Journal Samstag, 26. Juni 2021 – Zurück im Schyrenbad

Sonntag, 27. Juni 2021 um 9:04

Zwar unterbrochen, aber ausgeschlafen. Draußen frische Sonne.

Erst mal Bettwäsche und Handtücher in die Waschmaschine, dann wartete ich bei Bloggen, Internetlesen, Morgenkaffee und Morgentee aufs Wärmerwerden.

Gegen halb elf schien mir der Sonnenschein kräftig genug, ich brach auf ins Schyrenbad (kurzer Umweg über die Reinigung). Dort war auch nach einem Jahr Pause alles vertraut, nur dass auf der großen Liegewiese im hinteren Teil einige Bereiche ungemäht geblieben waren und dort die Wiese fast hüfthoch stand: Durch die Beschränkung des Zutritts über Tagestickets braucht es ja weniger Liegefläche.

Auf den drei Schwimmbahnen Betrieb wie extrapandemisch, also überschaubar. Ich kraulte gut und schmerzfrei, gönnte mir zu den peplanten 2000 Metern zusätzlich 200 – und wurde prompt mit einem Krampfversuch in den Waden bestraft.

Im Wasser war mir kalt geworden (weil ich nicht noch nicht wieder schnell schwimmen kann?), umso mehr genoss ich anschließend den Sonnenschein. Abgetrocknet, eingecremt und in trockenem Bikini hörte ich Musik (ich glaube, ich sollte mehr Musik hören, sie tut mir gut) und schlief ein bisschen.

Gegen zwei wurde ich unruhig und packte zusammen. Auf dem Heimweg besorgte ich Obst und Semmeln, kam an einigen Stadtführungen vorbei (auch sonst sehe ich an Menschen mit Touristenblick, dass der Fremdenverkehr in München wieder eingesetzt hat), in einer hörte ich die irrige Behauptung, das sei der Glockenbach – Leser*innen dieses Blogs kennen meinen wiederholten Hinweis, dass man im Glockenbachviertel den Westermühlbach fließen sieht. Der Glockenbach verläuft, wie zahlreiche andere Stadtbäche, unterirdisch.

Zum Frühstück gab’s zwei Semmeln, den Nachmittag verbummelte ich auf dem Balkon mit Zeitunglesen. Herr Kaltmamsell ging nach vielen Monaten Pandemie-Pause zu einem Ukulele-Treffen (im Freien, Ostpark), ich durfte fürs Abendessen sorgen. Der Ernteanteil hatte eine große Portion Mangold enthalten, den ersten der Saison, also gab es Coca de verdura.

Nachdem ich die Coca in den Ofen geschoben hatte, duschte ich Chlor und Schweiß gründlich ab, cremte mich ebenso gründlich ein, um später beim Schlafengehen so frisch wie mein Bettzeug zu duften.

Drinks des Abends: Tinto de verano.

Vergeblich versuchte ich mich zu erinnern, seit wann diese Mischung aus Rotwein und Limo überhaupt einen Namen hat. In meinen Kindheitsurlauben in Spanien stand beim Essen halt immer neben der Flasche Rotwein die Flasche Gaseosa (sah damals so aus, war süßes Limo ohne Aroma), und man mischte sich das halt, Kindern wurde die Gaseosa mit einem Schuss Rotwein rosa gemacht.

Nachtisch Schokolade.

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Das Paradies der Corona-Freiheit, Australien, ist es nicht mehr.
“Australia’s biggest city heading into two-week hard lockdown to contain Delta coronavirus outbreak”.
Aber: Es wird weiter eisern an der No-Covid-Politik festgehalten. Dieser Lockdown wurde bei einer Neuinfektionszahl von 33 landesweit am Freitag verhängt.

Nachdem die Delta-Variante sich in Portugal rasch verbreitet, wurde in Deutschland zumindest für Reiserückkehrende von dort Quarantäne verhängt – die sehr wahrscheinlich genauso wenig überprüft wird wie bisherige Einreisequarantäne.

