Archiv für Oktober 2019

Journal Donnerstag, 24. Oktober 2019 – Smartphone-Detox

Freitag, 25. Oktober 2019

Also auch ich mal auf Kommunikationsdiät: Diesmal vergaß ich mein Handy nicht nur fast, sondern so richtig daheim, ich bemerkte es erst im Büro.
Ein Tag ohne Smartphone – wie war das so?
Am ehesten vermisste ich den Schrittzähler: All die getanen Schritte, die nicht in der Statistik auftauchen würden!
Und jetzt muss ich ein Buch über Digital Detox schreiben, richtig?

Der Tag wechselte zwischen Nebel, Sonne und Wolken. Beim Radeln in die Arbeit war ich froh über meine Handschuhe.

Mittags Tomaten und ein Schälchen Quark mit Maracuja, als Nachmittagssnack Kuchen von einer Bürofeier.

Nach Feierabend Reha-Sport, zum ersten Mal mit Entspannungstraining. Der kleine Raum stellte nur wenige Liegen bereit, die bereits belegt waren, als ich ankam. Der Rest nahm auf Stühlen Platz. Progressive Muskelentspannung kannte ich ja schon, auf einem Stuhl tatsächlich schwieriger als in einem bequemen Liegesessel. Am meisten störte meine Entspannung allerdings die grässliche generische Entspannungsmusik: Andere nützen ihr inneres Rebellentum zum Weltverbessern, mein Rebellenzentrum wird durch die Aufforderung von Entspannungsmusik aktiviert.

Runde durch den Gerätepark, am gestrigen Tag hatte sich die Muskulatur im Lendenwirbelbereich mit der rechten Hüfte solidarisiert und bereitete mir Schmerzen, die Übungen waren kein Spaß.

Daheim wartete Herr Kaltmamsell schon mit Ernteanteilsalat, danach gab es Käse und Schokolade. Ich entkernte noch einen Granatapfel für die Freitagsbrotzeit und ging früh ins Bett zum Lesen – gespannt, was all die Schmerzen mit meiner Nachtruhe machen würden (wider besseres Wissen Ibu genommen, das prompt keine Wirkung zeigte).

§

Die Zeit berichtet über eine Studie der Forschungsorganisation More in Common, Die andere deutsche Teilung: Zustand und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft:
„‚Die Deutschen wollen Zusammenhalt, aber sie glauben nicht daran'“.

Wir haben für unsere Studie einen nichtklassischen Ansatz gewählt. Wir unterteilen die Befragten nicht nach Alter, Geschlecht oder Einkommen, weil diese Kategorien uns oft gar nicht mehr helfen, Gesellschaft zu verstehen. Stattdessen verschränken wir erstmals Instrumente aus der Sozialpsychologie und der Politikwissenschaft. Die Quintessenz daraus sind die sechs gesellschaftlichen Typen, die wir gefunden haben: Etablierte, Involvierte, Offene, Wütende, Enttäuschte und Pragmatiker.

(Gleich mal das Quiz gemacht: Ich gehöre zu den 16% Offenen.)

Journal Mittwoch, 23. Oktober 2019 – Alleinkochen, Kleidungsabschied

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Wieder viermal aufgewacht, diesmal aber immer nur ganz kurz.

Beim Busfahren in die Arbeit hörte ich weiter Podcast über Boatpeople – vielleicht sind O-Töne über erlebte Flucht und Piratengewalt nicht das Beste für den frühen Morgen, ich kam gleich mal mit nassen Wangen im Büro an.

Der Tag startete wieder neblig, jetzt aber auch kühl. Am Mittag lichtete sich der Nebel, ich bekam nochmal Sonne ins Büro.

Mittags packte ich meinen Bulgursalat aus:

Ich hatte am Vorabend Bulgur mit heißer (löslicher) Gemüsebrühe quellen lassen, in der ich ein wenig Harissa aufgelöst hatte, morgens eine gelbe Paprika, eine große Tomate, Kresse reingeschnippelt, mit einer Hand voll Walnusskernen vermischt. Das Ergebnis war ausgesprochen köstlich, ich wunderte mich mal wieder über das regelmäßig gehörte „Für mich allein lohnt es sich ja nicht zu kochen“. Aber vielleicht hat Essensgenuss für mich einfach einen deutlich überdurchschnittlichen Stellenwert.

