Journal Mittwoch, 12. Juli 2023 – Brighton 9 mit #12von12 inklusive London

Donnerstag, 13. Juli 2023 um 7:55

Warum nicht mal am letzten Urlaubstag bei #12von12 mitmachen und den Tag mit 12 Fotos erzählen? (Was an Tagen wie dem gestrigen eine schmerzliche Beschränkung in der Bebilderung darstellt.)

1 von 12: Wie die Tage zuvor begann auch dieser in Schlumpfklamotten und mit Bloggen zu Milchkaffee und Wasser. Das Wetter draußen gemischtwolkig, windig und kühl.

2 von 12 : Vor meinem Ausflug nach London war noch Zeit für eine Kraft-Einheit Yoga-Gymnastik.

3 von 12: Ich spazierte zum Brightoner Bahnhof (Herr Kaltmamsell blieb in Brighton), kaufte mir am Automaten ein Daytime Off-Peak Return-Ticket nach London Bridge von Thameslink (mit £21,40 eine wirklich günstige Fahrt, die Herr Kaltmamsell für den Freitag zuvor gefunden hatte). Die Verbindung fährt mindestens alle halbe Stunde. Englisches Bahnhofs-System: Auf den Anzeigetafeln mit allen Zwischenhalten steht erst kurz vor Abfahrt das Gleis, dann passiert man mit dem Magnetstreifen-Ticket die Schranke zum Bahnsteigbereich (wegen Magnetstreifen keine durchgehende Online-Buchung).

Ereignislose und nur leicht verspätete Fahrt nach London Bridge. Ich sah viel aus dem Fenster und genoss den Ausblick auf englische Landschaft.

4 von 12: Unweit des Bahnhofs London Bridge befindet sich gegenüber von Borough Market Neal’s Yard Dairy. Der Market besteht mittlerweile nahezu ausschließlich aus Fressständen, vor lauter Touristengruppen und anstehenden Schlangen (offensichtlich promoten Influencer*innen derzeit einen mit Paella, dort stand die längste Schlange mit sehr jungen Rucksackträger*innen) war schier kein Durchkommen.

Der Nebenraum von Neal’s Yard Dairy, in dem sonst die Kühlregale mit Milchprodukten standen, ist gerade Baustelle, ich ging von der Straße direkt in den Käse-Verkaufsraum. Mit übermenschlicher Anstrengung beschränkte ich mich beim Kauf auf fünf britische Käsesorten, Details erzähle ich bei Verzehr zurück daheim in München.

Wieder schob ich mich durch die Touristenmassen in Borough Market, um auf die Brücke über die Themse und zur Tube Station Monument zu kommen. Kurz davor holte ich mir Mittagscappuccino bei einem Costa, an den kleinen Speciality-Kaffeeläden zuvor auf dem Weg waren mir die Schlangen zu lang gewesen.

Und dann kaufte ich mir doch einfach ein ein U-Bahn-Ticket am Automaten: Die Version, einfach meine Kreditkarte jeweils an den Eingang und später an den Ausgang zu halten, damit mir am Ende des Tages der günstigste Tarif summiert würde, traute ich mich nicht – ich hätte ja dann unterwegs kein Ticket vorzuweisen gehabt!

Von der Zielstation South Kensington war ein unterirdischer Gang mit “Museums” ausgeschildert, dem folgte ich – und kam so über die Kellereingang ins Victoria and Albert Museum. Dort setzte ich mich erstmal mit dem Lageplan auf eine Bank, orientierte mich und frühstückte zwei Eiweißriegel.

Zunächst tat ich mir schwer, den roten Faden des Museums zu finden.

5 von 12: Ich begann mit den Räumen zu Design des 20. Jahrhunderts: Das Aussehen der (Alltags-)Exponate wurde vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Veränderungen erklärt.

6 von 12 und 7 von 12: Immer wieder beschildert, erkärt und einen Blick wert war das Museumsgebäude selbst.

Ich geriet in die Gilbert Collection mit Kostbarkeiten aus mehreren Jahrhunderten, zum Teil wurde auf Bildschirmen deren Herstellung erklärt.

Auch durch die Räume mit sakraler Kunst streifte ich, von Tora-Rimonim über Monstranzen bis Buntglasfenster (unter der riesigen Vielfalt von Letzteren nichts, was auch nur ansatzweise den Lieblings-Buntglasfenstern meiner Kindheits-Pfarreikirche St. Pius ähnelte).

8 von 12: Wirklich hängen blieb ich immer an zeitgenössischen künstlerischen Interpretationen der Themen, hier zum Beispiel sakrale Glaskunst mit Fisch-Motiv.

9 von 12: Einen Schlüssel zu den Zielen des Victoria and Albert Museums lieferte mir dann endlich die Information zu den Repliken-Sälen – das V&A wurde als South Kensington Museum gegründet, das die Bürger Londons bilden sollte, “to educate designers, manufacturers and the public in art and design”.

10 von 12: In einem der Ausstellungsräume mit Glaskunst. Ich hatte gerade die Räume mit Juwelen aus mehreren Jahrtausenden gesehen, hier lag der Schwerpunkt auf Materialien und Herstellungsweisen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen. Jetzt war ich von der Masse an Exponaten endgültig überfordert. Aber: Wo Spiegelwand, da Selfie.

