Journal Montag, 22. April 2024 – Montagmontag mit mehr Schnee

Dienstag, 23. April 2024 um 6:24

Unruhige Nacht, ich machte mir um alles Sorgen, sogar um meine Träume: Ich entdeckte den Münchner Ableger eines feinen Restaurants, in dem ich kürzlich in Hamburg ganz ausgezeichnet gegessen hatte und freute mich. Doch dann begann ich zu grübeln: Wann bitteschön war ich kürzlich in Hamburg? Mir fiel kein Anlass ein, keine Reise. Das konnte doch wohl nicht sein, dass ich schon derart vergesslich geworden war? Etc. etc.

Beim Schminken den Lidstrich ordentlich vermasselt. Blöderweise bin ich schon lang aus dem Alter raus, in dem ich behaupten konnte: “Das hat man jetzt so.” (Später den exakt passenden Cartoon von Giselle Dekel gefunden.)

Schon beim nächtlichen Klogang hatte ich es draußen schneien sehen. Ich zog nochmal meinen Wintermantel und eine Wollmütze raus, steckte vorsichtshalber einen Thermorolli fürs Büro ein, sollte ich im Winterkleid ohne frieren. Und auf dem letzten Stück meines Arbeitswegs begann es dann auch wieder zu schneien, in kleinen Januar-Flocken.

Die Bürogänge auf meinem Stockwerk noch leerer als sonst an Montagen: Die Hannover Messe zog viele Präsenzen ab. Mein Vormittag war dennoch emsig. Für den Mittagscappuccino ging ich nur zu Nachbars, allerdings vor allem wegen der Kälte und allgemeinen Greislichkeit draußen.

Zu Mittag gab es eine Scheibe selbstgebackenes Brot, Mango mit Sojajoghurt.

Was mir aus gegebenem Anlass klar wurde: Von Natur aus reagiere ich auf unerwartetes Nicht-Funktionieren mit Ärger und Wut (hat sich seit Kleinkindtagen nicht geändert, sorry, Herr Kaltmamsell), dann bestenfalls Nachdenken. In der Arbeit ist daraus seit einigen Jahren schiere Angst geworden. Warum nur?

Dann aber: Gutes Flurgespräch, ich kam mit neuen Posten für meine Leseliste raus.

Nach Feierabend war es trocken, aber immer noch saukalt. Ich marschierte zu Besorgungen in die Innenstadt (also noch innerer, als ich wohne). Bei den derzeitigen Temperaturen reichten Fingerhandschuhe nicht, ich werde wieder die gefütterten Fäustlinge rauskramen müssen.

Daheim Häuslichkeiten. Herr Kaltmamsell war aushäusig, ich hatte den Auftrag, Ernteanteil-Kartoffeln zu dezimieren, also plante ich als Abendessen Pellkartoffeln mit Käse und Butter. Während die Kartoffeln kochten, gab es eine Runde Yoga-Gymnastik: Nacken- und Schulterdehnung.

Nach Kartoffeln, Käse, Butter passte gar nicht mal so viel Schokolade hinterher.

Früh ins Bett zum Lesen, eine zusätzliche Decke aufs Sommerbett gelegt, um bei zumindest gekippten Fenster schlafen zu können.

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“Warum Kleidung heute schneller kaputtgeht als früher”.
via @kid37

Finde ich sehr spannend, weil es in technische Details der industriellen Kleidungsproduktion geht. Denn rein anekdotisch: Von meinen allerersten H&M-Einkäufen vor über 30 Jahren habe ich immer noch Teile im Schrank. Damals schon billig, die Verarbeitung sieht nicht besser aus als heute (einfache Nähte, keine Stoffzugabe), doch sie haben ihre Form behalten – was mögen die damals wohl besser gemacht haben?

Oder Wollpullover: Ich sehe neu weder am Preis noch am Äußeren, nach wie oft Tragen er abgenutzt aussieht (-> Pilling). Aber meine selbstgestrickten Wollpullis sind auch nach Jahrzehnten noch wie neu. (Ich sollte Stücke aus edler Wolle nur noch in Läden mit Inhaberin kaufen – der ich das Stück um die Ohren hauen kann, wenn es nach zweimal Tragen wie ein Putzlumpen aussieht.)

Der Artikel verweist vor allem aufs Material: U.a. Faserlänge der verwendeten Baumwolle, Geschwindigkeit der Verarbeitung. Keine Chance, das dem Produkt anzusehen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 21. April 2024 – Isarlauf: Von Trägershirt zu Handschuhen in 7 Tagen

Montag, 22. April 2024 um 6:29

Diese Nacht etwas unruhiger, Arbeits-Ängste verhinderten tiefen Schlaf.

Aufgewacht zu saukalter Düsternis draußen. Erstmal heizte ich den Backofen auf zum Brotbacken.

Kleiner Brotlaib, oben aufgerissen, auf Abkühlgitter

Hm, auch beim wiederholten Versuch wollte es mir nicht so großporig wie gewünscht gelingen.

Um zehn machte ich mich fertig für einen Isarlauf: Eine Woche nach Trägershirt, Sonnencreme, Sonnenbrille schlüpfte ich in meine Winterausstattung mit langer Hose, langem Shirt, Winterjacke und Handschuhen. Die Winterjacke, die ich seit etwa 15 Jahren habe, ging beim Packen kaputt – na ja, der Reißverschluss der einen Tasche, der aber gründlich. Mal sehen, ob sie es damit nach langem Gebrauch und eigentlich nicht mehr Passen in die Wegwerfzone schafft. Oder ob ich entscheide, dass eine verschließbare Tasche an einer Laufjacke eigentlich reicht. (Zumal ich auf die Schnelle online auch keine in dieser Kombination Vorderseite regenabweisend Hardshell, Rückseite Fleece als Ersatz fand.)

