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Donnerstag, 31. Dezember 2020

Jahresrückblick 2020

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Die Pandemie könnte vielleicht erfahrbar machen, wie wenig ein kalendarischer Jahreswechsel bedeutet: Es ändert sich halt außer dem Kalender gar nichts. Ich nehme zudem an, dass Vorsätze mangels Zäsur in der SITUATION an diesem Silvester wenige sein werden. (Außerdem wurden nach meiner Beobachtung Sportvorsätze in zweimal Ausgangsbeschränkungen aufgebraucht.)

Übrigens veröffentliche ich diesen Rückblick nur zum Teil aus Aberglauben tatsächlich immer erst am letzten Tag des Jahres: Jede journalistische Berichterstatterin fürchtet, bei Voreiligkeit das Wichtigste zu verpassen. Gleichzeitig habe ich bemerkt, dass mich diese Fragen inzwischen langweilen, weil sie fast nur Angaben auflisten, die für mich irrelevant sind. (Vielleicht höre ich einfach damit auf.)

Die am häufigsten geherzten Fotos auf instagram:

Zugenommen oder abgenommen?
Weder noch.

Haare länger oder kürzer?
Weder noch.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Auf die Nähe erstmals weitsichtiger, mal sehen, ob’s 2021 zu einer neuen Brille reicht.

Mehr bewegt oder weniger?
Vermutlich gleich viel wie 2019, als meine sportliche Energie bereits stark ausgebremst wurde. Kein Wandern (wegen Hüfte), kaum Schwimmen (wegen Pandemie), weniger Fußwege (wieder Hüfte), dafür neu Yoga, wie gewohnt Crosstrainer, viel Reha-Gymnastik.

Mehr Kohle oder weniger.
Etwas weniger, weil die VG-Wort-Nachzahlung von 2019 entfiel.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Gleich viel: Den geringeren Ausgaben für Resaurantbesuche stehen ein edler Balkontisch und eine Matratze samt Lattenrosten gegenüber.

Der hirnrissigste Plan?
In der Nacht nach der OP allein aufs Klo zu gehen.

Die gefährlichste Unternehmung?
Am riskantesten war objektiv gesehen wohl die OP.

Die teuerste Anschaffung?
Eine neue Matratze.

Das leckerste Essen?
Das Mitnehm-Menü vom Broeding war schon besonders fein. Der Gazpacho von Herrn Kaltmamsell, Seezungen in Oldenburg, das Côte de Boeuf im Juli, der Nektarinen-Tomaten-Salat mit frischem Majoran, die DimSum im Hutong Club haben aber auch bleibende Erinnerungen hinterlassen.

Das beeindruckenste Buch?
Matt Ruff, Lovecraft Country

Das enttäuschendste Buch?
John le Carré, Tinker Tailor Soldier Spy
(Ich hatte mich so gefreut auf eine Zukunft mit Dutzenden le Carrè-Büchern – aber diese Spionage-Welt ist einfach lächerlich.)

Der ergreifendste Film?
Joker (Ja, der war 2020.)

Die beste Musik?
Weiterhin sehr wenig gehört, neu gekauft wohl nur Billie Eilish, weil ich sie mag.

Das beste Theater?
Es hat vor Corona-Schließung zu nur zwei Vorstellungen gereicht, davon gefiel mir Marieluise Fleißer, Der starke Stamm sehr gut.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Hüftproblemen.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Herrn Kaltmamsell.

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Zähne zusammenbeißen.

2020 zum ersten Mal getan?
Yoga, ein massives Stück Knochen durch Metall ersetzen lassen, mit Krücken gegangen.

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Fremde um Hilfe gebeten, zwei Monate am Stück nicht erwerbsgearbeitet, in Wohnungseinrichtung investiert.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Pandemie, Realitätsverweigerer, kranke Verwandte.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Es ist echt ehrlich wirklich die Hüfte und nicht die Lendenwirbelsäule. (Mit Erfolg.)

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Es kommt mir vor, als hätte ich ein Jahr lang keine Geschenke gemacht. Als hätte ich mich überhaupt nicht um jemand anders gekümmert. Kein schönes Gefühl.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Sich um mich zu sorgen und mich zu umsorgen, ohne mich mit seiner Sorge zu belasten.

2020 war mit 1 Wort…?
Ich borge mir das “Off-track” von Christiane.

Vorsätze für 2021?
Keine, weil ich die Umstände der Umsetzung zu wenig beeinflussen kann.