11 von 12: Hier und in den schier endlosen Glasschränken mit Keramik wurde mir klar, was das Museum auch ist, nämlich Forschungsstätte. Die Art der Präsentation (vergleichbar mit Schmetterlingswänden in alten naturhistorischen Museen) ermöglicht den Zugang zu viel mehr Objekten als es die kuratierte Präsentation einer kleinen Auswahl nach Themen täte. So können Fachleute die Originale selbst betrachten und vergleichen, müssen kein Personal um Raussuchen aus dem Magazin bemühen. Um den Preis, dass Laien wie ich erschlagen werden.

12 von 12: Nach ein wenig weiterem Schlendern und insgesamt zweieinhalb Stunden Museum machte ich Schluss, kaufte nur noch ein paar Karten im wundervollen Museumsshop. Einen schnellen Weg zum U-Bahnhof wies mir eine herumstehende Dame mit Museumsabzeichen, die meinen suchenden Blick aufgefangen hatte – so wie mir eine ihrer Kolleginnen vorher ungefragt einen Tipp gegeben hatte, wo ich meine eben ausgetrunkene Wasserflasche auffüllen könne, “we all fill our bottles there”. Herzerwärmende kindness of strangers.

Rückfahrt mit U-Bahn und Zug nach Brighton. Ich hatte die Temperatur überschätzt und fror in meinem Sommerkleidchen, am meisten im Zug, der auch noch Klimaanlagen-gekühlt war.

Zurück in der Ferienwohnung packten wir die Koffer zum größten Teil, gingen für ein indisches Abendessen hinaus nach Hove. Auch in diesem Restaurant litt der Genuss darunter, dass Herr Kaltmamsell mittlerweile selbst so gut und ausgefeilt indisch kocht, aber wir wurden mit Samosas, Butter Chicken und einem milden Lammcurry angenehm satt. Nachtisch zurück in der Wohnung Süßigkeiten.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 11. Juli 2023 – Brighton 8 mit Einkaufslage und englischem Fernsehen

Mittwoch, 12. Juli 2023 um 9:15

Unruhig aber ausgeschlafen.

Nachdem mir kürzlich auffiel: Bei meiner täglichen Bloggerei über Alltag und Kleinigkeiten muss man schon ganz schön lange mitlesen, um meine biografische Eckdaten mitzubekommen – fasste ich sie als Service in einem Blogpost zusammen, den ich in meiner About/FAQ-Seite verlinkte.

Es war kühles Wetter mit Wind angekündigt, ich probierte nochmal eine Laufrunde. Ging besser als am Samstag, die Wadenschmerzen setzten später ein und störten nicht wirklich. Gestört fühlte ich mich aber durch die unangekündigte Sonne, die vor allem am weißen Undercliff Walk blendend abstrahlte.

Bei Ebbe roch es besonders schon algig und tangig-salzig nach Meer, ich atmete tief und mit Genuss.

Links Flügel trocknender Kormoran in Brighton Marina. Kurz drauf sah ich rechts über den steilen Felsen einen Falken rütteln

Schon auf meinem letzten Stück Lauf stimmte das mit Wind und Kühle, eventuelle Badepläne ließ ich fahren.

Um italienisches Essen mache ich in England einen großen Bogen; zwar weiß ich aus Italien-Aufenthalten, dass auch das in München nicht identisch ist mit der besten Version im Land selbst, doch England interpretiert es bis zum Nicht-mehr-Wiedererkennen. Doch dieser Tage sah ich bei einem Spaziergang durch North Laine auf Tellern Pizzen, die genau meinem Geschmack entsprachen: Unregelmäßig und offensichtlich handgeformt, mit brotigem, saftigen Rand. Zu diesem Lokal, Fatto a mano, gingen wir gestern zum späten Mittagessen um halb drei.

Herr Kaltmamsell hatte eine Capricciosa, ich eine mit Aubergine und Räucher-Ricotta, wir waren beide sehr zufrieden. Wir beobachteten, dass die Einheimischen zu ihrer Pizza gerne Pommes und Dips bestellten, auch bei diesem besonders guten Teig Teile des Rands übrig ließen, als sei er nur Verpackung. Andere Länder, Sitten etc.

Danach trennten wir uns, jede*r ging eigenen Einkaufsinteressen nach. Ich stöberte unter anderem in Kleidung, auch wenn ich wirklich, wirklich nichts brauche. Dabei fiel mir vor allem das ausgesprochen minderwertige Material auf. In Schuhläden besteht das Angebot für Frauen zu 90 Prozent aus Turnschuhen und Birkenstocks, Rest hochhackige Party-Schuhe.

Ich spazierte bis zu einem bestimmten Weinladen im Viertel Seven Dials, entdeckte dadurch eine äußerst lebendige Ladengegend. Der Laden war auf der Website des Weinguts Breaky Bottoms, das wir am Vortag passiert hatten, als Händler für deren Produkte angegeben, ich hätte sehr gern eine Flasche probiert. Doch Herr Weinverkäufer wusste von nichts, und er arbeite schon seit vier Jahren dort. Interessant übrigens, dass Weinhandel hierzulande auch exklusive Biere und Ciders anbietet.

