.

Danach war ich sehr müde, traute mich aber nicht Siesta zu machen, weil ich meinen Schlafrhythmus nicht völlig aus der Kurve kegeln wollte.

Internetlesen, Gepäck verräumen, während draußen Wind wehte und Regen prasselte, die Heizung war längst aufgedreht.

Im Briefkasten hatte die Bitte um Teilnahme an einer Umfrage zum benachbarten Nußbaumpark gelegen, Absender AKIM – das Allparteiliche Konfliktmanagement in München. Über den aufgedruckten QR-Code folgte ich ihr, allein schon um die Mühe würdigen, die am stärksten von den Missständen Betroffenen einzubeziehen. Aber ich weiß doch auch nicht, wie man sie lösen kann.

Vielleicht, ging mir letzthin auf, mache ich ja doch echtes Yoga, nämlich als ich mal wieder einen Selbsterfahrungstext einer Yoga-Fan las, die nach Jahren begriff, dass es dabei gar nicht um perfekte Posen und um Leistungssteigerung geht. Ähm, eben. Sich durch Bewegungsabläufe führen lassen, Anleitung zur Atmung dabei bekommen, immer wieder angestupst werden, dabei den eigenen Körper wahrzunehmen: All das bedeutet Yoga für mich. Und ich bin fast jedesmal eine andere am Ende der Einheit als ich zu Beginn war (was allerdings bei mir auf jede Sport-Einheit zutrifft). Darf ich das Angebot höherer Bewusstseinsebenen einfach dankend ablehnen und bei Freude an Bewegung bleiben? Die ja sehr wohl meinen Alltag beeinflusst durch aufmerksamere Körperhaltung und einige Techniken, bestimmte Verspannungen selbst am Schreibtisch zu bearbeiten.

Gestern freute ich mich besonders auf eine Runde Yoga: Endlich wieder auf einer richtigen Yoga-Matte mit Griffigkeit, der Reise-Ersatz hatte deutlich mehr Anstrengung beim Halten von Ausfallschritten und Co. erfordert.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Hokaido-Kürbis aus Ernteanteil als Schnitze aus dem Ofen, ich richtete den mitgebrachten englischen Käse an:

Von oben im Uhrzeigersinn: Cotswolds Blue (bereits halbiert), Blacksticks Blue aus Lancashire, Cornish Yarg (in Brennesseln), Gorwydd Caerphilly.

Dazu ein netter französischer Rosé, der sich vor allem mit dem (überreifen, aber gar nicht scharfen) Cotswolds Blue verstand. Mein Liebling war aber der Caerphilly – den ich diesmal im Supermarkt gar nicht gesehen hatte, wo ich doch bislang glaubte, dass er ein Standard in UK ist. Nachtisch reichlich Schokolade.

Draußen leuchteten in der regnerischen, kalten Nacht nochmal die Lichter des Oktoberfests, ich hörte und roch es auch – stellte mir auch dieses Jahr vor, wie ich um 22:30 Uhr zur letzten Schließung der Festzelte mit Wunderkerze auf dem Balkon stand, freudeberauscht “NUUUUUL!” und “AUSIIIIIS!” brüllte. Was ich vielleicht irgendwann doch machen werde.

Abentunterhaltung der Beginn der dritten Staffel Mad Men, im Bett neue Lektüre: Tonio Schachinger, Nicht wie ihr, nahm mich mit nach Wien, und ich freute mich, wie viel ich nach dem Urlaub dort mit den Ortsangaben anfangen konnte.

Lichtaus zur üblichen Zeit, war auch nach der fast durchgemachten Nacht kein Problem.

Journal Samstag, 4. Oktober 2025 – Rückreise nach München, zu lange

Sonntag, 5. Oktober 2025

Reisetag, Brighton verabschiedete mich sonnig.

Letzter Ferienwohnungsblick.

Ich hatte viel Zeit, ein wenig Bammel allerdings vor der langen Nacht (planmäßig Abreise London 15:03 Uhr, planmäßige Ankunft München 06:03 Uhr). Dann wieder wurde am Freitag und gestern der Münchner Flughafen jeweils wegen Drohnensichtungen gesperrt (Sind “Drohnen am Flughafen” jetzt die “Personen im Gleis” der Flugzeugreisenden?), eine Flugzeug-Rückreise hätte sehr wahrscheinlich mindestens so lang gedauert. (“NEUNZEHN Stunden Zugfahrt?! Da hättst ja gleich fliegen können, hahaha.”)

Erst beim Ticketkauf am Bahnhof Brighton wurde mir klar, dass es eine Zugverbindung direkt zum Bahnhof London St. Pancras International gab, an dem der Eurostar abfährt (und ankommnt) – das macht München-Brighton per Zug ja noch attraktiver. Zurück ging es statt über Paris über Brüssel: Diese Verbindung war laut beratender Bahn-Ticketverkäuferin im Mai verspätungssicherer, Umsteigen zwischen Brüssel und München in Köln (oder Siegburg/Bonn, wie es jetzt, fünf Monate nach Buchung angezeigt wurde).

