Archiv für August 2020

Journal Dienstag, 11. August 2020 – Urlaub in Bremen: Kunsthalle

Mittwoch, 12. August 2020

Gestern war Kunst. Nach Ausschlafen (schrieb ich vorgestern, dass ich Klimaanlagen beim Schlafen meide? Ach papperlapapp…), Bloggen und gutem Morgenkaffee im Restaurant des Hotels spazierten wir durch die bereits vormittags sengende Hochsommersonne zur Bremer Kunsthalle.

Im Erdgeschoß war ein Raum für die Ausstellung von Skulpturen aus 400 Jahren genutzt, die den Menschen darstellten, nach Größe sortiert (leider finde ich auf der Website nichts dazu, kann also Details nicht nachschlagen – hier zumindest ein Bericht des Weserkuriers).

Diese Zusammenstellung brachte mich zum Nachdenken über die Rolle des Kuratierens. Denn: Das Wesen von Skulptur besteht für mich in der Dreidimensionalität, was für mich einschließt, dass ich das Kunstwerk von allen Seiten betrachten kann. Doch das Podest, auf dem diese Skulpturenzusammenstellung ausgestellt wurde, durfte nicht betreten werden. Im Grunde waren sie zu einer Gesamtskulptur verarbeitet, die ich nur gesamt von allen Seiten betrachten konnte. Zusammen mit der stark interpretierenden Beschreibung an der Wand des Saales drängte sich mir der Eindruck auf, dass der Kurator oder die Kuratorin hier selbst Kunst machen wollten statt sich in den Dienst der Kunstwerke zu stellen. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde.

Die Idee des Remix, unter der der gesamte Bestand der Kunsthalle einmal umgekrempelt und dann neu ausgestellt wurde, gefiel mir allerdings ausgesprochen gut. Die Einordnung der Kustwerke, die thematischen Zusammenstellungen und die Reflexionen über frühere Ausstellungskonventionen ware angenehm zeitgemäß. Für meinen Geschmack hätten die Erläuterungen der einzelnen Werke weniger interpretierend, sondern mehr beschreibend sein dürfen, aber das liegt wahrscheinlich an meiner Verwurzelung in der Literaturwissenschaft, die dem Apekt „was der Künstler damit sagen wollte“ eine stark untergeordnete Rolle beimisst.

Ein Beispiel: Für mich als Betrachterin war an diesem Kunstwerk oben relevant, dass ich mich darin spiegelte und dass die spiegelnde Oberfläche das Werk durch einen Lichtreflex auf dem Boden davor fortsetzte. Ob die Künstlerin (leider finde ich das Werk nicht im Online-Katalog) das beabsichtig hat, ist mir unwichtig.

Es gab wirklich ein Menge zu sehen. Nach drei Stunden war ich nicht mehr aufnahmefähig und befasste mich in den verbleibenden Räumen nur noch mit einzelnen Werken.

Wir traten hinaus in die Hitze und spazierten sehr langsam in heißem Wind durch den Wall hinüber zur Mühle.

Dort gab es viel Wasser und die erste Mahlzeit des Tages (halb drei ist für Nicht-Arbeitstage ja normal bei mir). Es gab Bruschetta für den Herrn, ich hatte Matjes nach Hausfrauen Art.

Rückweg mit Abstechern im Hachez-Laden und im Bremer Teekontor (jajaja, die Produkte bekäme ich auch in München, ABER), Abkühlen im wohltemperierten Hotelzimmer mit Internetlesen. Auch wenn die Glocken des Doms ausgesprochen häufig läuten: Ich habe selten so wohlklingende Glocken gehört.

Fürs Abendessen folgten wir der Empfehlung einer ehemaligen Bremen-Studentin ins Viertel und aßen im Kleinen Lokal.

