Journal Freitag, 1. November 2024 – Sonniges Allerheiligen mit Wanderung zwischen Kirchseeon und Ebersberg

Samstag, 2. November 2024 um 7:23

Vorab: Hallo! Wenn Sie über den Krautreporter-Newsletter von Christian Fahrenbach – danke schön, ich bin immer noch verlegen – neu hier gelandet sind: Herzlich willkommen! Sie sollten von vorneherein wissen: Das hier ist wirklich völlig irrelevant, lediglich ein Überbleibsel aus frühen Internet-Zeiten, als Technik- und Mitteilungs-freudige Menschen sich auf die neue Möglichkeit stürzten, ihre Entdeckungen zu teilen (“Da! Guckt mal!”) und Kontakte zu knüpfen.

Ausschlafen war wundervoll, ich schlug die Augen zwar noch vor sieben auf, doch vorm Fenster wurde es schon hell. Und ich fühlte mich ausgeruht.

Den gestrigen geschenkten freien Tag wollte ich für eine Wanderung verwenden, seit Mallorca war ich ja nicht mehr unterwegs gewesen. Zu meiner großen Freude startete der Tag richtig sonnig.

Dafür hatte ich mir die bereits mehrfach gegangene Strecke Kirchseeon – Egglburger See – Ebersberg ausgesucht; weil die aber recht kurz ist, wollte ich sie hin und dann wieder zurück gehen. Da ich die Gesamtdauer nicht genau wusste, mich nicht hetzen wollte und das Tageslicht doch bereits arg begrenzt ist, startete ich früh – um dann die gewüschte S-Bahn unterm Hauptbahnhof ausfallen zu sehen. Nun gut, ich hatte genug Lesestoff, wartete ich also auf die nächste.

Das erwies sich dann sogar als Glücksfall: Ich kam in der Bahn in Hörweite von vier alten Bayerinnen zu sitzen, ihrer Ausstattung nach ebenfalls auf dem Weg zum Wandern, genoss ihren Dialekt (u.a. „narrisch“ für wütend, “Sog i zu ihra, sog i”) und ihre Geschichten, am liebsten hätte ich alles mitgeschrieben.

Auch in Kirchseeon schien die Sonne, ich wanderte zügig los. Bis St. Michael überm Eggelburger See begegnete ich nur vereinzelten Hundebesitzer*innen und E-Radler*innen, sonst war ich schön bei mir. Dann wurden die Wege schnell bevölkerter. (Kind auf Parkplatz beim Aussteigen aus Auto, Handy in der Hand: “Haben wir ‘ne Steckdose in der Natur?” – Ich mache mich wirklich nicht lustig, Kinder wissen halt sehr viel noch nicht. Heute andere Sachen nicht als ich vor 50 Jahren.)

Mit langer Wander-Leggins und warmem Lauf-Oberteil war ich genau richtig fürs Wetter gekleidet, die Sonne wärmte angenehm. Es waren durchaus auch Leute im T-Shirt unterwegs. Am 1. November, in Zeiten des Klimawandels.

Ankunft in Ebersberg schon nach gut zwei Stunden. Kein Mittagscappuccino, weil das angepeilte Eiscafé geschlossen war und mir der Aufwand zu groß war, mich in einem richtigen Café niederzulassen. Ich kam auf die Idee, endlich mal auf den reichlich ausgeschilderten Ebersberger Aussichtsturm zu steigen – was mich dann auf einer ganz anderen Schleife zurück zum Egglburger See brachte, sehr willkommen.

Vögel sah ich reichlich: Am Himmel zweimal Falken, außerdem eine Hand voll Milane auf einer Termik, sein Ruf machte mich auf einen fliegenden Bussard aufmerksam. Und zum Abschluss kurz vor Kirchseeon standen vier Graureiher auf einer Wiese.

Kurz vor elf startete ich am S-Bahnhof Kirchseeon (die vier Bayerinnen fuhren noch weiter).

Terrassen-Wohnblock in der Sonne, der nur aus begrünten Balkonen zu bestehen scheint

Mein Lieblings-Wohnblock in Kirchseeon.

Kleine, weiße, freistehende Dorfkirche im Gegenlicht mit Zwiebelturm und Ziegeldach

St. Colomann

Hohe Bäume mit letztem gelben Laub, durch das Sonnenlicht scheint

Steiler, laubbedeckter Weg nach oben, wo man zwischen Ästen und vor blauem Himmel einen weißen Kirchturm erahnt

Hoch zu St. Michael.

Steiler, laubbedeckter Weg nach unten

Und wieder runter.

