Journal Samstag, 7. Oktober 2023 – Genesungstag und Wahlhilfevorbereitung

Sonntag, 8. Oktober 2023 um 5:54

Nach mittelguter Nacht (neues Erkältungsfeature: Reizhusten) horchte ich den (strahlend sonnigen) Morgen über in mich: Es war ferner Besuch in der Stadt, den ich so lang schon nicht mehr gesehen hatte – war ich dafür gesund genug? Schlussendlich wollte ich dann doch aus den Pandemie-Jahren gelernt haben: Einen infektiösen Husten trägt man nicht unter die Leute, ich sagte ab. Und steckte für meine Einkäufe eine Maske ein.

Echten Sport würde ich selbstverständlich auch nicht machen – sofort begann mein Hirn, gegen das unvermeidlich resultierende schlechte Gewissen nach Erledigungen zu suchen (Bügeln?).

Ich schaffte es dennoch, den Morgen und die wundervolle Morgensonne im Wohnzimmer zu genießen, mich gemütlich fertig zu machen, erst am späten Vormittag zu Lebensmitteleinkäufen loszuziehen (keine Jacke nötig), mein Freitag am Büro gelassenes Fahrrad zu holen.

Die Referenz-Zierkirschen kleideten sich für die Herbstvorstellung.

Zurück daheim ein zweiter Milchkaffee (ich hatte versehentlich die große Cafetera voll gemacht, obwohl Herr Kaltmamsell ja aushäusig übernachtete), eine weitere kleine Einkaufsrunde. Frühstück um zwei: Körnersemmeln, Birne mit Joghurt.

Nach einer Weile war ich dann doch so müde, dass ich mich schlecht konzentrieren konnte, also machte ich gleich nach Herrn Kaltmamsells Rückkehr eine kurze Siesta, eher einen cat nap. Danach hatte ich die nötige Aufmerksamkeit, um die Wahlhilfe-Schulungsunterlagen für Sonntag durchzuarbeiten: Irgendwie war mir die Gelassenheit der vorherigen Einsätze abhanden gekommen, ich hatte das große Bedürfnis nach gründlicher Wiederholung. Es kam mir sehr entgegen, dass diesmal auch Herr Kaltmamsell wahlhilft und einem frischen Blick hatte (sowie unerwartete Fragen).

Streber-Mapperl, aber jetzt fühlte ich mich sicher. (In der Schule war ich nie so.)

Bitte, bitte gehen Sie wählen.

Als Nachtisch fürs Abendessen machte ich nochmal Apple Crisp, diesmal mit nur 60 Gramm Zucker unter die Äpfel. Während des Backens nach vier Tagen Pause wieder reguläre Yoga-Gymnastik, tat sehr gut.

Das eigentliche Nachtmahl war ein Auberginen-Kartoffel-Curry (Ernteanteil) mit Reis, dann reichlich Apple Crisp. Und Schokolade.

Die Nachrichten gestern dominiert von völlig überraschenden Großangriffen der radikal-islamischen Terrororganisation Hamas auf Israel – Stand Sonntagmorgen sind Hunderte von Toten.

Früh ins Bett, weil sehr frühes Aufstehen für Wahlhelfen.
(Rückblickend fehlten mir an diesem Tag irgendwie die anderthalb Stunden, in denen ich die Wochenend-Zeitung hatte lesen wollen, seltsam.)

§

Mal wieder ultra late to the party: YouTube-Hit des Contra-Tenors Jakub Józef Orliński, wie er auf dem Festival in Aix-en-Provence 2017 Vivaldi singt. Wunderschön – aber neu war mir, dass es Umblattlerinnen auch bei Noten auf Tablet braucht und sie statt Umblatteln tippen.

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https://youtu.be/yF4YXv6ZIuE?si=PyH8A22zSnbqNRdm

via dem lesenwerten SZ-Interview mit Orliński in der Reihe “Reden wir über Geld” (€):
“‘Ich möchte kein Zirkusaffe sein'”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 6. Oktober 2023 – Erste Begegnung mit § 177 StGB, Muttergeburtstag am asiatischen Buffet

Samstag, 7. Oktober 2023 um 8:53

Wieder ein Tag, der sich stressig anfühlte: Abends war ich schon seit vielen Wochen zum Geburtstagfeiern meiner Mutter verabredet, doch dann hatte sich ein Einsatz als Schöffin von nächster Woche auf gestern vorgeschoben – noch dazu ab 13 Uhr, ich konnte nur hoffen, dass die Verhandlung sich nicht lang hinziehen würde.