Es gab (von links unten gegen Uhrzeigersinn) Saibling mit Erbsenvariationen, Kabeljau mit Blumenkohl, Spargel, Sommertrüffel und Hummerschaum, gerösteten Pulpo mit Spinatcoulis, Bohnenkernen und eingelegtem Fenchel.

Links der Hauptgang: Lammrücken und hausgemachtes Knipp (aus Lamm, eine Art Grützwurst und die lokale Spezialität) mit Bärlauch, Safrangraupen, Kichererbsen und Artischocke. Statt Dessert nahmen wir Käse. Mit Wein ließen wir uns glasweise begleiten und waren ebenso zufrieden wie mit den Speisen.

Spaziergang zurück im Abendlicht.
Nachtrag, weil für die Chronik relevant: Vom Außenbereich des Restaurants aus hörten und sahen wir zwei Mauersegler – fast zwei Wochen nach den letzten in München.

§

Die gestrige Süddeutsche schilderte auf der Seite Drei den Fall von Roberto Rocca, einem kerngesunden 29-jährigen, der COVID-19 überlebte – und jetzt einen Rollator zur Fortbewegung benötigt (€):
„Ich doch nicht“.

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie, sagt: „Er hat wirklich die ganze Palette der Intensivmedizin bekommen. Ohne Intensivstation wäre das nicht so gut ausgegangen.“

Alexandra Vossenkaul, Co-Chefin der Intensivstation, sagt: „Da hat man oft dagestanden und gedacht: Mein Gott, der ist sechs Jahre jünger als ich.“

Clemens Cohen, Nephrologe, sagt: „Wir kennen viele verschiedene Krankheiten, die vogelwilde Sachen machen. Wo Sie denken: Ulkig, was die Natur da alles anstellt. Bis jetzt war es aber so: Bei all diesen Krankheiten konnten Sie an den Computer gehen oder in einem Buch nachschlagen und sich einlesen. Aber hier, bei Covid-19, gab es einfach nichts.“

(…)

Dass er keine Luft bekam, ist das Letzte, woran er sich erinnert. Das war am 26. März. Das Nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er aufwachte, den ganzen Körper voller Schläuche, Kabel und Kanülen, und vor ihm stand eine Ärztin, die sagte: Herr Rocca, heute ist der 4. Mai.

Journal Montag, 10. August 2020 – Urlaub in Bremen: Schnoor, Viertel, Geschichten und Schlachte

Dienstag, 11. August 2020

Gemischte Nacht: Einerseits wollte ich gerne die Nachtkühle nutzen, andererseits weckten mich bei offenem Fenster die Glocken des Doms, die eisern jede Viertelstunde schlugen. (An sich bin ich gegen Klimaanlagen immun, aber nachts scheue ich sie.)

Aufgewacht zu Hochsommersonnenschein.

Frühstückskaffee gab’s bei der amerikanischen Kette, dann spazierten wir ins mittelalterliche Stadtviertel Schnoor, in dem die Geschäfte gerade öffneten und wo wir noch wenigen Besucherinnen und Besuchern begegneten.

Hinein gingen wir in die Bonbon-Manufaktur und hatten viel Spaß dort.

Gleich angrenzend an den Schnoor: Ein Ensemble, das mich verdächtig an den unvergleichlichen Postmoderismus des CongressCentrums erinnert – gleicher Architekt?

In immer heißerer Sonne spazierten wir vorbei an der Kunsthalle in den Ortsteil Viertel: Hier hatte ich zweimal beruflich übernachtet und beim feierabendlichen Spazieren einige Läden entdeckt, in denen ich gerne eingekauft hätte, ich war halt nie zu Öffnungszeiten da. Das wollte ich jetzt nachholen.

Und wurde enttäuscht: Der Laden mit handwerklichem Geschirr und mit Holzwaren ist über den Sommer ein Obstverkauf, andere Geschäfte gab es nicht mehr oder sie machten gerade Sommerferien. Wir beschränkten uns also darauf, den Ostertorsteinweg / Vor dem Steintor entlangzuspazieren, hin und wieder in eine der entzückenden grünen Seitenstraßen.

