Archiv für Dezember 2023

Microblogging-Lieblinge Dezember 2023

Sonntag, 31. Dezember 2023

Noch ist das Jahr nicht ganz aufgeräumt, erst müssen die Lieblings…kurzposts gefunden und gepostet werden. Auf Mastodon bin ich hauptsächlich, in Bluesky (sie haben nicht mal geschafft, sich die URL bluesky zu sichern) gucke ich hin und wieder, doch X (das früher Twitter war) und Threads steuere ich nur einmal am Tag an: Morgens zum Verlinken des Journal-Blogposts.

Lieblinge von Mastodon:

Eignet sich auch für E-Mail-Nachfragen.

Und auf Bluesky:

Jahresrückblick 2023

Sonntag, 31. Dezember 2023

Die am häufigsten geherzten Fotos auf instagram:

(Pft, da gebe ich mir Mühe, so richtig gute Fotos zu machen, dann wollen Sie doch bloß wieder mich und Herrn Kaltmamsell sehen.)

Zugenommen oder abgenommen?
Etwa gleich geblieben, ich habe meine Garderobe mittlerweile fast völlig auf die vor zwei Jahren veränderte Kleidergröße abgestimmt (geblieben sind ein paar oversized Pullis, Winterkleider, Hemden). Und ich hoffe, dass sie mir lang genug für die Amortisierung passen.

Haare länger oder kürzer?
Gleich kurz.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Beides gleich seit Gleitsichtbrille vor fast zwei Jahren.

Mehr bewegt oder weniger?
Schrittzähler sagt: mehr. Das mag an den beiden Wanderurlauben gelegen haben. Im Sommer war ich auch deutlich häufiger Schwimmen als 2022.

Mehr Kohle oder weniger.
Nahezu unverändert: Weder kam eine Quelle dazu, noch verlor ich eine, der TVöD passte sich immerhin der Inflation an.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Deutlich mehr: Ich habe Rentenpunkte gekauft.

Der hirnrissigste Plan?
An Berufsgeselligkeiten teilzunehmen, ohne mich jede Sekunde dabei zu hassen.
Es wird für alle Beteiligten das Beste sein, wenn ich lieber für noch seltsamer gehalten werde, weil ich wirklich nie hingehe.

Die gefährlichste Unternehmung?
Diesen Dezember Bahn und U-Bahn ohne Maske zu fahren.

Die teuerste Anschaffung?
Da ich bei “Anschaffung” immer an Dinge denke: Dieses Jahr habe ich mir nichts wirklich Teures angeschafft.

Das leckerste Essen?
Ich musste lang nachdenken. Am ehesten das Menü im Green Beetle, dabei die Sauerrahm-Terrine.

Der interessanteste Wein?
Der wiederum fiel mir sofort ein: Der rote Primalaterra von Azienda Agricola Salvatore Magnoni, der mir im Restaurant Pure eingeschenkt worden war.

Das beeindruckenste Buch?
Eine schwierige Entscheidung in diesem Jahr voller beeindruckender Bücher.
Gabrielle Zevin, Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow

Das enttäuschendste Buch?
Claire North, Notes from the Burning Age. Enttäuschend und nicht einfach nur schlecht, weil Novemberregen es besonders gut fand. Daraus lerne ich, dass sie und ich nicht denselben Lesegeschmack haben und ich künftig nicht mehr blind ihren Buchempfehlungen folge.
(Und weil eben diese Novemberregen kürzlich auf Mastodon fragte, ob wir nur Leute mögen, die unserer Meinung teilen – übrigens mit hochinteressanten Antworten: Nein, geht mir nicht so, ich mag Novemberregen deshalb kein Bisschen weniger; ich habe sie nur besser kennengelernt.)

Der ergreifendste Film?
Mein Filmjahr war ausgesprochen mager. Aus der geringen Auswahl hat mich am meisten die Doku über unser Kartoffelkombinat mitgenommen, Das Kombinat.

Die beste Musik?
Bei Musik sieht es noch magerer aus. Ich passe, das Sample ist zu klein.