Leicht erhöhter Blick auf einen Weiher im Sonnenlicht, dahinter Wiesen und Wald, im Vordergrund drei Menschen, die von diesem Weiher kommen

Egglburger See

Feldweg, rechts von riesigen alten Bäumen gesäumt, im Hintergrund sonnenbeschienene Wiesen

Sonnenbeschienener Weiher, von Bäumen umgeben, die sich im Wasser spiegeln

Ebersberger Weiherkette.

Altes, zweistöckiges Stadthaus mit spitzem Gieben, auf einem Erker steht "Fleisch u. Wurstwaren"

Ebersberg – dieses Haus muss ich jedesmal fotografieren (erinnere ich auch als Pókemon-Arena).

Sonnige, schmale Allee, rechts im Hintgrund sieht man einen aus Treppen bestehenden Turm

Ebersberger Aussichtsturm rechts. An allen Bäumen der Alleen Gedenktafeln für Männer, die im Ersten Weltkrieg umkamen, hier nur ein paar Beispiele (bringt mich persönlich mehr zum Gedenken als die meist fürchterlichen “Kriegerdenkmäler” in Dörfern).

Weiße geschwungene Metalltafel an einem großen Baum, darauf die Lebensdaten von „Landsturmmann Anderl Josef“

Weiße geschwungene Metalltafel an einem großen Baum, darauf die Lebensdaten von „Artilerist Eibl Benno“

Weiße geschwungene Metalltafel an einem großen Baum, darauf die Lebensdaten von „Infanterist Oswald Alois“

Blick hinaus einen Aussichtsturm ganz aus Treppen, drumrum herbstbunte Bäume, dahinter blauer Himmel

Turm von unten (erbaut 1914).

Weite Aussicht auf - von hinten: Dunstige Alpenkette, Städtchen mit Zwiebelturm, Wiese, Gehöft

Aussicht von oben.

Kurz vor zwei machte ich auf einer sonnigen Bank Brotzeitpause: Apfel, Nusschnecke vom Rischart (herrlich buttrig).

Lichte Allee aus Mistel-überwachsenen Obstbäumen

Feldweg, in dessen Mitte ein Streifen Falläpfel liegt

Im Sonnenlicht links riesige alte Bäume mit letztem Herbstlaub, rechts daneben Feldweg und Wiese, im Hintergrund auf dem Weg eine Gruppe Menschen

Im Sonnenlicht zwischen kahlen Obstbäumenn eine kleine weiße Kirche mit Zwiebelturm

St. Michael von der anderen Seite.

Die S-Bahn zurück zum Ausgleich wie Limousinen-Service: Sie fuhr eine Minute nach meiner Ankunft am S-Bahnhof ein. Das waren dann etwa 24 Kilometer in knapp fünf Stunden mit einer Pause. Ich fühlte mich überraschend erledigt, meine Füße schmerzten (sie hatten bereits vormittags beim Warten auf die S-Bahn im Stehen weh getan), ich spürte auch Kreuz und Hüften, die Stunde, die man am Ende einer Wanderung noch schaffen können soll, hätte mich große Anstrengung und Zusammennehmen gekostet.

Auf der Rückfahrt Irritation am Bahnhof Haar beim Blick aus dem S-Bahn-Fenster.

An Schallschutzwand Schild mit Silhouette einer Eidechse und Pfeil nach unten zu einem kleinen Durchgang unter der Wand

Kapieren die Eidechsen das?

Trotz schwerer Beine stieg ich schon am Marienplatz aus, ich wollte die Sendlinger Straße bei schräger Abendsonne sehen.

Einkaufsstraße voller Menschen, in die von vorn die schräge Abendsonne leuchtet

Genau so nämlich.

Meine Einschätzung traf zu: Nach vier wurde es ganz schnell düster, zu düster für entspanntes Wandern. Was ich vernünftigerweise bleiben ließ: Jegliche Gymnastik, das war genug Körperlichkeit für einen Tag.

Herr Kaltmamsell ist ja noch bis Sonntagabend Monstertöten, mein Ehrgeiz: Ernteanteil bis dahin weitgehend wegessen (die Sellerieknolle wünsche ich mir dann abschließend von ihm als Sellerieschnitzel). Die Karotten aus Ernteanteil wurden mein gestriges Abendessen, als Ofenkarottenfritten.

Backblech mit gebackenen Karottenstiften

So hatte Herr Kaltmamsell sie mir schon mehrfach serviert (mit viel mehr Hingabe länger und dünner geschnitten), ich ließ mir das Rezept geben (entdeckte erst da, dass der Hintergedanke “gesund” und “fettarm” ist), gestern gab es sie alle für mich und mit einem Joghurt-Senf-Dip. Nachtisch Apfelkompott und Schokolade.