Ein wunderbar buntes Viertel, überraschend groß, geprägt von unkonventionellen Menschen, politischem Bewusstsein und Aktivismus, von Zuwanderung, von Offenheit gegenüber vielen Kulturen – bemerkenswerter Weise noch nicht weg-gentrifiziert. Auch die Menschen, denen wir begegneten, waren sehr verschieden.

Zum Essen ließen wir uns an einem Tisch vor einem veganen Lokal nieder und aßen gemischte mediterrane Vorspeisen – sehr gut.

Die anschließende Stadtführung des Touristikbüros führte uns zwei Stunden zwar nicht an neue Orte, doch erfuhren wir eine Menge über die Gebäude und Gegenden, die wir seit gestern selbst schon in der Innenstadt gesehen hatten. Sie strengte mich allerdings ziemlich an: Zum einen prügelte die Sonne sehr heiß herunter, und die Stadt bot wenig Schatten, zum anderen ging ich gestern besonders schlecht.
(Weil auch diesmal der Satz fiel, Kolumbus habe Amerika „entdeckt“: Wie drückt man das eigentlich sachlich richtig aus? „Kolumbus hat Amerika für Europa erschlossen“? Wobei ja bis heute unklar ist, ob Kolumbus überhaupt verstanden hat, dass er an einen Kontinent geraten war, den weder Europa noch Asien auf ihren Karten hatten.)

Danach brauchte Herr Kaltmamsell einen Eisbecher. Man ist ja auch Partnerin, also begleitete ich ihn selbstlos.

(Foto hauptsächlich weil ich dieses neue Hemd an Herrn Kaltmamsell sehr begrüße.)

Im gut gekühlten Hotelzimmer verbrachten wir die nächsten Stunden lesend. Als es auf 20 Uhr zuging, konnte ich erstaunlicherweise bereits wieder an Essen denken. Urlaub gleicht darin Familienfeiern: Gutes Essen setzt nicht unbedingt Hunger voraus. Wir gingen also zu einem empfohlenen edlen Italiener in der Nähe und lernten den Bezirk Schlachte kennen.

Es gab gegrillte Calamaretti zur Vorspeise, dann Tortelloni mit Fleischfüllung für Herrn Kaltmamsell, Ravioloni gefüllt mit Fasan und in Salbeibutter für mich. Dazu empfahl der freundliche Kellner einen Vermentino di Sardegna. Wir hatten an allem viel Freude und genossen das Sitzen in mildem Abendhauch, während der Tag zu Nacht wurde.

Verdauungsspaziergang über die Teerhofbrücke.

§

Ungesunde Schönheitsideale:
„Das ist wie eine Geschlechtskrankheit im Kopf“

Mütter kritisieren ein Leben lang die Körper ihrer Töchter. Das ist übergriffig und vergiftet deren Liebesbeziehungen, sagt die Psychotherapeutin Irmgard Hülsemann.

Journal Sonntag, 9. August 2020 – Urlaub in Bremen: Weser und Böttcher

Montag, 10. August 2020

Nächstes Urlaubsziel: Bremen. Hier war ich ein paar Mal beruflich jeweils Ende November, und obwohl es bei meinen Spaziergängen immer dunkel gewesen war (während der kurzen Tage musste ich ja arbeiten), fand ich die Stadt so attraktiv, dass ich sie mir mal genauer ansehen wollte.

Vorher schliefen wir in Oldenburg aus, plauderten mit unseren Gastgeberinnen über Morgenkaffee und ließen uns zum Bahnhof fahren. Der Tag war bedeckt und unter schweißtreibend warm.

In Bremen hatte ich ein Zimmer in einem Hotel reserviert, das mir bei einem meiner Spaziergänge aufgefallen war. Wir bekamen ein sehr schönes Zimmer mit Blick auf den Marktplatz – und mit ausdauernder Beschallung durch einen Panflötisten in Trekkingsandalen (hatten wir uns nicht immer mal wieder gefragt, was aus den hingebungsvollen Panflötern der 1980er geworden ist?).