Journal Mittwoch, 30. Dezember 2020 – Sanct Onuphrius und Leserinnen-Aufmerksamkeit

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Gut geschlafen, sehr früher Wecker: Für meine letzte Einheit Nach-Reha-Sport wollte ich möglichst wenig Gesellschaft. Das klappte gut. Gutes, anstrengendes Training, ich reizte jede Übung (die ich mangels Ausstattung ja daheim nicht weiterführen kann) bis zum Anschlag aus.

Den Rückweg hatte ich so getimet, dass ich im Eataly kurz nach Öffnung einkaufen konnte. Das Stück vom Odeonsplatz dorthin ging ich zu Fuß, unter anderem um nach der Schlange vorm Dallmayr zu sehen (am 23. Dezember hatte sie so ausgesehen). Ging um halb zehn nur bis zum Kosmetikteil von Ludwig Beck.

Stolze Barockschönheit Theatinerkirche.

Wiederholt war ich vor diesem Haus am Marienplatz stehen geblieben und hatte das überraschende Mosaik betrachtet, “Sanct Onuphrius” – ein so obskurer Lokalheiliger, dass sein Name es nicht mal zu den hiesigen Akademikerbuberln der jüngsten 20 Jahre geschafft hat (wo es zum Beispiel vor Korbinians wimmelt). Diesmal fotografierte ich ihn und schlug daheim nach, fündig wurde ich hier und hier: Da schau her, ein Äthiopier, ab dem 12. Jahrhundert Stadtpatron Münchens, “Schutzheiliger für Weber, Homosexuelle, Prostituierte und von sexuellen Übergriffen Bedrohte”. Es sei Volksglaube, “dass kein Mensch, der das Bild ansehe, am selben Tag eines jähen Todes sterbe”. (Man muss ihn sich wohl etwa so vorstellen.)

Eataly hatte laut Website um 9 Uhr aufgemacht, doch als ich dort erst mal Obst und Gemüse ansteuerte, wurde ich vertrieben: Dieser Teil öffne erst um zehn. Na gut, bekommt mein Geld halt jemand anders. Salumi, Käse und Panettone für Silvester verkaufte man mir aber zum Glück. (Die plastikreiche Verpackung bereitete mir ein schlechtes Gewissen, aber die Silvestermenüs von Restaurants hätten mindestens so viel Müll ergeben.) Obst und Gemüse holte ich mir auf dem Viktualienmarkt nebenan.

Daheim betrieb ich eine ausführliche Runde Körperpflege, machte nochmal Milchkaffee – und stellte fest, dass ich frei hatte! Also gemütliches Lesen erst am Tisch, zum Frühstück Brot und mit Ziegenrolle und Sirupquitten, restlichen Spinat-Pie. Im Bett mit Füßehoch abwechselnd Zeitunglesen, Internetlesen, Arbeit an diversen Jahresrückblicke.

Sehr spät hörte ich die Post an den Briefkästen im Haus klappern. Herr Kaltmamsell holte unsere – darin enthalten eine wundervolle Überraschung von einer Blogleserin:

Das ist so großartig! Ich äußere im Internet den Wunsch, diese Erkenntnis zu “gesundem Essen” am liebsten auf Küchentücher gestickt zu besitzen – und jetzt tue ich das! In der neuen Küche bekommt die Stickerei einen Ehrenplatz.

Abends bereitete ich die Nachspeise für den Silvesterabend zu: Limoncello-Tiramisu, also mein Standardrezept, mit diesen Hinweisen von Bella abgewandelt. (Wenn es dann noch so heißen darf: Ich bin sicher, auch bei dieser Dessert-Erfindung aus den 70ern gibt es inzwischen eine “Nur-wenn-XY-ist-es-Tiramisu!!!EINSELF”-Bewegung.) Davon allerdings nur zwei Drittel, zum einen weil ich sonst Löffelbiskuits hätte nachkaufen müssen, zum anderen wies Herr Kaltmamsell vernünftig darauf hin, dass wir nur zu zweit sind.

Das Abendessen bereitete Herr Kaltmamsell zu. Ich hatte ihm einen Link zu Würzig-saurer Garnelensuppe aus Vietnam – canh chau tom geschickt, unter anderem weil ich wusste, dass er noch einen Block Tamarinde im Küchenschrank hatte. Wurde eine sehr gute Suppe, die kann es nochmal geben.