Preise, Sortiment, Versorgungssituation: Unsere Erfahrungen der vergangenen beiden Wochen in England.
– Die Gastronomie-Preise liegen unter denen in München. (Und in vielen Restaurants wird auf der Rechnung automatisch eine Service-Pauschale von 12 Prozent zur Endsumme addiert.)
– Das Obst- und Gemüse-Sortiment im Supermarkt ist mit nur wenigen Lücken vorhanden, doch die Vielfalt ist nur ein Schatten von früher, als ich Touristenfotos von zehn Sorten Champignons im Regal machte. Selbst jetzt, in der reichhaltigsten Obstzeit des Jahres, gibt es statt wie früher mehrere Sorten Pfirsich, Nektarinen, Aprikosen, Pflaumen, Kirschen von allem höchstens eine. Und die auch nicht mehr als zusätzliche Auswahl “perfectly ripe”, ein Konzept, das ich in England kennenlernte: Auf der Mango steht jetzt explizit “sweet and juicy when ripened at home”. Dafür schreien ganz viele Verpackungen “only from British farmers”.

Grauer und frischer (ich genieße es und tanke Kühle für München) Nachmittag in der Ferienwohnung mit Lesen und mit Recherchen für den letzten Brighton-Tag am Mittwoch: Ich möchte nach London fahren für Einkäufe und zum ersten Mal ins Victoria and Albert Museum. Dazu muss ich nach vielen Jahren wieder die Tube nutzen: Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Ticketkauf mit pay as you go supereinfach geworden, ich bin schon sehr gespannt, ob das wie beschrieben funktioniert.

Auch Abendessen gab es: Ich machte mir Salat aus Ruccola und Tomaten, dazu ein Glas Rotwein, das wir noch hatten, außerdem Mango mit Joghurt, danach gab’s Süßigkeiten, zu viele.

Ich bat Herrn Kaltmamsell um englisches Fernsehen – was mit dem Gerät in der Ferienwohnung gar nicht einfach ist: Der Fernsehapparat hier ist auf nicht-lineares Gucken über alle möglichen Kanäle von Netflix über Disneyplus bis ITV, Channel four, BBC ausgelegt. Für manche muss man sich mit eigenem Konto einloggen, für manche sind bereits Konten angelegt. Aber einfach den Fernseher anschalten und schauen, was gerade läuft, wie wir Alten Fernsehen kennen – das geht nicht. Herr Kaltmamsell hatte herausgefunden, wie man sich zum Live-Programm klickt, und in den Tagen davor hatten wir ein bisschen geguckt, aber gestern blieben wir in der BBC-Mediathek (wie ich sie jetzt einfach mal nenne) an The Cleaner hängen, dem englische Remake des fabulösen NDR-Tatortreinigers. Gar nicht mal schlecht, nimmt viele Kernelemente der Vorlage auf (aber einen Bjarne Mädel haben sie halt nicht hier), in der ersten Folge spielt gleich mal Helena Bonham Carter die Titelfigur “The Widow”.

Abrupter Abbruch des Fernsehabends, als mein leeres Wasserglas auf dem Tisch umkippte und einen großen Untersetzer aus Spiegelglas kaputtschlug – jetzt muss ich der unangehmen Vermietungsagentur auch noch einen Schaden melden.

die Kaltmamsell

Servicepost: Wer ich gerade bin

Dienstag, 11. Juli 2023 um 14:11

Kürzlich fiel mir auf, kurz vorm 20. Geburtstag dieses Blogs, dass meine täglichen Journal-Posts es ja doch recht schwer machen herauszufinden, wer ich eigentlich bin – man muss dafür schon eine Weile mitlesen, wer will das schon. Und da dachte ich mir: Fass das doch mal als derzeitigen Status für Neuankömmlinge zusammen.

Hallo! Ich bin eine 56-jährige (nach Kalenderjahren gezählt, weil ich meinen Geburtstag nicht mag) weiße cis Frau, verheiratet mit einem Mann, absichtlich kinderlos.

Geboren wurde ich in Ingolstadt, wohnen tue ich seit über 20 Jahren in Münchens Stadtmitte zur Miete in einer sehr schönen und großen Wohnung.

Meinen Lebensunterhalt bestreite ich durch Vollzeit-Angestelltentum als Sachbearbeiterin/Assistenz in einer großen Forschungsorganisation. Mein beruflicher Hintergrund: Journalismus, Englische Literaturwissenschaft, Public Relations.

Meine Hobbys sind Lesen und Schreiben, körperliche Bewegung (die mir durch Unversehrtheit nahezu unbeschränkt möglich ist), Neues zu erfahren, Essen.

Meine Eltern sind beide lebendig und fit, Vater gebürtiger Spanier aus Madrid, Mutter Polen-stämmig (es ist kompliziert). Außerdem habe ich einen Bruder, der mitsamt seiner Familie wichtig für mich ist.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 10. Juli 2023 – Brighton 7 mit Ausflug in die South Downs und spannendem Gemüse

Dienstag, 11. Juli 2023 um 10:41

Ultragenervt und erledigt aufgewacht nach wüsten Träumen: Mein Hirn hatte sich eine hochkomplexe Fernseh-Spielshow ausgedacht (W!T!F!), die bei Nacht im Wasser stattfand und in der auch das Studio-Publikum mitspielen durfte, ich war zuständig für die Orga des ganzen und entsprechend hochgradig angespannt.

Das Draußen eher düster, jeder Sonnenstrahl machte umgehend heiß. Meine Reaktion auf das kontinuierliche Möwen-Geplärr war gerade gereizt, das schwankt bei diesem ausgedehnten Brighton-Aufenthalt immer wieder.

Als Tagesprogramm hatte ich eine kleine Wanderung in den South Downs angeregt (laut Vorhersage schönstes Wetter unserer restlichen Urlaubstage), bevor wir abends bei unserer Reservierung in einem immer großartigen Restaurant testen würden, ob es auch diesmal so großartig war.

