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Journal Dienstag, 21. Dezember 2021 – Angestrengte Wintersonnwend

Mittwoch, 22. Dezember 2021

(Wieder ein so schönes Datum 21.12.2021.)

Guter Nachtschlaf mit zu frühem Ende. Draußen schien ganz hell der Gerade-nicht-mehr-Vollmond. Auf dem Weg in die Arbeit sah ich die Theresienwiese in seinem Licht und fahlem Frostweiß. Wintersonnwend, soso.

In der Arbeit viel Arbeit, ich musste mich angestrengt zusammennehmen. Draußen Sonnenschein, die Luft durch das immer wieder kurz gekippte Bürofenster roch energisch winterlich.

Zu Mittag gab’s die erste reife Crowdfarming-Avocado vom adoptierten Baum (mit ein wenig Balsamico und Salz – perfekt).

Diesmal war bei Lieferung am Samstag keine Avocado essreif, die beiden mit der bereits dunkelsten Schale packte ich zum schnelleren Reifen anweisungsgemäß in Papier. Nach drei Tagen konnte ich sie jetzt essen, eine gestern zu Mittag, zwei andere kleine abends verarbeitet. Die Hälfte des Kisteninhalts ist jetzt verteilt auf die Küche mit und ohne Papierbeschleuniger, die andere Hälfte wohnt im Kühlschrank, von wo ich sie nach Verzehr der ersten Hälfte nach und nach zum Nachreifen rausholen werde.

Nachmittags brachte ich den letzten Klops zu Ende, der wirklich vor Weihnachten abgearbeitet werden musste. Dann kehrte endlich Ruhe ein, ich konnte beginnen, mich zu sortieren und die erste Arbeitswoche nach den Ferien vorzubereiten.

Mittelpünktlicher Feierabend, draußen war es immer noch frostig. Auf dem Heimweg absolvierte ich im Vollcorner die erste große Runde Einkäufe für die Weihnachtstage.

Zu Hause ein bisschen Yoga mit Gleichgewichtsübungen, sprich viel Umfallen. Vorbereitung der letzten Brotzeit vor den Weihnachtsferien. Für das Nachtmahl sorgte wieder Herr Kaltmamsell.

Tacos mit Zeug, darunter Soja-Hack und Guacamole.

Im Bett ein neues Buch angefangen: Blai Bonet, Frank Henseleit (Übers.), Das Meer. Der Roman von 1958 spielt in und nach dem spanischen Bürgerkrieg auf Mallorca, recht expressionistisch erzählt, unter anderem mit unkonventioneller Zeichensetzung (es würde mich wundern, hätte Übersetzer Henseleit dieses Stilmittel nicht aus dem katalanischen Original übernommen).

§

Laurie Penny lebt derzeit in ihrem Herkunftsland UK und trauert um das ausfallende Weihnachtsfest.
“The Actual War on Christmas”.

Penny bemerkt Parallelen der Situation zum Kriegszustand, vor allem in der Wortwahl.

Most of the time, when cultures speak in terms of sacrifice, when the young are asked to put their lives and futures on the line for the common good, we’re talking about war. That’s the only framework we have for sacrifice, at least for sacrifice that’s acknowledged and respected rather than simply assumed.

Mir kam derselbe Gedanke, als ich kürzlich eine lange nicht gesehene Bekannte traf und wir – wie immer derzeit bei solchen Begegnungen – erstmal KriegsPandemieschäden abklopften: Gibt es in der Familie Gefallene? Verwundete? (Also Todesopfer der Pandemie? Wegen Corona oder System-Überlastung? Erkrankte?) Steht der Betrieb / das Haus noch? (Wie hat sich die Pandemie auf die berufliche Situation ausgewirkt?)

Journal Sonntag, 19. Dezember 2021 – Weihnachtsprobekochen und Isarspaziergang

Montag, 20. Dezember 2021

Diesmal schlief ich lange Stücke durch, wachte nur ein bisschen zu früh für meinen Geschmack auf.

