Journal Donnerstag, 18. November 2021 – Sonne hilft nicht

Freitag, 19. November 2021 um 6:41

Bessere Nacht, hätte aber gerne länger geschlafen.

Morgens kam sogar die Sonne raus, aber ich bin leider innerlich bereits an einem Ort, an dem Nebeldunst-gefiltertes Sonnenlicht nicht mehr hinkommt.

Mittags Äpfel, Pumpernickel mit Butter.

Weiter zackiges Arbeiten, zum Glück mit eher wenigen Unterbrechungen. Aktuell liegen aber noch drei große Klopse vor mir, bevor ich ans Jahresendsortieren denken kann.

Beim Rückweg über die Theresienwiese die Südroute genommen, von Ferne unterm großen Mond waren die Zelte des Tollwood bereits bunt beleuchtet und hatten sich zum alljährlichen attraktiven Fotomotiv feingemacht. Doch ob es überhaupt ein Tollwood geben wird (mit 2G plus, Geimpfte oder Genesene müssten ein aktuelles Schnelltestergebnis vorweisen), ist noch offen.

Daheim Yoga, wieder eine gemächliche Folge aus dem 30-Tage-Programm “True” von Adriene – ich könnte mal wieder etwas Fordernderes vertragen.

Nachtmahl: Asiasalat aus Ernteanteil mit Zitronenvinaigrette, die Eiszapfen (ein Rettich) aus Ernteanteil reingeschnippelt. Dann eine Runde Ziegenkäse, diesmal schnitten wir den bereits mittel gereiften an: Ebenfalls sehr mild. Nachtisch Schokolade.

Hysterisch-verzweifeltes Lachen geht in die nächste Runde (am Vortag waren es noch 2440 neue Infektionen und eine Inzidenz von 496,6).

Doch ich fürchte, dass durchschnittliche Ungeimpfte diese explodierenden Infektionszahlen als Beleg lesen, dass Impfen nicht hilft – so funktioniert das menschliche Gehirn, das sich immer zuerste Belege für bereits vorhandene Annahmen sucht. Durchschnittliche Ungeimpfte haben sich ja nicht mit den Mechanismen des Infektionsgeschehens auseinander gesetzt und sehen nicht, dass die deutlich höhere Infektionsquote und Infektiosität von Ungeimpften uns in diese Lage gebracht hat – dass sich selbst Geimpfte immer häufiger anstecken. Ich halte Impfpflicht immer mehr für den richtigen Weg, Aufklärung und Vernunft werden nicht helfen. Doch selbst eine Impfpflicht, die ohnehin nur für definierte Berufsgruppen funktioniert, wir erst in vielen Wochen Wirkung zeigen, bis dahin wird halt alles so weitergehen.

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Lehrer in der Pause, Deutschland im November 2021.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 17. November 2021 – Wieder kein Theater

Donnerstag, 18. November 2021 um 6:23

Die Schlafunterbrechung war diesmal so gründlich (inklusive Angst-, Sorgen und Ärgergefühle), dass ich nach einer halben Stunden aufstand, mich warm anzog und eine halbe Stunde las, bevor ich zurück ins Bett ging und wieder einschlief. Bei Weckerklingeln hätte ich sehr gerne weitergeschlafen.

Draußen weiter neblig, kalt und feucht. Wehmütige Erinnerung an Zeiten, in denen ich um Weihnachten/Silvester ein paar Tage in etwas sonnigere Gegenden fliehen konnte, Kraft zum Durchhalten der düsteren Wintermonate sammeln konnte.

Zackig Arbeit in der Arbeit, Zackigkeit gesteigert durch das Vorhaben, ganz früh zu gehen, um noch Lebensfreude für den abendlichen Theaterbesuch zu haben, nach 20 Monaten endlich wieder.

Mittags gab es zur Zeitungslektüre Apfel, Hüttenkäse, Granatapfelkerne.