Ein wundervoller Tag, ich sah auf der Fahrt nach London begeistert in den Frühherbst vorm Fenster.

Am Bahnhof St. Pancras wollte man mich noch nicht in den Eurostar-Wartebereich lassen. Ich hatte eh ordentlich Frühstückshunger, also schloss ich meinen Englandurlaub kulinarisch mit Full English Breakfast ab.

Nicht richtig sichtbar: Black pudding (super!) unter dem Rösti, Bratwurst und Bacon, insgesamt eine sehr zufriedenstellende Mahlzeit (nur die Kartoffelwürfel ließ ich liegen), die bis in die Nacht sättigte.

Ankunft in Brüssel mit einer halben Stunde Verspätung, das verkürzte meine zweieinhalb Stunden Wartezeit auf den Anschlusszug. Erster Zeitvertreib im Brüsseler Bahnhof: Klo-Suche, in Brüssel kann man Baustellen. Dann aber Erfolg an einem Bezahlklo, auch meine Wasserflaschen konnte ich auffüllen. Brüssel würde ich mir gerne mal ansehen, aber jetzt las ich einfach auf einer Bank im Bahnhof (die aktuelle Wochenend-Süddeutsche feierte 80 Jahre Süddeutsche mit vielen spannenden Rückblicken und Hintergrundgeschichten).

Abfahrt des sehr schicken ICE international verspätet, auch diesmal sah ich vor allem meine Wartezeit auf den Anschluss in Köln (oder Siegburg/Bonn?) verkürzt. Mehrfach bat der Zugchef in seinen Ansagen nachndrücklich darum, das eigene Gepäck niemals aus den Augen zu lassen – und verunsicherte mich damit, die ihren großem Koffer wie immer in die ersten Kofferablage beim Reinkommen geschoben hatte, die ich aber von meinem Platz aus nicht sehen konnte.

Abendessen gegen neun: Äpfel, Birne, Nüsse, Trockenpflaumen.

Der Zugchef hatte dann den Schlüsseltipp für Reisende nach München: Umstieg wie zur Zeit meiner Buchung in Köln ging eh nicht, weil der Anschlusszug dort nicht mehr hält – er empfahl Weiterfahrt bis nach Flughafen Frankfurt. Das war mir auch insofern recht, als ich mir von diesem Bahnhof Drinnenmöglichkeiten für über eine Stunde Warten erhoffte, auf die ich bei Umstieg in Siegburg/Bonn nicht wettete.

Eben freute ich mich noch, wie wach ich um diese eigentlich für mich längst Schlafenszeit war (Schlaf plante ich erst im letzten Abschnitt meiner Reise), da merkte ich bereits, wie schwer ich mich auf meine Lektüre konzentrieren konnte.

Das Warten am Bahnhof Frankfurt Flughafen erforderte dann Ausdauer und fast zwei Stunden – der nächste Zug kam deutlich verspätet.

Ich vertrieb mir die Zeit im unangenehm Kühlen mit einem Interview: “They Talk Tech” sprachen mit Katharina Borchert über “USA – was ist da los?” – ich genoss die liebe vertraute Stimme. Außerdem stromerte ich mit meinem Riesenkoffer durch die Gänge, damit mir wärmer wurde (Gastro um diese mitternächtliche Zeit längst geschlossen).

Warm wurde mir dann kurz vor Besteigen des Anschlusszuges: Gleisänderung drei Minuten vor Einfahrt, es war viel lustigen Rennens. So war ich auch wieder richtig wach und guckte endlich die lang eingemerkte Doku auf arte:
“Brainwashed: Sexismus im Kino”.

Wie einseitig, unrealistisch und schädlich die Darstellung von Frauen und ihren Körpern in Kinofilmen ist (u.a. Frauen als Objekt statt als Subjekt, ihre Körper immer über male gaze) war mir schon länger bewusst (was mir mittlerweile einige Lieblingsfilme vergällt hat), doch hier wird auch die Perspektive aus der Filmindustrie selbst, zuforderst aus Hollywood dargelegt. Zudem formulieren Forscherinnen und Filmschaffende explizit aus, welche Auswirkungen das auf scheinbar unbeteiligte gesellschaftliche Bereiche hat. Zudem merkte ich, dass selbst mit dem Bewusstsein dafür auch ich immer noch übersehe, wie gesetzt dieses visuelle Erzählen bis heute ist – ich hatte es in einigen der gezeigten Beispile nicht bemerkt, obwohl es doch offensichtlich war.

Dann war ich wirklich sehr müde. Schlafen konnte ich dennoch nur kurz, irgendwo um Stuttgart waren Erkan und Stefan (in heutiger Inkarnation) zugestiegen und hatten eine Riesengaudi.

Die letzten beiden Stunden sind bei langen Reisen immer die längsten. Und wenn dann noch der Zug anderthalb Stunden vor fahrplangemäßem Ankommen eine unerklärte halbe Stunde Stop and Go auf freier Strecke einlegt, wabert Verzweiflung am Horizont.

