Journal Dienstag, 21. November 2023 – Rückkehr zu Routine

Mittwoch, 22. November 2023 um 6:30

Erste Nacht unterm winterlichen Federbett, das sperrangelweit offene Fenster war kein Problem.

Rückkehr zur Morgenroutine inklusive Bank- und Seitstütz. Meine Zeitung musste ich wieder suchen: In den vergangenen Wochen liegt sie mal vor der Wohnungstür oder vor den Briefkästen, mal irgendwo im Flur auf dem Wohn-Stockwerk oder im Briefkasten, gestern war sie vor die Haustür geworfen worden, die Einzelteile großflächig verstreut. Aber hey! Sie war da.

Unter dunkeldüsterem Himmel und in kühler Luft in die Arbeit, Taschenregenschirm im Anschlag. Ich brauchte ihn vorerst nicht.

Vielfältige Emisgkeit im Büro, aber Zeit für einen Mittagscappuccino bei Nachbars. Gute Nachrichten: Seit etwa einer Woche ist es im Büro zimmerwarm, ich benötige keine zusätzlichen Jacken.

Mittagessen war zum einen eine Scheibe Brot (ihr müsst mir wirklich mal genauer erklären, was an dem Brot von Julius Brantner so Heißer-Scheiß-gut sein soll: Auch der Hauslaib ist deutlich zu sauer, die sehr dunkle Krume deutet auf Färbe-Nachhilfe hin, die ganzen Getreidekörner darin beißen sich steinhart und hätten vor dem Backen ein paar Stunden Einweichen in Wasser vertragen), zum anderen Granatapfel und Mango mit Joghurt.

Weiter geschäftiger Nachmittag, an dessen Ende es immer wieder heftig regnete. Als ich mich auf den Heimweg machte, erwischte ich eine Regenpause. Einkäufe beim Lidl, vor allem Weihnachtssüßigkeiten, auf dem letzten Stück vor Zuhause brauchte ich dann doch noch meinen Schirm.

Auf die nächste Folge Yoga-Gymnastik freute ich mich: Ich hatte sie im Schnelldurchlauf gecheckt und keine Laberphasen entdeckt. Sie war dann auch sportlich und fordernd.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl den Lauch aus Ernteanteil als Lauch-Käse-Suppe mit Hackfleisch, sehr sättigend. Zum Nachtisch reichlich Weihnachtssüßigkeiten.

Ich versuchte vergeblich, Zugtickets in die Schweiz für eine Abend-Einladung in zwei Wochen zu besorgen, die Deutsche Bahn verweigerte den Online-Verkauf: “Es tut uns leid, wir können die von Ihnen gewählte Verbindung online nicht verkaufen.” (Auch alternative Zeiten nicht.) Das bedeutet einen Ausflug am Mittwoch nach Feierabend zum auf Jahre provisorischen Münchner Hauptbahnhof, ich bin gespannt, welchen Grund der erzwungene Offline-Verkauf hat.

§

Wichtige Hinweise von Nele Pollatschek gestern in der Süddeutschen (€):
“Freunde, das ist schmutzig”.

Antisemitismus ist keine Spezialität einiger Antisemiten. Er kann jedem passieren.

(…)

Eines der größten Probleme im Umgang mit Antisemitismus liegt darin, diese beiden Aussagen zu verwechseln. Sobald es um Antisemitismus geht – oder um Sexismus, Rassismus, die meisten Arten diskriminatorischen Verhaltens -, verlernen kompetente Diskursteilnehmer plötzlich den Unterschied zwischen “Du hast x getan” und “Du bist x”, zwischen einer Tat und einer Persönlichkeit.

(…)

Wahre Sätze sind wahr, unabhängig davon, wer sie spricht.

Falsche Sätze sind falsch, auch wenn sie von einem Genie gesagt werden.

Antisemitische Petitionen sind antisemitisch, egal wer sie unterschreibt.

§

“Auch Delfine haben schwulen Sex”.

Es ist längst bekannt, dass auch Tiere gleichgeschlechtlichen Sex haben. Eine neue Studie zeigt jetzt, wie weit verbreitet er in der Tierwelt ist.

Wofür auch weiterhin jeglicher Nachweis in der Tierwelt fehlt: Diskriminierung homosexueller Partnerschaften.

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Musik!