§

Autor Till Raether möchte für seinen nächsten Roman wissen, wie sich die 1970er angefühlt haben – und entscheidet sich, das über damals populäre Parfüms herauszufinden. Eine sehr gute Idee.
“Feinmachen”.

Ich habe sofort die Parfümflasche vor Augen, aus der meine Mutter sich in den 70ern beduftete: Es war ein spanisches Colonia, Joya, und sah so aus. Mein Vater benutzte nach jeder Rasur spanische Rasierwässer, die gerne mal bunt waren. (Meine Mutter erzählt ja, dass in ihrer Ingolstädter Jugend in den 60ern die Spanier auf Tanzveranstaltungen beliebte Partner waren: “Weil die immer so gut gerochen haben.” Deutsche Männer waren damals wahrscheinlich noch im Kernseifen-Stadium und hätten es weibisch gefunden, sich zu parfümieren.)

Bücher 2020

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Dieses Jahr ergab sich deutlich mehr Zeit zum Bücherlesen als in den Jahren zuvor. Was nur in den letzten beiden Monaten mit der Pandemie zu tun hatte, sonst mit meiner Hüft-Arthrose: Statt ausgiebigem Joggen, Schwimmen oder ganz-, wenn nicht sogar mehrtägigem Wandern las ich. Empfehlungen sind mit * markiert, die anderen gefielen mir gut genug, sie bis zu Ende zu lesen.

Mein Lesejahr war geprägt von Marieluise Fleißer, die mich mit allem beeindruckte, was sie schrieb. Zufällig hingegen war die Häufung von Romanen, die im England der ersten Hälfte 20. Jahrhundert spielten.

Meine gesammelten Buchbesprechungen finden Sie übrigens seit einiger Zeit auf Goddreads.

1 – Nancy Mitford, The Pursuit of Love*
Ich war von Anfang an sehr angetan von dieser nach Judith Kerr weiteren und ganz anderen Sicht auf die Zeit Ende der 30er, Anfang der 40er in Europa. Nancy Mitford hat nach eigenen Angaben viel von ihrer eigenen Familiengeschichte für diesen Roman genutzt, in dem der Landadel noch ungebildeter und blasierter dargestellt wird als bei P.G. Wodehouse. Und doch spricht die Erzählerstimme gleichzeitig voller Zuneigung von der Hauptfigur Linda, die im Schloss ihres Vaters aufwächst, nie eine Schule besucht – und so in Zeiten ohne Massenmedien wirklich weltfremd groß wird. Wir erleben die Zeiten des spanischen Bürgerkriegs, der Vorkriegszeit in Paris und der Bombenangriffe auf London diesmal über die Geschichte einer naiven und rücksichtslosen Person, die einfach durchs Leben getrieben wird. Das Vorwort meiner Ausgabe (eine Sammelausgabe von drei Mitford-Romanen) ist von Philip Hensher und beginnt:

Nancy Mitford’s novels have always repelled as many people as they have enchanted, and the criticism they have drawn has not often been good-natured in tone.

Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich jemand an der Frivolität von The Pursuit of Love stößt, doch in meinen Augen zeichnet der Roman ein wundervolles Sittengemälde, umso glaubwürdiger, weil die Autorin Teil der direkt und indirekt karikierten Gesellschaftsschicht war.

2 – Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Stay with me

3 – Bov Bjerg, Serpentinen*
Hier ausführlich besprochen. Mit wachsendem Abstand gefiel es mir immer besser.

4 – Ali Smith, Autumn

5 – Thomas Bernhard, Der Untergeher

6 – Nancy Mitford, Love in a Cold Climate

7 – Bov Bjerg, Deadline

8 – Marieluise-Fleißer-Gesellschaft (Hrsg.), Fleißers Ingolstadt. Eine literarische Topographie*
Eine Besprechung findet sich hier unten.

9 – Granta 150, There Must Be Ways to Organise the World with Language

10 – Maya Angelou, I Know Why the Caged Bird Sings*
Hier ausführlich besprochen.

11 – Marieluise Fleißer, Erzählungen*
Sie haben mich mitgenommen, diese bitteren Geschichten, fast alle aus dem eigenen Leben. Die frühesten spielen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten in den 1950ern. Alle sind sie sehr ingolstädterisch, nicht nur durch die Ortsmarken: Ich kenne diese kleinen, erbärmlichen Leute, meine polnische Großmutter lebte in dieser Gesellschaft.

