Journal Samstag, 27. Januar 2024 – Alasdair Gray, Poor Things

Sonntag, 28. Januar 2024 um 7:44

Alasdair Gray, Poor Tings

Ich habe eine ganz persönliche Geschichte zu diesem ganz konkreten Buch. Als ich von einem neuen Film namens Poor Things erfuhr, dauerte es eine Weile, bis ich ihn der Romanvorlage von 1992 von Alasdair Gray zuordnete und damit einem meiner liebsten Papierbücher in unseren Regalen.

Der schottische Autor Bernard MacLaverty (u.a. Cal und Lamb) war 1993 zu Gast an der Uni Augsburg, wir Hiwis am Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft kümmerten uns um seine Lesungen, waren Teil der geselligen Runden im Anschluss. Dabei erzählte er von seiner Freundschaft mit dem schottischen Schriftsteller Alasdair Gray, zeigte und empfahl dessen Roman Poor Things, unter anderem weil er von Gray selbst illustriert war und MacLaverty für das Titelbild Modell gesessen hatte.

Ich bestellte diese Hardcover-Ausgabe im örtlichen Buchhandel (also beim Pustet) – und wartete viele, viele Wochen darauf. Vor Internet-Zeiten waren Lieferungen aus dem Ausland umständlich, in diesem Fall handelte es sich auch noch um einen Direktimport, doch ich wollte unbedingt genau diese Ausgabe. Sie kostete mich laut Bleistifteintrag auf dem hinteren Innenblatt satte 56 Mark – zur Einordnung: das war damals ein Fünftel meiner Monatsmiete.

Doch das war es wert. Zwar sieht man auch in der Taschenbuchausgabe Grays Illustrationen und die vielen Bilder aus dem 19.-Jahrhundert-Klassiker Gray’s Anatomy (nachdem das Werk hier und in John Irvings Cider House Rules eine zentrale Rolle spielt, kaufte ich mir kurz darauf bei einem England-Aufenthalt ein günstiges Faksimile von einem Sonderangebotsstapel – in dem ich bis heute nachschlage, was mir da eigentlich gerade weh tut). Doch nur ein Hardcover hat ein Hard Cover unter dem Schutztumschlag, und das ist hier besonders schön.

Als ich das Buch jetzt aus dem Regal zog, fiel mir ein Zeitungsausschnitt darüber entgegen, in dem es “With filming about to start” heißt. Hat dann offensichtlich ein wenig länger gedauert.

Ich hatte kaum Erinnerungen an die Lektüre vor 30 Jahren und war jetzt positiv überrascht. Poor Things ist ein technisch sehr eigenwillig und opulent erzählter Roman. Wir haben Umberto Ecos “Natürlich eine alte Handschrift”: Laut der “Introduction” von Alasdair Gray besteht der Hauptteil der Geschichte in zufällig gefundenen Unterlagen, die eine Behörde in Glasgow als Abfall an die Straße stellte, nämlich “Episodes from the Early Life of a Scottish Public Health Officer by Archibald McCandless M.D.”

Erzählt wird darin aus der Perspektive von Archibald McCandless die Geschichte seines Freundes, des Arzts Godwin Daxter, der mit dem Wiederbeleben von Leichen experimentiert, darunter die einer jungen, hochschwangeren Frau, Bella Baxter: Er setzt ihr das Gehirn ihrer ungeborenen Tochter ein, sie lernt in atemberaubenden Tempo. Ein großes Stück der Handlung erfahren wir durch den Brief von Duncan Wedderburn, mit dem Bella durchbrennt und der sich von ihr in den Wahnsinn getrieben sieht. Fast dasselbe Stück Handlung bekommen wir dann nochmal von Bella erzählt, ebenfalls in Briefform, was sich ganz anders liest.

Nach diesem gefundenen Buch aus Selbstverlag enthält der Roman den Brief der Hauptfigur Bella: “A letter about the book to a grand- or great-grandchild by ‘Victoria’ McCandless M.D.” Sie nimmt praktisch alles an der eigentlichen Geschichte auseinander, erzählt die realen Hintergründe aus ihrer Sicht – eine weitere fiktive Version.

Und dann tritt nochmal der Autor der Introduction auf, Alasdair Gray, mit elaborierten Fußnoten, die angebliche historische Quellen als Belege für Details des zufällig gefundenen Manuskripts anführen, inklusive Kartenmaterial, erfundene Kipling- und Dickens-Zitate, aber auch Ausschnitten aus Victoria McCandless späteren Werken.

Die intellektuelle und gesellschaftliche Unbefangenheit Bellas in der Romanhandlung erinnerte mich an Diana Price (für Sie Wonderwoman) in der Verfilmung von 2017: Während Diana ohne die weibliche Prägung in Westeuropa Ende 18. / Anfang 19. Jahrhundert aufgewachsen war, wuchs Bella ja gar nicht auf. Und wenn sie Lust dazu hat, schreibt sie ihre Briefe halt seitenweise “wie Shakespeare”, also im Blankvers.

Das passt alles sehr gut zu dem, was ich über die aktuelle Verfilmung gelesen habe: Ein Rausch an erzählerischen Mitteln. Und heute Nachtmittag sehe ich mir die Umsetzung an.

§

Als mich um sieben die Kirchenglocken endgültig weckten, sah ich bereits einen hellen Schein am wolkenlosen Himmel: Die Tage werden wirklich länger.

Die Efeutute im Wohnzimmer hat einen Nebenjob als Vorhanghalter übernommen.

Deutlich vor zehn war ich durch mit Bloggen, Milchkaffee, Wasser, Schwarztee aus frischgefiltertem Wasser und radelte durch die kühle Sonne zum Olympiabad.

Nicht nur war meine Bahn gemäßigt beschwommen: Zum ersten Mal seit ich mich erinnere waren das alles reine Schwimmer*innen, niemand benutzte Geräte/Hilfsmittel/Spielzeug. Ich konnte also meine 3.000 Meter selbstvergessen durchziehen, kein Risiko von blauen Flecken (am Montag davor hatte ich mir vor lauter Rechtsschwimmen sogar Kratzer an rechter Schulter und Nasenseite am Bahnentrennplastik geholt). Und das auch noch mit Sonnenglitzer.

Zurückradeln auf direktestem Weg, wenn auch von zu 70 Prozent roten Ampeln gebremst. Zu Hause kümmerte ich mich umgehend um die Bagels, einige tunkte ich diesmal in Sesam.

Frühstück um zwei drei Bagels: Frischkäse/Tomate/Kresse, Guacamole, Frischkäse/Orangenmarmelade. Ganz frisch schmeckte das Gebäck eher nach Semmel als nach gummigem Bagel.

Nachmittag im sonnendurchfluteten Wohnzimmer mit Romanauslesen und darüber Schreiben, kurzer Siesta. Später wiederholte ich die Yoga-Gymnastik vom Vorabend, allerdings ohne das Rumliegen am Anfang und korrigiert: Ich hatte mich nicht verhört, Adriene sagt den Ausfallschritt mit Übergang zum Krieger zweimal fürs linke Bein an.

Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Blaukrauts auf meinen Wunsch zu einer Rotkohl-Apfel-Suppe (zufällig hatten wir noch gehackte Selleriestangen in der Gefriere).

Schmeckte ganz ausgezeichnet. Davor gab’s restlichen Prinzen-Prosecco mit Nüsschen, danach Schokolade.

Im Bett begann ich neue Lektüre, den Bildband Gabriele Conrath-Scholl (Hrsg.), August Sander, Meisterwerke – auch mit Halslicht keine bequeme Bettlektüre.

§

Auch in Wien wurde am Freitag gegen Rechtsextremismus demonstriert, verlesen wurde unter anderem ein Text von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek:
“Elfriede Jelinek: Ich höre ein Ungeheuer atmen”.

Sie haben Unterstützer mit Geld, und sie sammeln noch mehr, wie man im Brandenburger Landhotel am See sehen konnte, doch ihre Stimmen holen sie sich von denen, die sie entrechten und verarmen lassen wollen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 26. Januar 2024 – Ereignisarmer Wochenabschluss

Samstag, 27. Januar 2024 um 8:01

Bei diesem Weckerklingeln konnte ich mich endlich über “Freitag!” freuen, die Woche hatte sich arg gezogen.

Im E-Mail-Postfach die Bestätigung der Ferienwohnungsbuchung für Berlin zur re:publica mit ein paar Tagen Berlin drumrum (wieder Charlottenburg): Große Erleichterung, ich bin einfach so viel entspannter an einem Urlaubsmorgen, der mit Rumschlumpfen an Milchkaffee beginnen kann, in einer Unterkunft, die mich unabhängig von Hotel-Rhythmus lässt, mir die Verarbeitung von Lebensmittel-Einkäufen ermöglicht, in der ich wohnen kann, nicht nur übernachten. Dann zahle ich halt in Berlin mehr dafür als für ein Hotelzimmer.

Im Büro brühte ich mir einen interessanten Tee vom Kräuter-Paradies auf, den ich erstmals ausprobierte.

Nach der zweiten Tasse stand fest: Mag ich. (Ich wähle ja eher nach Ausschlussprinzip: Ohne irgendwas Lakritziges, also kein Süßholz, keine Brombeerblätter; Minze in Mischungen nur gering).

Draußen verdüsterte sich das Wetter, hin und wieder regnete es. Nach viel hochkonzentrierter Datenbankarbeit also Mittagscappuccino nur bei Nachbars.

Mittagessen war wieder eingeweichtes Muesli mit Sojajoghurt, eine Orange.

Jetzt regnete es immer stärker, meine Datenbankarbeiten wurden von Prasseln gegen Fenster begleitet.

Pünktlicher Feierabend. Durch den jetzt nur wenig Regen kam ich gut mit hochgeschlagener Kapuze. Unterwegs Einkäufe beim Vollcorner, vor allem Körperpflegeprodukte.

Herr Kaltmamsell hatte darauf hingewiesen, wie lange es schon keine Bagels mehr gegeben hatte. Daheim machte ich mich also an die Umsetzung dieses Rezepts.

Während des ersten Hefe-Aufweckens hakte ich einen weiteren Schritt Richtung zweite Charge Rentenpunkte ab, dieser verlief einfacher und schneller als gedacht. Teigkneten. Die nächste Folge Yoga-Gymnastik startete mit einer so langen Phase besinnlichen Rumliegens (über 5 Minuten), dass ich zu frösteln begann.

Offizieller Start des Wochenendes, seit Tagen hatte ich mich auf ein Glas Bubbly zum Anstoßen gefreut und öffnete glitzernden Prinzen-Prosecco:

Wunderbar aromatisch, passte gut zu den dazu gereichten libanesischen Nüsschen, aber nur ein Glas, Rest verplöppelt in den Kühlschrank, denn zum Essen sollte es burgenländischen Rotwein geben.

Herr Kaltmamsell servierte Freitagsfleisch (Entrecôte) mit Guacamole (Crowdfarming-Avocados) und Ofen-Pastinaken (Ernteanteil), köstlich. Dazu Paul Achs Blaufränkisch Heideboden, der für meinen Geschmack eine zu spitze saure Note hatte. Zum Nachtisch reichlich Schokolade.

Im Fernsehen ließen wir einen der neuere Star-Wars-Kinofilme (ich habe schon lang keinen Überblick mehr über die verschiedenen Generationen) laufen. Ich freute mich zwar, Carrie Fisher nochmal zu sehen, kann aber weiterhin mit dieser Art Heldenwelt wenig anfangen (im Gegensatz zur philosophisch geprägten Science Fiction von Start Trek), Menschen sind verschieden.

§

Marina Weisband im Radio-Interview beim SWR, Thema ist erstarkender Rechtsextremismus und der Protest dagegen:
“Marina Weisband: ‘Ich muss mich aufs Kämpfen einstellen'”.

Ich empfehle ihre klugen Worte, zum Beispiel zu falsch verstandenem Neutralitätsbemühen öffentlich-rechtlicher Medien:

Die Wahrheit aber ist: Unsere Verfassung ist antifaschistisch, und Antfaschismus ist eine Haltung, diese Haltung ist nicht neutral.

Oder:

Ganz ehrlich: AfD-Wähler sind mir egal. Es gibt in Deutschland 20 bis 25 Prozent latente Antisemiten; das ist bekannt, das ist schon lange so. Meine Aufgabe ist nicht, sie davon zu überzeugen, dass ich kein schlimmer Mensch bin. Meine Aufgabe ist, sie von der Regierungsbank fern zu halten.

Ab Minute 17:11 prognosiziert Marina Weisband, was ein Verbotsverfahren gegen die AfD ihrer Meinung nach auslösen wird – wie der Moderator (Markus Brock?) abschließend kommentiert, das überzeugendste Plädoyer dafür, das ich je gehört habe.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 25. Januar 2024 – Riesiger Deko-Mond überm Zirkuszelt

Freitag, 26. Januar 2024 um 6:30

Nach einer unruhigen Nacht wachte ich zu herrlicher Ruhe auf: Der Sturm hatte sich gelegt. Es waren wieder deutliche Plusgrade angekündigt, ich trug wenigstens unter der dicken Winterjacke nur Dünnes.

Vollmond über der Theresienwiese – und direkt über dem Zelt des Cirque du soleil. In Echt noch viel riesiger, ich bekam den ersten BOAH!-Moment des Tages.

Bei einem Telefonversuch vor Arbeitsstart kam ich innerhalb weniger Minuten bei der Deutschen Rentenversicherung durch und stellte meine Detail-Frage zur Rentenminderung: Ich wollte mich lediglich versichern, dass die Höhe des Restbetrags zum Ausgleich einer Rentenminderung bei vorzeitigem Ruhestand (also die Kosten der Rentenpunkte), der mir vor einem Jahr schriftlich genannt worden war, auch jetzt noch galt, denn das Schreiben hatte keine Frist für die Begleichung genannt. Die Bestätigung bekam ich mit angenehm amüsiertem Tonfall in Berliner Zungenschlag. Die Stimme kam mir vom letzten Telefonat vor über einem Jahr bekannt vor: Da ich ja vor Warteschleife bereits meine Versicherungsnummer durchgegeben hatte, ist das vielleicht meine Sachbearbeiterin? Das würde mir gefallen, ich könnte das einfach beschließen.

Sehr emsiger Vormittag, doch ich hatte genau eine halbe Stunde Lücke für Mittagscappucino bei den Coffee Bro’s.

Wo schonmal Frühling getestet wurde. Der Marsch hin und zurück tat besonders gut.

Zurück im Büro ging’s hochgetaktet weiter – ich bin nix mehr gewohnt. Erst sehr spät kam ich zu meinem Mittagessen: Apfel, eingeweichtes Muesli mit Sojajoghurt, Orange.

Dann ging’s grad so getaktet weiter, um vier hing ich erledigt in den Seilen – eben nix mehr gewohnt. Das kann ja lustig werden, wenn ich im Mai zu den Rollen zurückkehre, für die ich eigentlich eingestellt wurde.

Diesmal holte ich meine Feierabendpläne vom Mittwoch nach und ging in angenehmer, trockener Luft los über die Theresienwiese (riesiger Vollmond hinter Wolkenschleier) zum Kräuter-Paradies in der Blumenstraße, füllte meine Büro-Tee-Vorräte auf. Auf dem Heimweg in einem Edeka auch die Schokoladen-Vorräte.

Zu Hause turnte ich nochmal die Yoga-Gymnastik für Bauch vom Vortag.

Herr Kaltmamsell hatte aus dem eben geholten Ernteanteil (derzeit ohne Salat weil halt Winter) das Nachtmahl zubereitet: Kartoffelgratin mit Lauchgemüse.

Ausgesprochen köstlich: Der Lauch nach Jamie Oliver mit Wermuth, Zitronenschale, Thymian, viel Butter, der Kartoffelgratin klassisch. Nachtisch Schokolade.

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Das Magazin Falstaff stellte Katha Seisers neuestes Kochbuch vor:
“Mei liabste Speis: Katharina Seisers ‘Österreich Express'”.

Jetzt hab’ ich’s mir dann doch beim Verlag bestellt, auch wenn ich eigentlich keine Papier-Kochbücher mehr kaufen wollte (besitze mehr als genug mit Klebezettelchen in den noch nachzukochenden Rezepten). Aber ich will Kathas Geschichten darin lesen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 24. Januar 2024 – Vom Regen in die U-Bahn geweht

Donnerstag, 25. Januar 2024 um 6:21

Morgens öffnete ich die Fenster zu definitiv für Januar zu warmer Luft. Auf dem Weg in die Arbeit war mir meine Winterjacke viel zu dick.

Mittagscappuccino bei Nachbars, ich ging hemdsärmlig hinüber. Es windete heftig, beim Mittagessen (Apfel, Grünkohleintopf vom Vorabend) war ich bereits wieder leicht genervt vom Pfeifen, Brausen, Rauschen.

Im weiteren Verlauf des Nachmittags setzte Regen ein. Der wurde bei fortdauerndem Wind immer stärker und warf sich gegen das Bürofenster. Der Regenradar zeigte an, dass das Gebiet bis weit nach Feierabend regnen würde.

Ich hatte geplant, nach der Arbeit in die Innenstadt zu spazieren und Kräutertees zu kaufen, doch bei diesem heftigen und windigen Regen würde das keinen Spaß machen. Möglicherweise zum ersten Mal nahm ich die U-Bahn nach Hause, mit Umsteigen am Hauptbahnhof, denn selbst bis zur Bushhaltestelle für eine deutlich schönere und direkte Busfahrt wäre ich nass geworden.

Die ungewöhnlich frühe Heimkehr konnte ich ja für die Erledigung einer Rentenversicherungsgeschichte nutzen – dachte ich. Doch erledigt bekam ich nicht mal den ersten Schritt, einen kurzen Anruf zur Klärung eines Details: Nach einer vollen Stunde in der Warteschleife (nebenher Wäsche zusammengelegt, mich abgeschminkt, Pflanzen gegossen, Blogposts bei VG Wort einkopiert, Ferienwohnungen in Berlin zur re:publica recherchiert – die Preise sind wirklich unerhört) gab ich auf. Da ich sonst große Anstrengungen unternehme, auf anderen Wegen als per Telefon Dinge zu erledigen, bin ich sowas nicht gewohnt.

Dann war auch schon Zeit für Yoga-Gymnastik, es gab was auf die Bauchmuskeln.

Zum Nachtmahl (Ernteanteil war bereits aufgegessen) machte Herr Kaltmamsell Dirty Martini Pasta: Das Rezept hatte ich ihm zugeworfen, nachdem ich es bei Mequito entdeckt hatte. Er verwendete schwarze Oliven statt grüne, das Ergebnis schmeckte ausgezeichnet. Nachtisch Schokolade.

Ich stolperte auf arte über den Film “Tagebuch eines Skandals” mit Judi Dench und Cate Blanchett und freute mich – um zu merken, das ich die Aufmerksamkeit dafür nicht aufbrachte, auch wenn Judi Dench schon in den wenigen Szenen, die ich mitbekam, großartig spielte. Herr Kaltmamsell war ohnehin bereits hustend und keuchend erkältet in seinem Bett verschwunden.

Also wechselte auch ich ins Bett zum Lesen (wofür ich anscheinend weniger Aufmerksamkeit brauche, ich versank eine Stunde lang in Poor Things).

§

Hin und wieder gestehe ich ja mein schlechtes Gewissen, dass ich von Finanzplanung und Investitionen so gar keine Ahnung habe, nicht mal Interesse dafür aufbringe.
Doch derzeit denke ich dann an all die Finanz-Superchecker*innen, die meisten sogar von Berufs wegen, die das mit Signa/Benko verkackt haben. Und dann geht’s wieder.

Gestern die Seite Drei der Süddeutschen (€):
“Was von allem übrig bleibt”.

Es gehören halt immer zwei dazu: Einer, der blendet, und einer, der sich blenden lässt. Und Benkos Blendwerk war vom Feinsten. Allem voran die Yacht Roma, 62 Meter reinster Luxus mit Indoor-Pool und Kino, meist schipperte sie vor Cannes herum. Betriebskosten 12 000 Euro, am Tag. Hier urlaubte Benko nicht, hier arbeitete er, etwa wenn Mipim in Cannes war, eine der größten Immobilienmessen der Welt. Hierhin lud er auch schwierige Geschäftspartner ein, um sie zu beeindrucken, Großgläubiger, die er von seiner Solvenz überzeugen wollte.

Sowas funktioniert außerhalb von schlechten Filmen und Martin-Suter-Romanen?!

Nachtrag: Am Sonntag hatte ich ja auch das passende Foto dazu in der Münchner Kaufingerstraße aufgenommen:


die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 23. Januar 2024 – Noch ein Winterdienstag

Mittwoch, 24. Januar 2024 um 6:30

Bessere Nacht, bei einem Aufwachen musste ich mich allerdings mit der Erkenntnis auseinandersetzen, dass erst Montag vorbei war, bei einem weiteren fiel mir ein mögliches mittelschlimmes Versäumnis in der Arbeit ein (ich hatte einen Termin nicht nachgeprüft, im Büro stellte sich heraus, dass er unkritisch liegt).

Draußen viel Wind, aber nicht nervig sturmlaut. Da ich ja schon am Vorabend geduscht und Haare gewaschen hatte, ging die Morgentoilette fix, und ich kam früh aus dem Haus. Draußen neben Wind Düsternis und vereinzelte Regentropfen.

Über den Vormittag regnete es aber heftig. Was ein Glück, dass die Wolken sich pünktlich zu meinem Mittagscappuccino-Impuls verzogen, ich marschierte raus ins Milde.

(2024 ist übrigens, wenn ich den Regenradar checke, ob es sich lohnt, das Bürolicht auszuschalten.)

Später gab es am Schreibtisch als Mittagessen eine Orange, Joghurt mit Quark. Büro-Nachmittag mit viel Stillarbeit.

Auch der Heimweg war trocken, nicht zu gruslig mild. Beim Vollcorner füllte ich unsere Vorräte an Milch, Milchprodukten und Obst auf.

Zu Hause eine Runde Yoga-Gymnastik. Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell aus Ernteanteil-Grünkohl, -Kartoffeln, -Karotten, -Sellerie, -Zwiebeln Eintopf gekocht, auf meinen Wunsch mit Linsen, und ich hatte noch Räuchertofu mitgebracht, den er reinschnitt.

Das Ergebnis war vielleicht nicht das hübscheste (Eintopf halt), aber ausgesprochen schmackhaft – und zufällig vegan. Die Linsen dickten den Eintopf gut an, das Räucheraroma machte sich ausgezeichnet.

Herr Kaltmamsell verabschiedete sich ungewöhnlich früh ins Bett: Der ärmste wird schon wieder von Erkältungssymptomen gebeutelt und hustet, das ist nur wenige Wochen nach der jüngsten einer Reihe von Erkältungen nicht fair. Er war doch immer der gesunde!

Im Bett las ich weiter in Alasdair Gray, Poor Things – das ich lediglich als Kuriosität in Erinnerung hatte, doch das sich als richtig gut herausstellt, auf vielen unerwarteten Ebenen.

§

Mal wieder eine Foto-Rückschau:

Januar vor zehn Jahren.

Januar vor 20 Jahren, auf Geschäftsreise im nordenglischen Stockport.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 22. Januar 2024 – Schwimmabenteuer nach Feierabend

Dienstag, 23. Januar 2024 um 6:15

Unruhige Nacht, ich wäre jetzt wieder für eine gute bereit.

Nach Weckerklingeln erstmal Haushaltsgeschäftigkeiten: Spülmaschine ausräumen, getrocknete Wäsche verräumen.

Ich verließ das Haus mit vollem Rucksack: Plan war eine Schwimmrunde nach vorgezogenem Feierabend. Ich habe nämlich das Bedürfnis nach einer Sporteinheit zusätzlich zum Wochenende, für Laufen ist es mir vor und nach der Arbeit zu dunkel, und das Olympiabad zeigt bei Google spätnachmittags am Montag die geringste Belegung unter der Woche an (wohl weil die Bewegunsbedürftigen sich am Wochenende ausgetobt haben und erst am Dienstag mehr brauchen).

Theresienwiesendrama (Bildausschnitt dem Umstand geschuldet, dass ein Zaun die Sicht behinderte und ich zwischen engstehenden Stäben durchfotografieren musste).

Erst im Büro erfuhr ich vom angekündigten Bahn-Streik – weil er einige Pläne/Veranstaltungen zerschießt.

Wie immer Montagvormittag viele Besprechungen. Eine davon verhinderte meinen Mittagscappuccino – nicht schlimm, ich hatte eh keine rechte Lust.

In MS Teams baute ich ein neues Hintergrundbild ein.

Trotz massivem Ausmisten um den jüngsten Auszug herum gibt es in unserer Wohnung noch so viele Bücherwände, dass ich alle paar Monate wechseln kann.

Als Mittagessen gab es Hüttenkäse sowie vorgeschnippelte Mango und Orange.

Draußen verdüsterte sich das milde Wetter wie angekündigt, es gab Regen. Doch ich schaffte es tatsächlich, schon um vier Feierabend zu machen und mit der U-Bahn zum Olympiabad zu fahren.

Nach wenigen Bahnen musste ich umziehen: Auf der von mir beschwommenen begann Vereinstraining. Auf der nächsten wurde es sehr schnell sehr voll. Und das waren alles Leute, die nicht zum Schwimmen hier waren, sondern zum Trainieren, die meisten wechselnd bewaffnet. Das Ergebnis war ein Gemetzel, als schlichte Bahnenzieherin fühlte ich mich sehr wie ein störender Fremdkörper. Aber natürlich zog ich meine 3.000 Meter durch, ich hatte gezahlt, und die (weil abends) befürchteten Krämpfe blieben aus. (Bis auf die letzten 150 Meter, ABER DAS WOLLTEN WIR JA MAL SEHEN!)