Früh ins Bett, wegen großer Müdigkeit nicht mal gelesen vor Lichtaus.

§

Klein-Bloggersdorf aus dem Häuschen:
Kännchen-Bloggerin Vanessa Giese ist Bürgermeisterkandidatin für Haltern am See.

Ich wünsche ihr von Herzen Erfolg, bin sicher, dass sie sich hervorragend zur Bürgermeisterin eignet (sehen Sie sich allein schon ihren beruflichen Hintergrund an und wie schnell sie sich Entschiedungs-tief in Themen einarbeiten kann) – und hoffe, dass sie möglichst wenig Energie auf die Abwehr unsachlicher Angriffe verwenden muss.

§

Bent Freiwald schreibt bei Krautreporter vor allem über Kinder, Jugendliche, Bildung. Ihm ist aufgefallen, dass seit einigen Jahren in den Medien immer wieder von einer Krise der mentalen Gesundheit bei jungen Menschen die Rede ist. Er wollte wissen, was genau dahinter steckt und hat sich das Material vorgenommen, auf denen diese Aussagen basieren. Das fand ich sehr erhellend, auch was Ableitungsmöglichkeiten aus Daten überhaupt betrifft, deshalb schenke ich Ihnen den Artikel:
“Analyse: Sind wirklich immer mehr Kinder psychisch krank?”

Für meine Recherche habe ich nochmal bei Null angefangen: Wie sicher sind wir uns überhaupt, dass es diesen heftigen Anstieg gibt? Ich wollte mich nicht leiten lassen von dem, was bereits geschrieben wurde. Sondern überprüfen, was die Forschung weiß – und was nicht. Ich will wissen: Gibt es wirklich eine Krise? Wo haben die Schlagzeilen recht? Wo übertreiben sie? Welche Erkenntnisse liefert die Wissenschaft – und wo sind Forschungslücken? Welche meiner Meinungen muss ich revidieren?

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 31. Oktober 2024 – Ausschlaf-Vorfreude

Freitag, 1. November 2024 um 7:20

Diesmal wachte ich kurz vor Weckerklingeln auf, munter und ausgeschlafen.

Wieder ein Hochnebeltag, diesmal hielt er sich konsequent bis abends.

Unerwartet emsiger Arbeitsvormittag, auf eine interne Anfrage aus Berlin reagierte ich nicht nur mit Hinweis auf den Feiertag am Freitag in Bayern, sondern ergänzte sicherheitshalber, dass ich da auch nicht arbeite.

Mittags huschte ich raus auf einen Mittagscappuccino bei Nachbars und zum Markt am Georg-Freundorfer-Platz. Die gewünschten Äpfel bekam ich, aber keine Butter, weil der Platz des Käsewagens leer blieb.

Auch der Nachmittag gestaltete sich überraschend arbeitsreich (ich hatte den Tag für geruhsame Aufräumarbeiten eingeplant), für meinen pünktlichen Feierabend vor dem dreitägigen Wochenende musste ich mich anstrengen.

Auf dem Heimweg Lebensmitteleinkäufe. Daheim traf ich noch Herrn Kaltmamsell an, der kurz darauf wie seit vielen Jahren zu Allerheiligen zum mehrtägigen Monstertöten aufbrach (Rollenspiel Call of Cthulhu).

Ich fettete meine Wanderschuhe ein, wusch Wäsche, turnte eine lange Folge Pilates (anstrengend), kochte aus Ernteanteil-Äpfeln Kompott (in einen besonders dunkelfleischigen biss ich beim Schälen, und er erwies sich als so süß und aromatisch, dass ich ihn roh aß), machte mir aus den beiden Ernteanteil-Salaten Postelein und Radicchio Trevisano (das ist der lange) Abendessen mit Haselnussmus-Dressing und Eiern.

Aufsicht auf große weiße Salatschüssel mit Streifen von lila Blättern und grünen Postelein-Stängeln, darauf vier Hälften gekochtes Ei

Nachtisch Apfelkompott und Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, Vorfreude auf Ausschlafen.

§

Immer weitere furchtbare Bilder von den Folgen der Sturzfluten in mehreren süd-ost-spanischen Provinzen, Stand gestern Abend waren 158 Tote. Vom Wasser zusammengeschobene parkende Autos sind ja in den vergangenen Jahren ein vertrauter Anblick geworden, doch welche Wucht zu solchen Auto-Türmen geführt hat, mag ich mir gar nicht vorstellen. Valencia und Murcia, “Europas Garten”, sind auch die Regionen, aus denen Deutschland enorm viel Gemüse und Obst bezieht (wir erinnern uns: Deutschland deckt 2/3 seines Gemüsebedarfs durch Importe), wir werden die Folgen hier auch in den Supermärkten und Discountern spüren. Ob’s bald wohl Aktionen mit Flutgurken gibt wie damals mit Flutwein aus dem Ahrtal?