Der Wecker klingelte nach unruhiger Nacht, in der sich die leichte Erkältung mit Schluckbeschwerden bemerkbar gemacht hatte und ich mich mehrfach selbst durch Schnarchen weckte (oh nein: es wird doch nicht die Lebensphase starten, in der ich wegen altersbedingt erschlaffendem Rachengewebe schnarche und als extrem empfindlich auf Schnarchgeräusche reagierende nie wieder richtig schlafen werde?). Derzeit lieber mal wieder täglicher Corona-Test.

Wegen des Gerichtstermins nahm ich das Radl in die Arbeit, Schal, Mütze, Handschuhe brauchte es morgens unbedingt.

Bürokleidung war gestern Kaschmirpulli über Bluse und dicke Turnschuhe zu Jeans. Kalte Hände hatte ich trotzdem, zum Warmwerden musste ich rausgehen – ich beginne mich wieder vor dem Winter zu fürchten.

Als ich meiner Mutter telefonisch zum Geburtstag gratulierte, überraschte sie mich mit der Information, sie richte gerade die Übernachtungsgelegenheit für Herrn Kaltmamsell her, der werde ja Samstag an einer Veranstaltung in Ingolstadt teilnehmen. Gleich korrigierte ich sie, das müsse sich um ein Missverständnis handeln. Rückfrage bei Herrn Kaltmamsell ergab aber: Doch, genau so war es vereinbart, er hatte es mir lediglich nicht erzählt. Als lang zusammenlebendes Paar vergisst man manchmal, dass der/die andere Informationen nicht osmotisch aufnimmt (ist mir selbst oft genug passiert).

Frühe Mittagspause (Äpfel, selbstgebackenes Butterbrot), um rechtzeitig zum Justizzentrum am Stiglmaierplatz zu radeln. Mittlerweise war es mild geworden, ich brauchte nur meine Jacke.

Der Fall, der verhandelt wurde, brachte mich erstmals in Kontakt mit dem 2016 geschärften Vergewaltigungsparagraphen 177 StGB („nein heißt nein“). Das nahm mich zum einen (wie jede andere Verhandlung auch mehr oder weniger) emotional mit, es bereicherte mich aber auch wieder intellektuell, Jurist*innen bei der Arbeit damit zu beobachten. Wir kamen nicht bis zu einem Urteil: Nach zwei Stunden wurde die Sitzung unterbrochen, es wird mindestens einen weiteren Termin geben.

So konnte ich nochmal an meinen Arbeitsplatz zurückkehren, schaffte ein wenig weg.

Zum Bahnhof nahm ich die U-Bahn – völlig unbelastet von Menschen auf dem Weg zum Oktoberfest, das war schön. Herr Kaltmamsell stieß dazu, wir nahmen eine knallvolle Regionalbahn nach Ingolstadt; meine Eltern holten uns ab, wir fuhren gemeinsam ins Gewerbegebiet zu einem großen asiatischen Restaurant und trafen dort auf den größten Teil der Bruderfamilie.

Weiteres erstes Mal: All-you-can-eat am Asia-Buffet. Ich probierte mich durch Sushi, ein wenig Salate, live gebratene Meeresfrüchte, chinesisch zubereitete Fleisch-, Tofu- und Gemüsegerichte, durchs Nachspeisenbuffet mit Schokobrunnen. Leider fühlte ich mich recht durch, freute mich aber sehr über Urlaubs- und Studiumsstartgeschichten, werde allerdings ein hoffentlich baldiges weiteres Treffen benötigen, um mich auf den aktuellen Stand der Familie zu bringen.

Meine Eltern fuhren mich zum Bahnhof, ich erwischte gerade einen verspäteten Zug, der mir längeres Warten ersparte. Neue Lektüre unterwegs und später im Bett: Helen Rebanks, The Farmer’s Wife: My Life in Days, hatte ich als eBook gekauft, weil ich es so gerne jetzt schon lesen wollte.

§

Martin Gommel hat für Krautreporter ein Interview zur Coachingmode geführt, mit dem eigenen “inneren Kind” zu arbeiten. Eckhard Roediger ist Neurologe, Psychiater und Arzt für psychotherapeutische Medizin und nimmt das Konzept auseinander, argumentiert dabei vor allem neurologisch:
“Es gibt kein inneres Kind”.
(Als Krautreporter-Zahlerin darf ich Ihnen diesen Artikel schenken.)