Es sind Wörter wie Knochen, die Fleißer für ihre Texte verwendet, in diesen Erzählungen wie in ihren Dramen. Ein verhochdeutschtes Oberbayerisch, mal aus der Perspektive des Mädels oder der jungen Frau, aber auch mal aus der Perspektive des Burschen. Starrsinnig und selbstsüchtig sind sie allesamt, jeder und jede ums eigene Überleben besorgt. Es gibt kein Erbarmen, keine Gemeinschaft, keine Wärme, keine Leichtigkeit. Was Wunder, dass Fleißer in Ingolstadt als Nestbeschmutzerin galt.

12 – Kathrin Passig, Strom und Vorurteil

13 – Aldous Huxley, Brave new world*
Hier ausführlich besprochen.

14 – Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

15 – Volker Kutscher, Der nasse Fisch

16 – Carolin Emcke, Wie wir begehren

17 – Matt Ruff, Lovecraft Country*
Hier die ausführliche Besprechung, einer meiner Favoriten des Jahres.

18 – Mark Holt, Munich ’72. The Visual Output of Otl Aicher’s Dept. XI*
Ausführliche Besprechung hier unten.

19 – Granta 151, Membranes

20 – Kathrin Passig, Aleks Scholz, Handbuch für Zeitreisende*
Hier besprochen.

21 – Elizabeth Strout, Olive, again

22 – Ted Chiang, Stories of your life and others*
Ausführliche Besprechung hier.

23 – Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol
(Mein massives Problem mit diesem Buch habe ich hier beschrieben. Ich bin immer noch aufgebracht.)

24 – Zoë Beck, Paradise City*

25 – Nancy Mitford, The Blessing*
Der dritte Roman des Sammelbands Nancy Mitford in unserem Haus, 1951 veröffentlicht. Wieder spielt er in der frivolen Atmosphäre der reichen, alteingesessenen Elite Englands und Frankreichs. Im Mittelpunkt diesmal die (auch hier) hübsche, aber ungebildete und hohlköpfige Grace aus reichem Hause, die im zweiten Weltkriegs den hochadligen Franzosen Charles-Edouard heiratet. Mit dem bald geborenen Sohn ziehen sie nach Paris, wir lesen vom reichen, geselligen Leben dort. Unkonventionell und witzig ist die Titelfigur: Als „the Blessing“ bezeichnet seine Mutter nämlich den Sohn Sigismond. Und den baut Mitford zum herrlichen Gegenstück des Little lord Fauntleroy aus (das Stück wird explizit erwähnt): Als nämlich seine Eltern sich trennen (Grace hat ihren Mann im Bett mit einer anderen gesehen) und seine Mutter nach England zurückgeht, erkennt der dann siebenjährige Sigismond, dass er in dieser Konstellation das beste Leben hat. Seine beiden Eltern setzen alles daran ihn zu verwöhnen, er bekommt jeden noch so absurden Wunsch erfüllt – während die beiden zu guten Zeiten hauptsächlich miteinander beschäftigt waren und wenig Aufmerksamkeit für ihn übrig blieb. Als versucht er durch Lügen und Intrigen sicherzustellen, dass die beiden nicht wieder zueinander finden. Dass ist wunderbar wider die Konventionen solch leichter Romane gemacht und passt zum hintergründig bissigen Tonfall der detaillreichen Schilderungen. Vergnügliche Lektüre.

26 – Margaret Atwood, Surfacing*
Dichte Informationen und Beschreibungen, menschliche Beobachtungen, viele Fakten zum Leben in kanadischer Wildnis – sehr wahrscheinlich fundiert, Atwood selbst ist in solch einer Umgebung groß geworden. Eigentümliche Sprache, eine eigentümliche Perspektive, eine seltsame Hauptfigur, die den Anschluss an die Realität verliert. Einer der wirklich guten Atwoods.

27 – Kinky Friedman, A Case of Lone Star

28 – Stefan Geyer, Andrea Diener (Hrsg.), Süß, sauer, pur

29 – Kent Haruf, Benediction

30 – J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

31 – James Baldwin, Axel Kaun, Hans-Heinrich Wellmann (Übers.), Giovannis Zimmer

32 – Granta 152, Still Life

33 – Halldór Laxness, Hubert Seelow (Übers.), Das gute Fräulein

34 – George Orwell, Nineteen Eighty-Four*

35 – Karosh Taha, Im Bauch der Königin*
Hier unten besprochen.