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Alle Pläne, die ich vom zukünftigen Münchner Hauptbahnhof sehe, haben eine riesige Lücke: Fahrräder inkl. Fahrradparkplätze. Das war wiederholt Thema auf Bürgerversammlungen (der Hauptbahnhof gehört zu meinem Wahlbezirk) und ich werde dafür sorgen, dass das auch auf der nächsten so ist. Die Dichte des Münchner Fahrradverkehrs steigt steil, seit Corona noch steiler – doch nirgends sind Fahrradparkplätze oder Radlverkehrsführung sichtbar.
Im niederländischen Utrecht passierte bei der Renovierung des Hauptbahnhofs (des größten der Niederlande mit den meisten Passagieren) genau das Gegenteil: Das Fahrradparkhaus am Bahnhof ist so riesig, dass es drinnen Fahrradwege gibt. Oder, wie dieses Filmchen betitelt wurde: In Utrecht fährt man nicht mit dem Rad zum Bahnhof, sonder mit dem Zug zur Fahrrad-Station! *SCHLUHUCHZ!*

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Schönes Portrait von Rita Moreno zu ihrem anstehenden 90. Geburtstag: Tänzerin, Schauspielerin, Filmproduzentin (u.a. der Spielberg-Neuverfilmung von West Side Story, deren Verfilmung von 1961 ihr den Oscar für ihre Anita eintrug), Bürgerrechts-Aktivistin.

“Rita Moreno: Pathbreaker, Activist and ‘A Kick in the Pants’”.

Moreno, who is Puerto Rican by birth and Hollywood by steely determination, occupies a singular place in the cultural firmament.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 25. Juni 2021 – Mehr Urlaubspläne: Berlin

Samstag, 26. Juni 2021 um 8:23

GUT! geschlafen, wäre sicher auch noch nach dem Weckerklingeln gegangen, das mich aus einem bizarren Traum holte, in dem Celeste Barber zu meiner weitverzweigten Familie gehörte, die sich in Nordspanien zu einem großen Treffen auf einem Ausflugschiff vereinte.

Mein Termin bei der nahegelegenen Hausärztin war erst nach acht, das verschaffte mir Zeit für eine ausführliche Einheit Rumpftraining mit FitnessBlender.

Ärztingespräch, Blutabnehmen mit Plaudern über Stand des Impfinteresses (immer noch höher als Impfdosen, wobei manche wohl nur in der Praxis geimpft werden wollen und sich um keine andere Möglichkeit bemühen), Fußmarsch in die Arbeit durch kühle Temperatur und wunderbar frische Luft. Vor der Corona-PCR-Teststelle Verkehrsmuseum standen die Leute Schlange bis fast ans Ende des Bavariaparks. Hoffentlich nur der Uhrzeit geschuldet (sonst passiere ich den Platz ja anderthalb Stunden früher), nicht der Ankunft der Delta-Variante.

Mittags gab es Pumpernickel mit dick Butter und einen Apfel, nachmittags ein Stück schwarze Schokolade (ich finde die Edeka-Eigenmarke 85% richtig gut).

Das Wetter war weiterhin sonnig und weiterhin weit entfernt von heiß, also durch und durch wunderbar. Ich erweiterte meinen Heimweg zu einem Spaziergang über den Westpark.

Café Gans am Wasser von zwei Seiten. Ich hatte noch eine weitere Stimmung von einer Anhöhe aus eingefangen, aber wie seit einigen Monaten immer wieder hatte das Smartphone ein komplett unscharfes Foto produziert (das ist ja nun etwas, was ich wirklich nicht von einer Software erwarte).

Zu Hause entspanntes Yoga. Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Kuh auf Wiese, wobei die Kuh ein Flanksteak aus der Pfanne war und ich als Wiese restliche Blattsalate aus Ernteanteil anmachte.

Ich hatte große Lust auf ein Glas Rotwein (und beschloss, das würde IMPF schon nicht kaputtmachen), es gab den Klassiker Conde de Valdemar, einen 2012er.

Für den Nachtisch gingen wir nochmal raus und holten uns je zwei Kugeln Eis in der Waffel beim Jessas. Die Draußenplätze vor allen Lokalen waren dicht besetzt, es wurden halt Pullis und Jacken getragen.