Plan war also gewesen, um halb vier Feierabend zu machen, um genug Liebe zur Welt für einen Theaterbesuch aufzubringen (erfahrungsgemäß beginne ich ab 16 Uhr im Büro die Welt zu hassen, mal mehr mal weniger). Nur dass es mir gar nicht gut ging: Bleiern erschöpft, Bauchweh, Kreuzweh, Frieren (zwischen Glutattacken, die ich gestern zum Aufwärmen sogar öfter brauchen hätte können) – insgesamt dringendes Bedürfnis nach gepflegtem Zusammenbruch. (Mein Körper hat das mit der Psychosomatik nicht ganz kapiert, richtig krank werde ich einfach nie, nur immer noch niedergeschlagener bis verzweifelt.) Ich konnte mir nicht vorstellen, dreieinhalb Stunden (!) Theater durchzuhalten. Auf die Inszenierung des Romans Effingers hatte ich mich nach der Lektüre eigentlich gefreut, doch musste ich einsehen, dass es nicht ging. Verbuchte ich halt das Daheimbleiben als Pandemiebekämpfung weil Kontaktreduktion, Geld haben die Kammerspiele ja trotzdem bekommen.

Ich arbeitete ordentlich was weg, war im Verlauf des Nachmittags nur böse auf den beißenden Hunger, weil ich echt keinen Appetit hatte.

Normaler Feierabend, ich kaufte auf dem Heimweg unterm Stachus noch Tee und tobte mich im Lindt-Laden aus (alle hundertdrölfzig Sorten Lindor-Kugeln!).

Zu Hause eine angenehme Runde Yoga. Herr Kaltmamsell hatte abends eine Videotelefon-Verabredung und mein Abendessen vorbereitet: Frische Nudeln mit Salbei. Danach Süßigkeiten.

Beim Lesen der gestrigen Infektionszahlen in München musste ich laut und verzweifelt lachen. Für die Chronik halte ich hier mal ein paar Screenshots fest (die scheinbar niedrige Inzidenz und der schöne R-Wert vor einer Woche noch liegen an ein paar Tagen mit Übertragungsproblemen der Zahlen):

Da die Politik Schließungen weiter hartnäckig ausschließt (die in den vorherigen Wellen den deutlichsten Effekt auf ein Senken der Infektionen hatten, weil sie am deutlichsten die Kontakte senkten), wird diese Entwicklung so weitergehen. Und eigentlich wissen wir ja auch, dass die Auswirkung von Infektionszahlen erst zwei Wochen später in den Krankenhauszahlen sichtbar werden.

RKI-Chef Lothar Wieler hat das gestern auf Anfrage der sächsischen Landesregierung auseinandergesetzt, hier die wichtigsten Ausschnitte seiner Erklärungen per Video in einem Twitter-Thread.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 16. November 2021 – Haarschnitt und Sideboard

Mittwoch, 17. November 2021 um 6:32

Eigentlich gute Nacht – mit einer überraschenden Pause nach zwei, als ich nach Aufwachen erst mal nicht mehr schlafen konnte.

Der Morgen begann dann mit Gebrüll von draußen: Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte vorm Haus einen Streikposten aufgebaut, aus dem Internet erfuhr ich, dass es Warnstreiks an Krankenhäusern und Kliniken gab. Als ich das Haus verließ, schüttelte ich die freundlichen Zettelverteiler*innen und Informierenden der Gewerkschaft unter Solidaritätsbekundungen ab.

Daheim hatte ich noch einen Corona-Schnelltest gemacht, derzeit habe ich das Bedürfnis mehr als zweimal die Woche – auch weil ich mit einem täglich live unterrichtenden Lehrer zusammenlebe, um den die Infektionsmeldungen und Quarantänisierungen links und rechts einschlagen.

In der Arbeit gibt es jetzt ein System zu Umsetzung der 3G-am-Arbeitsplatz-Regel, und ich denke viel an die Berichte des gastgebenden Paars von Samstagabend über den Pandemie-Umgang ihrer Arbeitgeber seit über einem Jahr.

Im Büro fährt meine Körpertemperatur derzeit wieder Achterbahn, ganz unabhängig von Raumtemperatur, das passt zum löchrigen Schlafmuster.

Zu Mittag gab es einen Apfel aus Ernteanteil, Rest Radicchiosalat vom Vorabend, Rest Rote-Bete-Salat.

Nachmittags sah ich, dass der Christkindlmarkt jetzt auch in München abgesagt wurde.

Eher früher Feierabend, weil ich einen Friseurtermin hatte. Obwohl der Tag neblig, feucht und grau gewesen war, schon um vier ernsthaft wegdämmerte, genoss ich die gute halbe Stunde Fußmarsch.

Eine weitere Stunde später hatte ich wieder zufriedenstellend kurze Haare.

Daheim wartete auf mich das Sideboard fürs Schlafzimmer, nachmittags war es geliefert und montiert worden, Herr Kaltmamsell hatte das nach der Schule beaufsichtigt.