36 – Polly Hobson, Katharina Boje (Übers.), Fünf Kugeln im Kamin*
Sehr erfreuliche Rückkehr zu einem Liebling meiner späten Kindheit.

37 – Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot

38 – Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers*
Hier besprochen.

39 – Rebecca Makkai, The Great Believers*
Ein weiterer Favorit des Jahres, hier besprochen.

40 – Connie Willis, Doomsday Book

41 – Mary Wesley, The Camomile Lawn

42 – Celeste Ng, Little Fires Everywhere*
Ausführliche Besprechung hier.

43 – Alicia Alice LaPlante, Turn of Mind*
Die Grundidee ist wirklich gut und hervorragend umgesetzt: Wir begleiten den ganzen Roman über Dr. Jennifer White aus Ich-Perspektive, eine orthopädische Chirurgin in Ruhestand. Das Besondere an dieser Perspektive: Jennifer ist dement, die Geschichte wird mit ihren verworrenen Alzheimer-Schnipseln erzählt. Und: Ihr wird offensichtlich vorgeworfen, dass sie ihre beste Freundin Amanda ermordet hat, ihr anschließend mit chirurgischer Kunstfertigkeit vier Finger einer Hand entfernt. Wir folgen Jennifer durch bessere Tage, an denen sie mit ihren beiden erwachsenen Kindern halbwegs vernünftig kommunizieren kann, durch die immer häufigeren schlechten Tage, an denen sie völlig ohne Orientierung ist, manchmal triggern Details Erinnerungen an ihre Vergangenheit und wir erfahren dadurch Vorgeschichte. Im selben Maß, in dem Jennifer in ihrer Erkrankung versinkt (jetzt lebt sie längst in einem Pflegeheim), wird die implizite Erzählerstimme deutlicher und übernimmt, lässt die anderen Romanfiguren genug sagen, um den Fall schließlich aufzuklären.

44 – James Rebanks, English Pastoral*
Mehr dazu hier unten.

45 – Marieluise Fleißer, Eine Zierde für den Verein*
Die erste Fassung von Fleißers einzigem Roman erschien 1931, er spielt sehr erkennbar und örtlich verwurzelt in meiner Geburtsstadt Ingolstadt.

Die Geschichte des jungen Gustl Gillich, aus dessen Perspektive meist erzählt wird, stadtberühmter Schwimmer, der gerade seinen eigenen Tabakladen eröffnet hat. Der Frieda Geier kennenlernt, eine selbständige junge Frau, die als Handelsvertreterin nicht nur für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgt, sondern auch die Schulbildung ihrer jüngeren Schwester finanziert. Die karge und wortarme Romanze zwischen den beiden geht nicht gut.

Sperrig und eigentümlich erzählt Fleißer ihre Geschichte und ihre Figuren, unrund und überhaupt nicht gefällig – doch gehört das genau so. Die Bilder, die Fleißer mit Wörtern erzeugt (deren Schreibung sie oft wider orthografische Regeln verändert), erinnerten mich immer wieder an expressionistische Malerei (nicht an expressionistische Literatur): Die zugefrorene Donau, über deren tauende Schollen ein Bub springt / wie ein paar Schwimmvereinsburschen nachts den Pionieren am Künettegraben Balken vom Brückenbau stehlen / der Tabakhändler, der an einem Wintermorgen hinter den Eisblumen seines Schaufensters verschwindet.
Wie viel sie immer miterzählt! Bücher aus lang vergangenen Zeiten transportieren ja immer sehr viel Hintergrundinfo, weil sie aus einer anderen Welt kommen, doch das ist meist eine unbeabsichtigte Nebenwirkung. Fleißer aber will ganz viel miterzählen: Straßen, Häuser, Landschaft, wie es auf dem Wochenmarkt zugeht, wo der Zug nach Passau entlang fährt. Scharfsichtig wie eine Magnum-Fotografin hält sie bedeutsame Momente fest, die für eine Zeit und eine Gesellschaft stehen.

46 – John le Carré, Tinker Tailor Soldier Spy

47 – Alina Bronsky, Der Zopf meiner Großmutter

48 – Eva Meijer, Hanni Ehlers (Übers.), Das Vogelhaus

49 – Granta 153, Second Nature

50 – Éric Vuillard, Nicola Denis (Übers.), Die Tagesordnung

Journal Dienstag, 29. Dezember 2020 – Der Arnulfsteg

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Heute vor zehn Jahren mit Photobooth (Laptop-Kamera) aufgenommen:

Mein letzter Versuch, längere als sehr kurze Haare zu haben (wodurch ich endgültig lernte, dass ich mich damit nicht identifiziere), offensichtlich bemühte ich mich damals noch um weihnachtliche Deko.