Donnerstagabend hatte ich Teil 2 unseres diesjährigen Sommerurlaubs gebucht: Nach dem Wanderurlaub im Bayerischen Wald geht es eine Woche nach Berlin. Für Berlin habe ich ja eine Liste mit Wunsch-Unternehmungen, gestern buchte ich davon endlich die Show im Friedrichstadtpalast. Außerdem klickte ich meine Wunschliste Restaurants durch – auch in Berlin wird es mittlerweile eng, weil ich so Vieles wiedersehen will, aber auch Neues ausprobieren. Dazu kommt natürlich die lange Liste von Menschen, die ich in Berlin treffen möchte.

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Hausrotschwanz als Hausbesetzer, ein Twitter-Thread.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 24. Juni 2021 – Neue Frau Physio

Freitag, 25. Juni 2021 um 6:41

Ich war früh ins Bett gegangen, da viele Zweit-Impflinge besonders tiefen Schlaf nach IMPF2 berichtet hatten und ich den auskosten wollte. Aber: Lügenimpfung, ich schlief schwer ein und hatte ein langes lästiges Schlafloch in der Nacht. Auch ansonsten keine Impfreaktionen bis auf den erwartungsgemäß schmerzenden Arm. (Auch ich könnte auch die Idee kommen, dass die Impfung ohne deutliche Reaktion weniger wirkt – aber das ist ganz sicher nicht so. Die einzige Muss-Reaktion ist der Schmerz um die Einstichstelle – check.)

Durch die langen Wachphasen bekam ich mit, dass es in der Nacht weiter heftig regnete. Morgens war es aber trocken und kühl.

Ich absolvierte wieder brav die Orthopädenübungen, obwohl mir danach der betroffene Muskelbereich auf Höhe Brustwirbelsäule wieder erst richtig weh tat. Ein paar Mal mache ich das noch (evtl. ja Wunder), dann probiere ich das mit dem Auf-den-Körper-hören und lasse es.

Obwohl es stark abgekühlt hatte, ließ ich die Jacke daheim: Ich bewegte mich auf dem Weg in die Arbeit genug, dass ich nicht fror.

Mittags gab es eine Breze und Quark mit Orange, ich war sehr satt.

Unangenehm: Ich hab ja auch noch Nacken und Schulter (was meine Laienmeinung im Zusammenhang mit den obigen Beschwerden sieht, aber ich habe ja auch nicht 16 Jahre studiert bis zum Facharzt Orthopädie). Das führte dazu, dass ich den ganzen Tag das Gefühl hatte, mein Kopf sei ungeheuer schwer.

Früher Feierabend, um zu meiner ersten Krankengymnastik-Einheit wegen Hüfte zu gehen. Die neue Frau Physio entschied sich nach meiner Schilderung und ein paar Bewegungstests für Anfassen: Lockern, Drücken, Ausstreichen, sie entdeckte in der OP-Narbe eine verhärtete, sehr schmerzempfindliche Stelle. Die Behandlung kam mir entgegen, denn im Gegensatz zu Übungen daheim kann ich das eben nicht selber tun.

Ich war früh zu Hause, auf dem hastigen Weg schaute ich immer wieder besorgt in die dunklen Wolken über mir – es regnete tatsächlich erst nach meiner Heimkehr. Die zusätzliche Zeit nutzte ich für ausführliche Pediküre: Die professionelle Behandlung hatte über fünf Wochen gehalten.

Inzwischen habe ich die Berufung zur Wahlhelferin bekommen, wieder als Schriftführerin, aber in einem Wahllokal in der Nähe, in dem ich noch nie war. Diesmal dachte ich daran, mich gleich für eine der Pflicht-Schulungen anzumelden (es gibt Kurzschulungen für Routiniers wie mich und ausführliche Schulungen für Einsteigende am Zähl- und Übermittlungs-Computer, beides in Präsenz- und Online-Version).

Eigentlich markiert das Gericht, das es zum Nachtmahl gab, den Start der Balkonabendessen, aber irgendwie passte das dieses Jahr nicht so recht: Salade niçoise. Herr Kaltmamsell machte ihn gestern mit Blattsalat aus Ernteanteil, er schmeckte auch drinnen und ohne ein Glas Rosé dazu. Nachtisch Schokolade.

