Journal Samstag, 2. August 2025 – Regenschwumm, Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat

Sonntag, 3. August 2025 um 7:31

Ausgeschlafen, zu düsterem Himmel und nassen Straßen aufgestanden. Ob es gerade regnete oder nicht, war mittlerweile irrelevant – einfach greisliches Wetter.

Nach Bloggen, Milchkaffee, Wasser buk ich Baskischen Käsekuchen – hatte ich seit Wochen als Plan im Hinterkopf, den ich aber immer wieder aufgab, weil ich zu wenig Lust auf Essen des Ergebnisses hatte. Jetzt zog ich ihn durch, um ihn aus dem Kopf zu kriegen.

Sportplan war Schwimmen im Dantebad, diesmal wirklich sicher ohne jede Ahnung von Sonne. Mal wieder freute ich mich geradezu enthusiastisch, dass ich in meine Schwimmpläne NIE WIEDER Menstruationsfluten einrechnen muss! War das scheiße bis vor wenigen Jahren! Ich erinnere mich an absolut nichts Gutes am Menstruieren; da ich sehr gründlich dafür gesorgt hatte, nicht schwanger werden zu können, brauchte ich ja nicht mal die Info “nicht schwanger”.

U-Bahn zum Westfriedhof, unterm Schirm zum Schwimmbad.

(mit überschlagend fröhlicher Stimme) Wie schön grün die Freibad-Liegewiese durch all den Regen geworden ist!

Das Außenthermometer über der Sprudelschnecke zeigte 16 Grad an. Es regnete durchgehend in verschiedener Intensität – das machte Spaß, auch wenn die heftigsten Regenphasen das Schwimmwasser aufspritzen ließen. Manche schwammen in Neopren-Anzügen, wobei sich einer davon bei näherem Hinsehen als flächendeckende Tätowierung herausstellte (wie bei den alten japanischen Holzschnitten, auf denen bunte, eng anliegend scheinende Kleidung an Männern ebenfalls in Wirklichkeit tätowiert ist – permanent clothing in Entsprechung zu permanent make-up?).

Mein Schwimmen fiel mir leicht und fühlte sich gut an, ich erweiterte auf 3.300 Meter.

Die Frauen-Sammelumkleide des Dantebads schätze ich ja. Selbst am Wochenende, wenn sich nicht die (meist alten) Frauen dort einfinden, die sich offensichtlich schon lang kennen, manche oberflächlich, manche näher, bilde ich mir ein sachtes Gemeinschaftsgefühl ein. Fast jedesmal wird über den Umstand gescherzt, dass nach dem Schwimmen in einer Reihe Spinde immer die direkt nebeneinander liegenden gleichzeitig gebraucht werden. Gestern sogar mit der Extraschleife, dass ich beim Abtrocknen der Nachkommerin automatisch den Platz vor dem Spind neben meinem freiräumte und sich herausstellte, dass sogar zwei Spinde Abstand zwischen unseren lag! Wir lachten noch darüber, als eine weitere geduschte Schwimmerin herantrat – und die hatte dann den direkt neben mir.

Oder der auffallend schöne Schwimmanzug, den eine Frau abgelegt hatte. Da ich zum Erkennen des Herstellers das Kleidungsstück hätte anfassen müssen, frage ich danach – und bekam zum Herstellernamen detaillierte Hintergründe und Empfehlungen.

Rückfahrt per Tram, unterwegs Stopp für Frühstücksemmelkauf. Das letzte Stück legte ich per U-Bahn zurück. Lange Zeit viel Regen heißt mittlerweile auch, dass das Nußbaumpark-Gschwerl (das immer zahlreicher wird, ich sehe einen Zusammenhang mit der systematischen Bereinigung des Alten Botanischen Gartens – schlichten physikalischen Gesetzen folgend haben sich die Menschen nämlich nicht in Luft aufgelöst) sich immer mehr im nigelnagelneu renovierten und fast fertigen U-Bahnhof Sendlinger Tor unterstellt, gestern musste ich Slalom laufen. Geben Sie uns noch ein, zwei Jahre und München muss sich nicht mehr als Gegenbeispiel zum Berliner Hermannplatz bezichtigen lassen. Ich halte es für sinnvoll, jetzt schon an den Öffi-Brennpunkten im München spezielle Sicherheitsleute einzusetzen wie in Berlin – die die Leute keineswegs vertreiben, sondern Auswüchse verhindern. Mir fallen die Unfälle im U-Bahnhof Goetheplatz ein, wo schon mehrfach Zugedröhnte ins Gleisbett gerieten, mindestens einmal mit tödlichem Ausgang. Vorbild könnte Berlin sein, siehe Artikel “Auf der Strecke geblieben” in der Wochenendausgabe der Süddeutschen (€).