Nach Morgenkaffee und Bloggen machte ich mich ans Probekochen der veganen Alternative zur Weihnachtsgans: Es soll ja fürs Familien-Weihnachten nicht irgendwas Veganes geben, damit alle satt werden, sondern etwas Festliches. Diese Pilze Wellington probierte ich aus, Zubereitung schon morgens, damit die Füllung über den Tag fürs Abendessen fest werden konnte. Alles funktionierte gut, nur wunderte ich mich wie schon oft über die Zeitangabe im Rezept für die Zubereitung: Ich bin gewohnt, dass ich mindestens doppelt so lange brauche wie in praktisch allen Rezepten angegeben (und halte mich nicht für ungewöhnlich langsam), diesmal wurden aus Vorbereitungs- und Zubereitungszeit von 30 Minuten gleich dreimal so viel. Vielleicht startet die Zeitmessung ja nach der Zutatenliste, also wenn Zwiebeln, Knoblauch und Walnüsse bereits gehackt sind, Reis gekocht, Champignons geputzt und zerkleinert? Aber dann wäre die Zeitangabe ja komplett sinnlos.

Währenddessen war die Sonne herausgekommen und schien winterlich niedrig in die Küche und auf die Arbeitsflächen bis ganz hinten – das war durchaus hinderlich, aber durch Rollläden ausschließen wollte ich den Sonnenschein auch nicht.

Bei den letzten Handgriffen überlegte ich hin und her, ob ich meine Pläne für eine Runde Krafttraing mit Schwerpunkt Rumpf umsetzen sollte. Lust hatte ich keine rechte, doch schlussendlich überwog die Gewissheit, dass ich nach absolviertem Training einen Grund weniger für Selbsthass haben würde. Ging dann auch gut (dieses Programm), im sonnendurchschienenen Wohnzimmer.

Frühstück kurz nach dem Zwölf-Uhr-Läuten von St. Matthäus: Orangen mit Joghurt und einem Restl gekochtem Reis, die letzte Portion Seidentofu-Schokomousse.

Um zwei war ich zum Spazieren verabredet: Mit einer Freundin ging ich durch den Alten Südfriedhof zur Isar und den Fluß aufwärts. Es war noch voller als erwartet, wir mussten streckenweise in die Wiese ausweichen, weil auf dem Weg kein Platz blieb.

Zwei Stunden mit angenehmem und spannenden Austausch, diesmal besteht Hoffnung auf baldige Wiederholung noch in den Weihnachtsferien.

Daheim kam ich dann doch recht durchgefroren an, machte mir erst mal heißen Tee. Dann ein wenig Bügeln, unter anderem Seidentücher.

Halstücher oder Stoffschals trage ich eigentlich nie, doch vor Kurzem waren sie mir als Option wieder eingefallen. Und ich erinnerte mich an den Karton, in dem ich die Exemplare aus Zeiten aufbewahre, in denen ich sowas trug. Ich entdeckte lang vergessene Schätze aus dem vorigen Jahrtausend, unter anderem die Seidenmal-Werke einer Studienfreundin aus den frühen 90ern.

Hier hatte sie die Buchstaben meines Namens eingearbeitet.

Fertigstellung des Abendessens Pilze Wellington. Es blieb gut ein Viertel der Füllung übrig, für den Weihnachtseinsatz bereite ich also weniger davon zu – oder verwende zwei Packungen Blätterteig.

Rechts die übrige Füllung.

Schmeckte gut! Zum Nachtisch Panettone und Plätzchen.

Als Abendunterhaltung guckten wir gezielt den Münchner Tatort “Wunder gibt es immer wieder”, dessen schöne Bilder die SZ-Rezension gelobt hatte. Die Bilder (gedreht wurde im kürzlich aufgelösten Karmeliten-Kloster in Oberaudorf) spielten ein bisschen Name der Rose, doch sonst war die Geschichte reinstes Agatha-Christie-Material: Die Ermittler quartieren sich am Tatort ein, der Mörder ist immer der Gärtner, die Auflösung des Falls wird den versammelten Verdächtigen als Vortrag präsentiert. Nett.