Solche Extremwetter werden immer häufiger kommen, wir müssen uns darauf vorbereiten. Besser als die Regionalregierung von Valencia:
“Zahl der Toten nach Sturzfluten steigt”.

Der konservative Mazón, der seit vergangenem Sommer dank der Unterstützung der rechtsextremen Vox regiert, hatte – als eine seiner ersten Amtshandlungen – im vergangenen November die valencianische Notfalleinheit aufgelöst, die sein sozialdemokratischer Amtsvorgänger ins Leben gerufen hatte. Sie sollte im Fall von Katastrophen, wie Waldbränden oder Überschwemmungen, alle Behörden und Rettungskräfte koordinieren. „Unnötige Ausgaben“ seien das, ein „leerer Organismus“, „unnütz“, lautete Mazóns Begründung.

Ich kenne die Kommunikationsempfehlungen, in puncto Klimawandel positive Narrative zu verwenden, also mehr darauf zu verweisen, welche guten Auswirkungen Klimaschutz hat, statt die Folgen seines Ausbleibens auszumalen, uM DIe meNscHEn mITzUnEhMEn. Aber die Folgen sind ja schon da. Positv, positiv… Gucken Sie doch mal wieder zum Madrider Stadt-Projekt Bosque Metropolitano! Dieser 75 Kilometer lange Waldgürtel um die spanische Hauptstadt soll CO2 reduzieren und die Temperatur in der Stadt senken, der eine Zukunft mit dem Stadtklima von Marrakesch prognostiziert wird.

die Kaltmamsell

Lieblings-Microbloggingposts Oktober 2024

Donnerstag, 31. Oktober 2024 um 19:06

Wieder ein Monat rum, ich starte mit meinen Lieblingen auf Mastodon:

(In meinem Kopf wird das übrigens mit der Stimme meines Bruders gesagt: “Kaputt.”)

Mal sehen, ob bei Bluesky was zusammengekommen ist – och doch ein bisschen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 30. Oktober 2024 – Blumengeschenk und Großstadt-Deko

Donnerstag, 31. Oktober 2024 um 6:27

Der Wecker riss mich aus tiefem Schlaf, ich stand sehr ungern auf (anscheinend brauche ich derzeit besonders viel Schlaf).

Das Draußen war zu dicken Nebel zurückgekehrt, mein Büroblick hätte eine Star-Rolle in einer Edgar-Wallace-Verfilmung übernehmen können.

Modernes Bürogebäude im Nebel

Bis Mittag verflog der Nebel aber, nach einem Arbeitsvormittag mit viel Wuseln (wie es doch die Bürobewegung erhöhen kann, wenn man mehrfach zum Drucker eilt, ohne aufs finale “Drucken” geklickt zu haben!) ging ich zu meinem Mittagscappuccino im Westend durch Sonnenschein.

Spätes Mittagessen, weil so viel SOFOCHT wegzuschaffen war (meine Perspektive, weil für nachmittags etwas Größeres anstand und ich dafür Zeit freimachen wollte): Roggenvollkornbrot, Granatapfelkerne mit Sojajoghurt – jetzt ist die erste Kiste Granatäpfel von Crowdfarming durch (Herrn Kaltmamsell zweige ich immer einen kleinen Anteil der rausgeprokelten Kerne ab). Und ich habe dieses Jahr wieder nicht übers Herz gebracht, die “Adoption” des Crowdfarming-Orangenbaums abzubrechen, werde also wieder drei Riesenkisten Orangen wegkriegen müssen.

Die Sonne hielt sich auch über den wusligen Nachmittag, ab 16 Uhr konnte ich etwas geordneter arbeiten.

Heimweg mit Abstecher in einem Blumenladen: Über das anstehende lange Wochenende wollte ich was Schönes anzusehen haben und schenkte mir einen Blumenstrauß.

In einer schmalen, hohen Glasvase verschiedene Blumen in Weiß- und Rosatönen

Heimweg aber auch mit sauschlechter und gereizter Laune, ich möchte bitte ein Medikament dagegen.

Zu Hause Pilates, Brotzeitvorbereitung (nicht mehr so langwierig wie Granatapfelpulen).

Zum Nachtmahl brauchte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil auf und erstellte aus Weißkraut und Kartoffeln Colcannon (Kartoffelbrei mit gebratenem Weißkraut). Wärmend und gut. Nachtisch adventliche Süßigkeiten, Schokolade.