Frühstück kurz vor zwei: Tomatenbrot (eine Sommerköstlichkeit, die auch Regen nicht kaputtmachen kann) mit Körnersemmel vom kürzlich entdeckten Bäcker Unendlich beim Edeka am Stiglmaierplatz (Sitz in Bobingen, wie ich nachrecherchierte) – sehr gut, u.a. sichtbar und schmeckbar mit Kurkuma gewürzt. Auch die Kürbis-Hafer-Semmel danach schmeckte mir. Mohnsemmeln und Dinkelseele von dort waren mir kürzlich ebenfalls als überdurchschnittlich aufgefallen.

Dann noch baskischer Käsekuchen, der allerdings nicht ganz gelungen war: Innen zu weich, musste gelöffelt werden (aber sicher nicht roh, in ungebackenem Zustand hat er ja die Konsistenz von Pfannkuchenteig).

Nachmittag mit Zeitunglesen und Yoga-Gymnastik, draußen regnete es weiter in verschiedenen Heftigkeiten.

Der Ernteanteil hatte eine dicken Bund Thymian gebracht, ich verwendete einen Teil davon fürs Zitronen-Thymian-Hähnchen zum Nachtmahl.

Als Vorspeise kombinierte ich Ernteanteil-Tomaten und -Basilikum mit Nektarinen zu einem Salat, köstlich. Das Hähnchen gelang sehr gut, aber wir ließen genug für Herrn Kaltmamsells Montagessen übrig. Dessert war mehr Käsekuchen.

Im Bett Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat ausgelesen. Ein kleiner, kompakter Roman, der mich überraschte. Während Weil in Der Weg zur Grenze eine Frau in den Mittelpunkt gestellt hatte, die im 3. Reich als Jüdin aus Deutschland fliehen musste (geschrieben vor Ende des Kriegs und bevor die tatsächlichen Grauen bekannt waren), steht im Mittelpunkt dieses Romans von 1963 ein deutscher Nicht-Jude, Nicht-Verfolgter: Andreas, ein Schriftsteller. Die Geschichte erzählt auf zwei Zeitebenen. Sie beginnt in Nachkriegs-München, wo er mit seiner reichen Frau wohnt, einer Holocaust-Überlebenden (“das Vermögen ihrer vergasten Eltern war enorm und sie die einzige Erbin” – dieser Satz setzt ziemlich am Anfang eine zynische Note, die immer wieder erklingt). Andreas soll wieder schreiben, aber er kann nicht mehr.

Die zweite Zeitebende führt zu dem Moment, in dem Andreas und diese Frau ein Paar werden: In Amsterdam, wohin Andreas im Krieg als Korrespondent einer Münchner Zeitung geschickt wurde – und wo er Nacht für Nacht miterlebt, wie Hunderte Juden per Tram nach Osten deportiert werden. Er schließt sich zaghaft dem lokalen Widerstand an. Die Erzählstimme bleibt konsequent bei Andreas und seiner Zerbrochenheit in der Gegenwart: Zerbrochen an dem, was er als Zeuge erlebte, und zerbrochen am Hadern, wie viel er davon hätte verhindern können – das las sich für mich in unserer “Nie wieder ist jetzt”-Gegenwart sehr aktuell.

Mir war sehr bewusst, dass der Roman auch ein Zeitzeugnis ist: Grete Weil lebte selbst in Amsterdam im Exil und engagierte sich im Widerstand, diese Alltagsdetails sind wahrscheinlich authentisch.

Es wechseln sich romantisch gefühlige und reflektierte Innensichten ab mit dokumentarischen Nebenbemerkungen, u.a. darüber, dass selbst die jüdische Exilgemeinschaft in Amsterdam erst nach dem Krieg das Ausmaß der Vernichtung in den KZ begriff, vorher zum Teil eisern an der Propaganda vom “Arbeitslager” festhielt. Die Figuren des Romans sind vielfältig und vielschichtig, die Sympathien sind keineswegs nach Opfer-Täter verteilt. Ein Stück wichtige Nachkriegsliteratur.