Drei Wochen Weihnachtsurlaub eingereicht.

Ein Lieblingsoberteil hatte seine Abschiedsvorstellung. Es war eines von zwei Shirts aus Seidenjersey, die ich vor genau 14 Jahren mit meiner ersten Bestellung beim damals neu entdeckten Wrap London erstanden hatte, und das ich viel und sehr gern getragen hatte. Doch mittlerweile waren die Löcher neben den Nähten zu viele, die Saumkanten hatte sich schon vor Monaten aufgelöst. Um nicht später damit zu hadern, dass ich das Kleidungsstück wegwarf, halte ich zur Erinnerung den Grund fest:

Nach Feierabend war ich im Westend verabredet, endlich sah ich mal das La Kaz von innen. Ich kannte das Lokal vom Vorbeigehen und als Kartoffelkombinat-Verteilerpunkt, jetzt stellte es sich als fröhlicher und gut besuchter Nachbarschaftstreff heraus. Ich aß einen sehr guten Salat mit gebratenem Kürbis und Apfel, hatte sogar Lust aus Alkohol (es wurde ein Moscow Mule) und unterhielt mich über Bahn im internationalen Vergleich (bekam dabei die italienische für weite Strecken empfohlen), Universitätssysteme, Farben, Elterngesundheit.

Nach Hause ging ich zu Fuß, das funktionierte zwar weiterhin nur hinkend, aber ohne große Erschöpfung.

§

Gibt es eigentlich schon eine Kolumne namens „Till Raether hat recht“? Sollte es. Beweisstück A:
„Kernseife, rette mich“.

Bei der Klimakrise gibt es im Grunde zwei Meinungen. Die eine ist, die Menschen sollten sehr viel weniger Dinge und Ressourcen benutzen und zwar schleunigst, besser 1970 als heute. Die andere ist, dass das leichter gesagt als getan und auch ziemliche Schwarzmalerei ist, denn man könnte das Klima ja auch mit »Technologien« retten, insbesondere mit »neuen Technologien«: CO2-Abbau-Fabriken, Flugtaxis, irgendeiner Idee, die einem Milliardär schon morgen Vormittag womöglich durch den Kopf schießt. Wer weiß es denn! Leute, seid doch bitte mal ein bisschen optimistisch.

Ich gehöre zum Team 1970, deshalb verhalte ich mich exakt wie Raether (allerdings waren meine Großmütter ganz, ganz anders):

Im Küchenbereich liebe ich die unpraktischen dreieckigen braunen Papiertüten mit Fünfziger-Jahre-Aufdruck, die die Supermarktkette an den Obst-und-Gemüse-Stand gehängt hat, damit es aussieht, als würden sie einen Fuck auf die Umwelt geben. Natürlich weiß ich, dass diese Tüten keine nennenswert bessere Umweltbilanz haben als die aus Plastik, aber es macht mir Freude, darin zu Hause wie meine Oma Küchenabfälle zu sammeln und damit anschließend in einem Wettlauf gegen die Durchsuppung zum Biomüll zu rennen. Und an meine Großmutter erinnert mich auch das Käsepapier, das sie einem im Supermarkt empfehlen, weil es den Comté viel besser frisch hält als die topmoderne Plastikfolie. Vor allem, wenn ich es zur Zweit- und Drittverwertung auf dem Küchentisch glattstreiche und sorgfältig falte, fühle ich mich wie meine Großmutter 1979. Und ich vermeide Energieverschwendung und Plastikmüll.

§

Ein sehr ausführlicher und lesenwerter Überblick über die Rolle und Geschichte von Tatöwierungen bei uns von Valentin Groebner im Merkur:
„Der tätowierte Mensch“.

via @malomalo

Bei mir überwiegt die Ratlosigkeit gegenüber diesem Phänomen in unserer Kultur. Nur: Es geht mich halt nichts an, wie andere ihren Körper schmücken. Ich registriere interessiert, dass komplett-tätowierte Arme auch bei noch so spärlicher Kleidung angezogen aussehen, erschrecke hin und wieder, weil besonders kleinteilige und gleichzeitg großflächige Tätowierungen auf den ersten Seitenblick wie schlimmer Ausschlag wirken, lasse mich beim Warten an der Ampel von Gesichtern auf der Wade des Vorderradlers anstarren. Das hat alles nichts mit mir zu tun, ich kann meinen Körper genauso untätowiert lassen wie anderen ihn halt tätowieren.