Vor dem Schlafengehen füllte ich die Waschmaschine mit Weißem und programmierte sie für den Morgen. Das notiere ich nur wegen eines persönlichen Rekords: Die weiße Caprihose musste erst nach fünf Mal Tragen (ganztags) in die Wäsche. Ist das dieses “erwachsen”?

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 23. Juni 2021 – IMPF2

Donnerstag, 24. Juni 2021 um 6:30

Guter Schlaf! Im Blog zu quengeln hilft!

Es hatte deutlich abgekühlt, für Balkonkaffee war es zu kalt (und noch nass vom nächtlichen Regen).

Ankleiden für IMPF2. Eigentlich hatte ich gar keine Lust auf Abendkleid, zumal ich mir nicht sicher war, ob es noch passen würde. Ich hatte mich schon so weit gebracht einzusehen, dass auch ich nicht alles gnadenlos durchziehen muss, was ich einmal angekündigt habe, dass ich nicht jegliche Glaubwürdigkeit verlieren würde. Aber dann stellte ich beim Browsen durch meine Kleiderschränke fest, dass mir keine Impf-taugliche Alternative einfiel: Das ärmellose Abendkleid mit geh-freundlichen goldenen Pantoffeln war tatsächlich die beste Option.

Flohmarktkauf, original 1960er, als eine Frau in meinem Alter schon seit einigen Jahren Oma war und niemals ihre welken nackten Oberarme gezeigt hätte.

Eine Stunde Büroarbeit, dann machte ich mich auf Richtung Impfzentrum. Ein wenig geriet ich in Hektik, weil ich den falschen Zubringerbus von Messestadt West zum Impfzentrum rausgesucht hatte: Dieser brachte mich nur zum Anfang der Straße, den Rest musste ich zu Fuß erhasten. Reichte dann aber noch dicke, wie beim ersten Mal war alles perfekt organisiert. In der Schlange zur Erstimpfung auffallend viele junge Menschen.

Die Impf-Ärztin fragte mich, was ich beruflich mache, und guckte auf meine Antwort “Sitzen” irritiert. Ich bin gewohnt, dass diese Frage von Mediziner*innen sitzende oder stehende Tätigkeit oder schwerer körperliche Arbeit herausfinden will und kürze deshalb ab – aber diese Fragerin wollte vielleicht Smalltalk machen?

Beim Stempel-Abholen für den Impfpass dann endlich: “SIE haben aber ein schönes Kleid an.” Geht doch, jetzt konnte ich antworten: “Ist ja auch ein festlicher Anlass.”

Während der Wartezeit auf Sofortreaktionen (es war von zehn statt der 15 Minuten bei Erstimpfung die Rede) scannte ich mit der Corona-Warn-App die QR-Codes für den digitalen Impfnachweis: Völlig problemlos – aber ich finde die stetig erweiterte App sowieso super und verstehe das Gemaule darüber nicht. Dann meldete ich das ZweitIMPF gleich mal in der SafeVac-App des Paul-Ehrlich-Instituts.

Kurzer Einblick in die Arbeit meines Immunsystems.

Die Rückfahrt verlief problemlos.

Und dann erjagte ich in meiner Mittagspause auch noch einen Schwimmslot im Schyrenbad für Samstag – das war ja gestern wohl mein Glückstag. Zu Essen gab es Nackthafer mit Gemüse vom Vorabend und einen Apfel. Danach wurde ich sehr müde, nachdem ich das aber auch an vorherigen Nachmittagen hatte, will ich die Müdigkeit nicht aufs Impfen zurückführen.

Auf dem Heimweg Lebensmitteleinkäufe, die Temperatur war angenehm. Zum Abendessen ging ich mit Herrn Kaltmamsell zu Servus Habibi, jetzt nicht mehr zum Mitnehmen, sondern vor Ort im Sitzen bestellt und gegessen.