Mal sehen, ab wann auch die Fiktion nicht mehr um die Pandemie rumkommt und jedes Szenario in den 2020ern ohne Maskentragen unglaubwürdig wird.

Journal Samstag, 18. Dezember 2021 – Weitere Wohnungseinrichtung

Sonntag, 19. Dezember 2021

Nicht so gute Nacht, und dann wachte ich auch noch viel zu früh endgültig auf.

Als der Tag sich als solcher zeigte, trug er das fahle Hochnebelgrau des Dezembers, er hätte es auch bleiben lassen können. Für den Vormittag waren meine Eltern angekündigt, die liebenswerterweise wieder beim Wohnungseinrichten halfen. Geplant war auch ein wenig Christkindlmarkt-Simulation, also holte ich nach Elternankunft schnell noch Semmeln für Rengschburger spezial.

Mein Elektrikervater brachte die vor Monaten gelieferte Lampe im Arbeitszimmer an, stellte dabei aber Inkompatibilität mit den Dimm-Schaltern fest (von der Vormietern übernommen, ich kann mich nicht erinnern, mir je Dimmer gewünscht zu haben). Das kam unvorhergesehen, also hatte er keine Ersatzschalter dabei; wir bekamen erst mal ein professionelles Provisorium.

Links an, rechts aus, mein Vater versicherte, dass wir uns keinen Schlag beim Ein- und Ausstecken holen konnten.

Ich gehe davon aus, dass ich an Weihnachten den Schalter in die Hand gedrückt bekomme zum Selbstmontieren (was ja nun wirklich kein Hexenwerk ist) (…lautet genau die Haltung, mit der ich schon viel kaputtgekriegt habe).

Eine weitere Lampe konnte er wie vorhergesehen nicht anbringen: Dafür muss erst auf Putz einen Leitung gelegt werden. Doch jetzt konnte er sehen, welches Material er dazu brauchen würde.

In meinem Schlafzimmer wurde eine Wand (fast) engültig, mit Bohrmaschinenlöchern (“Da ist überall Hohlraum!” – Herr Papa benötigte Holzdübel) für einen Spiegel, mehrere Bilder, ein Regal – das Regal wird allerding mit Haken befestigt, zu denen wir keine geschlossenen Haken als Gegenstück hatten; die werde ich besorgen müssen. Meine Mutter hatte sehr nützliche Ideen für ein Umstellen der Möbel im Arbeitszimmer; vielleicht werde ich das vorhandene und nie genutzte (weil ungemütliche) Sofa doch nicht loswerden müssen.

Dann waren wir für gestern schon durch. Herr Kaltmamsell hatte in der Zwischenzeit Regensburger halbiert und gebraten, die wurden in der Semmel mit süßem Senf, Meerrettich und Essiggurken zu Rengschburger spezial, er hatte außerdem Glühwein erhitzt. Fast hätte ich die gebrannten Mandeln vergessen, die ich zur Christkindlmarkt-Simulation besorgt hatte, aber auch hier war auf Herrn Kaltmamsell Verlass. Meine Eltern verabschiedeten sich mit den restlichen Weihnachtsgeschenken für die Familie.

Mitgebracht hatten sie auch zwei Klappstühle aus dem 1970ern, mit denen ich groß geworden war (sie hatten über Jahrzehnte im Häusl eines Kleingartens ihren Dienst getan, der Garten wurde jetzt aufgelöst).

Ich war verblüfft, wie hochwertig und solide damals selbst Klappstühle gefertigt worden waren. Die Stühle freuen mich sehr und werden das wohl noch lange tun.

Doch Alkohol mitten am Tag hatte ich schon lang nicht mehr – und entsprechend vergessen, wie unbrauchbar ich angetrunken bin. Nicht nur kann ich nichts erledigen, weil Konzentration fehlt, ich bin auch noch ausgesprochen unentspannt.