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/zZQh4IL7unM?feature=shared

via @sauer_lauwarm

die Kaltmamsell

Journal Montag, 20. November 2023 – Abschied vom Schweizer Besuch

Dienstag, 21. November 2023 um 6:30

Der Wecker klingelte wie gewohnt an einem Arbeitstag, doch ein wenig Morgen nutzte ich noch für letzte Gespräche mit und Abschied von unserem Besuch. Es war viel Seufzens über den Umstand, dass auch wir (wie so viele meiner Freund*innen) zu weit voneinander entfernt für spontane Einladungen und Treffen wohnen.

Kurzes Räumen, damit der montägliche Herr Putzmann eine putzbare Wohnung vorfindet, dann marschierte ich in milder Luft in die Arbeit, nur eine knappe Stunde später als sonst (Herr Kaltmamsell hatte uns schon gegen halb acht Richtung Arbeit verlassen).

Im Büro sorgten der freie Freitag und der spätere Arbeitsstart erstmal für Tempo und ein wenig Unübersichtlichkeit.

Schneller Mittagscappuccino bei Nachbars (dort war bereits Weihnachtsdeko aktiv), später gab es zum Mittagessen eingeweichtes Muesli mit Sojajoghurt. Bei der Lektüre der Süddeutschen merkte ich mal wieder mein Alter: Die Netzkolumne erklärte “Lurking” als neuen Begriff (für nur Mitlesen/-gucken auf Online-Plattformen, ohne sich durch eigene Beiträge zu beteiligen und sichtbar zu machen), ich dachte sofort an die Internet-Foren, aus denen ich den Begriff kenne, und da wurde mir bewusst, dass die halt über 20 Jahre her sind.

Mühsame Rückkehr in die Realität: Ich hatte drei Tage lang nahezu null Nachrichten mitbekommen. Auch nichts aus den Blogs meiner kleinen Internetfreund*innen.

Der Gedanke an Yoga fühlte sich an wie ein Gedanke an ein anderes Leben.

Nach Feierabend spazierte ich in herrlicher milder Luft unter buntem Himmel nach Hause, unterwegs Einkäufe im Vollcorner. Daheim warteten zahlreiche Häuslichkeiten auf mich, unter anderem tauschte ich jetzt mein Sommer- gegen das Winterbettzeug. Es dauerte, bis ich zu meiner Yoga-Gymnastik kam – und bald griff ich zum übertragenden Handy, um das besinnliche Eingangsgelaber abzukürzen. Dann bekam ich tatsächlich angenehme Bewegung.

Wir haben wieder Granatäpfel im Haus, das ist schön. Das Crowdfarming-Paket war diesmal nicht anweisungsgemäß vor der Haustür abgestellt worden (klappt aber in ca. 90 Prozent der Fälle) – Herr Kaltmamsell musste es aus einer Paketstation anschleppen (nicht ich, weil nach meinem Feierabend bereits geschlossen). Beim Öffnen zeigte sich, dass nicht sorgsam mit dem Paket umgegangen worden war, eine Frucht war geplatzt. Die schlachtete ich gleich mal für mein dienstägliches Mittagesssen.

Das Nachtmahl bestand aus köstlichen Resten vom Wochenende (Kopytka, Tomatensauce, Kartoffelrösti), außerdem aus dem Ernteanteil-Cardy (wilde Artischocke). Nachtisch restliche Mango-Kokos-Speise, restlicher Birnen-Crumble.

§

Muss man leider immer wieder wiederholen: Die Vorstellung, dass in “der Steinzeit” (also ganz, ganz früher) Männer jagten und Frauen daheim blieben oder Beeren sammelten, ist reine Projektion heutiger Verhältnisse und lässt sich durch Forschung nicht belegen. Umso alberner, wenn ständig Geschlechterstereotypen und Zuweisungen mit Evolution am Beispiel Steinzeit gerechtfertigt werden. Hier also eine aktuelle Neuauflage der Widerlegung:
“The Theory That Men Evolved to Hunt and Women Evolved to Gather Is Wrong”.

Even if you’re not an anthropologist, you’ve probably encountered one of this field’s most influential notions, known as Man the Hunter. The theory proposes that hunting was a major driver of human evolution and that men carried this activity out to the exclusion of women. It holds that human ancestors had a division of labor, rooted in biological differences between males and females, in which males evolved to hunt and provide, and females tended to children and domestic duties. It assumes that males are physically superior to females and that pregnancy and child-rearing reduce or eliminate a female’s ability to hunt.