Die Tätowierten, geht mir im Freibad der friedlichen Schweizer Kleinstadt auf, sind so gesehen Gefangene – gezeichnete Gefangene ihres eigenen Bedürfnisses nach Selbstdarstellung und Niemals-Vergessen, lebenslang. »Glück« hatte eine junge Frau mit Hornbrille und markantem asymmetrischem Haarschnitt in blaugrünen Buchstaben auf ihren Nacken tätowieren lassen. Die Aufforderung »be unique« habe ich auch schon gesehen, zweimal.

Na ja – ich würde in die deutsche Alltagstätowierung eher nicht zu viel hineinlesen. Für manche haben die eigenen Tatoos tiefe Bedeutung, für andere sind sie schlichte Deko – wie bei jedem anderen Schmuck halt auch. Am ehesten neige ich zu diesen beide Schlüsseln aus dem Artikel:
Diedrich Diederichsen: „Selbsthistorisierung.“
Paul-Henri Campbell: „Im Prinzip ist Autonomie der Sinn und Zweck von Tätowierungen.“
Am Ende kommt auch Valentin Groebner zu dem Ergebnis:

Am unverstelltesten und unmittelbarsten geben die Tätowierungen Auskunft vermutlich nicht über die Überzeugungen oder Obsessionen derjenigen, die sie auf sich anbringen lassen. Sondern über die Wünsche derer, die sie interpretieren.

Für mich als Rezipientin werden vermutlich immer die Assoziationen Unterschicht-Gefängnis-Gewalt mitschwingen – doch ich weiß, dass sie aus der Zeit und der Umgebung meiner Kindheit herrühren und lediglich Zuschreibungen sind.

§

Sie wissen vermutlich mittlerweile, wie gerne ich die Entlarvung von Gender-Rollen durch Umkehrung mag. Zum Beispiel (Link führt zu Facebook):
BBC: Lazy Susan – Women behave like men in bars.

Journal Dienstag, 22. Oktober 2019 – Podcast über Boat People, Kent Haruf, Eventide

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wieder eine viermal unterbrochene Nacht. Nachdem mir in der Nacht zuvor unter der Winterdecke viel zu warm gewesen war, hatte ich mich mit einer leichteren zugedeckt – und fror. Diesmal war die Winterdecke richtig. Aber ich würde gerne mal wieder durchschlafen, wo mich doch gar nicht mehr Schmerzen wecken, sondern ich einfach so viermal pro Nacht glockenwach bin (zum Glück dann recht schnell wieder einschlafe).

Fahrradfahren ließ ich nach dem dermatologischen Rumschnippeln besser sein, nahm also wieder den Sightseeing-Bus 62. Der steckte dann wegen einem ungeschickt geparktem Lieferfahrzeug im Stau, es war klar, dass das länger dauern würde. Mir fiel ein, dass viele auf dem Arbeitsweg Podcast hören, also kramte ich meine Kopfhörer hervor und suchte nach einem Podcast, den ich auf der Merkliste für Bügelbegleitung hatte: Rice and shine, die Folge über Boat People. Ich hörte mal los.

In der Einführung skizziert Vanessa Vu den geschichtlichen Hintergrund Vietnams im 20. Jahrhundert – nein der Krieg mit USA-Beteiligung war nicht der einzige. Ich erinnere mich sehr gut an die zeitgenössischen Berichte über Boat People, der Schiffsname Cap Anamur fiel mir ein, bevor er im Poscast erwähnt wird – für mich ist er ikonisch. Allerdings war ich erstaunt über die Jahreszahl 1979 – ich hatte die Rettungsfahrten der Cap Anamur früher in den 70ern vermutet. Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, den Rest anzuhören.

Draußen war es warm und neblig. Der Nebel hielt sich den ganzen Tag, doch ich brauchte keine Socken in den Schuhen. Im Büro weiter lustige Temperaturachterbahn. Wenn diese Beschreibung von Hitzewallungen korrekt ist, habe ich allerdings keine: Es ist mir einfach vorübergehend sehr warm.

Mittags Birchermuesli mit Joghurt und einer Mandarine, nachmittags ein heimischer Apfel und eine Scheibe Bananenmarmorkuchen.

Zurück nahm ich eine U-Bahn zum Stachus, weil ich noch im Biosupermarkt Brotzeit für die nächsten Tage einkaufen wollte. Daheim setzte ich mich nur kurz, bald brach ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen meiner Leserunde in Neuperlach auf.