Über eine Runde Twitter-Nachlesen nüchterte ich aus, die Post brachte von Crowdfarming ein Kistlein Avocados und die nächste Kiste adoptierte Orangen. Herr Kaltmamsell erspähte einen (den?) Sperber vorm Balkon, die erste Sichtung aus der neuen Wohnung.

Gegen drei war ich wiederhergestellt. Ich brachte erst Lampenkartons ins Altpapier, kam beim Zerstückeln ins Schwitzen, dann brach ich zu einem Spaziergang auf. Ich marschierte über die Theresienwiese (einige Polizei-Kleinbusse, die Laufschrift “melden Sie Ansammlungen” wies auf die Erwartung von ungenehmigten Demos von Querdenkern gegen Corona-Maßnahmen und erfundene Diktatur hin) zum Westpark.

Winterbetrieb im Café Gans am Wasser, im Vordergrund streitende Blesshühner.

Die gute Stunde Fußmarsch tat mir gut, beseitigte aber nicht die allgemeine Wut auf alles.

So hatte ich daheim überhaupt keine Lust auf die geplante Essensvorbereitung für Sonntag und brach nach ersten Schritten ab. Aber eine weitere Runde Salzmandeln aus den andalusischen Crowdfarming-Mandeln bereitete ich zu.

Lektüre der Wochenend-Zeitung, Knabbern der noch warmen Salzmandeln (köstlich), bis Herr Kaltmamsell das Nachtmahl servierte: Pasta e fagioli (Eintopf aus weißen Bohnen und Nudeln) aus Rachel Roddys A-Z of Pasta.

Nicht schön, aber sehr gut, und für Jahreszeit und Wetter genau das Richtige. Nachtisch Orangen (immer noch nicht wirklich süß) und Weihnachtssüßigkeiten.

Journal Donnerstag, 16. Dezember 2021 – Verschattete Weihnachtsdämmerung

Freitag, 17. Dezember 2021

Wieder gut geschlafen, hätte nur mehr sein dürfen.

Diesmal wieder Fußweg zur Arbeit. Das Draußen war immer noch nass, und wenn auch diesseits des Gefrierpunkts insgesamt sehr ungemütlich.

In der Arbeit wieder erst mal zügig die Aufträge abgearbeitet, die sich aus Schriftverkehr in der Nacht ergaben (noch gibt es eine Lücke zwischen 1.30 Uhr und 6.30 Uhr, ich bin sehr gespannt darauf, sie beim Schließen zu beobachten – etwa dieselbe Spannung, mit der ich das Schmelzen der Gletscher beobachte).

Eine Menge Arbeit, ich war wie vorhergesehen viel auf den Beinen und trug vorausschauend Turnschuhe. Unvorhergesehen stellte sich heraus, dass ein Projekt deutlich aufwändiger ist als erhofft, es wird mich noch bis Weihnachten beschäftigen – und in einem weiteren Schritt nach Weihnachten.

Mittags aß ich Pumpernickel mit Butter, einen Apfel.

Nach eher spätem Feierabend marschierte ich auf direktem Weg nach Hause.

Tollwood-Kunst “Als Zeichen der Hoffnung” auf der Theresienwiese.

Zu Hause mal kein Yoga, statt dessen testete ich das Rezept für den prospektiven veganen Weihnachtsnachtisch: Schoko-Mousse aus Seidentofu, ergänzt um geriebene Orangenschale.

Zum Abendessen machte ich den Feldsalat aus eben geholtem Ernteanteil an (klassische Zirtonensaft-Kürbiskernöl-Vinaigrette), außerdem gab es Käse mit Quittengelee. Als Dessert probierten wir die Mousse: Ich war sehr zufrieden (der Tofu sorgt für eine leicht säuerliche Note, die ich mag), werde für den Weihnachtseinsatz aber stärker süßen und nur Schale einer halben Orange verwenden.