Labneh, Fatoush, BabaGanoush, Brotfladen, später kam noch ein Schüsselchen mit Labneh mit gebratenen Pilzen dazu. Auch diesmal schmeckte es ausgezeichnet. Dazu genoss ich den Blick auf die Schwanthalerstraße, die ich ganz besonders mag: Ungestylt, voller Geschmacklosigkeiten – aber diese mit großer Geste, nicht so poplig wie in der Vorstadt oder der Provinz, dazwischen historische Gebäude, vor allem aber die bunteste Menschenmischung Münchens.

Auf dem Heimweg erwischte uns das Gewitter, das bereits seit Stunden gedräut hatte. Wir rannten zwischen den Regentropfen durch, wurden nur mittel nass.

Doch am Abend brach dann ein heftigeres Gewitter mit Sturzbächen aus.

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Fünf Jahre nach dem Brexit-Referendum blickt ARD-Korrespondentin Annette Dittert auf damals zurück – und auf die derzeitigen Auswirkungen:
“‘Über Nacht war alles anders'”.

Das sind ganze Industriezweige, die derzeit wirklich ums Überleben kämpfen. Vor allem kleinere Betriebe kommen mit den komplizierten Zollformularen einfach nicht zurecht. Gerade die Fischer wurden vor dem Brexit ja sehr umworben: dass sie dann mehr fischen könnten, weil sie nicht mehr die Gewässer mit den EU-Fischern teilen müssten. Nicht gesagt wurde ihnen, dass sie ihren Fisch dann nicht mehr verkaufen können, da die Exporte in die EU durch aufwändigen Papierkram beim Zoll jetzt für sie kaum mehr möglich sind. Die britische Regierung lässt die britischen Fischer bislang weitestgehend allein damit – und viele werden das nicht überleben.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 22. Juni 2021 – Schwarzer Adler

Mittwoch, 23. Juni 2021 um 6:32

Diesmal keine großen Löcher im Schlaf, selbst nach dem vierten Aufwachen um fünf schlief ich nochmal ein, little blessings. Das Gewitter hatte die Draußenluft wunderbar gereinigt und gekühlt.

Wieder morgens die Orthopädenübungen – wenig überraschend sind die Rückenschmerzen so unangenehm wie bisher, stören mich immer wieder beim Atmen.

Auf der Theresienwiese blauen jetzt die Wegwarten, drumrum ein Hauch Lindenparfum.

Zum Gegencheck des ersten Eindrucks den Vormittags-Cappuccino wieder mit Hafermilch bestellt: Doch, schmeckt mir gut, ich mag ja auch Hafermilch.

Mittags ein Laugenzöpferl sowie Flachpfirsich (weitgehend geschmacklos) mit Joghurt, nachmittags ein großes Stück schwarze Schokolade.

Das Wetter sah immer wieder gewittrig aus, einmal regnete es kurz, doch auf dem Heimweg war es schon wieder recht warm (deutlich jackenlos). Ich erledigte kurz Einkäufe fürs Abendessen, denn Herr Kaltmamsell brauchte für den angekündigten Nackthafer (aus Ernteanteil) mit Gemüse noch den Gemüseanteil (Tomate, Gurke, Paprika, Schnittlauch, Zitrone). Den gab es nach meiner Yoga-Einheit (diesmal sanfter). Danach viel Schokolade, während draußen wieder Regen eingesetzt hatte.

Für den Abend hatte ich eine in meinem Internet viel besprochene Doku vorgemerkt:
Schwarzer Adler, die Geschichte schwarzer Fußballnationalspieler*innen im weißen DFB-Trikot.

Sie stellte sich als richtig, richtig gut gemachter Dokumentarfilm heraus: Sehr aufwendig, originelles Konzept, klug gemacht. Zur Sprache kommen nur die Sportlerinnen und Sportler, um die es geht, aus drei Fußballer*innengenerationen. Es gibt keine Erklärtexte, nur kurze Zwischentitel; die Sach-Informationen ergeben sich aus den Aussagen, aus Archivbildern, aus Ansichten von Stadien und Vereinslogos (für Kenner*innen der Bundesliga-Geschichte ergeben sich dadurch vermutlich zusätzlich vielsagende Hintergründe, doch auch ohne diese fühlte ich mich nicht außen vor).