die Kaltmamsell

Journal Freitag. 1. August 2025 – Verregnetes Sommerferienfeiern

Samstag, 2. August 2025 um 7:57

Warum mich wohl gerade dieses Jahr so traurig macht, dass die zentralen Sommertage Ende Juli, Anfang August und der Start in die Schulsommerferien kühl, düster und regnerisch sind? Vielleicht ist es das Alter und die damit verbundene Wahrnehmung der Endlichkeit solcher Tage: Ich habe statistisch nur noch 20 bis 30 Chancen auf heimische Sonnensommer. Allmählich verstehe ich die Leute, die im Rentenalter nach Teneriffa ziehen.
(Wobei ich mich an einen Sommeranfang mit höchstens Mitte 20 erinnere, der mich gleichzeitig freute und traurig machte – weil mich bereits beim Start sein Endes bedrückte. Leben im Moment konnte ich wohl noch nie.)

Ins Büro marschierte ich dennoch in kurzen Ärmeln und mit nackten Beinen – warme Turnschuhe und Jacke glichen das aus. Kleidung um mich herum eher Stiefel und Anorak. (Schon zwei Tage ohne Mauersegler-Schrillen.)

Fürs Oktoberfest wurden Plastikpferde gehievt.

Abends war ich mit Herr Kaltmamsell zur Feier seines Ferienstarts verabredet: Ich hatte einen Tisch im schönsten Außenrestaurant Münchens reserviert, im Romans. Doch nachdem wir 2024 dort zur Sommersonnwend unterm Schirm bei Wolkenbrüchen aßen, sah ich uns diesmal nicht mal draußen – es war einfach zu kalt.

Am Arbeitsplatz Emsigkeit, Missverständnisse klären, Einspringen, Sachen reparieren (im übertragenen Sinn).

Zum Mittagscappuccino unterm Schirm zu Nachbars.

Mittagessen Hüttenkäse, Pfirsiche, Nektarine, den Arbeitsnachmittag auch noch rumgebracht.

Zu pünktlichem Feierabend erwischte ich eine Regenpause. Der Himmel hatte aufgerissen, es wurde schlagartig mild.

Dass der neue Spielplatz an der Theresienwiese eröffnet war (der mit den riesigen Schaukeln), hatte ich schon am Donnerstag am entfernten Bauzaun gesehen; jetzt wurde er sehr rege genutzt.

Zu Hause turnte ich vorm Ausgehen Yoga-Gymnastik, wechselte beim Wiederankleiden in die feinen Schuhe.

Die Milde in der Luft hielt an, also wagten wir im Romans nun doch, uns zu den wenigen Gästen im Außenbereich zu gesellen (die meisten saßen drinnen). Dann aßen und tranken wir gut, doch schon unsere Vorspeisen begleitete Regenprasseln auf die riesigen dunkelroten Schirme über uns. Das hielt in unterschiedlicher Stärke bis zum Ende unseres Abends an.

Als Aperitif ließ ich mir einen Prosecco rosé empfehlen, Herr Kaltmamsell wählte Hugo.

Vorspeise gegenüber: Gnocchi mit frischem Sommergemüse (die Gnocchi, auf der Karte als hausgemacht angegeben, ähnelten auch diesmal sehr stark Supermarkt-Gnocchi und kamen nicht an die Flaumigkeit von Herrn Kaltmamsells Gnocchi heran), meine waren Baby-Calamari in herzhafter Sauce (Oliven, getrocknete Tomaten) auf Kichererbsenpuree. Als Wein hatte ich eine Flasche friaulischen Tunella Rjgialla Ribolla Gialla ausgesucht (autochthone Traube, das zieht mich immer an), der vielfältig schmeckte und mir mit seiner leichten Bitternote sehr gut gefiel.

Bis zum Hauptgang erbaten wir eine Pause, dann gab es bei Herrn Kaltmamsell Ossobucco und beim mir gebratene Kalbsleber. Als Nachtisch bestellten wir die beiden Desserts von der Wochenkarte: Zitronencreme auf Mürbteig für Herrn Kaltmamsell, Schokoladenring mit Vanille-Panna-Cotta und Kirschen für mich.

Herr Kaltmamsell erzählte von den vielen Geselligkeiten seiner letzten Arbeitswoche vor den Ferien, ich erzählte von den Komplikationen meiner vergangenen Arbeitswoche.

Auf dem Heimweg hatten wir wieder Wetterglück und erwischten eine Regenpause.

Typische Hochsommernacht 2025 in Neuhausen.