In den Corona-Nachrichten derzeit deutschlandweit langsam sinkende Inzidenzen auf sehr hohem Niveau, aber hohe Todesrate (mein erster Gedanke beim Lesen der 15 Todesfälle in München an einem Tag – was sehr viel ist: Ah, dann gibt es also wieder freie Intensivbetten), und der sprunghafte Anteil der Omikron-Variante. Auch bis zum Boostern geimpfte müssen weiter vorsichtig sein.

Gemüt gestern auch deshalb ziemlich verschattet, ich zog mich bald ins Bett zurück, um nochmal in Robert Galbraith, Lethal Withe zu fliehen.

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Fühle mich verstanden.

Journal Mittwoch, 15. Dezember 2021 – Wirkung einer Gerichtsverhandlung

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Gut geschlafen.

Mit dem Radl statt zu Fuß durch feuchte, aber milde Luft in die Arbeit, weil ich am frühen Vormittag einen Einsatz als Schöffin hatte. Ich hatte daran gedacht, nach der wochenlangen Radlpause die Reifen vorher aufzupumpen.

Der Heimeranplatz verändert sich gerade sehr: Nachdem fast zwei Jahre lang die Baustelle des neuen Eckgebäudes nur in die Tiefe ging, wächst seit einigen Wochen auch etwas in die Höhe.

Im Büro konnte ich noch einiges schnell wegarbeiten, was über Nacht (nein, es war keine andere Zeitzone im Spiel) angefallen war, dann radelte ich schon wieder los an den Stiglmaierplatz – in fast durchgehender grüner Welle und mit den stramm aufgepumpten Reifen fühlte es sich wie Fliegen an.

Meine Ladung hatte als Corona-Maßnahme wieder das Registrierungsformular umfasst, das ich bei meinen letzten Einsätzen am Eingang des Justizzentrums hatte abgeben müssen und das ich wieder brav ausgefüllt hatte. Doch vor Ort wollte es niemand sehen, statt dessen musste ich 3G nachweisen, bekam einen Stempel auf meine Ladung.

Verhandelt wurde Betrug, sechs Fälle, mittelhoher Schaden, einschlägige Vorstrafen, diese aber alle per Strafbefehl erteilt (also ohne Gerichtsverhandlung). Die junge Angeklagte ließ zwar ein Geständnis übermitteln, äußerte sich aber selbst nicht. Die Lage war sehr undurchsichtig, in der Verhandlung ließ sich ohne Antworten auf sehr viele offene Fragen nicht herausfinden, was da eigentlich passiert war und warum.

Erst als der Pflichverteidiger (der offensichtlich auch nicht an sie rangekommen war) im Schlussplädoyer um Argumente rang, die der Angeklagten Haft ersparen würden, sah ich ihr die Erkenntnis an, dass das hier wirklich ernst war. Wieder erlebte ich die Wirkung einer Gerichtsverhandlung – in der halt Dinge geschehen, die sonst nicht geschehen würden.

Das Justizzentrum aus dem Jahr 1974 gibt es nur noch zwei Jahre, dann wird umgezogen an den Leonrodplatz; auf meinem Weg zum Dantebad komme ich an der Baustelle vorbei. Ich habe das Bedürfnis, die Stilreinheit des alten Betongebäudes festzuhalten. (Diese Fasertapete!)

Über die besonders lange Beratung zum Urteil wurde es Mittag, ich kam erst kurz vor eins zurück ins Büro. Und da ich erst mal Dringendstes wegschaffen musste, gab es Mittagessen erst kurz vor zwei: Vanillepudding mit Quark, Granatapfelkerne.

Emsiger Nachmittag, an dessen Ende ich wieder so erledigt war, dass ich mich schier nicht zum Heimgehen aufraffen konnte. Beim Heimradeln machte ich einen Abstecher zu einem selten besuchten großen Edeka, um auch dort Whiskey Canadian Club zu suchen (brauchen wir für Manhattans), den wir an den bisherigen Verkaufsstellen nicht mehr finden – vergeblich.

