Journal Donnerstag, 14. November 2019 – Erster Frost

Freitag, 15. November 2019 um 6:03

Es wird nicht besser.

Ich konnte nicht mal Mittagspause machen, musste mich eh zum Essen zwingen, aber um halb eins war wirklich ein Bissen nötig (Birnen und ein Stück Käse). Aber ich habe ja in der Reha gelernt, dass der Körper bei Stress den Stoffwechsel runterfährt, also weniger Essen braucht.

Morgens beim Radeln in die Arbeit den ersten Frost gesehen, ein Hauch Eis auf den Pfützen.

Abends wieder Reha-Sport, angefangen mit Progressiver Muskelentspannung – die wegen eines Notfalls (Pieper) unterbrochen werden musste, auch egal. Anschließende Geräterunde: Die Bodenübungen bereiten mir zu großen Hüftbeuger-Schmerzen, ich ersetzte sie eigenmächtig, weil der einzige Trainer im Raum die ganze Stunde mit der Einweisung eines neuen Patienten belegt war. Vielleicht klemme ich mich nächste Woche mal dahinter und bitte um Beratung – wenn dann jemand dafür frei ist.

Daheim Feldsalat aus Ernteanteil und Käse, ein wenig Wohnung räumen, Internet hinterher lesen. Früh ins Bett zum Romanlesen.

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Wenn der John Lewis Christmas-Werbespot herauskommt, beginnt die Weihnachtszeit. (Dieses Jahr nur so mittel mein Geschmack.)

https://youtu.be/r9D-uvKih_k

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 13. November 2019 – Weiter Arbeitswahnsinn

Donnerstag, 14. November 2019 um 6:26

Gemischte Nacht – alle paar Nächte ist es eine komplett andere Haltung, in der die Hüft-Beinschmerzen gering genug für Schlaf sind. Vor einer Woche habe ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder ein Stück auf dem Bauch geschlafen.

Die auf Morgenende terminierte Waschmaschine ausgeräumt und Wäsche aufgehängt (Letzteres dauert immer länger als gedacht, jetzt also mal zur Selbsterinnerung: mindestens 15 Minuten einkalkulieren!), draußen regnete es. Lange hin- und hergedacht, wie ich in die Arbeit komme: Da ich nach Feierabend einen von der Arbeit aus schlecht mit Öffentlichen erreichbaren Friseurtermin hatte und 45 Minuten Fußweg sehr wahrscheinlich einen zu hohen Schmerzpreis gehabt hätten, nahm ich trotz Regen das Fahrrad. Es tröpfelte auch nur, ich wurde lediglich feucht.

Im Büro ging der einpapierlte Wahnsinn weiter; ich werde mich innerlich darauf vorbereiten müssen, Dinge abzulehen.

Mittags rote Paprika, Gurke, Brot, Nachmittagssnack Kollegenabschiedskuchen.

Radeln zum Friseur auf nasser Straße, aber in trockener Luft; der Straßenverkehr war mörderisch, ich fuhr vorsichtig und mit maximaler Rücksicht auf Fußgänger- und Radleventualitäten, wurde dennoch angeblafft.

Habe jetzt wieder sehr kurze Haare, nahm einen Podcasttipp mit. Auf dem Heimweg Abstecher in den Drogeriemarkt, abends Nudeln mit Gänsebratensoße, Schokolade. Kein Erkältungsbad, ich las lieber Tweets des Tages hinterher.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 12. November 2019 – Arbeiten bis zum Welthass

Mittwoch, 13. November 2019 um 7:06

Einen langen Brief aus der Schweiz bekommen, über den ich mich sehr freute.

Zu leichtem Regen in die Arbeit geradelt.

Wieder mal Nachdenken, wie ein Erwerbsarbeitstag verlaufen sein muss, damit ich nicht völlig fertig und mit Hass auf die Welt rauskomme, also viele Aufgaben oder wenige, anspruchsvolle oder mechanische? Bis jetzt steht leider nur fest: Er muss nach höchstens sieben Stunden brutto enden. Und ich merke, dass ich mich an gutem Gehalt festhalten kann.

Im Moment kommt im Büro auch noch Hochdruck dazu, in einem Tätigkeitsbereich, den ich ungern mache, außerdem einige Dinge, die gleichzeitig fertigwerden müssten plus neue Themen und Besprechungen. Wenn ich nach neuneinhalb bis zehn Stunden aus dem Büro komme, hasse ich das Leben und die Welt gründlich.