In München wartete der allerbeste Herr Kaltmamsell am Bahnsteig und nahm mir den Koffer fürs letzte Stück ab – hochwillkommene Unterstützung. Daheim um sieben nur schnell mitgebrachten Käse in den Kühlschrank gestellt, kurze Abendtoilette, ein Becher Milch mit Honig (hatte ich mir in den Stunden davor genau so vorgestellt), bei heruntergelassenem Rollladen ins Bett.

§

Dass das Maß des Jakobsweg-Tourismus inzwischen alle Vorstellungen sprengt, hatte ich durchaus mitbekommen; was die Reportage in der Süddeutschen schildert, ist allerdings komplett gruslig (€):
“Jakobsweg in Spanien
Wir sind dann mal zu viele”.

In den 1980er-Jahren erkannte der Ministerpräsident Galiciens, Manuel Fraga, der zuvor Tourismusminister unter Diktator Franco gewesen war, das ökonomische Potenzial des Camino. Um den Olympischen Spielen in Barcelona und der Weltausstellung in Sevilla (beide 1992) etwas entgegensetzen, entstand die Initiative „Xacobeo 93“. Der Camino Francés, die aus Frankreich kommende Hauptroute, wurde mit Kilometerangaben und Schildern versehen. Kirchen und Klöster wurden renoviert, Herbergen gebaut. 1993, ein heiliges Jahr in der Jakob-Logik, weil der Namenstag des Apostels auf einen Sonntag fällt, brachte den Durchbruch. Angestachelt von der Kampagne machten sich fast 100 000 Pilger auf den Weg.

In Deutschland machte das 2006 veröffentlichte, drei Millionen Mal verkaufte Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling den Weg beliebt. Jeder zwanzigste Pilger kommt laut einer Statistik des Pilgerbüros heute aus Deutschland.

(…)

Weniger als 1500 Menschen sind in Portomarín gemeldet, aber es gibt 2500 Gästebetten, sagt die Frau, die in der Kirche Pilgerpässe abstempelt. „Gestern war es Wahnsinn“, sagt sie, alle Unterkünfte seien ausgebucht gewesen, man musste Notbetten in einer Mehrzweckhalle aufbauen. Und als das nicht mehr reichte, wurden Pilger mit Bussen in die umgebenden Dörfer gefahren, wo sie übernachteten und am nächsten Morgen wieder nach Portomarín gebracht wurden, damit sie ihren Camino fortsetzen können.

(…)

Die Exzesse mancher Besucher dokumentiert ein Instagram-Account. @compostelaresiste, zu Deutsch „Compostela leistet Widerstand“, postet verwackelte Videos von Gruppen, die um vier Uhr morgens grölend durch die Stadt ziehen, zeigt Filzmarker-Schmierereien am Obradorio-Platz, an dem man sich laut Stadtverordnung nicht mal an die Säulen lehnen darf, Pilger, die mitten im Stadtpark ihr Zelt aufschlagen oder Leinen für ihre Wäsche aufspannen. Ein Besucher badet mit Hund im Barock-Brunnen am Praterías-Platz neben der Kathedrale. Und einer benutzt Relief-Figuren in der Fassade der Kathedrale als Kletterwand.

Journal Freitag, 3. Oktober 2025 – Nochmal Undercliff Walk, jetzt aber mit Regen

Samstag, 4. Oktober 2025

Letzter Tag in Brighton – und der begann nach wohligem Ausschlafen mit einer unangenehmen Nachricht. Nachts hatten die Ferienwohnungsvermieter eine mahnende E-Mail geschickt: Nachbarn hätten sich bei ihnen beschwert über “shouting and banging noises” aus meiner Wohnung. Um die Absendezeit der Mail schlief ich bereits tief, zum ersten Mal mit Ohrstöpsel, weil mich mehrfach Hundebellen geweckt hatte. Ich beteuerte natürlich meine Unschuld, verwies auf meine Alleinbewohnerschaft und drückte mein Mitgefühl mit den Nachbarn aus, sorgte mich jetzt aber um meinen AirBnB-Ruf. Vielleicht waren die Bewohner über mir mit fast durchgehendem Kleinkinder- und Abenteuerspielplatzlärm (der mir nichts ausmacht) ja auch lediglich Feriengäste: Dann könnte ich die Beschwerde verstehen.

Zum Glück kam bald eine beschwichtigende Antwort von den Vermietern: Es habe sich offensichtlich um eine Verwechslung gehandelt, alles gut.

Was mir auch nichts ausmachte: Das war nun wirklich echt ehrlich ein regnerischer Morgen. Helles, trockenes Wetter gefällt mir zwar besser, doch mein geplanter zweiter Undercliff-Walk-Lauf würde durch Regentropfen erst vollständig – und die bisherigen zwei Wochen England ohne Regen hatten eher Unheimliches geabt.