Da schiebt sich eine Vergangenheit in die Gegenwart. Und das kann nicht funktionieren. Was die Patienten lernen können, ist: „Was du jetzt fühlst, sind eingefrorene Tiefkühlerbsen. Sie sehen zwar neu aus, aber die sind steinalt. Öffne dich für den Gegenwartsmoment. Was kannst du jetzt als erwachsene Person machen, um mit der aktuellen Verlassenheitssituation klarzukommen?“

die Kaltmamsell

Journal MittwochDonnerstag, 5. Oktober 2023 – Zwei Feierabendtermine

Freitag, 6. Oktober 2023 um 6:31

Diese Woche fühlt sich gehetzt an, dabei habe ich lediglich an drei Abenden hintereinander etwas vor. Das ist ungewöhnlich und löst bei mir Stress aus. Zumal der Sonntag durch Wahlhelfen ausgefüllt ist.

Unruhiger Abschluss der Nacht, meine (selbstverständlich komplett unbegründeten) Sorgen kreisten um die Pläne nach Feierabend.

In einem frischen Morgen marschierte ich in die Arbeit, fühlte mich unausgeschlafen.

Mittags ging ich auf den Markt auf dem Georg-Freundsdorfer-Platz, kaufte heimischen Honig und heimische Äpfel.

Mittagessen im Büro: Apfel (köstliche Rubinette), Linsen vom Vorabend, Hüttenkäse, selbst gemachtes Shortbread (Kolleginnengeschenk).

Noch hat die Heizungszeit in der Arbeit nicht begonnen, und ich bin schon gespannt auf die Raumtemperatur diesen Winter. Im Moment trage ich langärmliges Oberteil und Strickjacke – und fröstle dennoch. Ich werde wohl auf dicke Pullis hochrüsten.

Nach emsigem Arbeitstag machte ich pünktlich Feierabend: Herr Kaltmamsell war verhindert, ich musste unseren Ernteanteil abholen. Diesen brachte ich heim, stellte fest, dass der als Abendbrot geplante Salat nicht satt machen würde: Es gab nur einen kleinen Kopf Blätter, sonst nichts Salatiges. Also holte ich ein letztes Stück selbstgebackenes Brot aus der Gefriere und brach früher als geplant zu meinem Haarschneidetermin auf, um noch Käse zu besorgen. (Vielleicht merke ich mir das endlich, wenn ich es hier festhalte: Der Vinzenz Murr in der Sendlinger Straße ist keine Metzgerei, sondern ein reiner Brotzeit-Laden.)

Ein Stündchen beim Friseur.

Ich war zufrieden mit dem Haarschnitt.

Zum Nachtmahl gab’s Salat mit klassischer Vinaigrette, Brot und Käse, zum Nachtisch Marzipan und Schokolade.

Was ich Ihnen bislang verheimlicht habe: Neben meiner Kleinen Hexe (wird besser!) zeigt derselbe Körper zur selben Zeit (!) ein paar Erkältungssymptome, aber auch diese klein und überschaubar. Wie praktisch, dass ich wegen Lumbago eh Ibu nehme, gestern ergänzte ich Halstabletten.

Im Bett Fatma Aydemir, Dschinns ausgelesen – ich finde großartig, wie vielfältig deutsche Migrations-Literatur in den vergangenen ca. 15 Jahren geworden ist (kann es sein, dass Wie der Soldat das Grammophon reparierte von Saša Stanišic als Türöffner der Gattung in die Verlage fungierte?).

§

Novemberregen findet die richtigen Worte, Folge dreistellig, diesmal über Wege zu einem Frieden für die Ukraine.
“4. Oktober 2023”.

Ich hole aus: ich war früher, so zu Schulzeiten, davon überzeugt, dass Militär scheiße ist. Dass man zu Kriegen definitiv nicht hingeht. Dass man alle retten kann. Dass es immer eine richtige Lösung gibt und dass alle die verstehen, wenn man mal vernünftig mit ihnen redet. Dass es immer eine gute Entscheidung gibt.

Das war der Luxus eines noch nicht so viel gelebten Lebens und eines relativ geringen Erfahrungsschatzes und dieser Luxus steht mir heute nicht mehr zur Verfügung.

(Mein endgültiger Abschied von der Haltung, die novemberregen eingangs beschreibt, war Srebrenica 1993: Die letzten Reste meines Pazifismus’ lösten sich in Luft auf, als ich dringend wollte, dass UNO-Soldaten das Massaker verhindert hätten, und zwar mit Waffengewalt.)