Wir hatte Kent Haruf, Eventide gelesen und hatten es alle sehr gemocht. Der Roman ist der mittlere einer Trilogie, die in einem kleinen Ort des US-amerikanischen Bundesstaats Colorado spielt. Kapitelweise wird von verschiedenen Haushalten erzählt, darunter die beiden alten Brüder mit der Landwirtschaft, die ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben; die Familie mit zwei Kindern im Trailer Park, die von Lebensmittelmarken lebt; der Bub, der bei seinem unwirschen Großvater lebt und von der Nachbarsmutter mit ihren zwei kleinen Töchtern ein wenig unter die Fittiche genommen wird. Erst ab der Mitte des Buchs verflechten sich die Handlungen. Die Personen sind alle ganz gewöhnliche Menschen, dennoch lasen wir alle sieben aus der Leserunde gebannt über ihr Leben. Wir waren gerührt von gegenseitiger Fürsorge, erschraken über das Eindringen von Gewalt, freuten uns über späte Liebe.

Mir war vor allem die scheinbar völlige Abwesenheit einer Erzählinstanz aufgefallen. Es scheinen Einordnungen zu fehlen, Bewertungen, Interpretationen, gestern verglich eine Mitleserin den Stil mit dem eines Dokumentarfilms. Das erzeugt die Illusion, man sei bei Lesen selbst diejenige, die zuguckt.

Uns gelang nicht, die Zeit zu bestimmen, in der die Geschichte spielt. Wir bekommen weder zeitgeschichtlichen Hintergrund noch Hinweise über Technik, Speisen, Musik, Mode – es könnte alles von 60ern bis 90ern sein (danach müssten dann doch Internet oder Handys eine Rolle spielen). Diese Zeitlosigkeit verstärkt das Thema grundsätzlicher Menschlichkeit. Ein ganz besonderes Buch, Empfehlung.

Auf dem Heimweg war es immer noch schwül-neblig.

§

Ein Kommentar im Stern (den gibt’s noch!) über das Ausbleiben von Nachwuchs unter dem Theaterpublikum:
„Liebe Theatermacher, zeigt uns doch bitte einfach mal ’normale‘ Stücke!“

via FrauNessy

Ich würde das zwar nicht so ausdrücken wie die Überschrift (und habe diesen Wunsch auch nicht), fand die Sicht aber sehr interessant. Dass Theater seit vielen Jahren kein Geschichtenerzählen mehr ist, sondern Aktionskunst, war mir schon klar. Doch dass das ganzen Bevölkerungsschichten die Motivation für einen Theaterbesuch nehmen könnte, hatte ich übersehen. Meine Mutter, Theatergängerin seit ihrer Jugend, nahm mich von Kindesbeinen an mit ins Theater – vermutlich hätte sie das nicht getan, wenn schon damals keine Geschichten erzählt worden wären, sondern nur Kunst auf der Bühne stattgefunden hätte. Und ich hätte keinen Zugang zum Theater bekommen.

Journal Montag, 21. Oktober 2019 – Wucherung und Testament

Dienstag, 22. Oktober 2019

Das Wetter fühlt sich immer seltsamer an. Seit Donnerstag habe ich Hitzeanfälle, also heiße Haut mit kalten Fingern. In meinem Alter ist ja der erste Gedanke: Wechseljahre, jetzt dann doch Symptome. Andererseits habe ich einen Erkältungsinfekt, der könnte am Temperaturregler spielen.

Draußen war es immer noch bacherlwarm, ich hatte mehrere Fenster in der Wohnung über Nacht offengelassen, ohne es zu merken – es war nicht kalt hereingekommen. Ohne Handschuhe in die Arbeit geradelt.

Gehen ging gestern plötzlich sehr gut – 10-Meter-weise war ich geradezu federnd unterwegs.

Mittags Geflügelsalat mit Mango und Walnüssen (made by Herrn Kaltmamsell aus Hiehnebriehe-Huhn) und ein Stück Bananenmarmorkuchen.

Sehr pünktlicher Feierabend, denn ich hatte eine Verabredung: Eine Dermatologin sollte mir eine harmlose Hautwucherung an störender Stelle wegschneiden. Was sie dann auch tat.