Eher spät kam ich los – und war draußen überrascht über die milde Luft. Diesmal spazierte ich an einen Startpunkt näher am Undercliff Walk, also weiter östlich, um weiter auf dem Walk selbst joggen zu können. Das Laufen bereitete mir sehr große Freude: der salzige Wind, das Rauschen der Wellen. Wenn sich auch bald linke Wade und Oberschenkelrückseite meldeten: Ich war entschlossen, mir das Vergnügen nicht trüben zu lassen.

Bei dem gestrigen Wetter war deutlich weniger los auf dem Undercliff Walk, der Anteil grüßender und lächelnder Menschen dabei deutlich höher.

Endlich den vertrauten Spitzspatz gesichtet, den ich am Dienstag vermisst hatte (schau’s halt genau hin: Wenn ich gut Vögel fotografieren könnte, würd’ ich’s ja machen).

Die vertrauten Klos am Weg waren neu hergerichtet, aus dem hochformatigen Spiegel war ein querformatiger geworden.

Pläne fürs späte Frühstück/Mittagessen hatte ich bereits: große Lust auf Pizza. Vor zwei Jahren hatten wir in North Laines eine mehr als anständige bekommen, dorthin ging ich wieder. Ich habe ja selten richtig Lust auf Pizza, aber dann genieße ich sie sehr.

Pizza Norma mit Aubergine.

Auch hier muss der Service wie bei uns ständig Italienisch-Fragmente in die Konversation mit der Kundschaft einbauen, anders als in deutschen Pizzerien wird man allerdings gefragt, ob man Pommes dazu haben möchte, und die Leute bestellen “Dips” für ihren Pizzarand (hatte ich schon wieder vergessen).

Spaziergang in den Stadtteil Kemp Town, so weit raus wie noch nie. Und das lohnte sich auch diesmal (deswegen mache ich es ja auch in München gerne): Unter anderem entdeckte ich ein Cabaret-Theater.

Sussex Dairy, heute der Off License The Boozy Cow.

Haus of Cabaret (nächstes Mal bestimmt). Auch in dieser Gegend auffallend: Die große Zahl kleiner Cafés – so viel Kaffee-und-Kleingebäck-Bedarf kann doch kein Stadtviertel haben?

Zurück ging ich fast ab Marina obenrum die Marine Parade entlang: Ich wollte den Weg, den ich regelmäßig jogge, von oben sehen. Zum Wind kam jetzt ein wenig Regen, erst als winzige Tröpfchen in der Luft, dann als größere. Egal, es war weiterhin so mild, dass mir das nichts ausmachte.

Blick aufs Schwimmbad vom Donnerstag.

Einmal alles inklusive West Pier in der Ferne.

Nachmittag in der Ferienwohnung mit Lesen am Tisch im Bay Window, während es draußen immer wieder regnete. Gemütlich! Doch als die Abenddämmerung nicht mehr zu übersehen war, zürnte ich: NOAAAAAIN! Nicht aufhören, letzter Tag in Brighton! Eigentlich bin ich ja gewohnt, dass ich bereits ein, zwei Tage vor Rückreise mit dem Kopf zurück daheim bin, diesmal klammerte ich mich an jeden Anblick, jedes Lüftchen in der Ferne. Und so merkte ich: Fünf Tage Brighton reichen mir nicht, auch ohne Abstecher nach London und mit eigentlich keinem Programm.

Nach Yoga-Gymnastik zum Nachtmahl gründliches Aufräumessen: Letzte rote Paprika mit restlichem Hummus, am Vortag gekaufte Körnersemmel mit Butter, ein Becherchen Fertig-Trifle (erstaunlich gut, aber ich muss es dringend mal wieder selber machen – habe ja noch eine Woche Urlaub), Birne mit Joghurt-Rest. Nachtisch Schokolade, davon werde ich allerdings einige heimnehmen müssen. Ich bin ohnehin gespannt, wie sehr ich mit meiner Schätzung von freiem Kofferplatz durch ein Paar Wanderschuhe weniger und ein Paar Turnschuhe weniger daneben liege.

Schließlich fand ich an diesem letzten Abend in der Ferienwohnung heraus, wie sich die Heizung anschalten lässt: Der Knopf an der Wand mit 15 Zentimeter Durchmesser wird durch richtiges Rumdrücken (falsches hatte ich gleich bei Ankunft probiert) zu einem Display, dass man unter anderem von “off” auf “Auto” stellen kann. Und schon werden die Heizkörper warm. Ahem.

Im Bett Gaea Schoeters, Lisa Mensing (Übers.), Trophäe ausgelesen – verstörend, aber auf eine ungewöhnliche und gute Weise.

§

Am 2. Oktober war fünfter Jahrestag meines neuen Hüftgelenks. Auch diesmal fiel mir das sehr deutlich ein: Ich bin weiterhin so dankbar dafür, dass die moderne Medizin mir eine Rückkehr in ein (zumindest dort) schmerzfreies, aktives Leben ermöglichte, und dass ich in jeder Phase dafür so ein Glück mit bestmöglichem Verlauf hatte.