Auf dem Weg vom Bahnhof hatten wir ein Café passiert, dessen Gäste sehr appetitliche Fühstücke vor sich hatten: Das steuerten wir jetzt an.

Ja, das war zu viel. Und die Limetten-Ingwer-Minze-Limonade schaffte abschließend die innerliche Vollverklebung, die hatte ich unterschätzt.

Während Groningen sehr leer gewesen war (unsere Gastgeberinnen kannten ja den Normalzustand), sahen wir in Bremen viele Stadttouristinnen und -touristen. Wir schlossen uns vorerst nicht ihrem Strom an, sondern gingen zurück ins Hotel und taten einen Nachmittag lang nichts, außer die Klimaanlage zu genießen und zu lesen. Ich buchte eine Stadtführung für Montag.

Erst zu Abendessenszeiten machten wir uns zu einem Spaziergang die Weser entlang zu einem Lokal auf. Der Tag war nun wieder sonnig und kraftzehrend heiß.

Wir guckten auf die Weser, sahen viele Menschen auf Wiesen (aber bei Weitem nicht so dicht wie an den Isarufern), sahen am gegenüberliegenden Ufer Strände mit Cafés. Zu Abend aß ich einen Salat mit Ziegenkäse, Herr Kaltmamsell einen Burger, dazu gab’s je einen Mojito.

Der Rückweg ins Abendrot war besonders schön, wir sahen Möwen, Krähen, Gänse, Schwalben, feiernde Freundesgruppen, Shisharaucher und -raucherinnen, spielende Kinder, viele Radlerinnen und Radler.

In der Innenstadt versuchte ich eine Eisdiele für Nachtisch zu finden, doch jetzt, nach neun, waren die wenigen geschlossen, an denen wir überhaupt vorbeikamen. (Ständige Gefahr: E-Roller-Horden.) Statt dessen sahen wir uns in der musealen Böttcherstraße um.

Meine körperlichen Beschwerden regulieren sich langsam: Mittlerweile schmerzt die Hüfte wieder deutlich mehr als der Hexenschuss, ich humpelte gestern ziemlich langsam, aber aufrecht.

Journal Samstag, 8. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Ausflug nach Groningen

Sonntag, 9. August 2020

Unsere Gastgeberinnen hatten einen Ausflug in die Niederlande mit uns geplant, genauer: nach Groningen, wo eine der beiden studiert und gewohnt hat.

So gab es lediglich einen kurzen Morgenkaffee, dann brachen wir im Haus-eigenen Kleinauto Richtung Niederlande auf. Schon vor zehn war es ziemlich heiß.

Viele Vogelsichtungen auf der anderthalbstündigen Fahrt: Reiher, viele Greifvögel, Krähen, Elstern. In Groningen stellten wir das Auto ab und spazierten zu einem Fahrradverleih, bei dem die Gastgeberinnen Fahrräder reserviert hatten.

Eine ganz entzückende Stadt, wie ich im Verlauf des Tages feststellte. In einer der Altstadtgassen gab es Frühstück.

Mit den Rädern fuhren wir hinaus aufs Land. Der Fahrtwind des langsamen Radelns war hochwillkommen: Die Sonne brannte, es war sehr heiß (kenne ich ja von den Niederlanden – „Und, Obelix, wie sind die Niederlande so?“ „Heiß.“). Aber halt auch sehr, sehr schön von diesen Fahrradwegen aus: Kühe, Kanäle, Wiesen, Windmühlen, Alleen, Dörfchen, Schwalben, Reiher, Schwäne, Blesshühner. Dazu Erklärungen hiesiger landwirtschaftlicher Strukturen.

In dieser Mühle wurde sogar gerade gemahlen, es gab Mehle und Brotmischungen in einem kleinen Laden innen.