Symptomatisch: Gestern Abend suchte ich im Fernsehen nach The Good Doctor, weil ich dachte es sei schon Mittwoch.

Mittags rote Paprika, selbst gebackenes Brot, ein Stückchen Käse.

Ich hatte an diesem einzigen Feierabend der Woche ohne Termine eigentlich eine Einkaufsrunde geplant, doch dafür war es gestern zu spät (die Läden, die ich im Sinn hatte, schließen um 18 Uhr). Zumindest stieg ich daheim gleich mal auf den Crosstrainer für meine genehmigten 20 Minuten. Danach Dehnen und Igelball-Massage.

Nach dem Abendessen (Kürbiscurry-Rest vom Vorabend) zog Herr Kaltmamsell die aktuelle Folge Last Week Tonight aus dem Rechner: “SLAPP Suits”. Mag in den USA die Meinungsfreiheit rechtlich noch so viel weiter gefasst sein als hierzulande: Mit hanebüchenen Klagen, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind, aber Energie binden und ordentlich Geld kosten, können Angegriffene in zahlreichen US-Bundesstaaten wirkungsvoll Angst vor öffentlicher Kritik erzeugen. Also genau die Taktik, die zum Beispiel in Deutschland mit Unterlassungsklagen gegen queer.de angwendet wird. (Halten Sie durch bis zur großartigen Musical-Nummer am Ende.)

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https://youtu.be/UN8bJb8biZU

Danach schaffte ich noch ein Entspannungsbad.

§

Hinreißende Unterhaltung gestern auf Twitter:

Mein Favorit wahrscheinlich sind “burutçun”:

Mein Klassiker ist meines bayerisch-spanischen Vaters “Trummhahn” für Truthahn (viel besser als das Original).
(Und wenn wir meinen Konsonantenhäufungs-ungeschickten Vater aufziehen, er solle doch mal Zwetschge sagen, wackelt er inzwischen immer ganz bedrohlich mit seinen Augenbrauen <3 <3 <3)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 11. November 2019 – Leserunde zu Curry

Dienstag, 12. November 2019 um 7:01

Ich hatte den Wecker eh früher gestellt, um meine 20 Minuten Crosstrainer zu bekommen, wurde aber schon um fünf aus dem Bett gehebelt, als unter meinem Schlafzimmerfenster lustig Mülltonnen rangiert wurden (keineswegs von der Müllabfuhr – die ist hier geradezu rührend fürsorglich geschickt und leise). Die Nacht war von stechenden Schmerzattacken geprägt gewesen, ich musste immer wieder heftig in einen fiesen schmalen Muskelstrang im Becken drücken, damit der Schmerz bis hinunter in die Zehen aufhörte (ich lerne durchaus von den Stunden bei der Anfasserin). Ergebnis: Recht gerädertes Aufstehen.

Meine 20 Minuten Strampeln holte ich mir dennoch.

Radeln in die Arbeit, es war ziemlich kalt, aber noch kurz über Frost: Mit einer leichten Mütze und Handschuhen kam ich zurecht.

Im Büro regierte der einpapierlte Wahnsinn, erst kurz vor der Mittagspause hatte ich genug weggeschafft, dass sich meine Panik legte. Mittags eine Breze und Granatapfelkerne mit Joghurt, Nachmittagssnack eine Hand voll Nüsse.

Auf dem Heimweg noch ein paar Einkäufe: Brotzeit für die nächsten Tage.

Daheim wollte ich dringend Alkohol, ich fühlte mich vom Arbeitstag unangenehm gestresst. Zur Unfallprävention schnitt ich vorher zwei Butternut-Kürbisse in Würfel, die Herr Kaltmamsell zu einem großen Topf Kürbis-Cocos-Curry wie vergangenen Mittwoch verarbeitete: Die Leserunde traf sich bei uns. Aber dann machte ich Gimlets – die entspannende Wirkung des Alkohols trat beim ersten Schluck ein.

Ich räumte die Wohnung und deckte Tisch.

Dabei fiel mir auf, dass diese Wassergläser zu dem wenigen spanischen Erbe in meiner Wohnung gehören: Ich habe sie alle über viele Spanienurlaube voller Nocilla gekauft (immer das zweifarbige meiner Kindheit) und nutze sie als nostalgische Wassergläser (waren in spanischen Haushalten das Pendant zum Senfglas). Eben sehe ich, dass das Produkt 50. Geburtstag feiert – mit einem Rückblick auf TV-Spots und vor allem Gläser aus 50 Jahren!