Die 99 Minuten Film sind einfach schon durch die Protagist*innen fesselnd: So viele unterschiedliche Persönlichkeiten von zurückhaltend bis Showman, von ernst bis spaßig – aber durchwegs alle überraschend analytisch, selbstreflektiert und sehr wortgewandt (Vorsatz: mir ab sofort jede Häme über angeblich beschränkten Intellekt von Profi-Fußballern verkneifen).

Das Ergebnis ist bitter, bestürzend, traurig, auch wenn ich mir nie Illusionen über den Rassismus in unserer Gesellschaft und im deutschen Profisport gemacht habe (allein schon die Beschreibung von Gerald Asamoah, wie er als Einwanderer aus Ghana in Deutschland überhaupt erst das Konzept Rassismus lernte – am eigenen Erleben). Immer wieder enthält die Doku Originalausschnitte aus alten Fernsehsendungen (u.a. Aktuelles Sportstudio, das den Film mitpräsentiert) mit superpeinlichen weil rassistischen und sexistischen Fragen und Moderationen – die sofort bei mir das Erschrecken auslösten, was uns in 20 Jahren wohl rückblickend superpeinlich sein wird weil diskriminierend.

Empfehlung, auch wegen der vorbildlichen Herangehensweise ans Thema.

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Hahahaha – es gibt ja DOCH eine schnelle und legale Methode, aus den Anwohnerparkplätzen in der Innenstadt gemütliche Lebenszonen zu machen (*klickt Gebrauchtwagenangebote durch*).

die Kaltmamsell

Journal Montag, 21. Juni 2021 – Lang erschwitztes Gewitter

Dienstag, 22. Juni 2021 um 6:31

Eigentlich, finde ich, wäre mal wieder Zeit für eine gute Nacht. Die auf gestern hatte ein langes Loch, das ich nach vergeblichem Warten auf Wiedereinschlafen für Haushaltserledigungen und etwas Lesen nutzte.

Der Morgenhimmel war verhangen, doch es blieb warm.

Balkonkaffee zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Bereits auf dem sonnigen Weg in die Arbeit fühlte ich mich nach der schlechten Nacht verkatert-benebelt wie nach Party und Alkohol (as if), den Arbeitsvormittag erlebte ich wie in Aspik.

Mittags gab es die Reste des Abendessens vom Sonntag: Bulgursalat und Grillkäse. Danach war ich sehr Siesta-müde, doch an Arbeitstagen ist halt nichts mit Nachschlafen. Bleiern müde kämpfte ich mich durch den Arbeitsnachmittag.

Auf dem Heimweg ein kleiner Einkaufsschlenker: Ich erlaubte mir ein neues Sport-Kleidungsstück, nämlich eine Radl-kurze Sommerlaufhose mit großzügigen Taschen für Schlüssel und Girokarte, sogar mein Handy findet Platz. Denn selbst wenn sie mir noch nicht in Fetzen vom Leib fallen, muss sogar ich gestehen, dass meine Laufhosen (Alter zwischen sieben und 15 Jahren) mittlerweile wirklich gammlig aussehen.

Zu Hause erst mal Yoga, seit Sonntag mit Mady Morrison (danke für den Hinweis auf ihre Playlists!). Ich erwischte eine Turbofolge, die 15 Minuten zackig durchturnte, jeder Atemzug eine Bewegung. Jetzt schwitzte ich mehr als in jeder der derzeit täglich mindestens fünf klimakterischen Glut-Attacken.

Nachtmahl, wieder von Herrn Kaltmamsell serviert: Orecchiette mit Ernteanteil-Brokkoli, sehr gut. Nachtisch Wassermelone, dann Schokolade.

Gestern hatte es schon um neun genug abgekühlt, dass wir die Fenster und Balkontüren öffnen konnten.