Ich war sehr zufrieden und freute mich auch über den Holzduft.

Als Nachtmahl war Pizza aus der Pizzeria geplant, ich hatte mich immer noch nach Ausgleich für die misslungenen Eigenversuche gesehnt. Herr Kaltmamsell holte die Bestellung ab, während ich das Sideboard einräumte.

Die dann bereits erkalteten Viertel zwei und drei wärmte ich in der Mikrowelle auf, das vierte schaffte ich nicht mehr, aß lieber noch ein wenig Schokolade zum Nachtisch.

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Der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder schoss den Vogel ab mit der Aussage: „Es ist ja sehr beeindruckend, dass nahezu alle Virologen, Epidemiologen und Wissenschaftler auch die Wirkung dieser neuen Welle in ihrer Wucht und Geschwindigkeit nicht richtig eingeschätzt haben. Wir haben ja schon vor etlichen Tagen immer wieder nachgefragt.“
Wie bitte?
Oder der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek, der in einer Pressekonferenz behauptete, niemand habe diese Infektionsdynamik vorhersehen können.
Ich fände es prima, wenn diese Männer an den Schaltstellen der Macht die Infos der zuständigen staatlichen Einrichtungen zumindest zur Kenntnis nähmen. Zum Beispiel das Epidemiologische Bulletin des Robert-Koch-Instituts (zur Erinnerung: das ist “die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention”, nicht etwa irgendein Autodidakt, der aufs Selberdenken stolz ist) vom 8. Juli 2021, Seite 7. Darin ist exakt diese Entwicklung bei der jetzt tatsächlichen Impfquote berechnet. Solche Infos sollte nicht Marija Normalbürgerin auswerten müssen (auch wenn es essenziell ist, dass sie ihr zur Verfügung stehen), sondern das sollten die Entscheiderinnen und Entscheider.

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“The Friends You Make Online”.

via @DonnerBella

This is an ode to digital friendships, a taxonomy of connections and disconnections.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 15. November 2021 – Montag mit Schulung

Dienstag, 16. November 2021 um 6:42

Auf dem Weg in die Arbeit sah ich in der morgendlichen nebligen Novemberdüsternis auf der Theresienwiese, dass eine weitere Fläche an der Test-/Impfstation überdacht wird, ich nehme an für die Schlange an der Impfstelle.

Den größten Teil des Arbeitstages in einer Schulung verbracht, die mir viele Einsichten und Beruhigung zur anstehenden großen Umstellung brachte. In einer Pause holte ich mir einen Booster-Termin für nächsten Montag auf der Theresienwiese: Während aus anderen bayerischen Gegenden berichtet wird, dass Dritt-Impf-Willige an Impfzentren, auch mit Termin übers Impfportal, auch hochbetagt, trotz Aufforderung der Bayerischen Regierung an alle zum Drittimpfen, letztlich vor Ort abgewiesen werden, wenn ihnen auch nur wenige Tage zur Stiko-empfohlenen 6-Monats-Frist fehlen – habe ich aus München noch von keinem einzigen Fall gehört oder gelesen. Das macht mir Hoffnung.

Zu Mittag gab es Rote-Bete-Salat und Granatapfel. Sowie neue Corona-Rekordzahlen aus der Süddeutschen.

Hätten Sie sich das vor einem Jahr vorstellen können? Na gut, mir fehlte ja sogar die Vorstellungskraft, dass in dem Land, in dem der wirkungsvollste Covid-19-Impfstoff entwickelt wurde, mit Abstand nicht die nötige und locker mögliche Impfquote für eine Verhinderung dieser Zahlen erreicht würde.

Nach Mittag zunächst mehr Schulung, dann Abarbeiten von Listen und Besprechungen. Es wurde ziemlich spät, ich verwarf Einkaufs- und Yogapläne.

Kalter Heimweg, ich werde mich von meinem Ledermantel für die Saison verabschieden müssen und auf Wintermantel wechseln.

Daheim machte ich zum Nachtmahl Radicchio-Salat (Ernteanteil) mit Blauschimmelkäse und Walnüssen, vorher gab es zum Wärmen den Rest der Lammquitten vom Vorabend. Nachtisch Gewürzkuchen und Schokolade.