Neben dem Kürbiscurry (Herr Kaltmamsell machte diesmal auf meine Bitte auch die Roti-Brote aus dem Originalrezept dazu – nicht so toll) gab es noch viel Käse und selbst gebackenes Brot. Wir sprachen über Bill Hayes’ Insomniac City, das nur nicht alle von uns sieben überhaupt oder ganz gelesen hatten – mit geteiltem Echo. Vier, darunter ich, hatten die einfühlsamen Beobachtungen in New York und zu seinen Menschen genossen, fühlten sich an eigene Aufenthalte in New York erinnert und an die Einmaligkeit dieser Stadt, waren berührt von der Liebesgeschichte zwischen zwei so unterschiedlichen Männern und wie sie miteiander umgingen, einander gut taten, ich hatte ja schon von der Lektüre geschwärmt. Eine hatte einfach kein Interesse daran, hätte Literatur statt Essayistik bevorzugt, fand die Beobachtungen auswechselbar, vermisste in der beschriebenen Beziehung jegliches Anzeichen von Leidenschaft. Ich folgerte daraus in einer gedanklichen Abkürzung, dass ich offensichtlch ein sehr anderes Liebes- und Sexualleben habe.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 10. November 2019 – Häuslichkeit unter Hochnebel

Montag, 11. November 2019 um 6:14

Überraschend lang geschlafen, fast zehn Stunden – aber das brauchte es wohl: Ich fühlte mich danach frisch und munter wie lange nicht. Der Tag war hochneblig grau und wurde sehr kalt.

Mit dem am Vorabend angesetzten Grundsauer Kommissbrot nach Brotdoc gebacken: Von den Gästen am Montag leidet eine unter Zöliakie, die andere liebt Roggenbrot ganz besonders, dieses wirklich reine Roggenbrot müsste ideal sein.

Zwei Maschinen weiße Wäsche, darunter Bettwäsche.

Nach dem Bloggen die von Frau Physio erlaubten 20 Minuten Crosstrainer: Davor ausführlich Faszienrolle, danach ausführlich Bauchmuskelübungen – gerade, seitliche, untere, schräge.

Zum Frühstück ein Restschälchen Coleslaw und zwei Stück Zwetschgendatschi.

Nachmittags mehr Ausführlichkeit: Ich bügelte. Ablenkung in der ersten halben Stunde war ein Podcast: Holger Klein spricht mit Steffi Hornung, die seit anderthalb Jahren in Santiago de Chile lebt, über die politische Lage ihres Gastlands. Nach erfolgreichem Bügeln noch ein Stück Zwetschgendatschi.

Es war mittlerweile längst dunkel, doch mich zog es in die frische Luft, von der man so viel hört: Nach einem Telefonat mit meiner Mutter (allen geht es gut) zog ich mich warm an für einen Schaufensterbummel. Ich spazierte die Sendlinger Straße und Theatinerstraße bis zum Odeonsplatz, meanderte westlich davon zurück nach Hause.

Daheim holte ich mit Herrn Kaltmamsell die Balkonpflanzen herein. Er hatte nach Joggen und einem weiteren Verlassen der Wohnung bereits darauf hingewiesen, dass es sich draußen nach Nachtfrost anfühlte; mein Spaziergang hatte Zweifel ausgeräumt. Ich entkernte noch einen Granatapfel als Brotzeit für Montag, räumte Wohnung auf bis zum Nachtmahl: Reste der Gans und Gänsefüllung, ein viertes Stück Zwetschgendatschi.

Den Tatort ließen wir nach der Tagesschau nur kurz laufen (Meret Becker gehört zu den Schauspielerinnen, die ich mir in allem ansehe), dann ließ ich mir ein Entspannungsbad ein – meiner Hüfte geht es wieder deutlich schlechter.

Im Bett weiter mit Genuss Beloved gelesen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 9. November 2019 – Start der Gänsebratensaison

Sonntag, 10. November 2019 um 10:42

Den Nachtschlaf störten böse Kopfschmerzen, ich nahm in den frühen Morgenstunden Ibu und schlief fast bis neun.

Zügiges Bloggen und Anziehen, die Pläne für eine kleine Einheit Crosstrainer (Frau Physio hatte mich zu einer Beschränkung auf 20 Minuten ermahnt, dafür aber täglich erlaubt) ließ ich fahren: Ich wollte dringender mit Herrn Kaltmamsell einkaufen – er muss an diesem Wochenende viel arbeiten, eine Stunde Einkäufe hatten wir als gemeinsame Quality Time vereinbart.