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 4. Oktober 2023 – Mit 35.000 anderen am Odeonsplatz gegen Rechts

Donnerstag, 5. Oktober 2023 um 6:37

Nacht erst gegen Ende unruhig, aber nicht mal das schlimm. Ebenso wenig schlimm die LWS-Schmerzen – die ja in dieser Episode eh nicht sehr schlimm sind, ich setze halt viel dran, sie nicht noch schlimmer werden zu lassen, kenne die Hexe im Kreuz ja bis zur kompletten Unbeweglichkeit. Und gegen den Risikofaktor Skoliose mit zusammengewachsenen Lendenwirbeln hilft halt auch das Ausschalten aller anderen Risikofaktoren nie zu hundert Prozent – zumal auch hier Recherche nach den genauen akuten Ursachen und Abläufen von Lumbago wie so oft in der wissenschaftlichen Medizin nur Vages ergibt. Wir sind wieder bei Hanns Dieter Hüschs “Was von allein kommt, geht auch wieder von allein”.

Weil ich gereist war und das Münchner Abwasser einen Anstieg von Corona-Infektionen meldet, testete ich mich vor dem ersten Arbeitstag nach Langem mal wieder.

Der Weg in die Arbeit in kühler Luft, ich hatte aber immer noch keinen Herbst in der Nase.

NUUUULL! NUUUUUUULL! AUSIIIIIS!
(Wenn Sie damit etwas anfangen können, sind Sie wahrscheinlich wie ich Westdeutsche und alt.)

Der Postfach-Check am Feiertag hatte sich voll gelohnt, ich ging den ersten Arbeitstag nach Urlaub gelassen und effizient an.

Ein dreifach HOCH! für den höhenverstellbaren Schreibtisch in meinem Büro, der mir gestern überwiegendes Arbeiten im Stehen ermöglichte. Jede Sitz-Phase zahlte ich mit Schürhackl-Aufrichten, doch durchgehend Stehen fand ich halt auch anstrengend. Große Emsigkeit am Vormittag, aber es war Zeit für einen Mittagscappuccino bei Nachbars.

Mittagessen: eine riesige Birne, Pumpernickel mit Butter.

Nachmittags mehr Emsigkeit, ich musste mir hin und wieder vor Augen halten, dass diese Arbeitswoche noch zwei weitere Tage umfasst und nicht alles gestern fertigwerden musste.

Kurz vor sechs war ich am Odeonsplatz verabredet, zur politischen Veranstaltung “Zammreissen! – Bayern gegen Rechts”. Zur Hunger-Überbrückung aß ich in der U-Bahn dorthin einen kleinen Eiweißriegel.

In den nächsten Stunden sah und hörte ich viele sehenswerte Künstler*innen, Redner*innen, Bands – war besonders gerührt von Günther Sigl, Sänger der Spider Murphy Gang, der schlicht und in einfachen Worten sein 76-jähriges Leben in Frieden, Freiheit und Demokratie, im Gegensatz zum Leben seines Großvaters und Vaters, als Argument anführte, dafür zu kämpfen und es sich nicht von Demokratie-feindlichen Kräften nehmen zu lassen.

Da wir gleich zu Anfang der Veranstaltung dagewesen waren, hatte ich nicht mitbekommen, wie voll es geworden war: Die Initiatoren zititerten die Polizei mit der Einschätzung, dass 35.000 Teilnehmende die Ludwigstraße hinter standen.

Zum ersten Mal sah ich La Brass Banda live, die Abfolge von Reden aus Politik und Kunst, die allesamt erfrischenden musikalischen Einlagen endeten schier nicht. Auch wenn ich versuchte, ständig in Bewegung zu bleiben und mir von Herrn Kaltmamsell einen Pulli hatte mitbringen lassen, war ich kurz vor neun körperlich durch – ich ging noch vor Ende heim. Mit heim nahm ich durchaus die Freude darüber, dass eine in wenigen Tagen hochgezogene Veranstaltung so viele Menschen mobilisieren konnte, kann mir aber nicht so recht vorstellen, dass das die reaktionären Kräfte in Bayern von der Illusion abbringt, die “Normalität” zu repräsentieren. (Erste Berichterstattung von Bayerischem Rundfunk, von der Süddeutschen.)

Nachtrag: Von da aus ungefähr sang auch ich bei “Schickeria” mit.

Herr Kaltmamsell hatte Abendessen vorbereitet: Spät gab es noch Belugalinsen nach Art des Lokals Kastanie in Berlin Charlottenburg mit Mandeln und Mozzarella. Nachtisch Lebkuchen und Pralinen.