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@novemberregen nahm uns auf Mastodon auch gestern mit auf ihrem Weg in die Arbeit, für den sie Schienenersatzverkehr nutzen musste (ich schreibe das lieber mal aus statt SEV – das scheint mir eine eher verderbliche Abkürzung, die ich möglicherweise schon in zehn Jahren nicht mehr auflösen kann). Hintergrund: @novemberregen wird in der Öffentlichkeit weit überdurchschnittlich oft angesprochen und/oder um Auskunft gebeten.

Und DANN hat sie noch Energie für einen Arbeitstag!

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Raten Sie mal, wie sich die Ausgaben unseres Bundesumweltministerium 2024 verteilten. Erst raten! (Ich zum Beispiel hätte komplett daneben gelegen.)
Dann nachgucken bei correctiv.org: “Grafik des Tages”.

Quelle ist das Bundesumweltministerium selbst, correctiv hat lediglich die Grafik umgebastelt. Besonders charmant finde ich die Überschrift des Ministeriums: “Bundes-Milliarden für den Umweltschutz”. Joah – nicht zu Tode verstrahlt werden ist künftig das Erste, was mir bei Umweltschutz einfällt.

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Apropos Regen: Hier ein sehr schönes Foto (inklusive “Was danach geschah” in Thread darunter).

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 31. Juli 2025 – Beobachtungen zum Sommerferienfeiern

Freitag, 1. August 2025 um 6:33

Zerstückelte Nacht ohne äußeren Anlass, ich war froh, als ich sie beenden konnte.

Große Freude über das Licht draußen: Zwischen vereinzelten Federwolken blauer Himmel, ich marschierte in Sonnenschein ins Büro. Dort war trotz aufziehender Sommerferien so richtig was zu tun, allerdings wurde aus meiner schlafgestörten Dumpfheit im Hirn richtiges Kopfweh. Darauf eine Ibu.

Ich holte eine Online-Schulung durch Gucken der Aufzeichnung nach: Geschwindigkeit auf 1,5, Überspringen mehrerer Technik-Probleme und Aufteilen in Kapitel mit Pausen für andere Erledigungen, Nachverfolgen von Links in den Schulungsunterlagen erwies sich als ideal, ich lernte etwas.

Schon für den Weg zu meinem Mittagscappuccino nahm ich wieder lieber einen Schirm mit, der Himmel hatte gemischt dunkelgrau zugezogen.

Vorm Running Sushi am Heimeranplatz stand eine lange Schlange an; als ich vorbeiging, öffnete sich gerade die Tür und eine bereits entkräftet scheinende Servicefrau rief raus: “Wer hat Reservierung?” Es hoben sich nur drei Hände so halb, eindeutiges Schule-Händeheben – und in genau diesem jugendlichen Alter sahen alle Schlangestehenden auch aus. Gestern war in Bayern letzter Schultag vor den großen Ferien, in manchen Kreisen geht man nach Freilassung wohl mit Schulfreund*innen Essen. Das bestätigte wenige Gehminuten später das Innenleben des angesteuerten Tagescafés Notting Hill auf der Schwanthalerhöhe: Es brummte vor Schulvolk ganz frisch in den Ferien, vor allem Mädchen, es wurden zur Feier des Tages Bowls bestellt.

Ich glaube, das habe ich in dem Alter auch gemacht, das gehörte mit 15, 16 zu den ersten Malen Ausgehen ohne Eltern: nach Unterrichtsschluss mit Freund*innen. In meinem Fall war das bevorzugt der Teeladen Barbara Mahrt am Anfang der Ingolstäder Harderstraße: Dort kostete die Tasse Tee Taschengeld-kompatible 50 Pfennig; man durfte sich durch die Teegläser schnüffeln (Kaminfeuer! Pfirsich-Maracuja!) und mit der Wahl eine Tasse aufbrühen lassen.

(Lehrer*innen, so bekam ich das in den vergangenen Tagen mit, waren gestern bereits durch mit Schuljahresabschlussfeiern und saßen vermutlich schon mittags in der Familienkutsche Richtung Brenner.)

Tatsächlich kam ich trocken zu meinem Mittagscappuccino und zurück, nach dem Mittagessen (Pfirsich, Nektarinen, außerdem Mango mit Sojajoghurt und Roggenkörnern), strahlte auch hin und wieder die Sonne. Bevor weitere Regenschauer ans Fenster prasselten.

Nahezu pünktlicher Feierabend: Ich wollte nochmal versuchen, die Ibáñez-Ausstellung zu Mortadelo y Filemón im Instituto Cervantes zu sehen und nahm eine U-Bahn zum Odeonsplatz. Doch wieder hatte ich Pech: Diesmal war der Saal von einer Kindertheater-Aufführung belegt (der freundliche Portero bot an, mir danach nochmal aufzusperren, aber ich hatte keine Lust auf Warten). Ich gebe nicht auf.