Das beste Theater?
Nora an den Kammerspielen.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Weitermachen.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Herrn Kaltmamsell über gutem Essen.

Vorherrschendes Gefühl 2023?
Das halte ich durch.

2023 zum ersten Mal getan?
Mit meiner gesamten engeren Familie unter einem Dach übernachtet.
Im Ärmelkanal geschwommen.

2023 nach langer Zeit wieder getan?
Einen Tanzkurs gemacht.
Eine Freundschaft beendet.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
1. Auf das immer lautere und häufigere Rumpeln in meiner Lendenwirbelsäule. Warum wird “If You Could Change One Thing About Your Body” immer nur unter ästhetischen Gesichtspunkten beantwortet? Sind das alles Menschen ohne Schmerzen? Ich fände eine unverwachsene Lendenwirbelsäule mit intakten Bandscheiben ausgesprochen prima als Veränderung.
2. Auf den Komplett-Ausfall der Bahn am 2. Dezember.
3. vergessen und nachgetragen: Sorgen über Familie.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Wählt nicht die AfD. (Ich war offensichtlich nicht gut darin.)

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Der überraschten Freude des Beschenkten nach zu urteilen: Zwei Wander-/Joggingkappen.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Menschlicher Beistand, auch wenn ich nicht mal gemerkt hatte, dass ich ihn brauchte.

2023 war mit 1 Wort…?
Voll.

Worauf ich mich 2024 freue?
Ausgedehnte Oktoberfestflucht mit Zug und Fähre nach Mallorca zum Wandern. (Erst im Ideen-Stadium, aber ich freue mich schon so, dass ich sie überhaupt hatte! Inklusive Idee zu Detailplanung mit einem Reisebüro.)

Journal Samstag, 30. Dezember 2023 – Berlin 4 mit Neuer Nationalgalerie

Sonntag, 31. Dezember 2023

Sehr gut und durch geschlafen, allerdings nur bis sieben, dann war Schluss. Ach, nach dem vielen Schlaf in den Nächten davor machte das nichts.

Nach dem Regentag sah ich jetzt wieder blauen Himmel aus dem Hotelfenster. Als wir rauskamen, pfiff dazu allerdings ein schneidender Wind.

Plan war für gestern ein Besuch der Neuen Nationalgalerie, diesmal mit neu gehängter Sammlung, auf die ich sehr gespannt war. Davor folgten wir einem Tipp für Morgencappuccino zum Adlon to go: Tatsächlich sehr gut, danke Rainer!

Und ich weiß jetzt, dass der Cappuccino in Charlottenburg teurer ist als selbst im Adlon (3,90 Euro). Für die Leckereien dort war es meinem Appetit noch viel zu früh, Herr Kaltmamsell genoss sein Croissant mit gebratener Zucchini.

Wir spazierten durch zahlreiche Baustellen (davon nur die für die Silvesterfeier am Brandenburger Tor temporär) zur Neuen Nationalgalerie. Der geräumige oberirdische Raum ist derzeit fast leer, man kann ihn in besonderer Pracht genießen.

Die Sammlung im unteren Hauptgeschoss ist jetzt nach 14 Themenschwerpunkten gehängt, Gesamtmotto: “Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft”.

Holocaust und Krieg, Aufbruch und Emanzipation, Kalter Krieg und Mauerfall führten zu Spannungen innerhalb der Gesellschaft sowie zu fundamentalen Neuausrichtungen in der bildenden Kunst. Titelgebend ist die radikale Performance des Wiener Aktionisten Günter Brus von 1970, in der er sich bis an seine körperlichen Grenzen dem Zug von Stahlseilen aussetzte. 14 Kapitel greifen zentrale künstlerische wie gesellschaftliche Themen des 20. Jahrhunderts auf, etwa die Frage nach Realismus und Abstraktion, Politik und Gesellschaft, Alltag und Pop, Feminismus, Identität oder Natur und Ökologie.