Und dann setzte endlich das seit Tagen angekündigte Gewitter ein, erst mit entfernten Knurren und Grollen, bis die ersten dicken dunklen Punkte auf dem Asphalt erschienen. Es war ein seltsames Gewitter: Stundenlang erhellten unablässige kleine Blitze mein Schlafzimmer, sie flackerten wie eine schadhafte Neonröhre über den Horizont, nur manchmal gesprengt von einem richtig großen Blitz inklusive Donner. Nach ein wenig Lesen im Bett schaltete ich das Licht aus und sah dem Natur-Stroboskop zu, auf der Tonspur leichtes Regenrauschen.

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Wieder eine dieser furchtbaren, traurigen Geschichten. Kat O’Brien arbeitete früher als Sportjournalistin in den USA. Erst jetzt traut sie sich zu erzählen, dass sie vor 18 Jahren von einem Baseball-Profi vergewaltigt wurde, den sie interviewte. Sie schreibt, wie sie 18 Jahre schwieg, um das Erlebnis damit irgendwie ungeschehen zu machen. Jetzt ist ihr wichtiger, dass Sportreporterinnen endlich nicht mehr mit sexueller Belästigung fertigwerden müssen.
“I Am Breaking My Silence About the Baseball Player Who Raped Me”.

Doch vor 18 Jahren sah sie keine Möglichkeit, das Verbrechen öffentlich zu machen (auch jetzt nennt sie keinen Namen):

I knew that if I told anyone what happened that it would ruin my career. I was 22 with no track record, and at that time — nearly two decades ago — most people in baseball would have rallied to protect the athlete. So I blamed myself. I must have been too nice, too trusting, too friendly and open. Even though I said no, it must have been a misunderstanding. I lived in fear the story would get out.

SIE hatte Angst, die Vergwaltigung würde rauskommen, weil SIE dadurch ruiniert gewesen wäre. (In Vergewaltigungen geht es nicht um Sex, sondern um Macht.) Und das leider zurecht. Bitte, bitte werfen sie bei diesem Thema nicht den Opfern vor, dass sie schweigen. Oder fragen sie gar, ob sie sich nicht doch hätte wehren können.

A professional athlete raping a reporter isn’t a sports story. It’s a story about power in our society, and how men wield it against women.

Und selbst jetzt schließt Kat O’Brian ihren Text mit einer Aufzählung ihrer Lebensleistungen – um zu verhindern, was ebenfalls viele Opfer sexueller Gewalt fürchten: Dass sie nach Öffentlichmachen oder gar Anzeige nur noch darüber definiert werden.

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André Spiegel lebt in New York. In einem Text sammelt er, wie sich in dem Haus, in dem er wohnt, während der vergangenen 15 pandemischen Monate das Fahrstuhlverhalten entwickelt hat.
“Fahrstuhlepisoden”.

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Potenzieller life changer (erinnern Sie mich bitte am Beginn der nächsten Avocado-Saison in Europa daran?).

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 20. Juni 2021 – Helen Macdonald, Vesper Flights

Montag, 21. Juni 2021 um 6:21

Wieder schlief ich nicht so lange, wie ich müde war. Nutzte ich das frühe Aufwachen halt für Emsigkeit: Die Wäsche aus der programmierten Waschmaschine aufhängen, Pflanzen gießen.

Draußen war es verhangen und diesig schwül, aber nicht heiß – das erleichterte mich, denn ich hoffte auf eine Laufrunde.

Es wurde immer düsterer, die Temperatur aber war ideal für Draußensport. Erst mal absolvierte ich in Laufkleidung die Orthopäden-Gymnastik, dann spazierte ich über den Südfriedhof zur Wittelsbacherbrücke, lief von dort Richtung Flaucher, die ersten paar hundert Meter durch Partymüll inklusive Scherben. Schon um neun waren recht viele Läufer*innen sowie Hundegassigänger*innen unterwegs, ich musste immer wieder Slalom laufen. An der Thalkirchner Brücke Maria Einsiedel kehrte ich um, ab der Brudermühlbrücke und nach 55 Minuten problemlosem Joggen wechselte ich zum Gehen.

Ich hätte nichts gegen einen erfrischenden Regenguss gehabt, statt dessen wurde es sonnig. Auf dem Heimweg machte ich gemütliche Umwege durchs Glockenbachviertel, unter anderem mit Semmelholen. Zum für mich frühen (12 Uhr) Sonntagsfrühstück gab es also Semmeln.