Herr Kaltmamsell fand beim Rumschalten im Fernsehen Das Mädchen mit dem Perlenohrring von 2004, und ich blieb hängen. Der Film hatte mich seinerzeit umgeworfen, hier hatte ich den Filmkomponisten Alexandre Desplat für mich entdeckt (der später für die Musik zu Grand Budapest Hotel und Shape of Water Oscars gewonnen hat, auch wenn die meiner Ansicht nicht an die von Girl with a pearl earring heranreicht), und Scarlett Johansson dominiert den Film derart, dass ich Colin ForthFirth darin bereits völlig vergessen hatte.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 14. November 2021 – Lamm-Quitten nach Müllunglück

Montag, 15. November 2021 um 6:30

Wirklich lang geschlafen (also bis ACHT!). Das war dem späten Zu-Bett-Gehen eigentlich angemessen, doch meist klappt das nicht.

Vormittags buk ich Raumduft Gewürzkuchen, der Jahreszeit angemessen.

Ich hatte Lust auf Bewegung, doch das Wetter war ausgesprochen unfreundlich: Regnerisch und kalt. Also packte ich Sportsachen und ging im Verein ein Stündchen auf den Crosstrainer, interessante Musik aus dem Familienmix der Bruderfamilie auf den Ohren. Die Sporthalle unter mir war leer und bot keine interessanten Einblicke, ich hatte trotzdem Spaß und schwitzte ordentlich.

Zurück daheim ausführliche Körperpflege, dann entkernte ich für Frühstück und Montagsbrotzeit zwei Granatäpfel. Als ich den Müllbeutel mit unter anderem den Abfällen des Granatapfels zum Wegwerfen aus dem Eimer hob – riss er. Das ist mir original noch nie passiert.

Was für eine Sauerei. Ich hätte gerne ein paar Minuten durchdringend gebrüllt. Hatte ich erwähnt, wie unpraktisch dieser klein gemusterte Küchenboden ist? Spätestens gestern hätte ich es beim Auffegen des verstreuten Kaffeesatzes von einer Woche gemerkt. Es hat gute Gründe, dass Großdieselschiffsmotoren in hellen Farben lackiert sind (ich habe sogar welche in Weiß gesehen, und eine große Kreuzfahrt-Reederei bestellt sie immer in Kanarienvogel-Gelb): Man sieht Leckagen sofort und kann so die Ursache gleich beheben. Küchenböden seien hiermit die Schiffsmotor-Lackierung der Wohnung!
(Später beim Kochen lustiges Suchen eines Würfelchens Zwiebel, das mir vom Schneidebrett gesprungen und auf dem Boden sofort unsichtbar geworden war. GRRRRR!)

Oder ich mache ein Food-Blog-Stöckchen daraus, wie ein Kommentar auf instagram vorschlug? Leert eure Müllbeutel auf den Boden und machte ein Foto davon? Neue Karriere als Müllfluencerin?

Nach einer halben Stunde Fegen und Putzen inklusive Fege- und Putzgeräteputzen setzte ich mich um drei endlich zum Frühstücken. Es gab eine Semmel vom Vortag mit Ziegenkäse und Quittengelee, außerdem Granatapfel mit Joghurt und Mohn.

Das Tageslicht gab bereits wenig später auf und entschied sich für Abenddämmerung. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen gesellige Frühstücke dauerten, bis es dunkel wurde. Das war aber anders.

Ich hatte Rote Bete aus Ernteanteil gekocht, jetzt machte ich daraus einen Salat mit Joghurt, Kreuzkümmel und frischem Koriander: Brotzeit für mindestens Montag. Außerdem kuvertierte ich den Gewürzkuchen. Herr Kaltmamsell kam von einem Kinobesuch heim.

Eigentlich hatte ich geplant zu bügeln, der Berg ist über die vergangenen Wochen ganz schön gewachsen. Aber dann wäre ich nicht zum Lesen der Wochenendzeitung gekommen, bevor ich mit dem Kochen des Abendessens beginnen wollte. Ich setzte Prioritäten: Bügeln verschoben, Zeitung gelesen.

Ans Kochen machte ich mich zusammen mit Herrn Kaltmamsell: Es sollte Lammhack mit Quitten nach Ottolenghi geben, diesmal habe ich das Rezept aufgeschrieben.

Im Original werden Quittenhälften mit dem Lammhack gefüllt, doch es ist sehr mühsam, die harten Quittenhälften auszuhöhlen, und es bringt geschmacklich nichts. So schmeckte es auch gestern ausgezeichnet. Nachtisch Gewürzkuchen.