Ich lud dazu den Audioguide auf mein Smartphone und stellte gleich beim Anhören des Einleitungskapitels fest: Auch der ist Kunst. Nämlich hörte ich nicht kunsthistorische Erklärungen einzelner Bilder (oder nur ausnahmsweise), sondern Zusatzmaterial in Geräuschform, O-Töne aus der Zeit, um die es ging, ein “Bürger-Chor” sprach Aussagen, aber nur die, denen sie persönlich zustimmten, z. B. “Kunst ist eine Weltsprache”.
Das fand ich großartig – brauchte aber zusätzliche Aufmerksamkeit.

Gerade über das Thema abstrakte Kunst unterhalte ich mich immer wieder mit Herrn Kaltmamsell (er hadert), hier hatten wir wunderbare Beispiele, mit denen wir uns gemeinsam auseinandersetzten.

Schon beim Betreten des ersten Raums war mir das Herz aufgegangen (aha, ich war aufnahmefähig), und jetzt im Austausch mit Herrn Kaltmamsell darüber, was wir jeweils wahrnahmen, wurde mir auch klar, warum: Nur Kunst kann bewirken, was Kunst bewirkt. (Und auch “Pah, des ko mei vierjährige Tochta ah” ist eine Wirkung.) (Hätte sie aber nicht.)

Bei aller Aufnahmefähigkeit war ich nach zweieinhalb Stunden voll. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg Richtung Hotel, unterwegs wollten wir noch auf einen Happen einkehren, außerdem Gemüse und Obst für die nächsten beiden Tage in München besorgen.

Zu Ersterem ließen wir uns an der Potsdamer Straße im Café Zimt und Zucker nieder. Kurz vor drei frühstückte ich ein Stück Feigen-Nuss-Kuchen (arg süß) zu Cappuccino. Wenige Meter weiter trafen wir auf einen passenden türkischen Süpermarket.

Im Hotelzimmer bereitete ich den einen oder anderen Rückblick-Blogpost plus den vom Tage vor. Zum Abendessen peilte ich ein Lokal mit Berliner Küche an, doch wir hatten nicht reserviert, es ist Touristen-Hochsaison, ich hatte keine große Hoffnungen auf einen spontanen Tisch. Wir probierten es trotzdem – ohne Erfolg. Also kehrten wir in ein italienisches Lokal in der Hotelstraße ein, bekamen anständige Antipasti, dann Herr Kaltmamsell eine Pizza, ich schwarze Fettuccine mit einem dicken Stück Dorade, dazu den weißen Hauswein. Auf einer karierten Tischdecke.

§

Auf Mastodon habe ich gestern by proxy, genauer by proxy proxy viel über Heim-Aquarien gelernt und dass das überhaupt nichts mehr mit denen meiner Kindheit (denen von Freunden) zu tun hat. Weil nämlich @herzbruchs Sohn nach zwei Jahren Elternweigerung zu Weihnachten eines erlaubt bekommen hat.

Fotorückblick 2023

Samstag, 30. Dezember 2023

Joël ruft wieder zum Fotorückblick auf (zeige pro Monat zwei Fotos), hier sind meine für 2023.

Januar 2023

Jahresanfang auf dem Jungfraujoch.

Hofgarten.

Februar 2023

Grünes Fest

Ausflug nach Bonn zu einem Fest.

März 2023

Urlaub und Freundesbesuch in Goslar.

Einer von vielen Schwumms im Olympiabad.

April 2023

Großfamilienurlaub in Madrid.

Anschließend Großfamilienurlaub in der Provinz Segovia.
Das wichtigste Foto des Jahres kann ich nicht zeigen, denn es besteht nur aus Menschen, aus genau 23. Es ist ein Gruppenfoto vor einem Hauseingang in El Olmillo, in mehreren Reihen sieht man die Familie von Primo Pepe (drei Generationen) und meine (drei Generationen), alle lachend und gut sichtbar, ich bin das grinsende Honigkuchenpferd links hinten stehend in gelb-weißem Oberteil.

Mai 2023

Großbritannien zieht das mit der Monarchie weiter durch.

Ausflug nach Nierstein.

Juni 2023

Neuer Wanderrucksack.