Ich nahm eine U-Bahn zum Odeonsplatz und lief über den Hofgarten und Englischen Garten zum Tivoli und an die Isar. An der Baustelle Unterföhring waren die Isarwege weiterhin beidseitig gesperrt, ich kehrte um und lief denselben Weg bis zum Odeonsplatz zurück.

Mein Körper machte wunderbar mit, ich sah die ersten Schwalben am Föhringer Wehr, und der angekündigte Regen, gegen den ich eine Schirmmütze trug, dauerte nur zehn Minuten gegen Ende und war nicht stark – wunderbar.

Reihen frühlingsgrüner Bäume leuchten in Sonnenschein, der Himmel darüber dunkel, links sieht man ein wenig den Pavillon des Hofgartens, zwischen den Bäumen in der Ferne eine Joggerin

Im Vorergrund eine Parkbank von hinten, vor ihr Bäume, dazwischen sieht man hinaus auf den Fluss, ganz am Ende ein Gebäude

Blick nach oben in einen Fliederbusch mit rosa Blüten, dahinter ein Baum mit noch wenigen Blättern, der Himmel voll dunkler Wolken

Blick von einer Brücke auf einen Fluss, rechts und links hellgrüne Bäume, im Hintergrund eine Brückenbaustelle

Weg sperrende Baustelle von der Emmeramsbrücke aus.

Angeschnittene Brücke über Fluss vom linken Ufer aus, auf dem Brückenpfeiler Graffiti eines grünen Gesichts mit heraushängender Zunge

Parkansicht mit Wiese im Vordergrund

Blick über den Englischen Garten, Wiesen im Vordergrund, ganz im Hintergrund die Silhouette von München, darüber dunkelgrauer Himmel

Der Unterschied zwischen mir und Streetfotograf*innen (neben nahezu komplett fehlender Fachkenntnis bei mir): Die gehen raus auf Fotojagd, suchen nach dem besten Motiv, Licht und Winkel. Ich bin draußen und sehe etwas, das ich festhalten möchte, und zwar möglichst genau in der Perspektive und Beleuchtung, wegen derer es mir auffiel.
Was allerdings immer wieder durch den natürlichen Zoom des Auges erschwert wird: Auf dem Kamera-Display ist das, was ich festhalten möchte, gerne mal kaum zu finden.

Aufgeschnittener Brotlaib mit einigen Scheiben davor

Frühstück gegen zwei: Selbstgebackenes Brot (Geschmack gut, Kruste etwas zu hart) mit Marktbutter und italienischem gekochten Schinken, Orange.

Draußen mischten sich immer mehr Schneeflocken in den Regen. Und es soll noch kälter werden – mal sehen, ob wir in unserer Gegend Bayerns dieses Jahr Kirschen, Zwetschgen, Äpfel bekommen.

Nachmittag mit Lesereien, unter anderem las ich Ruth Klüger, Katastrophen. Über deutsche Literatur aus. Sie schreibt diese literaturwissenschaftlichen Aufsätze so gut, dass ich mitdenken konnte und wollte, selbst wenn ich die Primärwerke nicht gelesen hatte. In zwei der Texte ging es um Lessings Nathan; da Herr Kaltmamsell das Stück gern und oft in der Schule verwendet, konnte ich mich mit ihm dazu austauschen.

Yoga-Gymnastik gestern angenehme Dehnungen, genau das Richtige nach der langen Laufrunde.

Weißer tiefer Teller auf grünem Set, darin Karottenscheiben, Linsen, Petersilie

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Karotten als Türkische Karotten mit Linsen, sehr gut.

Herr Kaltmamsell hatte auch Nachtisch gekocht: Er wollte endlich mal Grieß-Flammerie ausprobieren. Nicht so formschön, aber gut. Dann gab es als Nach-Dessert noch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, neue Lektüre ist Louise Erdrich, The Night Watchman – als gekauftes E-Book, gab’s nicht in der Stadtbibliothek. Zwar wusste ich nicht mehr, wie das Buch auf die Leseliste kam, die ich seit vielen Jahren bei Amazon führe, um mich an Impulskäufen zu hindern. Ich wusste auch nicht mehr, worum es ging. Doch ich vertraue meinem früheren Ich, dass es gute Gründe hatte – und bin bislang noch nie von ihm enttäuscht worden. (Erstes Hineinlesen ergab: Der Roman spielt in den 1950er Jahren in einem US-amerikanischen Indianer-Reservat, der titelgebende Nachtwächter ist Thomas Wazhashk, Vorsitzender des Stammesrats im Turtle-Montain-Reservat, außerdem Wachmann einer Fabrik. Er kämpft gegen die damals angestrebte völlige Assimilation der First Nations.)

§

Heute bin ich siebenunddreißig und hier höre ich auf, sonst würde ich noch länger erzählen, zum Beispiel von Männern in Anzügen, die mich korrigieren, belehren und belächeln oder auf das Sofa klopfen und “Setz dich her zu mir” sagen, oder von diesem einen Mann, der letzten Sommer im Gebüsch masturbiert hat, aber dieses Mal habe ich ihn angeschrien, dieses Mal habe ich ihn so laut angeschrien, dass er das Weite gesucht hat, und ich hab nicht gezittert, ich habe mich nicht gefürchtet, weil eine Freundin bei mir war, und wir haben ihn ausgelacht, diesen kleinen ärmlichen Mann. Ich könnte noch länger erzählen, und ich würde mir wünschen, dass ich es nicht müsste, dass ich davon nie wieder erzählen müsste. Ich erzähle es, weil ich mit jedem Gespräch, das ich mit anderen Frauen führe, jedes Mal wieder aufs Neue überrascht bin, jedes Mal wieder bemerke, dass all das nicht nur ich erlebt habe, dass wir auf so vielen Ebenen uns geschämt und kleingemacht haben, wie sehr wir gelernt haben, nett zu sein, nicht aufzufallen, nicht unangenehm zu sein, die Straßenseite zu wechseln, nicht zu laut zu lachen, nicht zu sehr aus der Rolle zu fallen, dass es wehtut.