§

Im aktuellen SZ-Magazin schreibt Marvin Ku einleuchtend hierüber (€):

Seit 20 Jahren spaltet der Begriff »Migrationshintergrund« unsere Gesellschaft. Doch selbst seine Schöpferin ist sich nicht mehr sicher, was er bedeutet. Wann sind Menschen mit ausländischen Wurzeln deutsch genug?

Er erzählt am eigenen Beispiel:

Ich bin deutscher Staatsbürger und das Kind deutscher Staatsbürger. Ich wurde in Kassel geboren und wuchs in einer Kleinstadt auf, die bekannt ist für ihre Liebe zu Wurst. Auch ich esse gern Wurst. Ich bin in einen evangelischen Kindergarten und aufs Gymnasium gegangen. Ich habe an einer deutschen Universität studiert, schreibe für eine deutsche Zeitung, die in Deutschland als sogenanntes Leitmedium gilt, und ich schreibe das alles auf Deutsch, weil es meine Muttersprache ist. Die größte Migra­tion, die ich durchgemacht habe, war von Hessen nach Berlin-Friedrichshain. Aber das muss man alles nicht wissen, um mir einen Migrationshintergrund anzuheften.

(…)

Es gibt auch eine amtliche Definition des Statistischen Bundesamts: »Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.«

Mir sieht man ihn nicht an, meinem Namen schon.
Und mir fallen viele Beispiele von Deutschen ein, die aufgrund dieser Definition keinen Migrationshintergrund haben, aber in einer so komplett anderen Kultur und Sprache als der deutschen groß wurden, dass ihre deutsche Umwelt sie in Deutschland immer wieder lotsen muss.

Es passt nicht in die Story, dass die wirtschaftliche Lage dieser Eltern, und da sind sich Bildungsforscher einig, deutlich wichtiger ist als ein Migrationshintergrund, um Bildungserfolg zu analysieren. Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, ist am niedrigsten bei einem Kind, dessen Eltern weniger als 2600 Euro netto im Monat verdienen, beide kein Abi­tur und keinen Migrationshintergrund haben. Am höchsten, wenn beide Eltern Abitur haben, mehr als 5500 Euro ver­dienen und einen Migrationshintergrund haben. Entscheidend ist nicht der Migra­tions­hintergrund, sondern das Geld.

Das Cover-Foto gefiel mir besonders gut.

Journal Donnerstag, 2. Oktober 2025 – Abenteuer in den Brighton Sea Lanes

Freitag, 3. Oktober 2025

Wieder gut geschlafen – das ist für mich weiterhin so wenig selbstverständlich, dass ich es festhalte. Es tagte wieder hell und freundlich – also ging ich doch nochmal das mit dem Schwimmen in den Sea Lanes an. Ich war 2014 in Tel Aviv im Januar draußen Schwimmen (allerdings noch mit Natur-Neopren), da würde ich das doch wohl in Brighton im Oktober schaffen!

Vorher aber gemütliches Bloggen, Internetlesen über Milchkaffee, Wasser, Schwarztee – ich wollte der Lufttemperatur etwas Vorsprung zum Warmwerden geben.

Selbst wurde ich warm beim halbstündigen Marsch raus zum Schwimmbad (auf der Website Fotos). Die Formalitäten waren dann einfach: Ich fand den Eingang leicht, einer Neu-Schwimmerin vor mir wurde eh alles erklärt, ich musste nur noch 11,45 Pfund zahlen (exakt so viel hatte am Vortag die Kino-Karte gekostet). Für einen Spind hätte ich ein Vorhängeschloss gebraucht (habe ein übriges daheim, beim nächsten Brighton-Urlaub mitnehmen), die Angestellte riet mir, mein Zeug einfach beim Pool in einem der offenen Fächer abzulegen.

Umkleiden und Duschen waren nicht nach Gender getrennt, aber in Einzelkabinen.

Nachher-Fotos:

Die wenig beschwommenen Bahnen (je 1-2 Schwimmer*innen), hier im Uhrzeigersinn (in Deutschland andersrum), sortiert nach Slow, Medium und Fast (“maximum 1 minute per length”), ein großes Schild erklärte freundlich ein paar Benimmregeln (z.B.: nicht zu lange am Rand rumstehen). Ich nahm die mittelschnelle Bahn und wurde nur einmal überholt.

Und fragte mich sofort beim Gleiten ins Wasser, ob ich mehr als vier Bahnen durchstehen würde, weil SCHEISSKALT! 19,4 Grad waren auf einer Tafel angeschrieben gewesen, aber ich konnte mir nichts darunter vorstellen – auch wenn ich nachgeschlagen hatte, dass Münchner Sportschwimmbecken auf 27 Grad Wassertemperatur geheizt sind.