Der späte Sommereinsatz kam mit großer Trockenheit, hier sichtbar am Rasen des Dantebads.

Juli 2023

Englandurlaub mit Wanderung auf dem Cotswold Way und seinen wundervollen Aussichten.

In Brighton mein erstes Bad im Ärmelkanal (Foto: Herr Kaltmamsell).

August 2023

Wandern zwischen Ammersee und Starnberger See.

Ausflug auf die Herren- und Fraueninsel im Chiemsee.

September 2023

Mit 56 meine erste 501.

Oktoberfestflucht in den Frankenwald.

Oktober 2023

Aufstehen gegen Rechts kurz vor der Bayerischen Landtagswahl.

Scheinbar endloser Sommer.

November 2023

Mit Schweizer Besuch im Botanischen Garten.

Schmerzhafter Theaterabend in den Kammerspielen.

Dezember 2023

Der große Schnee.

Berlin-Urlaub mit Herrn Kaltmamsell.

Bücher 2023

Samstag, 30. Dezember 2023

Das war ein sehr gutes Lesejahr mit vielen herausragenden Büchern. Der Untergang von Twitter führte vor allem in der ersten Jahreshälfte dazu, dass ich statt Internet sehr viel mehr Bücher las. Und es war das Jahr der autofiktionalen Literatur, so viel davon (unbeabsichtigt) hatte ich noch nie.

Statisitik:
Bücher von Autorinnen: 34
Bücher von Autoren: 18
(Der Rest Sammelbände.)
Von den 58 gelesenen aus der Münchner Stadtbibliothek ausgeliehen: 19

* markiert wieder eine Empfehlung, die anderen fand ich zumindest gut genug, sie zu Ende zu lesen.

1 – Candice Carty-Williams, Queenie

2 – Sayaka Murata, Ursula Gräfe (Übers.), Die Ladenhüterin*
Ein Plädoyer für Vielfalt und Toleranz mit unerwartetem Twist: Was, wenn die Andersartigkeit in dem dominierenden Bedürfnis besteht, im Dasein einer 24-Stunden-Supermarkt-Angestellten aufzugehen, mit den Regeln und der Identität dieses Markts zu verschmelzen?

3 – Gabrielle Zevin, Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow*
Hier unten ausführlich besprochen, eines meiner Jahres-Highlights.

4 – Lisa Neun, Business Girl

5 – Claire Keegan, Foster

6 – Claire Keegan, Small things like these

7 – Mick Herron, Slow Horses*
Besprechung hier unten.

8 – Johanna Adorján, Ciao

9 – Zoë Beck, Das alte Kind*
Ausführliche Besprechung hier unten.

10 – Granta 161, Sister, Brother*
Hier unten besprochen.

11 – Franz Schiermeier, Beate Bidjanbeg (Hrsg.), Ludwigvorstadt. Reiseführer für Münchner*

12 – Granta 162, Definitive Narratives of Escape

13 – Claire North, Notes from the Burning Age

14 – Jana Thiele, Gebrauchsanweisung für den Harz

15 – Theresa Hannig, Pantopia*
Besprechung hier unten.

16 – Viet Thangh Ngyen, The Sympathizer

17 – Ewald Arenz, Alte Sorten*
Hier unten besprochen.

18 – Ewald Arenz, Der Duft von Schokolade*
Großer Genuss beim Lesen: Der Roman nimmt uns mit ins Wien Ende des 19. Jahrhunderts, wir folgen durchgehend und handwerklich konsequent der Perspektive des jungen August Liebeskind. Mit ihm treten wir am Anfang der Geschichte und am Ende von Liebeskinds Militärzeit hinaus in den Wiener Frühling – vor allen in dessen Düfte. Liebeskind, so stellt sich schnell heraus, hat einen weit überdurchschnittlichen Geruchssinn, und so begleiten wir eine sehr spezielle Wahrnehmung der Welt und ihrer Menschen.

Das ist der rote Faden, an den die Begegnung mit einer faszinierenden Frau geknüpft wird, der Einstieg ins Berufsleben, der Alltag in Wien. Arenz erzählt opulent – doch wie könnte er diesen Rausch an Wahrnehmung auch anders erzählen? Extrastern für meisterliche Informationsvermittlung, die mich die eine phantastische Komponente der Geschichte zunächst fast überlesen ließ. Aber auch ein Stern Abzug für das Ende des Romans, das ich als recht mühsam gedengelt und verbeult empfand.

19 – Almudena Grandes, Roberto de Hollanda (Übers.), Kleine Helden*
Besprechung hier im unteren Drittel.

20 – Jesse Simon, Berlin Typography*

21 – Rebecca Makkai, I have some questions for you

22 – Jennette McCurdy, I’m Glad My Mom Died

23 – Katja Berlin, Wofür Frauen sich rechtfertigen müssen

24 – Granta 136, Best of Young British Novelists 5

25 – Martin Arz, Streetart München*

26 – Francis Kirps, Die Mutationen

27 – Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Weiches Begräbnis*
Ausführlich besprochen hier.

28 – Marilynne Robinson, Jack

29 – Anne Rabe, Die Möglichkeit von Glück*
Hier unten ausführlich besprochen.
Ein weiteres Jahres-Highlight.

30 – Shelly Kupferberg, Isidor. Ein jüdisches Leben

31 – Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit

32 – Josef Bierbichler, Mittelreich*
Besprechung hier unten.
Ebenfalls auf meiner Highlight-Liste.

33 – Delia Owens, Where the Crawdads Sing

34 – Julie Orringer, (Transatlantic) The Flight Portfolio

35 – Bov Bjerg, Der Vorweiner*
Hier besprochen.

36 – Granta 164, Last Notes

37 – Josephine Tey, The Daughter Of Time*
Hier besprochen.

38 – Melanie Raabe, Die Falle

39 – Daniela Dröscher, Lügen über meine Mutter*
Hier die Besprechung.

40 – Ewald Frie, Ein Hof und elf Geschwister*
Besprechung hier unten. Noch ein Jahres-Highlight.

41 – Tobias Meilicke, Cornelius Strobel (Hrsg.), Aufgeheizt. Verschwörungserzählungen rund um die Klimakrise*

42 – Tobias Rüther, Wolfgang Herrndorf. Eine Biographie
Ich hatte über dieses Buch nichts geschrieben, weil ich damit haderte und das immer noch tue. Zwar kannte ich Herrndorf selbst nicht, kenne aber einige aus seinem beschriebenen und zitierten Umfeld. Und ich zog beim Lesen sehr bald die Schultern sehr weit hoch. In seinem Blog Arbeit und Struktur erlebte ich Herrndorf als sehr privaten Menschen, Rüthers Recherchen fühlten sich beim Lesen übergriffig an. Denn wir Blogger*innen wissen: Dass jemand schriftlich etwas von sich preisgibt, berechtigt in keiner Weise dazu, in sein/ihr Leben einzudringen. Rüthers arbeitete sich offensichtlich durch die Unterhaltungen im Online-Forum “Wir höflichen Paparazzi” (Ursuppe des Mitmach-Webs), bekam wohl auch Einblick in Chats – das fühlte (!) sich für mich sehr nach Schlüssellochguck-Journalismus an. Auch weil neben vielen Details in Herrndorfs Leben zwangsläufig auch die involvierten anderen Personen exponiert wurden.
Über diese gefühlte und unangenehme Grenzüberschreitung kam ich bei der Lektüre nicht hinweg – auch wenn meiner Vernunft klar ist, dass sie zumal bei einem verstorbenen Autor zur Forschung gehört.

43 – Jenny Erpenbeck, Geschichte vom alten Kind*
Hier unten besprochen.

44 – Eva Biringer, Unabhängig – Vom Trinken und Loslassen

45 – Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God*
Besprechung hier unten.