Zu Hause eine Runde Yoga, wieder ging mir Adrienes Besinnlichkeits-Gequassel auf die Nerven – vielleicht ist meine Hypersensibilität eine Spätfolge der Zum-Nachdenken-bringen-Sequenzen am Anfang gymnasialer Religionsstunden. Ich werde mal wieder ein paar Einheiten Mady brauchen.

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell köstliches Sushi bestellt, er kam mit viel grob-stückigem Gurken-Apfel-Salat. Nachtisch Dessert aus dem Kühlregal: Ich hatte nach Gläsern mit weiter Öffnung für den Inhalt einer Nachfüllpackung Körpercreme gesucht.

§

Ein beunruhigender Artikel von Sabine Seifert in der taz:
“Kuraufenthalte von Kindern:
Wir Verschickungskinder”.

Millionen Mädchen und Jungen mussten bis Ende der 1990er allein auf Kur fahren. In den Heimen haben sie teils traumatische Erfahrungen gemacht.

Mein Bruder war bei seiner Kur an der Nordsee Anfang der 1980er neun oder zehn und kam mit einer schiefen Nase zurück.

§

Hier wird nachgeladen! (Ton an.)

Journal Montag, 13. Dezember 2021 – Weihnachtsvorbereitungen in nassem Nebel

Dienstag, 14. Dezember 2021

Ich war zu Regenrauschen eingeschlafen, der Wecker klingelte zu Regenrauschen (dazwischen weniger guter Schlaf mit einer längeren Wälz-Pause). Mit verklebten Augen aufgewacht, sie brannten auch den Tag über – zu viel Schneesonne erwischt? Ich sollte mir wahrscheinlich wirklich bei solchen Lichtverhältnissen das Tragen einer Sonnenbrille angewöhnen. (Die ich gar nicht mehr habe, die Gläser meiner alten taugen nicht mehr – hiermit Selbsterinnerung, beim Stamm-Optiker neue reinmachen zu lassen.)

Mein Weg in die Arbeit fiel in eine Regenpause, es war einfach nur so greislich und nass. Ich war müde und fühlte mich verkatert – dabei gab’s am Vortag keinen Tropfen Alkohol.

Mittagessen: Pumpernickel mit Butter (das Ende meiner Freude daran ist nicht abzusehen) und Granatapfelkerne.

Die Verkaterung entwickelte sich über den Vormittag zu einem richtigen Krankheitsgefühl mit böse schmerzenden Nebenhöhlen (Heimgehen war wegen der Putzleute zu Hause nicht attraktiv), der Feierabend war sehr willkommen.

Ich verließ das Büro zu Blade Runner-Ansicht (gleich darauf flog von rechts ein Auto ins Bild): Über den Nachmittag war es neblig geworden.

Das Draußen tat mir gut, ich ging wie geplant über Einkäufe für die Woche beim Vollcorner heim.

Zu Hause turnte ich nochmal die Yoga-Einheit vom Sonntag, nach einem Bürotag bin ich deutlich unfitter (und sind meine Füße immer kurz vorm Krampfen) als nach einem Tag daheim.

Zum Abendessen hatte Herr Kalmtmamsell einen Eintopf aus restlichem Ernteanteil zubereitet: Grünkohl, Pastinaken, Kartoffel. Dazu kamen weiße Bohnen und Bauernwurscht.

Nachtisch reichlich Mutters Plätzchen.

Ich recherchierte fürs Weihnachtmenü – neben dem Blaukraut und einem veganen Nachtisch, der bereits feststeht, darf ich eine vegane Alternative zur Gans mitbringen. Das machte sehr viel Spaß, vor allem weil ich dabei ständig an geliebte Menschen dachte. Doch mir ist bewusst, wie wenig selbstverständlich das ist: Ich kenne zu viele Menschen, für die die Vorstellung eines Familientreffens zu Weihnachten Horror bedeutet, weil ihre Familien so schlimm sind. Für die werde ich mitfeiern.

