Den Nachtschlaf störten böse Kopfschmerzen, ich nahm in den frühen Morgenstunden Ibu und schlief fast bis neun.
Zügiges Bloggen und Anziehen, die Pläne für eine kleine Einheit Crosstrainer (Frau Physio hatte mich zu einer Beschränkung auf 20 Minuten ermahnt, dafür aber täglich erlaubt) ließ ich fahren: Ich wollte dringender mit Herrn Kaltmamsell einkaufen – er muss an diesem Wochenende viel arbeiten, eine Stunde Einkäufe hatten wir als gemeinsame Quality Time vereinbart.
Erstes Ziel unter grauem Himmel (aber nicht sehr kalt) war der gewohnte Wild- und Geflügelhändler auf dem Viktualienmarkt – der umgezogen war, aber anhand der Fotos im Web konnte ich ihn lokalisieren: Ich hatte mir Gänsebraten gewünscht. Ich kaufte also für teuer Geld eine fünf Kilo schwere glückliche Bauerngans aus Niederbayern.
Dann liefen wir quer über den Gärnterplatz rüber zum Klenzemarkt. Beim Kreuzen der Fraunhoferstraße begutachtete ich die neue Verkehrssituation: Mir war nicht ersichtlich, woraus sich das komplette Halteverbot ableiten lässt, das die Anwohnenden in der Bürgerversammlung als unerträglich kritisiert hatten, ich fand kein Schild, das Halten zum Ein- und Ausladen, zum Ein- und Aussteigen verbot. Auch in der Straßenverkehrsordnung fand ich später keinen Passus, aus dem sich das ableiten ließe. Was übersehe ich?
Ausführlicher Käseeinkauf auf dem Klenzemarkt schon für Gäste am Montag. Am vertrauten Käsestand statt des gewohnten Herrn mittleren Alters zwei jüngere – von denen einer dem sonstigen Standler so ähnlich sah, dass ich sofort auf Sohn tippte (gefragt habe ich natürlich nicht). Nächste Station (Herr Kaltmamsell murrte bereits, weil wir die eingeräumte Stunde überschritten) Edeka (Sandwich-Toast für Schulunterricht – fragen Sie nicht), dann noch eine Runde durch den Basitsch (Wein, Rübenkraut, Milch).

Daheim setzte ich Hefeteig für Zwetschgendatschi an (die Zwetschgen hatten halbiert und entsteint im Gefrierschrank auf ihren Einsatz gewartet, da ich direkt nach der Ernte vom elterlichen Baum keine Zeit zur Verwertung gehabt hatte). Ich erinnerte Herrn Kaltmamsell daran durchzurechnen, wann die Gans in den Ofen musste: Unser erprobtes Rezept geht von vielen Stunden bei niedriger Temperatur aus.
Zum Frühstück unterwegs geholte Semmeln.
Erst als ich nach einer Stunde nach dem Geh-Stand meines Hefeteigs sah, fiel uns beiden der Denkfehler auf: Der Datschi benötigte denselben Ofen wie die bereits vor sich hin garende Gans. Lösung: Die Gans musste eine halbe Stunde Garpause einlegen, in der das Datschi-Blech ihren Platz einnahm.
Guter Datschi, es gab ihn Nachmittags mit Sahne.
Die Karriere der Gans, die sich als gut genährt und damit fett herausstellte.

Sie bekam eine Zwiebel-Apfel-Kürbis-Thymian-Füllung.

Garpause für Zwetschendatschi. Im Topf die Brühe zum regelmäßigen Übergießen.

Nach sechs Stunden bei 120 Grad (hätte noch eine halbe Stunde vertragen, Fleisch war noch nicht ganz so weich, wie es hätte sein können).

Gehungert hat’s sicher nicht, das Ganserl. (Dazu kam das Fett aus dem Bauchraum, das Herr Kaltmamsell vor dem Füllen entfernt hatte – auf dem ersten Foto zu sehen.)
Geschmack ausgezeichnet, die Füllung besonders köstlich. Und es blieb natürlich noch genügend für Sonntag.
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“Germany Has Been Unified for 30 Years. Its Identity Still Is Not.”
“Strangers in their own land”, also Fremde im eigenen Land: Nationalistische Kräfte nehmen dieses Gefühl für weiße Menschen in Anspruch, deren Vorfahren alle in derselben deutschen Region lebten und Deutsch-Muttersprachler waren – und die mit dem Zuzug von Menschen aus anderen Gegenden der Welt und aus anderen Kulturen nicht zurecht kommen. Dieser Artikel der New York Times porträtiert anlässlich von 30 Jahren Mauerfall Menschen, die viel mehr Grund dazu haben, sich als Fremde im eigenen Land zu fühlen: Deutsche, die nicht weiß sind, die nicht auf mehrere Generationen von Deutsch-Muttersprachlern als Vorfahren zurückblicken – und die von anderen Deutschen ausgegrenzt werden. Gleich der Einstieg schneidet mir ins Herz:
Abenaa Adomako remembers the night the Berlin Wall fell. Joyous and curious like so many of her fellow West Germans, she had gone to the city center to greet East Germans who were pouring across the border for a first taste of freedom.
“Welcome,” she beamed at a disoriented-looking couple in the crowd, offering them sparkling wine.
But they would not take it.
“They spat at me and called me names,” recalled Ms. Adomako, whose family has been in Germany since the 1890s. “They were the foreigners in my country. But to them, as a black woman, I was the foreigner.’’
Übersetzung als Fußnote.
(…)
Two decades after the country stopped defining citizenship exclusively by ancestral bloodline, the far right and others have started distinguishing between “passport Germans” and “bio-Germans.”
Eine sehr gute Statusaufnahme unseres Kampfs um deutsche Identität (inklusive sehenswerter Fotos). Ich beanspruche ja Deutschtum durchaus kämpferisch für mich (bemerkenswert, dass der Artikel alle Protagonisten und Protagonistinnen mit “identifies as…” beschreibt – I identify as German), gerade weil es mir nicht angeboren ist (zur Erinnerung: spanischer Gastarbeitervater, meine Mutter ist Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin, die nach dem Krieg in Deutschland blieb, und war bis zu ihrer Heirat staatenlos, danach wie ihr Ehemann spanisch Staatsbürgerin, die Familie und somit ich bekamen 1977 die deutsche Staatsbürgerschaft, da war ich elf). Ich kann aber auch nachvollziehen, dass Einwandererkinder (looking at you) aus Protest gegen ständige Ausgrenzung die deutsche Staatsbürgerschaft ablehnen – und möchte gerade die so gerne anwerben als Schöffinnen und Schöffen, Wahlhelfende.
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Die wundervolle Hannah Gadsby beantwortet in einer Talk Show Fragen über ihren Autismus und erklärt Details an konkreten Situationen, inklusive der, in einer Talkshow zu sitzen.
via @DonnerBella

die Kaltmamsell