§

Auf den diversen Microblooging-Plattformen ist man ziemlich damit beschäfigt, andere solche Plattformen doof zu finden – bitteschön, jeder und jede wie sie mögen. Nützlicher Hinweis von @malomalo auf Mastodon:

Übrigens ist niemand verpflichtet, stundenlang die ideale Mastodon-Instanz zu recherchieren, um sich dann nicht entscheiden zu können und dafür Mastodon als zu kompliziert abzutun. Als Normalo-User:in kann man z.B. einfach zu https://mastodon.online/ oder https://mastodon.social/ gehen, meldet sich dort an und fertig.
Beide Instanzen werden von Mastodon administriert und immer mit den neuesten Updates versorgt.

§

Der Bayern-Teil der Süddeutschen beantwortete gestern die Frage, die ich mir bei meiner Oktoberfestflucht nach Nordfranken gestellt hatte: Was wird aus den kahlen, ehemals mit Fichten bewachsenen Forstwirtschaftsflächen? (€)
“Der Frankenwald stirbt”.

Experten wie Göttlein und Klemmt treiben derweil zwei andere Sorgen um. Die eine: Was wird aus den Kahlflächen? Denn das derzeitige Waldsterben im Frankenwald macht klar, was Fachleute seit Jahren prophezeien: Die Fichte hat als Baumart, die es eher kalt braucht, vielerorts in Bayern keine Zukunft mehr. Aber auch die Buche und andere Baumarten, zu denen die Förster den Waldbesitzern noch vor wenigen Jahren geraten haben, kommen mit dem Klimawandel immer schlechter zurecht. Professor Göttlein und seine Mitarbeiter haben deshalb eine “Notfallmischung” für den Frankenwald entwickelt.

Das ist Saatgut von allen möglichen heimischen krautigen Pflanzen, Sträuchern und Pionierbäumen wie der Vogelbeere und der Birke. Es wird per Drohne ausgebracht und soll verhindern, dass die Kahlflächen binnen weniger Monate zu monotonen Steppenlandschaften werden, auf jahrelang kein Wald mehr gedeihen kann, weil das dichte hohe Gras verhindert, dass die Baumsämlinge hochkommen. “Mit der Notfallmischung können wir Zeit gewinnen”, sagt Göttlein. “Zeit für die Entscheidung, welche Baumarten im Frankenwald der Zukunft stehen sollen.” Klemmt dagegen setzt auf den Umbau und die Stabilisierung der noch vorhandenen Wälder – indem man möglichst schnell möglichst viele junge Buchen und Tannen, aber auch Douglasien, Edelkastanien und andere Baumarten, die dem Klimawandel besser widerstehen als Fichten, in sie einbringt.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 3. Oktober 2023 – Dann doch noch Oktoberfest

Mittwoch, 4. Oktober 2023 um 6:32

Eine gute Nacht, der Lumbago störte meinen Schlaf nicht, allerdinge irritierte die Thermacare-Bauchbinde mich Kleidungsfrei-Schläferin bei Bewegungen ein wenig.

Gleich nach dem Aufstehen goss ich Pflanzen, öffnete dabei einige Fenster und Balkontüren – und vergaß sie wieder zu schließen, weil es so mild von Draußen reinkam. Ab neun setzte ich mich zum Lesen auf den Balkon.

Meine verhexte LWS-Muskulatur signalisierte klar, dass sie keinen Isarlauf mitmachen würde. Wie also sonst das herrliche (wenn auch unzeitgemäße) Wetter nutzen? Sie werden es nicht glauben: Ich ging mit Herrn Kaltmamsell aufs Oktoberfest. Leitwunsch war eine gute Bratwurst, solch eine hatte ich nämlich schon sehr lang nicht mehr bekommen: Auf dem Frühlingsfest war sie kalt gewesen, auf einer Party danach offensichtlich schon sehr lange warmgehalten und trocken. Eine langjährige Oktoberfest-Bewohnerin mit hohen kulinarischen Ansprüchen hatte mir den Tipp gegeben, dass die Würschtl-Braterei Wallner beim Löwenbräu-Zelt gute habe. Dort spazierten wir also hin.

Dafür, dass Menschen auf allen Wegen zur Theresienwiese in großen Massen strömten, war das Gelände selbst dann gar nicht so voll oder gar überlaufen. Die Türen der Festzelte standen offen, es war wohl noch gut ein Platz darin zu bekommen.

Überraschung auch über die Weltläufigkeit des Angebots. Während ich mich zum Löwenbräu-Zelt orientierte, guckte Herr Kaltmamsell in die Süßigkeiten-Auslagen: Er suchte Türkischen Honig, frisch vom Block gesäbelt.