(…)

Anthropologists also look at damage on our ancestors’ skeletons for clues to their behavior. Neandertals are the best-studied extinct members of the human family because we have a rich fossil record of their remains. Neandertal females and males do not differ in their trauma patterns, nor do they exhibit sex differences in pathology from repetitive actions. Their skeletons show the same patterns of wear and tear. This finding suggests that they were doing the same things, from ambush-hunting large game animals to processing hides for leather. Yes, Neandertal women were spearing woolly rhinoceroses, and Neandertal men were making clothing.

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Wunderschöner Tango!

via Joël

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 19. November 2023 – Schweizer Besuch mit Botanischem Garten und Schlosspark Nymphenburg, Einkaufsmissverständnisse

Montag, 20. November 2023 um 9:11

Eine gute Nacht, doch ich stand zu Regen auf.

Gemütliche Morgenstunden mit dem Besuch. Bis wir fertiggegammelt hatten, war der Regen versiegt, der Tag wurde heller. Das freute uns auch, weil der Plan für den Tag ein Besuch des Botanischen Gartens war – wieder etwas, was ich noch nie gemacht hatte, wozu ich einen Pflanzen- und Tier-interessierten Besuch brauchte.

Am späten Vormittag nahmen wir eine Tram hinaus nach Nymphenburg. Jetzt im Winter waren vor allem die Gewächshäuser des Botanischen Gartens interessant.

Besuch und Herr Kaltmamsell vor Bitterorangenbaum.

Die Tür eines Tropenhauses kündigte frei laufende Schildkröten an und bat um sorgfältiges Schließen dieser Tür. Die Tiere sahen allerdings nicht nach Fluchtgedanken aus.

Eine von mehreren Orchideen – überhaupt sahen wir für die Jahreszeit erstaunlich viele Blüten.

Vor allem aber lernte ich eine Menge, unter anderem wie Ingwer über der Erde aussieht.

Oder dass so Erdnüsse wachsen. Die Pflanze der Ananas kannte ich schon, doch jetzt sah ich eine live.

Hier die Pflanze der Vanilleschote.

Kakaoschoten am Baum.

Das Wetter war schön geworden, blauer Himmel sorgte für Hintergrund.

Zwei Sorten Wasser im Angebot: Dass das Wasser der Würm die Wasserwege im Schlosspark Nymphenburg speist, wusste ich sogar. Und es kommt bis in den Botanischen Garten.

Viele, viele Kamelien im Viktorianischen Gewächshaus.

Ein Gewächshaus mit abgefahrenen Geweihfarnen.

Die Außenanlagen in Winterruhe – und doch bekam ich einen Eindruck, wie prächtig und überraschend weitläufig das Gelände ist. Und fasste den festen Vorsatz für Besuche im späten Frühling und im Sommer.

Auch hier nochmal ein kleines Gewächshaus mit Fleischfresserpflanzen.

Uns war nach Einkehren, das führte zu einer weiteren Entdeckung: Das Café des Botanischen Gartens. Allein schon ein schöner Innenraum, doch im Sommer muss es phantastisch sein, auf der Terrasse mit Blick auf den Garten zu sitzen.

Nach Cappuccino, Espresso, Kakao, Schorle, Wasser, Weißbier spazierten über die Farnschlucht (toll!) in den Park des Nymphenburger Schlosses, in dem wie erwartet viel sonntägliches Spaziervolk unterwegs war.

Der Deko-Graureiher im Schlosspark machte seinen Job und wurde bei der Futtersuche viel fotografiert.

Highlight unseres Spaziergangs: Als wir gerade auf einem Steg über den Kanal vorm Schloss standen und das Gebäude im malerischen Abendgold bewunderten, startete vor uns ein Schwan, hob ab und flog mit lautem Flügelrauschen über unsere Köpfe hinweg.

In der Tram nach Hause die Überraschung, als ich mit Herrn Kaltmamsell den Zeitplan für die Zubereitung des Abendessens für den Besuch absprach.
Er so: “Wie viele Scheiben Schweinenacken hast du denn gekauft?”
“Ich? Ich dachte, du kaufst das Fleisch!”
Oder: Wie wir das Nachtmahl sehr fix umplanen mussten, zumal der Besuch aus Gründen praktisch keinerlei Restaurantessen riskieren kann.