Herr Kaltmamsell schrieb Weihnachtskarten in die halbe Welt. Der Mann hat aber auch eine wunderschöne Handschrift! In jeder Gruppe, auch unter Kolleg*innen, gibt es ja den einen oder öfter die eine, die deshalb immer alles schreiben muss, wenn etwas von Hand zu schreiben ist – ich habe in der Arbeit bei Geschenken zu runden Geburtstagen und Abschiedgeschenken schnell herausgefunden, wer das ist. Und Herr Kaltmamsell war das immer in seinen Arbeitsumgebungen. Zumindest bislang, bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, wie deutlich Handschrift tatsächlich aus dem Arbeitsalltag verschwindet.

§

In einem Zeit-Interview weist Rechtsextremismusforscher Miro Dittrich darauf hin:
“Querdenker:
‘Man macht dieselben Fehler wie bei Pegida'”.

Miro Dittrich: Das Gewaltpotenzial dieser Szene war immer da, aber es wird konkreter. Hätte man diesen Leuten früher zugehört, hätte man schnell festgestellt, dass es bei ihren Forderungen nicht um Corona-Maßnahmen, sondern um einen Umsturz des Systems geht. Es war immer klar, wo das enden muss. Denn die Demonstrationen mussten ja scheitern.

ZEIT ONLINE: Warum?

Dittrich: Weil das, wogegen sie demonstrieren, frei erfunden ist. Es gibt ja keine Corona-Diktatur.

Das ist genau der Punkt, der mich schon zu Beginn der Proteste 2020 ratlos machte: Es wurde gegen etwas protestiert, das selbst erfunden war. Wie will man da diskutieren, zueinander finden?

Sozialpsychologin Pia Lamberty zeigt auf: Die Politik muss konsequent gegenhalten. Jedes Gewährenlassen oder Kompromissbereitschaft beweisen den verfassungsfeindlichen Störern, dass Gewalt und Randale der richtige Weg waren und dass sie im Recht sind.

Journal Sonntag, 12. Dezember 2021 – Adventspaziergang und #12von12

Montag, 13. Dezember 2021

Dieses Jahr konnte es trotz vierter Welle den Familien-Adventspaziergang mit jahrzehntelanger Geschichte geben: Alle geimpft, bis auf die jüngsten auch geboostert. Ein wundervoller Tag für #12von12.

Nach mittelguter Nacht (Chlorschnupfen) machte ich mich Winterspaziergang-fertig – nach vielen Jahren mal wieder mit Schnee!

1 – #609060

Herr Kaltmamsell und ich gingen in fahlem Winterlicht mit u.a. Geschenken und Christstollen zum Bahnhof und nahmen einen Zug nach Ingolstadt.

2 – Holledau.

In Ingolstadt ließen wir uns am Bahnhof abholen – schwer bepackt wie wir waren. Wir fuhren zum Haus der Bruderfamilie und nach Klärung der verschiedenen Verabredungszeiten (im Angebot waren 10.30 Uhr und 11 Uhr, manche Menschen mussten sehr, sehr schnell duschen) weiter zum Schambachtal. Zu aller Freude war es sonnig geworden.

3 – Spaziergangstart mit letzten Nebelfetzen.

Schneestapfen, während ich endlich mal wieder ein paar Neuigkeiten aus dem Leben zu selten gesehender Familie erfuhr.

4 – Wald.

5 – Einbiegen auf die Zielgerade ins Schambachtal.

Nach etwa einer Stunde Spaziergang kehrten wir im Gasthaus Zur Linde ein (gründlicher Check von 2G – topp!) und aßen wirklich gut: Die Speisenauswahl war mit Entschuldigung wegen Personalmangel beschränkt, aber auch für die vegetarische Fraktion der Familie gab es ein Angebot, einfach veganisierbar. Ich aß ein Schäuferl (wie immer, wenn man mir eines anbietet), das eine rösche Kruste und bissfestes Fleisch hatte. Dazu zwei alkoholfreie Weizen, ich war sehr durstig. Allgemeine Zufriedenheit mit dem Essen. (Wenn Sie mal dort sind: Beachten Sie im großen Gastraum die Schnitzereien der Holzdecke, darin sind vier Burgen/Schlösser der Umgebung eingearbeitet.)