Sehr gut geschlafen, die Vornacht ist ausgeglichen.

Als Sport war Yoga dran. Ich bewegte mich nochmal durch Folge 1 von “Home”, ums zu lernen und meine heilende Hüfte langsam einzugewöhnen. Für die bewegungseingeschränkte rechte Hüfte setzte ich mich auf ein dickes Buch als Yogablock-Ersatz.

Einkaufsrunde beim Vollcorner: Die Liste fürs Abendessen war umfangreich, außerdem ein paar Vorräte. Der Weg war in sonnigem, kühlen Wetter ein Genuss.

Zum Frühstück gab es Spinat-Pie vom Vorabend, den letzten Rest Brot vom Hl.-Abend-Schinken (!), ein Stück frisch gekauftes Weißbrot.

Der Draußenplan für gestern: Raus an den neuen Arnulfsteg mit der Tram. Zur Eröffnung hatte es Corona-bedingt kein Tschingderassabum gegeben, wir Münchnerinnen und Münchner gucken einfach so nach und nach vorbei.

Auf der Nordseite eine Schnecke für Radler, ich glaubte einige freudige HUI!s zu hören.

Arnulfsteg von der Seite.

Von innen.

Hinweis auf die voraussichtliche Nutzung im Sommer, eine Erleichterung für die Hackerbrücke.

Mit diesen Aussichten.

Zum südlichen Weiterspazieren im Westend ist keine Querung der Landsberger Straße möglich (Fahrradwege, vier Autospuren, Tram-Trasse), doch ich entnahm der gestrigen Süddeutschen, dass ein Übergang zumindest geplant ist.

Was mir bei meinen Wegen durch die Stadt auffällt: Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr fühlen sich nicht so besonders ruhig an wie in den Jahren zuvor. Schließlich sind die Läden und Restaurants seit Wochen geschlossen, und das bereits zum zweiten Mal im Jahr. Die daraus resultierende Ruhe und diesmal beabsichtige Menschenleere ist also vertraut und eher bedrohlich.

Daheim Zeitungs- und Internetlektüre, bevor ich das Abendessen zubereitete: Unsichtbaren Salat von Katha Seiser (Schnittlauch diesmal nicht vergessen, sondern gestern in zwei Lebensmittelgeschäften nicht erhältlich).

Journal Montag, 28. Dezember 2020 – Lokalinformationen durch Tatort-Schauen

Dienstag, 29. Dezember 2020

Nach Längerem mal wieder eine blöde Nacht: Nach Klogang um zwei schlief ich nicht mehr ein, döste nur die eine oder andere Runde, verbuchte den Rest unter “Ausruhen”.

Der Wecker klingelte eh sehr früh, weil ich wieder die menschenarme erste Stunde nach Öffnung des Reha-Sportstudios nutzen wollte. Das klappte gut, zudem bat ich an diesem vorletzten Nach-Reha-Termin einen Trainer um Rat zu anschließender sportlicher Bewegung. Er verwies zwar zunächst auf den Operateur, der das am besten beurteilen könne, doch der ist weit, und ein Termin bei ihm ist erst zwölf Monate nach OP vorgesehen. Doch dann beantwortete er meine konkreten Fragen. Ich wollte vor allem wissen, wovor ich mich bei meinen Sportplänen besser hüte (Tipp: Radeln erst mal abseits vom Straßenverkehr – wie gut, dass die Theresienwiese ums Eck ist), bei Yoga die nächste Zeit nur langsam in die Positionen kommen, Kraulschwimmen wäre ideal (*schluchz*, zumal gestern dicke Schneeflocken fielen, die eine Draußenrunde im Dantebad wundervoll gemacht hätten), alles andere langsam steigern, echtes Warnsignal wäre ein stechender Schmerz, der anhält. Wunderbar, ich fühle mich gerüstet für die nächsten Monate.

Die ausführliche Reha-Runde lief dann gut. Ich nutzte die frühe Stunde zudem für Einkäufe im Edeka unterm Rehazentrum; zwar wurden noch Regale bestückt, doch es waren kaum Kund*innen da. Alltags-Einkaufsliste (vor allem Bestand wie Senf, Essiggurken, Majo, zudem Zutaten fürs Abendessen) war hiermit abgehakt.