Beim Internetlesen ließen wir im Fernsehen Black Panther laufen, die Afro-Hightech-Ästhetik des Films haut mich immer noch um.

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In puncto Impfpflicht war ich bislang unschlüssig, konnte Nutzen und Schaden nicht einordnen. Mai Thi Nguyen-Kim hat mich davon überzeugt, dass sie deutlich mehr bringen würde.

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https://youtu.be/KEggd1S9_9Y

“Torwarte nützen nix, denn bei 99% der Tore war ein Torwart da,” nehme ich mir als Beispiel mit für die Irrationalität von “Impfen nützt nichts, denn man kann sich trotzdem infizieren”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 13. November 2021 – Grünkernabend im Münchner Osten, Beifang aus dem Internetz

Sonntag, 14. November 2021 um 9:37

Gut geschlafen, sogar lang. Aufgewacht in einen nebligen Morgen.

Beim Papierwegwerfen nach dem Herbstmarkierern Lärche und Hainbuche gesehen, von der neuen Wohnung aus habe ich sie ja nicht mehr automatisch im Blick.

Aus dem nebligen Tag wurde ein bewölkter, ab Nachmittag mit Regen. Ich hatte keine Lust aufs Radeln und nahm zu meiner Schwimmrunde ins Dantebad die Straßenbahn: Dort 2G-Regelung, mein Impf-Zertifikat wurde sehr genau geprüft. Dennoch war das Becken rege beschwommen, zum Glück trotz fast durchgehendem Spielzeuggebrauchs kooperativer Umgang. Ich kraulte gemütlich meine 3000 Meter, unter anderem mit Nachdenken, ob die Schwimmbäder wohl wieder schließen werden müssen (die Corona-Inzidenz in Deutschland hat am siebten Tag in Folge neuen Höchststand, in Bayern haben wir es auf 497 geschafft). Und ob ich vielleicht doch mal vor der Arbeit gehe? Wenn ich um sieben zur Öffnung am Bad bin, müsste ich es mit Beschränkung auf 2000 Meter bis 9 Uhr ins Büro schaffen.

Zurück nach Hause nahm ich einen Umweg über Schwabing: Ich ließ mich mit der Tram zum Hohenzollernplatz fahren, spazierte von dort über Kaffee- und Semmelkauf zum Stachus, um im Kaufhaus Socken und Strümpfe zu kaufen, erst dann heim.

Weil Herr Kaltmamsell bis heute vom frisch gepressten Granatapfelsaft damals in Tel Aviv schwärmt, presste ich zum ersten Mal einen Granatapfel aus. Ich fand heraus, dass sich eine Zitruspresse dafür nur bedingt eignet. Ja, es gibt Granatapfelpressen – doch für den seltenen Einsatz schaffen wir uns sicher kein neues Gerät in der Küche an (für das ja auch vereinbarungsgemäß ein anderes raus müsste).

Zum Frühstück gab es Semmeln mit Ziegenkäse und Marmelade, später die Kerne eines weiteren herrlichen Granatapfels. Da wir abends bei Freunden zum Essen eingeladen waren, testeten wir uns nachmittag selbst auf Infektion (ja, nicht ganz zuverlässig, aber besser als nichts).

Draußen regnete es inzwischen, die Düsternis machte ab drei künstliches Licht nötig.

Raus zu den Freunden im Münchner Osten nahmen wir wieder die Tram. Angekündigt war ein Grünkern-Menü: Der Gastgeber stammt aus dem Bauland, dem wichtigsten deutschen Anbaugebiet von Grünkern, die Gastgeberin hatte sich durch ein lokales Grünkern-Kochbuch gearbeitet. So gab es erst mal Grünkernsalat mit Rettich, einen mit Karotten und Schafskäse, Grünkernbutter mit selbst gebackenem Brot (enthielt ein Grünkern-Kochstück). Warmer Hauptgang war ein Grünkernauflauf mit Schinken, zum Nachtisch knabberten wir Grünkern-Lebkuchen. Alles sehr unterschiedlich, abwechlungsreich und durchwegs schmackhaft. Dazu gab es unter anderem Wein aus einem Flutpaket Ahrtal, ich durfte mir eine Cuvée aussuchen. Abschließend ein sensationeller Nussbrand von AltEnderle.