Herr Kaltmamsell suchte in unserem abgeschraddelten Wanderbüchl (richtig, einst wanderten wir nach Büchl) eine der Standard-Runden mit Start in Southease aus, das sich bequem in einer halben Stunde vom Brightoner Bahnhof aus mit einem Bummelzug erreichen ließ. Vorher nahmen wir einen weiteren Abschied vom einstigen Lieblings-Café Redroaster, das sich auch diesmal nicht wundersamerweise von der schicken Edel-Bruncheria ins Nachbarschafts-Café für Hippies und Hundegassiführer*innen zurückverwandelt hatte.

Nachdem nicht mal mehr der Cappuccino (einst der beste meiner Welt) nach meinem Geschmack war (zu sauer), sollte ich wirklich, wirklich einen Haken daran setzen.

Zug nach Southease, hier hatte sich nicht viel verändert. Unterwegs las ich Süddeutsche – und musste bei der Seite Drei zu den anstehenden Parlamentswahlen in Spanien (€) wieder heftig den Kopf schütteln.

Lange dachte man, in Spanien hätten rechte Populisten keine Chance.

Nee, Frau Madrid-Korrespondentin Janker, das dachten eigenartigerweise die deutschen Spanien-Korrespondent*innen, noch dazu mit dieser seltsamen Begründung:

Spanien galt lange als immun gegen Rechtspopulismus. Man hätte denken können, das Land hat aus dem Franquismus gelernt.

Man sieht doch an Deutschland, dass selbst die allerschlimmsten Erfahrungen mit einer Nazi-Diktatur nicht immunisieren. Und in Spanien gab es bis heute keinerlei Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit, die Nation ist sich nicht mal darüber einig, dass es sich um eine Diktatur handelte.
Ich kann mir diese Realitäts-ferne Sicht nur damit erklären, dass niemand mit spanischen Politolog*innen, Historiker*innen, Politikjournalist*innen gesprochen hat. (Oder auch nur mit meiner überzeugten Franco-Anhängerin tía Luci, aber die zählt zurecht nicht.)

In herrlichem Sonnenschein (gegen den, wie sich am Ende des Tages herausstellte, mein Eincremen nicht genug schützte) und in leichtem Wind gingen wir drei Stündchen über die Hügel der South Downs, sahen unter anderem Kühe, Schafe, Falken, Dohlen, Krähen, Feldlerchen, Spatzen, am Fluss Ouse Bachstelzen, Graureiher, Silberreiher, Kormoran. Gegen zwei machten wir Brotzeitpause mit Aussicht, ich aß zwei Eiweißriegel und einige Nüsse.

Der Brightoner Bahnhof mit Eisenkonstruktion.

Der Halt in Southease immer noch mit komplizierter Gebrauchsanweisung.

Das Weingut Breaky Bottom.

Saltdean und Rottingdean im Sommerdunst.

Kurz vor Ende unserer Wanderrunde rief das Lokal mit der abendlichen Reservierung an: Es habe ein Gasleck gegeben, sie könnten leider nicht öffnen.
Selbstverständlich hatte ich Verständnis, vor allem bedauerte ich den anrufenden Wirt wegen des Schlamassels. Aber ich war tief enttäuscht, hatte beim Wandern schon überlegt, welche spannenden Weine mir wohl diesmal empfohlen würden (hier hatte ich unter anderem den spanischen Gewürztraminer Enate entdeckt, beim letzten Besuch einen kroatischen Rotwein), welche Überraschungen die Speisekarte bieten würde.

Während der halben Stunde Warten auf unseren Zug zurück nach Brighton fiel mir aber eine Alternative ein, auf die ich bei meinen Recherchen für unseren Urlaub gestoßen war: The Flint House, das ein interessantes Chef’s Menu mit Weinbegleitung anbot.

In der Ferienwohnung Ausruhen und Lesen, bis wir uns für den Abend frisch machten – und der ganz hervorragend ausfiel.

Wir ließen uns an der Theke zur offenen Küche platzieren, denn das alternative Angebot war ein Tisch auf der Dachterrasse – dafür war es mir deutlich zu frisch (mir graut immer mehr vor der Bruthitze in München bei unserer Rückkehr).

Das Chef’s Menu bestand in jedem Gang aus mehreren kleinen Tellern zum Teilen und war zu meiner großen Freude deutlich Gemüse-lastig.

Es ging los mit Thunfisch-Tartare mit Tomaten und Nori, außerdem mit Ofensellerie-Scheiben und Apfel auf einer sensationellen Haselnusscreme. Aperitif war ein Schaumwein mit Lavendel-Gin, sehr gut.

Zweiter Gang: Gruyere-Schinken-Kroketten mit Safran-Majo, Mais-Fritters auf Pfeffer-Ajoli. Wein dazu ein frischer Vinho Verde.

Dann gab es Rote (gekochte) und Gelbe (knackige) Bete mit Miso-Dressing und Dill – diese Kombi war großartig. Außerdem gebratene Makrele mit gewürztem Birnenpüree und besonders gutem rohem Sellerie-Salat.

Der Wein dazu ein Rosé Languedoc-Roussillon.

Drei Hauptgänge (von unten): Zucchini a la plancha mit Labneh, Minze und Sumac (wundervolle Kombi), confierte Kartoffelblätter mit Pfeffer-Aioli, langsam gegarter und gebratener Schweinbauch mit roter Zwiebel und Pickle. Dazu mein Lieblingswein des Abends, ein überraschend leichter Boheme Primitivo Salento aus Apulien.