Ich bin dieser Geschichten müde, ich willwillwill, dass sie weniger werden, dass sie einfach (eINfAcH) nicht mehr passieren. Und möchte am liebsten wegsehen. Aber da sind sie, und sie müssen erzählt werden, damit keine denkt, “ich hätte ja nicht” und “wäre ich halt nur” – und wenn Sie wie ich das schlichte Glück haben, dass Sie das als Frau nicht von klein auf erleben mussten und ihr ganzes Leben darauf ausrichten, dann seien Sie verdammt nochmal solidarisch mit Frauen wie Tanja Raich.
“Sexualisierte Gewalt im Alltag:
Dieses Mal habe ich ihn angeschrien”.

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Der Ruf nach “Aufarbeitung” der Pandemie-Schutzmaßnahmen gegen Corona irritiert mich: Wären nicht eine saubere Analyse und Auswertung nützlicher? Auch @narkosedoc ist irritiert; auf Bluesky zählt er auf, was tatsächlich einer Aufarbeitung bedarf.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 20. April 2024 – Kein Theresienwiesenflohmarkt

Sonntag, 21. April 2024 um 8:06

Gut und tief geschlafen, bis mich das Sieben-Uhr-Läuten von St. Matthäus weckte.

Vorteil des Herbstwetters: Ich kann die wunderschönen neuen Islandsocken von Freundinnennadeln tragen (ihre Wärme ist sehr nötig).

Das Draußen kalt, grau und regnerisch – es sah schlecht aus für den Theresienwiesenflohmarkt, auf den ich mich sehr gefreut hatte, weil ich dort einen (echten) Übergangsmantel und eine Garderobenbank suchen wollte, Herr Kaltmamsell hoffte auf ein Telefontischerl. Eine Weile überlegte ich hin und her, doch gerade die privaten Speicher- und Kellerausräumer, die diesen riesigen Flohmarkt so besonders machten, würden bei Regen daheim bleiben, die professionellen Anbieter, deren Wagen ich schon am Freitag am Rand der Theresienwiese gesehen hatte, bekam ich auch auf anderen Flohmärkten. Ach Männo.

Sowohl der Bauch von Herrn Kaltmamsell als auch meiner hatten nachts mit dem Topinambur des Vorabends gekämpft, also mit dem darin enthaltenen Inulin. Das überraschte uns, denn nach Schwierigkeiten damals beim ersten Topinamburessen vor vielen Jahren hatten wir beide keine mehr, zudem hatten wir erst vor wenigen Wochen Topinambur aus Ernteanteil ohne Folgen gegessen.

Als ich kurz nach zehn Richtung Olympiabad vors Haus trat, war es trocken, die Sonne versuchte rauszukommen – ich fürchtete, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Doch beim Schwimmen bekam ich mit, wie sich Regenschauer, Wind und Sonne abwechselten: Ich war am richtigen Ort. An dem ich den neuen Badeanzug zum ersten Mal trug: Er saß ganz schön stramm, und ich sorgte mich auf den ersten Bahnen, dass ich ihn zu klein gekauft haben könnte, beim Anprobieren hatte ich ein wenig Nachdehnen im nassen Zustand einkalkuliert. Doch das gab sich, am Ende meiner 3.000 Meter fühlte er sich genau richtig an.

Auf der Rückfahrt stieg ich schon am Marienplatz aus für Lebensmittel-Einkäufe: Beim Zöttl Semmeln, im Eataly in der Schrannenhalle Grana Padano, Schinken, entkoffeinierten Espresso, im Hofstatt-Edeka (dort übrigens immer sehr viel sehr junges Volk, wahrscheinlich ein guter Ort für Menschen auf Partnerschaftssuche) Dinge fürs Wochenende – unter anderem doch nochmal Tulpen, die ich den ganzen Nachmittag bei jedem Passieren verliebt ansah.

Frühstück gegen zwei: Seele mit Käse und Vinschgauer mit Butter und Honig. Den Nachmittag verbrachte ich mit Wäschewaschen, Zeitunglesen und Brotteigkneten für ein Auffrischbrot.

Das Draußen entschieden winterlich. Herr Kaltmamsell, der das Wochenende durcharbeitete, kam irgendwann aus seinem Zimmer: “Ist hier irgendein Fenster auf oder ist es wirklich so kalt?”

Den zweiten strech & fold des Weizenmischteigs machte ich zu Schneetreiben. Heute las ich in der Süddeutschen, dass auf dem Theresienwiesenflohmarkt nur halb so viele Anbieter wie 2023 gestanden hätten, und die Matschfotos lassen mich meine Entscheidung nicht bereuen.

Eine Einheit Yoga-Gymnastik. Sie war als schweißtreibend angesagt, doch der Schweiß kam dann vor allem durch einen Kreislauf-Schwindelanfall zur Unzeit, sehr ärgerlich.

Zum Nachtmahl probierte Herr Kaltmamsell ein Gnocchi-Auflauf-Rezept aus dem Guardian aus, mit gelben Paprika, Tomätchen und viel geriebenem Mozzarella, ich öffnete dazu einen Rosé von Paul Achs.