Ich genoss den Abend in Geselligkeit sehr, andere Perspektiven, andere Einblicke, andere Leben. Wir ließen uns spät von der Straßenbahn heimschaukeln.

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Viola Priesemann ist Physikerin, Wissenschaftlerin, und ihre Expertise in Ausbreitungsdynamik in neuronalen Netzen macht ihre mathematischen Berechnungen zur Ausbreitung der COVID-19-Pandemie extrem wertvoll. In einem Twitter-Thread fasst sie die momentane Lage einfach und verständlich zusammen, beginnt mit einer Korrektur von verantwortungslosen Behauptungen des FDP-Chefs Christian Lindner.

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Peter Dabrock ist Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Von 2012 bis 2020 war er Mitglied des Deutschen Ethikrates, von 2016 bis 2020 dessen Vorsitzender. Hier sein Essay zu:
“‘Tyrannei der Ungeimpften’? Zugespitzt, aber ethisch richtig!”

Es ist – in der kantischen Tradition formuliert – folgendes ethisch geboten: eine starke moralische Pflicht, etwas zu tun, wenn der Aufwand dafür gering, der Nutzen für einen selbst und mittelbar auch für andere und die Gesellschaft als ganze hoch ist, bei Unterlassen die Wirkung dieser Handlung nachlässt, vergleichbar effektive und effiziente Alternativen nicht vorliegen und zugleich das Risiko der Selbstschädigung gering ist.

All das, was die Jurist:innen unter das Stichwort „Verhältnismäßigkeit“ packen, ist beim Impfen erfüllt. Wie die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx immer wieder einschärft: Impfen ist eine persönliche Entscheidung, aber keine Privatsache, denn die Konsequenzen der Nichtimpfung sind in der Gesellschaft erheblich – das fängt bei einem selbst oder als Angehörige von Risikopatienten an, geht über die in diesem Maße unnötige Belegung von Intensivbetten und dadurch nötige Verschiebung anderer wichtiger Operationen wie Bypass-Legung oder Krebs-OPs und reicht bis hin zu den – von vielen Impfverweigerern wie selbstverständlich verlangten – Übernahme der Kosten von Bürger:innentests. Von den anderen psychischen und sozialen Kollateralschäden, etwa im Bereich der Entwicklung von jungen Menschen durch noch immer andauernde Beeinträchtigung der Bildung und Freizeitaktivitäten oder des betreuten Lebens in Einrichtungen, ganz zu schweigen.

(…)

Alle, die Montgomery Spaltung vorwerfen, müssen sich fragen: Wer spaltet die Gesellschaft? Diejenigen, die andere schädigen und unsolidarisch auf ihre „Freiheit“ pochen, oder der, der auf die Schädigung hinweist?

§

Versuch einer soziologischen Erklärung im österreichischen Standard, Interview mit dem Soziologen Oliver Nachtwey:
“Warum ist die Impfquote in deutschsprachigen Ländern niedriger als in Westeuropa?”

In Deutschland sind die größten Biokonzerne wie Demeter anthroposophische Netzwerke. Dort gibt es immer diesen spirituellen Mehrwert in den Produkten. Es geht in diesen Strömungen vor allem um eine Form von Ganzheitlichkeit, Selbstverwirklichung und Körpersouveränität. Und das Impfen wird nun als autoritärer Eingriff des Staates wahrgenommen. Die Tragik ist: Mit “My Body my Choice” wird etwa ein wichtiger Slogan der Frauenrechtsbewegung vereinnahmt. Im Grunde geht es um radikalen Individualismus. Und Impfen als solidarischer Akt wird dann nicht wahrgenommen.

(…)

Ich würde eher sagen, dass die Wissenschaftlichkeit einer Gesellschaft eine “Unterseite” produziert hat. Also ein Bedürfnis, der spirituellen Obdachlosigkeit zu entkommen. Wir sehen bei den Corona-Protesten ja viele Menschen, die hochqualifiziert sind. Da haben viele einen Universitätsabschluss. Denen fehlt es eigentlich nicht an Bildung. Sie hätten die Fähigkeit, wissenschaftliche Expertisen zu sehen. Was sie aber haben, ist eine starke Autoritätsskepsis. Und gleichzeitig trauen sich diese Menschen zu, aufgrund ihrer teils hohen Bildung, Wissenschaft selbst zu beurteilen.

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Maren Kroyman, “Die Matheleugnerin”.