Daheim zwickte es wie schon in den vergangenen Tagen im Kreuz. Trotz Unlust ließ ich mir ein Entspannungsbad ein, das tatsächlich half. Die Wirkung war allerdings nach einer Stunde Sitzen am Tisch (Frühstück Quark mit Granatapfel und Birne) verflogen, ich setzte mich mit Füßehoch aufs Bett und las die Süddeutsche.

Im München-Teil schrieb Holger Gertz über 30 Jahre München-Tatort mit Ivo Batic und Franz Leitmayr (€): “Ein Münchner Denkmal”. Ich vertraute seinem Urteil, weil eine der ausführlich besprochenen Folgen “Frau Bu lacht” von 1995 ist, die auch ich für ein Highlight der Tatort-Geschichte halte. Ebenfalls besonderes Lob von Goetz bekam “Der oide Depp”, eine Folge von 2008.

Das schwarz-weiße München der Sechziger, tatsächlich mit original Sequenzen aus “Funkstreife Isar 12”, wird amalgamiert mit dem München des Jahres 2008. Der Zuschauer schaut in die Vergangenheit der Schwanthalerstraße, und in der Gegenwart sagen die Kommissare, wo sie gerade sind, indem sie ins Handy rufen: “Batic hier, wir brauchen einen Notarztwagen, Landwehrstraße, Foto Würzbauer.” Und so entsteht ein Film, der eine Zeit lebendig werden lässt, als die Polizei noch dealte mit den Luden und tote Prostituierte nur Kollateralschäden waren.

Die kannte ich nicht, und so sah ich sie mir auf YouTube an. Wirklich gut, und Jörg Hube, der ein Jahr später starb, spielt den jovialen Arsch wunderbar understatet. Was Gertz nicht erwähnt: Einer Münchnerin liefern München-Tatorte immer wieder Informationen über den Zustand und die Veränderungen von Stadtvierteln, in die sie selten kommt, zum Beispiel dass eine Großbaustelle jetzt abgeschlossen ist.

Das Wetter war immer noch grau und regnerisch, trotzdem wollte ich kurz an die frische Luft (dieses Bedürfnis ist ziemlich klar ein Symptom für Erwachsensein). Vor der Wohnungstür stand eine Flasche Schaumwein mit einem lieben Gruß von den Drübernachbarn: Entschuldigung für die fehlende Stille der Nächte davor, sehr charmant.

Ich ging zackig zum und durch den Alten Südfriedhof – vor der OP ein ausführlicher Spaziergang, jetzt eine halbe Stunde Bewegung, so schön! Es wurde Nacht, und der Regen verwandelte sich langsam in dicke, schwere Schneeflocken.

Dieses alte, verwitterte Grab, kein Name erkennbar, hatte eine volle Wucht Weihnachten abbekommen – ob wohl eine Geschichte dahintersteckt?

Daheim gab’s Stollen und Lesen, bis es Zeit war, das Abendessen zuzubereiten: Ich machte Cheese and Spinach Pancake Pie, der sehr gut wurde. Zum Nachtisch gab’s griechischen Joghurt mit Quitten in Sirup, im Fernsehen lief Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor mit hervorragenden Darsteller*innen und zweifelhaftem Drehbuch, nach einer guten Stunde schaltete ich ab – nicht nur wegen der vielen Anachronismen in Sprache und Handlung (wenn hier historischer Realismus unwichtig ist, sollte man nicht optisch den Anschein historischer Genauigkeit erwecken wollen, es gibt Alternativen).
Nachtrag: Hahaha, auch SZ-Autorin Johanna Adorján musste den Film abbrechen: “Männer – Florian”.

Journal Sonntag, 27. Dezember 2020 – Neubeginn Yoga

Montag, 28. Dezember 2020

Ein dritter Feiertag nach den Weihnachtsfeiertagen dieses Jahr; ich war darauf vorbereitet, er befremdet mich nicht.

Viel wichtiger: Ich probierte gestern wieder Yoga. In der Reha-Klinik war ich mehrfach informiert worden, dass man ab drei Monate nach Hüft-TEP-OP Yoga machen dürfe. Die eine Woche, die bei mir zu diesen drei Monaten fehlt, macht das Kraut sicher nicht fett. Ich startete also nochmal vorsichtig das Adriene-Programm “Home” vom Januar 2020 und fand sehr spannend, was jetzt geht (Ausfallschritt beidseitig) und was – noch? – nicht (Schneidersitz rechts). Zwar werde ich das nicht täglich durchziehen, weil ich an manchen Tagen halt anderen Sport treiben will, aber regelmäßig – und freue mich sehr darauf.