Erstes Ziel unter grauem Himmel (aber nicht sehr kalt) war der gewohnte Wild- und Geflügelhändler auf dem Viktualienmarkt – der umgezogen war, aber anhand der Fotos im Web konnte ich ihn lokalisieren: Ich hatte mir Gänsebraten gewünscht. Ich kaufte also für teuer Geld eine fünf Kilo schwere glückliche Bauerngans aus Niederbayern.

Dann liefen wir quer über den Gärnterplatz rüber zum Klenzemarkt. Beim Kreuzen der Fraunhoferstraße begutachtete ich die neue Verkehrssituation: Mir war nicht ersichtlich, woraus sich das komplette Halteverbot ableiten lässt, das die Anwohnenden in der Bürgerversammlung als unerträglich kritisiert hatten, ich fand kein Schild, das Halten zum Ein- und Ausladen, zum Ein- und Aussteigen verbot. Auch in der Straßenverkehrsordnung fand ich später keinen Passus, aus dem sich das ableiten ließe. Was übersehe ich?

Ausführlicher Käseeinkauf auf dem Klenzemarkt schon für Gäste am Montag. Am vertrauten Käsestand statt des gewohnten Herrn mittleren Alters zwei jüngere – von denen einer dem sonstigen Standler so ähnlich sah, dass ich sofort auf Sohn tippte (gefragt habe ich natürlich nicht). Nächste Station (Herr Kaltmamsell murrte bereits, weil wir die eingeräumte Stunde überschritten) Edeka (Sandwich-Toast für Schulunterricht – fragen Sie nicht), dann noch eine Runde durch den Basitsch (Wein, Rübenkraut, Milch).

Daheim setzte ich Hefeteig für Zwetschgendatschi an (die Zwetschgen hatten halbiert und entsteint im Gefrierschrank auf ihren Einsatz gewartet, da ich direkt nach der Ernte vom elterlichen Baum keine Zeit zur Verwertung gehabt hatte). Ich erinnerte Herrn Kaltmamsell daran durchzurechnen, wann die Gans in den Ofen musste: Unser erprobtes Rezept geht von vielen Stunden bei niedriger Temperatur aus.

Zum Frühstück unterwegs geholte Semmeln.

Erst als ich nach einer Stunde nach dem Geh-Stand meines Hefeteigs sah, fiel uns beiden der Denkfehler auf: Der Datschi benötigte denselben Ofen wie die bereits vor sich hin garende Gans. Lösung: Die Gans musste eine halbe Stunde Garpause einlegen, in der das Datschi-Blech ihren Platz einnahm.

Guter Datschi, es gab ihn Nachmittags mit Sahne.

Die Karriere der Gans, die sich als gut genährt und damit fett herausstellte.

Sie bekam eine Zwiebel-Apfel-Kürbis-Thymian-Füllung.

Garpause für Zwetschendatschi. Im Topf die Brühe zum regelmäßigen Übergießen.

Nach sechs Stunden bei 120 Grad (hätte noch eine halbe Stunde vertragen, Fleisch war noch nicht ganz so weich, wie es hätte sein können).

Gehungert hat’s sicher nicht, das Ganserl. (Dazu kam das Fett aus dem Bauchraum, das Herr Kaltmamsell vor dem Füllen entfernt hatte – auf dem ersten Foto zu sehen.)

Geschmack ausgezeichnet, die Füllung besonders köstlich. Und es blieb natürlich noch genügend für Sonntag.

§

“Germany Has Been Unified for 30 Years. Its Identity Still Is Not.”

“Strangers in their own land”, also Fremde im eigenen Land: Nationalistische Kräfte nehmen dieses Gefühl für weiße Menschen in Anspruch, deren Vorfahren alle in derselben deutschen Region lebten und Deutsch-Muttersprachler waren – und die mit dem Zuzug von Menschen aus anderen Gegenden der Welt und aus anderen Kulturen nicht zurecht kommen. Dieser Artikel der New York Times porträtiert anlässlich von 30 Jahren Mauerfall Menschen, die viel mehr Grund dazu haben, sich als Fremde im eigenen Land zu fühlen: Deutsche, die nicht weiß sind, die nicht auf mehrere Generationen von Deutsch-Muttersprachlern als Vorfahren zurückblicken – und die von anderen Deutschen ausgegrenzt werden. Gleich der Einstieg schneidet mir ins Herz:

Abenaa Adomako remembers the night the Berlin Wall fell. Joyous and curious like so many of her fellow West Germans, she had gone to the city center to greet East Germans who were pouring across the border for a first taste of freedom.