Und da hatte ich sie endlich, meine Bratwurst. Sie war zwar auch sichtlich nicht ganz frisch gebraten, aber heiß, saftig und wirklich gut gewürzt. Satt war ich davon allerdings nicht, ich kaufte mir noch einen Rahmfleck aus Roggenteig und mit Speck.

Seit Jugendtagen vertraut: der Schriftzug des Autoscooters Distel.

Herr Kaltmamsell wurde fündig:

Es war ganz schön heiß auf dem schattenlosen Asphalt-Gelände, wir gingen heim. (Lachen tät ich, wenn durch Klimawandel das Oktoberfest tatsächlich in den Oktober gelegt würde.)

Wieder auf dem Balkon fuhr ich meinen Arbeitsrechner hoch, um den Urlaub langsam ausklingen zu lassen. In anderthalb Stunden hatte ich den Inhalt meines Postfachs gesichtet, und auch wenn mindestens ein Problem nicht in meiner Abwesenheit hatte gelöst werden können, hoffte ich nun auf besseren Nachtschlaf und Ausbleiben der Panikphase am Morgen im Büro.

Der angekündigte Wetterumschwung blieb weiter aus, es zog mich nochmal nach draußen. Schon der Rundgang übers Oktoberfest hatte meinem gefährdeten Kreuz gut getan, ich machte mich auf einen Spaziergang an die Isar – in Sandalen!

Über den Alten Südfriedhof…

… am Westermühlbach entlang ging ich an den Fluss, spazierte Richtung Thalkirchen.

Auf den Kiesbänken am Flaucher lagen die Nackterten flächendeckend, die Gesamtfarbe so spät im Sommer ließ mich an Hendlbratereien denken.

Hinterbrühler See. Von dort ging ich einen bislang nur bemerkten Steig zum Hochufer, diesmal wasserfern spazierte ich nach Großhesselohe und nahm von dort eine S- und eine U-Bahn zurück ans Sendlinger Tor.

Dort auch gestern 26 Grad im Schatten.

Zum Nachtmahl gingen wir chinesisch essen ins Glockenbachviertel – nicht ganz geglückt, weil unsere Bestellung verloren ging und dann durcheinander. Mittlerweile hatte der Himmel zugezogen, es kam Wind auf, der hin und wieder ein paar Regentropfen brachte.

Daheim gab’s zum Nachtisch Apple Crisp und Schokolade.

§

Die taz deckt auf.
“Django Asül über Niederbayern:
‘Wir wissen, wer die echte CSU ist”.

Da der Niederbayer in der Heimat von Gleichgesinnten umgeben ist, wird das für ihn zur Norm. Und wer dann dieser Norm nicht entspricht, ist schon mal nicht normal im Sinne der Definition, hat aber die Chance, durch entsprechende Anpassungen und Modifikationen normal zu werden. Diese Gelegenheit wird jedem eingeräumt. Da kann der Niederbayer gnadenlos liberal sein.

(…)

Schwierig wird es, wenn einer, der dieser Norm nicht entspricht, meint, denen, die sich für die Norm halten, zu sagen, was jetzt eigentlich Sache ist. Dann kann atmosphärisch schon mal a bissl was ins Rutschen kommen.

(…)

Zumindest sprachlich hat Aiwanger die Niederbayern aber doch etwas in Verruf gebracht, weil er in der Öffentlichkeit ein sehr spezielles Hochdeutsch spricht und im Norden jetzt alle denken, das sei der hiesige Dialekt.

Selbst wenn er Dialekt spricht, ist sein Niederbairisch ja eine Sprache, die außer ihm niemand spricht. Wenn man mit Leuten redet, die 500 Meter von Aiwanger entfernt wohnen, dann klingen die kein bisschen wie er. Der hat hier eine Ein-Mann-Sprache kreiert.

§

Nobelpreis für Katalin Karikó – zu der ich im Zusammenhang mit der Forschung bei BioNTech schon viel gelesen hatte, fasziniert von ihrem wissenschaftlichen Erfolg gegen alle Wahrscheinlichkeiten: Frau, Metzgerstochter, Migrantin, Forscherin ohne sicheren Platz in der akademischen Welt.

Ich las zum Beispiel diesen Artikel von 2020:
“How mRNA went from a scientific backwater to a pandemic crusher”.

For decades, Katalin Karikó’s work into mRNA therapeutics was overlooked by her colleagues. Now it’s at the heart of the two leading coronavirus vaccines

Hier wird ihre Geschichte und die ihres Mit-Nobelpreisgewinners Drew Weissmann beschrieben:
“How Scientists Drew Weissman (MED’87, GRS’87) and Katalin Karikó Developed the Revolutionary mRNA Technology inside COVID Vaccines”.