Daheim einen mittags gefassten Entschluss umgesetzt: Ich schrieb mal schnell mein Testament. In der Süddeutschen war ich über einen Artikel zu Todesfall bei kinderlosen Ehepaaren gestolpert („Wenn die Schwiegereltern plötzlich miterben“) und hatte beschlossen, zumindest diese Belastung zu verhindern, sollte mich überraschend der 40-Tonner erwischen. Ein elaboriertes Testament ist sicher ratsam (allerdings ist mir ausgesprochen egal, was nach meinem Tod mit meinem Zeugs und meinem Geld passiert, beides übersichtlich), kriege ich vielleicht irgendwann auch noch hin, doch jetzt gibt es zumindest ein handgeschriebenes Testament mit ausgeschriebenen Namen, Ort und Unterschrift, das Herrn Kaltmamsell zu meinem Alleinerben macht.

In der Dämmerung nochmal Fledermäuse vorm Wohnzimmer gesehen.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Chinakohl aus Ernteanteil gebraten mit Hackfleisch und Sezuanpfeffer, sehr gut.

Im Bett Weiterlesen an Atwoods The Testaments: Ich lese es gerne und finde es spannend (durchaus betonenswert, weil Atwood in ihrer langen Schriftstellerei auch ausgesprochenen Mist veröffentlicht hat), doch ist der Roman nicht in entferntester Sichtweite der literarischen und visionären Qualität des epochalen The Handmaid’s Tale; den Booker Prize dafür kann ich nicht nachvollziehen (nicht die erste Verwunderung über die Vergabe).

Journal Sonntag, 20. Oktober 2019 – Bananenmarmorkuchen und Auer Dult

Montag, 21. Oktober 2019

Ausgeschlafen. Erkältungssymptome weiterhin überschaubar, aber ich fühlte mich immer noch wacklig.

Zwei Maschinen Bettwäsche und Handtücher gewaschen.

Währenddessen tat ich etwas in den Augen des Herrn Kaltmamsell Unverwantwortliches: Ich buk einen Kuchen – ABER KEINEN, DER DAS GUTE PFUND FRISCH GEKNACKTER WALNÜSSE AUFBRAUCHTE. Denn Aufbrauchen ist des Herr Kaltmamsell Hauptkriterium bei der Kochplanung. Ich hatte sehr wohl bereits nach Rezepten für Engadiner Nusstorte recherchiert (haben Sie vielleicht einen erprobten Favoriten?), doch wie’s halt gern bei mir ist: Aktuelle Rezeptfunde sind viel attraktiver als die Backliste und die vielen Dutzend Bookmarks aus zehn Jahren. In diesem Fall hatte mich der Bananen-Marmor-Kuchen von Zucker, Zimt und Liebe gekriegt, ich hatte sogar vor ein paar Tagen eigens Bananen zum Reifwerdenlassen gekauft.

Wurde ein guter Alltagskuchen, ich mochte das Bananige zum klassischen Marmorkuchen.

Doch vor dem Anschneiden wollte ich zur Auer Dult. Das Wetter war wieder sonnig und warm, obwohl ich gestern gar nicht gut ging, wollte ich deshalb zu Fuß zur Mariahilfkirche, dann halt ganz langsam. Herr Kaltmamsell kam trotz Wochenendarbeitspflichten mit.

Die Jacke zog ich bald aus, es herrschten T-Shirt-Temperaturen.

Gärtnerplatz.

Sonnenbaderinnen auf der Corneliusbrücke.

Erst mal holten wir uns eine Bratwurst zum Frühstückmittagessen, guckten uns essend auf der Dult um.

Herr Kaltmamsell fand echten türkischen Honig, also frisch vom Block gehackt, außerdem eine Splitterbombe.

Ich wiederum freute mich über meine traditionelle Kirchweih-Straube.

Sie stellte sich allerdings als allerallerfetteste Straube meines Lebens heraus. Keine Straube ist leichte Küche, doch üblicherweise ist sie halt so fett wie ein Faschingskrapfen. Diesmal hörte ich Magen und Galle schon nach dem ersten Bissen leise fragen: „Ernsthaft?“ Ich aß sie natürlich trotzdem.

Zurück nach Hause nahmen wir vernünftigerweise die Tram (neben der Hüfte schmerzte gestern auch mein Kreuz – hey, Abwechslung!). Dort las ich lange Margaret Atwood, The Testaments, bevor ich doch nochmal vernünftig war und die Winterkleidung aus dem Keller holte. Auch für kommende Woche sind nicht wirklich herbstliche Temperaturen vorhergesagt, aber so habe ich’s hinter mir.