Gedeckter Holztisch, im Vordergrund ein weißer tiefer Teller, darin mit Käse überbackene Gnicchi und gelbe Paprika, dahinter die Aufflaufform mit dem Rest, rechts daneben eine Weinflasche mit Rosé, daneben ein gefülltes Weinglas

Der Aufflauf schmeckte ok, doch die Zutaten (gewürzt mit Chiliflocken und Fenchelsamen) verbanden sich nicht recht zu einem Geschmack, der Käse schmeckte eher nach nix. Warm und sättigend, wird es aber wahrscheinlich nicht nochmal geben.

§

Ich frage mich ja schon seit geraumer Weile, wie es dazu kommen konnte, dass die Winzelpartei FDP uns die gesamte Zukunft versaut (über die Antwort “weil sie für eine mehrheitsfähige Regierungskoalition nötig war” hinaus). Allerdings ist mein Menschenbild ein so fundamental anderes als das, das die FDP voraussetzt, dass ich bereit war, mir selbst massiven Bias zu unterstellen.

Jetzt schrieb in der FAZ (ausgerechnet) die Professorin für Neuere und Neueste Geschichte Hedwig Richter einen Essay, der meine Beobachtungen einordnet und kausale Zusammenhänge beleuchtet:
“Die Suppenkasper sind über uns”.

Auch wenn die Umfrageergebnisse das nicht hergeben: Die FDP steht für so viel mehr als für ihre drei bis vier Prozent Wähler. Sie ist das hässliche Unterbewusstsein der Deutschen, das permanent das vernünftige Über-Ich torpediert. Und Olaf Scholz ist ganz dabei: Er lässt die li­berale Regierungspartei so umfassend gewähren und schubst dafür immer wieder die Grünen unter den Bus (wie oft kann man eigentlich unter den Bus geschubst werden, bis man tot ist oder Schluss macht?). Das nährt den Verdacht, der Kanzler nutze die FDP als Bauchsprechpuppe: Sie redet das, was er, der Schwarze-Null-Hardliner und Null-Zumutungen-Kanzler, in dieser verblüffenden Plattheit nicht sagen kann.

(…)

Dafür gibt es eine Erklärung: die Po­pulisten, deren Kernkompetenz dieses Down­grading ist, die Abwärtsspirale der niedrigen Instinkte. Sie behaupten immer lauter, dass Demokratie ihre Legitimität aus einem plebiszitärvulgären Volkswillen bezieht – das Volk sei ein launischer Souverän, jederzeit zu Wutausbrüchen be­reit. Die Regierungen müssten liefern und das Volk bei Laune halten.

(…)

Freiheit, so (…) der Populismus, sei die Freiheit, Egoismus möglichst ungestört ausleben zu können (und, ja, warum eigentlich nicht dafür auch noch vom Staat unterstützt zu werden mit Steuergeschenken, Pendlerpauschalen, Dienst­wagenprivilegien, Tankrabatten, E-Fuel-Subventionen für alle Porsches aller Christians). Selbstverständlich hat diese Ego-Freiheit nichts mit der Freiheit des anderen zu tun. Ich impfe mich nicht, nein, meine Impfung mach ich nicht. Auf Autofahrten und Flüge verzichten, nur weil deswegen andere eine saubere Luft und eine ruhige Wohnung haben, auf CO2-Ausstoß gar, weil die Kinder auch mal ein gutes Leben führen wollen, Waffen liefern, obwohl die Öldiktaturen (scheinbar) nur den andern wehtun?

(…)

Dabei hat beispielsweise die Corona-Pandemie ein ganz anderes Volk gezeigt: Es war die Hochzeit der informierten Bürgerin, in Scharen hörten die Menschen Podcasts, sahen Informationssendungen, diskutierten, und sie nahmen bereitwillig die Zumutungen der Politik in Kauf. Nur zweimal war eine Mehrheit mit der Politik unzufrieden, und zwar weil die Pandemie­maß­nahmen in ihren Augen nicht streng genug waren.

§

Dann wieder sammelt Alexander Brutscher für den Bayerischen Rundfunk:
“Weniger Autos, mehr Fußgängerzonen: Streit in vielen Städten”.

Ein typisches Beispiel:

In Landshut wollten viele Bürgerinnen und Bürger keine zusätzliche Verkehrsberuhigung. Bei einem Bürgerentscheid sprachen sich 62 Prozent gegen die Ausweisung einer weiteren Fußgängerzone aus. Die Initiatoren wollten einen 350 Meter langen Teil der Neustadt autofrei machen. Ohne Lärm und Abgase, dafür mit mehr Lebensqualität. Anders sahen das viele Autofahrer und auch Geschäftsleute in der Neustadt. Sie hatten Sorge, dass mit den wegfallenden Parkplätzen auch Kunden ausbleiben und die Neustadt veröden könnte.

Und das obwohl alle (ALLE) solche Projekte gezeigt haben, dass autofreie Bereiche mehr Menschen anziehen und den Umsatz der Geschäftsleute erhöhen. Ist es dann doch mein Menschenbild, das nicht stimmt?

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 19. April 2024 – Herbst im April

Samstag, 20. April 2024 um 8:22

Interessant geträumt: Erst war ich in England und genoss das, sprach im Traum auch Englisch. Dann war irgendwas mit niedlichen, puppenartigen Service-Robotern, in diesem Traum war ich allerdings schon so bewusst, dass ich sie ziemlich schlecht gemacht fand.

Wetter weiter grau und saukalt, zumindest kam ich trocken in die Arbeit. Dort gleich mal Start mit Turbo, zwei Stunden später kam ich dazu mich umzugucken, was sonst noch war.

Mittags raus durch heftigen Wind auf einen Cappuccino: Der erste angesteuerte Ort war während Öffnungszeiten geschlossen (hier wieder die Frage, wovon die Inhaber*innen dieser Winzel-Cafés eigentlich leben), der andere völlig überfüllt. Ich trank meinen Cappuccino aus der Hand, weil kein Platz war zum Abstellen.

Cafészene, im Vordergrund große eine Tasse mit Cappuccino,  gleich dahinter Wasserglas, im Hintergrund eine Theke und in einem kleinen Raum ein halbes Stockwerk darüber Cafétische mit Menschen

Auf dem Rückweg bekam ich Regentropfen ins Gesicht geworfen, Licht und Witterung tendierten deutlich stärker Richtung Herbst als Frühling.

Der heftige Wind blieb und machte das Jalousien-Ballett vorm Bürofenster noch bescheuerter: Eigentlich kenne ich es, dass bei starkem Wind die Jalousine aus Sicherheitsgründen zwangshochgezogen werden, egal wie heftig die Sonne scheint (zum Glück gibt es auch noch Innen-Rollos). Gestern aber wollten sie zwangsweise runter. Das konnte ich in meinem Büro immer wieder verhindern, vor den unbesetzten Nebenbüros aber schlugen die Jalousien-Lamellen ständig mit Schmackes gegen die Verstrebung – das kann dem Material doch nicht gut tun?

Recht pünktlicher Feierabend, unterm Schirm in Saukälte ging ich zu Wir2liebenWein, um zwei von den Favoriten des vorsamstäglichen Probierens einzukaufen. Aus dem Ratsch mit den 2 weiß ich jetzt auch die Ursache der Spezialisierung auf Pannobile-Winzereien: Eine von den beiden ist gebürtige Golserin. (Österreichische Vetter*innenwirtschaft, kennen wir eh.)

Daheim Yoga-Gymnastik, eine schmerzhafte Dehn-Einheit mit Mady: Wo die Durchschnitts-Yogi beim Vorbeugen im Sitzen bis zu flach auf dem Boden liegt, gehen bei mir nur wenige Zentimeter (solange ich die Anweisung “gerader Rücken” einhalte).

Konzertkarten gekauft – gell, da staunen Sie. Ein Freund hatte mich darauf hingewisen, dass das Ukulele Orchestra of Great Britain nächsten Februar in der Isarphilharmonie spielt, dafür sicherte ich ihm, seinem Mann, Herrn Kaltmamsell und mir vier Tickets. Ich kramte gleich mal eins meiner Lieblingsstücke von den Ukes raus, ihre Version von “Wutherin Heights” – und merkte, wie lange ich die Band schon kenne und gucke: Hester Goodman, das ist die auf der Bühne mit den längeren Haaren, sah ich einst auch mal deutlich schwanger spielen, und Kitty Lux, die mit den kurzen, starb schon 2017. Mein erster Konzertbesuch 2009 in Bad Aibling und wie ich die Ukes entdeckte, steht bereits hier im Blog (ja: im Gasteig sah ich sie später auch mal).

Jetzt war aber wirklich Wochenende, angestoßen wurde mit dem eben gekauften und schnell noch gekühlten PetNat Heinrich Oh when the Saints.

Hier können Sie nachlesen, was PetNat eigentlich ist. #Serviceblog

Zum Abendessen verarbeitete Herr Kaltmamsell Topinambur, Kartoffeln und Petersilie aus Ernteanteil zu einem Ofengericht mit ganzen Zitronen, Knoblauch, Tomätchen, Oliven und Estragon (weil vorhanden) statt Salbei nach Ottolenghi.

Eine blaue Reine auf einer schwarzen Kochplatte mit dem oben aufgezählten Gemüse.

Schmeckte gut, doch das Tahini, das ich auf meine zweite Portion träufelte, machte es noch besser.

Zum Nachtisch mixte ich uns aus dem Saft einer Crowdfarming-Orange Green Monkeys, außerdem gab es Süßigkeiten.

Als Abendunterhaltung ließ Herr Kaltmamsell im Fernsehen “Let’s dance” laufen – und ich sah mich am meisten beeindruckt von der Teilnehmerin, die ganz offensichtlich überhaupt nicht tanzen konnte, nicht mal Rhythmusgefühl zu haben schien: Deren Durchhalten und Leistung fand ich (in solch einer Show, die nun wirklich nichts mit Leistungssport zu tun hat) beachtlicher als die der Begabten.

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Eine schon immer aus dem Internet vertraute Bloggerin der ersten Stunde ist in Rente gegangen und baut ihr bisheriges Leben ab, um es an einem Ort mit niedrigeren Lebenshaltungskosten wieder aufzubauen – nicht der erste Neuanfang, den ich über ihre Texte und Bilder mitverfolgen darf. Kein Link, denn aus sehr nachvollziehbaren Gründen findet das diesmal nicht im öffentlichen Web der Blogs statt, sondern auf einer schützbaren Plattform. Doch der Effekt bleibt für mich derselbe: Ich bin berührt, dass ich dieses Kapitel begleiten darf, und sei es aus dieser Ferne.

Gleichzeitig liegt ein nur wenige Jahre weniger begleiteter, ebenfalls sehr lieber Internetmensch im Krankenhaus mit schlimmen Dingen, weiß immer noch nicht genau, was eigentlich los ist, und ich sorge mich arg. (Und habe null Energie für Leute, die “Digital Detox” huldigen, weil man sich damit wieder mit dem “echten Leben” befasst. Auch dAS iNtERneT ist wie jede Basistechnik, was man damit macht. In meinem und dem Fall vieler anderer Menschen wichtiger Teil des echten Lebens.)