46 – Patrick deWitt, The Librarianist

47 – Fatma Aydemir, Dschinns*
Es ist so wunderbar, wie vielfältig deutsche Migrationsliteratur in den vergangenen 15 Jahren geworden ist. Aydemir platziert ihre Geschichte vom Gastarbeiter, der am Tag der Erfüllung seines Lebenstraums (eigene Wohnung in Istanbul) stirbt, und seiner Familie in den 1980ern und 1990ern – und macht allein dadurch klar, wie anders die Migrationswirklichkeit damals war. Das Set-up “Familienmitglieder treffen sich zur Beerdigung” ist ein klassisches, mit dem der Hintergrund der einzelnen Personen erzählt werden kann. Das macht Fatma Aydemit auch sprachlich sehr gelungen und nachvollziehbar.

48 – Helen Rebanks, The Farmer’s Wife: My Life in Days

49 – Paula Hawkins, The Girl on the Train

50 – Teresa Präauer, Kochen im falschen Jahrhundert

51 – Karsten Dusse, Achtsam morden*
Hier unten besprochen.

52 – Zadie Smith, The Fraud

53 – Roger Diederen, Nerina Santorius, Carlos Alonso Pérez-Fajardo (Hrsg.), Mythos Spanien. Ignacio Zuloaga

54 – Vicky Baum, Menschen im Hotel*
Besprechung hier.

55 – Grete Weil, Der Weg zur Grenze*
Besprechung dieses Jahres-Highlights hier.

56 – Robert Seethaler, Ein ganzes Leben

57 – Alan Taylor (ed.), Madly, Deeply. The Alan Rickman Diaries

58 – Ottfried Preußler, Der Engel mit der Pudelmütze*

Journal Freitag, 29. Dezember 2023 – Berlin 3 mit Frühstück in Neukölln und Show im Friedrichstadtpalast

Samstag, 30. Dezember 2023

Wieder lang geschlafen, es fühlte sich sehr nach Urlaub an.

Den Morgencappuccino tranken wir im Café des Literaturhauses (noch teurer, holla). Im Vorbeigehen sahen wir, dass hier im Viertel Käsekuchen San Sebastián angeboten wird.

Wir hatten eine Frühstücksverabredung in Neukölln und bis dahin reichlich Zeit. Also nahmen wir eine U-Bahn bis in die Nähe und gingen den Rest zu Fuß. Das Wetter war weiterhin viel zu mild für die Jahrezeit, doch jetzt zeigte der Himmel das Grau, das ich vom Berliner Winter kenne.

Am Neuköllner Schifffahrtskanal Treffen mit Freundin, ausführliche Gespräche, dazu Cappuccino und Frühstück, Joghurt mit Obst und Granola schaffte um eins auch ich.

Aus dem grauen Himmel regnete es mittlerweile auch hin und wieder. Wir ließen uns den Stand des Fahrradstraßenausbaus in der Gegend zeigen.

Von der U-Bahn-Station Rathaus Neukölln nahmen wir U-Bahnen zurück nach Charlottenburg, verbrachten den Nachmittag bis zum abendlichen Ausgehen mit Lesen im Hotel.

Schon beim Kofferpacken in München, eigentlich vorher beim Überlegen, was ich mitnehmen würde, hatte ich festgestellt, dass ich keinerlei Abendgarderobe für Nicht-Sommer besitze. Eine Weile spielte ich mit dem Gedanken, aus dem reichen dezemberlichen Angebot an Glitzerkleidung etwas zu kaufen, ein Pailettenkleid zu Beispiel, entschied mich aber aus Nachhaltigkeitsgründen (komm, wegen dem einen Mal) dagegen. Gestern Abend sah ich also eher nach Büro aus als nach Show im Friedrichstadtpalast.

Doch als ich mich vor Ort im Publikum umsah, erinnerte ich mich daran, dass winterliche Abendgarderobe ja nicht nur aus Glitzerkleidern besteht und nahm mir vor, mir wenigstens eine Abendjacke zuzulegen (grüner Samt?), die ich dann mit einer (noch zu kaufenden) Stoffhose kombinieren könnte.