Vorher hatte ich dann doch die Wohnung wieder gegen Hitze verrammelt. Im Dunklen machte ich ausgiebig Siesta.

Das Bachmannpreislesen vergangene Woche (nur die Jurysitzung fand vor Ort in Klagenfurt statt, die Autor*innenlesungen wurden als Aufzeichnungen eingespielt) nur aus zweiter Hand über die Twitter-Kommentare verfolgt, gestern wurde als Gewinnerin Nava Ebrahimi ermittelt. Ihr Text gefällt mir: “Der Cousin.” Nächstes Jahr möchte ich wieder nach Klagenfurt reisen, gestern habe ich bereits mit einer Co-Schlachtenbummlerin eine Ferienwohnung reserviert.

Zum Bügeln (Sommerzeit ist Bügelzeit) hörte ich die Folge Hotel Matze “Katja Berlin – Warum nimmt man Humor nicht ernst?” und war bestens unterhalten (ihr Lieblingsbuch ist Beloved!). Unter anderem hochinteressant fand ich, wie Katja ihre ganz persönliche Arbeitsweise beschrieb.

Gegen den Hunger, aber ohne Appetit als Nachmittagssnack Haferflocken mit Milch, ein Flachpfirsich.

Auch den Tag über hätte ein Gewitter dem Wochenende gut getan, mit Neid verfolgte ich auf Twitter die Meldungen aus Stuttgart. Immer wenn ich auf den Balkon trat in der Hoffnung, der düstere Himmel könnte die Temperatur gesenkt haben, war es draußen immer noch wärmer als in der Wohnung. Mich zog nichts raus.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Bulgursalat aus Katha Seisers Immer schon vegan gemacht und Grillkäse dazu gebraten.

Bester Bulgursalat jemals!

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Helen Macdonald, die ich von ihrem großartigen H is for Hawk kenne, schreibt hin und wieder Essays, die Naturbeobachtung mit der Anaylse von Naturrezeption vermischen – im weitesten Sinn, denn sie enthalten immer auch den sehr persönliche Blick von jemandem, die als seltsames und einsames Kind von klein auf Tiere und Natur sehr gründlich beobachtete, deren Lebenslauf eher mäanderte als gradlinig verlief, die bis heute ein sehr eigentümlicher Mensch ist. Das Buch Vesper Flights (eben auch in deutscher Übersetzung von Ulrike Kretschmer als Abendflüge erschienen) sammelt einige dieser Essays.

Eigentümlich und anders ist auch, dass sie Tiere immer wieder in sehr menschengeformten Umgebungen beobachtet: Nachtvögel vom Empire State Building in New York aus, die größte Turmfalken-Population Dublins in Industrieruinen. Es ist Helen Macdonald ein großes Anliegen, den Blick darauf zu richten, wie stark sich das vermischt, dass “Natur” nichts ist, zu dem man möglichst weit und in abgelegene Gebiete fahren muss. In einem Text weist sie sogar auf das Risiko von Naturparks hin: Dass die Menschen glauben könnten, wenn sie alles wilde Leben dort hinein verschieben, könnten sie es außerhalb folgenlos ignorieren oder zerstören. Immer wieder machte sie sich Gedanken darüber, warum wir mit wilden Tieren interagieren, wie wir es tun, warum sie so starke Gefühle auslösen können. Oder sie recherchiert, wie sich Vogelbeobachtung und die daraus resultierende Systematik in den vergangenen hundert Jahren verändert haben (Macdonald ist studierte Wissenschaftshistorikerin).

Ich musste deshalb sehr an sie denken, als ich Samstag in Ingolstadt auf der Busfahrt vom Bahnhof Ingolstadt Audi nach Etting inmitten der lebensfeindlichen Funktionalität der Fabrikstadt Audi die Silhouette eines Turmfalken fliegen sah – und gleich darauf am roströtlichen Gefieder einen weiteren erkannte, der sich gerade in der Spitze eines Strommastes niederließ.

Empfehlenswertes Buch – selbst wenn Sie eine Amsel kaum von einer Krähe unterscheiden können.

die Kaltmamsell