§

Auch Antje Schrupp ist erkrankt – oder doch nicht? – und macht sich Gedanken über immer schwierigere Abgrenzungen (auch hier spielt das Internet eine Rolle):
“Umgang mit dem Unentschiedenen”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 18. April 2024 – Reichlich Schnee

Freitag, 19. April 2024 um 6:20

Mittelgute Nacht, aber ich litt nicht. Kurz vorm Weckerklingeln aufgewacht.

Ich stand zu nasskaltem Wetter auf, laut allen Vorhersagen bleibt das mindestens noch eine Woche so. Ganz kurz überlegte ich, ob ich mich einfach mit dem 62er Bus zum Heimeranplatz schaukeln lassen sollte, doch das Bedürfnis nach Bewegung überwog. Auf dem Weg brauchte ich meinen Schirm auf dem letzten Drittel. Vorher noch entdeckte ich, dass offensichtlich für Stockenten Raum auch in der kleinsten Pfütze ist.

Große freie Fläche im grauen Regen, im Hintergrund Bäume und die Ruhmeshalle, im Vordergrund ein Stockenetenpaar schlafend auf einer Pfütze

Im Büro fühlte ich mich benommen und kämpfte mit Konzentrationsschwierigkeiten. Für alles brauchte ich Anlauf, musste dazwischen immer wieder aufstehen und ein paar Schritte gehen. Irgendwann kam ich doch durch.

Schneetreiben vor grauem flachen Bürogebäude und dahinter liegendem Büroturm

Erstmal aber schneite es ernsthaft.

Mittags in einer Regenpause auf einen Cappuccino zu Nachbars, dann auf den Markt für ein wenig Käse und Butter. Dieser Spaziergang tat richtig gut, anschließend schaffte ich auch größere Brocken weg.

Mittagessen war das für den Vortag vorbereitete: Sahnequark mit Joghurt, Orangen.

Nachmittag mit gewohnter Emsigkeit, jetzt fühlte ich mich endlich wirklich wiederhergestellt. Für Bewegung sorgte die Jalousien-Automatik: Immer wieder fuhren von selbst die Jalousien vorm Fenster herunter, ich sprang auf, um sie manuell hoch zu fahren (der Schalter liegt neben dem Schreibtisch gegenüber). Außerdem half ich in mehreren Belangen – sogar besonders gerne, weil diese Belange bald viel auf mich zukommen werden und ich möglichst schnell Routine darin erlangen möchte.

Zu Feierabend fing es wieder heftiger an zu regnen und schneezugrieseln. Ich ging unterm Schirm auf diverse Lebensmitteleinkäufe: Edeka, Balkanbäckerei, Vollcorner. Heim kam ich mit gründlich nassen Schuhen.

Dort wartete ein Packerl auf mich: Die beiden Sommerkleider waren eingetroffen.

Frau mit kurzen weißen Haare und nackten Füßen, mit mittellangem ärmellosen Sommerkleid im großen Spiegel

Frau mit kurzen weißen Haare und nackten Füßen, mit mittellangem buntenn Sommerkleid im großen Spiegel

Passen, behalte ich beide. Dann gebe ich halt zwei über zehn Jahre alte weg, die eigentlich nicht mehr passen.

Yoga-Gymnastik: Ich begann eine Playlist von Mady Morrison und geriet gleich mal an eine stramme Folge aus Warrior-Variationen, die mich sogar ins Schwitzen brachte.

Zum Nachtmahl bereitete ich den Ernteanteilsalat (Eichblatt und Schittknoblauch) mit Orangen-Haselnussmus-Dressing zu. Außerdem gab es Käse und Balkan-Fladenbrot.

Gedeckter Abendbrottisch von oben, in der MItte eine große Schüssel Salat, außerdem ein Brotkorb, ein Teller mit Käse

Links wunderbare Butter vom Käsehändler – ohne Vernunftsteuerung hätte ich einfach Brot und Butter bis zum Abwinken gegessen. So aber aß ich neben Salat auch besonders großartigen Schafskäse aus Friesland und sonstigen. Nachtisch Schokolade.

§

Dem, was sich bei Trainigsratschlägen “Sportmedizin” nennt, misstraue ich zu weiten Teilen, weil es sich allzu oft um theoretische Konstrukte ohne Überprüfung durch Evidenz handelt. Doch bei dieser Überschrift spitzte ich die Ohren (Augen?):
“Wie zyklusbasiertes Training funktioniert”.

Trainingspläne im Sport basieren häufig auf Studien mit Männern. Die sind aber nur zum Teil auf Frauen anwendbar. Viele Athletinnen trainieren inzwischen nach ihrem Menstruationszyklus.

Spoiler: Man weiß es nicht genau.
Aber mich freut, dass es inzwischen zumindest Forschung dazu gibt. (Wer war nochmal die Leistungssportlerin, die ihr überraschend schlechtes Abschneiden in einem Spitzenwettbewerb nüchtern auf Englisch mit ihrer Menstruation erklärte und einen Übersetzer damit überforderte?)

§

Falls wieder jemand behauptet, der U-Bahnhof Sendlinger Tor sei fertig renoviert: Ist er nicht.

via Neffe2

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Und dann waren da noch die E-Auto fahrenden Ratten.
via @_dieliebenessy (die Vorschläge zur Meerschweinchendressur in diese Richtung mit der Diffamierung abwehrt, “dass das ihre intellektuellen Kapazitäten übersteigt”)

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 17. April 2024 – Arbeitliches Angestelle

Donnerstag, 18. April 2024 um 6:22

Guter und tiefer Schlaf, doch als ich nach Klogang um vier wieder ins Bett ging, fiel mich die Angst-Dogge an (das war mein inneres Bild: ein großer, aggressiver Hund, der mit gefletschten Zähnen auf meine Kehle zusprang und sich in sie verbiss). Das hatte ich vor dem Hintergrund der Arbeitstermine am Mittwoch erwartet (das wird ab Anfang Mai noch lustig), begrüßte ihn also lächelnd, suchte dann in mir nach freundlichen Erinnerungen – und schlief tatsächlich fast nochmal ein.