Die Show “Falling in Love” war großartig wie erhofft. Immer neue atemberaubende Kostüme (diesmal wieder von Jean Paul Gaultier entworfen), wunderschöne Menschen, die bezaubernd tanzten und sangen, auf der größten Bühne der Welt wurde alles an technischem Schnickschnack vorgeführt, inklusive Bad in Kristallen und mehrfachen Wasser-Einlagen, dazwischen drei akrobatische Nummern (wer hätte gedacht, dass man aus Trampolinen und Reckstangen so viel rausholen kann?). Thema der vagen Show-Geschichte auch diesmal Liebe, Vielfalt, Toleranz.

Auf die Reihe hatte ich mich besonders gefreut – und bekam noch viel mehr geboten als erhofft: Sie war diesmal eingebettet in eine ungewöhnliche Choreografie (das Vorbild des Anfangs mit Armen finde ich gerade nicht: ein französischer Choreograf hat sie für eine Rollstuhlfahrer*innengruppe erfunden) und einfach atemberaubend.

Weiteres Highlight zum Schluss: Statt einer Diskokugel wurde ein riesiger, unregelmäßig geschliffener Kristall über der Bühne herabgelassen und angestrahlt – ganz neue Effekte, weitere Atemberaubung.

Eigentlich hatten wir geplant, am Spreeufer ein Lokal für einen Happen Abendessen zu suchen, doch es regnete energisch. So nahmen wir gleich eine S-Bahn zurück zum Bahnhof Zoo, gingen in der Nähe in einen indischen Schnellimbiss. Zwar hatte ich immer noch keinen Hunger (da hilft vermutlich die konsequente Reiseverstopfung), wollte aber verhindern, dass er nachts auftauchen und mich vom Schlafen abhalten würde. Das Dhal mit Reis schmeckte dann auch sehr gut.

§

Eben diese wundevolle Reihe des Friedrichstadtpalasts hat kürzlich ein Jahrhundertfoto mit Margot Friedländer aufgenommen, hier die Entstehung.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/_rzBRSSvdVU?si=n-D5sH3o28xCoUAN

§

“Ich verstehe total, dass es unterschiedliche Sichtweisen geben kann, möchte aber, dass meine vorherrscht.”
Quelle.

(Kommt ins Kästchen zu “Ich bin überrascht und enttäuscht”.)

Journal Donnerstag, 28. Dezember 2023 – Berlin 2 mit Naturkundemuseum, Kabarettistischem Jahresrückblick und Gemüseküche

Freitag, 29. Dezember 2023

Sehr lang ausgeschlafen. Da wir ja im Urlaub waren, bloggte ich erst mal in aller Ruhe, bevor wir aus dem Haus auf einen Cappuccino gingen (4,40 Euro für einen kleinen Cappuccino in einem ganz normalen Frühstückscafé – mein Eindruck verstärkt sich, dass die Berliner Gastro-Preise die in München mittlerweile überholt haben).

Der Himmel war schon wieder hauptsächlich blau, die Luft mild – nicht mal der Berliner Winter ist, was er mal war. Für den Nachmittag hatten wir Kabarett-Karten, bis dahin noch Zeit: Wir fuhren ins Naturkundemuseum.

Wir verbrachten zwei sehr interessante Stunden in dem Museum, in dem ich zuletzt vor fast 20 Jahren gewesen war. Das größte aufgebaute Saurierskelett, das eines Brachiosaurus, ist einfach der Hammer (ausgegraben 1909 und 1913 am Tendaguru, einem Hügel in der Lindi-Region im heutigen Tansania). Die alten Schaukästen mit Mineralien sahen noch aus, wie ich sie in Erinnerung hatte, allerdings wurden einige Stücke mit blauen Schildern und Zusatzerklärungen hervorgehoben – eine gute Idee, denn sonst fällt mir auch nichts ein, wie man eine Mineraliensammlung besser präsentieren könnte.

Allerdings war es sehr voll, davon zu meiner Überraschung zwei Drittel Kinder. Familien picknickten vor Exponaten, Kinder lagen quer über Schaukästen und machten sie unlesbar, insgesamt sorgten sie für einen durchaus Stress-bereitenden Lärmpegel. Dennoch habe ich viel gesehen und gelernt, unter anderem über die Digitalisierung der Insektenbestände.