Daheim holten wir also zwei Dosen portugiesischer Jahrgangs-Sardinen aus der Vorratskammer, servierten sie mit Brot und Rieslingsekt. Die ursprünglich geplante Vorspeise klappte: Ofen-Sellerie auf Haselnussmusspiegel (dazu badischer Grauburgunder Ziereisen). Als Hauptgang war geplant gewesen: Schweinenacken nach Oma Art mit Kopytka (polnische Kartoffelnudeln), ließ sich ohne Schweinenacken nicht bewerkstelligen. Doch Herr Kaltmamsell machte trotzdem Kopytka, die gab es mit einer scharfen Tomatensauce und Rosenkohl aus dem Ofen. Den Nachtisch hatte ich gebastelt: Birnen-Crumble. Alles schmeckte und wir wurden satt, den nächsten komlexeren Lebensmitteleinkauf werden wir anders planen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 19. November 2023 – Schweizer Besuch mit Altem Peter und Zuloaga

Sonntag, 19. November 2023 um 10:06

Abschnittsweises Aufstehen gestern Morgen: Erst setzten sich Herr Kaltmamsell und ich zu unseren Morgenmilchkaffees, dann kam der Schweizer Besuch aus dem Schlafzimmer.

Gemütliche erste Stunden, niemand von uns Vieren frühstückt so richtig, die mit überhaupt Appetit knabberten ein wenig trocken Brot.

Zu meiner erfreuten Überraschung hellte sich das Regenwetter auf: Der Himmel wurde immer bunter, zeigte nach und nach Flecken von Blau, angekündigt war sogar Sonne. Der eine wirkliche Programmpunkt des Tages war ein Besuch der Zuloaga-Ausstellung in der Kunsthalle; ich hatte uns für eine VHS-Führung um eins angemeldet.

Bis wir alle geduscht waren, Herr Kaltmamsell den Key Lime Pie als abendlichen Nachtisch gebacken hatte, war es kurz vor Zwölf-Uhr-Läuten. Weil Besuch von außerhalb ja die Pflicht hat, Einheimische zu Sehenswürdigkeiten zu bringen, hatte er den Wunsch nach Besteigung des Alten Peters geäußert – da oben waren weder Herr Kaltmamsell noch ich je gewesen.

Die Schlange am Kassenhäuschen ( FÜNF Euro?!) war übersichtlich und bewegte sich rasch.

Schon auf dem Weg nach oben begannen wir allerdings an der Koordiniertheit des Angebots zu zweifeln. An einigen Stellen mussten sich Auf- und Absteigende umständlich absprechen, um auf den sehr schmalen Treppen überhaupt aneinander vorbei zu kommen, mal mussten die einen ein paar Absätze hoch, die anderen ein paar Absätze hinab zurückgehen, um irgendeine Form von Nische fürs Passieren zu finden. Eine absteigende Besucherin empfahl uns ohnehin zu warten, oben sei kein Platz mehr.

Der Ein-Personen-schmale Aussichtsumgang selbst war tatsächlich knackvoll (keine Überraschung an einem trockenen Samstagmittag), darauf bewegte sich nichts (ein Schild gab zwar eine Richtung des Rundwegs vor, wurde aber ignoriert), alle paar Minuten schaffte jemand einen Schritt. Dafür wurde gern mit Blick aufs Handy telefoniert. Ich sah keine Chance, rechtzeitig vor unserem Termin in der Ausstellung den Turm zu umrunden und gab nach der Hälfte (es gab zwei Türen nach draußen) auf.

Mit etwas weniger Mühe schafften wir es wieder runter, verabredeten uns für einen weiteren Versuch an einem noch unbestimmten Wochentag.

In der Kunsthalle sammelten wir uns am angegeben Punkt für Gruppenführungen und ließen uns eine gute Stunde lang von einer Kunsthistorikerin Konzept und Inhalte der Ausstellung erklären, Bilder, Entwicklungen und warum der einst auch in Deutschland berühmte und anerkannte Maler Zuloaga heute hierzulande nahezu unbekannt ist. Ich gebe hier nichts davon wieder, denn im Dezember werde ich die Ausstellung nochmal mit meiner Familie als Adventspaziergang besuchen, und die liest hier mit. Für eine sachliche Beurteilung der Ausstellung fehlt mir ohnehin die emotionale Distanz.

Für Einkehr zum Kaffeetrinken ging ich einem Tipp nach, den ich schon oft bekommen hatte: Vom Kaufhausrestaurant des Kaufhofs am Marienplatz habe man eine wunderbare Aussicht über den Platz und darüber hinaus. Doch die konnten wir nicht finden, die Fensterplätze, die wir sahen, lagen an schrägen Dachfenstern und ging auf Straßen hinaus. Wir tranken trotzdem hier Cappuccino/Schorle/Bier, ratschten.