Zum Frühstück gab es Mango mit Joghurt und ein Schinkenbrot – zumindest den Schinken von Hl. Abend haben wir jetzt geschafft, am Brot wird noch gegessen.

Mich drängte es wieder mit Macht raus (Herr Kaltmamsell musste wieder arbeiten). Gestern nahm ich eine S-Bahn nach Großhesselohe, um am Isarhochufer zu spazieren (frühere und hoffentlich künftige Laufstrecke). Es war wieder herrlich, wenn auch mit verhangener Sonne. Ich bewegte mich in einer Gegend Münchens, in der Spaziergänger*innen einander grüßen, sehr kuschlig. Hin und wieder sah ich Menschen, die zu zweit oder dritt zusammenstanden, mit mitgebrachten Heißgetränken sowie Dingen aus Tupperboxen.

Die Alpenkette im Hintergrund war in Echt viel deutlicher!

Es ist weiterhin viel zu trocken.

Ich bekam dann doch etwas mehr Bewegung als geplant, weil ich mich auf dem letzten Stück verkalkuliert hatte und die S-Bahn nach Hause verpasste. Also musste ich zusätzlich 20 Minuten auf und ab marschieren, um nicht zu frieren. Daheim auf dem Bett mit Füßehoch war der genesende Körperbereich aber auch nicht erschöpfter als früher nach einer Tageswanderung.

Heißer Tee mit einer dicken Scheibe Stollen, Lesen.

Zum Abendessen kochte Herr Kaltmamsell herrliche Rinderrouladen, dazu gab es Kartoffelpü aus Ernteanteil.

Es kommen weiter Statusmeldungen ehemaliger Mitschüler*innen, darunter auch schlimme. Bitte nehmen Sie Covid-19 ernst, das Virus kann Schneisen in Familien schlagen.

Ich hoffe, dass hier im Haus jetzt ein paar stille Tage beginnen: Die Drübernachbarn hatten vier Tage lang durchgehend laute Gesellschaft, die anscheinend nur rufend sprach (sicher wegen des Abstands).

§

Zu einer anderen Ära Blogtexte (in der ich oft nicht wusste, ob da ein Mann oder eine Frau schrieb, es war aber auch egal) gehört dieser von 2014 auf Camp Catatonia, jahreszeitlich angemessen:
“Zeichen im Schwarzwald”.

via @gouncourt, dessen Blog in dieselbe Ära gehört.

Im Schwarzwaldkurort brachte ich das Wochenende letzes Jahr im kostspieligen, renovierten Hotel auf der einen Talseite zu. Dieses Jahr nächtigte ich im weniger kostspieligen 1980er Hotel auf der anderen (“im Stil der 1980er Jahre renoviert”). Mehr junge Paare dort, mehr ältere Paare hier. Mosaikfliesen im Dampfbad dort, Plastikverschalung hier. Gewiss, mehr Wohlhabende dort, mehr weniger Wohlhabende hier. Kinder in beiden Fällen eher eine Seltenheit. Ich bilde mir ein, der missbilligende Blick war in beiden Hotels recht gut vertreten, stärker jedenfalls als im Elsässer Hotel, damals. Es ist ja weniger stets ein akut missbilligender Blick, vielmehr der Eindruck, die meisten Anwesenden würden sich missbilligend verhalten, sobald sie sich zu Verhalten aufgefordert sähen. Es ist die Disposition zur Missbilligung, die im Aktualisierungsfall zu einem an die Allgemeinheit gerichteten „ts, ts!“ oder „also sowas!“ wird (von Kopfschütteln begleitet). Darin unterscheidet sich im übrigen der deutsche Griesgram vom österreichischen Guftwuzel (man kann fast sagen: der Deutsche vom Österreicher, denn das Griesgrämige gehört beiderorts zur Grundstimmung), denn letzterer äußert sein Missfallen direkt in einem „bist deppert?“, während sein deutsches Pendant stets zur Allgemeinheit gerichtet missbilligen muss.

Außerdem darin: Beobachtungen zum Bahnfahren in den Tagen vor Weihnachten und zu deutschen Kurorten. (Selbsterinnerung: In 30 Jahren die Prognosen weiter oben im Text überprüfen.)