Journal Samstag, 14. September 2019 – Ausgebremster Sonnentag
Sonntag, 15. September 2019 um 8:25Zu den wachhaltenden Hüft-Bein-Schmerzen gesellte sich in der Nacht Kopfweh. Als es sich morgens auch mit Ibu nicht bekämpfen ließ, mir zudem übel wurde und ich ständig gähnte (erst seit dem BR-Artikel nehme ich letzteres als Symptom ernst, was ich mir sonst immer nur dachte), war klar: Migräne. Also Triptan-Spray, im Bett nochmal die Unterschenkelstufe an die beste Stelle geschoben und Schlaf gesucht.
Um elf war das Schlimmste vorbei, ich konnte aufstehen und traurig darüber werden, dass an diesem herrlichen Sonnentag halt kein letztes Freibadschwimmen stattfinden würde. Dafür war es nach elf auf dem Balkon warm genug für Morgenkaffee draußen.
Der Tag ging weiter ohne die Schwimmrunde (deren Ausfallen mich wirklich arg schmerzte): Erst mal Wäschewaschen.
Ich duschte mich und machte mich fertig für Einkäufe in der Stadt, suchte mit Freude nochmal sommerliche Kleidung aus (das dünne, gestrickte Leinenoberteil ist löchrig und schon mehrfach geflickt, nach diesem Einsatz muss ich es wegwerfen).
In der Sonne schlenderte ich durch die Sendlinger Straße (das Thermometer am Juwelier Fridrich zeigte im Schatten 23 Grad an), bog zum Rindermarkt ab.
An der Kasse vom Alten Peter stand eine lange Schlange (den alten Mann hinter mir, der “Scheiß Touristen!” knurrte, versuchte ich durch Blicke und “Ach, genga’S…” zu beschwichtigen), bei Zöttl gegenüber holte ich Laugenzöpferl zum Frühstück. Am Viktualienmarkt schaute ich bei einer Café-Bude vorbei, ob dort vielleicht noch ein Freund mit seiner Schwester beim allwöchentlichen Treffen stand (tat er nicht), und ging dann rüber ins Eataly, um Wein zu kaufen. Das alles wirklich langsam und bedächtig, da mich die Migräne noch benommen machte.
Rückweg übers Glockenbachviertel, wo ich beim Wimmer zusätzliche Semmeln (“Kernige”) fürs Frühstück kaufte. In den Auslagen aller Geschäfte hatte sich sich das drohende Oktoberfest niedergeschlagen, möglicherweise sind Skaterläden die einzigen Bekleidungsgeschäfte, deren Ware im Schaufenster nie angetrachtelt ist.
Ich mag Skaterläden.
Wieder war meine Zeitung nicht geliefert worden. Beim Frühstück las ich meine Twitter-Timeline der vorhergehenden 22 Stunden (es war mittlerweile nach drei Uhr), setzte mich dann zum Lesen auf den Balkon. Immer wieder wehte ein wenig Brise vorbei, ich steckte meine Nase hinein und atmete tief ein. Die Migräne-Benommenheit war durch eine post-migränale lyrische Milde abgelöst worden, die mich Licht und Anblicke besonders tief genießen ließ.
Die Kastanien leiden heuer so wenig unter der Miniermotte wie seit Jahren nicht.
Ich las für meine Leserunde Stephen Kings The Body, genau im passenden Moment die Passage:
September days always seemed to end much too soon, catching me by surprise – as if it was something inside my heart expected it to always be June, with daylight lingering in the sky until almost nine-thirty.
Gegen halb acht reichte das Licht wirklich nicht mehr zum Draußenlesen. Ich sah noch ein wenig den Fledermäusen zu.
Herr Kaltmamsell sorgte wieder für Abendessen: Es gab Orecchiette mit Broccoli und frischer roter Chilli (beides aus Ernteanteil), köstlich. Und viel Schokolade.
§
Kluges von Jutta Allmendinger über den notwendigen Wandel der Arbeitswelt:
“Sozialstaat 2.0”.
Kindheit und Jugend bereiten auf die Erwerbsarbeit vor, im Alter erholt man sich. Dieses männerorientierte Arbeitssystem ist überholt.
(…)
Ist unsere sozialstaatliche Ordnung wirklich zu feiern? Wird sie nicht seit vielen Jahrzehnten künstlich am Leben erhalten, da wir uns scheuen, die Fundamente des bismarckschen Sozialstaats neu aufzustellen, zeitgemäße Leitplanken einzuziehen? Mindestens drei moderne Entwicklungen sprechen für eine solche Neuausrichtung: die Erwerbstätigkeit von Frauen, der technologische Wandel und die längere Lebenserwartung bei guter Gesundheit.