“Welcome,” she beamed at a disoriented-looking couple in the crowd, offering them sparkling wine.

But they would not take it.

“They spat at me and called me names,” recalled Ms. Adomako, whose family has been in Germany since the 1890s. “They were the foreigners in my country. But to them, as a black woman, I was the foreigner.’’

Übersetzung als Fußnote.1
(…)

Two decades after the country stopped defining citizenship exclusively by ancestral bloodline, the far right and others have started distinguishing between “passport Germans” and “bio-Germans.”

Eine sehr gute Statusaufnahme unseres Kampfs um deutsche Identität (inklusive sehenswerter Fotos). Ich beanspruche ja Deutschtum durchaus kämpferisch für mich (bemerkenswert, dass der Artikel alle Protagonisten und Protagonistinnen mit “identifies as…” beschreibt – I identify as German), gerade weil es mir nicht angeboren ist (zur Erinnerung: spanischer Gastarbeitervater, meine Mutter ist Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin, die nach dem Krieg in Deutschland blieb, und war bis zu ihrer Heirat staatenlos, danach wie ihr Ehemann spanisch Staatsbürgerin, die Familie und somit ich bekamen 1977 die deutsche Staatsbürgerschaft, da war ich elf). Ich kann aber auch nachvollziehen, dass Einwandererkinder (looking at you) aus Protest gegen ständige Ausgrenzung die deutsche Staatsbürgerschaft ablehnen – und möchte gerade die so gerne anwerben als Schöffinnen und Schöffen, Wahlhelfende.

§

Die wundervolle Hannah Gadsby beantwortet in einer Talk Show Fragen über ihren Autismus und erklärt Details an konkreten Situationen, inklusive der, in einer Talkshow zu sitzen.
via @DonnerBella

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https://youtu.be/PaT__mzkHbA

  1. Abenaa Adomako erinnert sich an die Nacht des Mauerfalls. Überglücklich und neugierig wie viele andere Westdeutsche war sie ins Berliner Stadtzentrum gefahren, um die Ostdeutschen zu begrüßen, die in Scharen über die Grenze kamen, um die neue Freiheit auszutesten.
    “Willkommen!”, rief sie einem orientierungslos wirkenden Paar zu und bot ihm Sekt an.
    Sie lehnten brüsk ab.
    “Sie bespuckten und beschimpften mich”, erinnert sich Adomako, deren Familie seit den 1890ern in Deutschland lebt. “Sie waren die Fremden in meinem Land. Doch weil ich schwarz bin, war ich für sie die Fremde.” []
die Kaltmamsell

Journal Freitag, 8. November 2019 – Ersehntes Ende der Arbeitswoche, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 9. November 2019 um 10:09

Ich war ja erst nach elf im Bett gewesen, noch dazu konnte ich überdreht nicht gleich einschlafen (nicht wegen der Bürgerversammlung, sondern wegen Arbeitsdingen, die ich während der Bürgerversammlung vergessen hatte) – dafür wachte ich schon um fünf auf. Ach, ich hatte in den Nächten davor genug geschlafen, da machte das ja nichts. Und ich hatte ja noch den Blogpost über die Bürgerversammlung zu schreiben. (Direkt vor der Veranstaltung hatte ich mich so erledigt gefühlt, dass ich eigentlich geplant hatte, diesmal nur eine vage Zusammenfassung zu posten, doch dann fand ich bereits den Bericht von Bürgermeisterin Strobl so interessant, dass ich anfing mitzuschreiben.)

Wie immer holte mich die Müdigkeit erst am späten Vormittag ein.

Mittags ein Laugenzöpferl, ein Becher Dickmilch, zwei Äpfel.

Ich fühlte mich sehr erschöpft und machte relativ pünktlich Feierabend, freute mich auf den Abend mit Herrn Kaltmamsell und einige Einkäufe davor im Vollcorner.

Dort verlockte mich ein junger Mann vorm Weinregal zu einem Probierschluck: Ich hatte abgelehnt, wollte aber gern mehr über die vorgestellten Weine wissen. Als er den apulischen Rotwein als etwas restsüß beschrieb, da die Trauben dafür antrocknen, wollte ich dann doch probieren. Interessante Rosinennote, und der eine Schluck knallte auf leeren Magen wie zwei Cocktails.