Dessert: Erdbeer-Sahne-Parfait mit Hollerblüten-Zitronen-Creme, außerdem weißer Schokoladen-Fudge mit Salz und Pistazie. Dazu trank Herr Kaltmamsell einen süßen Sherry, ich ließ mir abschließend noch einen Espresso-Martini mixen.

Umsorgt wurden wir von einem zauberhaften Herrn mit sehr eigenem Humor, Unterhaltung während des Essens waren vor allem die Abläufe in der Küche vor uns, die wir durch die unsichtbare vierte Wand (das Personal ignorierte uns natürlich) intensiv verfolgten.

Im Bett begann ich eine neue Lektüre, frisch aus der Stadtbibliothek heruntergeladen: Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit – auch der las sich trotz “Roman” gleich mal sehr autobiografisch.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 9. Juli 2023 – Brighton 6 mit Sunday Roast und Friedhof

Montag, 10. Juli 2023 um 9:48

Lang geschlafen, ich war am Samstag sehr müde gewesen und früh ins Bett gegangen, dann hatte es zehn Stunden Schlaf gebraucht.

Aufgestanden zu dunkelgrauem Himmel, gleich mal wieder was gelernt: Hier arbeitet die Müllabfuhr auch am Sonntag und leert die schwarzen großen Mülltonnen.

Zu einem Milchkaffee, einem Pint Leitungswasser und zwei Tassen Tee mit Milch gebloggt. Dann gab ich meiner Lust auf eine Folge Yoga-Gymnastik mit Adriene nach – die Reise-Yogamatte war Anschaffung und Mitnehmen auf jeden Fall wert.

Herr Kaltmamsell hatte sich Sunday Roast gewünscht, der hier weiterhin in vielen Pubs angeboten wird und für den es in Brighton eine Best-of-Rangliste gibt. Ich plädierte dafür, Neues auszuprobieren: Mir war aufgefallen, dass wir doch zu sehr nach Vertrautem suchen und uns zu wenig Zeit nehmen, Abenteuer und Unbekanntes zu finden. Als Nachmittagsprogramm hatte ich einen Spaziergang durch den großen und grünen Friedhof von Brighton vorgeschlagen, also reservierte Herr Kaltmamsell Sunday Roast im Pub Haus on the Hill (sic!).

Wir spazierten gemütlich den Strand entlang und dann quer durch den Stadtteil Kemptown bergauf (Brighton ist sehr hügelig, ich bewundere alle Radler*innen, zumal ich noch kein E-Bike gesehen habe).

An diesem Karussell fasziniert mich vor allem der mechanische Musikautomat in der Mitte, der erstaunlich tonsicher Melodien und Rhythmus schmettert. Ich hörte eine Weile zu, nicht nur klassiche Jahrmarktwalzer, sondern auch die Samba “Brasil”.

Eigentlich hatte ich kein Bier trinken wollen, doch dann sah ich, dass hier Bier der kleinen Brauerei Brighton Beer ausgeschenkt wurde und bat um ein Stout: Ich konnte sogar aus zweien wählen und entschied mich für das weniger trockene.

Das Essen war phänomenal. Herr Kaltmamsell hatte Schweinsbraten bestellt, ich das Lamm. Das Verhältnis Fleisch zu Beilagen auf meinem Teller war etwa 20:80, und das stellte sich als sehr gut heraus. Das große Ufo hinten ist ein Yorkshire Pudding, dieser war knusprig, saftig und offensichtlich frisch gebacken. Sonstige Beilagen: Blaukraut (weich und gut gewürzt), Blumenkohl mit Bechamel, Ofen-Karotten (spannend gewürzt), Ofen-Kartoffeln (frisch und knusprig), ein Bratwürschtl mit Speck (?), Wirsing (knackig), und dass die Bratensauce traditionell extra im Kännchen serviert wird, war sehr praktisch: Ich stippte den Inhalt meiner Gabel eher hinein als das ich alles ertränkte. Auch der Lammbraten stellte sich als hervorragend heraus. Ich war mit Hunger und Appetit angekommen, aß den gesamten Teller mit Vergnügen und Genuss leer, war abschließend sehr satt, aber nicht überfressen.

So spazierten wir fit hinüber zum Friedhof.

Sieht nach sehr praktischem Radlparkplatz mit Schutz vor Wetter und Diebstahl aus.

Der Friedhof in Brighton besteht aus dreien: Brighton and Preston Cemetery und Woodvale Cemetery, durch eine durchgangslose lange Mauer getrennt, sowie auf der anderen Seite der Straße City Cemetery.

Wir sahen erwartbare, traditionelle Bestattungsbereiche.

Aber auch unkonventionelle.

Sowie eine neue Generation an Gräbern, die möglicherweise künftige Generationen von Kunsthistorikerinnen vor besondere Herausforderungen stellt. Sie erinnerte mich an antike Grabmäler in Rom, die vom Ruhm und von den beruflichen Erfolgen der Bestatteten künden. (Nachtrag: Bitte lesen Sie diese Erklärung dazu.)

Dieser Rosengarten, Garden of Remembrance, ermöglicht das Anbringen von Gedenktafeln an Rosenstöcken. Die Asche Verstorbener kann ebenfalls hier verstreut werden, es gibt offentsichtlich keine Bestattungspflicht.

Parkplätze für Geistliche.