Ich biss mich dann zu meinem Erstaunen durch 1.500 Meter, zum Schluss sogar in Sonnenschein. Mein Körper war von Anfang an so kalt, dass ich es nicht mehr als Frieren bezeichnen würde, ich schwamm einfach flott, und bei 1.500 Metern wollte ich nicht mehr. Die heiße Dusche tat gut, wärmte mich aber nicht durch. Trocknen und Eincremen ganz mechanisch, immer noch völlig steifes Haaretrocknen (Föhne wurden gestellt).

Auf den Spaziergang zurück Richtung Brighton merkte ich, dass mein Körper völlig überfordert war: “Was war das bitte gerade?!” Mir schwindelte, die Jeans fühlte sich eine Nummer zu groß an, ich gähnte in einem fort, Fersen (?) und Fingerspitzen blieben fast eine Stunde lang taub, im Hirn Splitterbombengefühl.

Ich hätte auch ein anderes Schwimm-(Bade-)becken haben können (Brighton Beach House).

Darauf einen Mittagscappuccino mit sehr englischer Aussicht (Leute bei Mittagessen vor Pub).

Apropos Körper: Ich bin begeistert von dem Blasenpflaster, das ich auf die große und scheinbar blöd platzierte Blase vom Joggen am Dienstag geklebt hatte. Der Schmerz war sofort weg, beim Gehen spürte ich dort nichts, und beim Schwimmen hielt sie perfekt. Es lebe der Fortschritt!

Frühstück um zwei: Vollkornsemmel mit viel Butter, Mango mit Joghurt.

Den Nachmittag verbrachte ich auf dem Sofa, las Zeitung, holte mir hin und wieder frisches Wasser, ging hin und wieder aufs Klo und merkte: Mir geht’s gut! So soll das doch im Urlaub.

Abendessen hatte ich schon mittags im Restaurant beschlossen, und um mir selbst spätere Unentschlossenheiten zu ersparen, gleich mal einen Tisch reserviert. In diesem Lokal war ich mit Herrn Kaltmamsell immer wieder in seinen verschiedenen Inkarnationen gewesen, aß jedesmal sehr gut. Nachfrage ergab als Konstante die Besitzer (bei denen ich zum Beispiel den spanischen Gewürztraminer von Enate kennenlernte), also ging ich diesmal wieder hin, obwohl mich das derzeitige Konzept, “Authentic Spanish Food and Drink”, sonst eher abschreckt (weil: und dann servieren sie nicht mal Brot zu allem, was die Basis der Authentizität wäre).

Spaziergang dorthin in wunderbarer Luft; ich ließ mich an der Bar platzieren.

Ich startete mit dem signature dish, den ich von meinem vorherigen Besuch dort in bester Erinnerung hatte: Goat’s cheese curros, also Churros mit Ziegenfrischkäse im Teig, darüber Trüffelhonig und geriebener Manchego – hervorragend. Dazu ließ ich mir einen Spangroni rühren, der den Negroni mit spanischen Zutaten und Grapefruit variiert (gut!).

Links gegrillter Oktopus mit Fenchel, viel Kartoffel und Zitrusfrüchten – die nicht wirklich zum Rauch-Aroma des Tintenfischs passten. Rechts Rote und Gelbe Bete mit gerösteten Haselnüssen und Chorizo-Öl – eine Hammer-Kombi, das baue ich nach. Beide Teller schwammen in köstlichen Sößchen, doch das Brot zum Auftunken musste ich als Extra-“Tapa” bestellen (sag ich doch). Als Wein hatte ich ein Glas Mencía aus der mir unbekannten Weingegend Monterrei bestellt: Passte überhaupt nicht, ein Fehlgriff.

Als Nachtisch Schokoladen-Ganache auf einem Orangenkeks: Eine etwas eigenartige Zusammenstellung, die ich nicht mit Besteck essen konnte und statt dessen Finger nahm.

Auf dem Heimweg genoss ich nochmal die milde Nacht, laut Wetter-App bei 17 Grad.

In der Ferienwohnung schaltete ich endlich mal den Fernseher an, hüpfte durch ettliche Reality- und Quiz-Shows – und war sehr amüsiert, als dies auftauchte:

In England läuft IMMER irgendwo Sound of Music, sag ich doch.

§

Was ich auch schon lange behaupte: Körper macht Gefühle. Dieser Artikel in der Süddeutschen dreht sich vordergründig um das Wahrnehmen von körperlichen Signalen; am interessantesten finde ich aber die Belege dafür, dass es physische Vorgänge sind, die Gefühle auslösen – was ich nur halb scherzhaft als “Somatopsychik” bezeichne (€):
“Interozeption
Wie man in sich hineinhorcht …”

Die Bedeutung der inneren Signale [wurde] in den vergangenen Jahrhunderten kräftig ignoriert. „Das Gehirn wurde als Kommandozentrale wahrgenommen und der Körper nur als ausführendes Organ“, sagt Johannes Michalak, der an der Universität Witten/Herdecke unter anderem zur Interozeption forscht. Angestoßen hat das Konzept der französische Gelehrte René Descartes, als er vor rund 400 Jahren den Leib-Seele-Dualismus ausrief. Aber das Gehirn verarbeitet nur Informationen, es generiert sie nicht. Daran ist der Körper ganz wesentlich beteiligt.