Der Wecker klingelte zu Regenrauschen. Bis ich fertig für den Aufbruch in die Arbeit war, hatten sich Schneeflocken in den Regen gemischt, unterwegs wurde ernsthafter, nasser Schneefall daraus.

Arbeit wie erwartet vom ersten Moment an turbulent (stimmt nicht ganz: ich hatte gerade so noch Gelegenheit, eine Kanne Kräutertee zu kochen). Anstrengungs-/Angstkopfweh, gegen das auch kein Ibu half – meine Güte, ich würde in der Zombie-Apokalypse komplett versagen, FRESST MICH ZUERST!

Ich versuchte in den ungewohnten Dynamiken, novemberregen in ihrer beruflichen Rolle zu channeln, das half aber nur dabei, nicht zu ätzen. Das wird nie eine Art Situation, in die ich mich werfe, ich will einfach nur nicht da sein. Gerne fände ich heraus, wie ich es schaffe, mich nicht so anzustellen, denn fast nichts an meinen paralysierenden Ängsten hat ein realistisches Fundament.

An diesem von mir geplanten Tag ging erst etwas unerwartet schief, dann aber ging etwas unerwartet glatt.

Appetit war natürlich komplett weg, erst am späten Nachmittag, nachdem alles rum war, zwang ich mir einen Eiweißriegel rein – was lediglich ein Gefühl von Klebrigkeit hinterließ. (Meine eine Fertigkeit in der Zombie-Apokalype: Hungern.)

Als ich dann endlich Schluss machte und loskam, hoffte ich auf die berühmte Wirkung von frischer Luft, zum Glück regnete es gerade nicht. Doch auf dem Weg wurde mein Kopfweh stärker, ich gähnte, das fühlte sich fast wie Migräne an. Ich wollte nur noch ins Bett.

Na gut, auch in diesem Zustand habe ich das Bedürfnis, Anblicke als Foto festzuhalten.

Aber daheim legte ich mich nach kurzem Hallo an Herr Kaltmamsell tatsächlich ins Bett zum Zweck der Reizreduktion. Das tat gut, ich schlief sogar kurz ein. Das tat so gut, dass ich sogar Lust auf Yoga-Gymnastik verspürte, ich hatte mir eine Folge Flow mit Mady Morrison zurechtgelegt. Auch die beruhigte mich.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell frisch gekochte Ernteanteil-Kartoffeln mit dem Rest Szegediner Gulasch aus der Gefriere, ich aß mit Appetit. Dann gab’s noch Schokolade.

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Der Mastodon-Account “Mirabilia” wurde aktiviert, der allerlei Museen besucht. Gestern war er in der nach acht Jahren Generalsanierung wiedereröffneten Archäologischen Staatssammlung in München, hier können Sie den Besuch begleiten.
Und hier die Pressemitteilung zur Wiedereröffnung.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 16. April 2024 – Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer – sehr kein Heimatroman

Mittwoch, 17. April 2024 um 6:20

Eigentlich gut geschlafen, nach fünf allerdings nicht mehr, statt dessen mit steigender Unruhe Arbeitsdinge gewälzt (dass München im Juni und Juli voller Megakonzerte und Zuguck-Fußball ist, die Übernachtungpreise damit etwa auf Oktoberfest-Niveau steigen, erschwert meinen Job massiv), innere Joblisten erweitert – das taucht mal wieder in keiner Arbeitszeiterfassung auf.

Draußen Düsterkeit, die sich auch noch als regnerisch und nur wenig über Gefrierpunkt kalt erwies, ich musste umplanen: Zwar hatte ich beim Rauslegen der Kleidung für den Tag niedrigere Temperaturen einkalkuliert, aber keine Saukälte. Alles zurückgehängt/-gelegt, statt dessen Kaschmir-Hoodie zu schwarzer Hose und dicken Schuhen.

Auf dem Weg in die Arbeit brauchte ich meinen Schirm. Unter den Bäumen lagen Zweige und Äste, der Sturm war nachts wohl heftiger gewesen. (Und ich wunderte mich, dass nach dem Schneeburch und den Stürmen des Winters noch so viel Runterzuwehendes übrig war.) In den Nachrichten war sogar von “Unwetter” die Rede.

Nach emsigem Bürovormittag marschierte ich auf einen Mittagscappuccino im Westend. Auf dem Weg regnete es nicht mehr, aus dem Himmel aller Farben schien sogar manchmal die Sonne. Doch es windete sehr heftig, ich fürchtete um meine Ohrringe.

Wie erleichtert ich immer bin, wenn ich mein Mittagessen wirklich nur noch löffeln, gabeln, beißen brauche – und nicht erst noch schälen, schneiden, zubereiten. Den Gefallen tue ich mir am Vorabend echt gern. Diesmal: Ein Stück selbstgebackenes Brot, Orange und Mango mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag stürmte es weiter, der Himmel durchlief alle Farben. Nach Feierabend genoss ich aber den Marsch nach Hause, bei dem mir der Wind die Haare zerzauste. Kurzer Einkaufsstopp im Drogeriemarkt, dann steuerte ich die Standl in der Sendlinger Straße an: Fürs Abendessen hatte ich mit Herrn Kaltmamsell Spargel vereinbart, von mir zubereitet.

Ich machte den Spargel wieder auf die Art, die mir in den vergangenen Jahren besser geschmeckt hatte als in Wasser gekocht: In Alufolie im eigenen Saft gegart, und mit Eierhacksauce, ich schrieb das Rezept diesmal auf.