Die Ellbogenlöcher in Herrn Kaltmamsells Haus-Strickjacke habe ich wohl das eine oder andere Jahr zu lang angesehen, ihr Durchmesser lässt sie mittlerweile wie Design und Laufsteg-tauglich wirken. Gestern bestellte ich ihm (nach Einholen von Einverständnis, nur Ja heißt Ja) einen irischen Nachfolger, um einen erfreulicheren Anblick zu bekommen (schönes Zeug da).

Früh ins Bett zum Lesen, neue Lektüre ist Percival Everett, James: Mark Twains kanonische Geschichte Adventures of Huckleberry Finn aus der Perspektive des Sklaven Jim erzählt, das hatte mich sofort gereizt (erinnert man sich eigentlich noch an Christine Brückners Wenn du geredet hättest, Desdemona?).

§

Maximilian Buddenbohm erweist sich als pflichtbewusster Hamburger und besucht den Fischmarkt, damit sich jederzeit ausreichend dekorative Einheimische unter den Touristen bewegen:
“Maritime Stimmungsfragen”.

München ist in puncto Stadt-Deko schon auch rührig. Zwar ignoriere ich die jährlichen Aufforderungen, in anständigem Dirndl das Oktoberfest zu authentifizieren, erfülle meine Münchnerinnen-Pflicht aber durch Biergarten-Sitzen, Janker-Tragen und vor allem öffentliches Bayrisch-Sprechen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. (Die Auswärtigen wissen ja nicht, dass gebürtige Münchner*innen ihr Bayrisch fast alle verlernt haben und man am Dialekt treffsicher die zugezogene Provinzlerin oder vom Land identifiziert.)
Manchmal scheitert mein Auftritt allerdings: Wenn ich in der Rolle der “Ich wohne fei hier!” mit Einkäufen oder in Eile durch Besuchergruppen navigiere und darauf hoffe, dass ich vielleicht bestaunt werde (“guck, hier kaufen die Leute auch Frühstücksbrötchen!”), mir vor allem aber Platz gemacht wird.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 29. Oktober 2024 – Raphaela Edelbauer, Die Inkommensurablen

Mittwoch, 30. Oktober 2024 um 6:32

Guter Nachtschlaf, allerdings Verwirrung, als ich um 5:42 Uhr aufwachte, überzeugt war, dass ich noch eine Stunde schlafen konnte und mich nach dem Klogang wieder hinlegte: Der Wecker klingelte planmäßig in dem Moment, in dem mein Kopf auf das Kissen traf um 5:45 Uhr.

Morgenhimmel mit erster Helligkeit, die Silhouette eines Kirchturms, darunter Park eine Straße

Zu meiner Überraschung und Freude gab es zum Hellwerden klaren Himmel mit Mondsichel und Sternen.

Der Bürovormittag war mit reichlich Arbeit und Bewegung gefüllt, wie an den meisten Dienstagen waren die Büros gut besetzt. Mittagscappuccino bei Nachbars, dann spazierte ich weiter zu Discounter-Einkäufen. Die sonnige Luft roch kalt, war aber mild, ich genoss jeden Atemzug.

Spätes Mittagessen, weil Querschüsse: Roggenvollkornbrot, Granatapfelkerne mit Soja-Joghurt.

Emsiger Nachmittag, ohne dass ich mich hetzen musste. Feierabend in letzter Abenddämmerung, auf meinem Heimweg roch die Luft wunderbar.

Unterwegs weitere Lebensmitteleinkäufe unter anderem fürs Abendessen: Herr Kaltmamsell war aushäusig, ich musste mich selbst versorgen.

Leider hatte ich enorm schlechte Laune inklusive Bereitschaft, alles, jede und jeden schlecht und blöd zu finden.

Zu Hause Häuslichkeiten, nach Pilates und Brotzeitvorbereitung machte ich mir als Abendessen Nudeln mit frischen Tomaten und Paprika in Joghurtsauce – da keine kurzen Nudeln im Haus waren (Orecchiette zählen meiner Ansicht nach nicht, zu speziell), bediente ich mich an dem Berg Spaghetti, der sich durch Einkaufslisten-App-Fehlfunktion angehäuft hatte. Ein wenig Gelbe-Bete-Salat war auch noch da, Nachtisch Schokolade. Schon wieder aß ich insgesamt zu viel und wurde mit Bauchdrücken bestraft.

Früh ins Bett zum Lesen, ich wollte Raphaela Edelbauer, Die Inkommensurablen wegbekommen, das mir auf die Dauer dann doch zu abgedreht saturnalisch war. Ich las es dann auch aus.