Ist natürlich übertrieben, ich radelte problemlos heim (kühler, grauer Tag). Dort gab es Gin Tonic, während Herr Kaltmamsell den Chinakohl aus Ernteanteil mit Kartotten aus derselben Quelle und mit Walnüssen, Majo und Joghurt zu Coleslaw verarbeitete. Dann briet er uns ein wundervolles Entrecȏte (hier mit Brutzeltönen als Filmchen).

Ungestellte Abendessensituation. Dazu ein Glas spanischen Prometus.
Früh ins Bett.

§

Wofür ich das Techniktagebuch immer wieder aufs Neue liebe: Einblicke in wirkliche Alltagstechnik anderer Leute, von der ich sonst nie erführe. (Die pragmatische Redaktionspolitik hat schon früh Diskussion über den Begriff mit dem Beschluss abgekürzt, dass jede Technik für irgendjemand Alltag ist.) Hier zum Beispiel:
“Alles wird besser: 33 Jahre Fortschritt in der Diabetes-Behandlung”.

§

Die Autorin und Feministin Margarete Stokowski hat den Tucholsky-Preis gewonnen, ich freue mich sehr für sie. In ihrer Rede zur Preisverleihung erklärt sie nicht nur, warum er etwas Besonderes ist und für sie eine besondere Auszeichnung, sondern auch was es für sie bedeutet, eine politische Autorin zu sein.
“‘Ich denke dann kurz: Ja, normal'”

Ich frage mich auch: Wie gesund ist das eigentlich, einen Job zu machen, bei dem man Morddrohungen irgendwann normal findet, und bei dem man sich daran gewöhnt, dass diejenigen, die diese Drohungen schreiben, oft nicht gefunden werden?

(…)

Man ist als politische Autorin in diesem Land heute nicht besonders gut geschützt, und das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die für den Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit eigentlich zuständig wären, ihre Arbeit zum Teil nicht gut machen. Es gibt dort Leute, die sich Mühe geben, aber es gibt auch die, die komplett versagen.

(…)

Im Einstellungsschreiben stand: „Ein öffentliches Interesse, das die Strafverfolgung gebietet, liegt nicht vor.“ – Sicher? Ich würde gern glauben, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, dass Autorinnen Texte schreiben können, ohne erklärt zu kriegen, sie sollten verprügelt, erschossen und verbrannt werden. Das scheint mir nicht zu viel verlangt.

§

Generalisierende Häme über die Arbeit von Politikerinnen und Politikern tut keiner Diskussion gut. Gerade die Unterstellung, jemand würde diese Karriere aus Faulheit oder Bequemlichkeit einschlagen, zeugt von bodenloser Ignoranz. Bundestags-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg ist in dieser Legislaturperionde zum ersten Mal dabei und erzählt im Interview über den Alltag, nachdem im Bundestag innerhalb eines Tages zwei Politiker zusammengebrochen sind:
“Linken-Abgeordnete über Bundestagsarbeit
‘Der Preis ist zu hoch'”.

§

Am 9. November jährt sich der Fall der Mauer zum 30. Mal. Annette Ramelsberger, die ich in den vergangenen Jahren als Gerichtsreporterin der Süddeutschen sehr zu schätzen gelern habe, war ab Januar 1989 mit 28 Jahren für den Nachrichtendienst AP Korrespondentin in der DDR.
“Wie viel Geschichte verträgt der Mensch?”

Die Stasi tat weiter ihre Arbeit, ich versuchte, meine zu tun: Ich wollte durch diese Milchglasscheibe schauen, die die DDR vor den Augen westlicher Journalisten aufgestellt hatte. Wir bekamen keine Gesprächstermine, durften nicht mal DDR-Bürger ansprechen. Also schlichen wir zu Informanten.

(Selbst habe ich keine Geschichte anzubieten, wie ich den Mauerfall als Studentin in Augsburg erlebte. Ich erfuhr aus dem Radio davon, doch dieser historische Moment gehörte zu den Augenblicken, die mich komplett überforderten – als Westdeutsche konnte ich einfach verdrängen. Wie Ramelsberger schreibt: “Bis die Menschen auf der Mauer tanzten, deutete kaum etwas auf den Untergang des Regimes hin.”)

die Kaltmamsell