Gut geschlafen, aber schon kurz nach sechs aufgewacht. Blogpost war nur noch fertigzumachen, die Twitter Timeline bald weggelesen. Immer wieder trat ich auf den Balkon, um in den Morgen zu schnuppern und mir vorzustellen, wie ein Isarlauf gerade gestern aussehen würde.
Schon um 9 Uhr lag ich sportfertig im Wohnzimmer auf der Matte: Zeit genug für alle Gymnastikübungen, die Arzt und Physio in den vergangenen Monaten geraten hatten. Anschließend eine gute Stunde Crosstrainer bei zunächst trübem Himmel, doch langsam kam die Sonne heraus.
Nach Duschen und Anziehen machte ich mich zu einer Besorgungs- und Einkaufsrunde in sehr warmem Wetter auf. Vorher überprüfte ich, ob der Einkaufslistenpunkt “Weizen 550” auch wirklich abgearbeitet war. Als Herr Kaltmamsell mich vorm Schrank sah, fragte er, ob “wir” vielleicht ein Mehlproblem hätten.

Von links oben nach rechts unten: Roggen 1370, Roggen Vollkorn, Roggen 1150, Dinkel 630 (1x fast leer, 1x voll), Roggenschrot, Pizzamehl 00, Weizen Vollkorn, Weizen 812, Weizen 1050, Weizen 550, Weizen 405 (1x fast leer, einmal voll). “Problem” ist hier ja wohl höchstens das Fehlen von doppelgriffigem Mehl und Roggen 997. (Das Kichererbsenmehl ist kein Getreide und steht daher bei den Hülsenfrüchten.)
Zunächst brachte ich meine beiden Radierungen von Katia Kelm zum Rahmen. Wegen kompletter Ahnungslosigkeit ließ ich mich umfassend beraten, nur als man mir Rahmen in der passender Farbe andiente, merkte ich an, das Resultat solle nicht Deko sein, sondern Kunst ausstellen. Die Beraterin ging auch darauf ein, ich bestellte also eine Rahmung ohne Passepartout, um auch die rohen Ränder der beiden Blätter sichtbar zu machen.
Im Kaufhof am Marienplatz besorgte ich in der Kosmetikabteilung (erreichbar durch den Haupteingang Rosenstraße, alle anderen Bereiche mit Tüchern abgesperrt) meinen Standard-Kajalpinsel von Artdeco – mit dem vom Body Shop produziere ich auch nach fünf Monaten Übung Klecksereien, der kommt als Korrekturstift nach Tränenkatastrophen durch Radlfahren in die Büroschublade.
In die Lebensmittelabteilung gelangt man weiterhin nur durch das U-Bahn-Untergeschoß, auch hier alle anderen Bereiche abgetrennt; in der Ferne sah ich eine Angestellte edle Handtaschen mit einem Wedel entstaubten. Das frische Lebensmittel-Sortiment war deutlich ausgedünnt – nachvollziehbar, wenn kaum jemand einkauft. Und so suchte ich vergeblich nach schlichtem Frischkäse, Doppelrahmstufe: Im Kühlregal standen zwar ca. 25 Sorten von Light über mit Joghurt, Meerrettich, Kräutern, Ananas und sonstigem Kram – aber keine, die man für einen Kuchenguss verwenden könnte. Backpläne also um eine Woche verschoben.
Am Alten Peter sah ich mehrere Polizei-Mannschaftswagen, später erfuhr ich, dass auf dem Marienplatz eine Demo gegen die Pandemie-Eingrenzungsmaßnahmen stattgefunden hatte (was dann so aussah – ich würde ja facepalmen, wenn ich mir dafür nicht ins Gesicht fassen müsste).
Ein dringender Einkauf waren neue Hausschuhe für Herrn Kaltmamsell, Birkenstock Arizona. Durch ein Geschenk vor vielen, vielen Jahren (ich hatte nicht mehr mit ansehen können, dass er in einem Paar herumlief, das nur noch aus Fetzen bestand) war ich zuständig geworden für seine Hausschuh-Ausstattung. Und sein aktuelles Paar war wieder kurz vor Fetzenzustand. Ich musste ein wenig anstehen, weil in den kleinen Laden nur immer drei Personen gleichzeitig eingelassen wurden – und holte mir dabei, wie ich am Abend feststellte, einen leichten Sonnenbrand im Ausschnitt: Meine Haut ist halt dieses Jahr mangels Wandern oder Joggen überhaupt keine Sonne gewohnt.
Auf dem Rückweg Obst am Standl Sendlinger Tor eingekauft: Man riet mir zum Lagern der Aprikosen, Flachpfirsiche und Erdbeeren im Kühlschrank, dadurch gebe es “keine Fruchtfliegen”. Da wir ja alle wissen, dass Obst nicht in erster Linie Fruchtfliegen anzieht, sondern die Fuchtfliegen mit dem Obst geliefert werden, stellte ich daheim gleich mal die bewährte Falle auf. (Und Obst mag ich wirklich, wirklich nicht kühlschrankkalt.)
Daheim frühstückte ich die ebenfalls frisch besorgten Semmeln und machte es mir dann mit dem Romanmanuskript der Freundin auf dem Balkon gemütlich.


Nochmal die Kastanienblütenpracht genossen, der nächste heftige Regen oder Wind wird sie beenden. Lauteste Stimme der örtlichen Vogelwelt weiterhin aus Mönchsgrasmückenkehle, die Buchfinken und Meisen klingen im Vergleich geradezu kläglich.
Dazwischen erledigte ich noch den Erledigungspunkt für Samstag: Eine Zimmerpflanze brauchte seit vielen Monaten einen größeren Topf, den bekam sie endlich.
Fürs Nachtmahl war ich zuständig, ich machte Pizza mit diesem Teig basierend auf Lievito Madre.
Ließ sich mittelgut verarbeiten, ähnlich wie dem Lievito-Madre-Brot am Wochenende zuvor fehlte dem Teig die Spannung eines richtig guten Glutengerüsts.

Geschmack sehr gut.
Abendunterhaltung war eine Doku über Kraftwerk aus dem Jahr 2013, die arte anlässlich Florian Schneiders Tod nochmal in die Mediathek gestellt hatte.
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Eine sehr schöne und runde Geschichte im Techniktagebuch: Gabriel Yoran schreibt über Einzelhäuser und Heizungstechnik in Neuengland 2015, die für ihn als Europäer ausgesprochen fremd und rückständig war.
“Ein Kindertraum von Infrastruktur: Winter in New England”.
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Im Atlantic macht sich Charles Fishman Gedanken über die Rolle, die das Internet in der aktuellen Pandemie gespielt hat, vor allem für die USA. Kurzfassung: Ohne Internet hätte es eine echte Katastrophe gegeben, komplett außer jeglicher Kontrolle – und vielleicht sollten wir auch den vielen unsichtbaren Menschen danken, die das verhindert haben.
“The System That Actually Worked”.
Almost the entire nation now seems to be online at the same time, many of us using two or three devices at once—for urgent work meetings and talking with Mom, for college chemistry lectures and neighborhood yoga classes, for grocery shopping and video binge-watching. Digital life has rushed to fill the gaps created by social distancing, allowing some semblance of normalcy and keeping some parts of the economy open for business. Indeed, the things the internet lets us do are a big part of the reason people are comfortable staying confined to home, and are able to. To the degree that any institution is keeping American society knitted together during this crisis, it’s the internet.
(…)
The simplest explanation for why the pandemic hasn’t broken the internet is that the internet was designed to be unbreakable, at the very beginning. (The early precursor to the internet, ARPANET, was designed to survive a nuclear attack by rerouting network signals.)
(…)
That design philosophy is very different from the way much of the rest of the U.S. economy operates. The pandemic has shown us the downside of perfectly optimized systems—from the supply of ICU beds and virus-sampling swabs to the availability of baker’s yeast. We’ve been desperately short of all three of those things precisely because we’ve spent years tweaking supply chains so we have only exactly the amount we can use right now, without the “waste” of empty ICU beds or idle swab-making machines. In that way, what has saved the internet—redundancy, flexibility, excess capacity—reflects not just a different design philosophy, but a different underlying economic philosophy as well.

die Kaltmamsell