Besonders empfand ich in den beiden Friedhöfen die angenehme Weitläufigeit, und dass mit dem Auto durchgefahren wurde: Für einen Besuch des Grabs, so beobachteten wir zweimal, wird direkt hingefahren. Ansonsten waren außer uns keine Spaziergänger*innen unterwegs.

Wir spazierten weiter zum Hebrew Cemetery den wir auf dem Stadtplan gesehen hatten, doch das Tor in der Mauer war verschlossen, und er sah verlassen aus (keine Steine auf den Gräbern).

Es gibt noch zwei weitere jüdische Friedhöfe in Brighton, für die hatten wir aber keine Energie mehr.

Den Rückweg zur Unterkunft nahmen wir über die kleinen Einkaufsstraßen North Lane. Dort nochmal Ausprobieren von Neuem: Wir holten uns beide unseren ersten Bubble Tea.

Da ich von der Auswahl und den Kombinationsmöglichkeiten überfordert war (inclusive Auswahl der Süßheit in Prozent und der Kaltheit in vier Stufen), bestellte ich zwei bereits zusammengestellte “Specials”: Strawberry Jam Milk Cap und Passion Fruit Jam Milk Cap. Schmeckte nach Milchshake mit Sahnehaube, die Tapioka-Kugeln machten Spaß.

Der restliche Nachmittag verging in der Ferienwohnung mit Lesen verschiedener Dinge, es gab sogar noch Abendessen in Form von Tomaten, Nektarinen mit Joghurt und Süßigkeiten.

§

Zadie Smith hat einen historischen Roman geschrieben und erzählt im New Yorker, wie sie sich viele Jahre lang vergeblich dagegen gewehrt hat und warum sie dabei einfach nicht um Charles Dickens rumgekommen ist:
“On killing Charles Dickens”.

via @gedankentraeger

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 8. Juli 2023 – Brighton 5 MIT BAD IM MEER!!!1!11

Sonntag, 9. Juli 2023 um 10:40

Wie angekündigt war das Wetter über Nacht düster und grau geworden. Nach fast zwei Stunden Bloggen von Null freute ich mich trotzdem auf meine Laufrunde – nach der endlich, endlich ein Bad im Meer geplant war. Da urlaube ich schon seit über 25 Jahren immer wieder in Brighton, bei jeder Jahreszeit (kennengelernt habe ich Brighton im Januar 1997) und bei jedem Wetter – und habe es noch kein einziges Mal ins Meerwasser geschafft. Sogar im Chlorwasser des hiesigen Schwimmbads war ich schon mal! Doch mit Salzwasser habe ich es halt nicht so, und wenn es mal während meines Brighton-Urlaubs heiß war, zog ich mich lieber in kühle Innenräume zurück.

Diesmal also hatte ich Schwimmsachen dabei und Herrn Kaltmamsell gebeten, sanften Druck auszuüben. Verschwitzt nach einer Laufrunde sah ich die größte Chance auf Meerlust, also war meine Nordsee-Premiere auf gestern terminiert.

Aber erstmal Laufen: Da ich ein Zwicken in Waden und Knien (?!) heraufdämmern spürte, dehnte ich am Strand ein wenig vor, mobilisierte Muskeln und Gelenke. Auf den Rasenflächen an der Promenade von Hove sah ich samstäglich sportelnde Gruppen, bis hin zu Langhantel-Training. Dennoch wurde diese Laufrunde wenig vergnüglich: Mein Kreislauf kam im Schwülen nicht so recht in Schwung, nach einer halben Stunde verhärteten sich die Waden schmerzhaft, am Ende hatte ich einen roten Kopf – eigentlich beruhigend, dass meine Fitness auch mal Aussetzer hat.

Brunswick Square.

Undercliff Walk gestern mit Ebbe.

Zurück in der Ferienwohnung trank ich nur ein Pint Wasser, schlüpfte gleich in meinen Schwimmanzug, warf ein Sommerkleid über, Herr Kaltmamsell begleitete mich an den Kiesstrand zum Sachenaufpassen und Fotografieren.

Was ich komplett unterschätzt hatte: Auf diesem Kies kann man (ich) nicht barfuß gehen. Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, und die unter Schmerzenslauten, bis ich am Wasser war. Netterweise kam mir anderes Wasser entgegen, nämlich von oben in Form von Regen.

Mir war völlig wurscht, ob das Meerwasser kalt war (war es nicht), Hauptsache es ersparte mir weitere Fußsohlenschmerzen. Neben mir lief trotz Regen und Gewitter eine Frau ganz locker ins Wasser: Sie trug Turnschuhe.

Raus musste ich allerdings auch wieder irgendwie kommen.

Dann halt auf allen vieren.

Sehen Sie hier mein Aufgeben-Gesicht. Ich ließ mir Sandalen anreichen.
(Fotos alle Herr Kaltmamsell.)

Mittlerweile regnete es heftig, so kamen wir beide patschnass zurück in unsere Ferienwohnung. Auf Mastodon und Twitter las ich von heftiger Hitze in Deutschland, im Vergleich dazu hatten wir es wirklich besser erwischt.

Für ein Mittagessen zu fast spanischen Zeiten hatte Herr Kaltmamsell einen Tisch im Lieblingsrestaurant Food for friends reserviert. Bis wir dahin aufbrachen, hatte der Regen aufgehört, Brighton dampfte wie eine frühere Waschküche.