Wir nutzten immer wieder Schatten für Wasserpausen, dennoch kamen wir nach der guten Stunde Rundweg ziemlich zerflossen zurück in die Stadt. Die ortskundige Gastgeberin zeigte uns prächtige alte Universitätsgebäude inklusive eigene Geschichte dazu, wir sahen nach einigen Stellen, die sich seit ihrer Studienzeit verändert hatten.

Erholungsbierchen in einem kühlen Traditionsgasthaus, dann nutzten wir den samstäglichen Markt für Abendessenseinkäufe: Es sollte Fisch geben, die Wahl fiel auf kleine Seezungen.

Nun aber das niederländisch-kulinarische Highlight vor Ort:

Bitterballen, die frittierten Ragout-Kroketten, die ich ebenfalls im Vorjahr kennen- und schätzengelernt hatte. Mit Bierchen.

Zurück in Oldenburg ein weiterer geselliger Abend. Die Seezungen kamen in die Pfanne und wurden ein köstliches Abendessen. Unter anderem.

Viele Informationen darüber, wohin sich universitäre Strukturen seit meiner Studienzeit verändert haben – und wie in den vergangenen Monaten mit den Folgen der Pandemie umgegangen wurde.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, es kühlte leicht ab.

Journal Freitag, 7. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Freundinnengrillen

Samstag, 8. August 2020

Weiterreise: Vormittags verließen wir das Hotel, setzten uns auf dem Weg zum Bahnhof auf einen schnellen Morgenkaffee. Brotzeitkaufen im Bahnhof, dann langes Warten: Unser Zug nach Oldenburg war ordentlich verspätet wegen „Personen im Gleis“ – das wird man wohl nie verhindern können.

Als sie dann endlich begann, war die Reise aber ereignislos und angenehm temperiert. In Oldenburg wurden wir abgeholt, freuten uns sehr über das Wiedersehen mit unseren Gastgeberinnen.

Wir besichtigten das Haus der beiden, das wir zuletzt im Renovierungs-Rohbau gesehen hatten – es ist absolut großartig geworden.

Im hochsommerlichen Garten gab es neben Spatzen und Meisen erst Beerenkuchen, dann als Aperitif weißen Sangria, ersten Austausch von Geschichten, bevor wir das große Grillen zum Abendessen vorbereiteten. Ich durfte Pimientos ernten, dicke Bohnen enthäuten.

Es gab einen Grill-Rundumschlag mit Garnelen, Auberginen, Roten Beten, Mais, Hähnchen, Lamm, dazu Bohnensalat, Melonensalat, frisch eingelegte Salzgurken – ausgiebigstes und genüssliches Gefutter. Währenddessen wurde der Sommerabend zu einer Sommernacht, allerdings spürbar später als in München. Wir guckten Sterne und Sternschnuppen, erzählten einander und fühlten uns wohl.
(Im Gespräch stellte sich heraus, dass meine schlagartigen Kreuzbeschwerden halt ein klassischer Hexenschuss waren. Braucht zwar niemand, Ursachen sind im Grunde wissenschaftlich immer noch vage, doch es bedeutet, dass nichts kaputt ist und ich einfach ein wenig Geduld haben muss. Mein Befinden ist ja auch schon deutlich besser als am Montag. Sie sehen mich erleichtert.)

Journal Donnerstag, 6. August 2020 – Urlaub in Frankfurt: Markt Konstablerwache, Städelmuseum, Taunuswanderung

Freitag, 7. August 2020

Wieder eine Nacht hinter mich gebracht, zu einem Hochsommertag erwacht.

Donnerstag ist Markt an der Konstablerwache, den wollte ich gerne sehen. Für den Morgenkaffee setzten wir uns auf dem Weg vor ein Kettencafé in den Schatten, ebenfalls auf dem Weg sah Herr Kaltmamsell in einem Schaufenster Ersatz für seine beim Waschen zu klein gewordene, sommerlich leichte Schiebermütze und ging sie kaufen.