Gegen zwei kehrten wir in einem nahe gelegenen Café ein, ich frühstückte einen weiteren Cappuccino und eine Focaccia mit reichlich Käse.

Karten hatten wir für die Nachmittags-Vorstellung des Kabarettistischen Jahresrückblicks 2023 – endlich mal live.

Dort hin gingen wir bei dem schönen Wetter zu Fuß.

Zum Glück waren andere Leute auch dorthin unterwegs und ich konnte ihnen folgen, sonst hätte ich vermutlich das Theater im dritten Hinterhof, ersten Stock ohne Ausschilderung nicht gefunden. Ich hatte den Andrang unterschätzt, bei freier Platzwahl waren wir froh, 20 Minuten vor Start des Stücks im nicht eben kleinen Zuschauerraum überhaupt noch zwei Plätze nebeneinander zu bekommen.

Die Show selbst war großartig. Sie startete mit einer Barbie-Nummer (Bov Bjerg ist der ganz links) – die wohl durch Verkleidung von 4/5 der Besetzung als Frauen von dem Umstand ablenken sollte, dass die Truppe seit 1997 nur aus Männern besteht. (Spass, aber ich könnte mir Katja Berlin hervorragend als Teil dieser Bande vorstellen.)

Es ging unter anderem um Berlin und seinen Bürgermeister (neben der ehemaligen Bürgermeisterin Franziska Giffey stand auch der regierende, Kai Wegner, auf der Bühne), auch Habeck moderierte, oder versuchte es zumindest, besungen wurde unter anderem ein AfD-Parteitag, lokaler Fußball. Bov Bjerg las einen Text um Neukölln und die dortigen verschiedenen Sorten Männer mit Bärten, arbeitete geschickt und unter Umgehung aller Fettnäpfe das Problem des vielschichtigten Miteinanders um den 7.10. dort ein. Außerdem gab er als Schwabe vom Dienst in einer Nummer den Jogi Löw, der in der aktuellen Lage zum Schluss kam: “Die Rettung des deutschen Fußballs liegt im Basketball.”

Der Mix aus politischem Kabarett und Musiknummern (eigentlich auch politisch) erinnerte mich an die besten Zeiten der Lach- und Schießgesellschaft mit Dieter Hildebrandt, ich wurde bestens unterhalten und angeregt. Außerdem traf ich einen Arbeitskollegen, der einzige in Berlin ansässige, mit dem ich regelmäßig zu tun habe (und der seit Beginn dieses Kabarettistischen Jahresrückblicks jedes Jahr hingeht).

Fürs Abendessen hatten wir im fußläufig gelegenen Brlo Brwhouse reserviert, Herr Kaltmamsell war von meinem Bericht der dortigen Gemüseküche sehr angetan gewesen (und arbeitet seit meiner Schilderung einer Ofen-gegrillten Sellerieknolle an einer Nachahmung). Das Bestellsystem dort: Man wählt aus einer jahreszeitlichen und übersichtlichen Karte ein Hauptgericht aus, eine Beilage, ein “Topping”.

Mein Hauptgericht waren Bete (Gelb im Stück, rot drunter püriert, dabei unter anderem geröstete Haselnüsse und ein Mandel-Crumble, das fast schon marzipanig schmeckte), gerösteter Rosenkohl, mixed Pickles – hervorragend. Herr Kaltmamsell hatte Blumenkohl aus dem Ofen mit Parmesan und Pilzen, Kartoffelpü mit schwarzem Knoblauch, Essiggurken. Es schmeckte uns alles ausgezeichnet. Dazu gab es ausgefallene Biere: Während ich ein Pale Ale und ein Blurry Vision (ein IPA) probierte, beides wunderbar vielschichtig, hatte Herr Kaltmamsell einen sehr dunklen Rye Wine und ein fast cremiges Stout namens Baltic Porter.

Rückfahrt ab Gleisdreieck mit der U1, wie schon auf der Hinfahrt mit Musikbegleitung in meinem Kopf.