Gleichzeitig bitte ich zu beachten: Nein, bloß dass eine es trotz aller Widerstände und Hindernisse geschafft hat, heißt noch lang nicht, dass es jede schaffen kann (-> survivor’s bias – und typischer Denkfehler junger FDP-Wähler*innen). Es bedeutet, dass die systemische Schieflage so groß ist, dass ihre eine ganz besondere Geschichte ist – und dass die Geschichten all der an diesem System gescheiterten halt nicht erzählt werden.

§

Der Bayerische Rundfunk hat den Bayerischen Landtag durchgezählt: Repräsentiert er die Bevölkerung? (Nein.)
“Bayerns Landtag: Bisher kaum Spiegelbild der Bevölkerung”.

§

Und dann hätte ich eine Idee, wenn Sie heute Abend in München noch nichts vorhaben.
Mehr Infos hier.
In der Süddeutschen ein Interview mit dem Initiator.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 2. Oktober 2023 – St. Brück mit Oktobersommer und anschleichender Hexe

Dienstag, 3. Oktober 2023 um 9:21

Nach guter Nacht unruhige Phase vor Weckerklingeln – in diesem Angst- und Sorgenkarussell war ich aber wach genug mir selbst zuzusehen und zu schimpfen: “Im Ernst? DARUM sorgt du dich?!” Wecker trotz St. Brück, um Herrn Kaltmamsell und mir vor seinem Aufbruch in die Arbeit Milchkaffee zu kochen. Draußen wolkenlos strahlender Sonnenschein, frische Luft.

Ich machte mich früh für meine Schwimmrunde fertig, denn gestern war der Putzmann für früher als sonst angekündigt. Auf der Fahrt ins Dantebad brauchte ich durch die Morgenkühle noch einen Pulli. Bereits um halb zehn waren erstaunlich viele offensichtlich Oktoberfest-Willige unterwegs.

Wie erhofft herrschte auf den Schwimmbahnen des Dantebads wenig Betrieb, ich schwamm im sehr warmem Wasser und in Sonnenglitzern so leicht, dass ich problemlos auf 3.300 Meter erhöhte.

Beim Zurückradeln brauchte ich den Pulli nicht mehr, es war bereits T-Shirt-warm. Und wurde immer wärmer, nachmittags las ich 26 Grad an einem Apotheken-Thermometer. Ich zeichne das auch weiterhin hier auf: So sehr ich mich über den verlängerten Sommer freue, so sehr gruselt er mich.

Um die Heimkehr in die noch geputzt werdende Wohnung zu verzögern, erledigte ich Einkäufe im Einkaufszentrum Schwanthalerhöhe, genoss einen Mittagscappuccino.

Drogerie, Edeka, Vollcorner, Bäcker Wimmer – mit schwerem Rucksack machte ich mich auf den Heimweg.

In den Menschenströmen Richtung Oktoberfest nach meiner Schätzung mindestens 80 Prozent der Männer in irgendwas Lederhosoidem. Wie schade, dass sich keine andere (genauso erfundene) bayerische Tracht als Verkleidung durchgesetzt hat, zum Beispiel eine der fränkischen, oder einfach eine Hose, die nicht auf die Gamsjagd zurückgeht. (Was lediglich beweist, dass es derzeit in erster Linie um wiedererkennbare Verkleidung geht.)

Während zu Hause noch geputzt wurde, setzte ich mich um zwei auf den sonnigen Balkon zum Frühstück: Apfel, Körnersemmeln mit Butter und Marmelade.

Leider zickte mein Kreuz mittlereweile verstärkt, der Zauber Schwimmrunde hatte nicht funktioniert: Die Muskeln um die Lendenwirbelsäule schmerzten wie seit Jahren nicht, vor allem beim Aufrichten – Folge Schürhacklhaltung wegen Verkrampfung. Das war dann doch ein heranschleichender Hexenschuss; schon beim letzten Mal vor drei Jahren erwischte mich der nicht klassisch schlagartig (-schuss), sondern langsam (Hexenwürger?). Ich konnte nur versuchen, ihn nicht so schlimm werden zu lassen wie damals.

Auch um nochmal in die herrliche Spätsommerluft zu kommen, ging ich also auf eine weitere Einkaufsrunde, brachte unter anderem Thermacare und mehr Ibu heim. Am inneren Ende der Sendlinger Straße passierte ich einen AfD-Stand, der mit massivem Polizeiaufgebot geschützt wurde (mal kommentarlos festgehalten, der Chronik wegen).