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https://youtu.be/iGTyy3CR4fA

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Isländischer Humor gefällt mir. (Dennoch ein Reiseziel auf ca. Platz 336 meiner Wunschliste – ich freue mich aber ungeheuer, wenn anderen hinreisen und davon erzählen und Bilder zeigen!)

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https://youtu.be/enMwwQy_noI

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 12. November 2021 – Wochenendeinläuten mit gutem Essen und Trinken

Samstag, 13. November 2021 um 8:11

Früh aufgewacht in einen Nebeltag. Double-take beim Kreuzen der Theresienwiese:

Die Ränder der beiden rechten Container verrieten bei näherer Betrachtung, dass sie höchstwahrscheinlich einst ebenso blau waren wie der linke.

Arbeit wie durch Gallert: Ich war erschöpft von der Arbeitswoche und wechselte zwischen meinen Aufgaben immer mit Verzögerung. Die Corona-Inzidenz stieg am fünften Tag in Folge auf immer neuen Rekordhöhen, das wirkte sich mit Bremsverzögerung auf auch berufliche Termine aus, die meine Jobs kreuzen. In meiner persönlichen Umgebung häufen sich die Quarantäne-Fälle und Risiko-Warnungen auf der Corona-Warn-App.

Das mittägliche Zeitunglesen ging schnell: Ich ertrage die Katastrophen der Welt und daheim gerade nicht, meine Neugier ist wegen Überforderung temporär versiegt. Ich aß ein Butterbrot aus Selbstgebackenem und eine Birne, die zehn Tage nach Kauf herrlich nachgereift und saftig war.

Der Tag wurde nie richtig hell, ich beendete mühsam ein paar Arbeitsdinge, die mir einen leichteren Start in die nächste Woche ermöglichen.

Auf dem Heimweg Einkäufe bei Vollcorner (Brotzeit) und Süpermarket Verdi (Nachtmahl und Wochenendpläne).

Daheim wartete eine frisch gebrachte Crowdfarming-Kiste Granatäpfel auf mich, diesmal die gewohnte Sorte der Hauptsaison: Darin ein Brieflein mit der Information, dass heftige Regenfälle die Ernte beschleunigt haben, sonst hätten die Früchte zu viel Wasser aufgenommen und die Haut wäre geplatzt. So seien sie also nicht ganz frisch geerntet in die Kiste gekommen. Genau solche Details interessieren mich. Und noch bewahre ich mir die Vorstellung, dass dieses Interesse beiderseitig ist: Dass die Leute auf der Finca wirklich möchten, dasss ich das wisse. Mich erinnert das an die nützlichen Hintergrundinfos und Gebrauchsanweisungen, mit denen meine Schwägerin mir früher Äpfel aus dem Familiengarten übergab: Diese Sorte noch mindestens zwei Wochen liegenlassen, jene gleich essen, die dritte am besten zu Kuchen verarbeiten, die weitere zu Mus.

Telefonat mit meiner Mutter: Eltern haben Terminen für Booster-Impfung, der Christkindlmarkt in Ingolstadt wurde bereits abgesagt (München hält noch daran fest), ich spann die Idee, auf unserem Balkon eine Infektions-sichere Christkindlmarkt-Simulation mit Glühwein, Jagertee und selbst gebratener Rengschburger spezial zu veranstalten.

Fürs Nachtmahl putzte ich schöne rote Artischocken. Während sie kochten, machte ich als Aperitif Whiskey Sour mit Bourbon und Meyer Lemons – der Drink schmeckt mir derzeit ausgesprochen gut (ist leider sehr unfotogen, Aussehen am ehesten Spülwasser).

Erster Gang also Artischocken mit leichter (= plus Joghurt) Knoblauchmajo. Wein dazu nordspanischer Marisa Albariño. Die Artischocken waren besonders aromatisch, der Wein passte aber besser zum Hauptgang: Herr Kaltmamsell hatte auf meine Bitte Risotto gemacht, dazu Lauch aus Ernteanteil und zugekaufte Kräuterseitlinge verwendet, mit eigens gekochter Hühnerbrühe aufgegossen (im Kaufhof am Marienplatz gibt es echte Suppenhühner!).

Als Nachtisch stellte ich wieder die Süßigkeitenbox auf den Tisch.

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Mehr solidarische Landwirtschaft rund um München: In Baierbrunn ist eine neue Genossenschaft in Gründung.

die Kaltmamsell