Beim Verlassen des Instituto Cervantes fiel mir wie schon in der Vorwoche dieses Denkmal am Marstallplatz auf.

Manns-hoher Denkmal-Stein mit Blumentöpfen davor, in Messinglettern darauf „Den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration Dank und Anerkennung München nach 1945 Im Wissen um Verantwortung“

Aufschrift: “Den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration Dank und Anerkennung München nach 1945
Im Wissen um Verantwortung“

Es verwunderte mich, denn schon lange hat historische Recherche ergeben, dass dieses Trümmerfrauen-Bild ein Mythos ist, begründet vor allem auf dem Umstand, dass beherzt räumende Frauen in Kriegstrümmern ein besonders attraktives Fotomotiv ergaben. Hier ein spannender und gut lesbarer Aufsatz dazu von Nicole Kramer aus dem Jahr 2021 im Historischen Lexikon Bayerns. Das Denkmal wurde 2013 errichtet – vielleicht war die Forschung damals noch nicht bis ins Bewusstsein der Initiatoren durchgedrungen?

Auf dem Rückweg Einkäufe im Kaufhaus (Tinte für Füller, Schreibheft) und im Alnatura. Daheim machte ich mich gleich an die Zubereitung des Abendbrots: Reichlich Romana-Salat mit süßer Zwiebel, Eiern. Dazu briet Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch Panisse, ein Restl Käse war auch noch da. Nachtisch Schokolade.

Im Bett las ich weiter in Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat. Ich hatte sie ja über ihren Roman Der Weg zur Grenze Ende 2023 entdeckt – den ich hier nochmal ausdrücklich empfehle.

§

Wenn schon Verkleidung in Anspielung auf vergangene Zeiten und Gesellschaftsschichten, vorgeführt in Vergangenheitsspiel, dann doch lieber ein Regency-Picknick in Garten des Royal Pavillion von Brighton. (Nachtrag: Achtung Altersbeschränkung für Angucken.)

die Kaltmamsell

Lieblings-Breviloquia* Juli 2025

Donnerstag, 31. Juli 2025 um 16:16

(Diesmal rechtzeitig daran gedacht! *Beckerfäustchen*)

Wir beginnen mit meinem Zuhause: Mastodon.

Weiter geht’s mit Bluesky (wobei Sie vielleicht merken, dass einige meiner Mastodon-Favoriten eh von Bluesky rüber-gebridget** sind).

*siehe
** Oh doch, das ist ein Wort.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 30. Juli 2025 – Isarhochwasser in kurzer Regenpause

Donnerstag, 31. Juli 2025 um 6:32

Für gestern hatte ich den Wecker auf Extrafrüh gestellt: Die Wettervorhersage hatte die Möglichkeit eines regenfreien, mittelhellen Morgens angekündigt, vielleicht hell genug für einen letzten (vorletzten? *Bambi-Augen*) Isarlauf vor der Arbeit. Ich wachte eine halbe Stunde nochfrüher auf, lauscht sofort nach draußen: kein Regenrauschen, super. Einschlafen konnte ich jetzt aber nicht mehr.

Egal, der Morgen dämmerte tatsächlich mit nur mittlerer Bewölkung: Ich war gespannt, wie meine Lerchenstrecke an der Isar bei Hochwassermeldestufe 1 aussehen würde.

Überrascht war ich beim Loslaufen erstmal über die Kälte, ich schätzte gerade mal 10 Grad. Zwar war ich noch zu verschlafen, um “notice how you feel” (die Yoga-Adriene scheint irgendwann ein eigenes Einflüsterzentrum in meinem Hirn eingerichtet zu haben), aber nichts schmerzte mehr als sonst, die Bewegung strengte mich nicht wirklich an.

Interessante Niedrighochwasseransichten; Meldestufe 1, so lernte ich dabei, bedeutet nur an einer Stelle reinlappende Isar auf meiner Lerchenstrecke.

Nur hier konnte ich nicht wie gewohnt direkt am Ufer laufen.

Wieder ein Holzschnitt.

Mutprobe nach dem Duschen: Die frisch gewaschene echte Jeans (501), die ich wegen Kälte nach Monaten aus dem Schrank zog. Zu meiner Erleichterung war sie nicht zu klein geworden, nach zwei Kniebeugen saßen auch die Oberschenkel bequem. (Nein, das wird in diesem Leben nicht mehr aufhören.)