Wie immer, wenn mich Körperliches plagt, habe ich das Bedürfnis, etwas dagegen zu TUN. Gestern ließ ich also die nächste Yoga-Folge meines derzeitigen Adriene-Programms bleiben und turnte statt dessen Rücken-Yoga von Mady Morrison. Ging alles, Vieles tat auch gut.

Herr Kaltmamsell hatte fürs Abendessen bereits Aloo Gobi aus Ernteanteil-Blumenkohl vorbereitet, ich buk als Nachtisch Apple Crisp.

Vorher gab es Drinks! Ich hatte ein Paket mit sächsischem Sekt und Gin geschenkt bekommen; den Sekt (Flaschengärung) probierten wir erstmal so und mochten ihn, dann gab es nach dem Rezept auf der Packung French 75.

Schmeckte uns sehr gut, könnte es öfter geben.

Köstliches Aloo Gobi (zufällig vegan).

Apple Crisp, den ich mit flüssiger Sahne servierte: Definitiv eine Alternative zu meinem Apple Crumble, beim nächsten Mal werde ich allerdings die Zuckermenge für die Äpfel halbieren.

Abendunterhaltung war auf arte die damals hochgerühmte Krabat-Verfilmung von 2008 – der damalige Ruhm überraschte mich. Die Austattung allein schon, die wirkte wie ca. Yentl 1983, bloß mit weniger Budget. Regie und Schauspieler ebenfalls höchstens so lala, da wurde schon sehr schultheatert. Ganz schlimm fand ich die süßliche und bestenfalls generische Musik, die dem Ganzen auf einfachste Weise Zauber und etwas Besonderes hätte verleihen können. (Wenn man die Scorpions engagiert hätte?) Und die angeblichen Raben waren Krähen – selbst die Computer-generierten.

Ins Bett mit Wärmegürtel um die Hüfte, Abschied von den Sportplänen für den Feiertag.

§

Nachtrag: Happy Brückentag.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 1. Oktober 2023 – Rückfahrt Berlin-München in erneuten Spätsommer

Montag, 2. Oktober 2023 um 7:09

Noch vor dem Wecker aufgewacht, aber nur ganz leicht Party-verkatert.

Wir machten uns und die Ferienwohnung ohne Eile fertig, spazierten zur U-Bahn, ließen uns zum Hauptbahnhof fahren. Bereits unterwegs erreichte uns die Information, dass unser ICE mit 20 Minuten Verspätung abfahren würde (Reparatur am Zug) – zu viel für den Umstieg in Erfurt. Doch gestern gab es reichlich ICE nach München, es würde sich eine Verbindung finden lassen.

Im Hauptbahnhof besorgten wir Brotzeit für unterwegs, hatten Zeit für einen Cappuccino.

Wir starteten in einem ICE mit ungewöhnlich viel Platz zwischen den Reihen: Einerseits schön, andererseits war dadurch der Bildschirm meines Laptops selbst bei weitest möglichem Herziehen unbequem weit entfernt. Aber: Super WLAN, super Internet! Ich konnnte meinen Blogpost problemlos unterwegs fertigstellen, selbst das Hochladen der Bilder ging so schnell wie daheim.

Mithilfe des Schaffners entschieden wir uns, in diesem ICE bis Endstation Nürnberg zu fahren, dort in einen ICE über Ingolstadt nach München umzusteigen. Das klappte wunderbar, wir trafen nur 30 Minuten später als geplant am Münchner Hauptbahnhof ein. Frühstück um halb zwei im Zug: Käsebreze, Streuselschnecke, Apfel.

München empfing uns mit Spätsommersonnenschein und -temperaturen (und vielen Bayern-Cosplayer*innen natürlich).

Nachmittag mit Kofferauspacken, Zeitunglesen auf dem sonnigen Balkon, einer Runde Yoga-Gymnastik.

Herr Kaltmamsell freute sich, dass er mich zum Abendessen bekochten konnte. Er servierte die Ernteanteil-Aubergine gegrillt mit Safranjoghurt und Granatapfelkernen, die Ernteanteil-Zucchini als Spaghetti-Gericht.

Nachtisch wurden die Marzipan-Variationen aus Charlottenburg.

Ich konnte die Urlaubs-Gelassenheit fortsetzen, da ich am Montag an einem weiteren St. Brück frei habe, der Dienstag Feiertag ist. Herr Kaltmamsell musste einen Schultag vorbereiten.

die Kaltmamsell