Das Food for friends erinnerte uns locker daran, warum es ein Lieblingsrestaurant ist (Herr Kaltmamsell entschied sich für drei kleine Teller). Meine Vorspeise Arancini auf Paprika-Püree war zwar lediglich gut (Verdacht, dass die nicht ganz frisch gemacht waren), dafür haute mich der Thai tofu salad wirklich um mit seiner Aromen-Vielfalt.

Auf dem Spaziergang zurück (durch sehr viel Samstagsvolk, ich sah bestätigt, dass das derzeit bevorzugt tätowierte Körperteil die Wade ist) suchten wir vergeblich nach dem vegetarischen Inder, der bei unseren ersten Brighton-Urlauben Standard war, und der Pub in einer Seitenstraße, in dem wir einst Sunday Roast für uns entdeckten, wird derzeit renoviert. Wir verschoben alle weiteren Einkaufspläne, sind ja noch ein paar Tage hier. Der Standard-Besuch im größten Buchladen am Ort, einem Waterstone, fiel kurz aus: Mittlerweile bekommen wir Infos über interessante neue Bücher aus anderen Quellen, die Bücher selbst kaufen wir nicht mehr auf Papier, ich noch konsequenter als Herr Kaltmamsell. Dieser hatte bei früheren Brighton-Aufhenthalten aber die Antiquariate noch gründlich besichtigt – auch das fällt diesmal aus, denn das letzte der vor 30 Jahren über ein Dutzend Antiquariate in Brighton ist jetzt ein Barber Shop.

Wir besorgten also nur Lebensmittel – und machten uns einen echten faulen Nachmittag mit Lesen. Dabei abwechselnd auf möglichst vielen Sofas, Sesseln, Stühlen mit unterschiedlichen Aus- und Anblicken sitzen, haben wir alles gezahlt!

Zum Nachtmahl gab es zu einem Weizensauerteig-Körnerbrot, das ich frisch in einem Bäckerei-Café ums Eck besorgt hatte, Käsereste und Tomaten, zum Nachtisch kleine Supermarkt-Apple-Pies und sonstige Süßigkeiten.

§

SZ-Interview mit Renate Schmidt, die auch mal Familienministerin war und die ich sehr bewundere.
“‘Eine Verfünffachung der Kinderarmut, das ist skandalös!'”

Und dann hat die SPD 2005 die Wahl knapp verloren.

Und ich deshalb auch mein Amt. Ich war stinkesauer, aber das war halt so. Ursula von der Leyen wurde Familienministerin. Wir waren die beiden Federführenden für die jeweiligen Arbeitsgruppen, die den Koalitionsvertrag ausgehandelt haben. Ursula von der Leyen wollte es zum Glück auch, das Elterngeld. Wir haben es tatsächlich geschafft, es beinahe in Gesetzesreife in den Koalitionsvertrag hineinzuschreiben.

Bedauern Sie heute, dass das Elterngeld immer mit Ursula von der Leyen in Verbindung gebracht wird?

Nein, im Nachhinein war ich froh, dass ich nicht mehr Familienministerin war. Denn das Elterngeld hätte ich gegen die Ramsauers dieser Welt – ich sage nur Wickelvolontariat für Väter – nicht durchgesetzt. Aber ihre eigene Ministerin konnte die Union nicht im Regen stehen lassen. Es war also gut für die Familienpolitik, dass ich nicht mehr Familienministerin war. Auch den Rechtsanspruch auf eine Kinderbetreuung ab dem zweiten Lebensjahr hätte ich nicht durchgebracht. Hätte ich das gefordert, hätte man mir die Zerstörung der deutschen Familie vorgehalten. Ich sehe es so: Das Elterngeld hat zwei Mütter: Eine war bei der Zeugung dabei, Renate Schmidt, eine bei der Geburt, Ursula von der Leyen, insofern hatte ich den besseren Part.

<3 <3 <3

Das ist wieder ein Artikel, den ich verschenken kann. Wenn Sie ihn lesen mögen: Bitte kurze E-Mail an die Adresse links oben, Sie müssen auch gar nichts erklären oder rechtfertigen, dann generiere ich einen Leselink, den ich Ihnen schicke.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 7. Juli 2023 – Brighton 4 mit Ausflug nach London (National Portrait Gallery, St. John Bread and Wine)

Samstag, 8. Juli 2023 um 10:51

Für gestern war der eine heiße Tag (na ja, 28 Grad Höchsttemperatur) unseres gesamten England-Urlaubs angekündigt, für den hatten wir eine abendliche Restaurantreservierung in London und planten davor einen Museumsbesuch. Sieht aus nach: 1) Weiterhin großem Glück mit dem Reisewetter, 2) holdem Zufall.

Am Vormittag verdunkelten wir unsere Ferienwohnung, um die Hitze draußen zu halten, und spazierten zum Brightoner Bahnhof, stellten fest, dass unsere günstige Zugverbindung (scheiße ist Bahnfahren teuer in UK!) nach London Bridge später fuhr als gedacht, tranken noch einen Cappuccino.

In London gingen wir alles zu Fuß, wie man das als Tourist*innen halt macht – wir bewegten uns in einem dichten Strom von solchen. Also ein Stündchen die Themse entlang zu den Golden Jubilee Bridges.

Unser Ziel war die National Portrait Gallery, die am 22. Juni dieses Jahres nach Umgestaltung wiedereröffnet hatte, darin vor allem die Sonderausstellung zu einer Pionierin der Farbfotografie in den 1930ern, Yevonde. Wir kamen kurz nach eins an, knabberten zur Hungerberuhigung ein paar Hände voll Mischnüsse.

Das Museum war sehr gut besucht, vermutlich auch wegen des freien Eintritts, in der kostenpflichten Yevonde-Ausstellung ging es ruhiger zu.

Ich nahm viele Lebensgeschichten der portraitierten Menschen, vor allem Frauen mit, außerdem Technik-Infos über diese frühe und ausgesprochen aufwändige Farbfotografie, die aus einer besonderen Kamera bestand, der Vivex One-Shot, mit der drei Bilder gleichzeitig aufgenommen wurden, und aus der Abzugstechnik der Firma Colour Photographs Ltd. of Willesden – hier Technikhintergrund und Beispiele. Als die Firma zu Kriegsbeginn schließen musste, endete auch diese Ära der Farbfotografie.

Zudem nahmen wir das Angebot einer 45-minütigen Highlight-Tour durch die National Portrait Gallery wahr; dabei sahen wir nicht nur wichtige Klassiker und Neu-Erwerbungen, sondern bekamen auch Einblick in verschiedene Aspekte der Neuausrichtung des Museums.

Hier die Leiterin der Führung (“I am small, but I am loud!”) vor “one of our most beloved exhibits”: das laienhafte (vom Bruder gemalte), aber halt einzige Portrait der Brontë-Schwestern.

Teil des neuen Museumskonzepts: Unisex-Toiletten. Herr Kaltmamsell kam schier nicht darüber hinweg, dass er auf einmal für Pinkeln Schlangestehen musste – er sprach den ganzen Tag immer wieder davon und erinnerte mich eben daran, das bitte im Blog festzuhalten.

Die zwei Stunden bis zu unserer Restaurant-Reservierung im St. John Bread and Wine verbrachten wir mit Spaziergang dorthin, wir guckten viel, setzten uns immer wieder in den Schatten mit Brise. Die Hitze war gut erträglich, in den nicht so heißen Tagen davor hatte sich die Stadt noch nicht damit aufgeladen und die Steine strahlten noch Kühle ab.

Das bei Erbauung so dominante Gherkin-Hochhaus verschwindet mittlerweile fast in den benachbarten Neubauten.

Schon in Spitalfield begegneten wir einem Eichkatzerl.

Um sechs waren wir die ersten im Restaurant, aber irgendwer muss ja anfangen. St. John Bread and Wine ist berühmt für Innereienküche, Herr Kaltmamsell stellte uns aus den sharing dishes auf der Karte ein Menü zusammen.

Als Vorspeisen gab es (links unten) super-knusprige Schweinehaut mit Chicoree und Erbsenmajo, als Wein hatte ich einen burgundischen Pinot noir bestellt, weitere Vorspeise (rechts unten) hogget, also Schafsfleisch, zerfieselt und geformt paniert, mit Brown Sauce.

Links die dritte Vorspeise, der Knüller des Abends: Bacalao mit einer Kapern-Tomaten-Majo und Romanasalat. Rechts die beiden Hauptspeisen, unten faggots (Fleischpflanzerl aus Schweine-Innereien) mit Mangold und “Sweetbreads, Smoked Bacon, Broad Beans and Mint”, also Kalbsbries – dessen feiner Geschmack in der Kombination mit dem Räucherspeck leider keine Chance hatte.

Hier wie auch sonst bei allen Restaurantbesuchen in England auffallend und schade: Es gibt kein Brot zum Essen. Wir bekamen zwar zu Anfang etwas Brot und Butter, aber nicht zu den Gerichten, schabten die Reste der köstlichen Sößchen mit der Gabel vom Teller (auf der Wanderung hatte ich nicht mal zu einem Salat als Hauptgericht Brot bekommen).

Nachtische von der Tageskarte: Oben Bread Pudding mit Butterscotch-Sauce und Double Cream – schön rauchig. Unten eine Treacle Tart, ebenfalls mit Double Cream, leicht zitronig-ingwerig.

Sehr satt und zufrieden spazierten wir zurück zum Bahnhof London Bridge, waren überrascht, dass dieses Hochhaus-Finanzviertel nach Büroschluss keineswegs ausgestorben war: Es gibt viele Pubs, Lokale und Clubs, an einem Freitagabend sehr gut besucht.

Die Rückfahrt nach Brighton dauerte länger als geplant, da es einen medizinischen Notfall gab (in unserem Wagen, es kümmerten sich reichlich Ersthelfer*innen, sogar eine Ärztin tauchte auf). Wir hielten am nächstgelegenen Bahnhof, bis der Herr (der schon wieder munter wirkte) von einem Krankenwagen mitgenommen war.

Außerdem lernten wir im Zug einen jungen Mann kennen, der auf dem Weg zu einer Party in Brighton war, auf die er sich sehr freute, und der uns nebenher über sein Leben in genau der Londoner Gegend erzählte, in der wir den Nachmittag verbracht hatten.

In Brighton Spaziergang zu unserer Unterkunft durch eine herrliche Sommernacht mit letzten Leuchten am Himmel.

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Langer Artikel im Guardian von Ian Goldin und Tom Lee-Devlin über die demografische Entwicklung in Großstädten der Welt in den vergangenen Jahrzehnten, Hintergründe zur Verschiebung von Strukturen in Stadtzentren, Ideen für Gegenmittel zu Gentrifizierung.
“How to reduce the damage done by gentrification”.

die Kaltmamsell