Die Romanhandlung umfasst 48 Stunden um die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien Ende Juli 1914 in Wien und dreht sich um vier sehr außergewöhnliche Personen:
– Der 17-jährige Hans, mit dem die Handlung einsetzt, ist gerade von dem Bauernhof in Tirol geflohen, auf dem er nach dem frühen Tod seines bürgerlichen Vaters seit Jahren schuften musste. Warum er trotz diesem Hintergrund fast ohne Dialekt sprechen kann und soviel gelesen hat, wird über die weitere Handlung hin erzählt.
– Klara, die gerade in Mathematik promoviert wird – aus bitterarmem Lumpenproletariat stammend. Dieser Widerspruch klärt sich auf den nächtlichen Streifzügen durch Wien, sie macht mit ihren Freunden Station an den wichtigsten Orten ihrer Vergangenheit. Hans trifft sie im Stiegenhaus von
– Helene, der resolute Psychoanalytikerin, wegen der er unbedingt nach Wien wollte. Ihre Geschichte wird in einem eigenen Kapitel erzählt.
– Adam, junger Sohn einer adligen Militärfamilie, mit Klara befreundet und Patient von Helene, der von Kleinkindbeinen an brutal auf eine Offizierskarriere gedrillt wurde. Auch seine Geschichte wird in eigenen Kapiteln erzählt.

Um sie herum tobt Kriegsbegeisterung, ganz Wien ist im Taumel. Die drei absolvieren ein Abendessen bei Adams Familie, auf dem alte, hohe Offizielle die Kriegslage diskutieren. Dann ziehen sie los durch die Wiener Zwischenwelt von Homosexuellen und Drogen. Dazwischen diskutieren sie ausführlich Klassenfrage und Weltlage. Was sie verbindet, sind übersinnliche Wahrnehmungen.

Das alles ist rauschhaft mit vielen Details erzählt, politische Diskussionen wechseln sich ab mit tumultartigen Schlägereien, Orgien, Wahn, am Ende wird Klaras Rigorosums-Vortrag über die Inkommensurablen seitenlang wörtlich wiedergegeben. Mir wurde schon klar, dass die Erzählweise das Durcheinander direkt vor Kriegsausbruch spiegelte, die Gleichzeitigkeit von allem Nicht-Alltäglichen, den irrationalen Kriegsrausch. Doch mir war das insgesamt einfach zu viel, zu konstruiert: Ich kam keiner Figur, keinem Ort und keinem Thema (eingebaut sind auch Suffragetten und Zwölftonmusik) nahe.

§

Entdeckung auf instagram (Beifang aus dem beruflichen Pressespiegel: Der Tagesspiegel hatte “Vermittlungskünstler” aus der Forschung vorgestellt.):
robinga_schnoegelroegel, Plantfluencer, informiert zu Biodiversität.
Hier sein Rant zu Zuchtsorte aus dem Supermarkt und ihre ökologische Auswirkung auf den heimischen Garten.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 28. Oktober 2024 – Ausflug nach Neuperlach

Dienstag, 29. Oktober 2024 um 6:23

Eher unruhige Nacht, verkraftbar nach all dem guten Schlaf.

Nebel über einem herbstbunten Park, schemenhaft ein Kirchturm

Das Draußen war zurückgekehrt zur Nebelsuppe. Bei der Morgentoilette hörte ich über den Innenhof unseres Wohnhauses einen Nachbarn deutlich übler husten als den gebeutelten Herrn Kaltmamsell, aber bei diesem Nachbarn handelte es sich mutmaßlich um den Herrn, der mit starkem Rauchen nachhilft.

In der Arbeit schaffte ich schnell so viel weg wie möglich, stimmte mich mit relevanten Team-Mitgliedern ab, nahm am ersten Teil einer wöchentlichen Online-Runde teil – dann brach ich auf zu meinem Termin Myom-Sprechstunde in der Klinik Neuperlach.

Lange U-Bahn-Fahrt, das letzte Stück ging ich lieber zu Fuß, als mich vom Bus fahren zu lassen, ich wollte ein wenig Neuperlach sehen.

Der Termin involvierte doch einiges an Warterei, aber darauf war ich im Klinik-Betrieb vorbereitet. Die Fachärztin nahm sich viel Zeit fürs vorbereitende Gespräch, dann auch für die Untersuchung, ebenso fürs anschließende Besprechen der Untersuchung und möglicher Konsequenzen. Es stellte sich heraus, dass meine Gebärmutter mittlerweile von meinem (seit vielen Jahren bekannten) Riesenmyom und einigen kleineren Gefährten komplett vereinnahmt wurde, auf dem Ultraschall-Bildschirm war nichts zu sehen außer MYOM, Myome und Gebärmutterhals. Das bedeutet laut der Gynäkologin: Entfernung der Wucherungen selbst unmöglich, doch auch die Entfernung mitsamt Wirts-Organ ist mit für mich überraschenden Risiken behaftet (Frau Dr. hatte tatsächlich Zahlen dazu im Kopf, ich war beeindruckt). Ich werde nachdenken müssen.

Erst nach eins stand ich wieder draußen – und freute mich über einen weiteren Sonnentag, der es durch den Nebel geschafft hatte.

In der Sonne gehen Menschen über eine Brücke, im Hintergrund Wohnhochhäuser und blauer Himmel mit weißen Wolken

Der Himmel über Neuperlach, für mich ein sehr selten besuchtes und deshalb exotisches Stadtviertel Münchens. Doch mir war die lebendige Atmosphäre mit vielen bunten Menschen sofort sympathisch, das viele Grün half ebenfalls, architektonisch fand ich die verschiedenen Wohnblock-Epochen interessant.

Zurück im Büro stürzte ich mich kurz vor zwei exterm hungrig auf meine Brotzeit: Roggenvollkornbrot, Granatapfelkerne.

Dann schaffte ich ordentlich was weg, kam gut durch bis zum Feierabend, musste allerdings selbst an diesem sonnigen Tag die letzte halbe Stunde das Licht im Büro einschalten.

Herr Kaltmamsell muss diese Woche nicht in die Schule und kann seine Zeit frei einteilen: Er hatte die Einkaufsliste leergekauft, ich ging direkt nach Hause. Dort Blumengießen, Wäscheaufhängen, eine halbe Stunde Pilates, Brotzeitvorbereitung.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell aufgewärmt die zweite Runde Gänsebraten mit Semmelknödelfüllung, wieder sehr gut. Auch Gelbe-Bete-Salat war noch da. Nachtisch Nusskuchen und Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 27. Oktober 2024 – Vorübergehender Sonnensieg

Montag, 28. Oktober 2024 um 6:22

Ist mir möglicherweise noch nie passiert: Ich hatte morgens das Ende der Sommerzeit vergessen. Beim Aufwachen zeigte mein Nicht-Funk-Wecker sieben Uhr an, das passte zu meinem Gefühl des Ausgeschlafenseins. Doch später nach Spülmaschine-Ausräumen und Milchkaffeekochen war es auf meinem Handy 20 nach 6, dasselbe zeigte der Laptopbildschirm an. Wo es doch draußen bereits sichtbar tagte? Erst jetzt erinnerte ich mich an den Grund. Und aktualisierte die Uhren an Mikrowelle und Backofen, im Bad und Schlafzimmer.

Beim Aufwachen zogen gerade meine Nasenschleimhäute wieder zu: Am Vortag hatte ich mir einen Chlorschnupfen aus der Hölle geholt und zum Schlafen Nasenspray gebraucht. Herr Kaltmamsell wiederum hustete und schnupfte echt und infiziert, der ärmste, sein Husten klang schon ganz mut- und kraftlos.

Nach Bloggen und der Zubereitung von Gelbe-Bete-Salat (Ernteanteil) fürs Abendessen war ich also in neuer Zeitzählung schon um halb zehn fertig für meinen Isarlauf. Zu meiner Begeisterung hatte sich gerade jetzt der Hochnebel verzogen und die Sonne durchgelassen. Ich konnte mich schier nicht für eine Strecke entscheiden, denn auf allen meinen gewohnten gab es Ansichten und Aussichten, die ich gern bei diesem Licht und zu dieser Jahrezeit sehen wollte. Es wurde dann die Strecke direkt weg von der Haustür über den Alten Südfriedhof Richtung Thalkirchen und zurück.

Ich hoffte mit leichtem Zagen auf Lauftüchtigkeit, nachts war ich einmal mit besonders heftigen Kreuzschmerzen bis ins Bein aufgestanden. Doch das hatte keine Auswirkungen, erst gegen Ende meiner gut 100 Minuten zwickte das Kreuz ein wenig. Als sich auf Höhe Maria Einsiedel auch die ersehnte Leichtigkeit in Beinen, Herz und Kopf einstellte, erfüllte mich tiefe Dankbarkeit für die Körpertüchtigkeit, die mir das ermöglichte.

Düsterer Himmel über einem herbstbunten Park, man sieht die Sonne hindurch

Erste Ahnung, dass es die Sonne schaffen könnte.