Auf die Idee, dass der Körper sogar eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Emotionen spielt, kamen der US-Amerikaner William James und der Däne Carl Lange sogar schon vor rund 150 Jahren. Die nach ihnen benannte James-Lange-Theorie besagt, dass der Körper wichtige Anstöße für Gefühle liefert. Demnach schlägt das Herz nicht schneller, weil man Angst hat. Vielmehr hat man Angst, weil das Herz schnell schlägt. Das Gehirn nimmt wahr, dass im Körper etwas los ist, und zieht daraus seine Schlüsse.

Die Theorie wurde über die Jahre vielfach kritisiert und auch durch Experimente stark infrage gestellt. Doch mittlerweile zeigen Daten, dass es die Entstehung von Gefühlen aus dem Körper durchaus geben könnte, wie Philip Tovote erzählt, der am Universitätsklinikum Würzburg zu den neurobiologischen Mechanismen der Interozeption forscht. So bauten Forschende aus Stanford vor zwei Jahren spezielle Gene in die Herzzellen von Mäusen ein, die sich durch Rotlicht aktivieren ließen und den Herzschlag der Tiere beschleunigten. „Sobald die Herzen der Mäuse schneller schlugen, zeigten diese verstärktes Angstverhalten“, sagt Tovote.

So ordne ich zum Beispiel meine Ängste beim nächtlichen Wachliegen ein: Da passiert irgendwas mit Stoffwechsel und Herzschlag, das mein Gesamtsystem als “Angst” einordnet.

Journal Mittwoch, 1. Oktober 2025 – Strandpromenade Hove und The Roses

Donnerstag, 2. Oktober 2025

Ich wachte nach gutem Schlaf auf zu fettem Halsweh – das hatte ich nun wirklich nicht kommen sehen. Zwar wusste ich, dass solches Morgenhalsweh beim Aufwachen am stärksten ist und dann abklingt, aber es passte wirklich nicht zu Schwimmen in 19 Grad kaltem Wasser unter freiem Herbsthimmel. Während ich mich am Vorabend noch enthusiastisch auf das Schwimmabenteuer gefreut hatte, war ich jetzt nur ein bisschen enttäuscht. Nächstes Mal. (Tatsächlich verschwand das Halsweh im Lauf des Vormittags völlig.)

Beim Einschlafen hatte die neue Blase vorm linken Fußballen zudem gehörig geschmerzt, vielleicht probierte ich einfach mal diese Rekonvaleszenz aus, von der man im strukturierten Sporttreiben manchmal hört.

Also stellte ich um auf Gammeltag (darf man das denn auf Reisen, statt die raren Tage in der Ferne zu NUTZEN?!), überlegte Spaziergänge durch Brighton.

Auf der Tonspur wurde seit dem Vortag beim Bewohnen der Ferienwohnung einiges geboten: In der Wohnung über mir hatte es am Dienstag Besuch von vielen Menschen gegeben, darunter einigen kleinen Kindern, die Abenteuerspielplatzlärm machten. Mindestens eines davon blieb über Nacht, am gestrigen Morgen war viel Streitens und Weinens. Die große Baustelle am Eck ging wieder um acht in Betrieb, doch der markerschütternde Baulärm mit Bohren und sonstigem Kaputtmachen kam direkt aus dem Nebenhaus auf der anderen Seite, an dem ein Baugerüst hängt. Noch fühlte ich mich nicht sehr gestört.

Das Spazieren führte mich erst durch den Ortsteil Seven Dials: Wenn ich schon gezielt eine Unterkunft darin gewählt hatte, sollte ich mich auch mal umsehen. Das bereitete Vergnügen: Viele kleine Läden, die Greek Bakery, an die Einheimische sofort bei Seven Dials denken (eigentlich eine Bäckerei plus Feinkostgeschäft), Pubs, Cafés.

Jetzt ging ich hinunter zum Meer und am Strand entlang bis ans Ende des (hervorragend ausgebauten) Wegs in Hove. Gestern sollte laut Vorhersage jetzt aber wirklich der letzte regenfreie Tag sein, ich bekam tatsächlich ein paar Regenspritzer ab.

Aus dem hölzernen Meeting Place war ein steinernes geworden.

Neue Scheußlichkeiten an der Strandpromenade.

Doch insgesamt wurde sehr deutlich, dass dieser Abschnitt bei Hove sich herausgeputzt hatte: Viel neue Gastronomie, viele neue Sportanlagen.

Am Ende des Wegs fiel mir schon von weitem ein Schild auf, das für “The Cheese Man” warb, eigentlich bereits im Industriegebiet.

Ich schaute in den kleinen Laden – und stieß zu meiner großen Freude auf ein Angebot an heimischem Käse. Gleich mal für daheim eingekauft.