Auch auf dem Weg in die Arbeit war der Himmel geradezu heiter, das Gehen bereitete mir so viel Freude, dass ich auf die Abkürzung mit U-Bahn verzichtete (außerdem fiel mir gestern kein Grund ein, so früh wie möglich im Büro anzukommen, es stand nichts und niemand Dringendes an).

Geordnet emsiger Vormittag, bei meinem Spaziergang ins Westend zu Mittagscappuccino war es geradezu mild und freundlich.

Das änderte sich bald wieder: Beim Mittagessen dräute der Himmel dunkelgrau. Es gab Gurke, dann Mango mit Sojajoghurt, in den ich eingeweichte Roggenkörner gemischt hatte – zum einen kaue ich sehr gern solche Körndln, zum anderen verlangsamt das mein Weglöffeln von Mangojoghurt angenehm.

Kurz nach Mittagessen prasselte der Regen bereits wieder munter. (Ich möchte bitte gerne einen schwarzen Regenschirm mit der Aufschrift in großen, freundlichen Buchtaben: “Der Bauer freut sich”.)

Den Arbeitsnachmittag brachte ich auch rum, auf dem Heimweg profitierte ich von einer Regenpause.

Heim kam ich in eine leere Wohnung: Herr Kaltmamsell verbrachte den Abend aushäusig. Ich kruschte, turnte Yoga-Gymnastik und bereitete mir zum Abendessen (Ernteanteil bereits aufgegessen) Rahmspinat mit verlorenen Eiern, einen meiner Stroh-Single-Klassiker. Zudem aß ich Salzgürkchen, Käse mit Pfirsich, abschließend Schokolade – insgesamt zu viel.

Das aktuelle Granta 172, Badlands hatte ich ausgelesen – eine eher schwache Ausgabe, mit einem über 50-seitigen Text “Wie ich mal in den Krieg in der Ukraine fuhr und mit ganz vielen Leuten redete”, den ich bald nur noch kursorisch überflog. Nächste Lektüre, endlich wieder bequem auf dem Kindle (die Zeiten, in denen mich Papierbücher nicht anstrengten, kommen wohl nicht wieder): Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat, gleich mal aus unerwarteter Perspektive und in überraschendem Tonfall, 1963 als “erster deutschsprachiger Roman einer Überlebenden über Exil, Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden” veröffentlicht.

Vor dem Zu-Bett-Gehen (früh sehr müde, kein Wunder) sah ich nach den Mauerseglern, die ich tagsüber nicht gehört hatte: Sie sind möglicherweise bereits fort.

§

Nils Pickert engagiert sich unter anderem bei Pinkstinks Germany gegen Sexismus und Homophobie. In Standard.at blafft er sich von der Seele:
“Neue männliche Einsamkeitskrise? Das geht doch schon seit Jahrhunderten so”.

Männer bevölkern in großer Zahl die Gefängnisse, weil sie die überwältigende Anzahl von Kapitalverbrechen begehen. Sie werden häufig Opfer von Gewalttaten – hauptsächlich, weil andere Männer es mit ihrer Männlichkeit vereinbar oder sogar für zwingend erforderlich halten, anderen Männern Gewalt anzutun. Sie sterben neben biologischen Ursachen (Looking at you, Y-Chromosom!) auch deshalb früher, weil sie zu risikoreicherem Verhalten ermutigt und erzogen werden und weil sich Gesellschaften gerne ihrer Körper bedienen, wenn es darum geht, die Drecksarbeit zu machen.

(…)

Und ja, Männer sind einsam. Ihre Freundschaften drehen sich zu oft nicht um Nähe, Fürsorge und Liebe, sondern um Themen oder Beschäftigungen. Fußballfreunde. Saufkumpel. Gaming-Bros. Freundschaft ist für Männer auch der eine Typ aus dem Unikurs, der ihnen für ein Bier damals beim Umzug geholfen hat, den sie aber seit 20 Jahren nicht mehr gesehen haben.

Männer führen parasitäre Sozialbeziehungen, indem sie (notgedrungen) Zeit mit den Partnern der Freundinnen ihrer Partnerinnen verbringen. Also weniger “Hey, das ist aber mal ein interessanter, aufrichtiger, liebenswerter Kerl, mit dem würde ich gerne mehr Zeit verbringen”, sondern eher so “Ach, du auch hier, na ja dann, und du so”.

(…)

Das Ende männlicher Einsamkeit liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft.