Der Markt war tatsächlich schön und sehenswert, die Stände der heimischen Obst- und Gemüse barsten schier vor der derzeitigen Ernte. Dazwischen interessante Metzger-, Honig-, Bäcker- und Blumenstände, im Zentrum die Wein- und Saftanbieter. Wir holten uns zum Frühstück eine Worscht, hinterher gab es Apfelwein gespritzt – auch den unter Corona-Umständen mit Absperrungen und Kontaktdatenzettel.

Wir sahen uns in der neuen Altstadt und der alten Altstadt um. Vorm Römer mussten wir einem Fotografierszenario ausweichen, das schwer nach instagram-Influencerei aussah. Spontan probierte ich das auch mal aus.

Durch Fachwerkhäuser mäanderten wir zum Main und Richtung Städelmuseum, dort kamen wir in der Mittagshitze an. Innen war es angenehm kühl, zwischen den wenigen Besuchern konnten wir uns entspannt bewegen.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Etage mit Alten Meistern konzentrierten wir uns auf die Ausstellung „En passant“: Impressionismus in der Skulptur. (Ich empfehle den Einführungsfilm auf der verlinkten Seite.)

Die zentrale Figur, Edgar Degas‘ Tänzerin begeisterte mich besonders: Dieser Blick mit gerecktem Kinn unter halb geschlossenen Lidern, die ganze lässige und doch tief energiegeladene Körperhaltung – ich sah die Urform des Tank Girl. Zur Entstehungszeit war die Figur ein Skandel, man sah in dieser Figur eine Prostituierte – weil offensichtlich nur eine solche Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung zeigen würde.

Für einen Snack spazierten wir hinüber in den Garten des Liebieghauses. Das Stück Kuchen und das Glas Apfelschorle (aus besonders aromatischem Apfelsaft) nahmen wir allerdings sehr gehetzt zu uns, weil uns ein Dutzend Wespen störten und jeden Bissen, jeden Schluck gefährlich machten.

Kurzes Ausruhen im Hotelzimmer, dann brachen wir zu einer Verabredung auf: Eine Bloggerin der ersten Stunde machte eigens für uns früher Feierabend in der Bank (when in Frankfurt…), um uns in den Taunus zu einer kleinen Wanderung zu fahren. Für mich Münchnerin klingt Taunus etwa so exotisch wie Vesuv, tatsächlich war es eine Fahrt in eine wunderschöne hügelige Gegend in nicht zu heißer Abendsonne.

Auf dem Rundweg in der Sonne sahen wir Falken, Bussarde, Feldlerchen, Schwalben, beunruhigend trockenen Wald, begleitet von anregenden Gesprächen. Ich genoss es sehr, die abgeernteten Felder zu sehen, durch spätsommerlich blasse Blumenwiesen zu gehen, überhaupt meine innere Jahreszeitenuhr durch das freie Draußen zu kalibrieren.

Zum Essen fuhr uns die Dame nach Kronberg, wir ließen uns vor dem Gasthaus Zum grünen Wald nieder.

Bitte auf der Tonspur dazudenken: Den Männerchor, der im ersten Stock mit Klavierbegleitung probte.

Die Vorspeisen waren links Pulpo mit Fenchel und Brotsalat, vor mir eine Burrata auf Tomaten mit Pesto und Grissini, alles hervorragend. Ich trank dazu ein Glas St.Laurent Rosé Borell Diehl, Pfalz.

Hauptgang von links: Linguine mit geschmortem Weißkohl und Tomatenpesto, Coque au vin, Wiener Schnitzel, wir waren sehr zufrieden.

Auf der nächtlichen Fahrt zurück tauchte plötzlich wie eine Theaterkulisse die Lichter-Skyline von Frankfurt auf – die ist schon etwas sehr Besonderes.