Da ich am Standl zwischen Sendlinger- und Rosenstraße zwei Kilo im Angebot bekommen hatte, gab es sehr reichlich davon. Schokolade zum Nachtisch ging trotzdem.

Im Bett die nächste Lektüre begonnen, diesmal wieder auf Papier, weil Herr Kaltmamsell das Buch besitzt: Ruth Klüger, Katastrophen. Über deutsche Literatur.

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Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer

Das Buch, veröffentlicht 2022, packte mich vom unvermittelten Anfang an, der mich erstmal auf eine falsche Fährte lockte.

Doch dann bekam ich einen Landlebenroman in sehr unromantischer Form. Ich fand viel wieder, was ich vom Alltag in der Landwirtschaft weiß, von der Lebenswirklichkeit auf dem Dorf – die halt auch wie alles Individuelle nicht eine Lebenswirklichkeit ist. Es überraschte mich nicht zu erfahren, dass Reinhard Kaiser-Mühlecker selbst aus der Landwirtschaft kommt. Die Geschichte nimmt uns mit nach Österreich, das prägt die Art der Landwirtschaft mit Höfen, die ein Dorf bilden (seit Ein Hof und elf Geschwister weiß ich erst, wie anders Landwirtschaft im deutschsprachigen Raum auch sein kann). Die nächst gelegene Großstadt ist Salzburg.

Der junge Jakob bewirtschaftet den Hof seines Vaters, der in seinen Augen und auch belegbar ein Taugenichts ist, fast seinen ganzen Grund verkauft hat. Der Großvater, ein tüchtiger Landwirt, ist schon länger gestorben, die greise und abweisende Großmutter lebt im Obergeschoß des Hofs. Der Roman erzählt, wie Jakob versucht, diese Landwirtschaft am Leben zu halten, seinen Lebensunterhalt und den der Familie damit zu verdienen, mal mit Fischzucht, mal mit Milchwirtschaft. Es gelingt ihm erst, als Katja in sein Leben tritt, aus unerwarteter Richtung und auf überraschende Weise. Wir lernen auch Jakobs Geschwister kennen, Bruder und Schwester, manche Nachbarn, Hilfsarbeiter.

Das Besondere: Die Erzählstimme nimmt konsequent die Perspektive der Hauptfigur Jakob ein, nahezu als Gedankenstrom. (Dennoch sind Dialoge markiert, wird auch äußere Handlung beschrieben, der Roman ist also nicht schwierig zu lesen). Und Jakob ist ein sehr eigenwilliger Charakter, zerrissen, von Affekten getrieben, oft mit sich selbst überfordert, gleichzeitig ehrgeizig und verloren, zuwendungsbedürftig und hoffnungslos.

Und die Erzähltechnik macht sichtbar, wie Jakob bestimmten Erinnerungen ausweicht, manchen immer wieder, bis sie sich kurz vor Ende dann doch nach vorn ins Bewusstsein schieben, wir sie erfahren. Und dann eigentlich lieber nicht hätten wissen wollen. Nicht nur hier ist das Buch verstörend mit seinem Blick in Abgründe.

Jakob vertritt durchaus (meine) bäuerlichen Stereotypen: Misstrauen gegenüber Leuten aus der Stadt, Misstrauen gegenüber formaler Bildung, ständiges Misstrauen, übers Ohr gehauen zu werden. Und weiß halt doch, was getan werden muss. Seine Zerrissenheit war mir im Gedankenstrom sehr nachvollziehbar, sie ist es auch, die für mich Spannung erzeugte: Wird er ein bisschen Glück finden? Einmal nicht enttäuscht werden? Das hält sich die Waage mit intensiven Umgebungsbeschreibungen: Der Lärm der nahen Autobahn, die Sinnlichkeit einer Schneeschicht, die Betäubung der vierten Flasche Bier, das Animalische an Menschen – was in dieser Verbindung fast unweigerlich symbolische Bedeutungen herbeiassoziieren lässt.

Lese-Empfehlung – nur vielleicht nicht, wenn Sie Hunde sehr gern mögen.

Und für nach der Lektüre, weil sie die Handlung und alle Wendungen verrät, empfehle ich die Besprechung von Christoph Schröder in der Süddeutschen:
“Warten auf das Ende”.

Realismus also, eingebettet in ein ästhetisches Konzept, das auf Kargheit wie auf Klarheit basiert. Kaiser-Mühleckers Bücher zu lesen fühlt sich an, als würde man auf eine zu fest eingespannte Glasscheibe starren, auf das Knistern und Knacken hören und doch wissen, dass der Autor uns nicht die Last abnimmt, den erlösenden Knall herbeizuführen. Das ist menschlich erschreckend und literarisch bestechend.

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Die Süddeutsche hatte gestern eine Seite Drei über Prof. Bruno Burger, der am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg Zahlen und Daten zur Energieerzeugung in Europa erhebt und damit unter anderem Falschbehauptungen in der Politik widerlegt, immer wieder und möglichst auf den Plattformen, auf denen sie erscheinen (€, aber einen Tagespass wert):
“Zahlen, bitte”.

“Die Lüge ist immer schnell draußen”, sagt er. Aber die Korrektur der Lüge, das macht richtig Arbeit.”

Die Energy Charts des Freiburger ISE stehen im Web und sind öffentlich, Sie könnten auch selbst bei der nächsten Politiker*innen-Behauptung nachsehen:1
Energy-Charts.

Allerdings macht sich selbst Prof. Burger keine Illusionen:

„Heutzutage ist es völlig egal, ob man lügt oder nicht”, sagt Bruno Burger. „Es hat keine Konsequenzen.”

  1. Disclosure: Ich arbeite für denselben Arbeitgeber. []
die Kaltmamsell