Und es liegt auch nicht in Frauen, sondern in Männern selbst. Im Halten, Lieben, Scheitern und Verzeihen. In Männern, die andere Männer auffangen, wenn sie fallen, und zur Verantwortung ziehen, wenn sie andere schlecht behandeln.

Kommen Sie mir auch hier bitte nicht mit #notallmen: Es geht um Strukturen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 29. Juli 2025 – RegenblablablaRegen

Mittwoch, 30. Juli 2025 um 5:37

Nach einem unangenehmem Aufgewecktwerden durch Menschenlärm aus dem Park schlief ich (jetzt bei geschlossenen Fenstern) gut.

Der Tag startete dunkelgrau düster und trocken, vor allem aber sehr kühl.

Stillleben heißt ja auf Spanisch “naturaleza muerta”.

Im Büro ab Rechnerhochfahren Emsigkeit, unter anderem sprang ich für einen Job kurzfristig ein.

Doch der Druck war nicht zu hoch für einen Mittagscappuccino im Westend, genau zu dieser Zeit sah ich auch ein paar blaue Löcher zwischen den Wolken am Himmel. Und ich habe in langen Jeans und Jacke schon deutlich mehr gefroren in einem Juli unserer Breiten.

Zu Mittag gab es nach weiteren Handgriffen am Schreibtisch den restlichen Linsensalat vom Vorabend sowie Nektarinen. Das war anscheinend nicht nachhaltig genug: Nachmittags brauchte ich noch eine Hand voll Nüsse.

Am frühen Nachmittag goss es nochmal kräftig. Mehrfach. Die angekündigte vorübergehende Wetterberuhigung (24 Stunden) stellte sich nicht ein, an der Isar wird Hochwasserstufe 1 gemeldet.

Leider wieder schmerzende Lendenwirbelsäulengegend mit Abbrech-Gefühl und kurzem Wechsel zwischen Arbeiten im Sitzen und im Stehen.

Kürzlich sprach ich mit einer Gleichaltrigen, die ich wegen ihrer Hexenschuss-Beschwerden bemitleidete; sie meinte verschämt, vielleicht sei es Zeit, doch mal mit ein wenig sportlicher Bewegung als Vorsorge gegen Altersleiden zu beginnen. Ich musste ihr im Verlauf des Gesprächs gestehen, dass ich seit so vielen Jahren nie komplett schmerzfrei war, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie das ist. Bis dahin hatte ich angenommen, das gehe allen Menschen in meinem Alter so.

Heimweg unterm Schirm und über Obst- und Drogerie-Einkäufe. Zu Hause Yoga-Gymnastik (eine Ruhe-Folge), Brotzeitvorbereitung, dann servierte Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Aubergine als Pasta alla Norma.

Sehr gut – aber diese Manfredini/Mafaldini enttäuschen mich: Sie behalten beim Kochen nicht ihre Form, sondern zerfallen. Dazu gab es den Ernteanteil-Kohlrabi als Salat, den ich bereits am Montagabend zubereitet hatte (noch nie einen so großen Kohlrabi erlebt, der so wenig holzig war).

§

Felix berichtet die Geschichte seiner angeborenen Körperform und warum er sich dagegen Abnehmspritzen verschreiben hat lassen:
“‘milde adipositas'”.

Grundsätzlich wundert mich ja, dass bei einem Menschen mit über Jahre perfektem Blutbild und nachweisbar regelmäßiger Bewegung das statistische Übergewicht als Risikofaktor eingeordnet wird.
Dann wieder: Das war bei seiner jüngeren Schwester ja auch so. Und doch blieb ihr Herz einfach stehen. (Rein strukturell deutet das für mich auf einen ursächlichen Faktor hin, der unter anderem auch für Übergewicht verantwortlich war und nicht umgekehrt – aber das führt in Tiefen des menschlichen Stoffwechsels, die bei näherer Recherche immer noch ein großer weißer Fleck sind => Raum für Spekulationen, Esoterik, unseriöses Marketing.)

§

Endlich Zeit gefunden, den Bachmannpreis-Vortrag der Gewinnerin Natascha Gangl nachzusehen und die Jury-Diskussion darüber:
“Da Sta”.

Verstörender Text, nahe an Lyrik, hervorragend präziser Vortrag – ein großartiges Beispiel für das offene Kunstwerk (im Sinne von Umberto Eco). Ich bin komplett einverstanden mit der Preisvergabe.

§

Die Art Niedlichkeit, bei der ich sofort mitgehe:
Passanten bekleben die bei Brandanschlag beschädigte Sendung-mit-der-Maus-Figur mit Pflastern.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 28. Juli 2025 – Verregneter, langweiliger Montag

Dienstag, 29. Juli 2025 um 6:20

Ohne Regenrauschen aufgewacht, little blessings. Wegen diverser Häuslichkeiten kam ich später als sonst aus dem Haus, schon 15 Minuten Verschiebung führten mich durch eine andere Welt in die Arbeit. Die mich dann auch gleich mit Dringlichem anfiel.

Da zudem Termine anstanden und ich aus Gründen im Büro verfügbar sein musste, schoss ich für meinen Mittagscappuccino nur kurz raus zu Nachbars, verlängerte aber den Schuss um eine Runde um den Block in der Hoffnung, meine innere Unruhe dadurch zu besänftigen.

Zu Mittag gab es zwei Scheiben Körnerbrot und zwei Nektarinen.

Rühriger Nachmittag, während es draußen düster blieb und immer wieder regnete.

Auf dem Heimweg reichte die Kapuze meines Mantels gegen die wenigen Regentropfen, unterwegs Einkäufe im Vollcorner.

Herr Kaltmamsell verbrachte den Abend aushäusig, ich machte mir Linsensalat (LINSEEEEN!) mit Belugalinsen, roter Paprika, Gurke, süßer Zwiebel, frischem Basilikum. Während die Linsen nach dem Kochen abkühlten, turnte ich eine Runde Yoga-Gymnastik.

Schmeckte sehr gut! Außerdem ein Stück Käse. Nachtisch Schokolade.

§

Sehr DER HAT NOCH GELEBT?!
Aber tiefe Verehrung.

“Tom Lehrer, Musical Satirist With a Dark Streak, Dies at 97”.

“I don’t feel the need for anonymous affection,” he told The New York Times in 2000. “If they buy my records, I love that. But I don’t think I need people in the dark applauding.”

Sie kennen ihn vermutlich von “Poisoning Pigeons in the Park” – auch wenn Ihnen wahrscheinlich die übersetzte Georg-Kreisler-Version “Tauben vergiften” geläufiger ist. Außerdem empfehle ich “The Vatican Rag” (wer mag mir das nur vor Jahrzehnten auf ein Mix Tape gespielt haben? ich kann mir keine andere Möglichkeit des Kennenlernens vorstellen) – ein schmissiges Stück über die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/pvhYqeGp_Do?si=zyfoKpJEHcVoWQ1H

Sehr ungewöhnlich außerdem:

In October 2020, Mr. Lehrer announced on his website that “all the lyrics on this website, whether published or unpublished, copyrighted or uncopyrighted, may be downloaded and used in any manner whatsoever, without requiring any further permission from me or any payment to me or to anyone else”

(…)

He expanded on, and formalized, this announcement two years later, stating among other things that “permission is hereby granted to anyone to set any of these lyrics to their own music, or to set any of this music to their own lyrics, and to publish or perform their parodies or distortions of these songs without payment or fear of legal action.”

Will heißen: Lehrer gab 2020 alle Ansprüche auf Tantiemen an seinem Werk auf und betonte, jede und jeder könne mit seinen Texten und Aufnahmen alles machen, was sie wollten – ohne dafür zahlen zu müssen oder rechtliche Schritte zu befürchten.
Noch größere Verehrung.

Musik auf nächstem Kindergarten-Sommerfest also ausschließlich Tom-Lehrer-Satiren, die GEMA darf nichts verlangen. Bedienen Sie sich!

So help yourselves, and don’t send me any money.

Unvergessen auch Daniel Radcliffe, der Lehrers “The Elements” auswendig lernte – und 2011 in The Graham Norton Show zum besten gab.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/rSAaiYKF0cs?si=kgzgT78fBBWBGDsY

§

Die Schweizer Blick (ausgerechnet) interviewt Philipp Ruch, dessen Zentrum für Politische Schönheit das ARD-Interview mit Rechtsextremistin Alice Weidel störte:
“Jetzt redet der Störer des Weidel-Interviews – er ist Schweizer!”

Oft ist nicht zu erkennen, wo er Spaß macht und was Ruch ernst meint – das ist das Wesen von Satire, von Narrentum. Doch ich finde durchaus überlegenswert:

Ich sehe Weidel und die AfD gerne in der Opferrolle. Ich denke, niemand hätte Interesse daran, den deutschen Rechtsextremismus noch mal in der Täterrolle zu sehen. Wir wissen, wo das geendet hat.

die Kaltmamsell