Weiterspazieren um die Residenz. Als ich einen anderen Tipp weitergab, nämlich Einkehren in der uncoolen Pfälzer Weinstube, schlug der Besuch vor, das doch jetzt gleich zu tun. Und so verbrachten wir Zeit über Weinen und Gesprächen in diesen wirklich schönen Räumen und hobensenkten den Altersschnitt deutlich.

Gemütlicher Spaziergang mit Sight-Seeing- und Shopping-Umwegen.

Zurück daheim stürzten wir uns in die abendliche Kulinarik: Als Aperitif gab’s Whiskey Sour mit Saft von Meyer Lemons und Nüsschen, der fabelhafte Herr Kaltmamsell, der sich dafür bereits früher aus der Weinstube verabschiedet hatte, sorgte für den Rest.

Zu Kürbis-Champignon-Apfel-Salat als Vorspeise öffnete ich einen südenglischen Wein vom Albourne Estate, den wir aus Brighton mitgebracht hatten: Spritzig und pfurztrocken, im Mittelteil fand ich ihn allerdings ein wenig leer.

Hauptspeise ohne Abbildung: Herr Kaltmamsell hatte einen hervorragenden Steak&Kidney Pie nach Delia Smith zubereitet, dazu gab’s einen Württemberger Lemberger/Merlot.

Der Key Lime Pie zum Nachtisch sah leider nur im Ganzen so präsentabel aus: Die Füllung hatte unter dem Tausch von süßer Kondensmilch gegen süße Kokoskondensmilch gelitten und war nicht fest geworden. Schmeckte aber sehr gut.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 17. November 2023 – Schweizer Besuch mit Turner und Verdi

Samstag, 18. November 2023 um 9:18

Gestern hatte ich mir frei genommen, denn es kam Besuch aus der Schweiz. Nach dem Bloggen war ich mit Räumen und Vorbereiten beschäftigt (Herr Kaltmamsell hatte sich als Lehrer natürlich nicht freinehmen können und war in die Arbeit gegangen), sobald die Läden öffneten, brach ich zu Einkäufen auf – im strömenden Regen und in Eile nahm ich für eine Station die U-Bahn: Feines beim Dallmayr, Fisch und Salat in der Galeria Kaufhof am Marienplatz, Brot beim Brantner (Hausbrot) und beim Zöttl (Wurzelbrot).

Daheim schnelles Auspacken, dann war es schon Zeit zum Abholen: Mit entspannten 20 Minuten Verspätung traf der Besuch am Münchner Hauptbahnhof ein. Welcher Hauptbahnhof?

Zum Glück hatte sich der Regen zu einem leichten Nieseln beruhigt, auf dem Weg zu uns blieben wir nahezu trocken. Der letzte Besuch des Besuchs lag einige Jahre zurück, ich zeigte unterwegs die spannendesten Baustellen des an Baustellen reichen südlichen Bahnhofsviertels.

Erstes Zusammensitzen und aufgeregter Austausch über Kaffee und Tee in unserem Wohnzimmer, wir bekamen Schweizer Weine (ich) und ein Kochbuch (der Herr des Hauses). Am frühen Nachmittag kam Herr Kaltmamsell aus der Arbeit, mehr Zusammensitzens.

Als Pläne für den Nachmittag ergaben sich: Besuch der Turner-Ausstellung im Kunstbau mit Herrn Gast (aus grundsätzlichem Interesse und als Vorbereitung auf den bereits gebuchten anderen Ausstellungsbesuch am Samstag) und auf dem Rückweg umfassender Einkauf im Süpermarket Verdi. Frau Gast ruhte sich währenddessen aus, Herr Kaltmamsell erledigte letzte Einkäufe und bereitete das Nachtmahl vor.

Es war mein erster Besuch im Kunstbau des Lenbachhauses: Dafür bekommt man nämlich Besuch, damit man die interessanten Angebote der eigenen Heimatstadt wahrnimmt.

Die Ausstellung “Three Horizons” war überraschend strukturiert: Die präsentierten Gemälde hingen sortiert in die zu Lebzeiten ausgestellten an der einen langen Wand und die zu Lebzeiten nie ausgestellten auf der gegenüber liegenden. Das allein verschaffte einen Einblick in die unterschiedliche Rezeption des Malers und seine Einordnung zur Entstehungszeit und danach bis heute.