Journal Mittwoch, 5. August 2020 – Urlaub in Frankfurt: Senckenbergmuseum, Palmengarten und Internettreffen

Donnerstag, 6. August 2020

Gemischte Nacht, die aber auch endete. Aufgewacht zu strahlendem Sonnenschein.

Fürs Frühstück folgten wir einer Empfehlung zum Café Laumer, da unsere weiteren Pläne uns ohnehin in diese Gegend Frankfurts führen würden. Wir setzten uns auf den Balkon und genossen den Überblick, das Café zeigte uns, wie groß ein „großer Cappuccino“ sein kann.

Dazu klassischer Frühstücksteller mit Wurst und Käse für den Herrn, ich aß Rührei mit Tomate und Käse, dazu ein Laugencroissant.

Erster Programmpunkt des Tages war das naturhistorische Senckenbergmuseum.

Es war, wie naturhistorische Museen heutzutage halt sind. Ein Halle mit Abgüssen von Dinosaurierknochen, in den Nebenräumen Replikate von Fossilien (versprengte Originale), anhand derer Erdgeschichte erklärt wurde. In den weiteren Geschoßen und Räumen die historischen naturhistorischen Sammlungen, bestehend aus Insekten und Tierpräparaten. Nur dass ich in der Gegend Deutschlands aufgewachsen bin, in der Fossilien tatsächlich vorkommen, und seit Schulausflügen mit dem Jura-Museum in Eichstätt vertraut bin – das ist eine ganz andere Nummer, wenn es um Erdgeschichte geht, hier wird sie an den Funden aus 30 Kilometern Umkreis verdeutlicht.

Diese unverortete Art der Darstellung habe ich möglicherweise einmal zu oft gesehen. (Aber für die Kinder vor Ort natürlich super.) Wirklich besonders und sehenswert fand ich die Mineralien und Gesteine, hervorragend präsentiert. Leider schoss mir immer wieder der Schmerz ins Kreuz und ich musste mich mit Aufjaulen an Brüstungen oder Herrn Kaltmamsell festhalten. Allerdings wusste ich, dass Rumliegen mir auch nicht besser getan hätte.

Nachmittags spazierten wir zum unweiten Palmengarten. Die Gewächshäuser und alle sonstigen Innenräume sind zwar Corona-bedingt für Besucher geschlossen, doch wir sahen auch so viel Schönes und Interessantes.

Viele Bäume, Blumen, Aussichten, Brunnen, wir schlenderten von Bankerl zu Bankerl.

Auch das angeschlossene Café Siesmayer war uns empfohlen worden, dort kehrten wir ein. Ich bekam eine erstaunlich gehaltvolle Eisschokolade (weil dickflüssig wie eine klassische heiße Schokolade) und ausgezeichneten, quarkigen Käsekuchen. Herr Kaltmamsell trank Eisschokolade und aß ein Stück Siegesmayer-Torte.

Nach ausgiebigem Rumsitzen traten wir den Fußweg zu unserer Abendverabredung in der Nähe des Neuen Jüdischen Friedhofs an, der uns unter anderem durch den schönen Grüneburgpark führte. Treffen mit zwei Bloggerinnen der alten Schule, die zu meiner großen Freude aus benachbarten Orten angefahren waren. Abgleich von Corona-Auswirkungen aufs Leben, aber auch die Möglichkeit, durch Fragen Lücken zu füllen, die das Bloggen immer lässt.

Zurück zum Hotel ließen wir uns von den beiden fahren. Kurz vor Mitternacht ist das Bahnhofsviertel dann deutlich weniger kuschlig als tagsüber (anders als das Münchner Bahnhofsviertel). Nicht dass ich das viele menschliche Elend auf den Straßen als bedrohlich empfunden hätte, aber es ging mir schon nahe.

  • Goldener Blogger 2017
    Tagebuch-Bloggerin des Jahres

  • Ich lese gerade:


    J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

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