Zum Nachtmahl gab’s Salat und Kuchen. Und vor dem Einschlafen brav wieder Entspannungsbad, danach ein wenig Dehnen.

§

Margarete Stochowski hat wieder für die taz von der Frankfurter Buchmesse gebloggt. Zum Beispiel über inszenierte Lesefotos:
„Hardcover an Heißgetränk“.

Aber will schon die Wirklichkeit sehen?

Schutzumschlag wie immer beim Lesen weg, aufschlagbereit auf Jeans in Sessel an Fenster, als Einmerker das Preiswapperl zusammengefaltet.

Journal Samstag, 19. Oktober 2019 – 80. Taufpatinnengeburtstag

Sonntag, 20. Oktober 2019

Mittelgute Nacht. Aufgewacht mit brüllenden Nebenhöhlenschmerzen, die erst nach dem zweiten Paracetamol nachließen. (Aspirin meide ich wegen ihrer blutverdünnenden Wirkung: Am Montag habe ich einen Termin für einen kleinen, ganz kleinen operativen Eingriff, und ich will nicht im eigenen Blute davonschwimmen.)

Nach dem Bloggen und Milchkaffeetrinken Waschmaschine gefüllt und angeschaltet, dann nochmal für ein paar Stunden ins Bett – das sonnige und milde Draußen musste ohne mich auskommen.

Duschen und Anziehen, dann gab es Mittagsfrühstück für Herrn Kaltmamsell und mich: Ernteanteilsalat und Bagels, meinen belegte ich mit Frischkäse, eingelegten getrockneten Tomaten und Ernteanteilkresse.

Internetlesen, dann war die Wochenendzeitung dran. Abends waren wir in Ingolstadt zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, am Nachmittag machte ich mich dafür fein. Und stellte massives Phantomzunehmen fest: Ich war überzeugt, dass ich steil an Umfang gewinne – ist ja klar, weil ich seit Wochen wegen der Hüftprobleme keinen Sport treibe. Umso größer war die Überraschung, als das geplante Kleid passte wie beim letzten Tragen vor sicher mehr als einem Jahr. Wie ich auch sonst kein Kleidungskneifen registriere. Jetzt verlege ich mich darauf, dass das Kneifen überfallartig passieren wird.

Zug nach Ingolstadt, vom Hauptbahnhof aus Taxi in die Antoniusschwaige (die ich als Kind immer am weithin sichtbaren Windrad erkannte, das inzwischen aber um 300 Meter versetzt wurde). Gefeiert wurde der 80. Geburtstag meiner Taufpatin Irmi – da wir keinen regelmäßigen Kontakt haben, hatte ich mich sehr über die Einladung gefreut.

Hier trägt mich Irmi 1967 zum Taufbecken. Rechts meine polnische Oma.

Irmi war ein sehr positiver Bestandteil meines Aufwachsens. Wenn ich bei ihr war, galten nicht so strenge Regeln. Sie war gleichzeitig emsig, lässig und gemütlich. Bei Irmi gab es wundervolle Kuchen, und ich genoss das explosive Lachen, zu dem sie jederzeit bereit war (und das auch 80-jährig noch so klingt). Vor allem aber schenkte sie mir zu meinen Geburtstagen Buchgutscheine: Die ersten Bücher, die ich nicht auslieh, sondern nach dem Aussuchen auch besaß.

Lauter schöne Begegnungen anlässlich des Fests. Gestern sah ich nach sehr langer Zeit ein Paar wieder, das in meiner Kindheit zum Freundeskreis meiner Eltern gehört hatte und mit dem es viele gemeinsame Unternehmungen gab: die Taufpaten meines Bruders, er wie mein Vater Anfang der 60er als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, sie eine Einheimische mit Flüchtlingshintergrund (zur Erinnerung: das waren damals noch die Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs).

Hier sieht man die beiden 1976 bei einem Ausflug der Freundesgruppe nach Burg Randeck; er hat meinen kleinen Bruder auf dem Arm. Links im Hintergrund meine Mutter, rechts die Tochter der beiden.