Zurück gingen wir einen direkteren Weg im Schambachtal selbst.

6 – Schambach 1.

7 – Heilig Kreuz.

8 – Schambach 2, im Hintergrund ein Ausguck zum Biberbeobachten.

Wir fuhren zu meinen Eltern, die Tafel für den Adventkaffee war bereits gedeckt.

9 – Kaffeetafel mit Adventskranz.

Es gab Glühwein, Tee, Kaffee, Plätzchen, Mohnstollen, Christstollen – ich hielt mich an Tee, weil ich noch so voll vom Mittagessen war. Mehr Spaß und Gespräche, die Pandemie ist leider nicht die einzige Sorge. Gute Nachricht: Die zu kleinen Stiefel, die ich gebraucht gekauft hatte, fanden erfreute Abnehmerinnen. Auch die Salzmandeln hatte ich mitgebracht und verteilte sie, umgekehrt packte meine Mutter mir eine große Dose Plätzchen – ideales Timing, den die Plätzchendose von Frau Schwieger ist bereits leergegessen. Außerdem hatte sie die Ingolstädter Metzgerei-Spezialität Bauernwürscht für uns besorgt.

Rückfahrt in früher Nacht.

10 – Herr Kaltmamsell in Regionalexpress.

In München verschoben wir bereits verschobene Erledigungen, lieber machte ich noch eine Runde Yoga.

11 – Heimisches Yogastudio (mit neuer Stehlampe) (und immer noch fehlendem fünften Bücherschrank).

Als Abendessen wärmte Herr Kaltmamsell restliche Sellerie-Lasagne auf, Nachtisch war ein wenig Hutzelbrot.

12 – Granatapfelentkernen für die Montagsbrotzeit.

§

Auf den Zugfahrten hatte ich die Wochenend-Süddeutsche gelesen und war besonders angetan vom Buch zwei: Boris Herrman schreibt ausführlich über einen wenig bekannten Dienst für Bundestagsabgeordnete, nämlich die Kunstsammlung des Deutschen Bundestags, aus der jeder und jede Bundestagsabgeordnete ihre Büros dekorieren können. Eine ganz wundervolle Geschichte – in der Online-Version, wie ich gerade entdecke, mit noch viel mehr Fotos bebildert als der Print-Artikel (Nachtrag: Nur für Online-Abonent*innen).
“Die hohe Kunst der Politik”.

Herrmann begleitet unter anderem Mareike Wulf in die Sammlung, eine frisch gewählte CDU-Politikerin aus Niedersachsen.

Bis zum Beweis des Gegenteils ist der Deutsche Bundestag das einzige Parlament der Welt, das sich auf dem Kunstmarkt als regelmäßiger Sammler betätigt. Seit 1976 gibt es dafür einen eigenen Haushaltstitel. Im aktuellen Bundeshaushalt sind 275 000 Euro zum „Erwerb zeitgenössischer Kunstwerke“ veranschlagt.

Je nachdem, ob man die Serien und Repros mitzählt, haben sich so über die Jahrzehnte zwischen 4000 und 5000 Arbeiten angesammelt: Ölgemälde, Aquarelle und Lithografien, Stiche, Skulpturen und Holzschnitte, Radierungen, Fotos und Graphic Novels, Werke von Moritz Götze, Günther Uecker und Bernhard Heisig, von Brigitte Waldach, Anna Franziska Schwarzbach und Andy Warhol, von Georg Baselitz, Neo Rauch und Emil Schumacher, von Sibylle Bergemann, Harald Metzkes und Christo. All das und noch vieles mehr können die Mitglieder des Deutschen Bundestags in der Artothek ausleihen, um damit ihre Arbeitsräume zu schmücken.


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