Denkmal in einem sonnenbeschienenen Herbstpark, auf dessen Sockel sitzen zwei Männer, zwischen ihnen ein E-Roller

Alter, parkähnlicher Friedhof mit Sonnenschein

Etwas erhöhter Blick auf einen Bach, daneben ein Weg, umgeben von Bäumen

Brücke über Fluss, in der Mitte ein Reiterdenkmal, rechts der Fluss, an dessen Ufer sitzen Menschen

München strömte umgehend ins endlich sonnige Draußen, die Weg füllte sich schnell mit Menschen an Hundeleinen, Jogger*innen, Spaziervolk, Sonnensitzer*innen.

Kahler kleiner Baum über Pfade, im Hintergrund Wiese und Sonnenschein

Hohe, fast kahle Bäume über einem Fußweg

Sonnige Flusslandschaft mit weitgehend kahlen Bäumen

Weg mit fast kahlen Bäumen in der Sonne, darauf eine Joggerin, im Hintergrund Schornsteine

Lichter herbstlicher Laufwald in der Sonne, in der Mitte ein Fußweg

Alter, parkähnlicher Friedhof in der Sonne, im Hintergrund ein kleiner Kirchturm mit Ziffernblatt einer Uhr

Frühstück kurz nach eins: Kartoffelsalat mit Majo, Roggenvollkornbrot mit Tomate, Nusskuchen (etwas zu viel). Kurze Siesta, dann Zeitunglesen und Romanlesen im Wohnzimmer – ich musste den Rollladen ein wenig herablassen, um nicht vom Sonnenlicht geblendet zu werden!

Ab Nachmittag roch es köstlich in der Wohnung: Herr Kaltmamsell briet auf meinen Wunsch fürs Nachtmahl die erste Gans der Saison. Sie war gerade gar, als ich eine Runde Pilates durchgeturnt hatte.

Braun gebratene Gans

Bei Geflügel ergänzen sich Herr Kaltmamsell und ich perfekt: Er kommt aus einer Brust-Kultur, ich aus einer Schenkel- und Knochenfiesel-Kultur. Also holte ich mir Keule und Flügel der Gans, er bekam eine Brust, beide bedienten wir uns an der Semmelknödel-Füllung, als Gemüse hatte ich ja Gelbe-Bete-Salat vorbereitet. Schmeckte alles hervorragend – und es blieb reichlich für mindestens eine weitere Mahlzeit übrig. War dann aber doch so viel, dass nur ein winziges Stück Schokolade hinterherpasste, eher aus medizinischen Gründen.

Früh ins Bett zum Lesen, weiter Vergnügen an der Lektüre von Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen und Formulierungen wie:
“Gelbe Barockfassaden standen in der Sonne wie geschmückte Pfingstochsen.”

§

“Der Straßenverkehr ist ein Kriminalitätsschwerpunkt”.

§

Ein schöner Artikel über Kommunikation in Fremdsprachen, mir als Teil einer vielsprachigen Familie mit nicht immer klar abzugrenzenden Überschneidungen ist das vertraut.
“Austausch an der Adria
Jedes Verstehen ist ein Gruppenerfolg”.

Es gibt auf Reisen mehr als Verstehen und Nichtverstehen. Reden in zwei verwandten Sprachen, von denen jede Person am Tisch nur eine spricht, fühlt sich an, als würden zwei Züge in gegensätzliche Richtungen aneinander vorbeifahren. Man nimmt Schemen und Fetzen wahr, ein bisschen Wahrheit und eine Kaskade von Irrtümern. Die jüngere Frau: „Mein Vater lebt in Deutschland.“ Ich: „In welcher Stadt in Deutschland?“ „Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart …“ „Nein, ich meine, wo lebt dein Vater?“ „Wieso mein Vater? Mein Vater ist tot.“ ­Samuel Beckett hätte seine Freude gehabt.

Aber unser absurder Diskurs hat auch eine merkwürdige Poesie. Wir wiederholen uns in Endlosschleife, langsam und betont wie Betrunkene. Wenn nichts geht, lächeln wir und trinken mehr Kaffee.

§

Es mag eine Art Aberglaube sein: Je mehr Berichte ich von Menschen lese, die sterbende Angehörige begleitet haben, desto weniger schlimm wird dieses Begleiten für mich werden. Dabei weiß ich doch, dass es Gefühle gibt, auf die ich mich nie werde vorbereiten können. Dennoch hier weitergereicht sieben Geschichten, die Angehörige vom Sterben erzählen:
“Protokoll: ‘Ich habe mir das Sterben irgendwie unwürdiger vorgestellt'”.

Hier noch einer, der bei “Daß ich weder den Tag noch die Stunde kenne” nicht an sein eigenes Ende denkt, sondern an den der allerliebsten.
“Von einer großen Liebe bleibt auch,”.

die Kaltmamsell