Und Irmis drei Kinder sah ich nach zehn Jahren mal wieder. Wir verglichen Erinnerungen und wunderten uns unter anderem darüber, was wir uns als Kinder alles gefallen und einreden hatten lassen.

Nachts wieder Taxi und Zug zurück nach München – alles problemlos, alles pünktlich.

Journal Freitag, 18. Oktober 2019 – Daniel Mendelsohn, Matthias Fienbork (Übers.), Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich

Samstag, 19. Oktober 2019

Mendelsohns Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich, übersetzt von Matthias Fienbork ausgelesen. Das Buch war ein Geschenk von Buchhändlerin und Autorin Pia Ziefle für Herrn Kaltmamsell und mich, und bei mir schon mal: Volltreffer.

Mendelsohn, studierter Altphilologe, erzählt die Geschichte seiner Beziehung zu seinem Vater anhand der Odyssee nach: Er hat dazu ein Uni-Seminar gegeben, an dem sein Vater, Mathematiker und damals schon Rentner, gebeten hatte teilzunehmen. Die Beschäftigung mit Homers Epos bringt die beiden auch dazu, gemeinsam eine Themen-Kreuzfahrt auf den Spuren der Odyssee zu unternehmen. Dabei lernt man gleich viel über antike griechische Epen, die Geisteshaltung dahinter, und über eine amerikanisch-jüdische Familie, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts aus dem Kleinbürgertum hocharbeitet.

Ich las das Buch gefesselt wie schon lange nicht mehr, es hatte mir so viel zu sagen. Zum einen rief es Erinnerungen an meinen eigenen Griechischunterricht wach, vor allem an den Leistungskurs bei Richard Nusser. Er war damals ein junger Lehrer, wir waren sein erster Leistungskurs (der größte Kurs dieses Jahrgangs, aber schon damals war Altgriechisch an Gymnasien ein rares Randgebiet – 2004 habe ich einen nostalgischen Text darüber gebloggt). Vielleicht glich der Stil, in dem Herr Nusser seinen Kurs leitet, deshalb dem universitären Seminarstil, wie ihn Mendelsohn beschreibt – weil er selbst so frisch von der Uni kam. Wir fühlten uns ernst genommen, in keiner Phase meiner Schulzeit wuchs ich so viel.

In diesem Handlunsgsstrang vermittelt Mendelsohn durch die Passagen, die er im Seminar bespricht, und durch die Unterrichtsgespräche die Struktur der Odyssee, Hintergründe über Schlüsselbegriffe, auch die heutigen Reaktionen und Lesarten, daneben seine eigene Studiengeschichte mit Homer.

Zum anderen ist das hier aber auch ein Buch über seinen Vater Jay – wie der Titel schon sagt. Ein schwieriger Mensch, geprägt durch die brutale Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das brachte mich zum Nachdenken über meinen eigenen Vater, gerade weil er in so vieler Hinsicht anders ist als der beschriebene. Parallelen sah ich in der jetzigen Lebensphase, in der die Fürsorgerichtung sich langsam von Elternfürsorge für Kinder zu Fürsorge für die alternden Eltern dreht.

Mal wieder erinnerte ich mich an den Vorsatz, mir das Leben meiner Eltern von ihnen systematisch erzählen zu lassen – am liebsten in Gegenwart ihrer Enkel, denn es geht ja nicht nur um die Erinnerungen als Familiengeschichte, sondern auch um das Erlebnis des Erzählens.

Ein weiteres Thema des Buchs: das Lehren. Mendelsohn denkt an seine eigenen Lehrerinnen, Mentoren, sinniert, dass es immer spannend ist, wer aus einem Seminar Lebensveränderndes mitnimmt. Und er ist sich dessen bewusst, dass oft der oder die Lehrende am meisten von einem Kurs profitiert.

Ich kann schlecht beurteilen, wie das Buch bei jemandem ohne jeglichen Bezug zu Homer ankommt – kann mir aber vorstellen, dass es sogar ein guter Einstieg sein kann. Also: Große Leseempfehlung. (Die deutsche Übersetzung schien mir angemessen, nur an wenigen Stellen stolperte sie, an denen ich besonders amerikanische/umgangssprachliche Ausdrücke im Original vermute).

Hier eine lesenwerte Besprechung auf Geophon mit Interview-O-Tönen.

Im Guardian lobt Emily Wilson die Meisterschaft der Erzählstruktur und die Originalität des Buchs:
„An Odyssey by Daniel Mendelsohn review – a father, a son and Homer’s epic“.