Die Erklärungen des Audioführers verschreckten mich zunächst mit ihrer Fülle an extrinsischen Informationen (geschichtlicher, biografischer, wirtschaftlicher Hintergrund der einzelnen Werke – das lese ich gern in einem Buch, doch in der Ausstellung selbst ist er für mich nebensächlich) doch unterm Strich bekam ich davon schon auch die Hinweise, die mich an solchen Medien interessieren, nämlich zu kunstwissenschaftlichen Aspekten. Ich stellte schnell fest, dass ich sehr wenig Turner kannte, und das recht einseitig. Gefesselt war ich auch von den ausgestellten Lehrmaterialien aus seiner Zeit als Dozent. Unterm Strich: empfehlenswert.

Der Regen hatte sich mittelverlässlich verabschiedet, zum Süpermarket gingen wir vom Königsplatz aus zu Fuß. Dort verbrachten wir viel Zeit: Ich freute mich über die Gelegenheit, denn ich hatte mich schon lang nicht mehr in den Regalen und Auslagen umgesehen, war immer nur gezielt zum Gewünschten gegangen.

Zurück daheim beschlossen wir, dass der Abend begann, unabhängig von Uhrzeit. Getränk dieses Abends sollten nämlich die drei verschiedenen baskischen Weißweine Txakoli werden, die wir kürzlich in München gefunden hatten und probieren wollten.

Erst gab es dazu geröstete Nüsschen, nach der ersten sehr hellen und spritzigen Flasche (Flysch) und nach der zweiten dunkleren, der man den Chardonnay darin anschmeckte (Arabela) setzte allmählich das Nachtmahl ein.

Ethisch saubere Foie gras mit Rosé-Champager-Gelee und einem Feldsalat, den ich sogar selbst mit Zitronen-Walnussöl-Dressing angemacht hatte. Jetzt waren wir bei unserem Lieblings-Txakoli des Abends: Gorrondona, eine Cuvée aus verschiedenen autochthonen Trauben, vielfältig, frisch und rass.

Hauptgang war ein Seeteufel-Gulasch, das Herr Kaltmamsell zubereitet hatte.

Mango mit Kokos-Tapioka, das Herr Kaltmamsell nachmittags vorbereitet hatte, war der Nachtisch.

Es wurde nicht allzu spät.

§

Wieder eine Untersuchung über die Mechaniken der erfolgreichen politischen Verschiebung nach rechts in Deutschland, diesmal beleuchtet Julia Leser fürs Verfassungsblog die ganz alltäglichen und gezielten Handgriffe, die zu einer Veränderung geführt haben:
“Mikropolitik des Rechtsrucks”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 16. November 2023 – Naturbeobachtung auf der Theresienwiese / Alte Liebe in Augsburg

Freitag, 17. November 2023 um 7:52

Wieder gut geschlafen (man muss auch loben!), und das bei Herrn Kaltmamsell – Teil der Bettzeug-Logistik für Übernachtungsbesuch.

Für den Arbeitsweg konnte ich zu Variante A zurückkehren: Luftlinie einmal quer über die Theresienwiese. Und erwischte gleich mal ein seltenes Naturschauspiel.

(Synchronstimme von Robert Redford: Rolf Schult) Erste Morgensonne mitten in München. Unter den schützenden Blicken der Bavaria hat sich eine Herde Zwerg-Gabelstapler zusammengefunden. Die Tiere ahnen nicht, dass jetzt, Mitte November, die Ost-West-Passage der Theresienwiese freigeschmolzen ist und ihre ungestörten Tage enden.

Im Büro noch schnell was weggeschafft: Der Tag war mit einem jährlichen Treffen aller Fachbereiche wie meinem an allen Standorten belegt – und weil er aus Kostengründen wieder online stattfand, konnte ich teilnehmen. (Unter anderem wurde live auf einen derzeit aktiven Messestand meines Arbeitgebers geschaltet, Smartphone über MS Teams, was ich ziemlich cool fand, sowas bekomme ich ja nie in Echt mit.)

In der Kaffeepause Sprint zur Nachbar-Cafeteria für einen Cappuccino, in der Mittagspause gab’s einen Apfel sowie Quark mit Joghurt und ein paar reingeschnippelten Trockenfeigen.

Gleich nach Ende der Veranstaltung nahm ich eine U-Bahn zum Bahnhof: Ich war mit Herrn Kaltmamsell nach Augsburg zu einem frisch dorthin umgezogenen Freund eingeladen. Da die Strecke nicht von der Deutschen Bahn bedient wird, sondern von einem Drittunternehmen, war sie nicht von Warnstreik der DB-Lokführer betroffen, ich kam problemlos und pünktlich an.

Gründliche Besichtigung der neu bezogenen Wohnung, dann lud uns der Gastgeber in ein edles Restaurant ums Eck ein: In die Alte Liebe. Es gab hervorragenden Champagner Bonnet-Ponson, für mich noch ein Glas Bürklin-Wolf Weißburgunder aus der Pfalz. Dazu Kleinigkeiten:

Puntarelle

Taube, auf hiesigen Speisenkarten eine Seltenheit, diese war sehr gut.

Mittlerweile regnete es nicht enden wollend, unterm Schirm spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Augsburger Hauptbahnhof, wir warteten auf einen der gestern deutlich rareren Regionalzüge als sonst zurück nach München.

Heimweg im Regen, schnell ins Bett.

§

Jeder und jede, die in den vergangenen Jahren Zeug*innen von Vorträgen und Folien-Präsentationen wurden, vor allem beruflich, beobachteten den Siegeszug des “Genau”. “Genau äh ja” wird möglicherweise im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht bereits als üblicher Einstieg in Präsentationen gelehrt. Vor wenigen Wochen wurde ich erstmals Zeugin eines “genau” in einer Wortmitte, ich freue mich auf weitere Varianten.

Auf Mastodon wies mich Linguist @josch auf einen Aufsatz aus dem Jahr 2021 von Peter Auer hin, der sich systematisch mit diesem Diskursmarker (welch schöner, nützlicher Begriff) befasst, unter anderem damit, in welchen Umgebungen “genau” sonst noch mit welcher Funktion auftaucht.
Genau! Der auto-reflexive Dialog als Motor der Entwicklung von Diskursmarkern”.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 15. November 2023 – Die kleine Madam Chutney

Donnerstag, 16. November 2023 um 6:32

Sehr gut geschlafen, eine Minute vor Wecker aufgewacht.

Allerdings war ich unruhig, denn ich war gestern mündlich zu einem Schöffinneneinsatz bestellt, hatte aber immer noch keine schriftliche Ladung erhalten (die mir ermöglicht, ohne Taschen- und Körperkontrollen ins Justizgebäude zu gelangen). Ich schrieb eine E-Mail ans Schöffenbüro und bat ums PDF der Ladung.

Der Dauerregen hatte aufgehört, ich könnte mit dem Radl in die Arbeit fahren, es war auch gar nicht kalt.

Im Büro schaffte ich eine Stunde lang ordentlich was weg, erhielt zu meiner Beruhigung auch das erbetene PDF der Ladung und druckte es aus.

Wieder trocken radelte ich zum Amtsgericht. Ich nahm den Weg durch die Blutenburgstraße parallel zur Nymphenburger – die ist ja ohnehin idyllisch, doch gestern wurde der Blick die Straße runter auch noch durch Robinien in wunderschönem Gelb und wenig Grün eingerahmt.

Direkt am Justizzentrum passierte vor meinen Augen ein Unfall: Ein Auto bog bei grüner Ampel rechts ab, ein geradeaus fahrendes Radl (ebenfalls mit Grün) fuhr mit quietschenden Bremsen in die Beifahrertür. Der Radler stand unverletzt, es wurde geschimpft. Da reichlich Passant*innen und Radler*innen drumrum stehenblieben, die den Unfall ebenfalls beobachtet hatten, ging ich weiter. Gefährlichste Fahrtrichtung für Fahrräder: geradeaus.

Im Gerichtsgebäude ging ich für diesen zweiten Teil der Verhandlung von vergangener Woche (Insolvenzverschleppung) ein wenig Umwege: Wie vom Richter angekündigt hing am Sitzungssaal ein Hinweis, wo sie tatsächlich stattfand. Wir starteten zwar wegen verspäteter Teilnehmer eine halbe Stunde nach der angesetzten Zeit, waren dann aber schnell durch: Einstellung des Verfahrens mit Auflagen.

Beim Radeln zurück in die Arbeit erwischte mich dann doch ein Schauer, ich wurde feucht.

Emsiger Nachmittag mit Jalousien-Lichtschalter-Fenster-Slapstick. Hochherbst mit immer wieder blauem Himmel, doch immer wieder prasselte auch Regen heftig wie aus Waffen. Ich war sehr gespannt, in welcher Phase ich heimradeln würde.

Es war dann eine trockene Phase – zum Glück, denn ich wollte den Großteil der Lebensmitteleinkäufe fürs Wochenende erledigen: Wir bekommen ab Freitag Besuch, Donnerstag sind Herr Kaltmamsell und ich nach Feierabend in Augsburg eingeladen. Und trotz Lokführer-Streiks bei der Deutschen Bahn stehen unsere Chancen gut, dass wir tatsächlich hinkommen: Die Strecke wird von einer Fremdfirma bedient, nicht von der Deutschen Bahn. (So oder so: Volle Soli mit den Streikenden!)

Daheim nur eine Runde Häuslichkeiten, zum Abendessen war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet: Ich hatte am Dienstag entdeckt, dass der Madam-Chutney-Imbiss am Sendlinger Tor endlich in Betrieb war, den wollten wir testen.

Die Karte ist sehr klein, einem Imbiss angemessen, es gibt Bowls (Basiszutat-Reisauswahl-Currysauce) und Thalis (Blechteller mit Verschiedenem), ein paar Vorspeisen, Getränke nimmt man sich aus einem Kühlschrank.

Herr Kaltmamsell hatte eine Bowl mit Paneer Vindaloo, Basmati, Kartoffeln, rechts eine Vorspeise (Papri Chaat), ich ein Thali mit scharfen Kichererbsen, Gurkenjoghurt, würzigen Kartoffeln und scharf gefülltem Fladenbrot – ganz ausgezeichnet. Auch das Mango Lassi, das wir uns dazu teilten, schmeckte besonders gut.

Zurück daheim war noch viel Räumens, Nachtisch Schokolade. Herr Kaltmamsell recherchierte, wie er Donnerstagmorgen trotz Bahn-Streiks in die Arbeit kommen würde (stündliche S-Bahn oder Mitfahrtgelegenheit Kollege).

§

Beim Berichten über die derzeitige brutale Eskalation des Nahost-Konflikts zerren an den Berichterstattenden viele, oft einander widersprechende Anforderungen. Christian Fahrenbach berichtet für Krautreporter darüber in Form der “Morgenpost” und erklärt in diesem Artikel, den ich Ihnen schenken darf, mit welchen Kriterien er das tut:
“Einseitig? So entscheide ich, wie ich über Israel und Gaza berichte”.

§

All die (meist nicht mehr jungen) cis Heteros und Heteras, die den Eindruck haben, um sie herum würden schlagartig immer mehr Leute schwul oder lesbisch: Der Eindruck ist ein ganz normales menschliches Wahrnehmungsmuster, ähnlich wie der Eindruck, in künstlerischen Berufen gebe es besonders viele Schwule. Diese Mechanik verwechselt Ursache und Wirkung: In Umgebungen mit künstlerischen Berufen war es schon länger weniger problematisch, sich als schwul sichtbar zu machen (deutlich weniger als zum Beispiel am Bau), weil sie offen für Menschen abseits des Mainstreams waren. Und früher war der Anteil an Schwulen und Lesben genauso groß wie heute – die Damen und Herren konnten sich allerdings nicht unbehelligt oder gar unbestraft sichtbar machen. Als Gegenmittel gegen den falschen Eindruck empfehle ich dieses wunderschöne Projekt, das die Geschichten alter Lesben sammelt und bewahrt:
“‘Old Lesbians’ documentary highlights the importance of recording ‘herstory'”.

The group’s goal was simple: preserve the stories of lesbians over 70 in their own words. She didn’t realize interviewing a few of her close friends would lead to a decadeslong journey of traveling the country, training fellow interviewers (who also typically had to be 70 or older), and recording hundreds of women’s life stories.

§

Die Wahl zum Vogel des Jahres wurde in jüngster Zeit in Deutschland eine immer intensivere und heißere Schlacht auf allen Medienkanälen und -plattformen. Schließlich hat die Sieger-Art fürs ganze Leben ausgesorgt: Werbeverträge, Party-Auftritte, Plakat-Aktionen, kostenloses Futter auf Generationen.

Es ist also nur konsequent, dass eine Wahl zum neuseeländischen bird of the century das ganze auf eine noch mächtigere Ebene bringt: Internationale TV-Shows, massive Betrugsversuche. Sehen Sie selbst (und erfreuen Sie sich am neuseeländischen Akzent):

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https://youtu.be/nZXte0dY8hA?si=zrw12B8XrtuUs6LN

via @donnerbella
(Und ich weiß jetzt endlich, wie dieser bezaubernde Vogel heißt.)

Ein bisschen Hintergrund:

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https://youtu.be/dd5W16e6KzU?si=dvHBy4jvIcnjWAAt

die Kaltmamsell