Das mache ich nicht nochmal, ich verließ das Olympiabad mit unterirdischer Laune und Aussicht auf eine blaue rechte Hand (durch mein Bemühen, immer überholbar weit rechts zu schwimmen und resultierendes Kollidieren mit Bahnbegrenzung). Ich werde halt für Wochentags-Sport bis mehr Tageslicht warten müssen.

Rechts die drei Vereins-Schwimmbahnen.

Draußen regnete es mittlerweile energisch und windig. Kapuze hoch und grimmig zur U-Bahn marschiert.

Daheim hatte Herr Kaltmamsell schon Abendessen gemacht: Gänsefleisch-Gröstl, Blaukraut, Nudeln und Bratensauce – großartig. Nachtisch Schokolade.

§

Zu Irritationen auf Demos schickte mir @elbwiese den Link zu einem Thread mit Tipps.

Beeindruckendstes Foto der Münchner Demo “Gemeinsam gegen rechts”.

§

novemberregen zum Thema Heiratsantrag:
“21. Januar 2024”.

Ich bin erleichtert, dass sie das auch so sieht:

Wenn Sie 100% sicher sind, dass die andere Person auf einen Antrag wartet, warum muss sie dann überhaupt darauf warten, was ist das für ein Machtspiel? Warum wird das denn nicht partnerschaftlich besprochen, was die jeweiligen Vorstellungen sind und warum sie so sind.

Denn ich bekam erst kürzlich (in größerer Runde) wieder die Situation erzählt, dass sie nach jahrelangem überzeugten Zusammenleben als Hetero-Paar ohne Ehe aus einem Anlass heraus dann doch gerne heiraten wollte. Mein Einwurf: “Und dann hast du ihm das vorgeschlagen?” erntete rundum aufgerissene Augen und von der Erzählerin ein “NIE! MALS!” An diesem Punkt stieg ich komplett aus, diese Art von Partnerschaft ist so weit weg von meiner, dass ich innerlich ausstieg (und die Erzählerin steht mir nicht nah genug, dass ich so lange nachfragen konnte, bis ich ihr Konzept verstand).

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 21. Januar 2024 – Eine riesige, sehr kurze Demo gegen rechts

Montag, 22. Januar 2024 um 6:34

Etwas unruhige Nacht, aber bis zum Sieben-Uhr-Läuten geschlafen.

Wieder ein Tag mit Plänen, der aufziehende Sonnenschein freute mich sehr. Herr Kaltmamsell sorgte mit seiner Jahresproduktion Orangenmarmelade dafür, dass die Wohnung herrlich duftete.

Nach Bloggen, Milchkaffee, Wasser, Tee verließ ich das Haus schon vor zehn zum Laufen. Ich nahm meine Mehr-Netto-vom-Brutto-Route durch den Alten Südfriedhof, den ich dieser Tage wieder offen gesehen hatte.

An den Wegesrändern gestapelter Schneebruch.

Anhaltende Freude über die Sonne, auch wenn sie mich auf Schnee immer schmerzlich blendet – ich hatte zum Glück an meine Sonnebrille gedacht. Und es war gerade nicht zu kalt, ich konnte ohne schmerzende Lungen atmen. (Dass mir über meine anderthalb Stunden Lauf viermal Männer mit nackten Beinen joggend entgegen kamen, nahm mich allerdings ein wenig mit.)

Mehr Schneebruch bei Maria Einsiedel.

Wenn ich diesen Weißdorn links regelmäßig in Blütenpracht fotografieren kann, dann auch mal in winterlicher Kargheit.

Abschließend kaufte ich noch Semmeln. Die gab es daheim schon um halb eins zum Frühstück, außerdem einen Apfel.

Strumpfhose unter Jeans, dicksten Wollpulli über Thermo-Rolli, Mantel, Schneeschuhe, Mütze, Ski-Fäustlinge: Kurz nach eins spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell Richtung Siegestor zur Demo “Gemeinsam gegen rechts”, wir überließen die sicher raren U-Bahn-Plätze denjenigen, die von weiter her anreisten. Wir kamen auch nur bis ca. 250 Meter vors Siegestor, ab hier war vor uns voll. Ich sah Menschen aus wirklich allen Altergruppen, das war sehr, sehr schön. Ohnehin: Dass die Organisator*innen diese Veranstaltung innerhalb einer Woche hochgezogen haben, ist wirklich unglaublich, allerhöchster Respekt.