Memoirs about reading are an interesting hybrid, located somewhere between criticism and personal recollection. An Odyssey is a stellar contribution to the genre – literary analysis and the personal stories are woven together in a way that feels both artful and natural.

§

Es war keine Wunderheilung über Nacht eingetreten, nach dem Weckerklingeln am Morgen meldete ich mich in der Arbeit krank. Ich stand zwar auf, um mit Herrn Kaltmamsell Milchkaffee zu trinken, doch nachdem ich ihn in den zweiten Tag seiner Fortbildung verabschiedet hatte, ging ich zurück ins Bett – und schlief nochmal ein paar Stunden (sicheres Zeichen für Krankheit, womit ich beruhigt war und meinem Körper glaubte, dass ich mich nicht nur anstellte und blau machen wollte). Um die Mittagszeit fühlte ich mich fit genug für Dusche und Straßenkleidung, auch für ein bisschen frische Luft: Draußen war nochmal ein heller, goldener und warmer Oktobertag. Ich machte eine kleine Einkaufsrunde zum Basitsch (für den Abend war mit Herrn Kaltmamsell Hiehnebriehe mit Tortellini verabredet, deren Zutaten besorgt werden mussten) und merkte, dass ich mal besser sehr langsam ging.

Daheim hatte ich dann richtig Hunger. Es gab ein Laugenzöpferl, dazu den ersten Granatapfel der Saison (Vitamin C!) mit Joghurt. Ich trank heißen Ingwer, dann war ich wieder bettmüde. Nochmal zwei Stunden tiefer Schlaf.

Erleichterung, dass meine Hüfte in den letzten Tagen zumindest beim Schlafen nicht zickte und ich mich im Bett nicht auch noch damit herumschlagen musste. Insgesamt litt ich ohnehin nicht allzu sehr, außerdem hatte ich den Eindruck, dass die Erkältung den Zeitraffer einlegt hatte: Bereits am ersten vollerkälteten Tag zeigten sich alle Phasen von Rachenweh über Rotz bis Husten.

Wieder wach buk ich Bagels und setzte das Huhn auf: Angebräunte Zwiebel, als Suppengrün nahm ich von den Gemüseresten, die wir in der Gefriere sammeln, Lorbeerblatt, Wacholderbeeren, Pfefferkörner, Salz.

Als Herr Kaltmamsell abends heim kam, war die Brühe fertig, ich schöpfte sie in einen eigenen Topf und erhitzte darin die gekauften Tortellini mit Ricottafüllung.

Danach gab es noch ein wenig Hühnerfleisch, außerdem Schokolade. Krankheitsgemäß früh ins Bett, ich begann die Lektüre von Margaret Atwoods The Testaments.

§

In einem Interview lassen sich die Politikwissenschaftlerinnen Judith Götz und Eike Sanders fragen:
„Rechter Terror: Sind Männer das Problem?“

via @annalist

Judith Götz: Es handelt sich dabei um Männer, die an einen Maskulinismus appellieren. Frauen werden dabei als Opfer konstruiert und Männer als Beschützer, die den imaginierten Untergang aufhalten können, indem sie sich zur Wehr setzen. In diesem paranoiden Wahn scheint dann oft jedes Mittel recht. In ihrer Vorstellung hat der Krieg längst begonnen. Diese Weltsicht appelliert insbesondere an Männer.

Frau Sanders, ist diese Weltsicht neu, oder gibt es sie schon immer?

Eike Sanders: Die Figur, dass der Mann berufen ist, die Frau und damit den Volkskörper zu beschützen, ist alt. Neu ist, dass der Feminismus und Gender-Theorien und die Auflösung der Geschlechterordnung, die als „natürlich“ apostrophiert wird, als Feindbild explizit in den ansonsten sehr dünnen Manifesten der Attentäter auftaucht.

(…)

Judith Götz: Antifeminismus hat für die extreme Rechte auch viele Vorteile. Unter dieser Klammer kommen viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zusammen. Diese kommen auch aus der Mitte der Gesellschaft, sie verteidigen die Dichotomie der Geschlechterordnung. Viele Menschen erleben das als Orientierung und Beruhigung. Alles andere wird als bedrohlich wahrgenommen. Antifeminismus hat dadurch eine Brückenfunktion zwischen der Mitte und Rechts.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen