Journal Mittoch, 28. März 2018 – Kalter Regen

Donnerstag, 29. März 2018 um 5:42

Jetzt will ich aber mal was von der zusätzlichen Stunde hell am Abend haben: Seit Zeitumstellung trieb mich mangelnde Gesundheit schon vor Sonnenuntergang ins Bett.

Gestern war die zusätzliche Helligkeit ohnehin verschwendet: Der ganze Tag war grau und düster, abends regnete es.

Auf dem Weg in die Arbeit (die Bronchitis behinderte mich nicht) sah ich, dass die Schlacht um den Theresienwiesenflohmarkt in die nächste Phase geht.

Abends brav keinen Sport getrieben, meine Bronchien hätten mir wahrscheinlich nicht genug Luft dafür gelassen. Statt dessen allein zuhaus, Herr Kaltmamsell vergnügte sich woanders.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 27. März 2018 – Kein Fieber, kein krank

Mittwoch, 28. März 2018 um 5:38

Als mich nach fast zehn Stunden tiefem Schlaf der Wecker weckte, ging es mir schon viel besser, Fieber war auch weg. Aber ich war vernünftig und ging nach Duschen und Irgendwasanziehen zur Ärztin – um vor verschlossener Tür zu stehen. Als ich zum zweiten Mal klingelte, meldete sich eine Angestellte über die Gegensprechanlage: Frau Doktor komme erst um acht Uhr. Das wusste ich durchaus, war aber gewohnt, dass man als Patientin ohne Termin ab 7 Uhr im Wartezimmer Schlange sitzen konnte. Jetzt wohl nicht mehr. Auf dem Heimweg wägte ich ab:
– Ab acht Uhr würden die Patienten und Patientinnen mit Termin kommen, ebenso alle akuten Fälle wie ich, das hieß: Ein Vormittag im Wartezimmer.
– Bis acht Uhr würde ich mich sicher nicht wieder ins Bett legen.
– Eigentlich ging’s mir schon viel besser, ich konnte schon wieder in meinem gewohnten zackigen Tempo gehen.
Also ging ich in die Arbeit.

Womit ich ein großes Risiko einging, denn es war klar: Ich hatte jedes Anrecht auf Jammern über welche Folgen auch immer vertan. Selbst wenn mich ein Fieberschub unter den Schreibtisch würfe, dürfte ich nur röcheln: “Geht schon…” Es ging tatsächlich sehr gut, ich musste nur wenig husten, kränklich fühlte ich mich erst wieder ab Mittag. Der lieben Kollegin, die sich vorsichtig erkundigte, ob ich mich heute nicht so wohl fühlte, reichte die Erklärung: “Bin nur ungeschminkt.”

Ich fand gar nicht schlecht, von reichlich Arbeit abgelenkt zu werden, ging dennoch früher als sonst nach Hause – in gewohntem Tempo.

Daheim empfing mich Herr Kaltmamsell mit jüdischem Penizillin (Hiehnebriehe) – er hatte seine Ferien perfekt genutzt. Nach zwei Tellern davon (mit Suppennudeln und ausgelöstem Hühnerfleisch) war ich bettschwer und ging schon um sieben Schlafen.

§

Schmerzhaft, aber es war nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre nur eine Frage der Zeit, bis diese Frage gestellt wurde:
“Is It Time for the Jews to Leave Europe?”

Sie kommt von AtlanticEditor in chief Jeffrey Goldberg.

a very old Jewish question: Do you have a bag packed?

Denn die tatsächlich christlich-jüdische Tradition in Europa ist leider dies:

One of the least surprising phenomena in the history of civilization, in fact, is the persistence of anti-Semitism in Europe, which has been the wellspring of Judeophobia for 1,000 years. The Church itself functioned as the centrifuge of anti-Semitism from the time it rebelled against its mother religion until the middle of the 20th century.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 26. März 2018 – Zurück ins Krankenbett

Dienstag, 27. März 2018 um 7:24

Im Nachhinein hätte ich es seit der Freitagnacht wissen können, in der ich so unerklärlich fror (trotz geschlossenem Fenster und Herrn Kaltmamsell neben mir unterm Federbett als Wärmequelle). Aber Samstag und Sonntag fühlte ich mich fit, erst Sonntagachmittag meldete sich schmerzhaft die Luftröhre – was ich energisch ignorierte, da ich die letzte Erkältung erst vor einer Woche abgeschlossen hatte.

Doch schon der Weg in die Arbeit war gestern anstrengend, das Atmen schmerzhaft, der Bauch spielte Samba. Über den Tag vermied ich immer bewusster körperliche Anstrengung: Selbst ein paar Treppenstufen brachten mein Herz zum Rasen und die Bronchien zu so großen Schmerzen, dass ich erst mal eine Weile stehen bleiben musste.

Nach Hause schlich ich also vorsichtig und legte mich sofort ins Bett. Da mein ganzer Körper brannte und schmerzte, holte ich nach vielen Jahren mal wieder mein Fieberthermometer raus.

Ja, ganz schön alt, aber bereits ohne Quecksilber in der Röhre. 38,3 Grad Kerntemperatur, aha.

Aber noch hatte ich Appetit und ließ mich von Herrn Kaltmamsell mit Shepherd’s Pie und Wurst-Rettich-Salat füttern. Nach der Tagesschau und einer Aspirintablette zurück ins Bett, Wecker auf sechs Uhr, damit ich mich gleich um sieben ins Wartezimmer meiner Hausärztin setzen konnte.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 25. März 2018 – Palmsonntag mit kühler Sonne

Montag, 26. März 2018 um 5:38

Palmsonntag. Während vergangenes Jahr die Palmkätzchen zu diesem Feiertag längst verblüht waren, gab es sie heuer noch nicht zu sehen.

Den Morgen mit Brotbacken verbracht, der Teig für meine Geiersthaler Sonne wurde diesmal arg weich. Und dann kam der Ofentrieb recht spät, man sieht es der Krume an (große Löcher oben).

Geschmeckt hat es trotzdem.

Raus zum Laufen. Es war schön sonnig und mit vielen Pokémon (Sonderaktion Bisasam). Die Kleidung anderer Joggerinnen und Jogger reichte von kurze Hose mit nackten Beinen und kurzen Ärmeln bis Schal und Anorak. Ich trug etwas dazwischen und war durchaus froh über meine leichte Mütze, Handschuhe brauchte ich aber nicht.

Der Muskelkater nach dem samstäglichen Intensivprogramm war interessant. Beim Aufstehen lediglich ein wenig Ziehen im Schultergürtel und in den hinteren Oberschenkeln, ich sah also kein Hindernis für meinen Isarlauf. Am Nachmittag dann doch interessante Dinge in Nacken und Po, zum ersten Mal auch Muskelkater in den Unterarmen. Am wenigsten spürte ich meinen Bauch, obwohl dem 15 Minuten Übungen gewidmet waren. Irgendwas mache ich falsch.

Nachmittags Bügeln, dazu die Musik aus Call me by your name. Pokémonentwickeln, nach Monaten endlich aufs nächste Level gekommen.

Für die letzten drei Level werde ich Jahre brauchen.
Aus Jux Fingernägel farbig lackiert (lila), habe ich zuletzt vor etwa 20 Jahren gemacht.

Abends servierte Herr Kaltmamsell ausgesprochen köstliche Rindsrouladen mit Kartoffelbrei – ein richtiges Sonntagsessen.

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Kluge Gedanken von Jens Scholz, wer in Wirklichkeit die kleinen Händler kaputt macht:
“Nicht Amazon macht den Traditionshandel kaputt, sondern Leute wie ich, und ich bin kein Millennial”.

Ein bisschen gehöre ich auch dazu, auch für mich ist Einkaufen kein Erlebnis und “Shoppen” kein Hobby. Wirklich gern kaufe ich Lebensmittel ein, tatsächlich sogar die alltäglichen – weil ich dazu nirgends hinfahren muss, sondern einige Supermärkte und Süpermarkets auf meinem Heimweg von der Arbeit liegen, ich mit ein wenig Umweg an zwei Biomärkten vorbei komme. Aber der Einkauf von Kleidung oder gar Schuhen ist mir im Offline sehr zuwider. Meine Kleidung kommt deshalb meist aus dem Internet, Schuhe muss ich leider meist in Läden suchen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 24. März 2018 – Wochenendsport im Wohnzimmer

Sonntag, 25. März 2018 um 8:52

Sonne! Wie angekündigt bekamen wir einen strahlend sonnigen Frühlingstag, an dem allerdings ein empfindlich kalter Wind pfiff.

Zum Ausleben meines Bewegungsdrangs räumte ich das Wohnzimmer frei. Eigentlich hatte ich vorgehabt, wieder beim MTV zu turnen, doch die Aussicht auf ähnlich langweiliges Angebot wie die vergangenen beiden Wochen hielten mich ab. Und da war mir eine Übungsrunde auf Fitnessblender eingefallen: “1000 Calorie Workout Video – At Home HIIT Cardio, Strength, and Abs Workout to Burn 1000 Calories”.

Eingemerkt hatte ich diese Programm schon vor zwei Jahren; mich reizten weniger die behaupteten 1000 Kalorien Verbrauch (ich glaube ja nicht an Kalorien), sondern die 90 Minuten Rundumtraining.

Die Aufwärmphase verlängerte ich: Mein persönlicher Puls möchte über längere Zeit und langsam hochgeschraubt werden, sonst protestiert mein System mit rotem Kopf und Schwindel. Zudem machte ich längere Pausen (die Fitnessblender-Programme sind immer recht zackig und im Grunde Nettozeit an Übungen, immer wieder wird darauf hingewiesen, dass man jederzeit mit der Pausentaste unterbrechen darf): Trinken, Wäsche aus der Waschmaschine holen, mehr Wasser. So kam ich auf über 100 Minuten Sport. Der HIIT-Teil war angenehm anstrengend, beim Krafttraining musste ich allerdings zweimal aussetzen, weil mir vom schnellen Wechsel zwischen Bewegung in Bodenlage und aufrechter Haltung innerhalb einer Übung schlecht wurde.

Jetzt bin ich sehr gespannt, ob die Prognose des Vorturnerpaares Daniel und Kelli stimmt, dass ich am Folgetag unter einem Ganzkörpermuskelkater leiden werde.

Nachdenken über meine Geburtsstadt (caveat: Ich habe ein unerklärlicherweise aber extrem emotional gestörtes Verhältnis zu Ingolstadt und bin deshalb die denkbar am wenigsten glaubwürdige Quelle für Beurteilungen aller Art.): Ihr Zentrum ist vielleicht das perfekte Beispiel für das Gegenteil von Gentrifizierung. Wo mal Handwerk, Metzgereien, kleine Läden und Gastronomie waren, sind jetzt Versicherungsbüros, Immobilienmakler, im besten Fall noch Arztpraxen. Ich weiß verlässlich, dass in der Innenstadt Menschen wohnen, doch das ist eine Parallelgesellschaft. “Angesagte Wohngegenden” bestehen aus Einfamilienhäusern mit Dreifachgaragen. (Mag nicht der entflohene Ingolstädter Roman Deininger von der SZ, der zum Bundesliga-Aufstieg der örtlichen Männerfußballmannschaft diesen hinreißend treffenden Artikel über seine Geburtsstadt geschrieben hatte (€), diesen Aspekt mal aufarbeiten? Nebenbei: Kennen Sie diesen Artikel von Deininger vom letzten Jahr über jetzt Ministerpräsident Söder?)

Kleine Einkaufsrunde auf dem Klenzemarkt, dann den Raumduft “Rührkuchen” erzeugt.

Treffen mit Freundin in Café auf einen Aperó, gemischte Nachrichten aus der akademischen Welt. (Was ganz anderes: Mag mir jemand diesen Teppich schenken? Respektive aus USA mitbringen?)

Zum Abendessen fand Herr Kaltmamsell heraus, wie Suppe aus lila Karotten aussieht.

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Die Medien sind voll von Warnungen und Analysen zu Facebook, weil eine eingebundene App von Cambridge Analytica die Daten einer Umfrage auf Facebook und Profildaten von Nutzern und deren Kontakten für gezielte politische Werbung genutzt hatte. Dieser konkrete Datenmissbrauch will mich nicht so recht erschüttern – vielleicht weil ich immer schon wusste, dass meine bei Facebook hinterlegten Daten und Verbindungen praktisch öffentlich sind. Und dass Facebook alle meine Bewegungen im Web trackt, solange ich nicht ausgeloggt bin (wer loggt sich bitte nach jedem Facebook-Besuch aus?). Das finde ich durchaus nicht gut, aber anderes beunruhigt mich viel mehr.

Nämlich zum Beispiel, dass die Bayerische Staatsregierung die Befugnisse der Polizei massiv ausweiten will. Sie führt mal kurz die Kategorie “drohende Gefahr” ein und setzt in diesen Fällen unter anderem Bürgerrechte wie Post- und Telekommunikationsgeheimnis außer Kraft.

Marie Bröckling dazu auf netzpolitik.org:
“Ab Sommer in Bayern: Das härteste Polizeigesetz seit 1945”.

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Noch lebt Katrin Scheib in Russland und berichtet (ihre fünf Jahre dort neigen sich dem Ende zu). Zum Beispiel:
“Wie ich einmal Gesangsunterricht auf Russisch nahm”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 23. März 2018 – Geburstagsfeier hinter Audi

Samstag, 24. März 2018 um 8:39

Erster Blick am Morgen aus dem Fenster: Dichter Schneeschauer. Doch auf dem Weg in die Arbeit waren Straßen und Wege nass, die Kälte war über den Gefrierpunkt gestiegen.

Pünktlicher Feierabend, denn Herr Kaltmamsell und ich waren auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Wir nahmen einen Zug nach Ingolstadt Nord, von dort ein Taxi nach hinter Audi – was sich ein weiteres Stück Landschaft geschnappt hat: Mittlerweile fährt man vom Bahnhof aus mit den Auto 15 Minuten nur durch Audi, bis man zu Nicht-Audi gelangt. Ich will gar nicht daran denken, was aus der Region 10 werden soll, wenn der Individualverkehr die menschenverträgliche Entwicklung einschlägt, die sich gerade abzeichnet. (Aber wahrscheinlich ist die Automobillobby auch langfristig stärker als Menschenverträglichkeit.)

Heimreise nach nur wenigen Stunden Feier, weil die letzte Regionalbahn nach München schon um halb elf fährt.

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Von wegen Verkehr: The Atlantic zeigt wieder eine atemberaubende Bilderstrecke, diesmal von riesigen Mengen verlassener Leihräder in China, wo die Welle an Leihradanbietern vergangenes Jahr besonders hoch schwappte:
“The Bike-Share Oversupply in China: Huge Piles of Abandoned and Broken Bicycles”.

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“The Last Conversation You’ll Ever Need to Have About Eating Right”.

via @stephenfry

Mir gefällt schon der Einstieg:

It’s beyond strange that so many humans are clueless about how they should feed themselves. Every wild species on the planet knows how to do it; presumably ours did, too, before our oversized brains found new ways to complicate things. Now, we’re the only species that can be baffled about the “right” way to eat.

Basis für die Liste:

With that in mind, we offered friends, readers, and anyone else we encountered one simple request: Ask us anything at all about diet and nutrition and we will give you an answer that is grounded in real scientific consensus, with no “healthy-ish” chit-chat, nary a mention of “wellness,” and no goal other than to cut through all the noise and help everyone see how simple it is to eat well.

Mit dem für mch vertrauenserregenden Detail, dass viele Fragen mit “das weiß man nicht” beantwortet werden.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 22. März 2018 – Wir Google-Veteranen

Freitag, 23. März 2018 um 7:05

Nachdenken über Google-Fertigkeiten. Beruflich betreibe ich sehr viel betreutes Googlen: Menschen wenden sich mit Fragen an mich, deren Antwort ich zu 95 Prozent beim ersten Googlen als erstes Ergebnis angezeigt bekomme. Manchmal ergänzen sie ihre Frage durch den Hinweis, im Web hätten sie nichts dazu gefunden. Das und Erzählungen von Eltern über Web-Recherchen ihrer Kinder führen mich zu den Verdacht, dass Googlen keineswegs die Basisfertigkeit ist, sondern die hohe Kunst. Dass Weltwissen und Hintergrundkenntnisse zum Suchthema sehr helfen, auch bei der Einordnung der Suchergebnisse, war mir durchaus klar. Doch anscheinend muss man Menschen bereits Google als Suchwerkzeug beibringen (manche gehen zum Beispiel erst auf eine Website, auf der sie die gesuchten Inhalte vermuten, und beginnen dort ihre Suche).

Möglicherweise unterschätze ich die Folgen des Umstands, dass wir echten digital natives, die wir das Web seit Erfindung des Browsers nutzen, eine nicht mehr aufzuholende Erfahrung mit der Nutzung seiner Dienste haben (Suche, Bewertung, Lokalisierung, Visualisierung). Wer sich noch an den Suchmaschinen-Geheimtipp All the web erinnert und wie sensationell der uns vor der Jahrtausendwende bereits erschien, wer dann völlig von den Socken war über die Mächtigkeit dieser weißen Seite, auf der nichts als ein Eingabefenster und der Firmenname “Google” in bunten Buchstaben zu sehen war – der und die haben halt mehr Werkzeuge an der Hand als nachwachsende Web-Nutzer, die sich ausschließlich auf YouTube und instagram bewegen. Oder sich mit einem Seufzer vor zwei Jahren dann doch mal selbst an dieses Internet gesetzt haben, weil das ja wohl nicht mehr weggeht.

Nach Feierabend nahm ich eine S-Bahn zum Marienplatz, um nach einem Geburtstagsgeschenk zu sehen (von der Sorte, die man wirklich in Person und live besorgen muss). Weil ich in der Nähe war, ging ich mal wieder in die Lebensmittelabteilung von Manufactum: Ich erinnerte mich an eine hervorragende französischen Schokolade mit 100 Prozent Kakao, die ich gerne mal wieder essen wollte.

Sie schmeckte mir immer noch, allerdings musste ich mich dafür an zwei Dinge erinnern:
Nur kleine Stückchen (ich mag Schokolade sonst am liebsten mit vollen Backen, doch diese Schokolade wird erst mal immer mehr im Mund), und auf keinen Fall Süße erwarten.

Das war natürlich nicht das Einzige, was ich bei Manufactum besorgte: Ich entdeckte die sensationellen Dörrpflaumen d’Agen, die ich vor vielen Jahren als Mitbringsel kennengelernt hatte und eine Zeit lang beim Hersteller bestellen konnte – bis der nicht mehr ins Ausland lieferte. Den Weg ins Einkaufskörbchen fanden zudem bretonische Krokantpralinen (ganz ok) und 55-prozentige Milchschokolade von Bonnat (interessant).

Zum Nachtmahl gab’s Asia-Pflücksalate aus Ernteanteil. Außerdem brachte ich durch Quengeln nach etwas Warmem (Heimweg durch dichten Schneefall) Herrn Kaltmamsell dazu, ein Schüsselchen Dhaal zu kochen.

§

Zeit-Autor Philipp Maußhardt fällt aus allen Wolken, als sein Kneipenkumpel Bernhard den wichtigsten deutschen Forschungspreis erhält – er hatte keine Ahnung gehabt, was der beruflich macht, halt irgendwas mit Mathematik und Informatik. Jetzt interviewt er ihn professionell.
“Und? Was machst du so?”

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, dass man sich unter der Berufsbezeichnung seines Gegenübers nichts Richtiges mehr vorstellen konnte. Es muss in jener Zeit gewesen sein, als aus Hausmeistern Facility-Manager wurden. Wie soll ein Fachinformatiker für Systemintegration auf die Frage antworten, was er arbeitet? Programmierer sind Menschen, die vor einem Computer sitzen und Zahlencodes eingeben. Das muss genügen.

§

Longread auf Englisch und Deutsch:

“Hoffnung um jeden Preis
Privatkliniken in Deutschland verkaufen Krebspatienten Hoffnung zu Höchstpreisen — mit durchwachsenem Erfolg”.

Ich kenne selbst einen Fall – aber mir war nicht klar, dass dahinter ein riesiges System steckt.

Deutschlands Neigung zu unkonventionellen Behandlungsmethoden hat in letzter Zeit Unternehmen, die experimentelle Medikamente an Patienten verkaufen, zum Deckmantel alternativer Behandlungsmethoden wie der Homöopathie verholfen. Einige, darunter auch die Hallwang Klinik, sind vor allem für Ausländer gedacht, die in wachsender Zahl nach Deutschland reisen um sich medizinisch behandeln zu lassen. Private Kliniken sind in Deutschland, wo die Gesundheitsversorgung weitgehend dezentralisiert ist, nicht der staatlichen Dokumentationspflicht unterworfen. Nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus übernachteten allein 2016 rund 259.000 Gäste aus Europa aus gesundheitlichen Gründen in Deutschland, verglichen mit 157.000 im Jahr 2009.

(…)

Nach deutschem Recht müssen Betriebe wie die Hallwang Klinik nicht über das Krankenversicherungssystem abrechnen, zudem können sie zugelassene Ärzte beschäftigen und von Patienten verlangen, dass sie Verzichtsklauseln unterschreiben. Sie erhalten so ein breites Mandat Privatkliniken so zu führen, wie sie es für richtig halten. Diese Anordnung – eine Anomalie in der westlichen Gesundheitsversorgung – hat Deutschland zu einem fruchtbaren Boden für unabhängige Unternehmen gemacht, die unerprobte Krebsmedikamente schwerkranken Patienten, von denen viele aus Übersee stammen, zur Verfügung stellen.

(…)

Als ich vor kurzem auf GoFundMe suchte, fand ich ungefähr 100 aktive Spendenaktionen für Patienten, viele von ihnen Briten, die eine Krebsbehandlung in der Hallwang Klinik anstreben, einigen mit Spendenzielen die 400.000 Euro überstiegen.

(…)

Laut Brysch [Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz] zögern einige deutsche Politiker, Wähler zu entfremden, die von alternativen Behandlungsmethoden angetan sind, ganz zu schweigen von der einflussreichen Homöopathie Lobby, die sowohl Heilpraktiker als auch Naturstoffanbieter umfasst. Heilpraktiker haben in Deutschland an Bedeutung gewonnen und eine beachtliche politische Macht aufgebaut. Im Jahr 2011, dem letzten Jahr, für das Daten zur Verfügung stehen, waren es rund 35.000 — gegenüber 14.000 im Jahr 1998.

§

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https://youtu.be/0_L4NBQnKoM

(Dieses Lied spielte während meines jüngsten Berlinbesuchs morgens durchgehend in meinem Kopf. Zwar habe ich daheim einen Linie 1 Soundtrack – aber basiert auf der Gripstheater-Inszenierung, nicht auf der Filmmusik – und klingt damit völlig falsch.)

die Kaltmamsell