Und dann musste die Veranstaltung bereits nach 45 Minuten abgebrochen werden: Mit laut Veranstaltungsleitung 250.000 Menschen war es zu voll (die Polizei zählte 100.000 Teilnehmende), das Sicherheitsrisiko zu groß. Das fand ich vor allem deshalb schade, weil ich gerne mehr Redner*innen gehört hätte; bis dahin hatten mir einige Wortmeldungen unangenehm aufgestoßen.
– “Ganz München hasst die AfD” war nicht mein Sprechchor, denn ich hasse die AfD nicht, ich lehne sie durch und durch ab. Hass hat in der Politik, die ich mir wünsche, überhaupt keinen Platz.
– Vom “Die Ampel-Regierung ist auch nicht besser, na ja, ein bisschen” der Band Kafvka distanziere ich mich energisch: Meiner Überzeugung nach sollen diese Demos gegen rechts die Landes- und Bundesparlamentarier*innen in ihrem Kampf gegen rechts unterstützen, sollen ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Wer ihre Arbeit nicht grundsätzlich wertschätzt (das schließt ja Kritik nicht aus), denkt nicht demokratisch.

Dass eine Frau mit einem Schild “before Zionism there was peace” vor mit vorbeiging, beunruhigte mich ebenfalls. Jetzt bin ich ja eher Demo-Neuling: Muss ich sowas in Kauf nehmen und bin nur überempfindlich? Ansonsten sah ich fast nur fröhliche und positive Schilder.

Nach Abbruch der Veranstaltung wurde es ungemütlich: Die Menge, in der ich stand, zerstreute sich nicht. Ich wollte Richtung Odeonsplatz abgehen, doch kurz vor der Schellingstraße steckte ich fest, es bewegte sich 25 Minuten lang gar nichts (immer wieder Durchsagen der Veranstaltungsleitung mit der Bitte, über Nebenstraßen und den Englischen Garten abzugehen, mit Hinweisen, dass die Veranstaltung abgebrochen worden war – es kamen wohl immer noch mehr Teilnehmer*innen nach, unter anderem, weil sie es in überfüllten Öffis nicht bis zum Siegestor geschafft hatten).

Und es wurde immer enger, da von links und rechts Leute dazukamen, die glaubten, auf der anderen Seite ginge es besser, und die dann ebenfalls stehenbleiben mussten, und zwar mittendrin. Gerade als mein Gesamtsystem mit der Idee spielte, dass Panik die angemessene Reaktion sein könnte, lichtete sich der Haufen ein wenig und es ging in Minischritten weiter.

Das Resultat formulierte @abspann gut:

Was dann allerdings sehr charmant war: Als ich durch die Innenstadt mäandernd nach Hause spazierte, sah ich immer wieder Spaziergänger*innen mit Demo-Schildern noch in der Hand.

Herr Kaltmamsell hatte es nur wenig vor mir nach Hause geschafft und arbeitete bereits am Sonntagsessen: Gänsebraten!

Ich las, hängte Wäsche auf, turnte ein wenig Yoga-Gymnastik, bereitete meine Bürobrotzeit für Montag vor. Dann gab’s: Gans satt.

Sie war hervorragend geraten, außen knusprig, innen zart und saftig. Wir hatten zwar auch noch übriges Blaukraut von Weihnachten aufgetaut, aber davon probierten wir eigentlich nur. Schokolade zum Nachtisch ging aber noch.

Dann traf auch noch die Nachricht ein, dass meine Unterkunft in Klagenfurt zum Bachmannpreis steht – schöner Wochenendabschluss.

§

Demokratie ist anstrengend. Die Süddeutsche hat den Bürgerrat begleitet, der Empfehlungen zur Ernährungspolitik erarbeitet hat, und dessen Mitglieder das selbst im Kleinen erlebten und lernten (€):
“Herr Schreiber lernt Politik”.

§

Immer wieder geistert unter Eltern die Ansicht, Lehrer*innen hätten die gesetzliche Verpflichtung, sich politisch neutral zu verhalten. Lehrerblogger Bob Blume sieht sich die Hintergründe genauer an:
“DISKUSSION: Müssen Lehrkräfte politisch neutral sein?”

die Kaltmamsell