Das setzte ich zurück in Brighton fort: In dem Weinladen an der Western Road, an den ich mich erinnerte, fragte ich nach heimischen Weinen, durch deren Weinberge ich beim Wandern gekommen war. Genau die hatten sie zwar nicht im Sortiment (Sekt von Wiston eigentlich schon, lediglich im Moment nicht), aber ich ließ mir Neues vom englischen Weinbau erzählen: Weiter hauptsächlich Schaumweine nach Méthode Champenoise, mit den dafür angebauten Pinot-noir-Trauben auch ein wenig Rotwein (sehr leicht), als Weißweintraube dominant Bacchus. Markterfolg bei Schaumweinen durchaus, andere heimische Weine seien vor allem zu teuer für große Akzeptanz (kann ich mir gut mit den kleinen Anbaugebieten und viel manueller, teurer Arbeit erklären). Als der freundliche Herr mir auch zwei Pinot gris vorstellte, schlug ich zu: Grauburgunder mag ich ja sehr gerne, ich freue mich auf einen Test daheim.

Mittagscappuccino am Norfolk Square, dann Rückweg hoch in die Ferienwohnung.

Immer wieder entdecke ich neue Gässchen und Durchgänge.

Kurz vor zwei gab es in der Ferienwohnung Frühstück: Birne, rote Paprika, Butterbrote. Den Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und Schreiben am Fenster. Und ich suchte mir einen Kinofilm aus: Das Odeon wird nämlich hinterm Baugerüst doch noch betrieben. Am späten Nachmittag spazierte ich zu einer Vorführung von The Roses mit Benedict Cumberbatch und Olivia Colman, Remake von The War of the Roses von 1989 mit Michael Douglas und Kathleen Turner.

Auffallend im Werbeblock: Einige Aufrufe zu Spenden für Organisationen, die aus deutscher Sicht staatliche Aufgaben übernehmen, zum Beispiel die Fort- und Weiterbildung von arbeitslosen Jugendlichen – wirklich eine andere gesellschaftliche Haltung hier, historisch bedingt.

Im Kino wurde ich gut unterhalten, wenn ich auch in dieser Version weder nachvollziehen konnte, was das zentrale Paar zusammengebracht hatte, noch warum sie später so gemein zueinander waren. Das ganze funktioniert nur auf der Basis einer ganzen Reihe von Prämissen zu romantischen Gefühlen, die ich für überholt gehalten hatte. Außerdem glaubte ich die Chemie zwischen Benedict Cumberbatch und Olivia Colman nicht, im Grunde war das gesamte Ensemble disparat – zum einen hinkte meiner Ansicht nach das Drehbuch (die Kinder? ernsthaft?), zum anderen könnte das an schlechter Regie liegen. Ich fürchte, der Film funktioniert einfach nicht.

Was immer funktioniert: Brightons West Pier. Als ich durchs Baugerüst nach draußen trat, empfing mich Abendrot in allen 70er Rosa-lila-blau-Tönen.


Und ein ungemein dekorativer Mond.

Nach atemlosen Fotografieren hielt ich inne und sah mich um: Einige Leute saßen tatsächlich einfach da und guckten, allein oder in kleinen Gruppen. Ohne Fotos zu machen. Verrückt.

Eine Weile machte ich es ihnen nach, sog die wundervolle Meeresluft ein (die immer noch etwas Sommerliches hatte).

Langes inneres Hin und Her, ob ich Essen gehen sollte (mit Alkohol, auf den ich große Lust hatte) oder eingekaufte Lebensmittel aufbrauchen. Es siegte die Aussicht auf die Süßigkeitenvorräte in der Ferienwohnung. Also gab es dort Linsenrest, Käserest, Paprika-Hummus. Und dann Apple Pies sowie Schokolade.

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Selbstverständlich sind nach Katastrophen Menschenleben das wichtigste. Doch auch Kulturgüter sollen überleben, dafür gibt es, lernte ich gestern, ehrenamtliche Kulturgutretter*innen. Ein Artikel in der Süddeutschen über das Training dafür (€):
“‘Wenn wir nichts machen, macht es keiner'”.

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Deutschlehrer @herr_rau hatte eine Unterrichtsidee – und unser gutes, altes, rosenduftendes Internet spielte begeistert mit (ich glaube, das wird den Schüler*innen am schwierigsten zu erklären sein: dass es auch heute noch Bereiche der social media gibt, in denen nicht vermarktet wird, nicht Content-Produzierende auf der einen Seite, -Konsumierende auf der anderen – sondern Leute, die miteinander Spaß haben).

So ging es los (die Vorschläge hinter dem Link oben):

Lieblings-Breviloquia* September 2025

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Auch diesmal am letzten Tag des Monats vergessen und nachgeholt – wobei ich eh das Gefühl hatte, im September erst wegen Arbeitsdruck, dann wegen Reise viel verpasst zu haben.

Mastodon-Ausbeute:

Einer von Bluesky:

*siehe